, soll und wird es niemals kommen . Ich . Gewiß nicht , so lange ich selbst noch eine Drachme94 im Vermögen habe . Sie ( lachend ) . Damit würdest du das Unglück , das du befürchtest , nicht lange verhüten . Ich denke einen für dich und mich bequemern Ausweg gefunden zu haben ; und damit ich dich über dieses Kapitel auf einmal und für immer ins Klare setze , so höre , wie ich über mein Verhältniß zu deinem Geschlecht denke , und was für eine Maßregel ich , zu meiner Sicherheit vor den Anmaßungen desselben , bei mir selbst festgesetzt habe . Ich sagte dir bereits mit der Offenheit , die du immer bei mir finden sollst , daß ich auf einen zwangfreien Umgang mit welchen Männern es mir beliebt nicht Verzicht thun könnte , ohne ein wesentliches Stück meiner Glückseligkeit aufzuopfern ; ich sagte dir auch die wahre Ursache , warum ein solcher Umgang Bedürfniß für mich ist . Denn daß die gewöhnliche Triebfeder der wechselseitigen Anmuthung beider Geschlechter gegen einander sehr wenig Antheil an diesem Zug meines Charakters habe , darf ich dir um so mehr gestehen , da ich mir nichts darauf zu gut thue , und wofern es der Natur beliebt hätte , mir das , was seine Besitzerinnen Zärtlichkeit und Bedürfniß zu lieben nennen , in einem reichern Maße mitzutheilen , mich dessen keineswegs schämen würde . Es wird dich also wenig befremden , wenn ich dir sage , daß , meiner Meinung nach , eine Frau , die ihre Unabhängigkeit behaupten will , euer Geschlecht überhaupt als eine feindliche Macht betrachten muß , mit welcher sie , ohne ihre eigene Wohlfahrt aufzuopfern , nie einen aufrichtigen Frieden eingehen kann . Dieß ist , däucht mich , eine nothwendige Folge der unläugbaren Thatsache , daß der weibliche Theil der Menschheit sich beinahe auf dem ganzen Erdboden in einem Zustande von Abwürdigung und Unterdrückung befindet , der sich auf nichts in der Welt als Ueberlegenheit der Männer an körperlicher Stärke gründen kann ; da die Vorzüge des Geistes , in deren ausschließlichen Besitz sie sich zu setzen suchen , nicht ein natürliches Vorrecht ihres Geschlechts , sondern eine der Usurpationen ist , deren sie sich kraft ihrer stärkeren Knochen über uns angemaßt haben . Bei allen Völkern ist der Zustand der Weiber desto unglücklicher , je roher die Männer sind : aber auch unter den policirten Nationen , und bei der gebildetsten unter allen , werden wir von den Männern überhaupt genommen entweder als Sklavinnen ihrer Bedürfnisse oder als Werkzeuge ihres Vergnügens behandelt , und die schönste unter uns müßte sehr blödsinnig seyn , wenn sie sich auf den Glanz oder die Zahl ihrer vorgeblichen Anbeter und Sklaven das Geringste einbildete , und sich selbst verbergen könnte , was die Herren bei dem betrüglichen Spiele , das sie mit unsrer Eitelkeit und Schwachherzigkeit treiben , gewinnen wollen . Anakreon meint , die Natur , die jedes ihrer Geschöpfe mit irgend einer Waffe zu seiner Vertheidigung versehe , habe dem Weibe zur Schutzwehr gegen die Stärke des Mannes die Schönheit verliehen ; aber ohne den Verstand , einen klugen und weisen Gebrauch von ihr zu machen , ist die Schönheit selbst eine sehr zweideutige Gabe , und ihrer Besitzerin meistens mehr nachtheilig als nützlich . Ich für meinen Theil danke der guten Mutter Natur , daß sie mich gerade mit so viel Verstand bewaffnet hat , als ich nöthig habe , um den Mann , im Allgemeinen , als den natürlichen Feind meines Geschlechts anzusehen , gegen welchen wir nie zu viel Vorsichtsmaßregeln nehmen können . Der gesellschaftliche Zustand hat zwar einen anscheinenden Frieden zwischen beiden Geschlechtern gestiftet ; aber im Grund ist dieser Friede auf Seiten der Männer bloß eine andere Art den Krieg fortzusetzen ; und da ihnen von der Stärke ihrer Knochen und Muskeln gewaltsamen Gebrauch gegen uns zu machen untersagt ist , so lassen sie sich ' s desto angelegener seyn , die treuherzigen Vögelchen durch Schmeichelei und Liebkosungen in ihre Schlingen zu locken . Und uns sollte nicht eben dasselbe gegen sie erlaubt seyn ? Wir sollten die Betrüger nicht wieder betrügen , und falls wir klug genug sind uns vor ihren Schlingen zu hüten , das Einzige , wodurch wir an ihre schwache Seite kommen können , unsre Reizungen , nicht auf jede uns beliebige und vortheilhafte Art gegen sie gebrauchen dürfen ? Bei der großen Nemesis ! ich mache mir so wenig Bedenken darüber , daß ich mich selbst verachten würde , wenn ich mir jemals ein anderes Verhältniß gegen das Männergeschlecht geben wollte , als das , wozu uns sein Verfahren gegen uns einladet , und , wenn wir anders unsre alberne Gutherzigkeit nicht zu spät bereuen wollen , nöthiget . Da sie uns keine andere Wahl gelassen haben , als entweder ihre Sklaven zu seyn oder sie zu den unsrigen zu machen , was hätt ' ein Weib , das seine Freiheit liebt , hier lange zu bedenken ? - Du siehst die Grundlage meines Plans , lieber Aristipp ; ich habe dir ohne Zurückhaltung gezeigt , wie ich über die Männer denke , weil du für mich kein Mann , oder , wenn du lieber willst , mehr als ein Mann , weil du mein Freund , ein mir verwandtes congenialisches Wesen bist . Was ich noch hinzuzusetzen habe , erräthst du vermuthlich von selbst . Ich opfre meiner Liebe zur Unabhänglichkeit und dem Verlangen nach meiner eigenen Weise glücklich zu seyn , einen Namen auf , und unterziehe mich dadurch den Folgen des nicht ganz ungerechten Vorurtheils , das alle Arten von Personen drückt , die sich dem Vergnügen des Publicums widmen und dafür belohnt werden ; aber meine Meinung ist nicht , diesen Namen anders als auf eine eignen Bedingungen zu tragen . Diesen sich zu unterwerfen , kann ich niemand zwingen ; wer sie sich also gefallen läßt , sollt ' es ihm auch am Ende dünken , daß er einen schlechten Handel gemacht , und das Vergnügen mich zu sehen , zu hören und etliche fröhliche Stunden unter Scherz , Musik und Tanz , mit Komus und Bacchus , oder mit Amorn und den Grazien in meinem Hause zugebracht zu haben , allzu theuer bezahlt habe , der würde von mir und allen Verständigen ausgelacht werden , wenn er sich über Unrecht beklagen wollte . Ich setze einen ziemlich hohen , wiewohl unbestimmten Preis auf das Vorrecht , freien Zutritt in meinem Hause zu haben , mache aber kein Geheimniß daraus , daß ich mich durch die Geschenke , die ich von meinen Liebhabern , wie die morgenländischen Fürsten von ihren um Gehör bittenden Unterthanen , annehme , zu keinen besondern , geschweige ihnen selbst beliebigen Gefälligkeiten verbunden halte . Es steht einem jeden frei , seine Eitelkeit , oder seinen Wetteifer mit reichen und freigebigen Nebenbuhlern , so weit zu treiben als er will ; und wer an der Zulänglichkeit seines persönlichen Werths zu zweifeln Ursache hat , mag immerhin versuchen , ob er diesen Mangel durch den Werth der Opfergaben ersetzen könne , die er seiner Abgöttin zu Füßen legt . Sie befindet sich , wiewohl sie ihre Gottheit bloß der Thorheit ihrer Anbeter zu danken hat , in diesem Stück in dem nämlichen Falle wie alle andern Götter , welche sehr wohl wissen , warum die Menschen ihnen Opfer bringen , aber sich durch die Annahme derselben keineswegs verpflichten , alle Wünsche der Opfernden zu erfüllen , oder auch nur das , warum gebeten wird , zu gewähren . - Was sagst du zu diesem Plan , Aristipp ? Denkst du nicht , daß er mir im Nothfall hinlängliche Mittel verschaffen könne , meine dermalige Lebensweise fortzusetzen , ohne jemals , wie du vorhin besorgtest , genöthigt zu seyn , mich unter mich selbst herabzuwürdigen ? Ich . Ich sage , wenn er dir nicht gelänge , so würde ich keiner andern rathen , den Versuch zu machen . Aber es hat keine Noth ; ich bin vielmehr überzeugt , du wirst auf diesem Wege , selbst durch den Ruf daß es eine höchst mißliche Sache sey , deinetwegen nach Korinth zu reisen95 , in Gefahr kommen , nach und nach Deukalions und Hellens ganze edle Nachkommenschaft , Dorier , Ionier und Aeolier , vor deiner Thür liegen zu sehen . Sie ( lachend ) . Das soll ihnen herzlich gern erlaubt seyn , vorausgesetzt , daß es immer von mir abhange , wem ich sie öffnen lassen will . Ich . Einer Theodota möchte ich deinen Plan nicht rathen . Um ihn mit Erfolg auszuführen , muß man im Besitz deiner Schönheit , deiner Talente , deines Verstandes und deiner - Kälte seyn . Sie . Wie , mein schöner Herr ? Solltest du dich über meine Kälte zu beklagen haben ? Ich . Nicht zu beklagen , liebe Laiska ! denn sie ist es eben , was deinen kleinsten Gunstbezeugungen einen so hohen Werth gibt , daß die Grazien dem Manne nie gelächelt haben müßten , der nicht den leisesten Händedruck von dir den freigebigsten Liebkosungen einer jeden andern vorzöge . Auch ist dieß eine der nothwendigsten Bedingungen der Ausführbarkeit deines Plans . Denn kein Liebhaber dient lange ohne allen Sold , und eine Schöne , die nicht gesonnen ist , viel zu geben muß die Gabe besitzen , das Wenige mit einer Art zu geben daß es viel scheint . Du , schöne Lais , besitzest diese Gabe in einem so hohen Grade , daß ich keinen Augenblick zweifle , du würdest dir mit dieser Kunst , deine Liebhaber durch den Zauber einer sich immer annähernden und entfernenden Hoffnung bei gutem Muthe und in deiner Gewalt zu erhalten , so gut als die berühmte Thargelia ein Diadem verschaffen können , wofern dich je die Lust anwandelte , deine Freiheit gegen ein Diadem zu vertauschen . Sie . So hoch fliegen meine Wünsche nicht . Ich . In der That würdest du einen schlimmen Tausch treffen . Sie . Das denke ich auch . Diese Lais - höre ich dich sagen , Kleonidas - ist in der That eine Hetäre , wie vermuthlich noch keine war und vielleicht in tausend Jahren keine wieder erscheinen wird ; aber mit aller ihrer Philosophie doch - nur eine Hetäre , und eine um so viel gefährlichere , je mehr sie vor andern voraus hat . Nimm dich in Acht , Aristipp ! - Ich bin so ziemlich deiner Meinung , Freund Kleonidas ; sie ist ein gefährliches Geschöpf . Sie wird manchen Kopf verrücken , der vorher recht stand , manchen Narren noch närrischer machen , und manchen vollen Beutel leeren . Was sie aus mir und dir machen wird ( denn auch du wirst , wie ich hoffe , nach Korinth kommen ) , wird die Zeit lehren . Der Tag meiner Trennung von dieser Circe , in der ich gleichwohl mehr einen Freund als ein Weib liebe , rückt immer näher . Sie geht nach Korinth zurück , und ich mache mich zu einer Reise in die Inseln fertig , von wannen ich in einigen Monaten etwas leichter an Dariken , und reicher an Kenntnissen der Natur und der Kunst , nach der schönen Athenä zurückkehren werde . Bewunderst du mich nicht , daß ich mich mit so leichtem Herzen von der reizendsten aller Zaubrerinnen trennen kann ? 21. An Kritobulus . Mein Aufenthalt in Aegina hat länger gedauert als ich vorhersehen konnte , und meine Abwesenheit von Athen wird sich in eine noch größere Länge ziehen ; denn ich bin im Begriff einen Streifzug durch die merkwürdigsten Inseln des Aegeischen und Ionischen Meeres zu thun . Du hast vielleicht schon gehört , daß ich unsern Freund Kleombrotus eingeladen habe , herüber zu kommen und mich auf dieser Reise zu begleiten . Die Luftveränderung wird seiner Gesundheit zuträglich seyn , und die mannichfaltige Menge neuer Gegenstände seiner allzuwirksamen Phantasie eine andere Nahrung und einen weitern Spielraum geben , und sie dadurch verhindern , sich in diejenigen , die ihn zeither einzig beschäftigten , gar zu tief hineinzugraben . Der Kreis , den unser ehrwürdiger Meister um sich her zu sehen gewohnt ist , wird durch unsre Abwesenheit auf einige Zeit - um zwei , die man kaum vermissen wird , vermindert : und wir werden mit einer Menge neuer Ideen und praktischer Kenntnisse schwer beladen zurückkommen , die uns Stoff zum Fragen , und ihm Gelegenheit , unsre Begriffe zu berichtigen , geben werden . Sage ihm , es vergehe kein Tag , da ich mich nicht einer seiner weisen Lehren erinnere , oder von einer seiner Maximen Gebrauch mache - nach meiner Weise , versteht sich ; denn an einer ängstlichen schülerhaften Copey würde er selbst kein Wohlgefallen haben . Wenn ich einen Weg zu machen habe , worauf man sich leicht verirren kann , bin ich froh , wenn ich einen kundigen Wegweiser finde ; ich gehe neben , auch wohl zuweilen ein wenig vor oder hinter ihm , ohne meine Füße in seine Tritte zu setzen , oder mich der Freiheit zu begeben , dann und wann einen kleinen Umweg zu nehmen , um etwa einer Nachtigall im Gebüsche zuzuhören , mich an einer schönen Ansicht zu ergötzen , oder die Aufschrift an einem verfallenden Denkmal zusammen zu buchstabiren . Es ist mit der Philosophie , denke ich , wie mit den Nasen ; das , was eine Nase zur Nase macht , ist bei allen dasselbe , und doch hat jedermann seine eigene . 22. Lais an Aristipp . Wie , mein weiser Freund ? Sollt ' es wirklich dein Ernst seyn ? Ich soll mich von Lesbos aus so treuherzig machen lassen , nach einer Abwesenheit , binnen welcher der Mond fünfmal gewechselt hat , an - deine Treue zu glauben ? Du hättest dich nur darum in einen Liebeshandel mit der reizenden Lesbierin verwickelt , um mir einen recht heroischen Beweis zu geben , daß die bloße Erinnerung an deine Anadyomene hinlänglich sey , alle Pfeile , die Eros aus den großen schwarzen Augen der schönen Leukonoe nach deinem Busen schießt , kalt und kraftlos abglitschen zu lassen ? und daß ein Mann nichts als eine Haarlocke von Lais am Finger zu tragen brauche , um einer so warmen und verführerischen Liebhaberin , wie du mir deine Wirthin beschreibst , widerstehen zu können ? Und deine freilich noch ziemlich unerfahrne Freundin sollte so gefällig seyn , sich ein solches Mährchen weiß machen zu lassen ? bloß weil sie gestehen muß , es wäre ganz artig , wenn es - kein Mährchen wäre ? Nein , guter Aristipp ! so weit geht die Liebe zum Wunderbaren nicht bei mir , und ich wollte den besten Kuß , den ich zu geben vermag , daran setzen , könnt ' ich mich in diesem Augenblick ( die Stunde sag ' ich dir aus guten Ursachen nicht ) in das zierliche kleine Cabinet , wovon du mir eine so genaue Beschreibung machst , versetzen ; ich würde etwas nicht halb so Wunderbares sehen , als die Treue , woraus du dir , vermuthlich um der Seltenheit der Sache willen , ein so großes Verdienst bei mir zu machen scheinst . Aber denke nicht , mein guter Philosoph , daß ich die kleine Schlange nicht gewahr werde , die unter diesen Blumen versteckt liegt . Du hast ausfindig gemacht , daß Großmuth meine schwache Seite ist . Wenn ich sie , denkst du , nur erst so weit bringen kann , daß sie an meine Treue glaubt , so ist mir die ihrige gewisser , als wenn ich sie unter sieben Riegel im ehernen Thurm der Danae eingeschlossen hielte . Sie wird sich in der seltensten aller Tugenden nicht von mir übertreffen lassen wollen , und käme auch der schönste der Götter , der ewig junge Bacchus selbst , mich aus ihrem Herzen zu vertreiben . Nicht wahr , Aristipp , ich habe dich errathen ? Aber was du mit allem deinem Scharfsinn ewig nicht errathen hättest , während du dich zu Lesbos mit der schönen Leukonoe - in der Tugend übst , hab ' ich unter dem prächtigsten Ahorn in der Welt am Quell des Ilissus , unweit Athen , eine Eroberung gemacht , die du mir nicht zugetraut hättest - und nun rathe ! 23. Lais an Ebendenselben . Wenn eine Frau die Neugier eines Mannes geflissentlich erregt , so macht sie sich dadurch anheischig , sie zu befriedigen . Nicht wahr ? Ihr andern nehmt das für eben so gewiß , als ob sie sich mit Brief und Siegel dazu verbindlich gemacht hätte , und - ihr habt Recht . Ich säume also nicht , lieber Aristipp , dir vor allen Dingen begreiflich zu machen , wie ich unter den großen Ahorn am Quell des Ilissus gerathen bin . Meine Zurückkunft nach Korinth erneuerte die Ansprüche zweier oder dreier junger Eupatriden , die keinen schlimmen Handel zu treffen glauben , wenn sie sich mit dem Eigenthum meiner kleinen Person ein gesetzmäßiges Recht an den Nachlaß meines alten Patrons erkaufen könnten , der ihnen überaus gelegen käme , die Lücken ihrer verpraßten Erbgüter wieder auszufüllen . Weil ich alles gern auf eine decente Art mache , so dulde ich die Bewerbungen dieser speculativen Köpfe , ohne sie weder aufzumuntern noch abzuschrecken , und hätte sich noch ein vierter gefunden , dessen Umgang etwas mehr Interesse für mich gehabt hätte , so möchte ich den Isthmus96 von acht oder neun Monaten , der mich von Aegina trennt , noch erträglich gefunden haben . - Ihr seyd so eitle Geschöpfe , ihr andern , daß ich dir ' s vielleicht nicht gestehen sollte ; aber da du es doch von selbst errathen hättest , will ich ' s lieber frei bekennen , daß ich dich , bevor die sieben ersten Tage vorbei waren , schon lebhafter vermißte als ich mir selbst zugetraut hätte . Meine Liebhaber hatten freilich , nach der lästigen Unverdrossenheit ihrer Aufwartungen zu urtheilen , keine lange Weile bei mir ; aber dafür machten sie mir deren so viel , daß ich des albernen Spiels endlich überdrüssig ward . Nein , sagte ich , es ist nicht länger auszuhalten ; Aristipp läßt mich sitzen und schaukelt sich zwischen den Cykladen herum . Wie wenn ich ihm nachreis ' te ? - Nachreisen ? - Pfui ! das sähe ja gleich so aus , als ob eine verlass ' ne Ariadne ihren Ungetreuen verfolgen wollte ? Nein , nicht nachreisen , aber reisen will ich , und zwar nach Athen , um , während er sich auf den Schauplätzen alter Götter und Heldenmährchen herumtreibt , seine Stelle - bei dem weisen Sokrates einzunehmen . Gedacht , gethan ! Es wird eingepackt , angespannt , ich setze mich mit meinen Grazien ( wie du sie zu nennen pflegtest ) in den Wagen und rolle davon , von drei wohl bewehrten Dienern zu Pferde begleitet , wiewohl die Landstraße zwischen Korinth und Athen nicht mehr so unsicher ist wie zu Theseus Zeiten . Ich verweile mich etliche Tage zu Megara , wo ich Geschäfte mit einem alten Gastfreund des Leontidas abzuthun hatte , setze meine Reise fort , und lange an einem schönen Abend in einiger Entfernung von Athen auf einem mit Bäumen und Gebüschen bekränzten Hügel an , dessen Anmuth mich und meine Nymphen zum Absteigen einladet . Ich befehle meinen Leuten langsam fortzufahren und mich bei einem gewissen Tempel , der an unserm Wege liegt , zu erwarten . Kaum sind wir auf dem weichsten Rasen ein paar hundert Schritte vorwärts gegangen , als ein prächtiger Ahorn97 von ungewöhnlicher Größe und Schönheit unsre Augen auf sich zieht , neben welchem in kleiner Entfernung eine krystallhelle Quelle , zwischen Rosen und Lorberbüschen rieselnd , unvermerkt zu einem Bach wird , der den durchgehenden kaum die Knöchel benetzt . Ein rüstiger , wiewohl glatzköpfiger Alter , an Gestalt und Gesichtsbildung wie man die Silenen abzubilden pflegt , und ein schöner zum Manne heranreifender Jüngling , beide unbeschuht , der Alte nur mit einem kurzen hier und da ausgefaserten Mantel , der andere weniger spärlich und beinahe zierlich bekleidet , sitzen auf einer Rasenbank am Fuß des Ahorns , und scheinen , in einem lebhaften Gespräche begriffen , uns nicht eher gewahr zu werden , bis wir , völlig aus dem Gebüsche hervortretend , kaum noch zwanzig Schritte von ihnen entfernt sind . Jetzt erblicken sie uns , stutzen , flüstern einander etliche leise Worte zu , und sehen aus , als ob irgend eine magische Gewalt es ihnen unmöglich mache aufzustehen und sich zu entfernen . Wir waren alle vier zwar so leicht wie es die Hitze des Tages erforderte , aber ( was sich ohnehin versteht ) sehr sittsam und einfach gekleidet , und es begreift sich , daß der unerwartete Anblick vier solcher Figuren wie wir , an einem so einsamen und dichterischen Orte , etwas Auffallendes und beinahe Wunderbares für sie haben mußte . Ich gehe langsam auf sie zu , grüße sie , und frage , weil mir nicht gleich eine andere Einleitung beifallen will , ob dieß der nächste Weg nach Athen sey ? Mir däuchte als ob sie sich durch diese Frage merklich erleichtert fühlten ; denn ich wollte wetten , der alte Herr , der etwas abergläubisch seyn soll , würde verlegen gewesen seyn , wie er uns anreden müsse , um der Sache weder zu viel noch zu wenig zu thun . Nun übersah er mich aus seinen großen weit hervorstehenden Augen vom Kopfe bis zu den Füßen , und erwiederte in einem freundlichen Tone , wir könnten die Stadt auf keinem Wege mehr verfehlen . Dieser Ort ist so anmuthig , sagte ich , daß wir uns , wenn es euch nicht zuwider ist , einen Augenblick zu euch setzen , und an euerm unterbrochnen Gespräch , wofern es keine Geheimnisse betrifft , Antheil zu nehmen wünschen . Beides , versetzte er , steht euch frei , wiewohl der Gegenstand , womit wir uns beschäftigten , wirklich eine Art von Geheimniß ist . An einem den Musen geheiligten Orte wie dieser , sind Personen wie ihr nie zu viel . Nicht wahr , junger Mann ? Der Jüngling erröthete , sah ihn lächelnd an , und nickte Beifall . Geheimnisse , erwiederte ich , an denen man die ersten besten Antheil nehmen lassen kann , müssen wenigstens sehr unschuldig seyn . Das eurige war vermuthlich ein philosophisches ? Der Alte . Und gehört ganz besonders unter eure Gerichtsbarkeit ; denn es betraf Schönheit und Liebe . Da die Liebe sich doch nur an das Schöne hält , so suchten wir dahinter zu kommen , was denn eigentlich das Schöne sey . Ich . Und was fandet ihr ? Der Alte . Daß , wiewohl jedermann das Schöne liebt , doch vielleicht nicht Einer sich selbst oder andern zu sagen weiß , was es sey . Ich . Vielleicht ist es mit dem Schönen wie mit der Farbe , die jeder Sehende kennt und unterscheidet , wiewohl er nicht sagen kann was Blau oder Grün ist . Der Alte . Du meinst vermuthlich , jedermann kann sagen , dieß Kraut ist grün , diese Blume roth , diese blau ; aber niemand kann sagen , was die Grüne , die Bläue , die Röthe sey ? Ich . Es kann auch , dächte ich , niemanden viel daran gelegen seyn , ob er ' s sagen kann oder nicht . Der Alte . Mit den Farben mag es immerhin diese Bewandtniß haben : aber was das Schöne betrifft , so möcht ' es wohl gut , ja sogar nöthig seyn , sagen zu können , was es ist , damit wir immer sicher seyn könnten nichts zu lieben als was wirklich und immer schön ist . Ich . Aber sollte dieß denn auch so nöthig seyn als du zu glauben scheinst ? Verzeih , ehrwürdiger Unbekannter , wenn ich meine Meinung zu frei sage ! Der Alte . Ich werde die meinige eben so frei sagen , und so sind wir quitt . Ich . Man hat Beispiele , daß auch Gegenstände , die entweder nie schön waren oder es zu seyn aufgehört hatten , leidenschaftlich geliebt wurden . Der Alte . Gewiß ! Aber diese Gegenstände werden dann geliebt , nicht weil sie häßlich , sondern weil sie ungeachtet ihrer Häßlichkeit dennoch liebenswürdig sind . Ich glaube nicht daß jemals ein Mensch war , dem ein Höcker etwas sehr Liebreizendes gedäucht hätte ; aber daß eine höckerige Person demungeachtet sehr liebenswürdig seyn könne , ist wohl unläugbar . Ich . Nicht nur das ; es gibt Leute welche behaupten , ein wahrer Liebhaber finde sogar den Höcker des Geliebten schön , und es soll wirklich solche bezauberte Virtuosen in der Liebe geben . Der Alte . Was dir , schöne Dame , unbegreiflich ist ; nicht wahr ? Der Jüngling . Ich bekenne daß ich einer von diesen Bezauberten bin . Der Alte . Alles was du diesen Damen damit bewiesen hättest , wäre , daß es eine Liebe gibt , die eine Art von Wahnsinn ist . Ich . Sollte nicht jede wahre Liebe eine Art von Wahnsinn seyn ? - Der Alte betrachtete mich , statt der Antwort , mit einem forschenden Blick ; aber der Jüngling platzte heraus : wenn dieß ist , schöne Fremde , so brauchst du nur zu reisen , um alle unsre Städte , vom Tänaros bis zum Athos98 in lauter Irrenhäuser zu verwandeln . Ich . Wenn es wahr wäre , daß die Wahnsinnigen die glücklichsten unter den Menschen sind , so hättest du mir etwas sehr Verbindliches gesagt . Wer wollte nicht wünschen , alle Menschen glücklich machen zu können ? Der Alte . Das wären sie schon lange , wenn Wahnsinn glücklich machte . Aber noch hab ' ich keinen Menschen gesehen , der sich gewünscht hätte wahnsinnig zu seyn . Ich . Vermuthlich auch keinen Liebhaber , der es zu seyn geglaubt hätte , wiewohl sie es alle sind . Der Alte . Ich hätte große Lust , dir zu beweisen , daß du dich sehr an der Liebe versündigest ; aber der Tag neigt sich , und es ist noch eine ziemliche Strecke von hier bis zur Stadt . Ich . Ich habe einen Wagen der auf mich wartet . Er hat viel Raum , und doch darf ich es wohl schwerlich wagen , euch einen Platz darin anzubieten ? Der Alte . Wenn du einen Triumpheinzug in Athen halten willst , so wäre dieß das kürzeste Mittel ; du würdest unfehlbar in wenig Augenblicken die ganze Stadt vor , neben und hinter dir her haben . Wir beide sind , wie du siehest , Fußgänger und ganz dazu eingerichtet . Aber , wenn die Frage nicht unbescheiden ist , gedenkst du dich in Athen zu verweilen ? Ich . Der Zweck meiner Reise ist sehr einfach . Ich wollte von allem , was in Athen zu sehen ist , nur einen einzigen Mann kennen lernen , und der Zufall hat mich mehr als ich hoffen durfte begünstiget . Lebet wohl ! Und so eilte ich mit der Leichtfüßigkeit einer Waldnymphe von dannen , bestieg meinen Wagen wieder , und ließ meine beiden Bewunderer , vermuthlich sehr ungewiß was sie aus mir machen sollten , bald so weit hinter mir , daß ich sie völlig aus den Augen verlor . Wie gefällt dir dieser Anfang , Aristipp ? Er ist , wie du nicht zweifeln wirst , mit großen Begebenheiten schwanger , und wenn du mich recht schön bittest - oder auch nicht bittest , so habe ich große Lust , dich mit der ganzen Geschichte meiner philosophischen Mystificirung in Athen zu beschenken . Ich bin nicht eitel genug mir im Ernst mit der einzigen Eroberung zu schmeicheln , die mich hoffärtig machen könnte - der Mann sieht mir zu hell aus seinen Delphinsaugen - Aber daß er die meinige gemacht hat , es mag ihm nun schmeicheln oder nicht , das hat seine Richtigkeit . 24. Aristipp an Lais . Vor allen Dingen , schöne Halbgöttin , lass ' dir ein kleines Abenteuer erzählen , das mir dieser Tage aufstieß , da ich den ganzen Morgen damit zugebracht hatte , die Berge um Mytilene zu durchstreichen . Du weißt , denke ich , daß die Kräuterkunde seit einiger Zeit meine Lieblingsbeschäftigung ist , als eine Art Studien , wozu ein wandernder Weltbürger , wie ich , aller Orten Stoff findet , und wovon er gelegentlich allerlei nützlichen Gebrauch machen kann . Ich hatte mich ziemlich weit ins Gebirge hinein verirrt ; die Sonne wurde drückend und mein Gaumen sehr trocken , als ich endlich am Fuß eines Felsens , an welchem eine Heerde Ziegen herumkletterte , unter einem hohen Nußbaum eine Hütte , und vor der Thür der Hütte ein junges Weib erblickte , die im Schatten sitzend Wolle spann . Ich bat sie um ein wenig Wasser meinen Durst zu löschen , und sie eilte mir einen Topf voll frischer Milch zu holen , und bot mir ihn freundlich hin , weigerte sich aber , beinahe beleidigt , da ich ihr ein paar Drachmen in die Hand drückte , etwas anzunehmen , weil es ( sagte sie ) nicht Sitte in Lesbos sey , sich für solche kleine Liebesdienste bezahlen zu lassen . - Werde nicht ungehalten , liebe Laiska ! Mein Abenteuer war freilich des Erzählens nicht werth ; aber es ist gerade , als ob ich dir meine Geschichte mit meiner gefälligen Wirthin zu Mytilene erzählt hätte . Leider ist hier keine Gelegenheit , mir aus der Treue , über die du spottest , ein Verdienst bei dir zu machen . Es ist etwas , das einem jeden ächten Sokratiker , ja dem Meister selbst , alle Tage begegnen