erscheinen , sind sie sehr ungerecht ; Sie sollten die angenehmen Stunden nicht mit Mißmut endigen ! « - Das Frühstück war kaum verzehrt , als der Wagen mit der Kammerfrau der Gräfin Eleonore kam , die ihr Wäsche und Kleider mitbrachte . Juliane erkundigte sich nach ihren Eltern . Sie hatten die Nacht in erschrecklicher Angst zugebracht , erzählte die Kammerfrau : der Graf wollte sich trotz dem Ungewitter selbst aufmachen , um sie aufzusuchen , durfte aber die Gräfin nicht verlassen , die sich sehr übel befunden , und bei jedem starken Blitz ohnmächtig ward . Im ganzen Schloß blieb alles die Nacht über auf , und sobald das Gewitter nur etwas nachgelassen , mußte die Kammerfrau mit dem Wagen nach dem Dorfe fahren , weil sie vermuteten , daß die jungen Leute nach dieser Seite gewandert wären , der Reitknecht mußte indessen zu Pferde das Gebirg und die Gegend durchsuchen . Er war auch gleich , nachdem er dem Kutscher die Mühle bezeichnet , aufs Schloß zurückgeritten , um es zu melden , daß sie glücklich gefunden wären . Juliane war gerührt über die Angst , die sie ihren Eltern gemacht hatte , und eilte sich umzukleiden , um so schnell als möglich wieder zu ihnen zu kommen . Florentin und Eduard beschlossen , zu Fuß zurückzugehen , sie konnten auf dem weit nähern Fußweg doch noch früher als der Wagen auf dem Schlosse ankommen . Sie nahmen freundlich Abschied von ihren guten Wirten , die es als eine Beleidigung ansahen , als man davon sprach , ihnen ihre gehabte Mühe und Unkosten zu bezahlen . Juliane zog einen kleinen Ring vom Finger und gab ihn der Müllerin zum Andenken , um ihre Erkenntlichkeit zu bezeigen . Der Graf und Eleonore kamen ihrer Tochter eine große Strecke entgegen , die beiden Freunde ergötzten sich die Freude zu sehen , mit der sie empfangen ward , und mit der sie aus dem Wagen in die Arme ihrer Eltern stürzte , als ob sie jahrelang getrennt gewesen wären . Juliane wurde mit Fragen bestürmt und mußte es feierlich ihrem Vater versprechen , niemals wieder seine Einwilligung zu einer ähnlichen Unternehmung zu fordern . So endigte die abenteuerliche Wanderung . Obgleich ihnen keine andere als gewöhnliche Begebenheiten zugestoßen waren , so war sie ihnen doch wichtig geworden . Sie hatten auf diesem kurzen Wege , den sie miteinander gewandert , tiefere Blicke in ihr Inneres zu tun Gelegenheit gefunden , als sie in einem jahrelangen Nebeneinandergehen in der großen Welt vermocht hätten . Juliane hatte die Erfahrung ihrer Abhängigkeit gemacht , und mußte es sich gestehen , daß sie es nicht so unbedingt wagen dürfe , außer ihren Grenzen , und ohne ihre Bande und ihre erkünstelten Bequemlichkeiten fertig zu werden . Dreizehntes Kapitel Die Zeit des Aufschubs war verstrichen , es waren nur noch drei Tage bis zu dem für die Vermählung festgesetzten , und man erwartete jede Stunde die Ankunft der Gräfin Clementina . Unter verschiedenen Anverwandten und Freunden , die sich nun allmählich auf dem gräflichen Schlosse einfanden , kam auch einer ihrer Nachbarn , auf den sich schon alle längst gefreut hatten , weil er ihnen durch seine Eigenheiten viel zu lachen gab . Er war vormals Oberstwachtmeister , hatte aber bei seinem herannahenden Alter den Abschied genommen , und lebte nun auf seinen Gütern , wo er Ökonomie trieb , seine Besitztümer verbessern , und seine Bauern aufklären wollte : zu dem Ende las er alles , was in diesem Fache geschrieben ward , und versuchte alle Menschenfreundlichkeit lehrende Theorien zu realisieren . Da er nun den größten Teil seines Lebens sich mit Ideen ganz anderer Art beschäftigt hatte , so konnte es nicht fehlen , daß er alles falsch anfing , seine oft gute Absicht verfehlte , und sich nur selten nützlich , desto häufiger hingegen lächerlich machte . Da seine Verbesserungen gewöhnlich mehr darauf hinausgingen , ihn zu bereichern , als wie er vorgab das Gute wirklich gemeinnützig zu machen , und er bei allen Vorkehrungen , die er traf , seine Bauern zu bilden , sich doch niemals vorstellte , daß sie klug genug wären , seine eigentliche Absicht einzusehen , und aus eben dem Grunde nicht allein sie nicht beförderten , sondern ihr auch noch auf alle ersinnliche Weise entgegenarbeiteten , so lebte er in ewigen Verdrüßlichkeiten und Zänkereien . Übrigens war er , was man einen recht guten tätigen Mann nennt . Niemals hat wohl jemand , bei so vielem Anspruch auf Gravität und Würde , mehr Anlaß zum Lachen und Bedauern gegeben , als der gute Oberstwachtmeister . Er brachte bisweilen seine Lächerlichkeiten mit einer solchen Naivität vor , daß man geneigt war , zu glauben , er wolle sich selbst parodieren : so geschah es denn oft , daß seine Hörer ohne alle kränkende Absicht laut auflachten , wo er eigentlich die ernsthafteste Aufmerksamkeit hatte erregen wollen . Bei seinem jetzigen Besuche brachte er das Gespräch auf die ökonomischen Einrichtungen des Grafen , und konnte seine Verwunderung nicht genug darüber bezeigen , daß diesem alles so wohl , so leicht und ohne alle Widerwärtigkeiten gelinge , während er mit aller Arbeit es nur bis zum Streit und zur Verwirrung zu bringen wisse . Er hatte auf seinem Wege nach dem Schloß sich mit einem alten Landmann aus dem Schwarzenbergischen Dorfe in eine Unterredung eingelassen , der die eingeführten Neuerungen und Verbesserungen seiner Herrschaft nicht genug loben und segnen konnte . Dieses unverdächtige Lob hatte ihn ganz wild gemacht ; er polterte und sprudelte nun eine Anrede an den Grafen heraus , wo neben recht kräftigen derben militärischen Ausdrücken die Worte Bildung und Verfeinerung äußerst drollig hervorstachen , und endigte mit dem Anliegen : der Graf solle ihm Unterricht in der neuesten Verbesserungsmethode geben . Um ihn etwas zu besänftigen , und ihn von seiner Mutlosigkeit zu heilen , erinnerte ihn der Graf an seine Verschönerungen des Parks , des Gartens und des Wohnhauses . - » Ja , ja « , sagte er mit Selbstzufriedenheit , » das ist freilich etwas ! Es hat mir doch auch , muß ich sagen , viel Arbeit und Kopfzerbrechen und viel schweres Geld gekostet . Nun freilich ! so etwas wie mein Ermenonville , meinen otaheitischen Pavillon , meine chinesischen Brücken , dergleichen haben Sie noch nicht ausgeführt , das ist wahr ! Apropos , ich muß Ihnen doch erzählen : ich habe von meinem Neffen , der vorigen Sommer von seiner Reise um die Welt zurückgekommen , eine ganz vortreffliche und genaue Zeichnung von den ägyptischen Pyramiden erhalten , die ich , sobald ich mit meinem Vesuv zustande bin , ebenso nachzuahmen gedenke ; unter uns , ich hoffe , es soll gewiß ein Meisterwerk und ein seltnes Glück werden . Dabei habe ich den Gedanken , in diesen Pyramiden ein Monument für mein seliges Lottchen zu stiften . Ich habe auch schon den Platz mit Trauerweiden und wilden Rosen bepflanzen lassen , und der Neveu will die alten Inschriften , die er mitgebracht hat , hinein besorgen . Dahin will ich mich dann in melancholischen Stunden in die Einsamkeit begeben , mich meinen Gedanken überlassen , und das Andenken meines lieben seligen Lottchens feiern . Jetzt meinte ich aber nur die Ökonomie , Ihre Verbesserung des Ackerbaues , und das ehrbare folgsame Betragen Ihrer Bauern . Sehen Sie , das war ' s , dahin bringe ich ' s mit aller Arbeit nicht . Wie ich es mir sauer werden lasse , das werden Sie wohl nicht glauben ; wie ich mich Tag und Nacht damit beschäftige die Bestien auszubilden ; und wie sollt ' es einen nicht dreifach ärgern , wenn man dahinter kommt , daß sie ihrem Wohltäter Gutes mit Bösem vergelten , und lügen und betrügen , wo sie nur immer können . Blutsauer habe ich ' s mir werden lassen ! Ja sollten Sie sich vorstellen , ich bin so weit gegangen : als ich neulich etwas von ihnen verlangte , wobei ich , wenn es mir gelungen wäre , auf ein paar tausend Tälerchen jährlich mehr hätte rechnen können , mußten nicht allein meine Töchter , bei einem Fest , das ich veranstaltete , mit ihnen tanzen , ja ich ging so weit , daß ich sie selbst in ihren eignen Häusern überraschte , mich mit ihnen zu Tische setzte , und von ihrer miserablen ( Gott verzeih mir die Sünde ) Kocherei aus einer Schüssel mit ihnen verzehrte ! Ich tat nicht anders , als ob es mir ganz vortrefflich schmeckte , dankte ihnen und unterhielt mich mit ihnen , als ob sie meine Kameraden wären . Ich sage das eben nicht darum , als ob es so besonders tugendhaft von mir wäre , ich weiß recht wohl , daß es gegen die Aufklärung und gegen die reine Menschlichkeit liefe , wenn ich anders handelte , aber ich vermutete , die Halunken würden von meiner Herablassung gerührt sein , und in alles einwilligen , was ich von ihnen verlangte , es wäre denn doch ein Beweis ihrer verfeinerten Sitten und ihrer edlen Herzen gewesen . Aber mir nichts , dir nichts ! sie blieben bei ihrem starren Eigensinn , es fehlte nicht viel , so hätten sie sich gegen mich zusammengerottet , bloß aus Egoismus , weil mir , wie sie sagten , allein der Vorteil zufließe , und sie freilich wohl ein wenig mehr Arbeit und einen kleinen Zeitverlust dabei gehabt hätten . Anfangs wollte ich ' s nun doch mit Gewalt durchsetzen , aber sie waren so undankbar , mir mit einem Prozeß zu drohen ! Ich ließ es gut sein und war zufrieden ; aber geärgert hat es mich , daß ich aus der Haut hätte fahren mögen ! Nun , Herr Graf , sagen Sie mir nur , Sie richten ja aus , was Ihnen beliebt ! Tun Sie denn noch mehr ? « - » Bei weitem nicht so viel , als Sie , Herr Obristwachtmeister « , sagte der Graf beruhigend . » Aber Sie haben selbst sehr richtig bemerkt , ich bin so glücklich , einen Schlag sehr guter Leute auf meinen Gütern zu besitzen , die mir allenthalben kräftig die Hand bieten . Ich suche nur zu verhüten , daß sie nicht durch zufälliges Unglück bis zu dem schauderhaften Elend gebeugt werden , wo sie Hülfe in der Niederträchtigkeit und Vergessenheit ihres Elends in der Völlerei zu suchen haben . Sie werden erfahren haben , wie meine Schwester für die Kranken sorgt . Auf eine ähnliche Weise werden sie jedesmal unterstützt , wenn es nötig ist . Da sie nun für die ersten Bedürfnisse nicht so hart und unablässig zu sorgen brauchen , so kommen sie von selbst und ganz ohne Zwang darauf , ihren Zustand immer mehr und mehr zu verbessern . Sie tun mir also zuviel Ehre an , Herr Obristwachtmeister , wenn Sie mir allein alle Verbesserungen und manches ungewöhnlich Gute zuschreiben , das Sie auf meinen Gütern bemerken wollen . Sehr viele , ja die meisten Ideen dazu , kommen von meinen Landleuten selbst ; sie kennen den Boden , den sie bearbeiten müssen , durch ihre Erfahrung am besten , daher sind sie am ersten imstande und berechtigt , sich die vorteilhafteste Behandlungsart zu ersinnen ; ich reiche ihnen nur hülfreich die Hand , wenn etwa die Ausführung ihre Mittel übersteigt . Der Vorteil des Gelingens gehört ihnen unbezweifelt , sowie auch billig der Schaden des Irrtums oder des Verfehlens , der jedoch ihre ganze Bestrafung ausmacht . « - » Das Wichtigste « , fing Eleonore an , » hat mein Gemahl Ihnen noch nicht erwähnt , Herr Obristwachtmeister : ich meine den abgeschafften Frondienst . Die Leute haben nun , was ihnen so wichtig ist , Muße , ihre eignen Geschäfte desto besser zu besorgen . « - Der Obristwachtmeister hatte , während der Graf gesprochen , mit komischer angestrengter Aufmerksamkeit zugehorcht , um etwas zu lernen , auch einigemal Beifall genickt , indem er die Umstehenden nach der Reihe anguckte . Als aber Eleonore vom Abschaffen des Frondienstes anfing , sprang er ungeduldig auf . » Gut , daß Sie davon anfangen , Frau Gräfin ! Ich hatte es mir schon längst vorgenommen , Ihnen meine Meinung darüber zu sagen . Sie haben Ihren Bauern den Frondienst erlassen , der jedem Gutsbesitzer von Gott und Rechts wegen zukömmt , dadurch haben Sie aber allen Ihren Nachbarn vielen Schaden zugefügt . Herr Graf ! Es ist nicht ein jeder gesonnen , seinen gerechten Vorteil so mutwillig zu verschleudern , und nun wird uns alles erschwert . Nein , erlauben Sie mir , daß ich ' s Ihnen sage , daran taten sie sehr unrecht ! Eine alte Gerechtigkeit muß man nicht aufheben . Unsere Vorfahren haben den Frondienst eingerichtet , und das waren auch keine Narren ; die Nachkommenschaft sollte nur mehr Respekt vor ihren Einrichtungen haben ! Einzelne Verbesserungen , ja einzelne lasse ich mir gefallen , aber das Ganze darf nicht niedergerissen werden ! Alle Teufel ! Bei der Ordnung muß es bleiben . Und nehmen Sie mir ' s nur nicht übel , Herr Graf , auf diese Weise geht es Ihren Bauern freilich herrlich und in Freuden , da Sie sich das Ihrige entziehen ! Aber damit wäre mir noch gar nicht gedient , meine Bauern sollen sich nicht aus Eigennutz vervollkommnen , und meinen Willen ihres eignen Vorteils wegen vollziehen , sondern aus reiner Liebe und Dankbarkeit sollen Sie mir meinen Willen tun . Weltlichen Vorteil sollen sie gar nicht vor Augen haben , sondern Moralität , feine Ausbildung des Kopfs und des Herzens ! Lieben sollen mich die Halunken ! « - In diesem Ton fuhr der gute Obristwachtmeister noch ein Weilchen fort , zur großen Belustigung der Gesellschaft , die über diesen Freund der Kultur sich nur mit Mühe das laute Lachen enthielt . Eleonore mußte einigemal das Gesicht wegwenden ; der Graf versuchte es , ihn zu unterbrechen , und ein anderes Gespräch auf die Bahn zu bringen , aber das ging nicht so leicht . Er kramte mit großem Eifer alles durcheinander aus , und schwieg nicht eher , bis man zu Tische ging , wo er sich dann wieder beruhigte . Beim Anblick der mannigfaltigen Flaschen ward er vollends wieder friedlich und freundlich gesinnt , vergaß Kultur , Ökonomie und Moralität , ließ es sich trefflich schmecken , und prüfte so lange die einheimischen und fremden Weine gegeneinander , bis man ihn nach einem andern Zimmer führte , wo er den Rest des Tages ruhig verschlief . » Wie gefällt dir die herrliche Karikatur ? « fragte Eduard . - » Dieses ist einer der umfassendsten Geister , die es gibt « , erwiderte Florentin ; » er vereinigt in sich alle die Narrheiten , die man sonst in der ganzen Welt ausgebreitet findet ; jedes Rätsel , das uns in ihr verwirrend und ängstigend entgegenfährt , ist aufs belehrendste in ihm allein aufgelöst . « - Juliane bedauerte spottend die armen Fräulein , die aus ökonomisch-politisch-menschenfreundlicher Absicht mit den unwilligen , aufgebrachten Bauern tanzen mußten , und stellte die Not , sich nach ihrer Weise fügen zu müssen , sehr komisch und lebhaft vor . Sogar Therese und die Knaben übten ihren Mutwillen an dem ehrlichen Obristwachtmeister , bis der Graf ihnen endlich Einhalt tat , der sich bei diesen Gesprächen erinnert hatte , daß seinen Bauern am Vermählungstage ein Gastmahl auf dem Schloß bereitet werden müsse , und war verwundert noch keine Anstalten dazu machen zu sehen . - Eleonore gestand ihm : Sie hätte es zwar nicht vergessen , könnte sich aber immer nicht entschließen etwas anzuordnen , was noch jedesmal ihr Mißfallen erregt , so oft sie dabei gewesen . - Der Graf erwiderte : Es lasse sich schwerlich etwas Gegründetes gegen eine so ehrwürdige Sitte einwenden , die von jeher in seinem Hause stattgefunden , und die er nicht gern ohne Grund abschaffen würde . - » Verzeih mir , mein Bester ! « sagte Eleonore , » aber ich konnte mir nie weder Gutes noch Erfreuliches dabei denken , wenn ich diese Leute an einer langen Tafel , schnurgerade gereiht sitzen sah , Zwang und staunende Langeweile auf allen Gesichtern , die Männer an der einen , die Frauen auf der andern Seite ; zufällig Feinde sich nah , Freunde und Liebende getrennt , fremd , ängstlich , unbehaglich ! Von der Dienerschaft , wo nicht gar von der herrschaftlichen Familie selbst bedient , fühlen sie sich in nicht geringer Verlegenheit , so oft ihnen etwas gereicht ward , und nahmen sich dann natürlich so ungeschickt und link dabei , daß die übermütigen Lakaien sich berechtigt glauben , sie hohnlachend zu verspotten . Irgendein Lächeln , oder das Ansehn von Superiorität , das man doch nicht unterdrücken kann , und das nur auffallender wird , je mehr man ' s unterdrücken will , macht ihnen vollends diesen ostensibeln Akt von Herablassung zur Pein . Es kann nicht fehlen , daß das demütigende und zugleich erniedrigende Bewußtsein sich nicht in ihre Herzen schleiche : sie seien unter dem Vorwand eines Gastmahls bloß zur Dekoration für die Vornehmen bestimmt , die sich an einer ländlichen Szene erlustigen wollten . Dürften diese ehrlichen Leute freimütig ihre Meinung sagen , so würden sicherlich die meisten , wie Sancho Pansa bei den Ziegenhirten , ihrem Herrn für die unbequeme Ehre danken , in seiner Gesellschaft zu speisen ; von denen , die es nicht ausschlügen , hätte ich auch nicht die beste Meinung . « - Eleonore wandte ihre ganze Beredsamkeit an , den Grafen zu bewegen , daß er diesen alten Gebrauch abstellen , und den Bauern auf eine andere Art ein Andenken des fröhlichen Tages vergönnen möchte , aber der Graf wollte nichts davon hören . » Es sind noch Leute darunter « , sagte er , » die sowohl am Tage unserer Vermählung , als bei Julianens Geburt sind bewirtet worden , was würden diese glauben und glauben machen , wenn wir es bei dieser Gelegenheit unterließen ? Entweder , daß unsere Freude nicht von Herzen gehe , oder daß wir die Gebräuche unserer Vorfahren nicht mehr ehren . Es darf nicht unterbleiben ! Doch bleibt dir , Liebe , die ganze Anordnung unumschränkt überlassen . Die Mißbräuche , die du ganz richtig angemerkt hast , werden sich vielleicht vermeiden lassen . « Das Gespräch ward durch Briefe von der Gräfin Clementina an den Grafen und an Julianen unterbrochen . Beide entfernten sich . Eleonore beratschlagte währenddem mit Eduard und Florentin wegen des Auftrags , den ihr der Graf gegeben . Es ward endlich unter ihnen etwas verabredet , und Florentin eilte sogleich die nötigen Anstalten dazu zu treffen , die Kinder begleiteten ihn . Der Graf kam zurück , und als er Eleonoren mit Eduard allein antraf , sagte er ihnen : sie dürften nun nicht mehr auf Clementinens Gegenwart bei der Vermählung rechnen , sie hätte es völlig abgeschrieben . Eleonore bat ihn , ihr etwas Näheres aus dem Briefe mitzuteilen , weil sie auf des Grafen Gesicht einige Sorge wahrnahm , die sie beunruhigte . » Ich befürchte « , sagte er , » daß Clementina von einem ernsthaftern Grund zu kommen abgehalten wird , als der ist , den sie vorschützt . Wenn sie nur nicht wieder krank ist , und es uns verbirgt ! « - Eleonore suchte ihn zu beruhigen ; sie erinnerte , daß ihre fast niemals weichende Kränklichkeit ein ganz ruhiges Verhalten oft notwendig mache , gefährlich schien es doch nicht zu sein , da sie beide Briefe eigenhändig geschrieben hätte . Sie schlug dem Grafen einen verlängerten Aufschub vor , er unterbrach sie aber mit einiger Ungeduld : » - Es scheint auch Clementinens Wunsch zu sein « , sagte er ; » aber , meine Liebe , ich kann weder dir , noch jener hierin nachgeben . Ich werde es nicht länger aufschieben , ein so heilig gegebenes Versprechen zu erfüllen , und ich selbst sehne mich zu lebhaft , dich , Eduard , als meinen Sohn zu umarmen . Es bleibt bei dem bestimmten Tage , gleich nachher wollen wir zusammen Clementinen besuchen , mich verlangt recht danach , sie zu sehen . « - Er ging mit Eleonoren in den Garten , wo er ihr noch einiges aus dem Briefe mitteilen wollte . Juliane war traurig , ihre geliebte Tante nun nicht erwarten zu dürfen . Sie überlas ihren Brief immer wieder aufs neue . Eduard suchte sie bei sich in ihrem Zimmer auf , und wollte sie durch seine zärtlichen Liebkosungen erheitern . Sie fühlte seine Liebe , konnte sich aber dennoch nicht aus ihrer trüben Stimmung reißen , und bat ihn endlich , sie allein zu lassen . Er ging fort und suchte Florentin auf ; er wollte nicht mit seinem Unmut allein sein . Juliane schrieb folgenden Brief an Clementinen . Juliane an Clementina Ihr letzter Brief hat mich nicht so froh gemacht , wie sonst alles , was von Ihnen kommt . Sie selbst erwartete ich , liebe Tante , wie soll ich mir nun an einem Briefe von derselben Hand genügen lassen , die ich selbst so gern mit Küssen überdeckt hätte , auf deren Segen ich hoffte ! Ich habe jetzt Sorgen , meine Tante ! Wie soll ich sie aber aussprechen ? Wenn ehedem eine kindische Sorge mein Gemüt traf , dann wußten Sie es zu erraten , ich war durch Ihre Hülfe davon befreit , ehe ich sie zu nennen wußte . Aber jetzt wird es bedeutender , ich fürchte mich vor den ernsthaften Anstalten . Man kömmt und geht ; Einrichtungen werden gemacht , andere zerstört ; Vater und Mutter haben lange geheime Unterredungen , dann wird oft Eduard dazugerufen . - O hätte ich es gedacht , daß es soviel Mühe , und mir soviel Angst machen würde ! - Und alles ist weit schlimmer geworden , seit Ihren Briefen , Tante ! Nachdem sie gelesen waren , fielen lange Unterredungen vor ; der Vater war sehr bewegt , meine Mutter weinte . Ich saß unbemerkt an meinem Fenster , da konnte ich sie sehen , sie gingen auf der Terrasse auf und ab . Ich durfte um nichts fragen , denn es schien , als machten sie mir absichtlich aus dem Inhalt des Briefs und des Gesprächs ein Geheimnis , aber es beunruhigte mich . Was kann vorgehen ? Ich habe Ihren Brief unzähligemal durchgelesen , um vielleicht in ihm selbst einen Aufschluß zu finden , aber umsonst ! - Meine teure Clementina schreibt von Pflichten , die mir nun aufgelegt werden , denen ich vielleicht nicht gewachsen sei . Was sind das für Pflichten ? Gibt es noch andere , als die ich kenne : daß ich Eduard einzig und bis in den Tod lieben soll ? Und wenn es nur diese sind , wie sollten sie mir zu schwer sein ? Kann man zu lieben aufhören ? Gibt es eine andere Glückseligkeit , als treu zu lieben bis in den Tod ? - Einst sagten Sie mir : das schönste Glück auf Erden für eine Frau wäre , wenn der Gatte zugleich ihr Freund sei . Sie sprachen mir aus der Seele , meine geliebte Clementina ; und wenn dem so ist , so dürfen Sie sich mit Ihrem Kinde freuen ; Eduard ist gewiß der Freund seiner Juliane ; er liebt mich ja , und kann man lieben , ohne der Freund der Geliebten zu sein ? Aber , was ihm nur fehlen mag ? Er ist nicht allein besorgt und nachdenklich , wie ich es bin ; er ist traurig , voll Mißmut bis zur ungerechten Klage : ich liebe ihn nicht so , wie er hoffte , von mir geliebt zu sein . Ich weiß seine Zweifel nicht zu beruhigen , und meine eigne Unruhe wird immer größer . Vielleicht zerstreut sich dieser Nebel um uns , wenn wir erst in Ruhe uns selber werden leben , wenn erst der Lärm , die Wichtigkeit , die Feierlichkeiten vorüber sind . Ich hätte vielleicht größeres Recht zu klagen , als Eduard , daß ihm nicht so ganz genügt an seiner Freundin , daß er noch eines Freundes zu seinem Glücke bedarf . Jetzt wünschte ich aber selbst so sehr als er , daß Florentin bei uns bleiben möchte . In diesen Stunden der Mißverständnisse ist er unser guter Engel ; die bösen Geister weichen vor seiner Gegenwart . Es ist ein ganz herrlicher Mensch , liebe Clementina ! Eduard hängt mit der brüderlichsten Freundschaft an ihm und ich liebe ihn wie einen ältern Bruder . Ich fühle es wohl , was ich ihm schon jetzt verdanke , und was er uns beiden werden könnte ! Aber alles unser Bitten vermag nicht , ihn zurückzuhalten . Eduard hat eine Vermutung , die ich Ihnen einmal mündlich mitteilen werde ; ich halte sie aber nicht für gegründet , und auf keinen Fall ist es so ernsthaft , als er glaubt . Diesen Morgen war ich lang allein mit Florentin . Wir überraschten uns beide mit der gegenseitigen Frage : » Was fehlt Eduard ? « Jeder von uns glaubte den andern im Verständnis . Er wußte aber so wenig und ist so unruhig über diese Erscheinung , als ich selbst . Zum ersten Male habe ich ihm mit vollem Zutrauen begegnet ; ich gestand ihm meine kleine Eifersucht , und daß ich für Eduards Liebe besorgt bin ; aber er gab mir Unrecht , er warnte mich , nicht in die gewöhnliche Schwäche der Frauen zu verfallen und Achtung für die Freundschaft der Männer zu haben . Es waren Ihre Worte , Clementina . Ich mußte voll staunender Achtung vor ihm stehen , denn so tiefe Blicke in mein Inneres hat niemand noch , außer Ihnen , getan ; solche Dinge hat mir noch kein Mensch sonst gesagt . Er hat mich aus den tiefsten Winkeln meines Herzens , da wo ich selbst nicht hinzudringen wagte , herausgefunden . Es war beinah so hart , mein Stolz empörte sich endlich gegen seine Beschuldigungen . » Sie kennen freilich meine Schwächen « , sagte ich ihm , » aber Sie wissen doch nicht , was ich zu tun imstande bin . « - » Das glaube ich « , sagte er ; » wenn Sie das nur in der Tat tun wollten , was Sie zu tun imstande sind ; wenn Sie nur nicht das , was Sie sind , verleugnen , um wie die andern zu scheinen . « - Drauf sprach er noch viel über Eduard und mich ; so süß tröstete er mich nun , sprach mir so beredt , als ob er für sich selbst spräche , von Eduards inniger Liebe , wußte mir so fein alle seine Feinheiten herzuzählen . - Ich konnte nicht länger sorgen , alle meine Bangigkeit war fast verschwunden bei seinem freundlichen Trost . » Nur vergessen Sie nicht « , sagte er , » was ich Ihnen gesagt ; wenn Sie es auch jetzt nicht verstehen , einst werden Sie es doch verstehen lernen . « - Ich fühlte eine Träne über mein Gesicht rollen , als ich ihm die Versicherung gab ; seine Worte , seine Stimme , die wie eine scheidende Prophezeiung klang , hatten mich tief bewegt . Er küßte sanft mir die Träne vom Gesicht ; ich konnte es nicht wehren , er war selbst zu sehr gerührt . - » Auch ich werde diesen Augenblick nicht vergessen « , sagte er , » so sehe ich Sie niemals wieder . « - Darauf verließ er mich . Aber Clementina , warum sind Sie nicht bei mir ? Wo soll ich Mut hernehmen die ernste Stunde zu überstehen ? Mußten Sie gerade jetzt Ihr Mädchen verlassen ? Ich vergesse alles , wovon ich Ihnen sonst schreiben könnte . Mein Herz ist so voll ! von mir selbst voll ! Muß es , wird es nicht bald besser werden ? Leben Sie wohl , Clementina , teure geliebte Freundin ! Segnen Sie Ihre Juliane . Vierzehntes Kapitel Es war ein heiterer herrlicher Morgen ; ein großer , von hohen schattigen Bäumen umgebener Platz im Park , den man aus dem Kabinett der Gräfin übersehen konnte , und der von der andern Seite die Aussicht ins freie Feld ließ , war zur festlichen Bewirtung der Landleute eingerichtet . Unter den Bäumen rings um den Platz standen Tische von verschiedener Größe ; jeder Familie war einer angewiesen , dessen Größe der Anzahl der Personen angemessen war . Es durfte keiner aus Mangel an Raum zurückgelassen werden . Jede Hausmutter sah sich im Kreise der Ihrigen , und sorgte nach ihrer gewohnten Weise für ihre Bequemlichkeit . Stühle standen umher , geräumige Lehnsessel für die Alten . Glänzend weiße Tücher waren über die Tische gedeckt . Frauen und Töchter stellten geschäftig das nötige Gerät umher , kein Lakai , keine Livree war zu erblicken . Gelassen sorgte jede für die Ihrigen , brachte sorgsam das ererbte , lang geehrte Glas , das gewohnte Messer des Hausvaters , damit er keine häusliche Bequemlichkeit vermisse . Mit Braten , Wein und Kuchen waren die Tische reichlich besetzt , mit Blumen anmutig verziert . Die Mitte des Platzes , ein frischer dichter Rasen , war zum Tanz für die jungen Leute bestimmt ; da konnten die Alten ruhig an ihren Tischen sitzend dem Tanze zusehen . Früh war Eleonore hinausgegangen , um selbst noch einmal nachzusehen , ob alles nach ihren Befehlen eingerichtet sei , und ob nichts mangle ? Nach und nach kamen alle zusammen in festlichem Anzuge . Junge Mädchen mit Bändern und Blumen geschmückt , versammelten sich , Therese an ihrer Spitze , um Julianen einen blühenden Myrtenkranz zu überreichen . Jetzt kamen auch einige Abgeordnete aus Eduards und des