wohlgebaut , schlank , eher ein wenig zu groß , bescheiden ohne ängstlich , zutraulich ohne zudringend zu sein . Freudig übernahm er jede Sorge und Bemühung , und weil er mit großer Leichtigkeit rechnete , so war ihm bald das ganze Hauswesen kein Geheimnis , und überallhin verbreitete sich sein günstiger Einfluß . Die Fremden ließ man ihn gewöhnlich empfangen , und er wußte einen unerwarteten Besuch entweder abzulehnen oder die Frauen wenigstens dergestalt darauf vorzubereiten , daß ihnen keine Unbequemlichkeit daraus entsprang . Unter andern gab ihm eines Tages ein junger Rechtsgelehrter viel zu schaffen , der , von einem benachbarten Edelmann gesendet , eine Sache zur Sprache brachte , die , zwar von keiner sonderlichen Bedeutung , Charlotten dennoch innig berührte . Wir müssen dieses Vorfalls gedenken , weil er verschiedenen Dingen einen Anstoß gab , die sonst vielleicht lange geruht hätten . Wir erinnern uns jener Veränderung , welche Charlotte mit dem Kirchhofe vorgenommen hatte . Die sämtlichen Monumente waren von ihrer Stelle gerückt und hatten an der Mauer , an dem Sockel der Kirche Platz gefunden . Der übrige Raum war geebnet . Außer einem breiten Wege , der zur Kirche und an derselben vorbei zu dem jenseitigen Pförtchen führte , war das übrige alles mit verschiedenen Arten Klee besäet , der auf das schönste grünte und blühte . Nach einer gewissen Ordnung sollten vom Ende heran die neuen Gräber bestellt , doch der Platz jederzeit wieder verglichen und ebenfalls besäet werden . Niemand konnte leugnen , daß diese Anstalt beim sonn- und festtägigen Kirchgang eine heitere und würdige Ansicht gewährte . Sogar der betagte und an alten Gewohnheiten haftende Geistliche , der anfänglich mit der Einrichtung nicht sonderlich zufrieden gewesen , hatte nunmehr seine Freude daran , wenn er unter den alten Linden , gleich Philemon , mit seiner Baucis vor der Hintertüre ruhend , statt der holprigen Grabstätten einen schönen , bunten Teppich vor sich sah , der noch überdies seinem Haushalt zugute kommen sollte , indem Charlotte die Nutzung dieses Fleckes der Pfarre zusichern lassen . Allein desungeachtet hatten schon manche Gemeindeglieder früher gemißbilligt , daß man die Bezeichnung der Stelle , wo ihre Vorfahren ruhten , aufgehoben und das Andenken dadurch gleichsam ausgelöscht ; denn die wohlerhaltenen Monumente zeigen zwar an , wer begraben sei , aber nicht , wo er begraben sei , und auf das Wo komme es eigentlich an , wie viele behaupteten . Von ebensolcher Gesinnung war eine benachbarte Familie , die sich und den Ihrigen einen Raum auf dieser allgemeinen Ruhestätte vor mehreren Jahren ausbedungen und dafür der Kirche eine kleine Stiftung zugewendet hatte . Nun war der junge Rechtsgelehrte abgesendet , um die Stiftung zu widerrufen und anzuzeigen , daß man nicht weiterzahlen werde , weil die Bedingung , unter welcher dieses bisher geschehen , einseitig aufgehoben und auf alle Vorstellungen und Widerreden nicht geachtet worden . Charlotte , die Urheberin dieser Veränderung , wollte den jungen Mann selbst sprechen , der zwar lebhaft , aber nicht allzu vorlaut seine und seines Prinzipals Gründe darlegte und der Gesellschaft manches zu denken gab . » Sie sehen , « sprach er nach einem kurzen Eingang , in welchem er seine Zudringlichkeit zu rechtfertigen wußte , » Sie sehen , daß dem Geringsten wie dem Höchsten daran gelegen ist , den Ort zu bezeichnen , der die Seinigen aufbewahrt . Dem ärmsten Landmann , der ein Kind begräbt , ist es eine Art von Trost , ein schwaches hölzernes Kreuz auf das Grab zu stellen , es mit einem Kranze zu zieren , um wenigstens das Andenken so lange zu erhalten , als der Schmerz währt , wenn auch ein solches Merkzeichen , wie die Trauer selbst , durch die Zeit aufgehoben wird . Wohlhabende verwandeln diese Kreuze in eiserne , befestigen und schützen sie auf mancherlei Weise , und hier ist schon Dauer für mehrere Jahre . Doch weil auch diese endlich sinken und unscheinbar werden , so haben Begüterte nichts Angelegeneres , als einen Stein aufzurichten , der für mehrere Generationen zu dauern verspricht und von den Nachkommen erneut und aufgefrischt werden kann . Aber dieser Stein ist es nicht , der uns anzieht , sondern das darunter Enthaltene , das daneben der Erde Vertraute . Es ist nicht sowohl vom Andenken die Rede als von der Person selbst , nicht von der Erinnerung , sondern von der Gegenwart . Ein geliebtes Abgeschiedenes umarme ich weit eher und inniger im Grabhügel als im Denkmal , denn dieses ist für sich eigentlich nur wenig ; aber um dasselbe her sollen sich wie um einen Markstein Gatten , Verwandte , Freunde selbst nach ihrem Hinscheiden noch versammeln , und der Lebende soll das Recht behalten , Fremde und Mißwollende auch von der Seite seiner geliebten Ruhenden abzuweisen und zu entfernen . Ich halte deswegen dafür , daß mein Prinzipal völlig recht habe , die Stiftung zurückzunehmen ; und dies ist noch billig genug , denn die Glieder der Familie sind auf eine Weise verletzt , wofür gar kein Ersatz zu denken ist . Sie sollen das schmerzlich süße Gefühl entbehren , ihren Geliebten ein Totenopfer zu bringen , die tröstliche Hoffnung , dereinst unmittelbar neben ihnen zu ruhen . « » Die Sache ist nicht von der Bedeutung , « versetzte Charlotte , » daß man sich deshalb durch einen Rechtshandel beunruhigen sollte . Meine Anstalt reut mich so wenig , daß ich die Kirche gern wegen dessen , was ihr entgeht , entschädigen will . Nur muß ich Ihnen aufrichtig gestehen : Ihre Argumente haben mich nicht überzeugt . Das reine Gefühl einer endlichen allgemeinen Gleichheit , wenigstens nach dem Tode , scheint mir beruhigender als dieses eigensinnige , starre Fortsetzen unserer Persönlichkeiten , Anhänglichkeiten und Lebensverhältnisse . - Und was sagen Sie hierzu ? « richtete sie ihre Frage an den Architekten . » Ich möchte « , versetzte dieser , » in einer solchen Sache weder streiten noch den Ausschlag geben . Lassen Sie mich das , was meiner Kunst , meiner Denkweise am nächsten liegt , bescheidentlich äußern . Seitdem wir nicht mehr so glücklich sind , die Reste eines geliebten Gegenstandes eingeurnt an unsere Brust zu drücken , da wir weder reich noch heiter genug sind , sie unversehrt in großen , wohlausgezierten Sarkophagen zu verwahren , ja da wir nicht einmal in den Kirchen mehr Platz für uns und für die Unsrigen finden , sondern hinaus ins Freie gewiesen sind , so haben wir alle Ursache , die Art und Weise , die Sie , meine gnädige Frau , eingeleitet haben , zu billigen . Wenn die Glieder einer Gemeinde reihenweise nebeneinander liegen , so ruhen sie bei und unter den Ihrigen ; und wenn die Erde uns einmal aufnehmen soll , so finde ich nichts natürlicher und reinlicher , als daß man die zufällig entstandenen , nach und nach zusammensinkenden Hügel ungesäumt vergleiche und so die Decke , indem alle sie tragen , einem jeden leichter gemacht werde . « » Und ohne irgendein Zeichen des Andenkens , ohne irgend etwas , das der Erinnerung entgegenkäme , sollte das alles so vorübergehen ? « versetzte Ottilie . » Keineswegs ! « fuhr der Architekt fort ; » nicht vom Andenken , nur vom Platze soll man sich lossagen . Der Baukünstler , der Bildhauer sind höchlich interessiert , daß der Mensch von ihnen , von ihrer Kunst , von ihrer Hand eine Dauer seines Daseins erwarte ; und deswegen wünschte ich gut gedachte , gut ausgeführte Monumente , nicht einzeln und zufällig ausgesäet , sondern an einem Orte aufgestellt , wo sie sich Dauer versprechen können . Da selbst die Frommen und Hohen auf das Vorrecht Verzicht tun , in den Kirchen persönlich zu ruhen , so stelle man wenigstens dort oder in schönen Hallen um die Begräbnisplätze Denkzeichen , Denkschriften auf . Es gibt tausenderlei Formen , die man ihnen vorschreiben , tausenderlei Zieraten , womit man sie ausschmücken kann . « » Wenn die Künstler so reich sind , « versetzte Charlotte , » so sagen Sie mir doch : Wie kann man sich niemals aus der Form eines kleinlichen Obelisken , einer abgestutzten Säule und eines Aschenkrugs herausfinden ? Anstatt der tausend Erfindungen , deren Sie sich rühmen , habe ich immer nur tausend Wiederholungen gesehen . « » Das ist wohl bei uns so , « entgegnete ihr der Architekt , » aber nicht überall . Und überhaupt mag es mit der Erfindung und der schicklichen Anwendung eine eigne Sache sein . Besonders hat es in diesem Falle manche Schwierigkeit , einen ernsten Gegenstand zu erheitern und bei einem unerfreulichen nicht ins Unerfreuliche zu geraten . Was Entwürfe zu Monumenten aller Art betrifft , deren habe ich viele gesammelt und zeige sie gelegentlich ; doch bleibt immer das schönste Denkmal des Menschen eigenes Bildnis . Dieses gibt mehr als irgend etwas anders einen Begriff von dem , was er war ; es ist der beste Text zu vielen oder wenigen Noten ; nur müßte es aber auch in seiner besten Zeit gemacht sein , welches gewöhnlich versäumt wird . Niemand denkt daran , lebende Formen zu erhalten , und wenn es geschieht , so geschieht es auf unzulängliche Weise . Da wird ein Toter geschwind noch abgegossen und eine solche Maske auf einen Block gesetzt , und das heißt man eine Büste . Wie selten ist der Künstler imstande , sie völlig wiederzubeleben ! « » Sie haben , ohne es vielleicht zu wissen und zu wollen , « versetzte Charlotte , » dies Gespräch ganz zu meinen Gunsten gelenkt . Das Bild eines Menschen ist doch wohl unabhängig ; überall , wo es steht , steht es für sich , und wir werden von ihm nicht verlangen , daß es die eigentliche Grabstätte bezeichne . Aber soll ich Ihnen eine wunderliche Empfindung bekennen ? Selbst gegen die Bildnisse habe ich eine Art von Abneigung ; denn sie scheinen mir immer einen stillen Vorwurf zu machen ; sie deuten auf etwas Entferntes , Abgeschiedenes und erinnern mich , wie schwer es sei , die Gegenwart recht zu ehren . Gedenkt man , wieviel Menschen man gesehen , gekannt , und gesteht sich , wie wenig wir ihnen , wie wenig sie uns gewesen , wie wird uns da zumute ! Wir begegnen dem Geistreichen , ohne uns mit ihm zu unterhalten , dem Gelehrten , ohne von ihm zu lernen , dem Gereisten , ohne uns zu unterrichten , dem Liebevollen , ohne ihm etwas Angenehmes zu erzeigen . Und leider ereignet sich dies nicht bloß mit den Vorübergehenden . Gesellschaften und Familien betragen sich so gegen ihre liebsten Glieder , Städte gegen ihre würdigsten Bürger , Völker gegen ihre trefflichsten Fürsten , Nationen gegen ihre vorzüglichsten Menschen . Ich hörte fragen , warum man von den Toten so unbewunden Gutes sage , von den Lebenden immer mit einer gewissen Vorsicht . Es wurde geantwortet : weil wir von jenen nichts zu befürchten haben und diese uns noch irgendwo in den Weg kommen könnten . So unrein ist die Sorge für das Andenken der andern ; es ist meist nur ein selbstischer Scherz , wenn es dagegen ein heiliger Ernst wäre , seine Verhältnisse gegen die Überbliebenen immer lebendig und tätig zu erhalten . « Zweites Kapitel Aufgeregt durch den Vorfall und die daran sich knüpfenden Gespräche , begab man sich des andern Tages nach dem Begräbnisplatz , zu dessen Verzierung und Erheiterung der Architekt manchen glücklichen Vorschlag tat . Allein auch auf die Kirche sollte sich seine Sorgfalt erstrecken , auf ein Gebäude , das gleich anfänglich seine Aufmerksamkeit an sich gezogen hatte . Diese Kirche stand seit mehrern Jahrhunderten , nach deutscher Art und Kunst in guten Maßen errichtet und auf eine glückliche Weise verziert . Man konnte wohl nachkommen , daß der Baumeister eines benachbarten Klosters mit Einsicht und Neigung sich auch an diesem kleineren Gebäude bewährt , und es wirkte noch immer ernst und angenehm auf den Betrachter , obgleich die innere neue Einrichtung zum protestantischen Gottesdienste ihm etwas von seiner Ruhe und Majestät genommen hatte . Dem Architekten fiel es nicht schwer , sich von Charlotten eine mäßige Summe zu erbitten , wovon er das Äußere sowohl als das Innere im altertümlichen Sinne herzustellen und mit dem davorliegenden Auferstehungsfelde zur Übereinstimmung zu bringen gedachte . Er hatte selbst viel Handgeschick , und einige Arbeiter , die noch am Hausbau beschäftigt waren , wollte man gern so lange beibehalten , bis auch dieses fromme Werk vollendet wäre . Man war nunmehr in dem Falle , das Gebäude selbst mit allen Umgebungen und Angebäuden zu untersuchen , und da zeigte sich zum größten Erstaunen und Vergnügen des Architekten eine wenig bemerkte kleine Seitenkapelle von noch geistreichern und leichtern Maßen , von noch gefälligern und fleißigern Zieraten . Sie enthielt zugleich manchen geschnitzten und gemalten Rest jenes älteren Gottesdienstes , der mit mancherlei Gebild und Gerätschaft die verschiedenen Feste zu bezeichnen und jedes auf seine eigne Weise zu feiern wußte . Der Architekt konnte nicht unterlassen , die Kapelle sogleich in seinen Plan mit hereinzuziehen und besonders diesen engen Raum als ein Denkmal voriger Zeiten und ihres Geschmacks wiederherzustellen . Er hatte sich die leeren Flächen nach seiner Neigung schon verziert gedacht und freute sich , dabei sein malerisches Talent zu üben ; allein er machte seinen Hausgenossen fürs erste ein Geheimnis davon . Vor allem andern zeigte er versprochenermaßen den Frauen die verschiedenen Nachbildungen und Entwürfe von alten Grabmonumenten , Gefäßen und andern dahin sich nähernden Dingen , und als man im Gespräch auf die einfachern Grabhügel der nordischen Völker zu reden kam , brachte er seine Sammlung von mancherlei Waffen und Gerätschaften , die darin gefunden worden , zur Ansicht . Er hatte alles sehr reinlich und tragbar in Schubladen und Fächern auf eingeschnittenen , mit Tuch überzogenen Brettern , so daß diese alten , ernsten Dinge durch seine Behandlung etwas Putzhaftes annahmen und man mit Vergnügen darauf wie auf die Kästchen eines Modehändlers hinblickte . Und da er einmal im Vorzeigen war , da die Einsamkeit eine Unterhaltung forderte , so pflegte er jeden Abend mit einem Teil seiner Schätze hervorzutreten . Sie waren meistenteils deutschen Ursprungs : Brakteaten , Dickmünzen , Siegel und was sonst sich noch anschließen mag . Alle diese Dinge richteten die Einbildungskraft gegen die ältere Zeit hin , und da er zuletzt mit den Anfängen des Drucks , Holzschnitten und den ältesten Kupfern seine Unterhaltung zierte und die Kirche täglich auch , jenem Sinne gemäß , an Farbe und sonstiger Auszierung gleichsam der Vergangenheit entgegenwuchs , so mußte man sich beinahe selbst fragen , ob man denn wirklich in der neueren Zeit lebe , ob es nicht ein Traum sei , daß man nunmehr in ganz andern Sitten , Gewohnheiten , Lebensweisen und Überzeugungen verweile . Auf solche Art vorbereitet , tat ein größeres Portefeuille , das er zuletzt herbeibrachte , die beste Wirkung . Es enthielt zwar meist nur umrissene Figuren , die aber , weil sie auf die Bilder selbst durchgezeichnet waren , ihren altertümlichen Charakter vollkommen erhalten hatten , und diesen , wie einnehmend fanden ihn die Beschauenden ! Aus allen Gestalten blickte nur das reinste Dasein hervor ; alle mußte man , wo nicht für edel , doch für gut ansprechen . Heitere Sammlung , willige Anerkennung eines Ehrwürdigen über uns , stille Hingebung in Liebe und Erwartung war auf allen Gesichtern , in allen Gebärden ausgedrückt . Der Greis mit dem kahlen Scheitel , der reichlockige Knabe , der muntere Jüngling , der ernste Mann , der verklärte Heilige , der schwebende Engel , alle schienen selig in einem unschuldigen Genügen , in einem frommen Erwarten . Das Gemeinste , was geschah , hatte einen Zug von himmlischem Leben , und eine gottesdienstliche Handlung schien ganz jeder Natur angemessen . Nach einer solchen Region blicken wohl die meisten wie nach einem verschwundenen goldenen Zeitalter , nach einem verlorenen Paradiese hin . Nur vielleicht Ottilie war in dem Fall , sich unter ihresgleichen zu fühlen . Wer hätte nun widerstehen können , als der Architekt sich erbot , nach dem Anlaß dieser Urbilder die Räume zwischen den Spitzbogen der Kapelle auszumalen und dadurch sein Andenken entschieden an einem Orte zu stiften , wo es ihm so gut gegangen war . Er erklärte sich hierüber mit einiger Wehmut ; denn er konnte nach der Lage der Sache wohl einsehen , daß sein Aufenthalt in so vollkommener Gesellschaft nicht immer dauern könne , ja vielleicht bald abgebrochen werden müsse . Übrigens waren diese Tage zwar nicht reich an Begebenheiten , doch voller Anlässe zu ernsthafter Unterhaltung . Wir nehmen daher Gelegenheit , von demjenigen , was Ottilie sich daraus in ihren Heften angemerkt , einiges mitzuteilen , wozu wir keinen schicklichern Übergang finden als durch ein Gleichnis , das sich uns beim Betrachten ihrer liebenswürdigen Blätter aufdringt . Wir hören von einer besondern Einrichtung bei der englischen Marine . Sämtliche Tauwerke der königlichen Flotte , vom stärksten bis zum schwächsten , sind dergestalt gesponnen , daß ein roter Faden durch das Ganze durchgeht , den man nicht herauswinden kann , ohne alles aufzulösen , und woran auch die kleinsten Stücke kenntlich sind , daß sie der Krone gehören . Ebenso zieht sich durch Ottiliens Tagebuch ein Faden der Neigung und Anhänglichkeit , der alles verbindet und das Ganze bezeichnet . Dadurch werden diese Bemerkungen , Betrachtungen , ausgezogenen Sinnsprüche und was sonst vorkommen mag , der Schreibenden ganz besonders eigen und für sie von Bedeutung . Selbst jede einzelne von uns ausgewählte und mitgeteilte Stelle gibt davon das entschiedenste Zeugnis . Aus Ottiliens Tagebuche Neben denen dereinst zu ruhen , die man liebt , ist die angenehmste Vorstellung , welche der Mensch haben kann , wenn er einmal über das Leben hinausdenkt . » Zu den Seinigen versammelt werden « ist ein so herzlicher Ausdruck . Es gibt mancherlei Denkmale und Merkzeichen , die uns Entfernte und Abgeschiedene näher bringen . Keins ist von der Bedeutung des Bildes . Die Unterhaltung mit einem geliebten Bilde , selbst wenn es unähnlich ist , hat was Reizendes , wie es manchmal etwas Reizendes hat , sich mit einem Freunde streiten . Man fühlt auf eine angenehme Weise , daß man zu zweien ist und doch nicht auseinander kann . Man unterhält sich manchmal mit einem gegenwärtigen Menschen als mit einem Bilde . Er braucht nicht zu sprechen , uns nicht anzusehen , sich nicht mit uns zu beschäftigen ; wir sehen ihn , wir fühlen unser Verhältnis zu ihm , ja sogar unsere Verhältnisse zu ihm können wachsen , ohne daß er etwas dazu tut , ohne daß er etwas davon empfindet , daß er sich eben bloß zu uns wie ein Bild verhält . Man ist niemals mit einem Porträt zufrieden von Personen , die man kennt . Deswegen habe ich die Porträtmaler immer bedauert . Man verlangt so selten von den Leuten das Unmögliche , und gerade von diesen fordert mans . Sie sollen einem jeden sein Verhältnis zu den Personen , seine Neigung und Abneigung mit in ihr Bild aufnehmen ; sie sollen nicht bloß darstellen , wie sie einen Menschen fassen , sondern wie jeder ihn fassen würde . Es nimmt mich nicht wunder , wenn solche Künstler nach und nach verstockt , gleichgültig und eigensinnig werden . Daraus möchte denn entstehen , was wollte , wenn man nur nicht gerade darüber die Abbildungen so mancher lieben und teuren Menschen entbehren müßte . Es ist wohl wahr , die Sammlung des Architekten von Waffen und alten Gerätschaften , die nebst dem Körper mit hohen Erdhügeln und Felsenstücken zugedeckt waren , bezeugt uns , wie unnütz die Vorsorge des Menschen sei für die Erhaltung seiner Persönlichkeit nach dem Tode . Und so widersprechend sind wir ! Der Architekt gesteht , selbst solche Grabhügel der Vorfahren geöffnet zu haben , und fährt dennoch fort , sich mit Denkmälern für die Nachkommen zu beschäftigen . Warum soll man es aber so streng nehmen ? Ist denn alles , was wir tun , für die Ewigkeit getan ? Ziehen wir uns nicht morgens an , um uns abends wieder auszuziehen ? Verreisen wir nicht , um wiederzukehren ? Und warum sollten wir nicht wünschen , neben den Unsrigen zu ruhen , und wenn es auch nur für ein Jahrhundert wäre ? Wenn man die vielen versunkenen , die durch Kirchgänger abgetretenen Grabsteine , die über ihren Grabmälern selbst zusammengestürzten Kirchen erblickt , so kann einem das Leben nach dem Tode doch immer wie ein zweites Leben vorkommen , in das man nun im Bilde , in der Überschrift eintritt und länger darin verweilt als in dem eigentlichen lebendigen Leben . Aber auch dieses Bild , dieses zweite Dasein verlischt früher oder später . Wie über die Menschen , so auch über die Denkmäler läßt sich die Zeit ihr Recht nicht nehmen . Drittes Kapitel Es ist eine so angenehme Empfindung , sich mit etwas zu beschäftigen , was man nur halb kann , daß niemand den Dilettanten schelten sollte , wenn er sich mit einer Kunst abgibt , die er nie lernen wird , noch den Künstler tadeln dürfte , wenn er über die Grenze seiner Kunst hinaus in einem benachbarten Felde sich zu ergehen Lust hat . Mit so billigen Gesinnungen betrachten wir die Anstalten des Architekten zum Ausmalen der Kapelle . Die Farben waren bereitet , die Maße genommen , die Kartone gezeichnet ; allen Anspruch auf Erfindung hatte er aufgegeben ; er hielt sich an seine Umrisse : nur die sitzenden und schwebenden Figuren geschickt auszuteilen , den Raum damit geschmackvoll auszuzieren , war seine Sorge . Das Gerüste stand , die Arbeit ging vorwärts , und da schon einiges , was in die Augen fiel , erreicht war , konnte es ihm nicht zuwider sein , daß Charlotte mit Ottilien ihn besuchte . Die lebendigen Engelsgesichter , die lebhaften Gewänder auf dem blauen Himmelsgrunde erfreuten das Auge , indem ihr stilles frommes Wesen das Gemüt zur Sammlung berief und eine sehr zarte Wirkung hervorbrachte . Die Frauen waren zu ihm aufs Gerüst gestiegen , und Ottilie bemerkte kaum , wie abgemessen leicht und bequem das alles zuging , als sich in ihr das durch frühern Unterricht Empfangene mit einmal zu entwickeln schien , sie nach Farbe und Pinsel griff und auf erhaltene Anweisung ein faltenreiches Gewand mit soviel Reinlichkeit als Geschicklichkeit anlegte . Charlotte , welche gern sah , wenn Ottilie sich auf irgendeine Weise beschäftigte und zerstreute , ließ die beiden gewähren und ging , um ihren eigenen Gedanken nachzuhängen , um ihre Betrachtungen und Sorgen , die sie niemanden mitteilen konnte , für sich durchzuarbeiten . Wenn gewöhnliche Menschen , durch gemeine Verlegenheiten des Tags zu einem leidenschaftlich ängstlichen Betragen aufgeregt , uns ein mitleidiges Lächeln abnötigen , so betrachten wir dagegen mit Ehrfurcht ein Gemüt , in welchem die Saat eines großen Schicksals ausgesäet worden , das die Entwicklung dieser Empfängnis abwarten muß und weder das Gute noch das Böse , weder das Glückliche noch das Unglückliche , was daraus entspringen soll , beschleunigen darf und kann . Eduard hatte durch Charlottens Boten , den sie ihm in seine Einsamkeit gesendet , freundlich und teilnehmend , so aber doch eher gefaßt und ernst als zutraulich und liebevoll , geantwortet . Kurz darauf war Eduard verschwunden , und seine Gattin konnte zu keiner Nachricht von ihm gelangen , bis sie endlich von ungefähr seinen Namen in den Zeitungen fand , wo er unter denen , die sich bei einer bedeutenden Kriegsgelegenheit hervorgetan hatten , mit Auszeichnung genannt war . Sie wußte nun , welchen Weg er genommen hatte , sie erfuhr , daß er großen Gefahren entronnen war ; allein sie überzeugte sich sogleich , daß er größere aufsuchen würde , und sie konnte sich daraus nur allzusehr deuten , daß er in jedem Sinne schwerlich vom Äußersten würde zurückzuhalten sein . Sie trug diese Sorgen für sich allein immer in Gedanken und mochte sie hin und wider legen , wie sie wollte , so konnte sie doch bei keiner Ansicht Beruhigung finden . Ottilie , von alledem nichts ahnend , hatte indessen zu jener Arbeit die größte Neigung gefaßt und von Charlotten gar leicht die Erlaubnis erhalten , regelmäßig darin fortfahren zu dürfen . Nun ging es rasch weiter , und der azurne Himmel war bald mit würdigen Bewohnern bevölkert . Durch eine anhaltende Übung gewannen Ottilie und der Architekt bei den letzten Bildern mehr Freiheit ; sie wurden zusehends besser . Auch die Gesichter , welche dem Architekten zu malen allein überlassen war , zeigten nach und nach eine ganz besondere Eigenschaft ; sie fingen sämtlich an , Ottilien zu gleichen . Die Nähe des schönen Kindes mußte wohl in die Seele des jungen Mannes , der noch keine natürliche oder künstlerische Physiognomie vorgefaßt hatte , einen so lebhaften Eindruck machen , daß ihm nach und nach auf dem Wege vom Auge zur Hand nichts verlorenging , ja daß beide zuletzt ganz gleichstimmig arbeiteten . Genug , eins der letzten Gesichtchen glückte vollkommen , so daß es schien , als wenn Ottilie selbst aus den himmlischen Räumen heruntersähe . An dem Gewölbe war man fertig ; die Wände hatte man sich vorgenommen einfach zu lassen und nur mit einer hellern bräunlichen Farbe zu überziehen ; die zarten Säulen und künstlichen bildhauerischen Zieraten sollten sich durch eine dunklere auszeichnen . Aber wie in solchen Dingen immer eins zum andern führt , so wurden noch Blumen und Fruchtgehänge beschlossen , welche Himmel und Erde gleichsam zusammenknüpfen sollten . Hier war nun Ottilie ganz in ihrem Felde . Die Gärten lieferten die schönsten Muster , und obschon die Kränze sehr reich ausgestattet wurden , so kam man doch früher , als man gedacht hatte , damit zustande . Noch sah aber alles wüste und roh aus . Die Gerüste waren durcheinander geschoben , die Bretter übereinander geworfen , der ungleiche Fußboden durch mancherlei vergossene Farben noch mehr verunstaltet . Der Architekt erbat sich nunmehr , daß die Frauenzimmer ihm acht Tage Zeit lassen und bis dahin die Kapelle nicht betreten möchten . Endlich ersuchte er sie an einem schönen Abende , sich beiderseits dahin zu verfügen ; doch wünschte er , sie nicht begleiten zu dürfen , und empfahl sich sogleich . » Was er uns auch für eine Überraschung zugedacht haben mag , « sagte Charlotte , als er weggegangen war , » so habe ich doch gegenwärtig keine Lust hinunterzugehen . Du nimmst es wohl allein über dich und gibst mir Nachricht . Gewiß hat er etwas Angenehmes zustande gebracht . Ich werde es erst in deiner Beschreibung und dann gern in der Wirklichkeit genießen . « Ottilie , die wohl wußte , daß Charlotte sich in manchen Stücken acht nahm , alle Gemütsbewegungen vermied und besonders nicht überrascht sein wollte , begab sich sogleich allein auf den Weg und sah sich unwillkürlich nach dem Architekten um , der aber nirgends erschien und sich mochte verborgen haben . Sie trat in die Kirche , die sie offen fand . Diese war schon früher fertig , gereinigt und eingeweiht . Sie trat zur Türe der Kapelle , deren schwere , mit Erz beschlagene Last sich leicht vor ihr auftat und sie in einem bekannten Raume mit einem unerwarteten Anblick überraschte . Durch das einzige hohe Fenster fiel ein ernstes , buntes Licht herein ; denn es war von farbigen Gläsern anmutig zusammengesetzt . Das Ganze erhielt dadurch einen fremden Ton und bereitete zu einer eigenen Stimmung . Die Schönheit des Gewölbes und der Wände ward durch die Zierde des Fußbodens erhöht , der aus besonders geformten , nach einem schönen Muster gelegten , durch eine gegossene Gipsfläche verbundenen Ziegelsteinen bestand . Diese sowohl als die farbigen Scheiben hatte der Architekt heimlich bereiten lassen und konnte nun in kurzer Zeit alles zusammenfügen . Auch für Ruheplätze war gesorgt . Es hatten sich unter jenen kirchlichen Altertümern einige schön geschnitzte Chorstühle vorgefunden , die nun gar schicklich an den Wänden angebracht umherstanden . Ottilie freute sich der bekannten , ihr als ein unbekanntes Ganze entgegentretenden Teile . Sie stand , ging hin und wider , sah und besah ; endlich setzte sie sich auf einen der Stühle , und es schien ihr , indem sie auf- und umherblickte , als wenn sie wäre und nicht wäre , als wenn sie sich empfände und nicht empfände , als wenn dies alles vor ihr , sie vor sich selbst verschwinden sollte ; und nur als die Sonne das bisher sehr lebhaft beschienene Fenster verließ , erwachte Ottilie vor sich selbst und eilte nach dem Schlosse . Sie verbarg sich nicht , in welche sonderbare Epoche diese Überraschung gefallen sei . Es war der Abend vor Eduards Geburtstage . Diesen hatte sie freilich ganz anders zu feiern gehofft . Wie sollte nicht alles zu diesem Feste geschmückt sein ! Aber nunmehr stand der ganze herbstliche Blumenreichtum ungepflückt . Diese Sonnenblumen wendeten noch immer ihr Angesicht gen Himmel , diese Astern sahen noch immer still bescheiden vor sich hin , und was allenfalls davon zu Kränzen gebunden war , hatte zum Muster gedient , einen Ort auszuschmücken , der , wenn er nicht bloß eine Künstlergrille bleiben , wenn er zu irgend etwas genutzt werden sollte , nur zu einer gemeinsamen Grabstätte geeignet schien . Sie mußte sich dabei der geräuschvollen Geschäftigkeit erinnern , mit welcher Eduard ihr Geburtsfest gefeiert ; sie mußte des neugerichteten Hauses gedenken , unter dessen Decke man sich soviel Freundliches versprach . Ja das Feuerwerk rauschte ihr wieder vor Augen und Ohren , je einsamer sie war , desto mehr vor der Einbildungskraft ; aber sie fühlte sich auch nur um desto mehr allein . Sie lehnte sich nicht mehr auf seinen Arm und hatte keine Hoffnung , an ihm jemals wieder eine Stütze zu finden . Aus Ottiliens Tagebuche Eine