Ich that es ungern , indeß bin ich belohnt worden . Es ist ein ganz scharmanter Mann , von überaus feiner Bildung , sehr zuvorkommend , und dabei von vielen und großen Kenntnissen . Er sagte dies Letztre theils aus Ueberzeugung , theils um Luisen , die er durch frühere Aeußerungen verletzt glaubte , wieder zu versohnen , wobei er gutmüthig verschlagen lächelte , der frühern schmerzlichen Rückblicke und sorgenvollen Aeußerungen uneingedenk . Als aber Luise ernst vor sich hinblickte , wechselte er auch schnell Ton und Mienen ; wie aus einem augenblicklichen Vergessen aufgeschreckt und zutraulich ihre Hand fassend , sagte er : Gott stärke Sie . Ihre Gesundheit beunruhigt mich weiter nicht . Sie sind jung , fest , die Natur beruhigt , das hat nichts auf sich ; aber , aber - ! Nun leben Sie wohl ! Er blieb noch einmal vor Julius Bild stehen und ging dann mit den Worten : es ist doch Schade , sehr Schade ! aus dem Zimmer . Luise blieb von da an still und in sich gekehrt , wie jemand , auf dem das Leben gewaltsam lastet und der im Innern keinen Ausweg zu finden weiß . Sie sah , sie sprach Niemand . Viele Tage vergingen ihr so , ohne daß sie den Muth hatte , ihr Zimmer zu verlassen . Die Welt , ja die äußre lebendige Natur schien ihr fremd geworden , sie gehörte nicht mehr zu ihr , sie hatte sie ausgestoßen um der Frevel jener sinnverwirrenden Leidenschaft willen . An ihre Mutter konnte sie nur mit Bangigkeit denken , und nichts hätte sie vermocht , den Fuß in das stille Wäldchen zu setzen , das ihr Grab beschattete . Der Prediger kam wohl von Zeit zu Zeit zu ihr und brachte ihr Blumen , die er mit vieler Liebe aufzog ; allein er setzte sie schweigend an ihr Fenster , und ging , ohne ihr düstres Sinnen zu unterbrechen . Einmal indeß , als sie ihm die Hand reichte und ihn mit dankbarem Blick begrüßte , sagte er : es arbeitet recht schwer in Ihrer Seele , ob durch Gottes oder fremde Macht , das muß sich zeigen , ich will ' s indeß nicht stören , da ich weder etwas nehmen noch geben kann . Doch lassen Sie es bald Tag in sich werden . Noch am nemlichen Tage rief Luise Marianen zu sich . Ich muß ihn sehn , sagte sie , ich kann nicht eher ruhig sein , darum wollen wir fort , morgen oder heute noch - aber ganz in der Stille ; hörst Du ? Wohin denn ? fragte Mariane zagend . Wohin ? wiederholte Luise ; kannst Du fragen ? nach dem Falkensteine . Mariane schlug freudig in die Hände . Gottlob ! rief sie , Gottlob ! nun wird alles wieder wie zuvor , nun gehen die schönen Tage wieder an , das wird ein Jubel sein ! Die schönen Tage ? sagte Luise wehmüthig ; ach , armes Kind , die sind längst untergegangen . Ich will nur noch einmal beten , damit ich ruhig die Augen schließen möge . Liebe Mariane , wie könnte ich sterben , wenn ich mich nicht zuvor in Julius Armen mit Gott versöhnte ! Doch , Mariane , Niemand darf wissen , wohin wir gehn . Nenne meinen Leuten den ersten , besten Ort ; sage , Geschäfte zwängen mich zu einer Reise . In der nächsten Station nehme ich Postpferde ; kein Mensch weiß dann , auf welchem Wege wir sind . Mariane war so voll Hoffnung , daß sie alles schnell betrieb , und sie nach wenigen Stunden schon im Wagen saßen . Bei den trüben herbstlichen Tagen und schlechten Wegen konnten sie indeß nur langsam reisen . Luisens Herz klopfte voll banger Ungeduld . Oft beugte sie sich zum Schlage hinaus und maaß mit unruhigen Blicken den Raum , der sie noch vom Ziele ihrer Reise trennte . Am Abend des folgenden Tages kamen sie endlich in die Nähe vom Falkenstein . Als Luise die Thürme der alten Burg erblickte , ließ sie halten . Den übrigen Weg wollte sie zu Fuß zurücklegen , deshalb stieg sie , von Marianen begleitet , aus , und befahl dem Postillon , sie zu erwarten . Wie sie ging , rauschten die Wipfel der alten Tannen in wunderlich gebrochnen Tönen ; ein feuchter Wind blies ihr unbehaglich entgegen und jagte das Gewölk über einzelne hervorblickende Sterne , so daß es oft ganz dunkel um sie her ward und die zagende Mariane nichts als den Schleier ihrer Gebieterin sah , der , vom Winde gehoben , Luisens Gestalt umspielend , wie eine weiße Wolke vor ihr hin zog . Als sie in den Schloßhof traten , leuchteten ihnen einzelne Lichte matt aus dem obern Stockwerk entgegen . Das weite Portal stand offen , die Thorflügel schlugen knarrend im Winde hin und her , kein lebendiges Wesen begegnete ihnen . Einen Augenblick blieb Luise am Eingang stehen , dann aber eilte sie durch die langen Gänge hin in eine Gallerie zunächst an Julius Zimmer , welches , den innern Raum eines der Schloßthürme einnehmend , so weit von Außen hervorsprang , daß man von der Gallerie zu den Fenstern hinein in das Innre desselben sehen konnte . Luisens erster Blick traf den bleichen Julius , zusammengesunken , in einem Armsessel sitzend , den Kopf in die Hand gestützt , während die andre matt zu dem kleinen Hunde hinabhing , der neben ihm auf einem niedren Tabouret lag , und von Zeit zu Zeit liebkosend an ihm aufblickte . Nach einer Weile fuhr Julius wie aus einem Traume auf . Er stand auf , schwankte zum Clavier , auf welchem er einzelne tiefe Akkorde anschlug , deren bebende Töne Luisen zu rufen schienen . Ohne weiteres Besinnen öffnete sie in dem Augenblick die Thür und sank sprachlos vor Julius nieder . Ach Luise , meine Luise ! rief dieser in der heftigsten Erschüttrung . O Gott im Himmel , so sehe ich Dich wieder ! Steh ' auf , Du armes , liebes Kind ! steh ' auf , meine Luise ! Er faßte sie in seine Arme , er kniete neben ihr . Die Stirn an seine Brust gelehnt , vergoß sie stille , selige Thränen . Weine nicht , weine nicht , bat er sie dringend ; Du weißst ja , das brach mir von je das Herz ; ach es ist noch darin wie ehemals ! Ehemals ! wiederholte Luise schluchzend . Julius sah sie fremd an - ja freilich , sagte er , langsam aufstehend , es ist anders wie ehemals ! weit , weit anders ! Er reichte ihr die Hand und führte sie zum nächsten Stuhl . Beide saßen eine Weile schweigend neben einander . Es ist doch schön von Dir , hub er endlich an , daß Du gekommen bist . Er stockte auf ' s neue . Plötzlich ließ er ihre Hand fahren , barg das Gesicht in sein Taschentuch und rief wiederholt : nein , nein , es ist nicht gut , daß Du gekommen bist ! ach nein , es war so besser ! Jede freundliche Täuschung flieht vor Deinem Anblick . Ich will auch gleich wieder fort , lieber Julius , sagte Luise ; ich bin nur gekommen , Dich noch einmal zu sehn , meine Angst war so groß , ich konnte nicht mehr leben , bis Du wieder zu mir gesprochen hattest ; der Friede , dacht ' ich - Ach Julius , wir sind Beide recht unglücklich ! Sie wandte sich ab , um ihren Thränen freien Lauf zu lassen . Wie gut Du bist ! sagte Julius ; Du dachtest so viel an mich , Du kommst sogar zu mir ! Ich habe das wohl geglaubt und recht gut gefühlt , wie viel Du littest . Du wirst auch nicht eher ruhig sein , bis Du mich zufriedner weißst . Deshalb will ich fort aus dieser Gegend , Deine Nähe thut mir nicht wohl , die meine drückt Dich . Ich will in der Welt umherstreifen , fremde Menschen suchen , wie jemand , der nirgend zu Hause ist . Seh ' ich doch all mein Gut verschüttet , meine Heimath verödet ; ich fliehe wie ein Vertriebener . Du gute Seele , fuhr er mildernd fort , als er Luisens heftigen Schmerz sah , Du treibst mich nicht ; mein eignes , trübes Loos . Wir gehören nun einmal nicht zu einander . Ich wollte Dich vom Schicksal ertrotzen ; den Trotz muß ich büßen . Sage das nicht , Julius , fiel Luise ein , sage das nicht , wir gehörten doch wohl zu einander , alles andre war ein Wahn . Nein , ach nein , erwiederte er sinnend . - Und wenn es dennoch wäre , fuhr er schneller fort - wenn - Herr Gott im Himmel ! es war wohl alles nur ein Traum , Du kamst , mich zu wecken ; wie schön Du bist , Luise , wie fromm und bittend Dein Auge ! - Er hielt lange inne , als bekämpfe er sich selbst . - Geh ' , gutes Kind , sagte er plötzlich mit verändertem Ton , geh ' - Du thust mir wehe , unaussprechlich wehe . Luise stand scheu und zagend auf . Wohin gehst du ? fragte er sanft . Zu meiner einsamen Wohnung , erwiederte sie , wo ich Niemand , ach Niemand mehr habe als meinen Gram . O Julius ! rief sie , vor ihm niederknieend , Du weißst , ich bin nun ganz allein , gieb mir Deinen Segen , sage , daß Du mir nicht fluchst , damit Dein Andenken wieder rein in mir leben und Du mir dennoch schützend zur Seite stehn mögest ! Niemals , niemals ! rief er , sie heftig an seine Brust drückend , wird dies Herz eine feindliche Regung kennen ! Wie sollte ich Dir fluchen , ohne mich selbst nicht tausendfach zu verwunden ! Wie könnte ich Dein Bild vergiften , was mich , wie der Maienmorgen unsrer Kindheit , hell und friedlich ansieht ! Nein , Du armes , verwaistes Kind , meine Liebe kann Dich nie verlassen ! sie erfleht Dir den Segen des Himmels , der Dich jetzt geleiten möge ! Er sagte diese letzten Worte leise , mit erstickter Stimme , indem er sich sanft aus ihren Armen wand . Luise schwankte zur Thür . Lebe wohl , ach lebe wohl , Du schönes Traumgesicht ! rief er noch einmal im heftigsten Kampf . Luise machte eine Bewegung , zu ihm zurückzukehren ; aber er verhüllte das Gesicht , als scheue er ihren Anblick . Lebe wohl , mein Julius , sagte sie , in stiller Ergebung das Zimmer verlassend . Wie sich die Thür nun hinter ihr schloß , da schrie Julius , seines Schmerzes nicht mehr mächtig , laut auf . Luise schauderte zusammen , und dennoch hatte sie nicht den Muth , jene Thür wieder zu öffnen , wohl fühlend , daß es nicht die dünne Scheidewand , welche sie mit einem Fingerdruck wegräumen konnte , sei , die sie von seinem Herzen trennte . Sie faßte Marianen schweigend unter den Arm und zog diese mit sich aus der Gallerie . Also doch fort ? fragte das weinende Mädchen , und wohin denn in der finstren Nacht ? Zu dem ehrlichen Anton , im Walde , erwiederte Luise ; doch komm , ich bitte Dich ! Julius , der arme Julius ! Hörtest Du nicht , wie ihn meine Nähe ängstet ? Sie eilten unbemerkt hinunter . Im Hofe warf Luise noch einen schmerzlichen Blick hinter sich und ging dann , still weinend , zu ihrem Wagen . Nach einer Stunde hielten sie vor Antons Thür . Der Postillon fragte sie , ob sie hier übernachten wolle , in welchem Falle er seiner Wege reiten werde . Luise war es zufrieden , indem sie des andern Tages Pferde aus Ballenstädt bekommen konnte . Auf das Geräusch war die Frau aus dem Hause getreten . Sie erkannte nicht sobald Luisen , als sie freudig aufschrie und sie liebkosend in das bekannte kleine Stübchen führte . Luise ward im Hereintreten seltsam von einer Gestalt ergriffen , die ihr das helle Kaminfeuer in unsichrem , flackernden Lichte zeigte . Es war ein alter , sehr bleicher Bergmann , der , der Flamme gegenüber , eine Cither im Arm , mit geschloßnen Augen , fast regungslos da saß . Zu seinen Füßen spielte die kleine Marie , die , in die Händchen klopfend , wiederholt rief : mehr , mehr singen ! worauf der Alte die Saiten rührte , und , die erstorbnen Lippen öffnend , folgende Worte sang : Im Tannenschatten ganz allein Den Berg hinan auf öden Wegen , Wenn Sterne seh ' n zum Wald herein , Zu Hauf ' in Wolken zeucht der Regen , Da mag ich doch zum liebsten sein . Ich klopf ' an ' Berg , ich sag ' ein Wort Davor sich ' s regt in seinem Herzen . Mein Bub ' erwacht am dunklen Ort Und ruft nach mir , und will mich herzen , Nur will die Steinwand noch nicht fort . Mußt fort zuletzt , du Stein , so hart ; Mein Spruch kann härtre Ding ' erweichen . Horch ! wie der Bub ' schon drinnen scharrt . Er wird den seltnen Schatz mir reichen , Der ihm im Berg ' zu Theile ward . Ich weiß den Schatz , ich nenn ' ihn nicht , Er ist ein Gold ohn ' alle Schlacken , Und kenntet ihr sein süßes Licht , Ihr Leut ' , ihr kämt mit Spat ' und Hacken , Und fändet doch den Holden nicht . Ihn kann aus seinem finstren Grab Nur ein sündlos Geschöpf erwecken , Drum fuhr mein frommer Bub ' hinab . Im Anfang thät ' s mich doch erschrecken , Nun schüttl ' ich alles Bangen ab . Die Frau hatte indeß , das Lied wenig beachtend , Stühle herbei geschoben , abgewischt und Luisen wiederholt zum Sitzen genöthigt , als diese sie unter innrem Schauern fragte , wer der wunderliche Alte sei . Es ist der wahnsinnige Claus , erwiederte diese leise . Sollten Sie den nicht auf dem Falkenstein gesehn haben ? Er ist des alten Georgs Bruder , und streift überall umher . Ostern werden es vier Jahr , da verlor er sein einzig Kind , einen bildschönen Buben von funfzehn Jahren , der im Schacht verschüttet ward . Seitdem ist er irre geworden . Zu Anfang saß er Nacht und Tag auf der Felswand und pochte an , und hoffte , der Knabe solle ihm antworten . Damals mocht ' er wohl das Lied zuerst singen , was er zeither gehend und stehend hören läßt . Nun geht er nur ab und zu nach dem Berge , wo das Unglück geschah . Er sagt , es sei noch nicht an der Zeit . O er spricht Ihnen so vernünftig darüber , daß man wirklich denken sollte , es wäre alles so , wie ' s ihm vorkommt . Er thut keinem Menschen etwas . Zur Winterzeit kommt er zu den Leuten in die Häuser ; da hängen sich die Kinder ordentlich an ihn , und keines sagt ihm ein Leidwort . Da oben hinauf , im Gebürge , erzählen sie , er sei von je absonderlich gewesen , und habe wunderliche Dinge gesprochen von dem was unter der Erde vorgeht . Marie war indeß an den Alten hinangeklettert , und strich mit ihren kleinen Fingern die Saiten der Cither . Du ! sagt ' er ernst , schweig ' jetzt , hörst Du nicht wie ' s im Feuer klingt ? Ei , laßt ' s klingen , sagte die Frau , indem sie das Kind von seinen Knieen hob , und rückt Euch da ein Bischen von der Seite , damit die gnäd ' ge Frau auch Platz finde . Der Alte sah sie finster an . Ihr sprecht , wie Ihr ' s versteht , sagte er ; die Elemente reden seltsamlich mit einander , und geben Kunde von dem , was hier und dort vorgeht . Hat sie doch der alte Schlund geboren , der nun ächzt und stöhnt nach den rebellischen Kindern . Die kreisen derweil , und formiren in den Lüften und üben Gewalt über die Creatur , die sie nicht mehr versteht und ihrer nicht Herr werden kann . Dann aber hat Gott Erbarmen und sendet seine Engel , die wilde Brut mit dem alten Geist zu versöhnen , damit Friede werde im Himmel wie auf Erden . Mein Knab ' war einer von diesen , er mußte hinunter in die Tiefe , und wenn er wiederkehrt , bringt er zum Unterpfand den reichen Schatz an ' s Tageslicht . Mein Knab ' war schön wie die Engel sind , er verstand die Sprache der Thiere und jeden Laut in der Natur . Er hat mir ' s seitdem zu Nachts gelehrt , daß ich nun weiß was kommen wird , und ruhig bin . Des Alten Blicke leuchteten , während er sprach , er hob sich immer mehr und mehr , so daß er gerade und feierlich da saß , als er mit gehobner Stimme sagte : vernehmt Ihr des Windes Rauschen und das Schwirren der Vögel , die langsam durch den Wald hinziehn ? Dazu bricht sich die Flamme in wunderlichen Farben und zischt wie der alten Schlange Ruf . Es nahet irgend ein sündbeladnes Haupt , und drüber hin zieht der Tod . Luisen faßte ein entsetzliches Grausen . Mariane war schon längst hinter einen großen Schrank geflüchtet und verhüllte Aug ' und Ohren . Da trat Anton herein ; die Anwesenden flüchtig grüßend , wandte er sich zu seiner Frau , und sagte ihr , daß ihm ein Fremder auf den Fuß folge , der sich im Walde verirrt habe und hier den Aufgang des Mondes abwarten wolle . Er zündete dabei eine kleine Handlaterne an , und machte sich bereit , wieder hinaus zu gehn , um , wie er sagte , den Leuten und Pferden des Reisenden ein Obdach im nächsten Holzschuppen zu suchen , derweil die Frau für das Abendessen sorgen solle . Luise fürchtete auf irgend einen Bekannten zu stoßen , und bereuete sehr , nicht nach Ballenstädt gefahren zu sein , wo sie im Gasthofe ein einsames Zimmer finden konnte . Sie trat daher zu Marianen , dieser ihre Besorgnisse mitzutheilen , während ihre Wirthin draußen beschäftigt war . Von dem altväterlichen , weit hervorspringenden Schrank verdeckt , redeten Beide mit einander , als die Thür aufging , und der angekündigte Gast , im dunklen , weiten Reisemantel und mit heruntergeschlagnem Hute , eintrat . Ei , sieh da ! rief er , zum Bergmann tretend , alter Gesell , treff ' ich Dich hier ? Wie steht ' s mit dem Golde , ist es bald heraufbeschworen ? Die Sünde , sagte dieser , hat das Gold verflucht ; Ihr müßt Euch erst entsündigen , ehe ich den Schatz hebe ! Da wird ' s Weile haben ! rief jener lachend , und warf Mantel und Hut auf den nächsten Sessel . Herr Gott im Himmel ! schrie Luise , die beim ersten Ton der fremden Stimme bebte , und jetzt mit Entsetzen Fernando vor sich sah . Dieser wandte sich betroffen zu ihr . Von dem eignen Geschick ergriffen , welches ihn unwillkürlich zu dem trieb , was er vermeiden wollte , blieb er eine Zeit lang unbeweglich vor ihr stehen , dennoch aber , sich bald darauf fassend , sagte er mit unsichrer Stimme , welche die innre Bewegung seines Gemüthes verrieth : Sie sehn , schöne Luise , wir können einander nicht entfliehn . Da sei Gott vor ! rief sie heftig , indem sie eine Bewegung machte , als wolle sie den frechen Ausspruch Lügen strafen . Wo wollen Sie hin ? fragte Fernando schmeichelnd . In der Dunkelheit können Sie unmöglich weiter reisen . Luise erinnerte sich , daß sie den Postillon fortgeschickt , und sich , unbewußt , die schmerzlichste Verlegenheit bereitet hatte . Wie gebannt stand sie nun in dem engen Stübchen , von der erwachenden Liebe und allen Schrecknissen ihrer Lage hin und her geworfen . Vor ihr Fernando mit der süßen , lockenden Gestalt , daneben der wahnsinnige Alte , der , mit geschloßnen Augen , wie im Traume , seltsame Töne auf der Cither anschlug . Ihre Sinne schwankten verworren umher . Lassen Sie mich ! lassen Sie mich ! rief sie wiederholt , als solle Fernando sie frei geben . Luise , sagte dieser sehr ernst , ich fühle was Sie sich , was Sie der Welt schuldig sind , sein Sie versichert , ich fühle das . An mir ist es zu gehn . Ich zögre auch nicht , so bald Sie ' s wollen . Nur hören Sie mich zuvor einen Augenblick . Er führte sie zu einer kleinen Bank im nächsten Fenster , und sich behend auf den Rand derselben zu ihr setzend , fuhr er leiser fort : mißverstehn Sie sich nicht , liebe Luise , Sie sind aufgeschreckt , in sich zerrissen , unsicher , Sie wollen mir , sich selbst entfliehn ! Geben Sie Acht , daß Sie sich nicht ganz elend machen . Glauben Sie mir , Ihr Streben ist fruchtlos , Sie reißen sich nicht von mir los . Das ist das Vorrecht reiner Seelen , daß sie nur ein Bild in dem klaren Spiegel ihres Innren dulden können und es für alle Zeit darin bewahren . Das ist so wahr , daß Sie jetzt , jetzt , wo Sie mich zu hassen meinen , dennoch einer zärtlichern Regung nicht Herr werden können , die aus Ihren Blicken , ja aus dem süßen Zittern Ihres ganzen Wesens , spricht . Sie erschrecken ; aber ich muß es dennoch sagen , liebe Luise : wir können nicht anders , wir müssen einander ewig lieben . Luise wollte hier aufstehn ; allein er hielt sie bittend zurück . Hören Sie mich aus , sagte er ; ich gehe , so gewiß ich Sie liebe , wenn Sie es dann noch wollen . Wir sind nicht umsonst durch tausend schmerzhafte und herbe Aufopferungen verbunden , um uns , wie zwei feindliche Kräfte , zu fliehen , die , nach zufälliger Berührung , in ihrem Grimm auseinander sprengen . Sagen Sie selbst , ist in Ihrem Herzen wohl ein recht wahres Gefühl , das mich verdammt ? Was ist denn auch so Unerhörtes geschehn , das den Fluch des Himmels herabzöge ! Die Natur ist mächtiger als alle menschliche Weisheit , daher verspottet sie jene kränkliche Verträge , die man ein Band der Gesellschaft nennt . Meine Luise , sei stärker als die Zeit in der Du lebst ; gestehe Dir ' s nur , Du gehörst mir , mir , keinem Andern ! O wie viel Jammer hätte uns meine Mutter erspart , wenn sie , die Formen verachtend , freier , ja freimüthiger handelte . Sieh , was davon herkommt , geselligen Verträgen zu Lieb , sich selbst und die Wahrheit seiner Gefühle aufzuopfern ! Schone sie , schmeichle Du ihnen jetzt immerhin , Du bist doch mit ihnen zerfallen . Die Welt verdammt Dich , Julius ist für Dich todt . Luise schauderte schmerzlich zusammen , ein tiefer Seufzer drang aus ihrer Brust ; sie fühlte es wohl , sie war verloren . Wie eine abgerißne Blüthe hing sie in der frechen Hand , die sie um alle Hoffnungen des Lebens betrog . Unfähig , zu reden , lehnte sie den Kopf abwärts an das kleine Fenster , und die Stirn fest an die kalten Scheiben drückend , starrte sie hinaus in die Nacht . Fernando neigte sich vertraulich zu ihr , so daß der warme Hauch seiner Lippen sie wie ein leiser Kuß berührte . Wie Musik umspielte sie dabei das weiche Flüstern seiner Stimme , das unwillkührlich ihre Thränen hervorlockte . Du weinst , Luise ? fragte er sanft ; Du zitterst ? erschrickst Du vor dem Gedanken , Niemand als mich zu haben , in dessen Brust Du die Welt , den Frieden und die Unschuld Deiner Seele wiederfinden kannst ? Sieh um Dich , Du bist allein , ganz allein unter Menschen , die Dich nicht verstehn , nicht verstehn wollen . Im Kampf mit Dir selbst , zerreißst Du ein Leben , das so seelig , so unaussprechlich seelig sein könnte ! Sei doch mitleidig gegen Dich selbst . Komm , fliehe mit mir . Dieser Augenblick entscheidet für uns Beide . Sieh , ich führe Dich in mein Vaterland , wo Du geliebt , wo Du glücklich sein wirst . Hier - ? Was suchst Du hier ? Was erwartest Du von Verhältnissen , die Dich hohl und kalt ansehn ? Glaubst Du , die Freunde werden es Dir verzeihn , daß Du einen andern Weg gingst , als den sie Dir mit ihren Alltagsblicken vorzeichneten . Hoffst Du , Julius sei mehr als ein Mensch ? Er verschmäht ein Herz , das sich und ihn belog . Komm denn , komm mit mir , Luise . Georg ! Georg ! rief der Alte im Schlaf , laß Deine Thränen nicht so über die grauen Wimpern fließen ! Sie tragen Dich auch bald hinunter . Hör nur , wie der Todtenvogel krächzt . Mit schwerem Fittig fuhr jetzt eine Eule schreiend am Fenster vorüber . Luise sprang auf . Das Entsetzen gab ihr Kraft . Bleich stand sie vor Fernando . Sie müssen fort , stammelte sie . Die Natur hat eine Sprache , die ich fühle , wenn ich sie gleich nicht klar verstehe . Umsonst häuft sie so nicht ihre Schrecken . Sie hat mich geweckt . Ich weiß es , Sie müssen fort . Der Tod trat zwischen uns . Wir scheiden . Geben Sie , eilen Sie , Fernando . Ist das Ihr Ernst ? fragte er . Mein heiligster , erwiederte sie . Nun dann ! rief er , auf Wiedersehn in einer andren Welt ! Ich gehe in französische Kriegsdienste . Ich hatte dies beschlossen , ehe ich Sie hier traf . Ihr Anblick erschütterte mich . Das Leben sah mich noch einmal lockend an . Ich glaubte einen Augenblick an eine friedlichere Bestimmung . Sie wollen ' s anders . Ich gehorche . Sein Sie glücklich , recht glücklich . Mich reißt mein Schicksal fort ! Ich stürze mich hinein , wie jemand der nicht vor , nicht hinter sich sehen mag , gleichviel wie ' s endet ! Ich habe oft mit dem Leben gespielt , sagte er , bitter lachend ; nun spielt es mit mir ! Stürmen Sie nicht so wild in die dunkle Nacht hinein , unterbrach ihn Luise sanft ; scheiden Sie milder , Fernando . Ach Gott ! ich habe es wohl um Sie verdient . Mein Sinn ist wild , erwiederte er ; unsre Liebe war ' s auch . Sie wissen ja , sie will ein blutig Ende , darum schicken Sie mich in den Krieg . O Fernando , Fernando ! rief Luise erschüttert . Er stand erwartend vor ihr . Seine Blicke lagen gespannt auf den ihren . Sie zitterte heftig , und hatte kaum noch Kraft , sich aufrecht zu erhalten . Eine rasche Bewegung , als wolle er sie umfangen , schreckte sie auf . Um Gottes Willen ! rief sie , lassen Sie mich ! Sie haben es gelobt , Sie müssen , ja Sie müssen mich verlassen . In ihrem scheuen Blick , in dem Entsetzen , das über das bleiche Gesicht hinfuhr , lag etwas Gebietendes . Fernando gedachte unwillkührlich jener Nacht im Walde . Nun denn , alter Camerad ! rief er , den Bergmann aus dem Schlaf rüttelnd , so komm , geleite mich durch den Wald . Du kennst ja Wege und Stege . Laß die dumpfe Cither vor uns her klingen . Der wahnsinnige Greis taumelte vom Schemel , und Fernando unter den Arm fassend , schwankten Beide hinaus . Luise barg den Kopf an Marianens Brust , um die vorüberklingenden Töne der Cither nicht zu hören , die noch lange vernehmlich durch den Wald hinzogen . Wie sie fernab rauschten und endlich verstummten , ward es auch stiller in ihr ; der innre Sturm sänftigte sich . Sie holte aus tiefer Brust Athem und blickte seit lange zum erstenmal ruhig gen Himmel . Die Wirthin trat bald darauf mit dem Abendessen herein , fast ärgerlich , daß sie der vornehme Gast so schnell verlassen habe . Luise gewann nach und nach Fassung genug , mit der gesprächigen Frau über vieles zu reden , was dieser lieb war , und als Anton späterhin hinzukam , hörte sie theilnehmend ihren aufblühenden Wohlstand rühmen , dessen Schöpferin sie war . So von sich selbst abgezogen , auf die stille Wirksamkeit einer glücklichen Familie gelenkt , stellte sich das innre Gleichgewicht ihrer erschütterten Sinne wieder her . Sie schlief die Nacht über , wie jemand , der einer großen Gefahr entronnen ist , und sich nun der Ruhe hingeben darf . In diesem Gefühl trat sie auch am folgenden Morgen die Rückreise an , von tausend Segenswünschen ihrer freundlichen Wirthe begleitet . Als sie indeß Abends spät so allein und verlassen die verödete Wohnung wieder betrat , und nun in dem engen Bezirk das Ziel wie den Ausgangspunkt ihrer früh beschloßnen Laufbahn umfaßte , da fiel ihr trübes Loos centnerschwer auf die zagende Seele . Alle freudige Gestaltungen ihres Lebens , die frühen Verheißungen von Liebe und Glück , alles , alles wich vor dem trüben Einerlei zurück , was