was hier um und um mich lebet . Wenn der Sturm das Meer umschlinget , Schwarze Locken ihn umhüllen , Beut sich kämpfend seinem Willen Die allmächtge Braut und ringet , Küsset ihn mit wilden Wellen , Blitze blicken seine Augen , Donner seine Seufzer hauchen , Und das Schifflein muß zerschellen . Wenn die Liebe aus den Sternen Niederblicket auf die Erde Und dein liebstes Lieb begehrte , Muß dein Liebstes sich entfernen . Denn der Tod kömmt still gegangen , Küsset sie mit Geisterküssen , Ihre Augen dir sich schließen , Sind im Himmel aufgegangen . Rufe , daß die Felsen beben , Weine tausend bittre Zähren , Ach , sie wird dich nie erhören , Nimmermehr dir Antwort geben . Frühling darf nur leise hauchen , Stille Tränen niedertauen , Komme , willst dein Lieb du schauen , Blumen öffnen dir die Augen . In des Baumes dichten Rinden , In der Blumen Kelch versunken , Schlummern helle Lebensfunken , Werden bald den Wald entzünden . In uns selbst sind wir verloren , Bange Fesseln uns beengen , Schloß und Riegel muß zersprengen , Nur im Tode wird geboren . In der Nächte Finsternissen Muß der junge Tag ertrinken , Abend muß herniedersinken , Soll der Morgen dich begrüßen . Wer rufet in die stumme Nacht ? Wer kann mit Geistern sprechen ? Wer steiget in den dunkeln Schacht , Des Lichtes Blum zu brechen ? Kein Licht scheint aus der tiefen Gruft , Kein Ton aus stillen Nächten ruft . An Ufers Ferne wallt ein Licht , Du möchtest jenseits landen ; Doch fasse Mut , verzage nicht , Du mußt erst diesseits stranden . Schau still hinab , in Todes Schoß Blüht jedes Ziel , fällt dir dein Los . So breche dann , du tote Wand , Hinab mit allen Binden ; Ein Zweig erblühe meiner Hand , Den Frieden zu verkünden . Ich will kein Einzelner mehr sein , Ich bin der Welt , die Welt ist mein . Vergangen sei vergangen , Und Zukunft ewig fern ; In Gegenwart gefangen , Verweilt die Liebe gern , Und reicht nach allen Seiten Die ewgen Arme hin , Mein Dasein zu erweiten , Bis ich unendlich bin . So tausendfach gestaltet , Erblüh ich überall , Und meine Tugend waltet Auf Berges Höh , im Tal . Mein Wort hallt von den Klippen , Mein Lied vom Himmel weht ; Es flüstern tausend Lippen Im Haine mein Gebet . Ich habe allem Leben Mit jedem Abendrot Den Abschiedskuß gegeben , Und jeder Schlaf ist Tod . Es sinkt der Morgen nieder , Mit Fittichen so lind , Weckt mich die Liebe wieder , Ein neugeboren Kind . Und wenn ich einsam weine , Und wenn das Herz mir bricht , So sieh im Sonnenscheine Mein lächelnd Angesicht . Muß ich am Stabe wanken , Schwebt Winter um mein Haupt , Wird nie doch dem Gedanken Die Glut und Eil geraubt . Ich sinke ewig unter , Und steige ewig auf , Und blühe stets gesunder Aus Liebes-Schoß herauf . Das Leben nie verschwindet , Mit Liebesflamm und Licht Hat Gott sich selbst entzündet In der Natur Gedicht . Das Licht hat mich durchdrungen , Und reißet mich hervor ; Mit tausend Flammenzungen Glüh ich zur Glut empor . So kann ich nimmer sterben , Kann nimmer mir entgehn ; Denn um mich zu verderben , Müßt Gott selbst untergehn . « Die Harfe lag , während er sprach , schon an seiner Brust , wie ein Teil seines Gemüts und seiner Äußerung . Ich empfand erst in der Mitte seines Liedes , daß er sie spielte , so leise hatte er angefangen . Alles das hatte sich verschlungen und durchdrungen , ohne daß ich irgend einen Übergang sah . Morgen schreibe ich dir weiter ; ich habe den Greis verlassen , sitze hier auf meiner Kammer , weine und bete ; der Abend kömmt schon , von ihm den Abschiedskuß zu fordern . O lebe wohl ! Godwi an Römer Ich will dir nun weiter erzählen , was Werdo sprach . Als er sein Lied geendigt hatte , sagte er : » Sieh , keiner konnte mich mit Trost erquicken , drum habe ich in mir das Wort getilget , und lebe wie Natur , in freien und ungebundenen Tönen . Du bist ein Mensch wie wenige gebildet , denn aus dir spricht , was andre träg verstecken , und was mir nur die leblose Natur gezeigt . Die Sitte ist in dir Gesetz geworden , nach dem die Sonne auf und nieder gehet , und alles kann ich gleich erwarten , denn nirgends willst du überraschen , und nimmer folgst du ihr , die dich begleitet . Doch das soll dich nicht eitel machen , denn ein Gedicht der ewigen Natur ist Demut . Auch kannst du es nicht bilden , oder weiter in dieser hohen Gabe vorwärtsschreiten , denn alles Wissen ist der Tod der Schönheit , die in uns wohnet und dieselbe wäre , wär gleich die Wissenschaft noch nicht erfunden . Mein Lieber , vieles muß ich dir verbergen , und in den ersten Augenblicken warst du schrecklich . Die Vorzeit , die ich mir mit Mühe und vielen tiefen Schmerzen abgewöhnte , sie trat aus dir mir drückend bang entgegen , und Zukunft rann so hell aus den Augen , daß ich mit Sehnsucht schon hinübersah . Es war kein Bleiben sonst auf Erden , darum habe ich am Felsen dort den Quell zum Teich gehemmt , der immer mich auf seinen wilden Wellen in ferne Zeit mit Sehnsucht hingezogen . Itzt steht er still , kein Schwinden und kein Kommen , und jede Welle , die sich regt , umarmt die andre , die ihr froh entgegenwallt . Und mir ward wohl ! Als du nun vor mich tratst , so wars , als wollte Vergangenheit mir schnell zum toten Bilde und Zukunft in der Gegenwart gerinnen . - Das alles ruhet schon , ich liebe dich . Auch Tilie , die holde , will dir wohl , und freue dich . Sie kennet keine Welt , von Menschenhänden trügerisch erbaut , und du bist wie Natur natürlich , liebt sie dich . Sprich nie von ihr , denn auch der Wahrste lügt , will er mit Worten , was er fühlet , sagen , und nur die Äußerung ist wahr , die unvermutet und unverschuldet aus der Tiefe steiget . Es leitet unwillkürlich die Natur die Sprache aus der Tiefe unsers Herzens durch die Oberfläche in sich selbst zurück , und enger , enger ziehen sich die Kreise und gehen endlich in den Tropfen über , die Tätigkeit so in sich selbst beschließend , die in der Ruhe stillen Spiegel fiel . Ich weiß nicht , wo mein Kind nach meinem Tode ein Bündnis mit dem Leben schließen sollte , drum habe ich sie der Natur verbunden , und so muß sich in ihr schon alles finden , und nirgends braucht sie Rat zu suchen . Es findet selbst ein blindes Kind die Brust der Mutter , deren Schoß es barg . O stör sie nicht , und liebe still , und stille Liebe wird dir danken - doch höre , hüte dich vor ihr , und bleib dir ewig gleich , denn zarte Ordnung bildet ihr Gemüt ; zerreißt du sie , so wird sie dir zur Marter . Dem stillen heilgen Leben blieb sie treu , und fasset ohnbewußt vom Ganzen doch den Geist . Nur wenige sind so , von der Natur in tiefen Schöpfungsstunden so geprägt , und hast du Zeit , noch mehr als Mensch zu sein , füllt dir des Lebens Ernst nicht alle Tätigkeit , bist du ein Bürger - o so fliehe schnell ! Denn solchen Reiz bestehet keine Pflicht , sei sie auch noch so fest gehämmert , Natur ruft dich mit aller Weibes-Allmacht hier , sie reicht die Arme dir so frei und schön entgegen , und ihres Busens Wellen dich verschlingen . Du kehrest nimmermehr zurück . So muß es die Natur , sie meint es gut . Die Mutter sehnt sich ewig nach dem Sohne , den sie aus ihrem Schoße hervorgerufen , daß er sich ihr an ihrem Busen angesaugt verbinde . Er stehet oft fürs Ganze draußen im Kampfe , und sieht den Frieden nicht , der nur im Innern blüht . Sie kennt den Ruhm , die Ehre nimmermehr , der Lorbeer grünt in ihr , und auch die Myrthe , und beide liebt sie nur als frohes heitres Grün , das wir zur Hoffnung uns erwählten . « Hier sah mir der Alte mit Begeisterung ins Auge , ich wußte nichts von seiner Rede . Das Ganze schwebte wie ein unbekanntes Element um mich her . - Nur einige seiner Äußerungen über Tilien traten mir aus seiner sichtbaren unsichtbaren Rede entgegen . Sie wurden mir Gesetze , ich kannte keine Pflichten mehr , aller voriger Glauben sank wie ein gestürzter Götze . Die Liebe fing mich ein mit ihren Netzen , Und Hoffnung bietet mir die Freiheit an ; Ich binde mich den heiligen Gesetzen , Und alle Pflicht erscheint ein leerer Wahn . Es stürzen bald des alten Glaubens Götzen , Zieht die Natur mich so mit Liebe an . O süßer Tod , in Liebe neu geboren , Bin ich der Welt , doch sie mir nicht verloren . Ich sank ihm in die Arme , und rief ihn mit dem Namen : Vater ! und alles zerrann um mich . Er staunte mich an und sprach wild : » Ich war sein Vater nicht , bin keines Menschen Vater , jetzt geh zu meinem Kinde hin . « Lebe wohl ! Godwi an Römer » Ich war sein Vater nicht , bin keines Menschen Vater , jetzt geh zu meinem Kinde hin . « Wunderbare Worte ; o Römer , wie sie mich ergriffen ! Der Greis , der rührend vor mir saß , und mit dem Blicke in das Tal hinab und über die Berge hin , als sei er überall gegenwärtig , mir allen Druck vom Herzen nahm , dessen begeisterte Rede , ein sanfter leuchtender Engel , meine Wünsche wie abgeschiedene Seelen in einen freudigen Himmelsfrieden brachte , der nämliche , der sich in seinem Liede , in seinen Worten der ganzen Welt so schön verbrüderte , - stieß mich wild zurück da ich mit allen Mächten zu ihm hingezogen , an seinem Halse den Namen : Vater , nannte . - Ach , soll ich keinen denn aus vollem Herzen so nennen können ? Muß der es bleiben , der ein peinlich Leben mir , ohne daß ich leben wollte , gab ? Die Worte dieses Mannes könnten mich befriedigen , könnten das Silber mir im Herzen bis zum Blicke glühen , wenn mir nicht jener durch eine unselige Mischung ein seltsames unerfüllbares Sehnen mitgegeben hätte . So kann ich nur das Hohe unendlich lieben , so kann ich nur den Sinn verstehen , und nimmer den Leib , die herrliche Gestalt umfassen . Alles zerbricht mir unter den Händen , und ewig hoffe ich und will ; doch feindlich tritt ein böser Geist zwischen Willen und Handlung hin , und reißt mich in mich selbst zurück , das Ziel stets weiterrückend . Wo mich die Weisheit schon im Arme zu halten scheint , und ich ihr wie ein Schwur versichert in die Augen sehe , reißt mich der Wahnsinn wild zurück . Was kann ich nur ergreifen wie ein Schwert , um jedes Leben , jede Rede zu zerlegen , damit mir nur das werde , was mir dient , denn keiner ist wohl in der Welt , dem ich so ganz angehöre , in den ich sorglos und kühn mit allen Zweigen verwachsen darf ; und werde ich je das Leben selbst erschaffen , das alle diese Zwecke mir erfüllt , oder erschaffe ich jetzt die Welt mir so , daß keiner mir erreichbar ist ? Es ist mir , als stritten Wahnsinn und Poesie sich um Werdos Geist , und siegend faßt ihn diese oder jener . Der Wahnsinn ist mir wie der unglückliche Bruder der Poesie , er ist im Leben verstoßen . Siegt er , dann führt er treu den schwer erkämpften Preis bis zu den Göttern , der Schwester aber tritt die ekle Wirklichkeit oft breit in den Weg , und oft muß sie für die Duldung , die man ihr gewährt , die harte Schmach erdulden , daß ihre Beute der Welt anheimfällt . Ich verließ Werdon sehr zerrüttet , er hatte meine Ansicht der Dinge wunderbar verändert , mich fest mit seinem Glauben verwebt , daß alles , was mir entgegentrat , mir fremd und neu erschien . Seine letzten Worte hatten meine Hingebung wieder erschüttert , und ich stand wie ein unentschloßner , ungeschickter Gott da , der nicht weiß , wie er die Welt erschaffen soll , weil sie schon da ist . Ich näherte mich den Gebüschen , die von einer Seite seine Wohnung einfassen , und hörte Tilien mit Eusebion sprechen . Der Ton ihrer Stimme rührte mich wie ein Zauber , es war der Ton , den ich verloren hatte , und alle meine Gedanken reihten sich , und alles war mir wieder wahr und gut , unbezweifelt - Liebe . Eusebio saß zu ihren Füßen , versteckte sich bald , bald sah er traurig in die Höhe , doch sprach er nicht . Sie redete ihn an : » Eusebio , wie bist nur so still , versteckst dich und siehst dann wieder so traurig auf ; des Knaben Herz muß froh und heiter sein . « Hier sprang er schnell auf und sagte : » Tilie , ich will singen , fange an , ich will singen , daß ich froh werde wie ein Lied . « Tilie sang : Frei , frei Von Trauer sei Des Knaben Herz . Hier fiel Eusebio ein : Von Trauer frei Ist nicht sein Herz ; Schmerz , Schmerz Ganz tiefer Schmerz Ist selbst sein Scherz . Will nach der Buche , Will nach der Buche gehn , Wird sie dort freundlich stehn ? Will sie dort wiedersehn , Die ich nur suche . Sehnsucht ! Im Mondschein , Ganz allein Will sie bei mir sein . Fürchte mich nicht , Ihr Gesicht Ist Tageslicht . Hier trat ich auf die Stelle , wo sie beide standen , Tilie kam mir freundlich entgegen und küßte mich ; ich weiß nicht , wie mich gerade in dieser Minute eine wunderbare Verlegenheit ergriff , da ich sie in den Armen hielt . Der Knabe schien an Tiliens Klage über seine Trauer sich schalkhaft rächen zu wollen . Er drängte sich an mich , faßte meine Hand , dann wendete er sich zu Tilien und sang : Mild , mild Von Liebe , schwillt Des Mannes Brust ; Von Liebe schwillt Auch Tiliens Brust . Lust , Lust , Ganz stille Lust , Ihr unbewußt . Sonst war der Liebe Stille im Herzen bang , Bis sie zum Auge drang Und von der Lippe klang , Ihr Spiel sie triebe . Liebestrieb ! Im Mondschein , Ganz allein Will sie bei ihm sein . Fürchtet euch nicht , Mondeslicht So freundlich spricht . Hier ließ er mich los und eilte in den Wald . Tilie rief ihm nach : » Eusebio ! Eusebio ! verspäte dich nicht « - Aber der Knabe war verschwunden , und das Echo rief aus dem Walde zurück : - Verspäte dich nicht ! Tilie wendete sich zu mir und sprach : Ich weiß nicht , was in diesem Knaben webet , Je mehr er faßt , je mehr verschließt er sich , Und sollte doch stets reicher auch mehr geben , So wie Natur , die immer mehr uns bietet , Je mehr sie Reichtum im dem Schoße faßt . Wie rührt mich nicht des Frühlings Kindergabe , Der , kaum des Winters hartem Geiz entflohen , Schon freundlich grüne Sprossen bringt und Blumen . Er trägt ein Kleid von dünnem Glanz gewebet , Und sieht mit lindem Sonnenschein uns an , Und weckt mit süßen Liedern alle Wesen . Steht ihm auch gleich die Träne noch im Auge , Die ihm des harten Winters Frost entlocket , Und zittert gleich sein zarter Leib von Kälte , Weil ihn so dünn der strenge Vater kleidet , So regt er doch zum Tanze und zur Arbeit Mit leichtem Flug die neugebornen Glieder . Er schürzet sich , blickt in den festen Spiegel , Der aller Flüsse wandelnd Leben decket , Und unter seinem heißen Blicke springet Der zarten Nymphen und Sirenen Fessel ; Sie fassen dankbar seiner Jugend Schöne Und eilen , sie in alle Welt zu tragen , Und tragen sie hinab durch alle Täler . Mit seinem frohen Bilde kindisch spielend , Entzünden sie zu seinem Dienst die Ufer , Durch die sie wollustmurmelnd freudig gehen ; Die Blumen all , die an dem Rande stehen , Sie winken still hinab , ihr zitternd Bild begrüßend . Er schwebet liebend über tote Wälder , Die bang mit kalten Armen aufwärtslangen , Da zündet er den Wald mit grünen Flammen , Und alle Blätter küssen sich so lieb zusammen , Und blicken still , das Götterkind zu fangen . So sprach Tilie noch lange vom Leben und Geben , und wahrlich , sie giebt alles , könnte ich nur alles nehmen ; aber da wohnt eine unausstehliche Sparsamkeit in mir , die man immer in eurer ärmlichen Haushaltung von Leben davonträgt . Dann stand sie auf und sprach : Der Name Reichtum kommt allein von reichen ; Hinreichen sollen wir das Eigen ; allen , Die arm sind , sollen froh wir geben , Weil sie die Arme so gar traurig heben . Wir wollen mit einander nach dem Walde , Den Knaben , der allein ist , aufzusuchen ; Er sagte ja , er wollte nach den Buchen . Hier nahm mich Tilie an der Hand und führte mich durch kleine schmale Wege in den dunkeln Wald ; es war mir recht heilig zu Mute . Wir schwiegen lange , und horchten auf das Abendlied der Nachtigall , das mit glänzenden einzelnen Tönen durch die lebenden Gewölbe zog . Der Mond sprach wehmütig mit einzeln zündenden Silben durch das Flüstern der Bäume , Ahndung wehte mit ihren dämmernden Flügeln durch die Büsche , und alle heimlichsten Gedanken wagten sich aus jeder Seele , wo sie sich vor dem geschäftigen vorwitzigen Tage versteckt hatten . Morgen , Römer ! hörst du weiter ; ich muß nun schlafen . Tilie sagte heute , meine Augen seien so verwacht , da bist du schuld dran . Dies Mädchen besitzt einen so , daß man , um nur wenige Augenblicke nach einem Freunde zu sehen , fast vor Anstrengung erblinden muß . Schlafe wohl . Godwi Godwi an Römer Hat sich die Zeit in ihrem Gange verändert ? - Kein Tag schleicht mehr mit seinen gähnenden Stunden , und keiner stürzt mit seinen Augenblicken hinab . - O welche stille Wechsel in mir , im gemessenen Takte schreiten die Augenblicke wie Töne zu einer schönen Melodie des Lebens hin , und irret mein Geist durch alle Akkorde auf harmonischen Wegen einen dem andern verbindend , so gelangt er nicht selten , der schönen Folge zur wunderbaren Erquickung , auf einen Gipfel , wo aller Takt weicht , und das Lied gleichsam einen freien ungebundenen Blick in die Ewigkeit tut , und neuerdings kehrt die Melodie zurück , wie das Atmen unsers Busens , das ein sanfter Seufzer unterbrach . Hier eilt das Leben nicht , ich sehe ihm nimmer nach , auch weilt es nicht träg , und ich brauche es nie zu treiben . Ich gehe ruhig mit den Stunden , und jede bietet mir das volle Leben an ; solange ich hier oben bin , habe ich noch nicht an die Zeit gedacht . Der Morgen ist schon wieder da , und alle Farben , alle Töne und Gestalten singen ihm ein Lied , das noch nie gesungen ward , so oft er auch die Welt begrüßte , die ihm jedesmal mit schönen Worten geantwortet . So ist und bleibt der Stoff , der des Dichtens wert ist , ewig derselbe und einfachste , der eben darum unerschöpflich ist . Denn nach dem einzigen Punkt , der in der Mitte der Welt liegt , kannst du die meisten Linien ziehen , und nur von ihm aus zu allem gelangen . Hier folgt die Fortsetzung meines Tagebuchs . So war der Wald , und wir - Tilie unterbrach unser Schweigen : Du hast mit meinem Vater lang geredet , Wie war er , war er freundlich , warst du es ? Ich : Ich sah ihn niemals so , Otilie , niemals War seine Rede so voll süßer Worte , Die alle zwischen Ernst und Wehmut schwankten ; Sein Aug war feurig und ein mildes Lächeln Umschwebte seinen Mund , und um die Wangen Schwamm eine zarte Röte , wie ein Heilger Sah friedlich er zum Himmel und zur Erde . Er sprach von dir , von mir und von der Liebe , Und hingerissen sank ich vor ihm nieder , Umfaßte ihn und konnte ihn nicht lassen . Von meinen Lippen drang der Name : Vater ! Da riß er sich von meiner Brust und zürnte , Sprach wild zu mir : » Ich bin sein Vater nimmer , Bin keines Menschen Vater ; geh ! o gehe Zu meinem Kinde hin « ; so komm ich zu dir . Tilie : Es tut mir weh , o Freund ! denn du wirst glauben , Daß du den Vater so mit deiner Rede Gekränkt hast , und das könnte dich verführen , Was nimmer gut ist , dich in acht zu nehmen . Ich : Was nimmer gut ist ? Tilie : Nein , denn die Natur , Sie nimmt sich nie in acht , drum handelt sie So mächtig und so rein , stets zur Genüge . Willst du gleich alles schon zum voraus sein , So kannst du in der Handlung nie genügen . Ich : Ich konnte nicht , denn alle meine Sinne Und alles , was geheim in mir verborgen , Hat er erweckt mit wunderbarem Leben . Die tiefsten Wünsche kühn in mir bewaffnet , Ihr Ziel , sonst unerreichlich , zu erreichen . Ich fühlte mich wie neu geboren , dankend Nannt ich ihn Vater ! Tilie : Vater , und er zürnte - Er liebt den Namen Vater nicht , und nimmer Darf ich ihn anders als nur Werdo rufen ; Und er hat recht , denn es ist sonderbar , Den Einzelnen im Leben so zu nennen , Da wir ja nur ein einzig Leben kennen . Beruhigtest du ihn ? Ich : Nein , ich vermied es , Weil es nach ihm nur eine Ruhe giebt , Die in der Nacht , wo alle Farben sterben , Die in der Ferne , wo der Ton verklingt , Und Grabesruh , die die Gestalt verschlingt . Als wir an einen kleinen runden Platz kamen , in dessen Mitte zwei junge Pappeln standen , sagte Tilie , auf die Pappeln zeigend : Dies ist Joduno , und dies hier Otilie . Als wir vor zehen Jahren in dem Walde Still miteinander wandelnd uns verloren , Verteilten wir uns , um den Weg zu suchen , Daß eine doch nach Haus zu Werdo komme , Den Abendtrunk in dem kristallnen Glase Ihm freundlich vor dem Schlafengehn zu reichen . Mich traf das Los , den Rückweg bald zu finden , Joduno irrte lang im Walde hin , Bis ich sie hier auf dieser freien Stelle Am Boden ruhig sitzend fand , sie lauschte , Wie eine Nachtigall die süßen Töne sang . Ich setzte mich zu ihr , und wir verbanden Mit kindschen Schwüren unsre kleinen Herzen . Als sie mich drauf verließ , pflanzt ich und sie Die Pappeln hier zum ewigen Gedenken . Und wie die Bäume wachsen , sieh , so sind wir Uns lange gleich an Mut und Freud geblieben . Doch sie , Joduno , neigt die schlanken Äste , Sie trauert ; sprich , wie hast du sie gelassen ? Ich : Sie wollte bald zu dir herüberkommen . Tilie : Ich kann es kaum erwarten , bis sie kommt , Und doch , ich weiß nicht , wie mir bangt , Daß sie mich überraschen wird , die Gute ; Sonst freute sie mich , wie im Frühling Die erste Blume , die sich regt , mich freut . Ich : Und jetzt - wird sie dich jetzt nicht freuen ? Tilie : Sonst war sie jung und ihre Mutter brachte Sie zu mir her . Wir waren beide Kinder ; Die Kinder teilen sich so gern ins Leben , Weil ihnen allen gleich die Welt erscheint , Doch meistens bildet sich die größre Jungfrau Das Leben schon zur eignen Wohnung aus , Und formt sich alles , wie ' s bequem und schicklich Sich zu dem inneren Geschmacke füget . So ist es wohl Jodunen auch ergangen . - Ich blieb stets Kind , ich kenne keinen Zeitpunkt In meinem Leben ; wenn ich rückwärts schaue , Ergießt sich alles still in tiefe Ferne , Und nimmer habe ich mit Sinn gewechselt . Joduno wird mir nun wohl nicht mehr gleichen , Und sich nicht - Ach , mich wird es schmerzen ! Wenn ich sie sonsten sah , dacht ich zurücke Ans letztemal , es ward ein Wiedersehen . Der Funke brach sich hell in vielen Spiegeln , Bis zu den fernsten Bildern meiner Jugend Erleuchtete die Liebliche mein Leben . Wenn sie verändert mich nun hier umarmt - Wie war sie , als du sie verlassen ? sage - Ich : Sie sehnte sich nach dir , und war begierig , Wie du und ich sich wohl vertragen möchten . Tilie : Vertragen möchten ? - wir ? Das ist nicht gut , Hieraus wird mir kein Wiedersehen - ach , Sie ist gewiß verändert , und ich finde In ihr das treue Gegenbild nicht wieder . Sie gab als Kind mir alles , was mir fehlte , Jetzt fehlt mir nichts ; wird sie auch alles haben ? Ich glaube nicht , weil sie sich nach uns sehnt . Sie möchte wissen , wie du mich veränderst , Da sie durch dich sich selbst verändert fand . Ich : Verändert ? ach ! und hat vielleicht verloren , Was sie , die Einsame , zu deiner Freundin Gemacht ? Es tut mir weh ! Durch mich verloren ? Tilie : Es tut dir weh ? - So wolltest du ' s ; ich bitte , Ach ! wolle , was dich einstens schmerzt , nicht wieder , Was wird Joduno fühlen ? wenn sie sieht , Daß du nun nicht mehr willst , was du gewollt hast . Ich : O ! Tilie , ich weiß nicht , ob ichs wollte . Ich kam auf ihres Vaters Schloß , und trübe , So trübe Stunden lagen hinter mir , Schnell wie ein Blitz war eine große Freude Mit vieler Liebe mir hinabgestürzet . Mein Leben war so dunkel , und ihr Auge Erweckte freundlich blickend mir im Busen Zuerst des Friedens holdes Weben wieder . Es war am Abend , ruhig sank die Sonne Und mit ihr ging mein müdes Leben unter . Sie sprach mit mir von allem , was sie liebte , Von ihrer Mutter , dir und deinem Vater - Ich liebte nichts , mußt ich sie so nicht lieben ? Und ist mir dieser Wille nicht verzeihlich ? Der Wille ? Tilie , der so leise war - Tilie : Ich fühle wohl , wie dies in dir und andern So ist ; mir selbst ist es schon so ergangen . Wenn du die Fremde , die du Heimat nennst , Mit bunten Bildern rauschend um mich weckst , Von deinen Reisen so beweglich sprichst : So liebe ich dich nicht ; und wenn ich wieder Für mich allein dran denke , reut es mich - So ist es umgekehrt , was du getan . Doch , trübe Stunden lagen hinter dir , Und eine große Freude war verloren ; Du Armer , sprich , wie war das alles ? Ich : Eins nur Von allem , was du mir gesagt , betrübt mich , Sonst wollt ' ich gerne alles dir erzählen . Tilie : Niemals sollst du durch Tilien verlieren - Ich : Ich kann nun fernerhin nichts mehr verlieren , Denn alle das Vergangne ist verloren , Und nichts mehr kann vergehen , nichts mehr kommen , Seit ich zum erstenmal das holde Leben So gegenwärtig und geliebt empfinde , Und das , Otilie , hast du mir gegeben , Du wolltest , daß die Liebe mich entzünde . Aus deinen Augen helle Lichter schweben , Daß alles Dunkel rück- und vorwärts schwinde , Doch sagtest du , du konntest mich nicht lieben . Wenn ich das bunte Leben dir beschrieben . So lasse mich vergessend hier gesunden , Laß mich von meinem alten Leben schweigen , Da du das neue schon mit grünen Zweigen Und deiner Küsse Liebesblüt umwunden . Du öffnest mir die kaum vernarbten Wunden , Und in die Wunden wie in Gräber steigen , Sollt deine holde Liebe von mir weichen , Die ewge Freude und das Licht der Stunden . Vertreibst du mich aus diesem Heiligtume , So muß das junge Leben früh verstummen , Das du mit Liebesseligkeit gewürzet . Sind dann nicht alle Stunden ohne Schimmer , Ists weniger als Freude , die auf immer So unerreichlich tief hinab