näher kennen ; sie hatten mit einander eine phantastische Freundschaft gestiftet , einander alles , was sie berührte , frei zu bekennen . Doch schien es , als wenn die Gräfin Limonie nur in der Traurigkeit ein Bedürfnis sich mitzuteilen fühlte ; immer enthielten die Briefe trübe Klagen über unerreichte unmögliche Wünsche , immer Dank für den mächtigen Trost , den ihr die Freundin verliehen . Es soll gewisse Menschen geben , bei deren Anblick die Wahnsinnigen , wenn auch nicht vernünftig , doch stille werden ; es gibt andre , die über jede andre Art Schmerz gleiche Gewalt haben ; es gehört dazu eine gewisse Verschiedenheit zwischen dem Kranken und dem Arzte , die sich auch reichlich zwischen den beiden Frauen fand . Mit dem schönsten Empfehlungsbriefe meiner Liebesprofessorin in der Tasche trat ich in den Ferien , als ich von der Universität abging , meine Reise zu der Gräfin Limonie an , die sich auf ihrem Gute , welches vorteilhaft zwischen den angenehmsten Städten gelegen , während des Sommers aufhielt . Ich war zu Pferde und allein , als ich mich dem Gute näherte , ich fragte einen Mann in ordentlichen Kleidern , der Dünger am Wege abladete , wo der Weg zur Gräfin ginge . Der Mann sah mich an und sagte : Wollen Sie selbst zu meiner Schwester ? - Ich freute mich seiner Bekanntschaft und bejahte seine Frage . - Hören Sie , fuhr er fort , da gebe ich Ihnen den wohlgemeinten Rat , ziehen Sie sich ganz um , oder sie spricht nicht mit Ihnen ; der Geruch von Pferden macht ihr Krämpfe ; ich habe sie seit Jahren nicht im Zimmer gesprochen ; es ist eine Närrin , aber sie ist nun einmal so . - Ich dankte ihm befremdet für die Warnung ; er zeigte mir den Weg und ehe ich auf den Schloßhof ging , zog ich mich , seinem Rate gemäß , im Wirtshause ganz um . Dort erfuhr ich , daß der Bruder alle Güter der Gräfin verwalte , und von ihr wie ein Lasttier gebraucht und verspottet werde . Ich begab mich zu ihr . Der Türsteher nahm bei aller Höflichkeit doch eine sehr umständliche Untersuchung mit mir vor ; ich gab ihm das Empfehlungsschreiben der Professorin ab , worauf mich der Mann in ein recht artiges Zimmer führte bis das Schreiben gelesen . Dies schien kaum vollendet , so führte mich ein Kammerdiener mit sehr vielen Verbeugungen in ein prachtvolles Zimmer und erbat sich meine Befehle , was ich zu meiner Erfrischung bedürfe . Ich verbat mir alles ; es dauerte aber nicht lange , so wurden mancherlei Erfrischungen , Schokolade , Kuchen , Wein gebracht , die Türen blieben halb geöffnet und es schien mir deutlich , daß ich aus der Ferne von allerlei Leuten beobachtet werde . Nach einer Stunde kam eine Gesellschafterin der Gräfin mit vielen verbindlichen Grüßen von ihr ; ich wurde eingeladen , wenn ich nicht mehr ermüdet von der Reise , oder sonst durch keine Kränklichkeit verstimmt wäre , nach dem Gesellschaftssaale zu kommen , wo ich mehrere Verwandte der Gräfin versammelt finden würde ; sie selbst könne erst am Abend sichtbar werden , weil sie gestern ihre Andacht gehalten und heute sehr erschreckt worden wäre . Ich erkundigte mich mit Teilnahme nach der Ursache dieses Schreckens , ich konnte aber nichts erfahren . Die Gesellschaft fand ich recht lustig , sobald sie die Gräfin vergaß , kaum wurde ihrer aber erwähnt , so nahm jedes eine ernsthafte Miene an , wie einer , der in der Kirche sich vergessen und leise vor sich ein Liedchen gepfiffen ; es wurde von ihr , von ihrem Schrecken , von ihrer Güte gegen den Unglücklichen gesprochen ; ich verstand nichts davon , und man wollte es mir auch nicht aufklären . Abends wurde jeder einzeln in das Zimmer der Gräfin gebracht , ich zuletzt . Das Zimmer war durch eine dünne Florwand in zwei Hälften geteilt ; ich trat diesseits ein , sie lag jenseits geschmückt mit kunstreichem Kopfaufsatz auf einem langen Schäferstuhle , ihre Füße waren mit einer Spitzendecke zugedeckt . Erst brannte nur ein kleines Licht auf dem Tische ihr zur Seite , doch brachte der Druck ihrer Hand einen hohen Feuerstrahl hervor , der sich in einem brennenden Bogen niedersenkte : es war Spiekwasser , das künstlich durch die Flamme gedrückt also brannte und duftete . Sie sagte mir , daß ihre Scham es den Tag notwendig gemacht hätte , sich von der Gesellschaft zu trennen ; ich möchte die Scheidewand von Flor verzeihen , ich wäre ihr sonst so ganz willkommen wie der kühlende Hauch des Abends ; sie glaubte in mir die Seufzer ihrer Freundin zu hören , die so viel , so unendlich viel bei ihrem kranken Kinde gelitten . - Ich Unglücklicher , der den rechten Ton noch nicht treffen konnte , sagte ihr zur Berichtigung , die Krankheit sei ein unbedeutender Husten gewesen und die Professorin habe keinen Augenblick darum besorgt geschienen . - Gräfin : Ja , daran erkenne ich meine Freundin , an dieser Selbstverleugnung und edlen Verstellung , um ihren Freunden allen Schmerz zu verbergen ; es ist eine starke Frau , aber dieser Kampf mit ihren Gefühlen muß sie doch endlich erschöpfen . - Ich merkte jetzt , daß sie durchaus bedauert sein müsse , und sagte : Es ist ein Kampf mit dem Schicksale , und wie Jakob nach dem Ringen mit Gott sich erlahmt fand , freilich , so vernichtet sich endlich jeder in so edlem Streite . Ich weiß nicht , wo ich die Phrase gelesen , sie kam mir nicht aus dem Herzen , zog aber die ganze Aufmerksamkeit der Gräfin auf sich . - Gräfin : Wahr , sehr wahr und besonders bei dem Kampfe der Jugend mit dem Tode , die welkende Kinderblüte : es ist ein so rührender Anblick , wie das Veilchen am Wege , das der müde Wanderer niedertritt ; ihre Klage , wie die letzten Töne einer ablaufenden Flötenuhr , der langsam der Atem ausgeht ; wer möchte so eine kleine Leidende nicht wie eine Ätherwolke zum Himmel heben , zu Gott blicken , seufzen und fragen : muß die Schönheit , die Unschuld , die Frömmigkeit schon so früh leiden ? - Ich konnte mich nicht enthalten , in diesem Augenblicke an die dicken schmierigen Pausbacken der Professorskinder , an ihr bestialisches Schreien , an die Birkenruten , die hinter jedem Spiegel steckten , zu denken , sagte aber mit niedergeschlagenen Augen : In den irdischen Leiden der Unschuld zeigt sich ihr himmlischer Friede . Sei es nun , daß es Täuschung , oder hatte ich mich unwillkürlich selbst gerührt , oder war es ein Nervenzusammenhang , etwas Feuchtigkeit in der unrechten Kehle , oder ein naher Schnupfen , genug es lief mir eine Träne die Backen herunter . - Gräfin : Ich sehe in Ihrem Auge etwas Schöneres glänzen , als Diamant ; bei diesen Worten drückte sie und der Florvorhang rollte auf . Sehn Sie in meinen Augen den Widerschein ; vergessen Sie dieses Augenblicks nicht , eine reine Träne badet uns von allem Staube der Welt rein . - Ich : Tränen sind ein Himmelstau , den Psyche mit ihren Flügeln aus dem Kelche der Blumen schüttelt . - Gräfin : Das sind schöne Tränen , aber es gibt auch trostlose , wie die Tropfen der Aloe bitter , Tränen , wie ich sie heut vergossen , es verschwimmt die Welt darein . - Ich : Und sind die Tränen umsonst , ist keine Rettung möglich ? - Gräfin : Ich weiß , ich werde es mit der Zeit verwinden , aber warum bin ich Schwächste ausersehen , alles Unglück der Welt zu tragen ! Mein werter Freund , es sind nicht die Hammerschläge des Schicksals , nein die Nadelstiche , die immer wiederkehren , woran ich verzweifeln möchte . - Ich : Blicken Sie empor , der Himmel tröstet alle Tiefbetrübten . - Gräfin : Weh meine Nerven ! Lydia , laß den Farbenbogen drehen , der Schwindel kommt mir sonst . - Es drehten sich bei diesem Ausrufe eine Art chemischer Feuerwerke , dem Regenbogen sehr ähnlich ; die Gräfin stützte sich matt auf , und ich wollte gehen . - Gräfin : Ach Sie wollen mich verlassen , Sie können das Leiden nicht sehen ? - Ich : Ich fürchtete nur zu belästigen . - Gräfin : Aber daß Sie dieses fürchten , wie kam das ; darüber müssen wir uns noch explizieren ; morgen werden wir uns sicher besser verstehen ; gute Nacht mein neuer Freund , ich fühle mich noch sehr schwach von dem Schrecken . - Ich wollte mich entfernen , die Gräfin rief mich zurück : Vielleicht erleichtert mich die Musik ; Sie spielen Fortepiano , schreibt meine Freundin , ich will Ihnen etwas vorspielen ; es ist nichts , aber die Art , wie ich ' s vortrage , ist mir eigen . - Die Gräfin setzte sich zum Fortepiano , präludierte mühsam langsam , bald aber gleiteten ihre schönen Hände mit großer Schnelligkeit , und unermüdlich über das Elfenbein ; ich stand in tiefer Bewunderung und küßte am Schlusse , nachdem sie wohl zwei Stunden mit außerordentlicher Kraft gespielt hatte , die Hände , das einzige , was mir an der Frau ganz verständlich war . Beim Nachtessen , wo ich zuletzt mit der Gesellschafterin allein blieb , nachdem die Verwandten einzeln hinausgegangen waren , um die Gräfin in den Schlaf zu lesen , fand ich , daß der ernste Ton in dieser ältlichen Mamsell nur angenommen ; sie trank gern ihr Glas und lachte dann über die Gräfin . Hier wagte ich es , über den Schrecken mich zu erkundigen , der die Gräfin heute so zerrüttet hätte . Die Mamsell lachte ; sie sagte , es wäre kein weiteres Unglück , als daß der eine Kammerdiener sich ein feines Loch durch die Wand gebohrt hätte , um die Gräfin im Badezimmer zu sehen ; heute habe sie plötzlich ein glänzendes Auge an einer Stelle der Mauer bemerkt , wo gerade ein heller Sonnenstrahl hingeschienen ; sie sei in dem Quergang aus dem Bade gestiegen und habe selbst , beschämt wegen ihrer Blöße , den verzückt hinstarrenden Kammerdiener gefunden , der sich ihr zu Füßen geworfen und eine unwiderstehliche Leidenschaft vorgeschützt habe , die ihn schon seit Jahren verzehre ; sie habe gegen Leidenschaften viel Mitleid und sei so gezwungen worden , den Menschen , den sie für immer verbannen möchte , dessen Auge ihr ein steter Verräter seiner unverschämten Neugierde sei , um sich zu dulden . Ich mußte über die Mordgeschichte herzlich lachen , und trank ein Glas übers andre ; die Mamsell schenkte auch nichts der Flasche ; die Ermüdung der Reise wirkte nach : kurz , ich erwachte den andern Morgen auf dem Stuhle mit bedeutendem Kopfweh , die Lichter waren abgebrannt , die Mamsell lag mit der Nase in ihrer großen Tabaksdose auf dem Tische und hatte mit ihrem Atem allen Tabak über die Reste des Desserts geblasen . Ich schlich mich leise auf mein Zimmer , später hörte ich , daß Mamsell wegen ihrer Ohnmacht , von der Gräfin herzlich bedauert wurde . Ich hatte von dem halben schlafe wirklich eine leidende Miene und konnte mich nicht gleich wieder in die Sprache der Gräfin versetzen , die mir gewaltige Beschreibungen von einem Sturmwinde machte , der Nachts vor dem Fenster wie ein Riese vorüber gerannt und die Nacht verfolgt habe , bis sie ihre Sternenkrone fallen lassen ; da sei die Sonne aufgegangen und die Beschämte habe sich mit ihm in eine Höhle unbewußt geflüchtet . Dergleichen poetische Prosa war mir noch nicht ganz geläufig und ich meinte in mir , das möchte wohl jenes schreckliche Schnarchen der Mamsell gewesen sein , das allen Tabak über den Tisch geblasen . Da die Gräfin sah , daß ich nicht antwortete , so beschloß sie sich mit mir zu explizieren ; sie explizierte zwei Stunden , ich wußte nicht was ; zu meiner großen Qual diente es gewiß , denn es war schönes Wetter ; aus Ärgernis küßte ich sie , das sollte wieder expliziert werden . Ich armer Unglücklicher war nahe daran , mich aus dem Fenster zu stürzen . Sie erzählte mir nun so vieles , was ihr eigen sei , daß mir die ganze Welt uneigentlich vorkam ; das Eigenste war aber , daß sie eine unwiderstehliche Schwachheit für mich seit dem ersten Abende gefühlt hätte , die mir aber ganz unbekannt blieb , weil ich in ihrer Nähe immer in meine lächerliche Rolle verfallen mußte . Um nicht zu weitläuftig zu werden , will ich statt einer ausführlichen Erzählung der einzelnen Angriffe und Ausfälle , nur die Hauptstellen aus dem Belagerungsjournale entlehnen , das sie mit großer Aufrichtigkeit ihrer Freundin , der Professorin , jede Woche überschickte und das ich nachher zu lesen bekam , als ich aus Überdruß über das langweilige Leben zur Universität zurück kehrte . Eines Tages schrieb sie : Meine Schwachheit für ihn ist leider nur zu gewiß , ein Zittern wirft mich nieder in seiner Nähe ; gestern las ich ihm eine Beschreibung des Schlafes vor nach dem Englischen , und er schlief ein ; wie ist er so ganz in meiner Gewalt . Bald darauf : Wehe mir , die Jahreszeit , die Einsamkeit , alles erleichtert ihm seine Kühnheit , ich wollte einen stolzen Ernst gegen ihn annehmen , aber meine Blicke verraten ihm meine Schwäche ; was sind wir Menschen mit einem weichen Herzen , und doch ohne dieses Herz , was wären wir ! Einige Tage später : Seltene Tugend eines Jünglings seines Alters , seiner Schönheit , in unsrer Zeit ; er vertraute mir heute , daß er noch nichts vom Glücke der Liebe wisse ; ich gab ihm einen Kuß , daß er ihm ein Siegel der Tugend werde ; wehe mir , wenn ich ihm die Ruhe raube , dem Armen , der so früh schon seine Eltern verloren hat . Zuletzt schrieb sie : Noch ein Tag wie dieser in der Sommerlaube und ich bin verloren ; morgen schreibe ich Dir vielleicht : Es ist geschehen , ich atme kaum , - ich denke nicht , voll Schlaf und Traum ist mein Gesicht . Nun gute Nacht , nun guten Tag , ich bin verwacht , nichts mehr vermag . - Ist das Journal über ihren Seelenzustand nicht wie der Bericht des englischen Kapitäns über sein brennendes Schiff , den er von Stunde zu Stunde ans Land schickt , bis er mit dem letzten aufgeflogen ? Doch dazu ließ es meine qualvolle Langeweile nicht kommen ; von ihrer Neigung zu mir hatte ich gar nichts vernommen , denn ihre Liebe bestand gegen alle eigentlich nur darin , sie recht strenge in ihre verrückte Art und Weise zu zwingen . Ganz zermartert von allen Explikationen des vorigen Tages zog ich frühmorgens an jenem bedenklichen Tage meine Stiefel an und ritt davon , nachdem ich einen Brief zurückgelassen , worin ich allerlei verblümte Worte von der Macht des Frühlings gesagt hatte , der mich zu ihr und von ihr zöge ; ohne die Seelengröße zu haben , die ihren Flug erhebe , hätte ich doch den Wunsch , ihr zu folgen , und so sei ich in ihrer Nähe wie ein sterblicher Mensch an einer Göttertafel . - Sie nahm das alles in ihrer Manier auf , als fliehe ich sie , um nicht ihre Keuschheit durch sinnliche Anmutungen in Gefahr zu setzen ; sie hielt mich für einen der größten Tugendhelden . So schrieb sie an meine Professorin und ich kühlte meine Eigenliebe , als ich bei ihr über die große Freundin spotten konnte . Das sei für heute genug . « Wirklich war es auch dem Grafen überflüssig genug . Er hatte während der letzten Erzählung einen solchen Widerwillen gegen den Prediger bekommen , daß er ihm beim Abschiede wie ein kalter Satanas erschien , der nach seiner Frauen Unschuld strebte , als er ihr noch einmal seine Prophezeiung wegen des Kindes vorschwatzte . Als er allein war mit seiner Frau , drückte er diesen Widerwillen ohne Rückhalt aus ; sie begriff ihn gar nicht ; sie hatte die Erzählung ganz unterhaltend gefunden . » Nun « , sagte der Graf , » das muß wohl von seinem verruchten Anblicken gekommen sein ; allerwärts sah ja seine böse Lust und seine Eitelkeit hervor , und dabei wette ich , die Hälfte ist nicht so wahr ; das hat er sich alles weis gemacht , um in sein armseliges Leben doch irgend eine Begebenheit einzuflicken ; um doch auch sich ein Gefühl zu machen , lügt er sich die Haut voll . So lange er von andern erzählte , war er erträglich , kaum sprach er von sich , da war mir ' s , als wenn man einen berühmten Poeten von Angesicht sieht ; man glaubt nicht , daß er so gemein aussehen könne . Und der verruchte Blick : die Idee ist mir ganz verhaßt , ich habe ihn erst allmählich deswegen angesehen ; ich dachte erst später darüber nach . Wenn du niederkommst in neun Monaten , so erkenne ich das Kind nicht an , und den verruchten Pfaffen laß ich als einen Zauberer verbrennen . « Eilftes Kapitel Großer Streit zwischen dem Grafen und der Gräfin Es war allerdings etwas Scherz in dem Eifer ; aber der Graf fühlte doch wirklich so eine Art wunderlicher Eifersucht gegen diesen geistigen Verführer , ungefähr so wie mancher einfache Mann gegen die gelehrten Bekannten seiner gelehrten Frau . Die Gräfin versicherte ihm , sie halte ihn für hypochondrisch krank ; den ganzen Tag habe er nichts getrieben , als ihr jedes Vergnügen abzudisputieren , und jetzt wäre er sogar eifersüchtig auf einen Mann , dessen breites glänzendes Gesicht sie gar nicht ansehen möchte ; ob denn nicht jeden Tag schönere Männer in zierlicher Uniform bei ihnen durchmarschierten ? - Der Vorwurf krank zu sein , brachte den Grafen ganz auf , der sich von Kopf bis zu Fuß kerngesund fühlte ; der Ärger wollte sich Luft machen : » Siehst du « , fiel er ein , » ob ich nicht recht habe , eifersüchtig zu sein , also siehst du doch nach schönen Männern und eine züchtige Frau muß eigentlich gar nicht wissen , ob ein andrer Mann als der ihre schön ist ; auch nach Uniformen siehst du ; es ist merkwürdig , wie ein paar bunte Farben , ein paar Tressen , alle Weiber bestechen , derselbe Mensch in Uniform ist ihnen nicht mehr derselbe . « - » Du bist unerträglich « , sagte die Gräfin , » wenn Leute von so schlechten Sitten , von so törichtem Argwohn , wie du , in der Uniform wären , wir Frauen würden sie schon zu unterscheiden und zu meiden wissen . « - » Ich will dir zuvorkommen « , sagte der Graf , sprang fort in sein Zimmer , und die Gräfin weinte stille vor sich ; ihr beleidigendes Wort war ihr leid , denn es war ihr erster großer Streit ; aber sie war zu stolz , um ein besserndes Wort nachzurufen . Der Graf war aufs Feld gelaufen und die Gräfin aß allein zu Nacht , und ließ die tolle Ilse dann zu sich kommen , die ihr lächerliche Geschichten erzählte , wie sie einmal einen Schäfer , der mit seinem Mädchen in einem Schäferwägelchen geschlafen , vom Berge herab in einen kleinen Teich habe rollen lassen , daß die beiden notgedrungen in ein kühles Bad hätten gehen müssen , und Tausende dieses Schlages , die sie an der Schnur hatte ; sie mußte die Gräfin ins Schlafzimmer begleiten , als es spät wurde , und der Graf noch immer nicht heimkehrte . Der Graf hatte in seinem Ärger allerlei Geschäfte gemacht , auch manchen Arbeiter sehr unverdient gescholten . Er wollte es nicht sich selbst gestehen : die vielversprechende Ehestandsglückseligkeit , die nach seiner Überzeugung alle Unruhe aus seinem Herzen tilgen sollte , fand sich doch in gewissen Stunden unwirksam ; auch sie war kein fest bestehender Zustand , sondern mußte immer neu wiedergewonnen werden ; er sah ein , daß wohl manches in seiner Frau zu berichtigen sei , was er längst für ausgemacht in ihr gehalten ; dagegen fand er aber auch für manche ihrer Äußerungen eine bessere Deutung . Ganz verzeihen konnte er doch ihre letzte Beleidigung nicht ; als er spät nach Hause kam , wollte er sich deswegen nicht gleich zu ihr begeben ; sicher meinte er , sie würde ihn aufsuchen , nachdem sie ihm vom Meiden gesprochen . Er wartete , aber sie kam nicht , ungeachtet er noch Licht im Schlafzimmer sah ; wäre er dahin gegangen , so wäre er vielleicht heftig gegen sie geworden . Er blieb also zum ersten Male von ihr weg , streckte sich auf sein Sopha , deckte den Mantel über sich hin , und schlief erst spät ein . Zwölftes Kapitel Versöhnung . Lorenz , der Edelknabe und Rosalie , die Kammerjungfer Der Graf erwachte beim ersten Morgenschimmer . Alles ruhte noch im Schlosse , doch hörte er allerlei Stimmen auf dem Hofe ; leise schlich er sich ans Fenster und horchte durch die sacht geöffnete Fensterspalte . Er sah Dolores im Fenster , so reizend , so wunderbar reizend , wie sie im Morgenschein ganz eigentümlich rot schimmerte : sie sprach mit einem armen Edelknaben , der seit einiger Zeit zur feineren Aufwartung der Gräfin vom Grafen angenommen worden , und mit ihrem ältern Kammerfräulein Rosalie ; und bald erklärte es sich , daß die Gräfin beider Liebschaft belauscht habe , während jene ihr Bad bereitet hatten ; erst schalt sie ein wenig ihre Sorglosigkeit und fragte sie , wovon sie leben wollten ; dann , ohne ihre Antwort abzuwarten , warf sie einen Geldbeutel ihnen zu , befahl ihnen , gleich am Tage ihre Hochzeit zu machen , und seufzte zu ihnen mit einer schönen Träne : » Seid glücklicher als ich ! « Dieser Ausruf der schönen Frau durchschnitt des Grafen Herz . Warum war sie nicht glücklich , sie vermißte ihn ; einige Stunden Trennung von ihm machten sie unglücklich . Nein , er hielt sich nicht , er eilte in das Zimmer seiner Frau und statt ihr zu verzeihen , bat er sie tausendmal um Verzeihung . Sie war nicht eigentlich böse , nicht hart , nicht grausam und ihre Versöhnung war so leicht , so schön , daß beide den ganzen Tag nicht von einander lassen wollten , wie an ihrem ersten Vermählungstage . Doch sie mußten sich trennen , um Bestellungen zum Feste der beiden jungen Leute zu machen ; der Graf nahm alle Verantwortung wegen des versäumten dreimaligen Aufgebots auf sich ; er sendete drei seiner Kutschen in die nächste Landstadt , wo ein paar Dutzend adliger Fräuleins in einem protestantischen Stifte versammelt waren ; er war gewiß , daß ein Dutzend kommen würde , und versprach sich im voraus vielen Scherz von ihrem altjüngferlichen Wesen . Dann ließ er den Hofdielen und mit Blumengewinden behängen und ordnete ein kleines Spiel an , wozu er die Worte und Musik mit der ihm eignen Leichtigkeit gab . Dreizehntes Kapitel Hochzeit des Lorenz und der Rosalie Die Glocken läuteten schon , als alles kaum angeordnet war und die drei Wagen voll Stiftsfräuleins und die Bauern im besten Sonntagsstaate anlangten . Jetzt sah er erst , wie hübsch Rosalie von der Gräfin aufgeputzt war ; hier neben den alten steifen großgenaseten , höckrigen Stiftsfräuleins schien das leichte Kind im weißen Atlaskleide mit Rosabändern , mit ihrer schönen Myrtenkrone wie aus einem überirdischen Geschlechte herabgestiegen , und als hätten jene ihr boshaft die Flügel abgeschnitten , um sie unter sich zu bewahren ; und doch verschwand sie wieder so ganz neben Dolores , daß er ihr ohne allen bösen Willen auf ein auszuübendes Herrenrecht einen Kuß geben konnte . Auch Lorenz , der arme Edelknabe , nahm sich in seiner Jägertracht recht gut aus ; so frisch , frei , sicher , als hätte er diese Gunst lange vorausgesehen ; das war ihm noch von dem Glücke seines Standes geblieben , als ihm der Krieg Eltern und Vermögen entrissen . Sein Zwillingsbruder Otto , der schon längere Zeit Jäger auf einem entfernten Vorwerke des Grafen geworden , traf kurz vor dem Beginn der Feierlichkeiten ein ; er schien sehr verstört und sprach mit seinem Bruder ganz heimlich ; dann ging er zu dem Grafen und sagte ihm , daß er Soldat geworden und daher seinen Dienst verlassen müsse ; der Graf drang darauf , die Ursache zu wissen , aber er beschwor , daß er sie nicht angeben könne , er sei unschuldig daran . Wolf , der Schreiber , erklärte dem Grafen nachher , daß Rosalie erst diesem älteren Bruder Hoffnung auf ihre Hand gemacht , so wie sie es ihm auch schon getan habe ; er wolle aber kein Narr sein , davon zu gehen , wer wüßte , was ihm noch für Glück würde . Der Graf ermahnte ihn zum Bessern und benutzte beide Charaktere für den Schluß eines Gesanges , den er zur Nacht eingerichtet hatte . - Wir wollen uns nicht mit der Beschreibung des feierlichen Zuges nach der Kirche aufhalten ; die zwölf Fräulein gingen mit einer Andacht der Braut nach , als könnte es hier wohl noch nach dem alten Gebrauche der Hochzeiten gehen , der hundert künftige bei einer wirklichen verspricht . Die Rede des Geistlichen war wohl gedacht , und ermahnte sie zur Treue gegen ihre Gutsherrschaft , der sie ihr Glück dankten ; dann fuhr er fort : » Belehret einander , denn ihr werdet künftig im Walde ( er war zum Förster ernannt ) einsam leben . Du Mann , schlage nicht ( hiebei schob er dem Bräutigam die Faust in die Rocktasche ) du Weib , schmähe nicht ( dabei legte er ihren Finger in ihren Mund ) denk , daß ein Höherer dich sonst auf den Mund schlägt . Betrachtet oft den Ehering an euerem Finger ; er verklagt euch , wenn ihr aufhöret einander zu lieben3 . « Auf dem Rückwege schallte allen ein frohes Lied , das der Graf zu Hochzeiten eingeführt ; es wurden Blumen gestreut und das ganze Fest wurde mit einem sehr kunstreichen Volkstanze der Gegend eröffnet , der vom Walzer ausgehend und wieder dahin zurückkehrend die wachsende Zärtlichkeit zwischen den Paaren auf tausend Arten durch Bewegung und Gesang ausdrückte ; dann traten zweie hervor , die wie Braut und Bräutigam gekleidet waren ; der Graf selbst aber erzählte vortretend , wo ihr mimisches Spiel nicht ganz zu verstehen war . Der Graf Ei du lustiger Edelknecht ! Wie spricht die Welt von dir so schlecht , Du machst dir gar nicht viel daraus ; Du trittst zu Liebchens Tür hinaus , Von ihr noch alles düftet , Dein Wämslein ist gelüftet . O du seliger Edelknecht ! Nun ist dir alles eben recht ; Hier ist die Welt dir weit genug , Hier ist dein Bett dir eng genug ; Vor ihrer Tür darnieder Du streckst die müden Glieder . O du schläfriger Edelknecht ! Du bettest dich nicht gerne schlecht , Dein Himmelbett ist der Sternensaal , Die Himmelsleiter im Erdental Steht auf der Türe Stufen , Hörst Liebchen im Traume rufen . Ei du schnarchender Edelknecht ! Dein Schlaf ist heute gar nicht schlecht , Du liegest kaum und schnarchest laut ; Daß alle Knöpfe dir springen auf ; Die flatternden Fledermäuse Erzittern auf ihrer Reise . Ei du lässiger Edelknecht ! Ei das ist wahrlich gar unrecht , Daß dir der Schlaf noch immer gefällt , Da früh sich die Gräfin ein Bad bestellt , Heut mußt du das Bad bezahlen , Die Gräfin ist böse zumalen . Und du listiges Jungfräulein ! Spät wachst du mit klaren Äugelein ; So rötlich dein lieb Angesicht , Wie eine Rose , die eben aufbricht , Du öffnest erst die Türe ; Als ich schon lange die Sonne auf Dächern All überall auf glänzendem Wagen spüre . Das Jungfräulein Ich fühl mich umwinden Von eilenden Winden , Aus träumender Nacht Mir alles erwacht ! O Lautenschlag , Du Liebesschlag , Schlag ' s nicht in den Wind . Komm Amor , süß Kind , Dir will ich ' s verkünden , Du sollst uns verbinden . Der Graf Ei du heimliches Jungfräulein , Was flog von deinem Hütelein ? Jetzt scheint es blaß gleich wie der Mond , Der Morgens noch am Himmel wohnt . War ' s Amor ? War ' s die Taube ? Schütz deinen Kranz vorm Raube . Das Jungfräulein O Sonnenschein helle , Du trittst auf die Schwelle , Aus träumender Nacht , Aus Wolken erwacht . O frommes Glück ! Der Liebe Blick ; Was zeigest du mir , Er ruht an der Tür , Die Hand unterm Haupte , Im Tuch , das er raubte . Ei du schelmischer Edelknecht ! Hier hast du wohl geschlafen schlecht ? Komm , fülle das Marmorbad , Komm , trete das Wasserrad , Wir wollen das Bad schnell füllen , Am tiefen Brunnen im stillen . Der Edelknecht O ich seliger Edelknecht ! Den Liebchen und Sonne erwecken recht ; Kaum kann ich sehen , so lichterloh Glänzt es in meine Augen froh ; Wie dien ich doch so willig , Die Herrschaft ist so billig . Der Graf Ich höre die Bronnen Mit spiegelnden Sonnen Im ruhenden Hof ; Die Fenster im Schloß Sind alle noch zu In Liebesruh ; Am Giebel so fein Manch Stimmelein klein ; Die beiden das Becken Erfüllen mit Necken . Mit Blumen sie ' s streuen , Die Gräfin zu freuen ; Die Gräfin nicht schlief , Sah