Stunde segnen , die uns - für immer - scheidet ? Ach Junia , ich vermag es nicht ! Jetzt , in dem Augenblicke wo der Himmel das Gebet erhört , das ich in der Angst meines Herzens oft zu ihm sandte , wo der Zweifel an meines Freundes Offenheit , an seiner ausschließenden Liebe mir die Trennung erleichtern sollte , jetzt fühle ich alle Kräfte schwinden , und ich zittere vor dem Gedanken , ihn nicht mehr zusehen , vor dem Gedanken , daß er mich nicht so ausschließend liebt , als ich glaubte . Was wirst du von mir denken , wenn du dich der vielen Stellen erinnerst , wo ich in plötzlicher Aufwallung von Selbstverläugnung betheuerte , daß ich es gelassen ansehen wollte , wenn er mich vergäße , um ruhig und glücklich zu seyn ? Wie so schwach ist das menschliche Herz , wie so ganz aus Widersprüchen zusammengesetzt ! Wie so gar nichts ist unsere Tugend , wenn die Vorsicht sie auf eine ernste Probe setzt ! Das Schicksal scheint mich bei dem raschgesprochenen Wort zu nehmen . Es ist möglich , daß er eine Andere liebt - und ich schaudere vor der Erfüllung rechtmäßiger Wünsche , die ich einst so herzlich wünschte . Ach , warum hat ein unvorgesehener Zufall , wie du mir neulich schriebst , Apelles Ankunft verzögert ? Gewiß , Junia ! ich wäre nicht so schwach , so elend , wenn der Geist dieses Mannes meine sinkende Seele aufrecht hielte . Er wird kommen , schreibst du , ach wann - und nach welchen Auftritten ! In fünf Tagen gehe ich mit meinem Gemahl nach unserm einsamen Landgute Trachene ab . In der traurigsten Jahrszeit , in ununterbrochener Einsamkeit wird dort mein Leben an der Seite eines kränklichen , und durch sein Schicksal gebeugten Greises verfließen . Könnte mich Apelles dort besuchen , so würden meine Wunden sich stiller verbluten , und vielleicht eine Spur des Friedens wieder in mein Herz einkehren , der jetzt vor so viel Stürmen entflohen ist , und den ich einst unter allen Leiden so sorglich bewahrt habe . Sage ihm das , meine Junia ! sage ihm , wie es mit mir ist , und wie sehr ich den Abgang eines weisen , festgesinnten Freundes fühle , dessen richtiger Sinn mein schwankendes Gemüth in den gehörigen Schranken halte . Deinen nächsten Brief sende nach Trachene . Leb ' wohl . 29. Agathokles an Phocion . Nikomedien , im Nov . 301 . Ich bin von Larissen getrennt ! Der Wunsch , den meine Vernunft seit jenem Zufall , der uns vereinigte , meinem Herzen aufgedrungen hat , ist erfüllt , meine Fesseln sind zerbrochen , ich bin frei . Keine verführerische Gegenwart macht die stolzen Vorsätze , die ich in einsamen Stunden faßte , zu nichte , kein mildes , herzliches Betragen fordert meine Seelenkräfte zum Kampfe auf , es ist nicht mehr die schreckliche Wahl zwischen Tod und Verrath , die vor mir liegt . Der Weg der Pflicht steht offen , ich habe ihn mir zum Theile selbst gebahnt , ich habe ihn muthig betreten , und dennoch - dennoch fühle ich mich sehr unglücklich . Daß ich nicht mehr beim Heere bin , wird dir der Anfang meines Briefs gezeigt haben . Die Kabale hat gesiegt , Demetrius ist vom Commando entfernt ; das , was auf Schleichwegen nicht zu erhalten war , ist nun durch einen Machtspruch ertrotzt worden . Die Feinde des redlichen , vielleicht nur allzu gewissenhaften Demetrius haben selbst den hellsehenden Diocletian diesmal zu überlisten verstanden . Man hat ihm die Sache aus dem falschesten Gesichtspunkt gezeigt , und er hat gethan , was sie ihn thun lassen wollten , er hat dem Feldherrn das Commando genommen , und sein Nachfolger ist auf dem Wege . Demetrius gereiztes Ehrgefühl erlaubte ihm nicht , eine Würde langer zu behalten , die nichts mehr als ein hohler Name ohne Einfluß und Wirksamkeit war . Er hat seine Entlassung auf der Stelle gefordert , erhalten , und sich mit seiner Gemahlin in die Ruhe des Privatlebens zurückgezogen . Aber noch ehe sie Nisibis verließen , war der Plan , den ich , ohne zu ahnen , was das allzugefällige Schicksal für mich thun würde , entworfen hatte , zur Reise gekommen . Tiridates hatte auf mein Verlangen vom Galerius die Erlaubniß bewirkt , mich zu sich zu rufen . Ich erhielt den Brief nur um acht Tage später , als Demetrius den seinigen . Er war nun vergeblich , denn die Trennung von Larissen stand wir ohnedies bevor . Indessen , so weh es mir that , die letzten schönen Tage meines Lebens verkürzen zu müssen , so rief doch eine heilige Pflicht , die Pflicht der Menschlichkeit gegen eine Unglückliche , und die Gefahr eines Freundes , der am Rande des Abgrunds stand , mich eilig nach Nikomedien . Zwei Tage war es mir noch vergönnt , bei Larissen zuzubringen . Ich genoß sie mit eifersüchtigem Geize , ich war den ganzen Tag um sie , ich labte mich in den letzten Strahlen der scheidenden Sonne meines Glückes , ich wich nicht von Larissens Seite , ich verbannte den schmerzlichen Zwang , der mich so lange Zeit von ihr entfernt gehalten hatte , ich wollte noch einmal ganz glücklich seyn - und sie verstand die heißen Wünsche meines Herzens . Mit dem Zutrauen einer Schwester , mit der Innigkeit einer Freundin behandelte sie mich , so offen , so gütige so schonend ! O Phocion ! Was ist sie für ein Wesen ! Hingegeben mit aller Wärme einer ersten unglücklichen Leidenschaft , und doch so rein , so streng ! Die Engel , die sie glaubt , können nicht sanfter , nicht unschuldiger lieben . Was bin ich gegen sie ! Auf welcher Höhe erscheint der stille Frieden dieser Seele , die ergebene Geduld , mit der sie ihr schweres Schicksal trägt , der Reichthum ihres Herzens , das , von eigenen Leiden zerrissen , doch noch Trost und Schonung für den Freund , noch zärtliche Achtung und kindliche Sorgfalt für einen mürrischen , kummervollen Greis hat ! Ich werde sie vielleicht nie wieder sehen . In diesem Bewußtseyn haben wir uns getrennt . Demetrius entließ mich mit väterlicher Liebe , mit Thränen ; ich empfing knieend seinen Segen . Er gab ihn mir als Vater , als Christ , und ich konnte mich nicht enthalten , die Hand , die das Zeichen des Kreuzes ( dies Symbol der Christen ) über mein Haupt machte , mit kindlicher , dankbarer Rührung zu küssen . Es ist keine Täuschung . Das Christenthum erhebt den Menschen zu einer bisher unbekannten Würde , und in diesem selbstsüchtigen Zeitalter , wo alle höheren Gefühle abgestorben , und die einzige Tugend , die einst die Menschen über den Staub erhob , die Vaterlandsliebe , ein nichtiges Gespenst geworden ist , scheint alle Seelen-Größe , alle Fähigkeit sich über das Sinnliche emporzuschwingen , in den kleinen Kreis der Christen sich zurückgezogen zu haben . Sie verzeihen ihren Feinden , sie beten für ihre Verfolger , indessen der größte Theil der Menschen Wiedervergeltung für erlaubt hält , und einige philosophische Secten Zorn und Rachgier als erhabene Aeußerungen unserer Seelenkräfte preisen und empfehlen . Ich habe hier in Nikomedien sogleich Geschäfte gefunden , die mich auf eine unangenehme Art von der wehmüthig süßen Beschäftigung mit Larissens Andenken abriefen . Tiridates allzuweicher Sinn hat nicht vermocht , den Lockungen der Wollust zu widerstehen . Er war tief , tief gefallen . Es hat mich geschmerzt , ihn so zu finden . Doch sah ich auch mit Vergnügen , wie viel Kraft in diesem Geiste ist . Die Stimme der Tugend hat noch Macht über ihn ; er hat sich ermannt , er hat entehrende Fesseln gesprengt , und wird zu seiner Pflicht zurückkehren . Es ist seltsam , wie in manchen Seelen die widersprechendsten Eigenschaften , die sich einander aufzuheben scheinen , Platz finden können . Tiridates ist eine von diesen schwankenden , oder reichen Naturen . Noch eben mit dem Plan zu einem Feldzug , mit würdigen Unternehmungen für seine künftige Herrschergröße beschäftigt , achtet er es nicht zu gering , mit eben so viel Ernst und Eifer den Plan zu einem üppigen Feste zu entwerfen , liegt jetzt von Salben duftend , bekränzt , auf Persischen Teppichen ein verächtlicher Weichling , und springt beim Schalle der Tuba auf , sich zu waffnen , stürzt in die Schlacht , und fordert den gemeinsten Krieger heraus , Mangel , Ungemach und Gefahren mit größerer Standhaftigkeit und gelassenerem Muthe zu ertragen . Es ist , als ob zwei Seelen ihn belebten . Die Ueppigkeit des Hofes , die Buhlerei verworfener Geschöpfe , und der Umgang mit herzlosen Wollüstlingen hatten die bessere Seele in ihm auf eine Weile unterdrückt ; jetzt hat sie sich wieder mächtig erhoben , er ist sogleich zum Heere abgegangen , und ich hoffe , es soll mir gelingen , ihn in dieser bessern Stimmung zu erhalten . Mein freundschaftliches Verhältniß zu Calpurnien hat sich wieder angeknüpft , sie hat mir in einer Angelegenheit geschrieben . Wahrlich , Phocion ! sie ist auch so ein Doppelwesen , ein weiblicher Tiridates in den Beschränkungen und Verhältnissen , die ihr Geschlecht nöthig macht . Ich kann ihr meine Achtung in gewisser Rücksicht nicht versagen ; aber ich kann ihre Art zu denken nicht billigen . Wie man hier erzählt , soll der Kaiser ihren Vater als Proconsul nach Nikomedien bestimmt haben , und die ganze Familie im Frühling hierher kommen . Ich weiß noch nicht , ob ich mich über die Erneuerung dieser Verbindung freuen , oder sie fürchten soll . Leb ' wohl ! 30. Calpurnia an Agathokles . Rom , im Nov . 301 . Die seltsamste Begebenheit von der Welt , eine Erscheinung , die schnell wie ein Blitz kam , und verschwand , und der ich noch staunend nachsehe , ohne recht zu wissen , ob ich nicht vielleicht geträumt habe , zwingt mich , schon wieder deine Güte und Freundschaft für meine Sulpicia in Anspruch zu nehmen . Sie ist fort - fort aus Bajä , aus Italien - und ich muß eilen , diesen Brief nachzusenden , und die Götter um günstige Winde anflehen , damit das Schiff , das ihn bringt , die eilige Flucht eines verliebten Paares überhole , und dich auf seine Erscheinung vorbereite . Vor drei Tagen saß ich gegen Abend in der Dämmerung in meinem Zimmer , als plötzlich meine Thür hastig aufgerissen wurde , und eine männliche Gestalt , die ich nicht sogleich erkannte , ungestüm auf mich zueilte . Ich gestehe dir , daß ich im ersten Augenblick erschrak ; denn ich vermuthete nichts anders , als einen Anschlag auf mein Geld , meine Habseligkeiten . Ich sprang daher auf , und lief an die entgegengesetzte Thür , um meine Sclavinnen zu rufen , als der Fremde mich erreicht hatte , und mein Name , von einer bekannten Stimme ausgesprochen , meine Schritte hemmte . Ich fühlte mich bei der Hand ergriffen , der Unbekannte lag zu meinen Füssen - es war Tiridates . Was bei dem schnellen Wechsel von Erstaunen , Schrecken und Freude in mir vorging , kann ich dir nicht beschreiben . Um aller Götter willen , wie kommst du hierher ? rief ich . » Lebt Sie - lebt meine unglückliche Sulpicia noch ? Kann sie mir verzeihen ? Darf ich sie sehen ? O ich bin hier , um Alles gut zu machen . Ich muß sie befreien , ihr Leiden enden . Sie muß mit mir fort . Mein Schiff liegt in Ostia . O führe mich zu ihr , versäume keinen Augenblick ! « Dieser ganze Redestrom floß ununterbrochen von seinen Lippen , ohne daß es mir möglich gewesen wäre , eine Sylbe einzuschalten . Als er fertig war , sagte ich endlich : Steh doch auf , fasse dich , und erzähle mir ordentlich und ruhig , wie das Alles ! zusammenhängt . Er folgte mir zu einem Sitze ; aber daß er sitzen geblieben wäre ! Zehnmal in einer Viertelstunde sprang er auf , zehnmal setzte er sich wieder hin , und unter Ausrufungen , Verwünschungen seiner selbst , des Schicksals und der Verwandten Sulpiciens erfuhr ich endlich , daß du ihm zuerst die Augen über seine Schuld geöffnet , daß deine Freundesstimme ihn von dem Abgrunde zurückgerufen , an dem er sorglos taumelte , daß du ihn dann mit Würde und Schonung Sulpiciens Lage errathen lassen , und erst , nachdem sein Herz von Selbsterkenntniß und Neue über Sulpiciens Leiden durchdrungen war , ihm ihren Brief gegeben hattest , mit Einem Wort , daß mein Freund so gehandelt hatte , wie ich es von ihm erwartete , und innigst und gerührt danke . Sehnsucht , Sulpicien zu sehen , deren Bild , durch deine Schilderungen lebhafter als je in seiner Brust erwacht war , stürmisches Verlangen , sie aus ihrer drückenden Lage zu befreien , und sein Unrecht wieder gut zu machen , hatten ihn hierauf zu dem rasenden Entschluß bestimmt , sogleich nach Italien zu segeln , und sie mit oder wider ihren Willen zu entführen . Dir hatte er nichts von diesem Vorhaben gesagt , weil er fürchtete , du möchtest es mißbilligen . Das Ungeheure dieses Plans machte mich ganz stumm ; es brauchte eine Weile , bis ich ihn begreifen , und ihm die Einwürfe machen konnte , die Vernunft und Kenntniß der Umstände mir eingaben . Umsonst ! Wie konnte ich es auch nur versuchen , einem solchen Feuerkopfe Etwas ausreden zu wollen , oder ihn von einem Vorsatze abzuhalten , der in diesem Gehirn entsprungen , von diesem Gemüth leidenschaftlich ergriffen worden war ? Alles , was ich erhalten konnte , war das Versprechen , Sulpiciens erschütterte Gesundheit zu schonen . Noch dieselbe Nacht reiste er ab . Zwei halbtodt gerittene Pferde bezeugten die unglaubliche Schnelligkeit , mit der er Bajä erreichte . Er wußte , daß sein Schiff nicht lange warten konnte , und weder in Rom noch Nikomedien sollte Jemand seine Anwesenheit , oder den Zweck seiner Reise erfahren . Heute Morgen brachte , ein alter Sclave Sulpiciens mir diesen Brief . Sulpicia an Calpurnien . Er ist hier . Ich bin geliebt ! Er kommt , mich zu befreien , ich folge ihm . Den Plan ist gewagt , aber göttlich . Wenn du dies liesest , schwimme ich weit von Italien mit ihm über die Fluten . Du wirst meinen Schritt fassen und nicht tadeln . Was die Welt sagen mag , kümmert mich nicht . Leb ' wohl ! Sie war also fort . Sie hatte eingewilligt . Ich wußte nicht , ob ich mich freuen oder betrüben sollte . Wenn ich auf der einen Seite den Trost hatte , ihre Lage geändert , und ihr Herz beruhigt zu wissen , so erschreckte mich auf der andern die Sorge für ihre Gesundheit auf einer solchen Reise , in einer solchen Jahreszeit , und die Furcht vor ihrer Zukunft , da sie nun in der weiten Welt keinen andern Schutz , keine Stütze hatte , als die Liebe und Treue eines so leidenschaftlichen , leichtsinnigen Menschen , von dessen Wankelmuth wir schon Proben genug haben . O was ist die Liebe , wenn sie einen solchen Grad erreicht , für ein schreckliches Feuer , das Ueberlegung , Ruhe , Leben , Alles verzehrt , was dem Menschen sonst lieb und theuer ist . Ohne Zweifel wird sie Tiridates nach Nikomedien führen ; du wirst sie vielleicht selbst sehen , oder doch leicht Nachricht erhalten . Laß - dies ist der eigentliche Zweck meines Briefs , die dringende Bitte der Freundschaft - laß dir meine Sulpicia empfohlen seyn . Wache über sie , wo ihre eigene Leidenschaft oder fremder Leichtsinn sie schutz- und wehrlos läßt . Sey ihr Freund , ihr Beschützer , ihr Rathgeber . Ja , wenn es dein Verhältniß zu Larissen gestattet , dessen wahre Beschaffenheit mir freilich der Ruf nicht ganz getreu mag berichtet haben , so versuche es , Sulpicien die Bekanntschaft und vielleicht den Schutz dieser Frau zu verschaffen . Könntest du dies , so wäre mein Herz eines großen Theils seiner Sorgen für diese mißleitete und bedauernswürdige Freundin los . Ich weiß , du wirst meine Bitte nicht übel deuten , und der Gedanke , einem hülflosen Wesen so viel zu seyn , als du Sulpicien jetzt in Asien werden kannst , ist reizend genug für dein Herz , um deine ganze Thätigkeit aufzufordern . Es wäre möglich , daß ich selbst bis nächsten Frühling nach Nikomedien käme . Man spricht davon , daß mein Vater das Proconsulat erhalten soll . Doppelt wichtig ist mir diese Aussicht jetzt , und ich werde mich sehr freuen , sie erfüllt , und mich mit so werthen Freunden , als du und meine Sulpicia sind , wieder vereinigt zu sehen . Leb ' wohl . 31. Sulpicia an Calpurnien . Corinth , im Nov . 301 . Zum ersten Mal nach einer pfeilschnellen Reise von acht Tagen genieße ich einige Stunden Erholung , und sie seyen dir geweiht , dir , du treue Freundin , du meine Wohlthäterin , meine Retterin ! Ja , das bist du , Calpurnia ! und mein Herz erkennt es mit dankbarer Rührung , und wird nie aufhören , dich zu lieben , und seine Verpflichtungen zu fühlen , selbst wenn Zufall und Umstände uns jede Hoffnung auf künftiges Wiedersehen rauben sollten . Meine Abreise von Bajä , welche die Stimme der Welt nicht unterlassen wird , Entführung , Flucht zu nennen , war so schnell beschlossen und ausgeführt , daß mir keine Zeit übrig blieb , dich weitläuftiger zu unterrichten , und dir die Unruhe der Ungewißheit zu ersparen . Alles , was ich dir senden konnte , waren ein Paar flüchtige Zeilen . Jetzt , da ich dies schreibe , wirst du bereits mehr wissen ; denn ich zweifle nicht , daß Serranus und mein Vater nicht gesäumt haben werden , bei meiner Mitverschwornen , wie sie dich nennen , genauere Erkundigungen über eine Begebenheit einzuziehen , von der sie dich gewiß vollkommen unterrichtet glauben . Es wird nicht auf die schonendste Art geschehen seyn ; auch dafür muß ich deine Verzeihung anflehen , obwohl ich dir nicht ungern eine kleine Buße für den warmen Schutz gönnte , den du vor einiger Zeit dem Serranus angedeihen ließest , als du sogar fandest , daß er ein recht erträglicher Mann sey , mit dem du ganz gut hättest leben können . Doch lassen wir Serranus , und Alle , die ihm beistanden . Meine Ketten sind zerbrochen . Ich bin frei ; und es ist nicht die Hand des ernsten Genius , der , seine Fackel senkend , mitleidig meinem Leiden ein Ende macht - ein schönerer fröhlicherer Gott hat die Fesseln gelöset , und seine hellleuchtende Fackel führte , wie das Gestirn der Dioscuren , unser Schiff dem sichern Zufluchtsorte zu . Und diese namenlose Seligkeit danke ich den drei Wesen , die mir auf der Welt am theuersten sind , dir , dem edlen Agathokles , und ihm - ihm , der aus der düstern Nacht der Zweifel und des Mißtrauens , schön und glänzend wie das Gestirn des Tages , hervortrat , alle Schatten verscheuchte , alle Thränen trocknete , und mich zur höchsten Wonne erhob . O wer nicht unglücklich war , wie ich , weiß einen solchen Uebergang nicht zu schätzen . Nur der befreite Sclave kennt das Glück , fessellos zu seyn , und ich war Sclavin , Sclavin im engsten , drückendsten Sinne des Wortes - denn auch mein Geist war gebunden . Jetzt bin ich frei , frei , meine Calpurnia , und im Arme der Liebe fühle ich die Seligkeit meines Daseins ! Doch ich soll dir ja erzählen und berichten , was mit mir vorging . Zehn Tage sind es jetzt , als ich am Morgen nach einer halbdurchweinten Nacht , matt und krank , auf meinem Bette lag . Da trat meine Chromis ein . Ein fröhlicheres Gesicht , als ich seit langer Zeit nicht an dieser treuen Seele sah , erweckte mich zuerst aus meinen düstern Gedanken . Eine Botschaft von dir , vielleicht Hoffnung auf deine Ankunft war das erste , das mir einfiel . - Was hast du ? gute Nachrichten aus Rom , von Calpurnien ? » Mitunter , aber auch von Weitem her , auch aus Asien . « Aus Asien rief ich heftig , was weißt du aus Asien ? » Der Prinz ist auf dem Wege nach Italien . « Nicht möglich ! Warum ? Weswegen ? - Ich war aufgesprungen , und stand zitternd vor Chromis . » Fasse dich , meine Gebieterin ! « sagte das gute Mädchen , und leitete mich zurück zu Meinem Bette . » Wie willst du den Verlauf meiner langen , langen Botschaft anhören , wenn die ersten Worte dich so erschüttern ? « O sprich , sprich ! Du tödtest mich durch dein Zaudern . Wo ist Tiridates ? » Nicht weit von hier ! « Was will er ? Was soll ich ? Er wird doch nicht - nach dem , was vorgefallen ist - » Er kömmt wahrscheinlich , um sich zu vertheidigen , und die bösen Gerüchte zu widerlegen , die man sich über ihn erzählt . « - Er kommt hierher ? Ich soll ihn sehen ? O ich kann nicht , ich kann nicht ! - » Doch , meine Gebieterin ! Du sollst ihn sehen , anhören , ihm verzeihen ! - - O du verzeihst ihm gewiß . Wer kann ihm denn zürnen , wenn man ihn sieht ? « Du hast ihn gesehen ? rief ich in der größten Erschütterung . Wo ist er - wo ? Und ich sprang auf ' s Neue auf , und wollte hinaus eilen , als Chromis mich zurück hielt : » Erlaube mir , meine Gebieterin ! dich an die Tageszeit , an deine Gesundheit zu erinnern . Die Sonne ist kaum aufgegangen , du bist leicht gekleidet , und wir sind allenthalben beobachtet . « Ich blieb stehen , aber Alles brannte und pochte in mir . Was soll ich denn thun ? rief ich endlich halbweinend aus : Was hast du mit mir vor ? - » Wenn du dich beruhigen , wenn du mich gelassen anhören willst , so will ich dir Alles erzählen . « Was war zu thun ? Diesmal mußte die Frau der Sclavin folgen . Ich ließ mich wie ein Kind von ihr leiten , und nun erzählte sie mir , daß man sie gestern Abends , als ich schon schlief , unter dem Vorwand , einer ihrer Verwandten warte im Gasthof des Dorfes auf sie , dahin gerufen habe . Sie ging , und war sehr erschrocken , statt ihres Vetters , einen vermummten Unbekannten zu finden , der sie auf eine geheimnißvolle Weise in einen Winkel des Hauses führte , und sich ihr dort zu erkennen gab . Er war es - mein Tiridates ! mein Befreier , meine rettende Gottheit ! Er war gekommen , mich zu befreien , er hatte dem stürmischen Meer in dieser Jahreszeit Trotz geboten , und einen gefährlichen Plan entworfen , um mich zu retten . O fühle , fühle , Calpurnia ! den Himmel , der in dem Gedanken liegt , so geliebt zu seyn ! und von einem Wesen , wie mein Tiridates ! Mein Tiridates ! Ich sage es mit Stolz und Götterlust - er ist mein ! Du , Calpurnia ! weißt nicht , was ich an ihm besitze ; du warst nur seine Freundin , nicht seine Geliebte , seine Braut . Ich weiß , du achtest und liebst ihn ; aber es ist nicht möglich , alle Tiefen dieses reichen , wunderbar ausgestatteten Herzens zu ergründen , wenn uns nicht die Hand der Liebe leitet . Wie er liebt , mit dieser Stärke und dieser Zartheit , dieser Kraft und dieser Hingebung , so liebt nur ein Mann und ein Mädchen zugleich . Er vereinigt beide Empfindungen in seiner Brust , er denkt wie ein Mann , und fühlt wie ein Weib . Er ist mir Alles - Alles auf der Welt ! Und ohne ihn ? O weg mit diesem schrecklichen Gedanken ! Ich habe genug gelitten ! - Doch nein , nein ! Ich habe nicht genug gelitten . So elend ich war , als Verdacht und Eifersucht meine Brust zerrissen , und sein Götter-Bild in dunkle Schatten hüllten , als der Leitstern meines Lebens verschwunden schien - ich war doch nicht unglücklich genug , um diese Seligkeit erkauft zu haben ! Und doch hat ihm mein Verdacht nicht ganz Unrecht gethan . Er hat mir Alles bekannt , vor mir auf den Knieen liegend , das schöne Gesicht in meine Hände verborgen , über die seine glänzenden Locken fielen , unendlich liebenswürdig in seiner Zärtlichkeit , unwiderstehlich in seiner Reue , hat er mir Alles erzählt . Ja , er war mir ungetreu ; aber sein Herz wußte nichts davon , nur seine Sinnen waren bestrickt . O dies Herz , das reich genug ist , zehn alltägliche Geschöpfe aus seiner Fülle überglücklich zu machen , behielt Raum genug für seine bessere Liebe , während einige gemeine Seelen im Sonnenblicke seines Wohlgefallens nach ihrer Art selig herumgaukelten . Und doch klagte er sich an , doch hat er sich mit einer Strenge beurtheilt , deren nur das zartfühlendste Weib fähig ist . O Calpurnia ! Was war das für eine Scene ? Nur um sie erlebt zu haben , lohnt es der Mühe , geboren zu seyn ! Wer sie erfahren hat , kann nie ganz unglücklich werden , denn er war im Olymp , er hat seinen Lohn voraus , das Schicksal mag später mit ihm beginnen , was es wolle . Vergib , Calpurnia , theure Geliebte , daß ich dir statt einer ordentlichen Erzählung Ausrufungen und Schilderungen meines Glückes schreibe ! Du hast so treu und thätig meine Leiden getheilt , du hast das erste heiligste Recht auf jede meiner Freuden . Mit Chromis , und nach ihrem Rathe , hatte er nun den Plan entworfen , mich noch denselben Tag zu befreien , wenn ich einwilligen wollte . Und wie hätte ich nicht sollen , wie nicht können ? - Ich ging um die Mittagsstunde mit Chromis unter dem Vorwande , zu versuchen , ob ich nicht im Meere baden könnte , an ' s Gestade hinaus . Ein paar Sclavinnen begleiteten uns , weil man Chromis längst mißtrauete , und sie nirgends allein mit mir hingehen ließ . An der schattigen Bucht , die uns in wärmern Tagen oft zu einem angenehmen Badeplatze gedient hatte , ließ ich , wie gewöhnlich , die Mädchen warten , und ging mit Chromis tiefer hinein . Man ahnete nichts , und ließ uns gehen . Aber am Ufer des Meeres lag ein Kahn , und in dem Kahn war ein Schiffer - Ach , Calpurnia ! Welcher Schiffer ! Vermummt , und jedem Auge unkenntlich konnte er doch das Auge der Liebe nicht täuschen . Ich sprang in ' s Schiff - ich lag in seinen Armen . Mit unbegreiflicher Stärke ruderte er allein den Kahn mit mir und Chromis durch die strudelnde Brandung , und brachte uns an das größere Schiff , das nicht weit davon hinter einem Felsen lag . Hier erst wagte ich es , mich meiner Rettung zu freuen . Hier erst fühlte ich , was ich ihm dankte , und wie mein ganzes Wesen , meine Freiheit , mein Leben , mein Glück sein Werk , das Geschenk seiner Hand war . Schön und lieblich war bisher , der Jahreszeit ungeachtet , unsere Fahrt . Wir haben Corinth ohne das mindeste Ungemach erreicht , und dieser glückliche Anfang soll meinem Herzen ein Zeichen von der dauernden Gunst der Götter seyn . Morgen gehen wir schon von hier weg . Ein Schiff , das nach Nikomedien bestimmt ist , liegt segelfertig im Hafen , wir werden es besteigen , und bald hoffe ich dir aus dieser Stadt zu schreiben , wie glücklich ich bin , und wie ich Agathokles gefunden habe , der jetzt dort seyn soll . Fordere nicht , meine theure Freundin ! daß ich dir eine Beschreibung der merkwürdigen Stadt und des heiligen Isthmus gebe , auf dem ich mich jetzt befinde . Für tausend Reisende mag das sehr wichtig seyn , mir ist es nichts . Ob ich auf einer wüsten Insel , oder in Corinth lebe , ist mir gleichgültig . Genug , ich lebe mit Tiridates ; er ist meine Welt , und in dieser versunken , verloren , was kümmert mich das Treiben der Menschen um mich ? Was vollends die Geschichten verflossener Jahrhunderte ? Aus Nikomedien hoffe ich dir etwas Bestimmteres über mein Schicksal sagen zu können . Leb ' wohl ! 32. Junia Marcella an Larissa . Apamäa , im Nov . 301 . Dieser Brief , meine geliebte Freundin ! wird kaum ein paar Tage vor unserm Lehrer und Freunde Apelles bei dir eintreffen . Endlich haben es seine Geschäfte erlaubt , den längst versprochenen Besuch bei dir abzulegen . In einer Rücksicht kommt er nun freilich zu spät ; er wird dich in deiner Einsamkeit zu Trachene , und nicht in der gefährlichen Nähe eines allzugeliebten Freundes finden . Das ist Fügung der Vorsicht , meine Theure ! Hierin erkenne ich ihren Finger , nicht in den kleinen Zufällen , die sich vereinigten , oder für dich zu vereinigen schienen , um ein Verhältniß fortdauern zu machen , das zu gefährlich war , als daß du dich lange hättest darüber täuschen können . Auch