alles zusammengefaßt , was ich über die Römer zu bemerken hatte , damit ich ungestörter in meiner Erzählung fortschreiten möchte . Sowohl die Herzogin als die Gräfin d ' Albania wurden sehr wenig von den Menschen um sie her berührt ; die erstere , weil sie nur nach der Weihe strebte , welche die Kunst verleiht , die letztere , weil sie sich durch den Umgang in dem Fluge gehemmt fühlte , den ihre Einbildungskraft zum Universum genommen hatte . Fleißig wurden die Tempel der Kunst besucht , deren Rom so viele hat ; aber verschieden waren die Eindrücke , welche die Schöpfungen der auserlesensten Geister auf uns machten . Die Gräfin d ' Albania begrüßte sie als Jugendgespielen , an welche wir uns selbst dann noch hingezogen fühlen , wenn wir in unserer Entwickelung weit über sie hinausgegangen sind ; sie war seit vielen Jahren mit ihnen vertraut , da sie aber ihrer Bildung zum Grunde lagen , so konnten sie nicht mehr in dieselbe eingreifen . Die Herzogin trat in die Sixtinische Capelle , in welche wir zuerst geführt wurden , mit der holden Verwirrung einer Jungfrau , die sich plötzlich in einen Kreis wunderschöner Jünglinge versetzt sieht ; erröthend starrte sie hin auf die dem Pinsel entquollenen Gestalten , als ob alle diese Bilder von jeher in ihrer Seele gelegen hätten , ohne daß ihr die Kraft geworden , sie selbst zu erzeugen . Was mich selbst betrifft , so empfand ich zwar das Außerordentliche dieser Schöpfungen ; allein sie übten keine anziehende Kraft an mir aus , es sey nun , weil der Verstand in mir den Ausschlag über die Einbildungskraft gab , oder weil Vittorio Alfieri ' s Geist stärker auf mich eingewirkt hatte , als ich mir selbst gestehen mochte ; wenigstens muß ich bekennen , daß ich mich oft instinktmäßig nach ihm umsah , um sein Urtheil zu erfahren . Diese verschiedene Empfänglichkeit für die Wunder der Kunst führte zu eigenthümlichen Entwickelungen . Während die Gräfin darüber hinaus war , und ich dahinter zurückblieb , ging die Herzogin darin unter . Eine längere Zeit hindurch schwankte sie zwischen verschiedenen Meistern hin und her ; ihr Zustand konnte eine ästhetische Betäubung genannt werden , so wie die Allgewalt des Schönen ihn erzeugen muß . Als sie sich aber nach und nach wieder sammelte und mit Bewußtseyn zu empfinden begann , da erklärte sie sich mit allem , was in ihr war , für Raphael . Nie hat eine reinere Seele diesem unsterblichen Meister feuriger gehuldigt . Sie wurde nicht müde , seine Werke zu betrachten , und seine Schöpfungen verdrängten aus ihr alle anderen Bilder , von welcher Art sie auch seyn mochten . Hab ' ich sie anders gehörig beobachtet , so fühlte sie sich allzuschwach , die Individualität der Gräfin in sich aufzunehmen ; aber Raphaels Begränzung entsprach der ihrigen . Ihn begriff sie in allen seinen Bildungen , und wunderbar waren die Commentare , die sie darüber machte . Sie wußte z.B. alle Widersprüche zu lösen , welche einzelne Kritiker in Raphaels Verklärung anzutreffen geglaubt haben , und nannte dies Werk die Apotheose des Künstlers . Denn ihrer Versicherung nach , waren die beiden Handlungen , die man in diesem Gemälde erblickt , aufs innigste für einander vorhanden , und das Wunder der Verklärung nur durch die fehlgeschlagene Heilung des besessenen Knaben bedeutend und idealisch . Dabei rühmte sie die tiefe Menschenkenntniß , welche Raphael dadurch offenbaret , daß er den schönsten der Apostel in einer Unterredung mit Weibern , die übrigen im Gespräch mit Männern dargestellt habe ; und was die in gleicher Linie laufenden Arme der Apostel betrifft , so behauptete sie , daß , die kunstgerechte Anordnung möchte sich noch so heftig dagegen erklären , die Symmetrie der Composition sie nothwendig mache . Um übrigens immer von Raphael umgeben zu seyn , setzte sie sich in den Besitz der besten Copien , vorzüglich in Kupferstichen ; und so konnte es schwerlich fehlen , daß dieser Künstler nach und nach der einzige Gegenstand ihrer Liebe wurde . Es ist unstreitig schon öfter der Fall gewesen , daß ein hingeschiedener Geist einen noch vorhandenen einzig beschäftigt hat ; allein schwerlich ist dies jemals auf eine so eigenthümliche Weise geschehen , als in der Liebe der Herzogin für Raphael . So weit eine rein geistige Ehe denkbar ist , vermählte sie sich auf das förmlichste mit ihm . Es war zuletzt nicht der Künstler , es war der Mann , den sie in ihm erblickte , die schaffende Kraft , die sie in ihm anbetete . Die Folgen fürchtend , welche eine so eigenthümliche Wendung ihres Geistes nach sich ziehen konnte , suchte man ihren Enthusiasmus dadurch zu vermindern , daß man ihr Anekdoten von Raphaels Liederlichkeit erzählte . Vergeblich ; so keusch sie auch war , so wurde sie dadurch doch nicht beleidigt . » Wie konnte , erwiederte sie , Raphael anders seyn ? Was ihr Liederlichkeit nennt , war bei ihm die Folge einer üppigen Fülle . Zugegeben , daß er länger gelebt hätte , wenn er haushälterischer mit seinen Kräften umgegangen wäre , entsteht noch immer die Frage , ob diese Ökonomie ihm möglich war ? Und hat er etwa weniger gelebt , weil er im sechs und dreißigsten Jahre gestorben ist ? Seine Schöpfungen sagen , daß er viel gelebt hat , und was wir ihm alle beneiden sollten , ist , daß er die Kraftlosigkeit und Erschöpfung des Alters nie empfand , sondern wie Achilles zu den Unsterblichen gewandert ist . Sagt mir , Raphael sey siebzig Jahre alt geworden , weil er durchaus verständig gewesen sey , und ihr werdet euren Zweck erreichen . Was ihr seine Liederlichkeit nennt , redet ihm bei mir das Wort ; denn wer das Schöne so darstellt , wie Raphael es dargestellt hat , der kann nur das Schöne lieben und - nur in dem Schönen untergehn . « Und indem die Herzogin auf diese Weise ihrer Leidenschaft für Raphael das Wort redete , verzehrte die innere Gluth , womit sie empfand , ihre physischen Kräfte zusehends . Es war ein eigenthümliches Schauspiel , das der Gräfin und mir in dieser Hinsicht gewährt wurde ; denn wir sahen eine Verklärung von statten gehen , wie man sie selten erlebt . Ohne daß irgend ein Lebensorgan angegriffen war , wurde die Herzogin nach und nach zu einem Schemen . Alles , was Kraft genannt werden kann , blitzte aus ihren großen blauen Augen und sprach von ihren Lippen ; aber andere Kennzeichen des Lebens waren nicht in ihr vorhanden . Sie selbst hatte keine Ahnung von ihrem nahen Hintritt , und sprach zu uns nur immer von ihrer Liebe ; Ort und Zeit aber war darin untergegangen . In uns erstickte eine gewisse Feierlichkeit alle die gewöhnlichen Gefühle des Mitleides , des Bedauerns u.s.w. Immer mußte es uns schmerzen , eine solche Freundin zu verlieren ; aber wie hätten wir sie beklagen können , da sie nur in einem Übermaaß von innerem Leben ihren Untergang finden konnte ? Noch ruhiger , als ich , war die Gräfin d ' Albania . Sobald sie wahrgenommen hatte , daß der Herzogin nicht mehr zu helfen sey , versetzte sie sich in diejenige Stimmung , wodurch sie dem hohen Flug ihrer Phantasie innerhalb des Gebietes der Kunst nachhalf . Wirklich wurden die letzten Augenblicke der Herzogin dadurch nicht nur aufgeheitert , sondern auch verlängert , und der Ankunft des Grafen Vittorio Alfieri war es aufbehalten , den kritischen Moment herbeizuführen . Er hatte seine Myrrha vollendet , als er bei uns ankam . Seiner eigenen Vorstellung nach war dies von allem , was er je gearbeitet hatte , das Beste . Er brannte vor Begierde , diese Tragödie vorzulesen , weil er es darin ausschließend auf eine Huldigung der Gräfin angelegt hatte . Meinen Wünschen nach sollte die Herzogin entfernt werden ; aber dazu war keine Gelegenheit . Die Vorlesung nahm ihren Anfang , sobald es dunkel geworden war . Wir saßen dem Vorleser gegenüber . Die Herzogin theilte unsere Spannung nicht , wiewohl sie nicht ganz unaufmerksam war . So wie indessen der Charakter der Myrrha , in welchem des Heldenmüthigen genug , des Weiblichen aber nur allzuwenig ist , sich mehr entwickelte , nahm die Unruhe der Herzogin zu . Beim vierten Akt sank sie ganz unerwartet in die Arme der Gräfin . Wir vermutheten nichts weniger als plötzlichen Tod ; allein ihre Augen erhielten die Richtung der Verklärten , und zwei Zuckungen , welche unmittelbar darauf erfolgten , vollendeten den Hintritt . Hatte Alfieri ' s Vorlesung die Herzogin getödtet , so war Alfieri dabei ganz unschuldig . Es giebt Krankheiten , in welchen ein kaltes Lüftchen die Kraft hat , die leidende Maschine einmal für allemal zu zerrütten . Eine ähnliche Bewandniß mußte es mit dem Zustande der Herzogin haben . Die Gräfin , wie tief sie auch von dem Tode unserer gemeinschaftlichen Freundin verwundet war , behielt ihre ganze Klarheit und vergoß daher keine Thräne . Was mich betrifft , so gesteh ' ich , daß die Plötzlichkeit des Todesfalles verwirrend auf mich zurückwirkte , und das Gefühl der Ohnmacht so bestimmt in mir aufregte , daß ich weinen mußte , um mir wieder klar zu werden . Unendlich mehr , als ich , war der Graf Vittorio ergriffen ; die Kindlichkeit seines Gemüthes zeigte sich bei dieser Gelegenheit in ihrer ganzen Stärke . Er , der in seinen Trauerspielen den Tod so oft vorbereitet hatte , daß man hätte glauben sollen , er sey in der Wissenschaft der Gesetze , nach welchen der Tod erfolgen muß , abgehärtet worden - er ertrug den vorliegenden Fall so ungeduldig , als ob er unter uns das einzige Weib gewesen wäre . So wenig hatte er das Wesen der Herzogin ergründet , daß er darauf bestand , sie lebe noch , und durch diese kühne Behauptung uns in die Nothwendigkeit setzte , die geschicktesten Ärzte herbei zu rufen . Überflüssige Maaßregel ! Sie , die kein Arzt hätte retten können , weil ihre Krankheit über alle Hülfe hinaus war , wurde von den Ärzten für vollkommen todt erklärt , und wohl hatte die Gräfin Recht , wenn sie sagte : » Wie konnte sie noch länger leben , da sie am Ziele war ? « Auch bin ich überzeugt , daß die Herzogin , wenigstens in den letzten Tagen ihres Daseyns , eine Ahnung von dem nahen Aufhören desselben hatte ; denn , obgleich ihre ehemaligen Verhältnisse mit ihrem Gemahl ganz in ihrer Erinnerung untergegangen waren , so gedachte sie doch noch des Sohnes , dem sie das Leben geschenkt hatte , und schmeichelnd bat sie mich , Erkundigungen von seinem Befinden einzuziehen . Dies würde nicht geschehen seyn , hätte sie nicht die Abnahme ihrer physischen Kräfte gefühlt , und hätte dies Gefühl sie nicht getrieben , der Mütterlichkeit den letzten Tribut zu bringen ; denn es ist nun doch einmal die Mutter , die in einem vollendeten Weibe zuletzt stirbt . Von der Leichenbestattung der Herzogin kein Wort , so glänzend sie auch war , da die Fürstin für eine gute Catholikin ausgegeben wurde , und die römische Geistlichkeit keine Ursache fand , diese Unwahrheit zu bestreiten . Ihr Tod wirkte vorzüglich in sofern auf mich zurück , als er das Verhältniß zerriß , in welchem ich bisher mit Vittorio Alfieri gestanden hatte . Nicht daß ich ihm nicht theuer geblieben wäre ; ich blieb ihm alles , was ich ihm jemals gewesen war . Allein die Gräfin war der Zeit nach seine erste Liebe , und mußte es auch dem Range nach bleiben , weil die Unendlichkeit , die in ihr war , durch kein anderes Weib ersetzt werden konnte . Auch die Gräfin ihrer Seits fühlte sich wieder an Vittorio angezogen , da die Herzogin nicht mehr war . Ich stand von nun an zwischen beiden in der Mitte , gleichsam als Dolmetsch ihres gegenseitigen Interesses . Sie baten mich , mit ihnen nach Florenz zurück zu gehen , und ich that es in Ermangelung eines besseren Schicksals . Mehrere Jahre blieb ich bei ihnen , und war ein Zeuge von Alfieri ' s steigender Verwirrung und Luisa ' s wachsender Klarheit . In diesem Zeitraume verheirathete ich meine Pflegetochter mit dem Professor D ... , einem Deutschen , dessen Bekanntschaft ich in Rom gemacht hatte , wo er jene lieb gewann und nicht eher rastete , als bis ich ihm erlaubte , sie zu ehelichen und mit nach Deutschland zurück zu nehmen . Der Prätendent von England war indeß gestorben und bald darauf die französische Revolution ausgebrochen . Die Felsenmasse die bisher auf Vittorio Alfieri ' s Brust gelegen hatte , wurde durch diese beiden Ereignisse versprengt ; denn das erstere erfüllte alle die Wünsche , die er in Beziehung auf die Gräfin unterhalten hatte , und durch das letztere glaubte er alle seine politischen Ideale der Realisirung nahe . Den Cothurn von sich schleudernd , faßte er den Entschluß , nach Frankreich zu gehen und ein Bürger der neuen Republik zu werden . Die Gräfin d ' Albania war leicht beredet , ihm dahin zu folgen ; denn von allen gleichgültigen Dingen war der Ort ihrer Existenz ihr das gleichgültigste . Auch ich sollte mit nach Frankreich gehen ; da mir aber die Franzosen noch immer zuwider waren , und alles , was ich jetzt noch lieben konnte , sich in Deutschland befand , so entschuldigte ich mich so gut , als möglich , indem ich versprach , daß ich erst eine Reise in mein Vaterland machen und alsdann meine Freunde in Paris aufsuchen wollte . Beide gingen über Turin nach Lyon , von wo aus sie ihre Wallfahrt nach der Hauptstadt des Reiches fortsetzten . Ich begab mich in die pisanischen Bäder , um daselbst neue Bekanntschaften anzuknüpfen , und mit diesen nach Deutschland zurück zu gehen . Hier war es , wo ich meine Eugenia zuerst kennen lernte . Ehe ich aber in meiner eigenen Geschichte fortfahre , muß ich noch einen Blick auf die Gräfin d ' Albania und den Grafen Vittorio Alfieri werfen . Nur Weniges hab ' ich seit meiner Trennung von beiden erfahren . Die erstere kehrte nach Italien zurück , sobald die Revolution eine blutige Wendung genommen hatte . Der letztere blieb in Paris , bis alle seine Erwartungen getäuscht waren . In einer feurigen Ode besang er die Zerstörung der Bastille ; in einer noch feurigern den Umsturz des Thrones . Als aber der Schrecken eintrat , da siegte seine Menschlichkeit über alle seine Ideale . So groß wurde sein Abscheu vor allem , was um ihn her vorging , daß er sich mehr , als jemals , in der Einsamkeit begrub . Sich zu zerstreuen , lernte er Griechisch , und hätte ein Künstler aus ihm werden können , so würde es unter diesen Umständen geschehen seyn . Doch die heitere Region der Kunst sollte ihm ewig verschlossen bleiben . Anstatt sich von den Schlacken der Aristokratie zu reinigen , wurde er trübsinnig und schwermüthig ; und wie konnte dies ausbleiben , da von allem , was er geahnet hatte , das Gegentheil erfolgte und sein ganzes System über den Haufen geworfen wurde ? Nach einem achtjährigen Aufenthalte in Frankreich kehrte er nach Florenz zurück , wo die Gräfin d ' Albania unterdessen gestorben war . Hier lebte er seitdem zerbrochenen Herzens als ein von seinen Idealen Verlassener . Hat er nicht selbst die Dauer seines Lebens abgekürzet , so ist er wenigstens nicht ungern gestorben . Wenige Menschen haben im Kampfe mit sich selbst mehr gelitten . In einem Sonnet , das ich sorgfältig aufbewahre , weil er es zu einer Zeit machte , wo er mit sich selbst höchst unzufrieden war , redet er sich also an : Uom , sei tu grande , o vil ? Und seine Antwort ist : Muori ; il saprai . Aber der unglückliche Mann ist nie hinter das Geheimniß gekommen , das ihn einzig beschäftigte ; denn nie konnte er seiner Verwirrung Meister werden ; sie mußte ihn tödten . Ich habe oft gedacht , daß Alfieri in jenen Zeiten , wo das Feudalwesen in seiner Blüthe dastand , ein herrlicher , hoch hervorragender Mann gewesen seyn würde . Nicht die Feder , sondern Lanze und Schwert waren ihm , allen seinen Anlagen nach , vom Schicksal beschieden ; sein großes Unglück war daß seine Existenz in Zeiten fiel , wo sich von beiden kein Gebrauch mehr machen läßt . Sanft ruhe seine Asche ; sie ruhe um so sanfter , weil alle Stürme , die sein Daseyn zerrütteten , innere Stürme waren , deren Wuth sich nicht beschwichtigen ließ . Selbst Bonaparten , der das Problem der französischen Revolution so vollständig gelöset hat , mußte Alfieri hassen , weil er nicht an seiner Stelle war . Gleich bei der ersten Bekanntschaft fühlte ich mich unwiderstehlich an Eugenien angezogen . Es war ihre Physiognomie , was mir die Versicherung gab , daß wir Freundinnen werden könnten ; und da dieser Bürge sich in diesem , wie in jedem anderen Falle , bewährt hat , so so seh ' ich mich genöthigt , hier einen Theil meines Systemes in Ansehung freundschaftlicher Verbindungen zu enthüllen . Ich werde von der einen Seite sehr viel Mühe haben , mich deutlich zu machen , und von der andern , gegen alle meine Neigungen , zu einer ( wenn gleich kurzen ) Dissertation über das Verhältniß der Physiognomie zur Freundschaft hingerissen werden . Allein ich muß mich jener Beschwerde und diesem Übelstande unterwerfen , wofern meine Bekenntnisse nur einigermaßen vollständig ausfallen sollen . Eine längere Zeit hindurch folgte ich in freundschaftlichen Verbindungen einem gewissen Instinkte , welcher mir sagte , daß mit diesen oder jenen Personen ein gutes Verhältniß für mich möglich oder unmöglich sey , weil ihre Physiognomie irgend eine Wendung hatte , die mich anzog oder zurückschreckte . Das Wunderbare hierbei war , daß sich , bei genauerer Bekanntschaft mit eben diesen Personen , beständig fand , daß die Aussage meines Instinktes eine sehr zuverlässige gewesen war . Eben deswegen wünschte ich alles Dunkle aus diesem Instinkte zu verbannen . Allein wie das , was bisher bloßes Gefühl , und zwar ein sehr verworrenes Gefühl , gewesen war , in eine Formel verwandeln , die ich auf jede mir vorkommende neue Physiognomie anwenden könnte ? Daß die Physiognomie selbst nur etwas Symbolisches sey , leuchtete mir sehr bald ein . Eben so begriff ich ohne Mühe , daß sie als etwas Symbolisches nur auf das Gefühl wirken könnte . Wollte ich nun das Gefühl in Idee und den Instinkt in haltbare Formel verwandeln , so blieb mir nichts anderes übrig , als das Symbolische aus der Physiognomie fortzuschaffen , und , wo möglich , in ihr den inneren Zustand des einzelnen Menschen , dessen bloßer Typus sie war , zu erkennen und zu begreifen . Ich sagte mir selbst , daß dies nur auf dem Wege einer sehr genauen Analyse aller meiner Erfahrungen über einzelne Menschen geschehen könnte . Indem ich nun über diesem Gedanken rastlos brütete , gelangte ich dahin , zwei Grundkräfte im Menschen zu unterscheiden , die eine durch Gemüth , die andere durch Geist zu bezeichnen , und die letzte Bestimmung jedes menschlichen Individuums in die Harmonie dieser beiden Grundkräfte zu setzen . Die Menschen unterschieden sich demnach sehr wesentlich von einander , je nachdem sie mehr Gemüth , oder mehr Geist , oder Gemüth und Geist in Harmonie gesetzt , waren . Da , wo das Gemüth den Ausschlag gab , mußte ein rastloses Streben nach freundschaftlichen Verbindungen statt finden ; allein , da in dem Gemüthe keine regulirende Kraft enthalten ist , so konnten die Gemüthreichen weder diskrete , noch standhafte und zuverlässige Freunde werden ; sie mußten , vermöge ihrer ganzen Eigenthümlichkeit , immer zu unerfüllbaren Ansprüchen aufsteigen , und sich und ihre Freunde dadurch um den Genuß der eigentlichen Freundschaft bringen ; es waren , um alles mit einem Worte zu sagen , nur Passaden in der Freundschaft mit ihnen möglich . Da , wo der Geist den Ausschlag gab , war an gar keine freundschaftliche Verbindung zu denken ; denn der Geist ist sich unter allen Umständen selbst genug , und , von dem Gemüthe getrennt , mehr eine umherschweifende , als regulirende Kraft . Nur da , wo Gemüth und Geist in Harmonie gesetzt sind , war eigentliche Freundschaft möglich , wiewohl nur immer unter der Bedingung , daß zwei gleichartige Wesen zusammen trafen ; denn das bloße Gemüth des Freundes würde eben so zerstörend auf die Harmonie zurück gewirkt haben , als der bloße Geist desselben . Mit diesen Grundbegriffen war ich im Stande , mir alle physiognomische Räthsel zu lösen . Die Idee festhaltend , daß die Physiognomie immer nur etwas Symbolisches oder Typisches sey , sagte ich zu mir selbst : » Da , wo das Gemüth vorherrscht , muß die Physiognomie unregelmäßig und verworren seyn ; aus keinem anderen Grunde , als weil es an der regulirenden Kraft gebricht , welche einen bestimmten Charakter wirkt . Da , wo der Geist , vom Gemüthe verlassen , wild umherschweift , wird freilich keine Unregelmäßigkeit und Verworrenheit sichtbar werden , allein der Physiognomie wird es an allem Adel fehlen , und ihre anziehende Kraft gänzlich vernichtet seyn . Nur da , wo Gemüth und Geist in Harmonie stehen , wird man im Antlitz des Menschen das Siegel seiner Oberherrlichkeit entdecken ; und was auch der Zufall thun mag , ein solches Meisterstück der plastischen Natur zu verunstalten , so wird es ihm doch nie gelingen , den Charakter desselben aufzuheben , weil dieser auf etwas Innerem beruhet , das über allem Zufall erhaben ist . « Man urtheile über dies Räsonnement , wie man wolle , für mich ist es so hinreichend , daß ich aufrichtig bekenne , es vertrete bei mir die Stelle mathematischer Evidenz . Nie hat es mich irre geleitet , und eine große Menge von Erscheinungen hab ' ich mir nur auf diesem Wege erklären können . Dahin gehört , daß eben die Nation , der wir das schöne Ideal verdanken , für die Freundschaft so ausschließend vorhanden war , daß sie mit einem besonderen Sinne dafür ausgestattet schien . Allerdings hatte sie diesen besonderen Sinn ; aber er lag in der Harmonie des Gemüths und des Geistes , welche den Griechen eigen und unstreitig das Resultat ihrer gesellschaftlichen Institutionen war . Dieselbe Harmonie aber , wodurch sie der wahren Freundschaft empfänglich wurden , wirkte auf ihre Gesichtsbildung und auf ihren ganzen Körperbau so zurück , daß sie vorzugsweise in den Besitz der physischen Schönheit kommen mußten , und einer ihrer Philosophen vollkommen berechtigt wurde , zu behaupten : » Eine schöne Seele könne nur in einem schönen Körper wohnen . « Wie verschieden von der griechischen Physiognomie ist die italiänische und die französische ! In der ersteren lauter Carrikatur , wenn gleich nicht selten erhabene und höchst interessante Carrikatur ; meiner Theorie nach , aus keiner anderen Ursache , als weil in dem Italiäner , von alten Zeiten her , das Gemüth den Ausschlag gegeben hat . In der letzteren bei weitem weniger Carrikatur , aber zugleich auch beinahe gar keine Spur von Erhebung und innerer Größe , weil in dem Franzosen das Gemüth dem Geiste weicht , und dieser , von dem Gemüthe verlassen , sich immer nur in witzigen Combinationen , nie in großen , viel umfassenden Ideen offenbaret . Vermöge dieses wesentlichen Unterschiedes ist der Italiäner für die Freundschaft unendlich empfänglicher , als der Franzose ; nur daß jener durch die Heftigkeit seines Gemüthes sie unaufhörlich zerstört , während dieser sie zu einem Spielwerk macht , worüber der Muthwille schaltet . Die edelste französische Physiognomie , welche mir jemals vorgekommen ist , hat Racine , so wie er von den Künstlern gewöhnlich dargestellt wird . Auch bin ich vollkommen überzeugt , daß dieser Mann der wahren Freundschaft fähig war . Wäre ich seine Zeitgenossin gewesen , so würde ich mich mit ihm verbunden haben , hätte ihn gleich die ganze Welt treulos und falsch genannt ; er konnte es nicht seyn , sobald er einen Gegenstand antraf , an welchem sich die Harmonie seines Gemüthes und Geistes , wovon seine Physiognomie immer nur das Symbol war , offenbaren konnte . Um bei diesem Gegenstande nicht allzulange zu verweilen , will ich nur noch eine artistische Bemerkung machen , die mir von einiger Bedeutung scheint . Sie besteht darin , daß der Streit , ob die Schönheit oder der Charakter der eigentliche Vorwurf der schönen Kunst sey ? ein sehr unnützer Streit ist , weil es , nach allem bisher Gesagten , am Tage liegt , daß die Schönheit als etwas Sichtbares , nur immer das Resultat einer inneren Harmonie ist , die in sich selbst einen Charakter bildet , und zwar den höchsten , den es geben kann . Der Charakter ist also eben so sehr ein Vorwurf der schönen Kunst , als die Schönheit , oder vielmehr , beide sind in Beziehung auf die schöne Kunst eins und dasselbe , so daß der Künstler nie etwas anderes thut , als das Symbol der inneren Harmonie zwischen Gemüth und Geist darstellen . Das Ideal des Schönen wäre demnach nichts weiter , als der Abdruck dessen , was von der inneren Harmonie äußerlich sichtbar wird , und daber versteht sich ganz von selbst , daß jeder Charakter , dessen Wesen nicht mehr auf innerer Harmonie beruht , aufhört , ein Vorwurf der schönen Kunst zu seyn ; denn sonst würde Carrikatur und Häßlichkeit mit Harmonie und Schönheit einerlei werden müssen . Genug von meiner Lebensphilosophie und meinem Kunsttakt . Es kam blos darauf an , begreiflich zu machen , wie ich mich für Eugenien so lebhaft interessiren konnte , ohne sie jemals gesehen oder von ihr gehört zu haben . Die anziehende Kraft , die sie an mir ausübte , brachte uns sehr bald näher ; und ich glaube mit Wahrheit behaupten zu können , daß wir Freundinnen waren , ehe wir uns dem Namen nach kannten . Erst am dritten Tage unserer Bekanntschaft entdeckte sichs , daß wir beide geborne Deutsche waren ; denn bis dahin hatten wir nur Französisch gesprochen , und uns in dieser Sprache über jedes höhere Interesse , das Menschen an einander kettet , einverständigt . War es mir angenehm , in Eugenien ein Weib kennen zu lernen , dem ich mich aufschließen konnte ; so war die Freude Eugeniens über diese Entdeckung in Beziehung auf mich nicht geringer . Ob ich gleich um mehrere Jahre älter war , als meine neue Freundin ; so verschwand doch der Unterschied des Alters vor unseren Augen . Was unserer Verbindung eine so plötzliche Innigkeit gab , daß wir von dem ersten Momente unserer Bekanntschaft an unzertrennlich waren , ist etwas , das sich nur dann wird sagen lassen , wenn die menschliche Sprache einen weit höheren Grad von innerer Vollkommenheit erreicht haben wird . Genug , daß das Interesse , welches wir an einander fanden , von dem gewöhnlichen wesentlich verschieden war . Wären wir Männer gewesen , so würden wir uns gegenseitig achten gelernt haben ; in dieser Achtung aber hätte unser Verhältniß seinen höchsten Charakter gefunden . Da wir Weiber waren , so mußte zu der Achtung sich noch die Liebe gesellen und unsere Freundschaft um so vollkommner werden . Denn für den Mann , der , es sey durch welches Talent es wolle , immer seinen Stützpunkt in der ganzen Gesellschaft hat , ist die Freundschaft mehr Luxus als Bedürfniß , während sie für ein Weib , das in der ganzen Gesellschaft nie einen Stützpunkt haben soll , ein um so stärkeres Bedürfniß ist , wenn das Weib auch der männlichen Unterstützung ermangelt . Freundschaft unter Weibern ist nur darum so selten , weil sie in der Regel in der Geschlechtsliebe untergeht ; ein Fall , in welchem sich keine von uns beiden befand . Wenn Personen sich einander mit Vertrauen nähern , so ist das Erste , daß sie sich gegenseitig ihre Geschichte erzählen ; und ob dies gleich in der Regel sehr absichtslos geschieht , so offenbart sich doch auch hierin das Eigenthümliche der menschlichen Natur , die , weil sie nicht auf einmal wird , was sie werden kann , über sich selbst nur dadurch Aufschluß zu geben vermag , daß sie aussagt , wie sie allmählig zu Stande gebracht worden ist . Auch zwischen Eugenien und mir fand diese Art von Mittheilung statt , und Eugeniens Entwickelungsgeschichte war im Wesentlichen folgende : Mit großer Sorgfalt erzogen , hatte sie sich in einem Alter von siebzehn Jahren durch ihre Mutter bereden lassen , einem funfzigjährigen Manne , der sich in ihre Unschuld verliebte , ihre Hand zu geben . » Auch mein Herz , « fügte sie hinzu , » würd ' ich hingegeben haben , wenn dies von meinem Willen abgehangen hätte . Nicht als hätte ich einen Anderen geliebt ; denn in einem solchen Falle würde keine Macht der Welt im Stande gewesen seyn , mir eine meinen Neigungen entgegen strebende Richtung zu ertheilen . Sondern weil der Unterschied der Jahre ins Mittel trat , und ich an meinem Manne nicht lieben konnte , was er an mir liebte . Dies verschlug indessen für die Solidität unsers Verhältnisses sehr wenig . Da mein Mann in jedem Betracht achtungswürdig war , so fand er meine ganze Hochachtung ; und in so weit die Liebe durch diese ersetzt werden kann , hat er gewiß nie das Mindeste entbehrt . Etwas Eigenthümliches an ihm war , daß er nicht aufhörte , sich über meine Kälte zu beklagen ; allein diese Klage berührte mich sehr wenig von dem Augenblick an , wo ich einsah , daß das , was er meine Kälte nannte , seiner Wärme sehr nothwendig war , und wo