Ruinen geworden . Epheu umzog die Mauern . Hohe Büsche beschatteten den ehmaligen Hof , und weiches Moos polsterte die alten Stiegen . Sie trat ins Zimmer . Sophie stand am Altar , der wieder aufgebaut war . Eros lag zu ihren Füßen in voller Rüstung , ernster und edler als jemals . Ein prächtiger Kronleuchter hing von der Decke . Mit bunten Steinen war der Fußboden ausgelegt , und zeigte einen großen Kreis um den Altar her , der aus lauter edlen bedeutungsvollen Figuren bestand . Ginnistan bog sich über ein Ruhebett , worauf der Vater in tiefem Schlummer zu liegen schien , und weinte . Ihre blühende Anmuth war durch einen Zug von Andacht und Liebe unendlich erhöht . Fabel reichte die Urne , worin die Asche gesammelt war , der heiligen Sophie , die sie zärtlich umarmte . Liebliches Kind , sagte sie , dein Eifer und deine Treue haben dir einen Platz unter den ewigen Sternen erworben . Du hast das Unsterbliche in dir gewählt . Der Phönix gehört dir . Du wirst die Seele unsers Lebens seyn . Jetzt wecke den Bräutigam auf . Der Herold ruft , und Eros soll Freya suchen und aufwecken . Fabel freute sich unbeschreiblich bey diesen Worten . Sie rief ihren Begleitern Gold und Zink , und nahte sich dem Ruhebette . Ginnistan sah erwartungsvoll ihrem Beginnen zu . Gold schmolz die Münze und füllte das Behältniß , worin der Vater lag , mit einer glänzenden Flut . Zink schlang um Ginnistans Busen eine Kette . Der Körper schwamm auf den zitternden Wellen . Bücke dich , liebe Mutter , sagte Fabel , und lege die Hand auf das Herz des Geliebten . Ginnistan bückte sich . Sie sah ihr vielfaches Bild . Die Kette berührte die Flut , ihre Hand sein Herz ; er erwachte und zog die entzückte Braut an seine Brust . Das Metall gerann , und ward ein heller Spiegel . Der Vater erhob sich , seine Augen blitzten , und so schön und bedeutend auch seine Gestalt war , so schien doch sein ganzer Körper eine feine unendlich bewegliche Flüssigkeit zu seyn , die jeden Eindruck in den mannigfaltigsten und reitzendsten Bewegungen verrieth . Das glückliche Paar näherte sich Sophien , die Worte der Weihe über sie aussprach , und sie ermahnte , den Spiegel fleißig zu Rathe zu ziehn , der alles in seiner wahren Gestalt zurückwerfe , jedes Blendwerk vernichte , und ewig das ursprüngliche Bild festhalte . Sie ergriff nun die Urne und schüttete die Asche in die Schaale auf dem Altar . Ein sanftes Brausen verkündigte die Auflösung , und ein leiser Wind wehte in den Gewändern und Locken der Umstehenden . Sophie reichte die Schaale dem Eros und dieser den Andern . Alle kosteten den göttlichen Trank , und vernahmen die freundliche Begrüßung der Mutter in ihrem Innern , mit unsäglicher Freude . Sie war jedem gegenwärtig , und ihre geheimnißvolle Anwesenheit schien alle zu verklären . Die Erwartung war erfüllt und übertroffen . Alle merkten , was ihnen gefehlt habe , und das Zimmer war ein Aufenthalt der Seligen geworden . Sophie sagte : das große Geheimniß ist allen offenbart , und bleibt ewig unergründlich . Aus Schmerzen wird die neue Welt geboren , und in Thränen wird die Asche zum Trank des ewigen Lebens aufgelöst . In jedem wohnt die himmlische Mutter , um jedes Kind ewig zu gebären . Fühlt ihr die süße Geburt im Klopfen eurer Brust ? Sie goß in den Altar den Rest aus der Schaale hinunter . Die Erde bebte in ihren Tiefen . Sophie sagte : Eros , eile mit deiner Schwester zu deiner Geliebten . Bald seht ihr mich wieder . Fabel und Eros gingen mit ihrer Begleitung schnell hinweg . Es war ein mächtiger Frühling über die Erde verbreitet . Alles hob und regte sich . Die Erde schwebte näher unter dem Schleyer . Der Mond und die Wolken zogen mit frölichem Getümmel nach Norden . Die Königsburg strahlte mit herrlichem Glanze über das Meer , und auf ihren Zinnen stand der König in voller Pracht mit seinem Gefolge . Überall erblickten sie Staubwirbel , in denen sich bekannte Gestalten zu bilden schienen . Sie begegneten zahlreichen Schaaren von Jünglingen und Mädchen , die nach der Burg strömten , und sie mit Jauchzen bewillkommten . Auf manchen Hügeln saß ein glückliches eben erwachtes Paar in lang ' entbehrter Umarmung , hielt die neue Welt für einen Traum , und konnte nicht aufhören , sich von der schönen Wahrheit zu überzeugen . Die Blumen und Bäume wuchsen und grünten mit Macht . Alles schien beseelt . Alles sprach und sang . Fabel grüßte überall alte Bekannte . Die Thiere nahten sich mit freundlichen Grüßen den erwachten Menschen . Die Pflanzen bewirtheten sie mit Früchten und Düften , und schmückten sie auf das Zierlichste . Kein Stein lag mehr auf einer Menschenbrust , und alle Lasten waren in sich selbst zu einem festen Fußboden zusammengesunken . Sie kamen an das Meer . Ein Fahrzeug von geschliffenem Stahl lag am Ufer festgebunden . Sie traten hinein und lösten das Tau . Die Spitze richtete sich nach Norden , und das Fahrzeug durchschnitt , wie im Fluge , die buhlenden Wellen . Lispelndes Schilf hielt seinen Ungestüm auf , und es stieß leise an das Ufer . Sie eilten die breiten Treppen hinan . Die Liebe wunderte sich über die königliche Stadt und ihre Reichthümer . Im Hofe sprang der lebendiggewordne Quell , der Hain bewegte sich mit den süßesten Tönen , und ein wunderbares Leben schien in seinen heißen Stämmen und Blättern , in seinen funkelnden Blumen und Früchten zu quellen und zu treiben . Der alte Held empfing sie an den Thoren des Pallastes . Ehrwürdiger Alter , sagte Fabel , Eros bedarf dein Schwerdt . Gold hat ihm eine Kette gegeben , die mit einem Ende in das Meer hinunter reicht , und mit dem andern um seine Brust geschlungen ist . Fasse sie mit mir an , und führe uns in den Saal , wo die Prinzessin ruht . Eros nahm aus der Hand des Alten das Schwerdt , setzte den Knopf auf seine Brust , und neigte die Spitze vorwärts . Die Flügelthüren des Saals flogen auf , und Eros nahte sich entzückt der schlummernden Freya . Plötzlich geschah ein gewaltiger Schlag . Ein heller Funken fuhr von der Prinzessin nach dem Schwerdte ; das Schwerdt und die Kette leuchteten , der Held hielt die kleine Fabel , die beynah umgesunken wäre . Eros Helmbusch wallte empor , Wirf das Schwerdt weg , rief Fabel , und erwecke deine Geliebte . Eros ließ das Schwerdt fallen , flog auf die Prinzessin zu , und küßte feurig ihre süßen Lippen . Sie schlug ihre großen dunkeln Augen auf , und erkannte den Geliebten . Ein langer Kuß versiegelte den ewigen Bund . Von der Kuppel herunter kam der König mit Sophien an der Hand . Die Gestirne und die Geister der Natur folgten in glänzenden Reihen . Ein unaussprechlich heitrer Tag erfüllte den Saal , den Pallast , die Stadt , und den Himmel . Eine zahllose Menge ergoß sich in den weiten königlichen Saal , und sah mit stiller Andacht die Liebenden vor dem Könige und der Königinn knieen , die sie feyerlich segneten . Der König nahm sein Diadem vom Haupte , und band es um Eros goldene Locken . Der alte Held zog ihm die Rüstung ab , und der König warf seinen Mantel um ihn her . Dann gab er ihm die Lilie in die linke Hand , und Sophie knüpfte ein köstliches Armband um die verschlungenen Hände der Liebenden , indem sie zugleich ihre Krone auf Freyas braune Haare setzte . Heil unsern alten Beherrschern , rief das Volk . Sie haben immer unter uns gewohnt , und wir haben sie nicht erkannt ! Heil uns ! Sie werden uns ewig beherrschen ! Segnet uns auch ! Sophie sagte zu der neuen Königinn : Wirf du das Armband eures Bundes in die Luft , daß das Volk und die Welt euch verbunden bleiben . Das Armband zerfloß in der Luft , und bald sah man lichte Ringe um jedes Haupt , und ein glänzendes Band zog sich über die Stadt und das Meer und die Erde , die ein ewiges Fest des Frühlings feyerte . Perseus trat herein , und trug eine Spindel und ein Körbchen . Er brachte dem neuen Könige das Körbchen . Hier , sagte er , sind die Reste deiner Feinde . Eine steinerne Platte mit schwarzen und weißen Feldern lag darin , und daneben eine Menge Figuren von Alabaster und schwarzem Marmor . Es ist ein Schachspiel , sagte Sophie ; aller Krieg ist auf diese Platte und in diese Figuren gebannt . Es ist ein Denkmal der alten trüben Zeit . Perseus wandte sich zu Fabeln , und gab ihr die Spindel . In deinen Händen wird diese Spindel uns ewig erfreuen , und aus dir selbst wirst du uns einen goldnen unzerreißlichen Faden spinnen . Der Phönix flog mit melodischem Geräusch zu ihren Füßen , spreizte seine Fittiche vor ihr aus , auf die sie sich setzte , und schwebte mit ihr über den Thron , ohne sich wieder niederzulassen . Sie sang ein himmlisches Lied , und fing zu spinnen an , indem der Faden aus ihrer Brust sich hervorzuwinden schien . Das Volk gerieth in neues Entzücken , und aller Augen hingen an dem lieblichen Kinde . Ein neues Jauchzen kam von der Thür her . Der alte Mond kam mit seinem wunderlichen Hofstaat herein , und hinter ihm trug das Volk Ginnistan und ihren Bräutigam , wie im Triumph , einher . Sie waren mit Blumenkränzen umwunden ; die königliche Familie empfing sie mit der herzlichsten Zärtlichkeit , und das neue Königspaar rief sie zu seinen Statthaltern auf Erden aus . Gönnet mir , sagte der Mond , das Reich der Parzen , dessen seltsame Gebäude eben auf dem Hofe des Pallastes aus der Erde gestiegen sind . Ich will euch mit Schauspielen darin ergötzen , wozu die kleine Fabel mir behülflich seyn wird . Der König willigte in die Bitte , die kleine Fabel nickte freundlich , und das Volk freute sich auf den seltsamen unterhaltenden Zeitvertreib . Die Hesperiden ließen zur Thronbesteigung Glück wünschen , und um Schutz in ihren Gärten bitten . Der König ließ sie bewillkommen , und so folgten sich unzählige fröliche Bothschaften . Unterdessen hatte sich unmerklich der Thron verwandelt , und war ein prächtiges Hochzeitbett geworden , über dessen Himmel der Phönix mit der kleinen Fabel schwebte . Drey Karyatiden aus dunkelm Porphyr trugen es hinten , und vorn ruhte dasselbe auf einer Sphinx aus Basalt . Der König umarmte seine erröthende Geliebte , und das Volk folgte dem Beyspiel des Königs , und liebkoste sich unter einander . Man hörte nichts , als zärtliche Namen und ein Kußgeflüster . Endlich sagte Sophie : Die Mutter ist unter uns , ihre Gegenwart wird uns ewig beglücken . Folgt uns in unsere Wohnung , in dem Tempel dort werden wir ewig wohnen , und das Geheimniß der Welt bewahren . Die Fabel spann ämsig , und sang mit lauter Stimme : Gegründet ist das Reich der Ewigkeit , In Lieb ' und Frieden endigt sich der Streit , Vorüber ging der lange Traum der Schmerzen , Sophie ist ewig Priesterin der Herzen . Zweiter Theil : Die Erfüllung Das Kloster , oder der Vorhof Astralis An einen Sommermorgen ward ich jung Da fühlt ich meines eignen Lebens Puls Zum erstenmal - und wie die Liebe sich In tiefere Entzückungen verlohr , Erwacht ' ich immer mehr und das Verlangen Nach innigerer gänzlicher Vermischung Ward dringender mit jedem Augenblick . Wollust ist meines Daseyns Zeugungskraft . Ich bin der Mittelpunkt , der heilge Quell , Aus welchem jede Sehnsucht stürmisch fließt Wohin sich jede Sehnsucht , mannichfach Gebrochen wieder still zusammen zieht . Ihr kennt mich nicht und saht mich werden - Wart ihr nicht Zeugen , wie ich noch Nachtwandler mich zum ersten Male traf An jenem frohen Abend ? Flog euch nicht Ein süßer Schauer der Entzündung an ? - Versunken lag ich ganz in Honigkelchen . Ich duftete , die Blume schwankte still In goldner Morgenluft . Ein innres Quellen War ich , ein sanftes Ringen , alles floß Durch mich und über mich und hob mich leise . Da sank das erste Stäubchen in die Narbe , Denkt an den Kuß nach aufgehobnen Tisch . Ich quoll in meine eigne Fluth zurück - Es war ein Blitz - nun konnt ich schon mich regen , Die zarten Fäden und den Kelch bewegen , Schnell schossen , wie ich selber mich begann , Zu irrdischen Sinnen die Gedanken an . Noch war ich blind , doch schwankten lichte Sterne Durch meines Wesens wunderbare Ferne , Nichts war noch nah , ich fand mich nur von weiten , Ein Anklang alter , so wie künftger Zeiten . Aus Wehmuth , Lieb ' und Ahndungen entsprungen War der Besinnung Wachsthum nur ein Flug , Und wie die Wollust Flammen in mir schlug , Ward ich zugleich vom höchsten Weh durchdrungen . Die Welt lag blühend um den hellen Hügel , Die Worte des Profeten wurden Flügel , Nicht einzeln mehr nur Heinrich und Mathilde Vereinten Beide sich zu Einem Bilde . - Ich hob mich nun gen Himmel neugebohren , Vollendet war das irrdische Geschick Im seligen Verklärungsaugenblick , Es hatte nun die Zeit ihr Recht verlohren Und forderte , was sie geliehn , zurück . Es bricht die neue Welt herein Und verdunkelt den hellsten Sonnenschein [ , ] Man sieht nun aus bemooßten Trümmern Eine wunderseltsame Zukunft schimmern Und was vordem alltäglich war Scheint jetzo fremd und wunderbar . Eins in allem und alles im Einen Gottes Bild auf Kräutern und Steinen Gottes Geist in Menschen und Thieren , Dies muß man sich zu Gemüthe führen . Keine Ordnung mehr nach Raum und Zeit Hier Zukunft in der Vergangenheit [ . ] Der Liebe Reich ist aufgethan Die Fabel fängt zu spinnen an . Das Urspiel jeder Natur beginnt Auf kräftige Worte jedes sinnt Und so das große Weltgemüth Überall sich regt und unendlich blüht . Alles muß in einander greifen Eins durch das Andre gedeihn und reifen ; Jedes in Allen dar sich stellt Indem es sich mit ihnen vermischet Und gierig in ihre Tiefen fällt Sein eigenthümliches Wesen erfrischet Und tausend neue Gedanken erhält . Die Welt wird Traum , der Traum wird Welt Und was man geglaubt , es sey geschehn Kann man von weiten erst kommen sehn . Frey soll die Fantasie erst schalten , Nach ihrem Gefallen die Fäden verweben Hier manches verschleyern , dort manches entfalten , Und endlich in magischen Dunst verschweben . Wehmuth und Wollust , Tod und Leben Sind hier in innigster Sympathie - Wer sich der höchsten Lieb ' ergeben , Genest von ihren Wunden nie . Schmerzhaft muß jenes Band zerreißen Was sich ums innre Auge zieht , Einmal das treuste Herz verwaisen , Eh es der trüben Welt entflieht . Der Leib wird aufgelöst in Thränen , Zum weiten Grabe wird die Welt , In das , verzehrt von bangen Sehnen , Das Herz , als Asche , niederfällt . Auf dem schmalen Fußsteige , der ins Gebürg hinauflief , gieng ein Pilgrimm in tiefen Gedanken . Mittag war vorbey . Ein starker Wind sauste durch die blaue Luft . Seine dumpfen mannichfaltigen Stimmen verlohren sich , wie sie kamen . War er vielleicht durch die Gegenden der Kindheit geflogen ? Oder durch andre redende Länder ? Es waren Stimmen , deren Echo nach im Innersten klang und dennoch schien sie der Pilgrimm nicht zu kennen . Er hatte nun das Gebürg erreicht , wo er das Ziel seiner Reise zu finden hoffte - hoffte ? - Er hoffte gar nichts mehr . Die entsetzliche Angst und dann die trockne Kälte der gleichgültigsten Verzweiflung trieben ihn die wilden Schrecknisse des Gebürgs aufzusuchen . Der mühselige Gang beruhigte das zerstörende Spiel der innern Gewalten . Er war matt aber still . Noch sah er nichts was um ihn her sich allmälich gehäuft hatte , als er sich auf einen Stein setzte , und den Blick rückwärts wandte . Es dünkte ihm , als träume er jezt oder habe er geträumt . Eine unübersehliche Herrlichkeit schien sich vor ihm aufzuthun . Bald flossen seine Thränen , indem sein Innres plötzlich brach . Er wollte sich in die Ferne verweinen , daß auch keine Spur seines Daseyns übrig bliebe . Unter dem heftigen Schluchzen schien er zu sich selbst zu kommen ; die weiche , heitre Luft durchdrang ihn , seinen Sinnen ward die Welt wieder gegenwärtig und alte Gedanken fiengen tröstlich zu reden an . Dort lag Augsburg mit seinen Thürmen . Fern am Gesichtskreis blinkte der Spiegel des furchtbaren , geheimnißvollen Stroms . Der ungeheure Wald bog sich mit tröstlichen Ernst zu dem Wanderer - das gezackte Gebürg ruhte so bedeutend über der Ebene und beyde schienen zu sagen : Eile nur Strom , du entfliehst uns nicht - Ich will dir folgen mit geflügelten Schiffen . Ich will dich brechen und halten und dich verschlucken in meinen Schoos . Vertraue du uns Pilgrimm , es ist auch unser Feind , den wir selbst erzeugten - Laß ihn eilen mit seinem Raub , er entflieht uns nicht . Der arme Pilgrimm gedachte der alten Zeiten , und ihrer unsäglichen Entzückungen - Aber wie matt gingen diese köstlichen Errinnerungen vorüber . Der breite Hut verdeckte ein jugendliches Gesicht . Es war bleich , wie eine Nachtblume . In Thränen hatte sich der Balsamsaft des jungen Lebens , in tiefe Seufzer sein schwellender Hauch verwandelt . In ein fahles Aschgrau waren alle seine Farben verschossen . Seitwärts am Gehänge schien ihm ein Mönch unter einem alten Eichbaum zu knieen . Sollte das der alte Hofkaplan seyn ? so dachte er bey sich ohne große Verwunderung . Der Mönch kam ihm größer und ungestalter vor , je näher er zu ihm trat . Er bemerkte nun seinen Irrthum , denn es war ein einzelner Felsen , über den sich der Baum herbog . Stillgerührt faßte er den Stein in seine Arme , und drückte ihn lautweinend an seine Brust : Ach , daß doch jezt deine Reden sich bewährten und die heilge Mutter ein Zeichen an mir thäte . Bin ich doch so ganz elend und verlassen . Wohnt in meiner Wüste kein Heiliger , der mir sein Gebet liehe ? Bete du , theurer Vater , jezt in diesem Augenblick für mich . Wie er so bey sich dachte fieng der Baum an zu zittern . Dumpf dröhnte der Felsen und wie aus tiefer , unterirrdischer Ferne erhoben sich einige klare Stimmchen und sangen : Ihr Herz war voller Freuden Von Freuden sie nur wußt Sie wußt von keinem Leiden Druckts Kindelein an ihr ' Brust . Sie küßt ihm seine Wangen Sie küßt es mannichfalt , Mit Liebe ward sie umfangen Durch Kindleins schöne Gestalt . Die Stimmchen schienen mit unendlicher Lust zu singen . Sie wiederholten den Vers einigemal . Es ward alles wieder ruhig und nun hörte der erstaunte Pilger , daß jemand aus dem Baume sagte : Wenn du ein Lied zu meinen Ehren auf deiner Laute spielen wirst , so wird ein armes Mädchen herfürkommen . Nimm sie mit und laß sie nicht von dir . Gedenke meiner , wenn du zum Kayser kommst . Ich habe mir diese Stätte ausersehn um mit meinem Kindlein hier zu wohnen . Laß mir ein starkes , warmes Haus hier bauen . Mein Kindlein hat den Tod überwunden . Härme dich nicht - Ich bin bey dir . Du wirst noch eine Weile auf Erden bleiben , aber das Mädchen wird dich trösten , bis du auch stirbst und zu unsern Freuden eingehst . Es ist Mathildens Stimme , rief der Pilger , und fiel auf seine Kniee , um zu beten . Da drang durch die Aeste ein langer Strahl zu seinen Augen und er sah durch den Strahl in eine ferne , kleine , wundersame Herrlichkeit hinein , welche nicht zu beschreiben , noch kunstreich mit Farben nachzubilden möglich gewesen wäre . Es waren überaus feine Figuren und die innigste Lust und Freude , ja eine himmlische Glückseligkeit war darinn überall zu schauen , sogar daß die leblosen Gefäße , das Säulwerk , die Teppiche , Zierrathen , kurzum alles was zu sehn war nicht gemacht , sondern , wie ein vollsaftiges Kraut , aus eigner Lustbegierde also gewachsen und zusammengekommen zu seyn schien . Es waren die schönsten menschlichen Gestalten , die dazwischen umhergiengen und sich über die Maaßen freundlich und holdselig gegen einander erzeigten . Ganz vorn stand die Geliebte des Pilgers und hatt ' es das Ansehn , als wolle sie mit ihm sprechen . Doch war nichts zu hören und betrachtete der Pilger nur mit tiefer Sehnsucht ihre anmuthigen Züge und wie sie so freundlich und lächelnd ihm zuwinkte , und die Hand auf ihre linke Brust legte . Der Anblick war unendlich tröstend und erquickend und der Pilger lag noch lang in seliger Entzückung , als die Erscheinung wieder hinweggenommen war . Der heilige Strahl hatte alle Schmerzen und Bekümmernisse aus seinem Herzen gesogen , so daß sein Gemüth wieder rein und leicht und sein Geist wieder frey und fröhlich war , wie vordem . Nichts war übriggeblieben , als ein stilles inniges Sehnen und ein wehmüthiger Klang im Aller Innersten . Aber die wilden Qualen der Einsamkeit , die herbe Pein eines unsäglichen Verlustes , die trübe , entsezliche Leere , die irrdische Ohnmacht war gewichen , und der Pigrimm sah sich wieder in einer vollen , bedeutsamen Welt . Stimme und Sprache waren wieder lebendig bey ihm geworden und es dünkte ihm nunmehr alles viel bekannter und weissagender , als ehemals , so daß ihm der Tod , wie eine höhere Offenbarung des Lebens , erschien , und er sein eignes , schnellvorübergehendes Daseyn mit kindlicher , heitrer Rührung betrachtete . Zukunft und Vergangenheit hatten sich in ihm berührt und einen innigen Verein geschlossen . Er stand weit außer der Gegenwart und die Welt ward ihm erst theuer , wie er sie verlohren hatte , und sich nur als Fremdling in ihr fand , der ihre weiten , bunten Säle noch eine kurze Weile durchwandern sollte . Es war Abend geworden , und die Erde lag vor ihm , wie ein altes , liebes Wohnhaus , was er nach langer Entfernung verlassen wiederfände . Tausend Errinnerungen wurden ihm gegenwärtig . Jeder Stein , jeder Baum , jede Anhöhe wollte wiedergekannt seyn . Jedes war das Merkmal einer alten Geschichte . Der Pilger ergriff seine Laute und sang : 1 Liebeszähren , Liebesflammen Fließt zusammen ; Heiligt diese Wunderstätten , Wo der Himmel mir erschienen , Schwärmt um diesen Baum wie Bienen In unzähligen Gebeten . 2 Er hat froh sie aufgenommen Als sie kommen , Sie geschüzt vor Ungewittern ; Sie wird einst in ihrem Garten Ihn begießen und ihn warten , Wunder thun mit seinen Splittern . 3 Auch der Felsen ist gesunken Freudentrunken Zu der selgen Mutter Füßen . Ist die Andacht auch in Steinen Sollte da der Mensch nicht weinen Und sein Blut für sie vergießen ? 4 Die Bedrängten müssen ziehen Und hier knieen , Alle werden hier genesen . Keiner wird fortan noch klagen Alle werden fröhlich sagen : Einst sind wir betrübt gewesen . 5 Ernste Mauern werden stehen Auf den Höhen . In den Thälern wird man rufen Wenn die schwersten Zeiten kommen , Keinem sey das Herz beklommen , Nur hinan zu jenen Stufen . 6 Gottes Mutter und Geliebte Der Betrübte Wandelt nun verklärt von hinnen . Ewge Güte , ewge Milde , O ! ich weiß du bist Mathilde Und das Ziel von meinen Sinnen . 7 Ohne mein verwegnes Fragen Wirst mir sagen , Wenn ich zu dir soll gelangen . Gern will ich in tausend Weisen Noch der Erde Wunder preisen , Bis du kommst mich zu umfangen . 8 Alte Wunder , künftige Zeiten Seltsamkeiten , Weichet nie aus meinem Herzen . Unvergeßlich sey die Stelle , Wo des Lichtes heilge Quelle Weggespült den Traum der Schmerzen . Unter seinem Gesang war er nichts gewahr worden . Wie er aber aufsah , stand ein junges Mädchen nah bey ihm am Felsen , die ihn freundlich , wie einen alten Bekannten , grüßte und ihn einlud mit zu ihrer Wohnung zu gehn , wo sie ihm schon ein Abendessen zubereitet habe . Er schloß sie zärtlich in seinen Arm . Ihr ganzes Wesen und Thun war ihm befreundet . Sie bat ihn noch einige Augenblicke zu verziehn , trat unter den Baum , sah mit einem unaussprechlichen Lächeln hinauf und schüttete aus ihrer Schürze viele Rosen auf das Gras . Sie kniete still daneben , stand aber bald wieder auf und führte den Pilger fort . Wer hat dir von mir gesagt , frug der Pilgrimm . Unsre Mutter . Wer ist deine Mutter ? Die Mutter Gottes . Seit wann bist du hier ? Seitdem ich aus dem Grabe gekommen bin ? Warst du schon einmal gestorben ? Wie könnt ' ich denn leben ? Lebst du hier ganz allein ? Ein alter Mann ist zu Hause , doch kenn ich noch viele die gelebt haben . Hast du Lust , bey mir zu bleiben ? Ich habe dich ja lieb . Woher kennst du mich ? O ! von alten Zeiten ; auch erzählte mir meine ehmalige Mutter zeither immer von dir ? Hast du noch eine Mutter ? Ja , aber es ist eigentlich dieselbe . Wie hieß sie ? Maria . Wer war dein Vater ? Der Graf von Hohenzollern . Den kenn ' ich auch . Wohl mußt du ihn kennen , denn er ist auch dein Vater . Ich habe ja meinen Vater in Eysenach ? Du hast mehr Eltern . Wo gehn wir denn hin ? Immer nach Hause . Sie waren jezt auf einen geräumigen Platz im Holze gekommen , auf welchen einige verfallne Thürme hinter tiefen Gräben standen . Junges Gebüsch schlang sich um die alten Mauern , wie ein jugendlicher Kranz um das Silberhaupt eines Greises . Man sah in die Unermeßlichkeit der Zeiten , und erblickte die weitesten Geschichten in kleine glänzende Minuten zusammengezogen , wenn man die grauen Steine , die blitzähnlichen Risse , und die hohen , schaurigen Gestalten betrachtete . So zeigt uns der Himmel unendliche Räume in dunkles Blau gekleidet und wie milchfarbne Schimmer , so unschuldig , wie die Wangen eines Kindes , die fernsten Heere seiner schweren ungeheuren Welten . Sie giengen durch ein altes Thorweg und der Pilger war nicht wenig erstaunt , als er sich nun von lauter seltenen Gewächsen umringt und die Reitze des anmuthigsten Gartens unter diesen Trümmern versteckt sah . Ein kleines steinernes Häuschen von neuer Bauart mit großen hellen Fenstern lag dahinter . Dort stand ein alter Mann hinter den breitblättrigen Stauden und band die schwanken Zweige an Stäbchen . Den Pilgrimm führte seine Begleiterinn zu ihm und sagte : Hier ist Heinrich nach den du mich oft gefragt hast . Wie sich der Alte zu ihm wandte , glaubte Heinrich den Bergmann vor sich zu sehn . Du siehst den Arzt Sylvester , sagte das Mädchen . Sylvester freute sich ihn zu sehn , und sprach : Es ist eine geraume Zeit her , daß ich deinen Vater eben so jung bey mir sah . Ich ließ es mir damals angelegen seyn , ihn mit den Schätzen der Vorwelt , mit der kostbaren Hinterlassenschaft einer zu früh abgeschiedenen Welt bekannt zu machen . Ich bemerkte in ihm die Anzeichen eines großen Bildkünstlers . Sein Auge regte sich voll Lust ein wahres Auge , ein schaffendes Werckzeug zu werden . Sein Gesicht zeugte von innrer Festigkeit und ausdauernden Fleis . Aber die gegenwärtige Welt hatte zu tiefe Wurzeln schon bey ihm geschlagen . Er wollte nicht Achtung geben auf den Ruf seiner eigensten Natur . Die trübe Strenge seines vaterländischen Himmels hatte die zarten Spitzen der edelsten Pflanze in ihn verdorben . Er ward ein geschickter Handwerker und die Begeisterung ist ihm zur Thorheit geworden . Wohl , versezte Heinrich , hab ich in ihm oft mit Schmerzen einen stillen Mißmuth bemerkt . Er arbeitet unaufhörlich aus Gewohnheit und nicht aus innrer Lust . Es scheint ihm etwas zu fehlen , was die friedliche Stille seines Lebens , die Bequemlichkeiten seines Auskommens , die Freude sich geehrt und geliebt von seinen Mitbürgern zu sehn und in allen Stadtangelegenheiten zu Rathe gezogen zu werden , ihm nicht ersetzen kann . Seine Bekannten halten ihn für sehr glücklich , aber sie wissen nicht , wie lebenssatt er ist , wie leer ihm oft die Welt vorkommt , wie sehnlich er sich hinwegwünscht , und wie er nicht aus Erwerblust , sondern um diese Stimmung zu verscheuchen , so fleißig arbeitet . Was mich am Meisten wundert , versezte Sylvester , daß er eure Erziehung ganz in den Händen eurer Mutter gelassen hat und sorgfältig sich gehütet in eure Entwicklung sich zu mischen oder euch zu irgend einem bestimmten Stande anzuhalten . Ihr habt von Glück zu sagen , daß ihr habt aufwachsen dürfen , ohne von euren Eltern die mindeste Beschränkung zu leiden , denn die Meisten Menschen sind nur Überbleibsel eine [ s ] vollen Gastmahls , das Menschen von verschiednen Appetit und Geschmack geplündert haben . Ich weis selbst nicht , erwiederte Heinrich , was Erziehung heißt , wenn es nicht das Leben und die Sinnesweise meiner Eltern ist , oder der Unterricht meines Lehrers des Hofkaplans . Mein Vater scheint mir , bey aller seiner kühlen und durchaus festen Denkungsart