so hängt er daran nicht anders , als ob er , wie die Schnecke , damit verwachsen wäre . Er trägt es zwar nicht auf dem Rücken , aber er trägt es dafür auf dem Herzen . Ihm ist nicht anders wohl , als wenn er darin steckt . Das war einmal ein Lob , ganz nach , dem Sinne von Monsieur Schlicht , und er dankte dafür , indem er es ehrlich annahm , mit vieler Freude . Auch Madam Lyk sagte ihm noch beim Abschiede viel Schönes ; sie erinnerte sich alles des Guten , was sie aus dem Munde des Herrn Stark von ihm gehört hatte , und freute sich die Bekanntschaft eines Mannes gemacht zu haben , der einer so hochachtungswürdigen Familie , als die Starkische , so vorzüglich werth sei . - Kein Madera , noch Cyper , noch Syrakuser , noch was sonst die Flasche der Witwe enthalten mogte , hätte das Herz des alten Schlicht mehr erquicken , oder ihm den Kopf mehr benebeln können , als diese lieblichen Worte ; denn wirklich schien er , als er auf die Strasse hinaustrat , ein wenig berauscht . Er sprach in einem fort mit sich selbst , und gesticulirte dabei so lebhaft , dass Mehrere der Vorübergehenden stillstanden , und mit Lachen ihm nachsahn . Der Inhalt seines Selbstgespräches war : dass von allen Frauen der Stadt die Frau Doctorinn ohne Widerrede die beste , aber gleich nach ihr Madame Lyk die liebenswürdigste und vortrefflichste sei . - Indem , er sich dachte , dass irgend jemand so frech seyn könne ihm das zu läugnen , stiess er mit dem Stock so heftig gegen das Pflaster , und schnitt so wilde Gesichter , dass ein paar spielende Kinder vor Schrecken zusammenfuhren , und mit Geschrei in die Häuser liefen . XXXI . Es war der Doctorinn peinlich , dass die Witwe kein Ende finden konnte , die Grossmuth ihres Vaters und ihre eigene Freundschaft zu rühmen ; aber wie viel sie auch bat und ablenkte , immer kam die Rede darauf zurück . - Ich hätte , sagte die Doctorinn endlich , so gern über meinen Bruder mit Ihnen gesprochen ; aber wie ich wohl sehe - - In dem Augenblick schloss sich der Mund der Witwe , und desto offner stand nun ihr Ohr . - Sie glauben wohl nicht , dass hinter der scheinbaren Heiterkeit , womit ich zu Ihnen kam , sich ein sehr bittrer Verdruss versteckte ? Gleichwohl ist es nicht anders . Ich habe über meinen Bruder zu klagen , recht sehr zu klagen . Unmöglich ! Über so einen Bruder ? Jaja ! Über so einen ! - Eben dass er so einer ist - - Liebe Frau Doctorinn ! - Sie war ganz sichtbar gekränkt . Ich kann mir nicht helfen ; ich trage mein Herz auf der Zunge . - Sehen Sie , Freundinn ! Nichts in der Welt thut mir weher , als wenn man mir meine guten Gesinnungen nicht erwiedert , wenn man mich für meine Offenheit mit Verschlossenheit , für mein herzliches Zutrauen mit kaltem Misstrauen belohnt . - Sagen Sie , was Sie wollen ; so etwas ist ärgerlich , ist abscheulich . Will ich es denn vertheidigen ? Aber dass Ihr würdiger Bruder . - - O , ich sehe schon : Sie werden auf ihn nichts kommen lassen ; Sie sind zu sehr seine Freundinn . Wenn ich ' s nicht wäre ! - Sie hatte Thränen im Auge . Indessen sind Sie doch auch Freundinn von mir , und Sie werden gerecht seyn . - Ich will das Ärgste setzen , was doch sicher nicht ist : dass mein Bruder eine Sache auf dem Herzen trüge , die ihm eben nicht Ehre machte ; kennt er denn nicht seine Schwester , seine liebreiche Schwester , die Alles in der Welt eher thun würde , als ihn verrathen ? Kennt er nicht seinen redlichen Schwager , der von jeher so innig Theil an ihm nahm , und der ihn auch jetzt mit Rath und That so gern unterstützen würde ? Muss er auf tausend Fragen , auf tausend Bitten , dass er sich öffnen wolle , noch immer verschlossen bleiben ? Aber darf ich denn hören - ? Da ist sehr wenig zu hören . Leider weiss ich , oder errath ' ich , nur das ganz Allgemeine : Er liebt ! Er - liebt ? - fragte die Witwe , nicht ohne Stocken ; denn in dem Augenblick sah sie ihn vor sich , den biedern , den edlen Freund , wie er beim Abschiede die Hand ihr so glühend küsste , dass auch sie sich im Herzen sagte : Er liebt ! Alle Anzeichen sind wenigstens da : ein unablässiges Seufzen ; ein stieres Hinblicken auf einerlei Fleck ; eine weiche , kränkliche Sprache ; ein feuchtes , schmachtendes Auge . - Aber wen er liebt , wen ? - mit keinem Bitten , keinem Zureden ist das herauszubringen . - Es wird doch wohl in Ewigkeit keine Person seyn , die nicht mehr frei wäre ? die ihr Herz schon verschenkt hätte ? O gewiss nicht ! gewiss nicht ! sagte die Witwe - und gerieth über dieses rasche , ihr entfahrene Wort in eine Verlegenheit - eine Verwirrung - Also Sie wissen ? indem sie ihr näher ruckte . Nichts , liebe Freundinn . Ich weiss davon nichts ; aber - - ich schliesse aus seiner Denkungsart , seinem Charakter , dass - wenn er so etwas merkte - - Nun , dann rath ' ich nicht länger . Denn dass er eine Person lieben sollte , die er zu nennen mit Recht Bedenken trüge ; die seiner unwürdig wäre : - nein , das will und das mag ich nicht rathen . Ich bitte Sie . Keinen solchen Gedanken ! - Sie enthielt sich kaum einer Thräne ; denn so möglich es blieb , dass nicht sie diese Person war , so konnte sie doch nicht umhin , sich an deren Stelle zu setzen . Lassen Sie mich ganz freimüthig herausgehn ! Ich wende mich nicht ohne Ursache an Sie . Ich habe meinen Bruder die ganze Zeit über , da er Ihre Bücher berichtigte , fast gar nicht gesehen ; er war hier jeden Abend bei Ihnen . - Natürlich ward er mit Ihnen vertraut . Die Witwe zitterte vor dem , was nun folgen würde . Sie erröthete und erblasste . Sollte da in so manchem Gespräche , in so manchem ungezwungenen , unbelauschten Gespräche - denn Sie waren ja wohl meistens mit ihm allein ? - - Das freilich ; aber - - Sollte da nicht irgend ein kleiner Zug ihn verrathen haben ? Sollte nicht irgend ein Wörtchen gefallen seyn , das uns Licht geben könnte ? Ich wußte nicht . Ich müsste zurückdenken , sägte die Witwe . Doch überhaupt - - Was überhaupt , liebe Freundinn ? Er hatte hier Arbeit vollauf ; er hatte zu rechnen . Es ward sehr wenig gesprochen . Rechnungen freilich nehmen den Kopf ein . Aber bei alle dem - der Anfang seiner Leidenschaft fällt gerade in die Zeit , da er bei Ihnen rechnete ; denn bis dahin war er noch heiter und munter . Gewiss hat er , neben den Zahlen und Brüchen , noch an etwas Anders gedacht . - Können Sie Sich nicht erinnern , ob Sie einmal Gesellschaft hatten ? ob Frauenzimmer darunter waren ? Ich hatte - niemal Gesellschaft . - Sie wusste sich keinen Rath mehr . Sie pflückte und zupfte an ihren Kleidern . Nun , so werd ' ich wohl auch hier nichts erfahren . Ich werde so klug wieder gehn , als ich kam . - Mein , Trost muss seyn , dass die Zeit endlich Alles an ' s Licht bringt , und dass auch diese Liebe nicht ewig Geheimniss seyn wird . - Indessen glauben Sie nur nicht , dass mich blosse Neugier zu Ihnen geführt hat ; es war eben so sehr zärtliche Besorgniss um einen Bruder , den ich Thörinn noch immer liebe , so wenig er es auch werth ist . Sie sind hart . - O mein Gott ! Ich sehe ihn blässer , magerer werden ; sehe ihn alle Heiterkeit , allen Frohsinn verlieren ; sehe ihn hinwelken mitten in der Gesundheit : wie kann ich da ruhig bleiben ? Hinwelken ! - Liebe Frau Doctorinn ! Nicht anders . Nur noch diesen Morgen sagte mein Mann : das geht nicht ; das thut auf die Länge nicht gut ; der Bruder muss sich nothwendig erklären . Die Witwe gerieth hier in eine Wehmuth , die sie kaum mehr bezwang . Auf Erklärung freilich kam ' s an : und dass er diese zurückhielt ; dass er sich lieber in heimlichem Gram verzehrte , als seine Liebe bekannte : was sollte sie daraus schliessen ? - Missbilligte er selbst diese Liebe ? Stand ihm ihr zu geringes Vermögen ; standen ihm ihre Kinder im Wege ? - Eigennuz mischt sich denn auch mit in ' s Spiel ; ich will es nicht läugnen . - Ich hatte einst eine Schwester , die ich an den Blattern verlor ; ach ein Geschöpf , liebe Freundinn ! - von einer Sanftheit , einer Gefälligkeit , einer Seelengüte ! - Wie gerne hätte ich so eine Schwester wieder ! Wie hoffte ich immer , dass mein Bruder sie mir zuführen sollte ! Wie würd ' ich sie , und um ihrentwillen auch meinen Bruder , geliebt haben ! Auch ich - sagte die Witwe - hatte - Und nun zog sie ihr Tuch hervor , und weinte es so über und über voll , dass sie es wegwerfen und sich ein frisches nehmen musste . Gewiss war Madam Lyk , das Wenige ausgenommen , was von Verstellungskunst jedem Frauenzimmer unentbehrlich ist , nicht im mindesten Heuchlerinn ; und ihre Thränen flossen also ohne Zwang , aus der Fülle des Herzens : aber gewundert würde sich , wenn sie hier hätte zugegen seyn können , die kleine Amalie ein wenig haben , dass , im achten Jahre verstorben , und seit vierzehn Jahren nicht mehr erwähnt , sie noch jetzt ein so reichliches Thränenopfer erhielt . Auch die Doctorinn zog nun ihr Tuch hervor , aber in etwas anderer Absicht ; sie verbarg ein Lächeln dahinter . - Lassen Sie uns , fing sie dann an , von diesem Gespräche abbrechen ; denn wozu einander wehmüthig machen ? Wir wollen denken ; was hin ist , ist hin , und was im Grabe liegt , kömmt nicht wieder . Das kömmt freilich nicht wieder , schluchzte die Witwe . Hingegen wo noch Leben ist , da ist Hoffnung . - Mein Bruder ist wohl auch nicht so hinfällig , als meine Besorgniss ihn macht ; wenigstens , wie ich diesen Mittag sah , hat er noch gute Esslust : und die , denk ' ich , ist eben kein Zeichen zum Tode . Sie lächelte . - Übrigens wird er jetzt schwerlich nach Br ... gehen ; er wird , denk ' ich , hier bleiben : und da - - Er wird hier bleiben ? fragte die Witwe , und schien durch dieses Wort ein wenig getröstet . Ich denk ' es , sagt ' ich . - Und da wird denn mein Mann , der sich auf solche Krankheiten versteht , ihn unter der Aufsicht behalten , und wird ihm schon wieder zu Kräften helfen . Vernünftig wird er ja auch wohl am Ende werden , und wird sich erklären . Meinen Sie nicht ? - Sie . lächelte wieder . Die Witwe gerieth über die plötzliche Veränderung des Tons und der Gebehrde der Doctorinn in nicht geringe Verwirrung . Fast musste sie glauben , dass nicht des Bruders , sondern ihrer selbst wegen geforscht worden sei , und dass jener seine Liebe zu ihr der Schwester schon erklärt haben müsse . Diese Vermuthung bestätigte sich , als die Doctorinn mit voller Heiterkeit fortfuhr : Ich bekomme denn , doch noch wohl eine Schwester ; o ! ich bekomme sie ganz gewiss ; eine eben so gute , sanfte , liebreiche Schwester , als die ich verloren habe . Mich dünkt , ich sehe die holde Seele schon vor mir . - Sie hatte die Hand der Witwe genommen , der sie bei diesen letzten Worten einen sanften Druck gab ; und die Witwe , unbewusst was sie that , und zu spät darüber erschreckend , erwiederte nicht allein diesen Druck , sondern zeigte auch in ihrem noch feuchten Gesichte ein sanftes Lächeln . Sie war böse über die Hinterlist ihrer Freundinn , und war ' s doch auch nicht ; sie ärgerte sich über die heitre Miene derselben , und war doch auch froh darüber ; sie wusste selbst nicht recht , wie sie gesinnt war . Aber allein wäre sie gerne gewesen , um alles Gesprochne noch einmal zu überdenken , und bei sich auszumachen , wie viel oder wie wenig sie wohl von ihrem Herzen verrathen habe . Die Doctorinn , als ob sie ihr diesen Wunsch aus den Augen gelesen hätte , stand auf , um Abschied zu nehmen . Es wird spät , sagte sie ; ich muss fort . Leben Sie wohl , meine gute , sanfte , liebe - - ach mein Gott ! ich härte bei einem Haare gesagt : Schwester ! Sie sehen , wie voll ich den Kopf von der Herzensangelegenheit meines Bruders habe . - Was meinen Sie ? Soll ich ihm ganz wieder gut seyn ? Ach liebe Freundinn ! Sie waren ihm noch keinen Augenblick böse . Nicht ? Wirklich nicht ? - und nun erfolgte eine wärmere , längere Umarmung , als noch bis jetzt unter ihnen Statt gehabt hatte . Auf der Flur fand die weggehende Doctorinn den ältesten Sohn der Lyk , den sie aufhob und küsste . Der jüngere lag an einer kleinen Unpässlichkeit nieder . Sie hatte den schnellen Einfall , die Mutter zu bitten : dass es ihr morgen früh erlaubt seyn mögte , den Kleinen holen zu lassen , um ihn einem der grössten Kinderfreunde , ihrem guten alten Vater , zu zeigen , der an der schönen Gestalt und dem artigen Betragen des Kindes sich sehr ergötzen würde . - Er kann , sagte sie , mit meinen eigenen Kleinen spielen , und kann bei uns essen . - Die Mutter bewilligte das , und der Knabe hüpfte und sprang vor Freuden . - - Zu Hause machte die Doctorinn ihren Mann , aber noch mehr ihren Bruder , durch die mitgebrachten Nachrichten sehr glücklich . Besonders rührte den Letztern die Unterstützung , die sein Vater der Witwe hatte angedeihen lassen ; er empfand darüber eine Freude und eine Dankbarkeit , wie er sie über die grösste , ihm selbst erwiesene Wohlthat nicht würde empfunden haben . Aber unzufrieden war er , dass die Schwester mit dem Inhalte des Gesprächs , welches zwischen ihr und der Witwe vorgefallen war , so sehr zurückhielt , und dass er mit allem Forschen nichts weiter herausbrachte , als bloss : er werde geliebt ; er werde ganz sicher geliebt ; und sie , die Schwester , stehe ihm für ein freudiges Ja , sobald er es fordern würde , mit ihrem Leben . Was die Witwe Alles gesagt , und durch was für Züge sie ihr Herz verrathen habe : das verhüllte auch ihm , ob er gleich Bruder und Liebhaber war , der Schleier des weiblichen Zartgefühls ; nur dem Ehemanne ward , im vertraulichen Schlafkämmerlein , dieser Schleier ein wenig gelüpftet . XXXII . Die Kirche war aus , und die Strasse fing an sich mit wohlgekleideten Leuten zu füllen , denen es niemand ansah , wie sehr sie ihrer Sünden wegen waren gescholten worden ; als einer der kleinen Herbste von seinem Posten am Fenster , wo er Wache gestanden hatte , in Eil gegen die Thüre rannte , und nun auf einmal der ganze unruhige Schwarm ihm nach auf die Hausflur stürzte , um den kommenden Grossvater und die begleitende Mutter - die aber Sonntags , ihrer Alltäglichkeit wegen , nur wenig galt - mit Freudengeschrei zu bewillkommen . Der Alte empfing die Kleinen mit den gewöhnlichen scharfen Verweisen wegen ihres ungebührlichen Lärmens , aber zugleich mit einer Freundlichkeit , die den Eindruck jener Verweise augenblicklich wieder verwischte . Er wollte jetzt anfangen , seine Tasche für ihre Leckermäuler , und seinen Geldbeutel für ihre Sparbüchsen zu leeren , als er auf einmal im Hintergrunde einen holden Knaben einsam und dem Scheine nach traurig dastehen sah , und seine Tochter fragte , wer denn das wäre ? Ach ein lieber , süsser Junge , sagte die Doctorinn : der älteste kleine Lyk ; ein Schul- und Spielgenoss meines Wilhelms . Lyk ? rief der Alte ; o lass den Kleinen doch naher kemmen ! Er kam auf den Ruf der Doctorinn , und ging nach ihrer Anweisung zum Alten , dem er mit all dem Anstande und der Ehrerbietung die Hand küsste , wozu ihn die Mutter gewöhnt hatte . Wirklich , wirklich , ein allerliebster Knabe ! - Herr Stark theilte ihm jetzt , wie den Übrigen , mit ; und hob ihn dann auf einen Tisch , der im Vorsaale stand , um , wie er sich ausdrückte , zu sehn , ob er ihn kenne . - Jaja ! rief er , lieber süsser Kleiner ! wir sind schon alte Bekannte . - Sieh her , liebe Tochter , sieh her ! Wie doch das nachartet ! - Diese Stirne und dieses Kinn - - Ganz des alten Lyk ; unverkennbar ! Spiel der Natur ! rief Herr Stark . Ordnung der Natur ! rief die Tochter ; und setzte auf eben den Tisch ein ' s ihrer eigenen Kinder , das wirklich in seiner Gesichtsbildung eine auffallende Ähnlichkeit mit dem Grossvater hatte . - Der Alte liebkoste jetzt beiden , und war ausnehmend vergnügt . Aber , sagte er : wenn der alte gute Lyk den Mund zum Lachen verzog ; da hatt ' er so ganz etwas Eignes in seiner Oberlippe . Ob auch wohl der Kleine das hat ? - Lieber Kleiner ! thu mir den Gefallen und lache ! Hörst du ? Der Kleine blieb ernsthaft ; denn er hatte keinen Anlass zum Lachen , und war noch nicht fein genug , um in der Aufforderung selbst diesen Anlass zu finden . - Ich will dich schon dazu bringen , sagte der Alte , und zog aus seiner Börse einen neuen spiegelhellen Doppelducaten , den er ihm zu geben versprach , wenn er ihm den Gefallen thäte und lachte . - Der Knabe verläugnete hier das mercantilische Blut nicht , aus dem er entsprossen war , sondern lachte den schönen Ducaten mit sichtbarer Begierde an , ihn aus der fremden Tasche in die seinige zu spielen ; und nun riss Herr Stark ihn mit vieler Wärme an seine Brust , um ihn zu küssen . - Sieh ! sieh ! sagte er zu der Tochter . Dem Grossvater wie aus den Augen geschnitten ! Nicht wahr ? - Da nimm hin , lieber Kleiner , und wenn du zu Hause kömmst , so gieb den schönen Ducaten der Mutter , und bitte sie , ihn in deine Sparbüchse zu stecken . - Bei Tisch war der Alte so ganz in seiner heitersten Laune , sprach und scherzte mit den Kindern so viel , und machte zu der Nachricht , die man ihm von dem Wohlbefinden und der kleinen Erholungsreise des Sohnes gab , eine so gute Miene , dass die nachmittägliche Unterredung zwischen ihm und dem Doctor unter keinen günstigern Vorzeichen hätte beginnen können . Der Doctor fing damit an , dass er dem Alten im Scherz zu der vortrefflichen Behandlung seines kritischen Kranken Glück wünschte , dessen Übel er mit dem richtigsten Blicke gefasst , und wie es nicht anders scheine , aus dem Grunde gehoben habe . Doch ? sagte der Alte lächelnd . Hab ' ich einige Anlage zur Kunst ? Was Anlage ! Sie sind Meister darin . Also Alles glücklich vorüber ? Alles . Die ganze Krisis . Der Trotz zum Herzen heraus ? Völlig , völlig heraus . Und das Herz im frischesten , gesundesten Zustande . Voll Liebe , Dankbarkeit , Ehrerbietung für einen Vater , der statt zu zürnen , wie er gekonnt hätte , nur edel wohlthat . Aber , Herr Sohn , noch bin ich mit meiner Cur nicht am Ende . Sie haben durch so manche Ihrer Krankheitsgeschichten mir verzweifelt bange vor Recidiven gemacht ; und da will ich denn , Sicherheits halber , meinem Kranken noch eine kleine Nachcur verordnen , von der ich hoffe , dass sie ihm gute Dienste thun soll . Für jetzt wäre wohl das Beste , dass Sie ihn stärkten . Meinen Sie ? Und wodurch ? Durch volles Vergessen , volle zärtliche Vaterliebe . Wenn ' s nur damit nicht noch zu früh ist ! - Nein , nein ! Ich habe die Sache nach meinem eigenen Kopfe angefangen , und so will ich sie nun auch durchführen ? Ich will den Vortheil nicht ungenutzt lassen , dass der junge Herr durch seinen Trotz sich mir in die Hände gegeben hat , und dass er nun schon muss , wie ich will . War er denn nicht immer in Ihren Händen ? Nicht ganz . Ich musste Rücksichten nehmen . - Gesetzt , dass ich in unsrer ehemaligen Lage gesagt hätte : » Sohn ! das und das ist mein Wille ; darauf besteh ' ich durchaus ; so und so sollst du ' s machen ; oder ich jage dich aus dem Hause , schicke dich an einen Ort , der dir nicht ansteht , vor dem dir graut : « - denn unter uns ! dass ihm vor seinem Br ... graut , weiss ich sehr sicher ; - sagen Sie mir : was würden die Mutter , die Schwester , Sie Selbst , alle Menschen , von mir gedacht haben ? Ein Tyrann , ein Barbar , ein harter , unnatürlicher Vater wär ' ich gewesen . - Vor seinem Trotze so zu handeln , war in der That ohne Härte nicht möglich ; nach seinem Trotze kann und darf ich so handeln , und ich will den sehn , der mich tadelt . Einer wird es doch , lieber Vater . Wer ? - Ein Mann von dem edelsten Herzen : Sie Selbst . Falsch ! Mit mir selbst bin ich einig . - Ich werde meinem Sohne gerade heraussagen : mit unsrer Verbindung ist ' s aus ; auf die rechne nicht länger ; in mein Haus , in meine Handlung , kömmst du nicht wieder . Lieber Vater ! sagte der Doctor . Das steht fest . Das ist nun einmal entschieden . Der Doctor war nicht wenig erschrocken . - Sie werden mich wenigstens anhören , hoff ' ich , und dann weiss ich gewiss : Sie werden ganz anders denken . Sie anhören ? Das will ich gerne . Hier sitz ' ich ! - Aber ganz anders denken ? Da müssten Sie mir doch etwas sehr Sonderbares zu sagen haben . Nichts sehr Sonderbares , aber sehr Wahres . Schön ! Ich bin neugierig darauf . Sie können ' s nicht sonderbar finden , wenn ich behaupte : dass eine einzige That , zu welcher glückliche oder unglückliche Umstände einen Menschen hinrissen , ihn von Grundaus verändern , ihm gleichsam eine neue Seele einhauchen kann . Bewusstseyn einer ehrlosen , schändlichen Handlung kann den Menschen auf immer verschlechtern ; Bewusstseyn einer guten und grossen , ihn auf immer veredeln . Wohin zielt das ? fragte der Alte . Sie erinnern Sich , was ich Ihnen von dem Benehmen Ihres Sohns am Sterbebette und nach dem Tode des seligen Lyk erzählte . Das war schön ! Das war edel von , ihm ! Hätten Sie ' s jemal in ihm gesucht ? Nie . Auch wahrlich ! Er in Sich selbst nicht . Ein unerwarteter , ihm ganz neuer Eindruck , ein unwiderstehliches Gefühl rissen ihn hin . Aber einmal gethan , diese That ; sollte sie ohne Spur , wie ein Blitz , haben verschwinden können ? sollte sie kein Andenken an sich zurückgelassen , nicht durch dieses Andenken mächtig auf ihn eingewirkt haben ? - Glauben Sie mir : das Bewusstseyn von Werth , Güte , Tugend , das Ihr Sohn aus dem Lykischen Hause mit sich nahm , ist für ihn unendlich wohlthätig geworden ; es hat ihn von seiner ehemaligen Kleinlichkeit , Eitelkeit , Selbstsucht schon um Vieles geheilt , und noch immer wirkt es zu seiner Besserung , seiner Veredelung fort . - Was Sie sonst mit so vielem Recht an ihm aussetzten , ist schon Alles ganz anders : seine ehemaligen Gesellschafter hat er verlassen ; Spiel und Tanz sind ihm gleichgültig , und gegen den Putz ist er kälter geworden : schon seit Monaten kein neues Kleid mehr ! seit Monaten kein Gang mehr , als in den Concertsaal , den unschuldigsten aller Vergnügungsörter ! Sein jetziger herrschender Trieb ist : zu wirken , nützlich zu werden , Hochachtung und Beifall von Andern , wie von sich selbst , zu verdienen . - Ist nicht in diesem Allen die Wirkung jenes Augenblicks , wo er sich selbst in einem so neuen Lichte und die Tugend in ihrer Würde und Schönheit sah , unverkennbar ? Der Alte , der mit grosser Aufmerksamkeit zuhörte , winkte dieser Entwickelung Beifall ; und doch war sie , wenn auch nicht falsch , wenigstens sehr einseitig und unvollständig . Die Hauptbildnerinn an dem Herzen des Sohns , die Liebe , war aus guten Gründen vergessen . Selbst das , fuhr der Doctor fort , dass er die Thorheit beging Ihnen zu trotzen , stösst meine Meinung von ihm nicht um , sondern bestätigt sie eher . Eben weil er jetzt edler und also stolzer geworden war , konnt ' er die Behandlung , die er vormal verdient hatte , nicht mehr ertragen ; eben weil er Hochachtung gegen sich selbst zu fühlen anfing , wollt ' er auch Hochachtung von Andern , selbst von seinem Vater , geniessen ; und so entstand denn , bei der gewohnten traurigen Entfernung von Ihnen , und bei dem unseligen Misstrauen , womit er Sie im Irrthum über sich gleichsam vorsetzlich erhielt , jener Trotz , jener nicht zu rechtfertigende , übereilte Entschluss , den Sie durch Ihr weises Benebmen ihn so sehr haben bereuen lassen . Aber , mein bester Vater - wollten Sie einen Fehltritt aus solchen Gründen , an einem solchen Sohne , der Ihrer täglich würdiger wird , jetzt so grausam bestrafen ? Was ? rief der Alte , indem er mit lebhafter Bewegung aufstand ; was reden Sie , lieber Doctor ? Was fällt Ihnen ein ? Sie sagten : in Ihr Haus , in Ihre Handlung käm ' er nicht wieder . Das soll er auch nicht , muss er auch nicht . Sind Sie denn noch immer erbittert ? - Erbittert ? Ich ? - Nun , beim Himmel ! Wenn alle Väter sich so erbittern wollten , das wäre den jungen Herrn , ihren Söhnen , wohl eben recht . Wie versteh ' ich denn aber - ? Ich will aus der Verbindung mit ihm heraus , und will mich zur Ruhe setzen . Mein Haus soll das seinige , meine Handlung die seinige werden . Verstehen Sie jetzt ? Ja , mein Gott ! rief der Doctor freudig : wenn Sie Sich so erklären ! - Der Text war dunkel ; die Auslegung ist sonnenhelle . - Aber Ihr armer Sohn ! Was wird er nicht für einen Schrecken haben ! Scherzen Sie nicht zu früh ! Die Bedingungen sind zurück . O , die wird ein Vater , ein edler , grossmüthiger Vater machen . Ich bin sehr ruhig darüber . Dass sie auf sein Bestes berechnet sind , können Sie denken . - Ich hab ' ihn jetzt , wie gesagt , in meiner Gewalt ; und so besteh ' ich durchaus darauf : er soll thätiger werden ; er soll die Handlung , wenn sie die seinige wird , mit mehr Ernst und mit mehr Eifer führen , als unter mir ; er soll dem abgehenden einen Buchhalter keinen Nachfolger geben , weil er dessen Arbeiten mit den seinigen zugleich verrichten kann , ohne dass eben der Schreibtisch eine Galeere werde ; er soll dem Umherschweifen in Gesellschaften und an öffentliche Örter entsagen ; und sich sein Haus dadurch anziehender machen , dass er ein Weib - aber kein Modeweib , keine Putz- , auch keine Büchernärrinn - nimmt , sondern ein braves , häusliches , herzliches Weib , das er lieben , das aber auch ich schätzen und ohne Erröthen Tochter nennen kann . - Fügt er sich in diese Bedingungen : - gut ! so übergeb ' ich ihm Alles , beziehe meine eigne Wohnung für mich , und betreibe meine übrigen Geschäfte in Ruhe . - Fügt er sich nicht , - nun , so kann ich weiter nicht helfen ; ich arbeite dann mit meinen Buchhaltern fort , und ihn schick ' ich - wohin der junge Herr nicht mag , und wohin er mir doch zu gehen gedroht hat : nach seinem Br ... In mein Haus , so lang ' es das meinige bleibt , kommt er nicht wieder . Das also , das Ihre Nachcur , mein lieber Vater ? Das ! - Wird sie ihm anständig seyn ? Er wird darin gleich sehr Ihre Liebe