die Freunde ernstliche Anstalt , über einen haltbaren Lebensplan übereinzukommen ; und bald kam Folgendes zu Stande . Ulmenhorst bezog sein Gut ; Lindenhain kaufte eins in der Nachbarschaft , und erstand zugleich den Landsitz , welchen der Onkel in seinem Wohlstande besessen hatte , worauf er ihn auch wieder einsetzte . Madame Euler , an die Adelaide sich unzertrennlich gekettet hatte , wohnte mit derselben in einem sehr eleganten Pavillon auf Lindenhains Gute ; und Rehthal , der sich von seiner Frau schied , die er wegen des schlechten Streiches mit den untergeschlagenen Briefen , nicht wieder an seiner Seite leiden konnte , so viel Albertine die Strafbare auch entschuldigte und für sie bat , verkaufte sein Gut und wohnte bei Ulmenhorst . Da war denn immer Einer in und durch den Andern glücklich , und nur Laurette säete zuweilen Unkraut unter den Weizen . Onkel Dämmrig fand den Plan so deliziös , lebte wieder von Neuem auf , und verjüngte sich ganz so an dem reinen Feuer aus Adelaidens Augen , daß er oft in der Freude seines aufgewärmten Herzens sein altes : » Damötas war schon lange Zeit « mit heiserer Stimme anstimmte , und sich freute , wenn er es den Damen nach dreierlei Kompositionen , mit altväterischen Manieren verbrämt , vorsingen konnte . Musik , Mahlerei , worin auch nun Albertine anfing vortrefflich zu werden , ernste Wissenschaft , leichter Scherz , kleine dramatische Übungen , landwirthschaftliches Treiben gaben dem , ohne den Umgang der Musen so einförmig häuslichen Landleben Mannichfaltigkeit und reichen Genuß . Eintracht pflanzte überall die Friedenspalmen hin , und selbst Laurettens Geist schien unter der Milde dieses Himmels von seiner Schärfe zu verlieren , obschon dem ungeachtet Onkel sie oft seinen Pfahl im Fleisch und den Klotz an seinen Beinen nannte , und von Herzen wünschte , daß ein von Gott und allen Weibern Verlassener sich doch erbarmen und sie ihm abnehmen möchte . Ob irgend eine Hoffnung dazu für ihn und die arme Hartsinnige grünte , werden wir im folgenden Kapitel erfahren . Fünf und zwanzigstes Kapitel » Sagen Sie mir doch , Ulmenhorst , was ist ' s , daß Sie jetzt so häufig verstimmt scheinen , und oft mitten im frohen Gespräch sich einer eigensinnigen Laune überlassen , die uns Ihre Unterhaltung verkümmert ? « fragte Henriette . Albert erröthete , legte seine Hand sanft auf ihre Schulter . » Morgen sollen Sie ' s erfahren , wenn Sie mir helfen wollen ? « - » Wenn ich kann , gern ! « Und das Gespräch war abgebrochen . Henriette hatte ganz andere Besorgnisse , und fühlte sich erleichterten Herzens , als sie folgendes Billet gelesen hatte . » Leiser berührt die weibliche Hand wunde Herzen ; leihen Sie mir die Ihrige , meine Freundin , eines zurückzudrängen , das sich unaufgefordert zu mir hinneigt . Nie gab ich Lauretten Anlaß , mich für Ihren Liebhaber zu halten ; nie fühlte ich für diese niedrigste aller Weiber ; das wäre sie mir , auch ohne die Nähe ihrer englischen Cousine ! Und dennoch macht sie Anstalt , mich mit stürmender Hand zu erobern . Ich verschweige , wie weit sie , aller weiblichen Delikatesse trotzend , sich vergaß . Das macht mich bei ihrem Eintritte still , weil ich mich in ihrer Seele schäme . Ihrer Zartheit , meine Freundin , traue ich es zu , daß Sie den verirrten Sinn sanft zurückführen werden . Zu hart wär ' s mit männlicher , mit meiner Hand . Überdem hat sie sich , meiner leisen Zurechtweisungen nicht achtend , mir nur frecher entgegen geworfen . Ungern würde ich Sie indessen dem Spotte des Onkels und der Verachtung Anderer ausgesetzt sehen . Sie ist ein Weib , Albertinens Verwandte und muß geschont werden . Nach meinem Gefühle darf ein Mann die Fehler nicht strafen , die er veranlaßt . Leben Sie wohl ! Von Ihnen hofft seine Befreiung Ihr Albert von Ulmenhorst . « Henriettens Verlegenheit war groß , nicht geringer Albertinens , als sie folgenden Brief von der verschollenen Tante Elise erhielt . » Bitte , bitte , sei nicht böse , Nichte Albertinchen , wenn ich unter den Wellen seligen Genusses , die über mir zusammen schlugen , eurer zu vergessen schien . Athemlos , in Wonne gelößt , schwebt mein Geist dem Deinen wieder entgegen und fleht um Einklangsseligkeit . Du Einzige gewährst sie mir . Den Bruder grüße mit dem Kuß der Liebe . Nichte Lauretten sage - ach Gott ! die Arme ! wie wird ihr Herz in dem Ocean der Kränkung sich nach einem errettenden Felsen sehnen ! Die Arme ! ! ! Sage ihr , weil es doch einmal gesagt werden muß , es ginge unmöglich an , daß Doctor ( nicht mehr Magister ) Doctor Wassermann sie heirathen könne , wie sie gern will , weil er mich schon geheirathet hat . Die Musen schlossen den ewigen Bund . Ach , was ist die Liebe für ein süßes Ding ! - Die Welt nennt mich alt . Alt ? Was ist das nun ? Die Hülle , das Kleid wird alt ; der Geist blüht in ewig schöner , jugendlicher Form . Wer nicht alt werden will , wird es nicht . Ich gestehe freilich , daß mein Wassermann nicht ganz das Ideal meiner Vorstellungen ist . Sein ernster Sinn verschmäht die leichten Blüthen des meinigen ; oft windet er mir einen Kranz von Wermuth , wo ich Rosen brechen möchte ; öfterer führt er mich unter Lauben von Cypressen , und lehnt meine Leier an die Thränen-Weiden der herben Vorwürfe ; mehr nennt er mich eine unerschaffene Ceder auf Libanon , denn eine Rose im einsamen Thale ; aber dennoch verehre ich den Theuren grenzenlos . Ich beuge mich vor seinem stärkern Geist , und neige mich , wie das zarte Schilf im Sturme . Begeistert durch die Nähe des Empyräum , streben unsre Geister hinanwärts , hinanwärts ! ! ! Mein Bertram arbeitet , im Vertrauen sei ' s gesagt , an einem großen epischen Trauerspiel , von wie vielen Akten , das wissen die Götter ! Den Stoff giebt die christliche Mythe , das Weltgericht . Sie begreifen , Nichte , wie reich ! wie wenig er dem Übelstande der Lokalität ausgesetzt ist . Von Adam bis auf den Säugling dieser letzten Stunden , paßt alles hinein . Den Chorus geben die zur Rechten , und die zur Linken stehenden , den diese letztern als Böcke natürlich nur mäkkern . Sie werden tüchtig herunter gemacht vom Richter , und das giebt die Entwickelung . Denn sehen Sie , Nichtchen , sonst erführe man ja gar nicht , warum die ganze Scene veranstaltet ist . Die Schäfchen zur Rechten tanzen ein Schlußballet zu dem Chorus und somit gut ! Sagen Sie es aber Niemand ; es soll überraschen , will Bertram . Auch Eurer Elise Geist producirt und ersetzt die leibliche Descendenz . Nichtchen , ich , ich schwärme einen Roman , wie meine reiche Phantasie ihn mir hinzaubert . Wir waren bis jetzt in dem Wahn , meine Liebe , das Wesen des Romans wäre Natur und treues Sittengemälde . O ganz und gar nicht ! Richardson und der erzgemeine Fielding sollten jetzt einmal aufstehen und lernen . Ihren abgeschmackten Dictionen sieht man ' s gleich beim ersten Blick an , daß ihre Verfasser Engländer sind , in England schrieben und von Engländern gelesen seyn wollten . Das ist nun eben unrecht . Es muß alles rein idealisch , rein poetisch seyn . Lieber muß man Schränke und Kommoden redend einführen , ehe man ' s den Personen anmerkt , wer sie sind , und was sie wollen ? Und dann , so muß auch die Moral nicht so Fuderweise darin aufgestapelt liegen . Dadurch entsteht dann die reine Menschheit . Ich sage dir , Nichtchen , die wenigen Figuren , die ich zu meinem Roman brauche , sollen , so zu sagen , wie die Figuren im Puppenspiel , zwischen Himmel und Erde schweben , an einem unsichtbaren Drath , und ihrem Thun und Lassen soll keiner abmerken , ob sie in jene oder diese Region gehören . Da vermeide ich dann die gemeine Natürlichkeit und weiche dem platten konventionellen Leben aus . Lebe wohl ! Tröste Laurettchen ! Sage ihr , sie soll sich an dem Duft meines Glücks erlaben , und schreiben , schreiben ; es füllt Küche und Keller . Lebe wohl ! Die Deinige , im Rosenduft der Freude Elise Wassermann . « Albertinens Bestürzung über diesen Brief und ihre Verlegenheit in Ansehung ihrer Cousine , entging Lindenhain nicht . Seine Neugier wurde dadurch erregt und sie konnte ihm die Mittheilung nicht versagen . - » Mißverstanden , Tante ! abermals mißverstanden ! « rief er . » O , ihr ehrwürdigen , erhabenen Geister , wie werdet ihr verstanden und von Kleinmeistern und Pfuschern gehudelt ! Bittet für uns ! « Laurettens unglückliche Konstellation wollte einmal ihre Demüthigung . Ein dritter Brief an sie selbst kam an . » Mademoiselle ! Dero Anfrage nach Lessing , siehe Minna von Barnhelm , ob ich keine Frau Vadius brauche ? ist so ächt komisch , so wahrhaftig naiv , daß wir , meine verlobte Frau Braut , Madame Antonie Spürhauß und ich , sie nicht genug haben bewundern und belachen können . Nein , meine Geschätzte ! ich brauche keine Frau Vadius , sintemal mich der Himmel schon mit einer versorgt hat , die so jung , als schön , so reich , als klug ist . Der wegwerfende Stolz , mit dem Sie sonst dem armen Secretär Vadius begegneten , wird Ihnen nicht weiter zugerechnet , so wenig , wie der coup de desespoir , womit die alternde Jungfer Brandbriefe ausschickt . Meine Antonie ist in dem Fall , einer Kammerjungfer zu bedürfen ; fühlten Sie sich geschickt zu dieser Stelle , so soll sie Ihnen unverhalten seyn . Das Vergangene sei vergessen . Mit dem gutmüthigsten Ernst bietet Ihnen zu Ihrem redlichen Unterkommen die Hand Ihr Cyprian Vadius . « Laurette war braun vor Ärger ; sie kochte Wuth , und drohte eine fürchterliche Explosion , die denn auch bald erfolgte , und sich über die häuslichen friedlichen Fluren verderbend ergoß . Wie alle gemeine Gemüther , fand sie in allem außer sich die Schuld , nur in sich selbst ahnete sie sie nicht . Sie war nicht klug genug , die derbe Weisung in sich selbst zu verarbeiten ; so sehr die Freundinnen es zurück zu treiben sich bemühten , ward sie nicht ruhig , bis alle Hausgenossen , selbst die geringste Dienstmagd , mit in ihren Unmuth stimmten und den Verbrecher mit entehrenden Namen nannten . Wie sollten die Freundinnen es wagen , ihr von den beiden andern Briefen Kunde zu geben ? » Schwester Lieschen hat also den Wassermann wirklich geheirathet ? « sagte Onkel über Tische . - » Ja ! « sagte Albertine verlegen . - » Daß sich Gott erbarme ! « rief Laurette keck . » Da muß die gute Tante recht heirathslustig gewesen seyn ! Man lege ihre Jahre mir noch zweimal zu , ich möchte den pedantischen Narren nicht . An ihm liegt es nicht , daß ich Tanten nicht zuvorgekommen bin ! « - Dämmrig rückte auf dem Stuhl hier hin , dort hin , räusperte sich und fing an : » Nichte , es will doch verlauten « - Albertine erschrak , gab Adelaiden einen Wink , und dieser liebe Schalk brachte dem Onkel seinen alten Spruch : ce , que nous aimons ! zu , in den er sogleich einstimmte . Die Stimmung wurde nun heiterer , das Gewitter verzog sich , und Laurette war für dieses mal losgelassen . Sechs und zwanzigstes Kapitel » Was für mich denn nirgend vorhanden ist , sollen die Andern auch nicht haben ! « sprach Laurette , und Satanas lächelte in seiner Hölle , und der freundliche Horizont über den Häuptern der Lieben , mit deren Schicksal wir uns beschäftigen , schien sich schon ob dem unglückschwangern Vorsatz zu schwärzen . Laurette hielt Wort . Überall zurückgewiesen , wo sie unterzukommen suchte , im Gefühl ihrer Verächtlichkeit , warf sie , wo sie nur Brennstoff ahnete , die Funken des Argwohns und der Zwietracht , die in ihrem Busen einen Heerd hatten , bedächtig hinein , und bließ und schürte , bis alles in lichten Flammen stand . Im ganzen Kreise nannte man die Familie Lindenhain und Ulmenhorst die Glücklichen oder auch die Guten , und jedem schien ' s Gewinn , in ihre Mitte eingelassen zu werden . Lange hießen sie noch so für jeden nicht Vertrauten , als längst schon die Stützen jedes häuslichen Glücks , Liebe und Zutrauen , zu wanken anfingen . Schmerzvoll ist die Erwähnung einer wiederholt bestätigten Erfahrung , daß es unter dem Monde nichts Beständiges giebt . Als der Krieg Albertinen von ihrem Gatten schied , hatte sie , wie wir schon wissen , nur das rosenfarbene schöne erste Jahr der Ehe mit ihm durchlebt . Beide hatten sich nur im schönsten Lichte , im lachendsten Kolorit gesehen , dessen Interesse durch die schwankende Aussicht einer bevorstehenden Trennung durch den Krieg immer neu belebt wurde . Sie kannten im Grunde einander sehr wenig , und nur in dem Lichte , worin Liebende sich sehen , das heißt : im allerromantischsten . Lindenhain hatte in dem Hause gewohnt , worin Albertine mit ihrer kränklichen Mutter , der Frau von Rehthal , Dämmrigs jüngster Schwester , sehr eingezogen lebte . Kaum , daß sie den Aufenthalt des schönen Jünglings , den sie nur im Vorbeigehen durch die Jalousien gesehen hatte , in ihrer Nähe ahnte . Er hingegen hatte die umgebende Gegend genau rekognoscirt , und nicht sobald erfahren , daß eine leibhafte Liebesgöttin hier neben dem trübseligen Memento mori einer kranken Mutter throne , so ließ er sich bei den Damen melden . Er wurde sehr goutirt ; und um irgend ein Band anzuknüpfen , schlug der junge Officier einen Kommerztractat vor , der eine Auswechselung geistiger Waare betraf , da beide Theile Besitzer guter Bibliotheken waren , und überdem Lindenhain alles Neuste , woran die Damen ziemlich arm waren , herbeizuschaffen versprach . Der junge Nachbar frachtete , in Ermangelung der Domestiken , sein Waarenschifflein immer selbst in den Hafen und genoß seines Lohnes in dem schönen Erröthen der süßen Albertine , die dem schönen Büchermann die Zufuhr immer selbst abnahm . Um diese Zeit nahm eben Albertine Stunden in der Zeichen- und Malerkunst bei ihrer Henriette . Da traf es sich immer ganz besonders , daß Lindenhain eben aus irgend einem Kollegium kam , wenn Albertinens Stunde aus war ; und da sie in einem Hause wohnten , so war nichts natürlicher , als daß sie des Weges zusammen gingen . Albertine sagte das unverholen ihrer Mutter , und die Mutter , die keine Prüde war , lächelte und sagte : » Der Lindenhain wäre mir schon eben recht ; daß er auch ein Officier ist ! « - » Und warum keinen Officier , Mutter ? Giebt es , außer diesem , einen Stand , in welchem der natürliche Karakter und eine bestimmte Denkungsart am meisten beibehalten werden kann ? Kann der Soldat nicht so frei , so gerade , so kühn verbleiben , als die Natur den Mann gemacht hat ? « » Wo haben Sie diese Philosophie her , mein Fräulein ? « sagte die freundliche Mutter . » Hast du so ernstlich über den Nachbar nachgedacht ? Ich leugne dir nicht , daß der Stand in meinen Augen große Vorzüge hat ; aber sieh nur , wie viel Wittwen macht nicht der böse Krieg ! Wie viel Wittwen von lebenden Männern ! Denn das , was du sagest , giebt dem Ein anderes Städtchen , ein anderes Mädchen seine volle Kraft . « - » Ach , Mutterchen , der Nachbar vereint in sich die Vorzüge seines Standes mit der Kultur der friedlicheren Klasse . « - » Nun , Albertine , wenn er käme , es wäre mir nicht zuwider ; aber ein Unglück , daß diese edle Klasse nur erst Brod bekommt , wenn sie es nicht mehr beißen kann ! « - Albertine sagte lustig : » Mag ' s ! « und hüpfte , froh , so viel schon bei der Mutter gewonnen zu haben , an ihre Arbeit . Und es geschah , wie sie gewünscht hatten . Nach einem kurzen Urlaub , wo Lindenhain die Erbschaft seines Vaters übernommen hatte , erschien er mit einer offnen , ungekünstelten Bewerbung um die schöne Nachbarin , und erhielt , ohne Ziererei und Bitte um Bedenkzeit , ein herzliches Ja ! Die verwelkliche Rosenkette umschlang Beide ; sie taumelten in ihrem süßen Duft dahin . Die gute Mutter starb bald nachher , und ihr ansehnliches Vermögen , das , wie wir wissen , leider ! bei ihrem Bruder stand , machte Albertinen auch von dieser Seite zu einer sehr guten Parthie . Nach einem im seligsten Genusse verlebten Jahre , bekam das Regiment Ordre zum Aufbruch . Das junge Paar war untröstlich . Albertine zog , wie wir wissen , zu ihrem Bruder und ihr Gatte in den Krieg , der , wir können es nicht leugnen , bei weitem mehr sein Element war , als die Mirthenlauben von Paphos . Als seine Albertine , wie es ihm schien , in Sicherheit war , zog er mit hoch aufklopfendem Herzen und den hell lodernden Flammen der Kriegslust , seinen Fahnen nach . Sieben und zwanzigstes Kapitel Man sage , was man will , der Krieg , zu Wasser oder zu Lande , verwildert die Naturen , giebt dem Hange zum unstäten Leben Nahrung , erhält in steter Spannung und befriedigt nur durch große , entscheidende Katastrophen ; nur das Große und Riesenmäßige genügt den Mitwirkenden . Daß Lindenhain , der von der Natur so ganz zum Soldaten geeignet war , sich eine Zeit lang in der ländlichen Stille , in friedlicher Thätigkeit , in zweier lieblichen Weiber Mitte gefiel , war mehr der Neuheit und Seltenheit wegen , als daß es seinem innern Geschmack zugesagt hätte . Bald wurde es ihm zu enge ; er schnappte nach Luft ; ihm war nur wohl , wenn er des Tages ein paar Pferde müde geritten hatte ; und endlich war ' s auch Albertinen wohl , so herzlich sie ihn liebte , wenn sich das liebe Ungethüm vom Hause entfernte . Angefeuert durch das Beispiel der Freundinnen , ergab sich Albertine jetzt mehr , als je , den Künsten ; es freute dann Lindenhain wohl , wenn unter ihrem Pinsel etwas Meisterhaftes entstand , aber er schalt doch auch , wenn etwas Wirthschaftliches versäumt oder aufgeschoben war . Er bedachte nicht , daß es in der Natur der Dinge liegt , und daß es unbillig ist , vom Weibe zu fordern , was der seltne Mann nur vermag : allem zu genügen . Würde sich weibliches Talent im Wettstreite mit dem männlichen nicht ungehemmter entwickeln , müßte sich das Weib nicht zugleich hundert zeitversplitternden Arbeiten hingeben ? Und die Hand auf ' s Herz , ihr Künstlerinnen , und schriftstellerischen Weiber , wenn ihr den Pinsel aus der Hand legt , wenn euch eben ein Reim oder lebhaftes Bild auf der Zunge schwebt , gehet ihr dann mit eben so lebhaftem Interesse in die Küche oder an den Wäschschrank , als ihr euch an euren Schreibetisch oder an die Staffelei setzet ? Ich sage nein ! und der Mann , der es von euch fordert , daß die Geistesunterhaltung untergeordnet bleiben soll , ist ein unbilliger . Wer wird , wenn er Nectar haben kann , noch gern sauren Landwein trinken ! Aber das Weib , das im Gefühl ihrer Pflicht und Würde , eines thut und das andere nicht läßt , ist das beste . Albertine hatte nie in einem größern Kreise gewirkt ; sie mußte sich erst hineinstudiren . Die Erfahrung macht die Wirthin , und jene wird oft mit Schaden erst erlangt . Dadurch wurde sie unmuthig ; es wurde ihr schwer , mancher Kleinigkeit , die es in ihren Beziehungen freilich nicht ist , Interesse abzugewinnen , und Lindenhains Vorwürfe verleideten ihr das Ganze . Das versäuerte die Masse um so mehr , da Laurette gewöhnlich bei den Vorwürfen , die Albertine oft , indelicat genug , im Beiseyn mehrerer erhielt , laut lachte oder bejahend einstimmte . Bei der kränkelnden Mutter hatte Albertine eigentlich sehr wenig gelebt , und ihre Phantasie hatte sich durch Lesen und in sich selbst eine Welt gebildet , die nur wenig Ähnlichkeit mit der wirklichen hatte . So hatte sie Freundschaft , Liebe und Ehe kennen lernen , und so war sie untröstlich , daß besonders die Ehe ihrem Ideale , aus Dichtern und Romanen geschöpft , so wenig entsprach . Lindenhain war , wir haben es schon selbst gestanden , durch den Krieg in etwas verwildert ; doch schrieb Albertine diesem mehr auf die Rechnung , als darauf gehörte , und auf die des zum Ehemann gewordenen Liebhabers zu wenig . Der Genuß des zur Gewohnheit gewordenen Guten , kam auch nicht in Anschlag . Es kam Mislaut in die schöne Harmonie des Ganzen . Albertine härmte sich im Stillen . Adelaidens liebenswürdige Munterkeit wehrte dem Unwesen eine lange Zeit ; aber endlich wurde auch sie mit angesteckt . Sie warf Lindenhain bald scherzhaft , bald ernstlich seine ehemännische Laune vor . Sie sagte zuweilen drollig : » Capitaine , Capitaine ! Ich habe Ihre Kopfwunde schlecht geheilt ; Sie phantasiren noch . « Da kam es denn zu Erörterungen , zu Mittheilungen von allen Theilen , und es konnte Albertinen nicht angenehm seyn , daß eben Adelaide das Depot der beiderseitigen Beschwerden wurde . Als Schiedsrichterin war sie viel zu schön und zu jung . Für Lauretten waren diese Verhältnisse wahrer Genuß . Sie lebte wie von neuem auf , und wußte bald Albertinen auf Lindenhains Vertrauen zu Adelaiden , bald Lindenhain auf Albertinens erheiterte Laune , wenn Albert zugegen war , geschickt aufmerksam zu machen . Lindenhain war nicht eifersüchtig ; aber der oft Betrogene war mißtrauisch ; auch mißtrauisch gegen seine Albertine , gegen Albert , gegen den besten Menschen ; und dies war ein Zug in seinem Karakter , den Albertine noch nicht kannte , den er nie Anlaß gehabt hatte , gegen sie zu entwickeln , und den er selbst nicht kannte , als er Alberts Entfernung hintertrieb . Maß sich Lindenhain mit Albert , so fiel ihm sein fehlender Arm schmerzlich auf ' s Herz . Maß sich Albertine mit Adelaiden , so sahe sie in sich die gewohnte Ehefrau , bei der alles Pflicht und Schuldigkeit , wie bei jener alles freier Antrieb und Edelsinn war . Noch waren aller Herzen rein ; aber - was sollte in der Folge daraus werden ? Was daraus werden mußte . Ein verstimmtes Instrument , das nur noch Mißlaute von sich gab . Henriette , die es lange nicht hatte bemerken wollen , mischte sich endlich , von Albertinen aufgefordert , darein . Sie redete Lindenhain an ' s Herz , der ihr eine kecke Antwort gab , und unter andern sagte : » er wisse sich zu bescheiden ; ein Krüppel könne freilich nicht viel Ansprüche machen ; er fände es endlich nicht unnatürlich , wenn ein schönes , junges Weib einen bildschönen Mann , dessen Gattin sie ohnehin hätte werden wollen , vorzöge . « » Lindenhain , nehmen Sie mir es nicht übel , jetzt sind Sie gemein . Eifersucht würde ich der Liebe verzeihen ; aber Mißtrauen in die edelsten Menschen - pfui ! schämen Sie sich ! Und wer dürfte es Albertinen verdenken , wenn sie des ewig vorwerfenden , zurechtweisenden Umganges , der die Arme zur Marionette herabsetzt , überdrüßig , sich in der Gegenwart eines sanfteren , heitern , geistreichen Freundes erheitert fühlte ? Wenn dies in ihrem Betragen nicht sichtbar würde , müßte sie eine Heuchlerin seyn ? « Lindenhain schwieg , schien in sich zu gehen , und versprach , sich zu bessern . Bald flüsterte Satan Laurette ihm zu : sie hat dich verklagt ; das war unrecht . Und es blieb , wie es war . Oft , wenn er Albertinen mit gesenktem Kopfe , wie ein dahinwelkendes Maienblümchen sahe , und überdachte , mit wie edlem Zutrauen sie sein Verhältniß zu Adelaiden aufgenommen hatte , ward er innig erweicht , drückte sie ungestüm an sein Herz und gelobte sich , den reinen Engel ganz glücklich zu machen . Bald aber gewannen wieder die Miseren des häuslichen Lebens , so wie sein Hauptlaster , die böse Laune , die Oberhand , die durch das immerwährende schmerzliche Entbehren seines Armes geschärft wurde . Die arme Albertine wurde für alles , was im Hause mißlang , auch für Zufälligkeiten , verantwortlich gemacht , und Onkel Dämmrig , dem die Dissonanzen schmerzlich im Herzen wiederhallten , weil er Albertinen sehr liebte , sagte oft halb scherzend , halb traurig : » Heut kriegt die arme Albertine gewiß wieder Schelte ; der Barometer steht auf Regen . « Albertine hatte drei kleine Narben am Kinn , deren Daseyn sie und die Ihrigen bei jeder Pocken-Epidemie beruhigten ; sie glaubten , daß sie sie in früher Kindheit gehabt habe . Die Pocken wütheten im Dorfe , und Albertine ging unbesorgt in allen Hütten umher , ihre Hülfe zu vertheilen . Sie erkrankte ob der Mühwaltung , wie man glaubte ; aber sie hatte sich Blattern und zwar von der giftigsten Art geholt . Schrecken und Jammer überfiel die Ihrigen ; keiner wich von ihrem Lager ; selbst der kränkliche Onkel trippelte an ihr Bett hin und bejammerte das entstellte Engelsbild . Lindenhains Feuerseele schlug jetzt , durch die Gefahr der Leidenden angefacht , in helle Flammen auf . Nie glaubte er sie inniger geliebt , nie ihre sanfte Duldsamkeit mehr bewundert zu haben . In der Hitze der Trübsal gelobte er mehr zu halten , als er seiner Natur nach vermochte . Albertine reichte ihm freundlich die Hand , und gab vor , sich an einem Blick auf eine glücklichere Zukunft zu laben , an den sie längst nicht mehr glaubte . Aber wer begreift , wer schildert Adelaidens Edelmuth ! Die schmerzliche Lage der jungen Frau , wenn sie nun aller Schönheit beraubt , entstellt von diesem Lager aufstände , entging ihrem schnellen , richtigen Blicke nicht . Sie sollte schön , und ihre beschützende , großmüthige Freundin eines so einnehmenden Vorzugs beraubt seyn ? Lindenhain sollte einen Vorwand gegen die arme Albertine haben ? Das ertrug das edle Mädchen nicht ; sie wollte mit ihr zugleich häßlich werden , wollte keinen Vorzug an sich dulden , wollte auch die Blattern haben , die sie noch nicht gehabt zu haben glaubte . Sie lehnte ihr Gesicht an Albertinens , aß von ihrem Bissen , trank aus ihrem Becher , und was auch eingewendet werden mochte , schlief an ihrer Seite . Nie gab es eine Wärterin , wie diese ; nie wurde ein Kranker gepflegt , wie Albertine . Aber das Gift theilte sich ihr nicht mit . Sie bekam einen unschädlichen Ausschlag , und das war alles . Ihre erhaltene Schönheit und die Verehrung und Liebe Aller waren der gerechte Lohn ihres Edelsinns und ihrer unerhörten Aufopferung . Acht und zwanzigstes Kapitel Albertinens Leben war zwar gerettet ; aber - wer faßt den Jammer ! - sie blieb des Lichtes ihrer Augen , ihrer wunderschönen blauen Augen beraubt ! - Der unwiederbringliche Verlust ihrer Schönheit wurde gegen dieses schwere Unglück kaum bemerkt . In dem Frühling ihrer Tage , in dem Rosengarten ihres Lebens , umgab das schreckliche Dunkel der Blindheit den Sinn , durch den uns der Anblick der Wunder in Gottes schöner Natur einen Strahl dauernder Freude und höherer Andacht in die Seele sendet . So lange noch ein Schimmer von Hoffnung war , ergab sie sich still den Fügungen der Ärzte . Als nun aber die immer wiederholten neuen Versuche alle täuschten , überließ sie sich einem stillen Gram , der um so rührender war , da sie ihn in sich verschloß und er ihren zarten Körperbau sichtlich angriff . An dem bebenden Ton ihrer Lieben vernahm sie die zurückgehaltene Wehmuth derselben . Lindenhains Schmerz äußerte sich , wie seine Natur es wollte , mit Ungestüm und meist im Style des Vorwurfes . » Wärst du nicht in jene unglücklichen Hütten gegangen , das Unglück wäre nicht geschehen ! Was gingen dich jene Kinder an ? « - Das drückte dann die arme Albertine ganz darnieder ; sie suchte seine Hand , bedeckte sie demüthig mit Küssen , und bat ihm ihr Unglück ab . Ernst und besonnen schlug sie ihm die Scheidung vor , da sie den Zweck des Hausstandes nicht mehr erfüllen könne , und nun im Dunkeln wandeln müsse ; » weil ich meinen Lieben nur Leiden , statt der gehofften Freuden geben kann ! « setzte sie schmerzlich hinzu . » Ach , mein Theurer , nur ein stilles Winkelchen räume mir ein ; die Zeit wird auch mir den Frieden geben , der so unverkennbar das Erbtheil aller des Lichts Beraubten ist ! Du bist zu jung und lebenslustig , als daß es recht seyn könne , dein Dasein an das einer armen Unglücklichen zu ketten , und ihre Last mit zu schleppen . « Dergleichen Auftritte , die nur zu oft in der ersten Zeit vorkamen , überwältigten dann des Mannes Herz ; seine Thränen flossen , und mit von Schmerz aufgelöstem Herzen stürzte er hinaus ins Freie , ritt zwecklos umher , und kehrte düster und schweigend dann erst zurück , wenn seinem Pferde die Kräfte , ihn weiter zu tragen , entgingen . Wenn er dann Albertinens