mich wieder so kalt anfaßt und die innere Lust erstarrt . Ein Himmelsbote sollst du mir in trüben Augenblicken erscheinen . Mein Florio , sieh mich nicht so wehmüthig an . Gewiß , du folgst mir bald , recht bald . Wie könnte ich mich denn auch aufs neue von dir losreißen wollen , dein frommer Blick soll sich schirmend zwischen jeden wilden Gedanken legen , und ihn auf ewig von mir abhalten . Jetzt erlaube mir indeß , daß ich dich zu einer Freundin führe , der du ein lieber Trost seyn wirst , und die dich wohl selbst , wenn es sich anders fügen will , zu uns begleitet . Bis dahin sey ruhig Lieber , Seraphine wird dich gern aufnehmen , und du wirst bei diesem leichten , tändelnden Gemüth , deine Kinderwelt am ersten wiederfinden . Ach , du fühlst es nicht , sagte Florio , mit abgewandtem Gesicht , wo meine Welt blühet , du und wenige wissen , wie ein Gedanke das ganze Leben umfassen , und jede andere Rücksicht vernichten kann , darum begreifst du auch nicht , was mir es kostet , ohne dich zurück zu bleiben . Du sprichst so ruhig davon , als gälte es irgend einer andern Vorkehrung deiner Reise . Es muß ja wohl so seyn . Ich bleibe , weil du es willst , und wo du willst . Mir gilt jeder Ort gleich , seit du mich aufs neue von dir verbannst . O seht doch , seht , rief Stephano , auf eine nahe gelegene Hauptwache zeigend , da wird der Ausmarsch recht anmuthig gefeiert . Das Cithermädchen saß in den Zweigen einer schattigen Linde , und sang und spielte , während die Krieger im Kreise um den Baum standen , und still auf folgende Worte lauschten : Auf jener Wiese glühen Die Blumen purpurroth , Die allesammt erblühen Aus vieler Helden Tod . Es sind die blut ' gen Wunden , Die auf zum Himmel seh ' n , Im Sonnenlicht gesunden , Verkünden , was gescheh ' n. O , sagt nun , heil ' ge Zungen , Wes Thaten feiert ihr ? Wer hat den Tod bezwungen ? Wer ruht verklärt allhier ? Da weht es in den Halmen , Da rauscht es in der Luft , Die Erde will ' s zermalmen , Es sprengen aus der Gruft . Die kühnen Reiter alle , Auf weiß und goldnem Roß , Die einst im herben Falle Besiegt der Feinde Troß . Wir , tönt es aus der Ferne , Der Länder Wehr und Zier , Glüh ' n nun als Himmelssterne , Erblüh ' n als Blumen hier . Der Zauber ist verschwunden , Die alte Schuld gelöst . Die haben Ruh ' gefunden , Die kämpfend sich erlöst . Als sie geendigt , schallte es wie aus einem Munde : Die kühnen Reiter alle , Auf weiß und goldnem Roß , Die einst im herben Falle Besiegt der Feinde Troß . Das Mädchen wiegte sich indeß in den Zweigen , und weigerte sich herunter zu kommen . Da schwang sich ein schlanker Cürassier zu ihr auf , und sie umfassend : sang er : Der Krieg löst alle Bande , Der Krieg trennt Seel ' und Leib , Er zieht in ferne Lande Den Mann vom Eheweib . Nun ist die Lust gestorben , Gewelkt der Myrtenkranz , Um sie hat Tod geworben Im frischen Minneglanz . Da sitzt sie in der Kammer Und weint in Todesnoth , Ach , und im herben Jammer Glüht ihr das Morgenroth . Des Hauses Thür verschlossen Seit jener trüben Zeit , Wo Thränen nur geflossen , Geschwiegen Gastlichkeit . Die hört sie jetzt erklingen , Die thut sich plötzlich auf . Wer mag ihr Freude bringen ? Wer hemmt der Thränen Lauf ? Ein Pilger thut sich neigen Und spricht : Euch grüße Gott ; Wollt mir den Ring wohl zeigen , Den ihr jetzt tragt zum Spott . Und auch das Tuch von Seide Gebleicht im Mondenschein , Das ihr im tiefen Leide Bewahrt im goldnen Schrein . Es fodert diese Gaben Der Eheherr zurück ; Ich muß sie wieder haben , Spricht er mit zorn ' gem Blick . Zu lösen das Verbrechen , Zu löschen wilde Glut , Die stummen Zeugen rächen Zu laut den Wankelmut . Sie giebt den Ring ihm willig , Sie öffnet still den Schrein , Was er verlangt ist billig , Ich will ' ge in Demuth ein . Und wie sie dies gesprochen , Sinkt sie erbleichend hin ; Das Herz ist ihr gebrochen , Entschwunden Welt und Sinn . O Jesus , meine Wonne ! Ruft laut der Pilgersmann , Blick auf , du reine Sonne , Sieh , Angst und Weh zerrann . Wirf ab , wirf ab die Sorgen , Dein ist das treu ' ste Herz ; Auf Abend folgt der Morgen , Lust keimt aus Liebesschmerz . Die kleine Sängerin hatte sich vertraulich an ihn gelehnt , und sah ihm zufrieden in die freundlichen Augen ; aber die Alten lachten , und meinten , sie solle sich darauf nur verlassen , dann sei sie gut berathen ; das Herz habe im Kriege nicht Platz für derlei Erinnerungen . Solche weiße Täubchen , wie sie , flögen hinein und heraus . Das mache den rechten Soldaten , daß er zu jeder Zeit mit frischem Herzen liebe und hasse , wie das veränderliche Leben es von ihm fodre . Nun , nun , fuhr der Eine fort , und reichte ihr gutmüthig die Hand , werde nicht böse , Kleine , es ist nicht so ernstlich gemeint , und als sie ihm dennoch die Hand verweigerte , sang er im tiefen Baß : Hab ' ich dir was zu Leide gethan , Rufe Dich um Vergebung an , Reiche mir deine Hände , Weil es geht zum Ende . Sie sprang behend auf seine Schulter , und er trug sie unter lustigem Zuruf der Andern davon . Wenn marschiren wir , fragte Rodrich , dessen Herz immer unruhiger klopfte . Übermorgen , erwiederte Stephano . Deine Frage , setzte er hinzu , erinnert mich an alle die tausend Kleinigkeiten , die uns in dieser Zwischenzeit genugsam beschäftigen werden . Nun , es gehört ja auch dazu , darum laß uns nur immer frisch Hand anlegen . Sie sprachen hier weitläuftig über die nöthigen Einrichtungen , und trennten sich endlich , damit jeder das Seinige besorge . Vor allem mußte Rodrich zum Grafen . Er eilte zu ihm , und erhielt dort Aufträge , die ihn eine Zeitlang von sich und seinen schwankenden Vorstellungen der Zukunft abzogen . Florio sah ihn kommen und gehen , ohne gleichwohl sein geschäftiges Treiben durch irgend eine Beziehung auf sich zu unterbrechen . Nur am Abend , als Rodrich einen Augenblick neben ihm ruhete , und schweigend seine Hand drückte , brach der innre Schmerz hervor . Wie seltsam , sagte er , spielt das Schicksal mit mir ! Nachdem ich leichtgesinnt alle Hindernisse überflogen , alles verlassen habe , was mich von dir zurückhielt , unbekannte Gegenden durchstreifend , die Welt wie eine liebe Heimath begrüßte , weil ich dich überall ahnete und sahe , muß ich dich endlich finden , um dich gleich darauf zu verlieren ! Soll denn das Leben wie ein buntes Spiel an mir vorüberziehen , und darf ich nie bei einer Freude verweilen ? - Rodrich eröffnete ihm beruhigend eine bessere Zukunft , ohnerachtet er selbst den eignen Wünschen keine bestimmte Richtung zu geben wußte . Er bat ihn darauf um nähere Auskunft seines vergangenen Lebens . Darüber , erwiederte jener , weiß ich wenig Deutliches anzugeben . Das Meiste liegt wie ein Traum hinter mir , wo sich die Erscheinungen in einander verlieren , und das dunkle Gefühl der Wehmuth oder Freude uns allein übrig bleibt . Auch habe ich weniger mit Menschen als mit der Natur gelebt . Nicht daß ich jene nicht unaussprechlich liebte , oder daß ich kalt von ihnen zurückgewiesen wäre , allein Vieles in ihren Verhältnissen ist mir fremd geblieben , oder erschien mir doch schwer und drückend . Späterhin zogen mich die Klöster , ihres herrlichen Gesanges und der wundervollen Gemälde wegen , zu sich hin . Die alten frommen Sagen , die Gebilde der Vorzeit , das heimliche , innerliche Leben , das sich nur dann und wann in Klängen verkündet , alles dies fesselte mich oft viele Tage hindurch , und ich verstand die Natur nie besser , als wenn ich so aus dieser abgeschlossenen Welt zu ihren wechselnden Spielen zurückkehrte . Ich erkannte hier den heiligen Ernst , wie er in bunten Kleidern an den Menschen vorübergeht , die ihn lieben , ohne ihn zu kennen , und oft dachte ich des Abends , wenn der lustige Farbenschmuck zerrann , und Hain und Wälder schwiegen , die frommen Brüder träten zu mir hin , und sagten mir dasselbe , was jene zuvor in tausend Weisen verkündeten . Mir ward es in solchen Augenblicken klar , daß wir , so wie die Nacht , auch das innere Walten des Geistes , verträumen , und daß es recht schwer ist , sich selbst in den einzelnen Lauten zu verstehen , die , gerade wie der Traum , zu uns heraufdringen , und dann wieder lange Zeit hindurch schweigen . Ich habe in ähnlichen Stimmungen viel gedichtet , aber es war so lose und unzusammenhängend , daß es dem Gedächtniß entfiel , und ich darüber die schönsten Erinnerungen einbüßte . Ich verlor mich dann auch wieder in große Städte , bei festlichen Aufzügen , Versammlungen , überall , wo ich dich zu finden hoffte . Gesang und Musik verschaffte mir leicht Zutritt . Dies sind Bande , die überall die Menschen vereinen . Es ist wohl sicher Gottes Stimme , die Niemand überhört . Viele reden freilich mehr davon , als sie empfinden ; aber es geht ihnen damit , wie mit der Tugend . Sie ahnen ihre Göttlichkeit , und möchten sie doch zum Scheine lieben , und ohne daß sie es glauben , werden sie , wenigstens für Augenblicke , durch sie bezwungen . Wie viel kalte Herzen sah ich durch die Gewalt der Töne erweicht und belebt , die sich dann wohl wieder verschlossen , aber doch eine Sehnsucht nach jenem seligen Vergessen ihrer einengenden Rücksichten behielten . So habe ich den Cardinal , und durch ihn dich gefunden . Wie , unterbrach ihn Rodrich , diese Hand hätte dir den Weg zu mir gebahnt ? Ich weiß nicht , erwiederte jener , wie es kam , daß mich sein kalter Blick nicht schreckte , und ich darein willigte , ihn hieher zu begleiten . Mich bestimmte weder ein lebhafter Gedanke an dich , noch irgend eine andre Hoffnung . Ich gab mich dem Schicksale ganz rücksichtslos hin , da mir überdies alles gleich unwichtig schien , so lange du mir fehltest . Ach und sieh , die Menschen denken und sinnen , erwägen und messen , und am Ende thun sie doch auch nichts anders , als sich gläubig in Gottes Arme werfen . Es giebt immer einen Punkt , wo die menschliche Klugheit nicht zureicht . Zuweilen ahnen wir ganz dunkel , daß diese uns überall mißleiten könne , und werfen uns getrost in das offne Meer des Lebens . Wie thöricht das auch von fern aussieht , so ist es dennoch schön , daß man sich überall gehalten fühlt . Mein Cardinal war wohl ein trocknes Reis , aber es hielt mich dennoch , und ich kam bis zu dir . Wer möchte auch über die Mittel rechten , die uns die Vorsehung sendet ! Fürchte übrigens nicht , fuhr er fort , als Rodrich gedankenvoll vor sich hin sahe , daß mich irgend ein Band an ihn kettet . Ich habe immer die Freiheit über alles geschätzt . Beschwerden achtete ich nie , Bedürfnisse kenne ich nicht , was sollte mich daher fesseln , wenn es nicht die unendliche Liebe ist , die ich von jeher zu dir im Herzen trug . Wie kam es aber , sagte Rodrich , noch immer das Bild des Cardinals festhaltend , daß ihr euch traft ? Süd und Nord dürfen die je einander berühren ? Es war um Mitternacht , hub Florio erzählend an , als er eben die Messe gehalten , und sein Herz vielleicht in Demuth zu Gott gewendet hatte , daß er nicht eben weit von der Kirche , vor einem kleinen Hause vorüber ging , an welchem ich singend lehnte . Es war ein heilig Lied , das in frommer Andacht aus meinem Innern drang . Er blieb einen Augenblick , mich betrachtend , stehen . Da schwieg ich ehrerbietig , und er ging still vorüber , wandte indeß mehreremale den Kopf , und sah immer wieder zu mir hin . Ich hatte ihn schon vergessen , als wir bald darauf einander in der Kirche trafen . Ich weiß nicht , was er sich bei meinem Anblick denken mochte , allein er stutzte anfangs , und doch konnte er seine Augen nicht von mir wenden . Mir kam er seltsam vor . Ich hatte kein rechtes Herz zu ihm , indeß folgte ich wenige Tage darauf seiner Einladung , die mich zu ihm führte . Er empfing mich mit mehr Güte , als sein stolzes Ansehen erwarten ließ , doch sahe er vornehmer als in der Kirche auf mich hin . Nach einigen Worten über mein Talent , das , wie er versicherte , ihn überrascht habe , fragte er nach meinem Vaterlande , meiner Herkunft , den Ursachen , die mich zu dieser Stadt geführt hätten , in welcher ich augenscheinlich als Fremder ohne sonderlichen Anhang lebe ? Ich hatte viel Muth , allein ich empfand eine innere Scheu in seiner Gegenwart , unsrer frühern Verbindung , meiner kindischen Wünsche und unsichern Hoffnungen zu gedenken . Es wäre mir unmöglich gewesen , deinen Namen auszusprechen , und doch hing er mit allen geheimnißvollen Regungen , mit dem verwischten Glanz meiner Jugend , ach , mit jedem Gedanken , der mich von da an begleitete , zusammen . Ich sagte daher , mein einfaches Leben sey nicht werth von ihm beachtet zu werden . Ein Hirtenknabe wandre ich unstät durch die Welt , die mir von meinen Thälern aus so lockend erschienen sey . Ich freue mich Sprache und Sitten der Völker in ihren Gesängen zu erkennen , und finde meine Heimath überall in der Zauberwelt der Klänge . Er schien unbefriedigt , und ich fühlte mich unsicher und ängstlich . Nach einem augenblicklichen Schweigen trat er auf mich zu , und fragte mit gespannten zweideutigen Mienen , ob ich meine früheren Jahre nicht in einem Kloster verlebt habe ? Es war sichtlich , daß ihn irgend eine falsche Vermuthung mißleite ; indeß war mir aller Irrthum von jeher zuwider , mich befiel eine peinliche Angst , und ich mochte wohl betroffen aussehen , als er mich gütig bei der Hand nahm und sagte , er wolle nicht in mich dringen , wenn diese Erinnerungen mich schmerzten ; er wisse überdem jetzt genug , es würde sich alles aufklären . Dies gab mir die nöthige Zuversicht wieder , und ich versicherte ihm sehr unbefangen und ehrlich , daß ich wohl in Klöstern gelebt , sie aber erst in spätern Jahren aufgesucht und in ihnen gelernt habe , daß die Wahrheit überall siegen müsse . Er ließ meine Hand fahren , und ging schweigend im Zimmer aus und nieder . In mir war alles wieder ruhig und still , und ich ergötzte mich an den reichen Verzierungen , die uns umgaben , als er mit vieler Heftigkeit ein Seitenzimmer öffnete , mir einen reich gestickten Mantel mit goldnem Ordenskreuz zeigte , und mich ernsthaft fragte : ob ich dies Gewand nie als Kind gesehen und im Spiele getragen habe ? Mein Gott , was erwiedertest du ? sagte Rodrich in der heftigsten Bewegung . Ich mußte wirklich lachen , entgegnete Florio , seine Unruhe nicht beachtend , da unsre Hütte solchen Reichthum wohl nie umfaßte . Der Cardinal konnte auch meine Aufrichtigkeit nicht länger bezweifeln , denn er sagte gerührt : nein , so lügt man nicht in der Jugend ! Als wir bald darauf von einander schieden , hörte ich im Weggehen , daß er laut ausrief : es ist unbegreiflich , daß diese Züge mich täuschen konnten ! Wir sahen einander oftmals wieder . Das Geheimnißvolle in seinem Betragen hatte etwas Anziehendes für mich , und da er sich immer bei meinem Anblick zu erweichen und zufriedner zu seyn schien , so willigte ich ein , ihn hieher zu begleiten . - Es ist klar , sagte Rodrich nach einem kurzen Schweigen , mich , mich will er haben ! O jetzt treten die allerfrühesten Erinnerungen hervor . So könnte ich denn mein dunkles Schicksal aufdecken ! Gott weiß es , welche peinliche Angst mich zurückhält ! aber ich kann nur mit Schrecken daran denken , den Schleier zu heben . Wer weiß , was darunter liegt ! Ich zittere wie ein Kind , etwas Ausserordentliches zu sehen , und am Ende ist es wohl nichts , als das Allergemeinste , was mich spottend ansieht , und die stolzen Hoffnungen in den trüben Strom bedürftiger Wünsche zurückwirft . Jetzt , nur jetzt , muß ich den glänzenden Wahn noch festhalten ! mögen dann die Zeiten alles zerstörend berühren , wer kann wissen , wie es über kurz oder lang endet ! - Was redest du für seltsame Dinge ? unterbrach ihn Florio . Dich suchte der Cardinal ? warst du denn jemals im Kloster ? und mich soll er für dich angesehen haben ? Ach du weißt es nur nicht , erwiederte jener , ich schwieg ja in eurer Gegenwart von allem , was mir das Herz zusammenzog . Ja , ich war im Kloster lange Jahre hindurch , und wie auch der Cardinal mit meinem Leben zusammenhängt , ich glaube ihn dort gesehen zu haben , doch so früh , daß mir nur das Schreckende seines Anblickes geblieben ist , und er , die kindischen Züge leicht vergessend , sie überall in jedem fremden Gesicht zu finden glaubt . Rodrich schüttete nun sein ganzes Herz vor ihm aus , und wie er der Vergangenheit gedachte , konnte er nicht umhin , prophetische Blicke in die Zukunft zu werfen . Florio bat ihn , Gott zu vertrauen , der sich niemals widerspreche , und der Natur eines Jeden gewähre , was sie durch ihr lebendiges Wollen verlange . Ich werde es niemals glauben , setzte er hinzu , daß Mensch und Welt in so argem Widerstreite gegen einander stehen , und die Nothwendigkeit sich gegen den innern Ruf so aufthürmen könne , daß dieser unbeantwortet bliebe , oder der Geist , in eigner Erniedrigung verschmachtend , dahin getrieben würde , sich durch freche That zu befreien . Das hat noch Niemand groß gemacht , daß er mehr gewollt als er gedurft . Wenn man recht zusieht , bietet sich doch alles einander die Hände , und wer zu Gott will , mit dem ist Gott auch sicherlich . Rodrich hörte nicht recht auf das , was er sprach . Sein Denken war überall unstät , oder in Einem Gegenstande befangen . Beides traf hier zu . Mirandas Besitz beschäftigte ihn ausschließend , und doch war es als wenn auf diesem höchsten Gipfel seines Glückes noch tausend andre Wünsche , wie Cristallspitzen , anschössen , die , alle Farben spielend , seine Sinne unruhig umhertrieben . Laß uns noch einmal nach Theresens Garten gehen , rief er aus ! ach , es war so unbeschreiblich schön dort ! Florio folgte ihm willig . Allein da sie hinaustraten , wehete ihnen ein feuchter frischer Wind entgegen , der Himmel war trübe , hin und wieder fielen einzelne Regentropfen , die sich , je weiter sie gingen , verdoppelten , und zuletzt in Strömen ergossen . Rodrich wollte sein Vorhaben nicht aufgeben , bis er zu der Gartenthür kam , die gerade jetzt wohl durch einen Zufall verschlossen war . Er blieb ganz erschrocken stehen . Soll ich sie denn nicht wieder sehen , sagte er so leise , als wäre selbst der Klang dieser Worte von übler Vorbedeutung . Denn das ist kein Sehen zu nennen , fuhr er unwillig fort , wenn ich morgen mit hundert Andern dahin gelange , einen kalten förmlichen Abschied in des Fürsten Gegenwart von ihr zu nehmen ; dieses Menschen , der mir doppelt widrig ist , seit er sich hinter alten Gebräuchen verschanzt , um sein Heer nicht auf dem einzigen Wege zu begleiten , der ihn wenigstens zu einem würdigen Tode führen könnte . Müssen die verhaßten Umgebungen so schneidend zwischen uns treten , und soll ich mit Haß und Widerwillen zu kämpfen haben , wenn ich sie sehe ? Der Himmel sollte mir doch wenigstens dies Eine Gefühl rein erhalten ! - Schilt den Himmel nicht , sagte Florio sanft . Könnte ein Gefühl deine Brust erfüllen , glaube mir , die Umgebungen hinderten es nicht . Manchem erscheint das Leben wohl nur so störend , weil alles leicht zerstörbar in ihm ist . Komm nur , fuhr er fort , wir wollen die Stadt noch ein wenig durchstreifen , vielleicht zerstreuen dich die lustigen Kameraden , die alle Sorgen hinter sich lassen , und im fröhlichen Rausch nur vorwärts Glück und Wohlleben sehen . - Sie waren noch nicht weit gegangen , als sie Stephano trafen , der in unglaublicher Bewegung überall war , und sich mit Entzücken in das neue Leben verlor . Es giebt , sagte er , als er sie erblickte , in der Welt keinen kühnern Idealisten , als den Soldaten . Auch der Erfahrenste tritt die oft empfundenen Widerwärtigkeiten lachend nieder , und sieht unverwandt in die Sonne des Ruhmes . Es ist , als wären Mühe und Noth , Gefahr und Wunden gar nicht da , so freudig sieht er darüber hinaus . Ich kann nicht beschreiben , wie ich mich an allem ergötze , was mich umgiebt . Jeder Krieger ist sicher ein Märtyrer seines unerkannten Gefühls , und eben diese Bewußtlosigkeit giebt ihm das unbefangne Kindliche , die frische Heiterkeit , die ein unversiegbarer Quell wohl ersonnener Späßchen bleibt . Ja wohl , sagte ein Mann in Grau gekleidet , den Stephano ganz dreist für einen Schulmann erklärte , ja wohl gleicht der Soldat dem Kinde , das hundertmal über einen Stein gefallen ist , und ihn doch nicht sieht , wenn die lockende Frucht aus der Ferne winkt . Das ist ja eben das herrliche in ihm , fiel Stephano schnell ein , daß ihn keine niederträchtige Überlegung von einem dreisten Schritt zurückhält . Der Engel mit dem Schwerte leihet dem Krieger seine Schwingen , um ihn über die Erbärmlichkeiten des Lebens hinaus zu tragen . Könnte der Tollkühne , fuhr der graue Mann fort , das glänzende Elend durchschauen , er würde gedankenvoll und mit Weisheit die Bahn betreten , oder mindestens dürften seine Führer den Stein zu umgehen suchen . Nun ich sehe zum Glücke , sagte Stephano , daß ein letztes Fünkchen dieser Tollkühnheit jedem und auch ihnen beiwohnet , da sie so rücksichtslos mit und von den Soldaten reden . Hüten sie sich aber doch vor diesem Stein , ihr kühner Geist mögte sie nicht bei allen auf gleiche Weise empfehlen . Sie wandten sich von dem friedliebenden Lehrer , den ein paar kecke Bursche spottend nöthigten , mit ins Feld zu ziehen . Er werde , meinten sie , in der Schlacht gut thun , da er mit den kurzen Beinen nicht weit laufen könne . Rodrich ' s Ahnungen hatten ihn indeß nicht betrogen . Er sahe Miranda erst am folgenden Abend in der großen Hofversammlung . Die Stunden rollten dort quaalvoll in kalter Förmlichkeit hin , ohne daß sich der Augenblick fand , in welchem ein herzliches Wort zu ihm gedrungen wäre . Miranda sprach wenig , sie schien sehr bewegt , ihre Blicke senkten sich oft zur Erde , und einmal glaubte Rodrich eine Thräne in den dunkeln Wimpern zu sehen . Er wußte selbst nicht was ihn zurückhielt , sich ihr wie viele Andre zu nähern . Er zögerte und kämpfte , als plötzlich alles aufbrach , und er in einer kalten Verbeugung sein Blut erstarren fühlte . Die zurückgedrängte Leidenschaft drohete ihn zu ersticken . Er hatte nicht die Kraft den Fuß zu heben , und verweilte in ängstlicher Betäubung einen Augenblick , als die Prinzessin schnell auf ihn zutrat . Ihre Brust hob sich unruhig , als kämpfe sie mit zurückgehaltnen Thränen ; stockend sagte sie endlich : Ich habe vergessen , sie von Rosalie zu grüßen , bei der ich diesen Nachmittag war . Die Arme hoffte sie jeden Augenblick zu sehen , um ihnen Lebewohl zu sagen . Ich habe recht mit ihr getrauert , sie hätten sie nicht um diese letzte Freude betrüben sollen . Es war eine von den wenigen klaren Stunden , in denen sie ihr Leben mit Ruhe umfaßt , und still in sich selbst zurückgehet . Vergessen sie es nicht , daß eine bekümmerte Freundin für sie betet , die ihnen dies Andenken , als eine liebe Erinnerung schöner Augenblicke , giebt . Er empfing mit Entzücken einen kleinen Ring aus ihrer Hand , den er noch betrachtete , als sich alles um ihn her verloren und Miranda längst entfernt hatte . So liebreiche Worte durfte er kaum erwarten . Er drückte das Zeichen stiller , heiliger Zuneigung an seine Lippen . Ja , meine fromme Geliebte , sagte er leise , bete nur , daß ich immer so demüthig und rein , wie in diesem Augenblick , zu dir aufsehe ! Ist es doch , wenn ich den Ton ihrer Stimme höre , als geböte sie den innern Wogen Stille . Ich gebe mich dann auch so willig hin , und lasse sie walten , als hätten ihr von Ewigkeit alle meine Gedanken angehört . Es war ihm fast lieb , nicht bei Rosalien gewesen zu seyn , so gewiß er auch glauben durfte , daß Miranda ihn dort aufgesucht habe . Dieser plötzliche Wechsel , der geheimnißvoll wehende Liebeshauch , der ihn anrührte , als wolle er die Flammen aus dem Eismeere locken , die unnennbare Freude , die plötzlich durch sein ganzes Wesen zitterte , welche andre Wonnen konnten diese aufwiegen ? Er eilte zu Florio , um in dies treue Herz sein Glück zu ergießen . Als er ihn sah , schloß er , ihn freudig in die Arme , und zeigte ihm den Ring , der ihm sein stummes Entzücken erklären sollte . Florio betrachtete gerührt das Kleinod . Es war eine große Perle , die in einem Blumenkranz von feinstem Golde lag . Je länger er darauf verweilte , je lebhafter ward er an den feurigen Reif auf dem Bilde der Dame erinnert . Er konnte sich kaum der Thränen erwehren , und gab ihm den Ring schweigend zurück . Verzeihe , sagte er , als ihn Rodrich verwundert ansahe , wenn ich dir kalt erscheine , ich bin von allem , was ich heute sehe , auf eine ängstliche Weise ergriffen . Die ganze Welt scheint mir in einer peinlichen Beklemmung zu liegen . Es ist als wenn alle zurückgehaltene Thränen des nahen Abschiedes auf meine Seele fielen . Ich war bei der Gräfin , wie du es wolltest . Sie empfing mich gütig , und meinte : wir müssen beide die Undankbaren vergessen , die uns jetzt mit freudiger Ungeduld verließen ; aber sie lächelte dabei so wehmüthig und sah so kummervoll auf den geschäftigen Grafen , daß man wohl fühlte , was ihr jeder Scherz kostet . Sie bittet dich , die letzten Stunden dieses Abends bei ihr zuzubringen . Alle Freunde sind dort . Sie versichert im voraus , daß sie eure Freude auf keine Weise stören , sondern den Augenblick so fest halten wolle , als könne der morgende Tag niemals hereinbrechen . Florio , sagte Rodrich sanft , du entkömmst mir nicht , trotz dem ungewohnten Strom deiner Worte , und den neuen Bildern , die du ängstlich vorüberführst . Beschäftigt auch dich der Ring allein ? Sage doch , mein guter Junge , was bewegt dich dabei so seltsam ? Hast du nicht in meine offne Seele gesehen ? war ich je bemühet , dir selbst die trüben Flecken darin zu verbergen ? und darfst du dich gleichwohl vor mir verschließen ? Florio widerstand dem sanften Eindringen nicht . Er faßte seine Hand , und vertraute ihm , was er seit jenem Augenblick sorgfältig in seiner Brust verschloß . Sie betrachteten beide den Ring ; in dem röthlichen Schein der Perle strahlte Florio jene nächtliche Erscheinung zurück , er senkte den Kopf in beide Hände , und weinte still vor sich hin . Laß nur , sagte Rodrich , die Zeit wird das Räthsel lösen , und mag auch eine blutige Thräne auf die flammende Glut fallen , wer weiß was daraus hervorgeht ! Bald darauf trafen sie bei Seraphinen ein , die sie bleich und mit verweinten Augen empfing . Rodrich faßte gerührt ihre Hand . O , sagte sie halb lachend halb weinend , thun sie sich keine Gewalt an , die Freude glänzt so unverschämt aus ihren Augen , daß jede Bemühung , traurig zu scheinen , vergeblich ist . Nein , nein , fuhr sie fort , als Rodrich im Begrif war zu antworten , laßt uns durch nichts erweichen , der Ton ist der rechte , den ich eben angestimmt habe , die dreiste Fröhlichkeit soll den Schmerz wenigstens für heute verscheuchen . Sie versuchte bald dem Gespräch eine leichtere Wendung zu geben ; allein was sie auch that , die Anstrengung