ihnen hin , so dünkt es mich , ich finde bekannte Wesen , die ich schon einst gesehen ; es sind die Schatten meiner vorigen Freuden , meine Wünsche , meine Lieblingsträume . - Dann vergesse ich auf Augenblicke alles um mich her , und mein Herz weiß von keinem grössern Glück , als sich an diesen Wunden verbluten , in Wehmuth sterben zu können , - Und so ist es wohl gewiß , Barton , daß es Eindrücke giebt , die unauslöschlich sind ; und die Töne sind die wunderbaren Fäden , die von der Geisterwelt gesponnen , durch alle Zeiten reichen und mit geheimnißvoller Wahrheit uns mit unsern eigentlichen Wünschen bekannt machen , und unsichtbar daran festhalten . Neunter Brief Amanda an Julien O ! Julie , dieser Antonio ist mir sehr viel geworden ! - Sein heitrer , umfassender Geist zaubert eine schöne Gegenwart um mich her , seine feurige Phantasie trägt mich auf ihren Schwingen in das himmlische Land der Dichtung , wo alles auf ewig in dem entzückenden Duft jugendlicher Begeisterung getaucht ist ! - Und dahin will ich mich flüchten , aus dem öden verworrnen Gewebe irrdischer Pläne und Verirrungen , dahin auf ewig mit reinem , liebenden Herzen ! Ich fühle es , ich muß ihm alle meine Zweifel , meine Schmerzen , mein ganzes Leben muß ich ihm anvertrauen . - An den heitern Sinn dieses Mannes , schmiegt sich mein Herz vertrauungsvoll an , und die Welt lächelt mir neu in dem Wiederschein seines Geistes . Durch Antonio werde ich mit den schönsten Erzeugnissen der Poesie bekannt , die mir bis jetzt meist fremd geblieben sind , und indem ich mich ganz dieser himmlischen , ewig in Morgenroth schimmernden Welt hingebe , und gar nicht mehr nach Deutlichkeit in der irrdischen strebe , geht eine neue Wahrheit , ein neuer Glanz in meiner Seele auf . - Selbst der Gedanke an Eduard , an die schöne untergegangene Liebe , der so lange meine Seele mit dunkeln , niederschlagenden Erinnerungen beängstigte , fängt an , bei dieser Veränderung meiner Ansichten , eine lichtere Gestalt anzunehmen . Im Vergänglichen lerne ich das Unvergängliche ahnden ; und wenn ich über die Irrungen des Verstandes trauere , erscheint mir die Würde und die Unfehlbarkeit des Gefühls desto herrlicher . - Und auch dies dank ' ich dem Freunde , der mit einem so weichen , fühlenden Herzen , den hellsten , freiesten Geist vereinigt . Was für Morgen , was für Abende vergehen uns ! Ahndungsvoll und heiter , wehmüthig und freundlich spricht die Natur in einer neuen Sprache zu meinem Gemüth : Blumen düften in den lauen Lüften , sieh ! dort in den blauen Himmelsraum lauschen Wölkchen , wie ein Frühlingstraum . Und die Hoffnung , - über Thal und Hügel kömmt die Holde mit smaragdnem Flügel , und ich fühl ' , in Lust verlohren , mich , wie neu gebohren ! Beschreiben soll ich Dir diesen Antonio ? Das verlangst Du schon in zwei Deiner Briefe . - Aber verzeih mir , wenn ich gar keine Lust dazu habe , weil ich ihn für unbeschreiblich halte , und begnüge Dich deshalb bloß mit einigen , leicht hingeworfenen Zügen . Er ist nicht schön , ob gleich ich glaube , daß er bis zur Anbetung gefallen kann ; er ist jugendlich , ohne noch Jüngling zu sein ; heiter , ohne Flachheit ; sinnig , ohne Trübsinn ; witzig , ohne Bitterkeit ; gefühlvoll , ohne Affektation . Seine Fehler , - denn Du wirst mir wohl zutrauen , daß ich ihn davon nicht frei spreche - sind nicht gemein , nicht unerträglich , sondern sie tragen das Gepräge eines genialischen Geistes , unverkennbar an sich . Heute fand ich auf meinem Schreibtisch einige Strophen , welche ich Dir hier mittheile . Ich irre mich gewiß nicht , wenn ich glaube , daß Antonio der Verfasser derselben ist ; - ganz sicher sind sie von ihm , aber welche Glut des Gefühls auch aus ihnen athmet , so glaube ich doch , Antonios Sinn zu gut zu verstehen , als daß ich nicht zugleich das leichte Spiel der Phantasie darinnen wahrnehmen sollte : Eine Seele möcht ' ich kennen eine treue Seele nur ! wollte stets in Liebe brennen , glühender als Kuß und Schwur . Eine Seele , treu ergeben mir mit Wahrheit zugethan , treu im Lieben , und im Leben sonder falschen , eitlen Wahn . O ! wie wollt ' ich mich ihr weihen , froh mit innigem Gemüth ! Liebe sollte sie erfreuen Liebe , wie sie nie geglüht ! Alles wollt ' ich , Alles wagen , immer freudig , gleich gesinnt , wollte nie die Schmerzen klagen , die der Liebe Nahrung sind . Geh ' ich durch das Frühlingsblühen , athme Blumendüfte schwer , wähn ' ich in der Lüfte Glühen , wandle Liebe zu mir her . Ist vergebens all ' mein Wähnen ? Fällt die Blüthe fruchtlos ab , zieht mein liebevolles Sehnen nie die Treue , mir herab ? Soll ich nie die Seele kennen , eine treue Seele nur ? soll ich nie in Lieb ' entbrennen , glühender als Kuß und Schwur ? Zehnter Brief Eduard an Barton Ich weiß es selbst nicht , Barton , warum mich der Inhalt Deines letzten Briefs so ungewöhnlich bewegt , ja befremdet hat . Du schreibst mir , daß Du Dich mit Nanetten verheirathen wirst ; daß Ihr beschlossen habt , ihr bei * * gelegenes Gut zu bewohnen , und dort abwechselnd dem Ländlichen und der Geselligkeit zu leben . Du schreibst mir das , mich dünkt , mit einem gewissen Stolz ; Du freust Dich Deines Looses mit so ruhiger Freude , als wenn das alles sich so hätte begeben müssen , weil Du es gewollt hast . - Beinah ' glaube ich , daß es eine Art von Neid ist , was sich dabei so seltsam in mir regt . Auch mein Schicksal ist jetzt auf gewisse Weise entschieden . Ich sehe mit Zufriedenheit fast alle meine jugendlichen Wünsche erfüllt , meine Pläne der Reife , und meinen Ehrgeiz seiner Befriedigung nah ' n , und doch - doch sehne ich mich oft ganz unaussprechlich in jene Zeiten der Wünsche , des Unvollendeten zurück , wo mir , verhüllt in das schöne Geheimniß der Liebe , der Genuß der schönsten Poesie meines Lebens , die Gewißheit der in mir wohnenden Gottheit vergönnt ward . Und dann fühle ich in tiefer Seele , daß eigentlich ein Loos den Deinen ähnlich , das Ideal meiner Wünsche war . - Doch wie es auch sei , ich gönne Dir Dein Glück . - Schon mehrmals habe ich meine Ansicht von Dir geändert , aber der wahre Gehalt Deines Wesens , und das , was ich Dir verdanke , blieb mir zuletzt ganz unveränderlich . In frühern Jahren sah ' ich Dich nur mit einer gewissen Glorie umgeben , Du schienst mir unerreichbar , und ich verehrte Dich wie einen der Ueberirdischen . Dann aber kam eine Zeit , die Zeit wo alles vor mir schwankte , ich an allem zweifelte , und da verschwand auch der Nimbus , der Dich verherrlichte , und Dein ganzes Wesen kam mir sogar zweideutig vor . Hat er sein Spiel mit mir getrieben ? dachte ich oft . Was sollen mir diese hohen Ideen , diese Ansprüche , die nie befriedigt werden , die mich mit der Welt unzufrieden und mich für sie untauglich machen ? - Warum gab er , der die Menschen kannte , mir nicht lieber Wahrheit , wenn sie auch bitter war , für dieses zauberhafte Licht , bei dessen Verschwinden mich nur ein tiefes Dunkel umfängt ? - Aber bald ward es mir heller ; ich erkannte die höhere Wahrheit , in dem , was ich für Täuschung hielt , ich erkannte Dich als einen Menschen , den das Leben gebildet hat , und der nun wiederum das Leben bildet , der die Welt versteht , und seine eignen Erfahrungen auch für andre aufs beste zu benutzen strebt . So blieb Dein eigenthümlicher Werth nun klar vor mir stehen und auch Dein Verhältniß gegen mich . - Ich fühle , daß Du mich erzogen hast , denn Erziehung , wie ich dies Wort nehme , heißt nicht den Menschen bestimmen , sondern ihm Gelegenheit geben , seine angebohrnen Fähigkeiten zu üben und zu entwickeln ; ihm Gelegenheit geben sich selbst zu bestimmen . Jeder , der nicht seinen Anlagen gemäß leben kann , fühlt sich unglücklich und unbestimmt . Der weisere Mensch , merkt diese Anlagen frühzeitig bei der Entwickelung des Kindes , und thut dann das Seine , es in eine ihm angemessene Lage zu bringen , denn erst dann , wann der Mensch seiner Eigenthümlichkeit gemäß leben kann , vermag er auch für andre viel zu sein . - Das Leben ist nichtig und ein jeder hat Momente , wo er es fühlt , wo er fragen muß : aller Zweck , alles Streben , wozu führt es ? - Aber dann treibt die Lust zu wirken , zu schaffen , wieder in den Schauplatz , der uns allein zur Uebung unserer Kräfte gegeben ist , und wir fragen nicht mehr , was soll es ? sondern wir mischen uns mit Eifer unter die Menge , wo wir nicht die Ungeschicktesten sein wollen , und wenn wir auch heimlich das Ganze als Spiel betrachten , so dünkt es uns doch würdig , das Spiel mit allem Ernst durch zu führen . - Nur soll ein jeder seine Individualität kennen lernen , hat er dann ein richtiges Bild von sich selbst gefaßt ; so kann er mit diesem Bilde in die Welt eintreten und ruhig und sicher handeln . - Denn was man auch sagen mag ; so ist es doch gewiß , daß sich die äußern Umstände öfterer nach dem Menschen formen , als er sich nach ihnen . Seine Art zu denken , zu empfinden , sein Geschmack , seine Irrthümer ziehn die Verhältnisse um ihn herum , und der Wunsch sie verändert zu sehen , ist vergebens , wenn er sich nicht selbst ändern will und kann . - War bei allen bittern Klagen , die Rousseau über die Menschen ausstieß , er es nicht immer selbst , der zu dieser Behandlung Veranlassung gab ? - Er , der sich gegen alle so sonderbar und ungewöhnlich betrug , mußte auch ein ungewöhnliches Betragen von andern erfahren , und wär ' er aufrichtig gewesen , so hätte er doch wahrscheinlich gestehen müssen , daß er nirgends so glücklich hätte sein können , kein Zustand für ihn so passend war , wie gerade seine Verbannung , wo er von allen Verhältnissen frei , seinen Träumereien ganz ungestöhrt leben konnte . Aus dem , was ich Dir hier geschrieben habe , wirst Du vermuthen , daß gerade jetzt ein Zeitpunkt meines Lebens ist , wo ich über meine Verhältnisse zu der Welt , mehr als gewöhnlich nachgedacht habe ; und Du hast recht . - Ein jeder , glaube ich , hat Momente , wo er das Bestreben fühlt , aus seinem Leben , ein Ganzes , eine Geschichte zu bilden , und wenn er dies nicht kann , wenn er den Faden , der seine kleinen und großen , innern und äußern Begebenheiten zusammenhält , gänzlich verliert , oder wenn er ihm zerrissen wird , so ist er unglücklich und zerstückt . - Bisher habe ich dies Bedürfniß nie lebhaft gefühlt ; denn , weil ich so verschiedene Ansichten hatte , und mit ihnen wechselte ; so fand ich scheinbar , oft wenig Zusammenhang mit den Vorhergehenden . - Doch jetzt , da ich auf einer Art von Ruhepunkt stehe , und mein Leben wie einen bunt gewirkten Teppich vor mir liegen sehe , und übersehe , merke ich einen leisen Zusammenhang , und einen Faden , der aus mir selbst herausgesponnen , das Einzelne verbindet . - Ich bin nicht unzufrieden mit mir und der Welt , nur das Einzige schmerzt mich , und wird mich ewig schmerzen , daß das Höchste meines Lebens , die Zeit , wo sich die Blüthe meines Lebens entfaltete , wo alles auf etwas Einfaches , Großes hinzudeuten schien , doch am Ende in Unverständlichkeit vergieng . O Barton ! ich wiederhole es , nur der kleinste Umstand meines Lebens durfte anders sein , und Vernunft und Glück mußten unvermeidlich der Quaal dieses Gedankens erliegen ! Ich weiß nicht , ob ich Dir es schon geschrieben habe , daß ich ohngeachtet meiner Jugend nun als * * hier angestellt bin . Dies ist eine Stelle , die sich mein jugendlicher Ehrgeitz oft als das schönste Ziel dachte . Theils in Geschäften meines Vaters , theils um noch manche , mir nöthige Kenntnisse und Geschicklichkeiten zu erwerben , werde ich , eh ' ich die Stelle antrete , noch ein Jahr lang reisen . Komme ich dann zurück , so wird es nur von mir abhängen , mich mit Cölestinen , - so heißt das reizende Geschöpf , die Du aus meinem Briefe kennst , - auf immer zu verbinden . - Auf dieser Reise werde ich auch zu Dir kommen , verlaß Dich darauf ! Wahrscheinlich wirst Du dann schon Dein Landgut bewohnen . - Ich muß Dich , ich muß Amanda wiedersehen ! Wie sollte ich mir diesen wunderbaren Moment , der schon jetzt mein Herz erbeben läßt , nicht in mein Leben herein bannen ? - Wie wird sie mir , wie wird mir alles um sie her erscheinen ? Du wirst glücklich sein , Barton ! - Ich muß immer wieder hierauf zurückkommen . Du wirst das heiterste , lebendigste Leben führen , und von Nanettens stets gegenwärtigem Gemüth , Deinen weiter strebenden Sinn , stets freundlich an dem Augenblick gefesselt fühlen ! Eben weil ihr wenig Aehnlichkeit habt , werdet ihr so sehr für einander passen , denn die Liebe wird oft durch das Verlangen genährt , das , was uns fehlet , durch den geliebten Gegenstand ersetzt zu finden , und bei vollkommener Gleichheit des Gemüths mangelt ihr größter Reiz . Der Morgen meiner Abreise ist gekommen , und in wenig Augenblicken sitze ich im Wagen . Ich habe lange keine Frühstunden genossen , und überhaupt alle Naturerscheinungen , unempfindlich vor mir vorüber gehen lassen , weil ich mich nicht den Eindrücken hingab , sondern sie beherrschte . - Nie dünkt es mich , habe der Hahn so melodisch sein Morgenlied gesungen ; nie die Vögel so laut und kühn dem Tag entgegen gejauchzt ; die Landschaft habe nie so frisch aus den nächtlichen Regenschauer hervor geschaut ; die Sonne nie so freudig über die dunkeln Wolken gesiegt , als heute . Ich ahnde es , - auch meinem Leben ist noch ein Morgen aufgegangen - noch Ein Morgen , und wüßte ich auch , daß mit diesem Tage ich selbst mich leise neigen würde , so könnte es mich doch nicht stöhren in meiner freudigen Hoffnung . Elfter Brief Amanda an Julien Dein letzter Brief hat mir sehr viel Freudiges gesagt . In Deinen Urtheilen über mich und mein Leben , finde ich eben so viel Klugheit als Zartheit , und Du versicherst mir es so ehrlich , daß ich es glauben muß , wie meine Briefe immer sehnlich von Dir erwartet würden , wie sie für Dich weit mehr Leben und Interesse , als das schönste Buch hätten , ja , wie sie das einzige Poetische in Deinem Leben wären . - Dies alles ist mir nun sehr willkommen , denn mir ist es nun einmal Bedürfniß geworden , Dir meine Klagen , meine Erinnerungen und meine Freuden , ohne Zwang und Rücksicht zu vertrauen , und Du bist auch die Einzige , gegen die ich es kann . - Ja , Julie , was auch die Zeit an den glänzenden Farben jener Vergangenheit verwischen mag , so glücklich ich mich jetzt durch Antonios Gegenwart fühle , so viele schöne Beziehungen ich um mich vereine ; so kann sich mein Herz doch nie ganz von jenem Zauberlande losreissen , und selbst jedes fröhlichere Gefühl , das mein Herz bewegt , scheint mir nur ein Bote von dort zu sein , der mich wieder lebhaft in die alten Fesseln zieht . - Oft fühle ich es so unruhig und so gewiß , daß ich ihn wiedersehn werde - aber bald spricht eine feindliche Stimme dazwischen : er hat Dich vergessen - und alles ist verändert . Die säuselnden Lüfte , die Berge mit ihren waldigen Scheiteln , der Fluß mit seinen rauschenden Wellen , alle sagen es nach : er hat Dich vergessen ! die Sehnsucht seiner Liebe umschwebt uns nicht mehr ! - Oft wenn ich hinblicke unter die Schatten der Bäume , und aus ihrer freundlichen Dämmerung , viele halbvergeßne Jugendbilder hervortreten , und von ihren flüsternden Zweigen seelige Träume auf mein Herz einsinken ; dann schwebt die entflohene Liebe , wie ein verlohrnes Paradies vor meiner Seele , und eine Thräne des Schmerzes verdunkelt mein Auge . - Aber dann reisse ich meine Blicke gewaltsam von jenen Bildern los , und schaue mit verschloßnem Weh in die lichte , offne Ebene hin , und weite , fröhliche Entwürfe , heiter wie die Ferne , dämmern vor mir auf ; dann umweht mich neue Lebenslust , und ich freue mich meines Muths , daß ich , nach dem Verlust desjenigen , was mir Alles war , noch zu leben wage . - Und Julie , so schwankt mein Gemüth noch oft zwischen den Eindrücken , einer allzu schönen Vergangenheit , und einer heitern Gegenwart . Du kennst aus meinen Briefen die Menschen , die ich täglich sehe , es ist Antonio , der Graf , Charlotte , ihr Mann und Wilhelm ; mein Leben verfließt jetzt gleichförmig und anmuthsvoll , und nur kleine Begebenheiten , nichts Großes , Erschütterndes , bezeichnet die Spur der fliehenden Tage . Unter diese gehört auch folgendes , was unserm Kreis , zu Bemerkungen und Gesprächen viel Veranlassung gab . Wilhelm hatte eine kleine Reise , in eine nahgelegene , wild-schöne Gegend gethan , und als er zurückgekommen war , spielte uns der Zufall ein Lied in die Hände , das er dort gedichtet hatte . Hier ist es : Es seufzen bedeutend die Winde und stumm , die Wolken ziehn leidend , am Himmel herum . Sie quellen , sie fliehen die Thäler entlang , und Träume durchziehen den Busen so bang . Der Tag ist verschwunden tief schweiget die Nacht , im Dunkel dort unten der Hammer nur wacht . Da klagt eine Flöte ihr Leid durch die Nacht , das stets mit der Röthe des Abends erwacht . Es stürzet der Reuter den Waldsturz hinab , und weiter und weiter erreicht ihn sein Grab . O ! Mutter nun weine die Thrän ' über ihn , dann glänzet im Scheine dir froher das Grün . Wenn Frühling besäumet den Hügel mit Flor , in Blumen dann keimet sein Geist dir empor . Sie blicken wie Augen sie suchen dich doch ; sie winken und hauchen und lieben dich noch . Was mich bei diesen Strophen am meisten rührte , war die Stimmung , die ich darinnen durchschimmern sah . Ich fand eine Schwermuth , die ich ungern in diesem jungen Gemüthe bemerkte . Aber auf der andern Seite mußte ich auch das Talent anerkennen , das ohngeachtet der Verworrenheit und den Mängeln die in dem Liede herrschen , doch unleugbar sich zeigt , und deutlich das Bestreben wahrnehmen läßt , die Eindrücke , die Bilder , die um ihn sind zu einem Ganzen zu gestalten und einen Sinn in sie zu legen . - Diese Strophen gaben zu einem Gespräch über Poesie im Allgemeinen Anlaß , welches ich aufgezeichnet habe , weil es meine Freunde sehr genau charakterisirt und reich an auffallenden Bemerkungen ist , aber da ich nicht weiß , ob Dir der Gegenstand wichtig genug ist , ein langes Gespräch darüber nicht ungelesen bei Seite zu legen : so will ich erst Deine Entscheidung darüber abwarten , bevor ich Dir es schicke . Zwölfter Brief Amanda an Julien Ich weiß nicht , ob ich Dir schon in einem meiner Briefe geschrieben habe , daß ich einer baldigen Trennung von Antonio entgegen sähe . Seine Verhältnisse machen ihm eine Reise nothwendig , und diese bevorstehende Entfernung läßt es mich erst fühlen , wie nahe er mir ist . Ja , Julie , mein Leben , das so lange dunkel war , erhellt sich wieder , und ich fühle meine Jugend schöner zurückkehren . Oft schien es mir , als sei ich von aller Liebe frei , und nun liebe ich mehr als jemals . Und wie sollt ' ich anders ? Des Weibes Natur ist Liebe ; die Liebe befreit sie von allen quälenden , unedlen Neigungen , und sie lernt das Göttliche verehren , weil sie in dem Geliebten das Bild der Gottheit anbetet . - Die Stimmung , welche mein Gemüth durch Antonios Umgang , durch seine schönen , freien Ansichten vom Leben erhalten hat , dünkt mich reizender und freudiger , als die schönste , jugendliche Begeisterung . - Mit jedem Tage erscheint mir Antonio schöner , liebenswürdiger , und ein milder Zauber schmilzt sein Bild mit Eduards Andenken zusammen . Es ist nicht Bewunderung , nicht Achtung , Freundschaft mehr , was mich zu ihm zieht ; es ist die süße Gewalt der Neigung , die mich an ihn bindet . - Und so , Julie , seh ' ich freudig seiner Zurückkunft entgegen . Zwar ist mir noch manches in seinen Verhältnissen dunkel geblieben , aber ich habe ein so entschiedenes Vertrauen zu ihm , daß es mir durchaus keine Unruhe macht . Ich hingegen habe schon längst keine Geheimnisse mehr für ihn , und Eduard war oft der Gegenstand unserer innigsten Gespräche . O ! Julie ! wie glücklich werde ich sein , wenn ich auf immer mit Antonio verbunden bin ; denn die Ehe ist für gebildete Menschen , die sich lieben , gewiß der freieste und glücklichste Zustand ! - Spottend wies ich lange alle Hoffnung auf Glück von mir , und nun winkt es mir so nahe , so freundlich ; nun sehe ich mich geliebt , wie ich stets geliebt zu sein mich sehnte ! - Ich kann Dir heute nichts mehr schreiben ; meine Seele ist allzu verwirrt , betäubt von angenehmen , wunderbaren Bildern , aber ich lege Dir hier ein Liedchen bei , das Dir die Stimmung meiner Seele vielleicht deutlicher auszusprechen vermag . Es flieht das süße Leben vom himmlischen umgeben , es hemmt kein träger Zwang des Geistes frohen Drang , und wehret den Gefühlen in Tönen sich zu kühlen in holder Verwirrung mich Stunden umspielen , wie Weste , im Frühling die Blüthen durchwühlen . Schon floh ' n des Lebens Sterne , die Heimath schien so ferne , in banger Sorge Grab zog ' s grausend mich hinab . Nun ist die Welt erheitert , des Lebens Bahn erweitert , und frei wie die Bienen im Blumenthal schweben , fliegt heiter mein Sinn durch das blumige Leben . Nur du hast mich gerettet , auf Rosen mich gebettet , der Liebe heil ' ge Glut ! du gabst der Seelle Muth , die Hoffnung die nie altet , die Freude schön gestaltet , und alle die Himmlischen sangen mir wieder , seit du mir erschienen , die goldenen Lieder . Geweiht zu hohem Leben , sie mich nun stets umgeben , gescheucht von ihrem Licht , nah ' t mir die Sorge nicht . Nur du , mit leisem Schauer der Sehnsucht heil ' ge Trauer , du nah ' st , und entzündest , zu höheren Leben die liebende Seele mit himmlischen Streben . Dreizehnter Brief Eduard an Barton Hier an den Ufern des Arno , nicht weit von dem blühenden Florenz , schreibe ich Dir , nach langem Schweigen wieder . Welch ' eine reizende Umgebung verbreitet sich um mich her ! Unter dem sanften Himmelsstrich prangt hier die Erde in der Fülle der reichsten Vegetation ; dicht belaubte Büsche , schimmernd grüne Rasenplätze , schlängelnde Pfade , wechseln in der anmuthigsten Mischung mit einander ab . Eine große Volksmenge versammelt sich jetzt im Freien , um die schönen Herbsttage zu genießen , die in diesem Lande unaussprechlich schön sind . Gruppen einzelner Menschen und ganze Familien , umschwärmt von ihren Kleinen , lagern sich im Schatten , auf den glänzend grünen Rasen , und dieser Anblick gewährt ein liebliches Bild von Ruhe und heiterm schönen Genuß der Gegenwart . O ! wie beneide ich dies Volk , das unter dem Einfluß eines milden Himmels gebohren , sein Dasein in jedem Moment auf das lebendigste genießt , und nichts als Lebenslust , Ruhe , und frohen Genuß der fliehenden Tage athmet , indeß wir Armen , im nordischen Klima Erzeugten , ewig mit Kälte und Melancholie kämpfen , und statt , den Genuß des Lebens zu fühlen , den Genuß verstehen wollen ! Alle die Schrecknisse der Phantasie , welche den ungebildeten Theil der Nordländer , und auch den Gebildeten , so häufig das Leben verbittern , sind diesen Bewohnern südlicher Gegenden gänzlich unbekannt ; nicht wie bei jenen durch die Ungemächlichkeiten des Klima , aus den Regionen des Lebens hinweg gedrängt , kann ihre Phantasie ruhig auf den Gegenständen der wirklichen Welt verweilen , und findet hier den reichsten Stoff sich zu beschäftigen . Auch die Ideen des Aufhörens , der Verwesung suchten diese Glücklicheren stets so leise als möglich zu berühren , und wenn es scheint als habe das rauhe , nordische Klima seine Bewohner schon im Leben mit ihren Gedanken zum Grabe hingedrängt , und sie mit den furchtbarsten Gegenständen , die man sonst kaum zu denken wagte , ganz vertraut gemacht , so suchten jene die Gestalt des Todes , mit einem mildernden Schleier zu verdecken , oder diese Idee durch weiche , liebliche Bilder minder furchtbar zu machen . Ja , auch jetzt , so verschieden auch die neuen Göttergestalten , von den ältern Göttern sein mögen ; so sichtbar sind auch jetzt noch die Spuren des Geistes , der in jener poetischen , aus Griechenland hieher verpflanzten Religion athmete , welche wie die Dichtungen Homers , ihres Sängers , erhaben , schön und beglückend war . - Nie vermag ich , ohne die innigste Rührung den Abendgesang der heiligen Jungfrau zu hören , welcher hier den müden Arbeiter zum ersehnten Feierabend ruft . In ihm ertönt das Lob der Maria , » die mit den Sternen gekrönt ist und den Mond zu ihren Füssen hat ; die ohne Mackel und ohne Flecken , mit der Klarheit der Sonne umkleidet ist ; die große Ausspenderin von den Schätzen des Himmels ; golden , heißt es , ist das Haar der Himmelskönigin , und Licht ist ihr Gewand ! Maria , du schön Gebildete , ich wünsche im Paradiese zu deinem Anschauen zu kommen ! « - Und hört man in dieser Zusammensetzung , das sanfte Madre d ' amore ! so wähnt man auf Augenblicke , ganz in das schöne Alterthum versetzt zu sein . Doch so sehr ich mich auch bestrebe , der Stimmung dieses Volks gemäß , alle Erscheinungen vor mir übergehn zu lassen , ohne Reflexionen darüber anzustellen ; mich immer mehr auf den Moment zu beschränken , und mir nicht , mehr die vergebliche Mühe zu geben , die labyrinthischen Verwickelungen des Lebens enträthseln zu wollen , so will es mir doch nicht immer gelingen . Eine unbeschreibliche Sehnsucht ergreift mich hier , wo alles , Genuß und Befriedigung athmet . - Der angenehme Müßiggang der Reise , die Entfernung von bindenden Geschäften , von der prosaischen Zerstreuung des gesellschaftlichen Lebens , diese haben mich ganz wieder in das Land der Jugend und der Wünsche zurückgeführt . Alles Streben , alles Treiben der Menschen - wie unnütz erscheint es mir - und nur die Liebe allein dünkt mich der Sehnsucht werth ! - Ja , sie war es , sie allein , die einst einen südlichen Himmel in meine Seele zauberte , die mich die Sprache der Natur verstehen lehrte , und mir das Gefühl einer heiligen überirrdischen Begeisterung gab , die mir das Unsterbliche ahnden ließ und mein Gemüth mit frommen Glauben entzündete ! - O ! wie verschwanden und entblätterten sich alle Resultate des Verstandes , alles Kalte , Gesuchte , was von vielen Moral genannt wird , wie verschwanden sie bei dieser warmen gläubigen Religion der Liebe , durch die ich mich unsterblich und göttlich fühlte ! - Könnt ' ich Amanda an meine Brust drücken , könnt ' ich hier mit ihr leben , wo mir nun oft ein schneller Gedanke an sie , die Freude selbst verbittert , weil sie Amanda nicht mit mir theilt , und weil ich nun einmal glaube , daß sie ohne mich nicht glücklich sein kann ! - Daß Amanda in dieser Gegend , wo ich jetzt lebe , auch eine geraume Zeit zugebracht hat , vergegenwärtigt mir ihr Andenken noch mehr . Ich habe schon Mehrere gesprochen , die sie gekannt haben , die sich ihrer noch sehr lebhaft erinnerten , und ihrer Schönheit , ihrem Edelsinn und ihrer Anmuth einige Lobreden hielten . - O ! Barton , Du wirst sie sehen ! Schreibe mir von ihr , so bald Du sie gesehen hast . Auch ich will sie sehen ; ich bin es Cölestinen , ich bin es meinem künftigen Leben schuldig . Ich muß es wissen , ob das , was ich jetzt für sie fühle , nur ein leichter , wesenloser Traum ist , vom Zauber der Entfernung , vom Einfluß dieses Himmels und trügerischem Spiel der Phantasie erzeugt , oder ob