, mich abgeschworen von ihrer Kirche , ihre Gesellschaft hat mich ausgestoßen : ich bin für sie nicht mehr vorhanden ! Und mit einer Bitterkeit , welche sich oftmals in Eleonorens Worten zeigte , setzte sie hinzu : Ich wollte ja frei sein ! Nun bin ich frei , frei wie der Vogel in der Luft ! Wen kümmert es , wohin er zieht und wo er endet ? Bisweilen fragte sie , ob Briefe für sie angekommen wären . Aber sie schien zufrieden , wenn man es ihr verneinte . Merkte sie dann , daß dies ihren neuen Freunden auffiel , so äußerte sie , gleichsam sich entschuldigend , sie habe Ruhe nöthig , sie müsse sich erst wieder daran gewöhnen , daß sie weiter leben solle . Und als Paul , dessen männliche Bestimmtheit von dem ersten Augenblicke an einen guten Eindruck auf sie machte , sie nach einer solchen Aeußerung einmal fragend ansah , sprach sie : Ich habe zu sterben geglaubt und war damit zufrieden ; denn was soll ich noch im Leben und in einer Welt , der nicht mehr anzugehören ich geschworen habe ? Und doch liebe ich noch diese Welt , doch freut mich noch die Luft und das Licht , doch entzückt mich das Lächeln Ihrer Kinder , und ich könnte weinen über die Güte , die Sie Alle mir beweisen ; vor Schmerz und vor Freude weinen , wenn ich es hier sehe , wie glücklich man auf Erden sein kann ! Als ihre Kräfte gewachsen waren , verlangte sie nach Renatus . Sie wollte ihm danken für all das Gute , welches ihr durch seine Vermittlung während der langen Leidenszeit zu Theil geworden war ; aber das Wiedersehen that weder der jungen Gräfin , noch ihrem Freunde wohl . Sie konnten sich nicht in einander finden . Ist das die strahlende Eleonore ? Ist dieses Mädchen mit den sanften , hülfesuchenden Augen das königliche Wesen , dem meine Huldigung sich kaum zu nahen wagte ? fragte Renatus sich in seinem Innern , und es war ihm , als habe er die Gräfin in einer ihr feindlichen Verzauberung vor sich , da ihr die stolze Umgebung fehlte , in der er sie bisher zu sehen gewohnt gewesen war . Er hatte Mitleid mit ihr , aber er schämte sich fast der anbetenden Empfindung , mit der er einst zu ihr emporgeblickt , und sie hinwiederum hatte ihre gegenwärtige Lage nie schwerer als in des Freiherrn Gegenwart gefühlt . Sein Bedauern that ihr wehe . Sie hätte den Freiherrn bitten mögen , sie zu meiden , hätte sie nicht gefürchtet , den Schein der Undankbarkeit oder den der Feigheit auf sich zu laden . Sie ließ es also geschehen , daß Renatus , um sich und Eleonore vor den Mißdeutungen der gegen sie erregten übelwollenden Neugier zu bewahren , auch seine Frau und seine Stiefmutter zu ihr brachte . Aber auch an dem Beisammensein mit diesen beiden Frauen fand Eleonore kein Gefallen . Sie konnte die Stunde nicht vergessen , in welcher sie sich dem Freiherrn zur Gattin angetragen hatte . Sie nannte es in ihrem Herzen eine durchaus berechtigte That , daß er sie zurückgewiesen hatte ; dennoch vermochte sie die Mißempfindung gegen die Frau , um derentwillen sie , wie sie glauben mußte , verschmäht worden war , in sich nicht zu besiegen . Die Zuvorkommenheit , mit welcher Cäcilie ihr begegnete , kam ihr erkünstelt vor und war es auch zum Theil , und die Erzählungen aus der Gesellschaft , durch welche sie und Vittoria die junge Gräfin zu unterhalten strebten , hatten keinen Reiz für diese letztere . Eleonore dachte nicht daran , an diesem Hofe zu erscheinen . Die Namen der Personen , auf deren Gunst oder Ungunst die Gattin und die Stiefmutter des Majors von Arten Gewicht zu legen hatten , waren für Eleonore Haughton ohne jegliche Bedeutung , und schon nach wenigen Besuchen bei der Kranken brauchte Renatus es seiner jungen Gattin nicht mehr zu versichern , daß er Eleonore zwar bewundert , aber nicht geliebt habe , daß er sie niemals hätte lieben können und daß sie überhaupt in ihrer Herzenskälte ihm nicht für die Liebe , nicht für die Ehe geschaffen zu sein scheine . Wurde doch Eleonore selber oftmals an sich irre , wenn sie es ihren Pflegern auszusprechen wünschte , was sie für sie fühlte , und wenn sich ihr das Wort , das sie von früher Jugend an mit seltener Gewalt bemeistert hatte , jetzt versagte , wo es sie drängte , sich ihnen zu erschließen und sich ihnen hinzugeben . Was können wir für sie thun ? fragte Seba oftmals , wenn sie und die Ihren das innere Ringen und Kämpfen in Eleonorens Seele wahrnahmen . Soll man so viel Schönheit , so viel Gaben in Einsamkeit verloren gehen lassen ? Oder wie soll man es beginnen , sie mit dem Verstande einsehen zu lassen , was sie ahnend fühlt : daß sie verloren ist , wenn sie ihrer eigensten Natur entgegenhandelt ? Paul hörte diese Klagen , in denen Davide mit Seba stets zusammentraf , mit jenem zuversichtlichen Gleichmuthe an , der ihn fast nie verließ . Auch er hatte Theilnahme für Eleonore gewonnen , und es waren nicht nur ihre Schönheit , ihre Jugend und ihr Mißgeschick , welche sie in ihm erregten . Sie ist eine Kraft , sagte er einmal , aber eine Kraft , die sich noch nicht zu würdigen weiß , weil sie sich überschätzt . Dem Tode ist sie jetzt entrissen ; ob sie dem Leben zu gewinnen ist , das steht dahin . Ihre Gesundheit ist im Wachsen , sie bedarf Eurer nicht mehr wie sonst , überlaßt sie jetzt sich selbst . Und soll es sie ermuthigen , wenn wir , denen sie ihre Neigung zugewendet hat , uns ihr entziehen ? Soll sie , die ohnehin der übeln Erfahrungen so viele schon gemacht , auch an uns irre werden , an deren uneigennützige Freundschaft zu glauben ihr offenbar so wohl thut ? wendete Davide ein , deren sanfte Seele doppelt für die Gräfin sorgte , weil sie neben Eleonorens Vereinsamung ihr eigenes Familienglück noch lebhafter empfand . Paul zog die geliebte Frau in seine Arme . Kennst Du die Macht der Entbehrung und der Trennung nicht , obschon wir lange Jahre von einander fern gewesen sind ? fragte er sie , oder soll ich , dem ihr es immer vorwarft , daß er von den mannigfachen Wahrheiten , die in der Bibel enthalten sind , zu wenig weiß , Euch an ihre Lehren mahnen ? Soll ich Euch erst daran erinnern , daß nur dem Bittenden gegeben , nur dem Anklopfenden aufgethan werden soll ? Sie muß hungern und dursten nach der wahren Liebe , ehe sie derselben mit Segen theilhaft werden kann . - Das Leben hat diesem Mädchen Alles , ohne sein Zuthun , gewährt . Es hat des Wünschens kaum bedurft , es hat das Verlangen , das Entbehren , das Ringen und das Kämpfen um die Befriedigung eines Bedürfnisses nie gekannt , und kein Mensch gedeiht , wenn er den eigentlichen Bedingungen des Daseins in solcher Art entzogen wird . Auch jetzt wieder ist Eleonoren unsere Theilnahme geworden ohne all ihr Zuthun , ohne ihr Verdienst ! O , rief Davide , fühlt sie das denn nicht ? Was will das sagen ? entgegnete Paul . Sie genießt das Gute , das sich ihr bietet , aber es dünkt sie natürlich , daß man ' s ihr gewährt , daß wir es ihr leisten . Sie ist an mich empfohlen , sie ist jung und schön und reich , und der Freiherr von Arten war bei uns noch außerdem ihr Bürge . Laßt es sie empfinden , daß es freie Dienste sind , die sie empfängt . Sechstes Capitel Bald nach der Ankunft Eleonoren ' s , nur wenige Tage , nachdem er Seba ' s Beistand für sie erbeten , hatte Renatus seine Frau und seine Stiefmutter in das Tremann ' sche Haus geführt . Weil er damit in sich eine Selbstüberwindung vollzogen und in seiner Frau Familie deßhalb Widerstand gefunden hatte , war er des Glaubens gewesen , auf Tremann und die Seinigen jedenfalls einen sehr bedeutenden Eindruck durch seinen förmlichen Besuch hervorbringen und in der Art des Empfanges die Anerkennung für diese seine Leistung finden zu müssen . In dieser Erwartung hatte er sich jedoch getäuscht . In dem reichen und angesehenen Kaufmannshause waren Besuche von Fremden an und für sich kein Ereigniß , auf das man irgend ein Gewicht legte . Paul ' s frühe Bekanntschaft mit dem Fürsten Staatskanzler , seine Reisen , seine Handelsverbindungen hatten ihm zeitig einen weiten Umgangskreis eröffnet , und weil beständig Leute , den verschiedensten Nationen angehörig , geschäftlich auf ihn angewiesen wurden , so fanden die Einheimischen an den Fremden und diese an jenen immer eine Gesellschaft , die ihnen Wesentliches zu bieten und in der man sich einer von dem umsichtigen und weltgewandten Hausherrn trefflich geleiteten Unterhaltung zu versehen hatte , welcher dann durch die Bildung und Liebenswürdigkeit der beiden Frauen noch ein erhöhter Reiz verliehen ward . Das Tremann ' sche Haus galt daher mit Recht für das gastlichste der Stadt . Kaufleute , Gelehrte , Beamte und Künstler trafen in demselben mannigfach zusammen , und wenn man mit dem Hofe selbst auch in keiner Verbindung stand , so gab es unter den Edelleuten , welche zu demselben gehörten , doch immer einzelne , die sich es zur Ehre rechneten , sich frei nach ihrem Gutdünken auch außerhalb der enggezogenen Schranken der Etiquette zu bewegen und sich einer Gesellschaft anzuschließen , in welcher allein die durch Bildung veredelte Sitte die Gesetze vorschrieb , die Aufnahme bedingte . In einem Hause , in welchem man die Leute um ihrer alten Familiennamen willen eben so wenig suchte , wenn sie sonst keine Eigenschaften hatten , als man sie um ihres Adels willen mied , wenn sie in sich mehr besaßen , als nur eben ihre alten Titel , konnte man es nicht als eine besondere Ehre ansehen oder sich dadurch geschmeichelt fühlen , wenn der Major von Arten sich in demselben wieder meldete . Es war nur natürlich , daß er , der eine Kränkung gegen Seba gutzumachen und der sich noch dazu plötzlich Hülfe suchend bei ihr eingefunden hatte , seinen Dank für die Bereitwilligkeit auszusprechen kam , mit der man ihm die geforderte Hülfe gewährte , und wenn Seba und Davide die beiden Baroninnen trotzdem noch freundlicher als vielleicht manche andere Fremde bei sich aufnahmen , so geschah es in der ganz bewußten Absicht , es die Frauen nicht empfinden und nicht entgelten zu lassen , daß man sich früher , und bis jetzt mit vollem Rechte über Renatus zu beschweren gehabt habe . Während dieser sich nun bemühte , seine lange Versäumniß vergessen zu machen und es kundzugeben , daß in seinem Innern eine gewisse Wandlung vorgegangen sei , begegnete Paul ihm mit jener ruhigen Zuvorkommenheit , welche dem Gebildeten , der viel mit Fremden zu verkehren hat , zur anderen Natur wird . Er war nicht gewohnt , die Gäste seines Hauses um irgend etwas zu befragen , was ihm mitzutheilen sie sich nicht veranlaßt fühlten ; er und die Seinigen kannten ohnehin die Arten ' schen Familienverhältnisse genau genug , und da Renatus sich Paul ohne dessen Zuthun angenähert hatte , fand dieser , nachdem man darüber einig geworden war , daß Seba das Arten ' sche Haus nicht besuchen würde , um die Möglichkeit eines Zusammentreffens mit dem Grafen Gerhard zu vermeiden , keinen Grund mehr in sich , den Freiherrn zurückzuweisen , besonders da eben Seba eine Vorliebe für denselben bewahrt hatte , welche sie geneigt machte , das Geschehene zu verzeihen und zu vergessen . Man hatte also Renatus und die Seinigen zu einem der ersten Gesellschaftsabende eingeladen ; Cäcilie und Davide , die ziemlich gleichen Alters waren , sagten einander zu , und Eleonoren ' s Krankheit hatte dann die Verbindung langsam fortgeführt . Renatus war gelegentlich zu Seba gekommen , sich nach dem Ergehen der jungen Gräfin zu erkundigen ; man hatte es auch nöthig gehabt , von ihm über Eleonoren ' s Verhältnisse unterrichtet zu werden , und ohne daß es zu einem engeren Verkehre zwischen den beiden Familien gekommen wäre , waren sie auf diese Weise doch in einem Zusammenhange geblieben , der es den Einen wie den Anderen möglich machte , beständig von den Vorgängen innerhalb der beiden Häuser bis zu einem gewissen Grade unterrichtet zu sein . Man wußte es in dem Tremann ' schen Hause , daß Renatus mit seiner Schwiegermutter und mit Hildegard nicht auf gutem Fuße stehe ; Davide erfuhr es von Cäcilien , welche Umstände die Mißverhältnisse zwischen ihr und den Ihrigen veranlaßt hatten , und wie selbst ihres Gatten Oheim wider sie Partei genommen habe . Cäcilie klagte , daß er ihnen dadurch mannigfach im Wege stehe , daß er sie großer Vortheile beraube ; aber man sah den Freiherrn und seine junge Gattin immer heiter , und selbst mit der Baronin Vittoria schienen sie gut zurecht zu kommen , obschon das Leben mit dieser , seit sie in die Stadt gezogen , nichts weniger als leicht war . Vittoria hatte , wie sie behauptete , keine großen Bedürfnisse , sie machte , wie sie beständig sagte , nur sehr einfache Ansprüche ; aber ihrer kleinen Bedürfnisse und ihrer einfachen Ansprüche waren viele , und sie hatte es nicht gelernt , sich die Befriedigung eines augenblicklichen Verlangens zu versagen , oder je zu überlegen , ob diese Befriedigung zu dem Kostenaufwande , den sie veranlaßte , in irgend einem Verhältnisse stehe . Es war zum Beispiel allerdings nur natürlich , daß eine Frau von Vittoria ' s musikalischer Begabung und Bildung die Oper und die Concerte zu besuchen wünschte . Es ging ihr damit , wie sie es mit Entzücken nannte , ein neues geistiges Leben auf , und die schöne , sechsunddreißigjährige Frau war auch noch jung genug , es genießen zu wollen und auf eine neue Jugend , auf eine höhere künstlerische Ausbildung für sich denken und hoffen zu dürfen . Sie hatte sich bis dahin nur in alter Kirchenmusik und hier und da im Vortrage von Volksliedern ihrer Heimath versucht . Jetzt , seit ihrer Uebersiedelung in die Stadt , lernte sie die dramatische Musik , die großartigen musikalischen Dichtungen der Deutschen und der Franzosen kennen , und da eine jede Künstlernatur nothwendig das Verlangen hegen muß , sich ihrer Kraft bewußt zu werden , und zu gestalten und darzustellen , was sie in sich trägt , so bemächtigte Vittoria sich schnell , und mit aller Gewalt ihres Talentes , des neuen musikalischen Gebietes , das sich vor ihr aufthat . Vor allem waren es die Mozart ' schen und die Gluck ' schen Opern , von denen sie sich ergriffen fühlte ; aber sie glaubte zu bemerken , daß ihr für den Vortrag derselben eine gewisse Fertigkeit fehle , die sie nur durch Uebung erlangen könne ; und weil in jenen Tagen einer der Hauptträger dieser Opern , der erste Tenor der königlichen Bühne , zugleich ein gründlicher Musiker und ein gebildeter Lebemann war , hatte sie bald gewünscht , seine Bekanntschaft zu machen , um sich von ihm Raths zu erholen . Das erstere hatte sich fast ohne ihr Zuthun gemacht . Der beliebte Sänger war in der Gesellschaft gern gesehen ; man traf ihn in den verschiedensten Kreisen , und da unter den Dilettanten der vornehmen Gesellschaft eine zweite Sängerin wie die Baronin Vittoria nicht zu finden war , fügte sich eine Annäherung der beiden ganz von selbst . Der Sänger - die Baronin nannte ihn , weil sein deutscher Familienname ihrem Ohre nicht gefiel , nach der Weise ihrer Heimath nur mit seinem Taufnamen : Signor Emilio - machte sich ein Vergnügen daraus , eine der Partieen , die er mit Vittoria in einer befreundeten Familie singen sollte , eigens mit ihr zu studiren . Sie empfand das als eine große Förderung , sie sprach ihm dies mit Wärme aus , und er ließ sich denn auch sehr bald überreden , der schönen , reich begabten Frau ausnahmsweise Unterricht zu ertheilen . Niemand hatte daran ein Arg , Vittoria selbst war davon entzückt . Freilich vermochte Emilio , eben weil er bei dem Theater angestellt und durch seine Proben und Dienstgeschäfte sehr in Anspruch genommen war , die festgesetzten Stunden nicht immer regelmäßig einzuhalten ; aber bei einer Frau , die so vollkommen frei über ihre Zeit gebot , wie die Baronin , hatte das wenig zu bedeuten . Sie war ohnehin dem Zwange , der Regelmäßigkeit und jedem Müssen abhold ; sie mochte auch nicht immer singen , wenn Emilio zur Stunde kam , und dem beiderseitigen Hange zur Ungebundenheit Folge gebend , war zwischen ihnen von einem eigentlichen Unterrichte bald nicht mehr die Rede . Emilio kam , wenn er eben konnte ; man sang , man musicirte , wenn man eben mochte . Vittoria versäumte keine Oper und kein Concert , in welchem Emilio beschäftigt war ; sie wurde durch ihn mit anderen Musikfreunden und Musikern bekannt gemacht , und in die vielfachen Uebungen hineingezogen , in denen die Musikliebhaber der Hauptstadt sich damals schon ergingen . So bildete sich für Vittoria neben der Gesellschaft , in welcher sie durch ihre Verhältnisse und durch Renatus heimisch geworden war , noch ein weiterer Umgangskreis , in dem sie , wie sie behauptete , zum ersten Male ihre wahre Heimath gefunden hatte , und in dem sie um ihres Talentes und auch um ihrer Schönheit willen eine große Bewunderung erregte , einer enthusiastischen Aufnahme theilhaftig wurde . Die Baronin Vittoria von Arten war bald in aller Leute Mund . Die Künstlerinnen , und die Hauptstadt war damals reich an großen Sängerinnen , waren von ihr und ihrer Anmuth schnell bestochen . Sie rühmten die gänzliche Anspruchslosigkeit , mit welcher sie sich ihnen hingab , sie waren bereit , der schönen , vornehmen Italienerin jeden Dienst zu leisten , und es kostete Vittoria also nur ein Wort , die ersten musikalischen Kräfte der Stadt in ihres Sohnes Hause zu versammeln . Der Freiherr fand das Anfangs eben so genußreich , als seinen Absichten entsprechend . Um sich ein Ansehen zu geben und um Vittoria eine Freude zu machen , setzte man regelmäßige Empfangsabende fest , an denen man musicirte , und deren Gäste zu sein die Prinzen selber nicht verschmähten . Aber man mußte den Künstlern , auf deren Mitwirkung man sich angewiesen sah , doch auch eine Entschädigung für ihre Mühe , eine Erwiederung für ihre Gefälligkeit bieten , und da Renatus nicht große Gesellschaften zu geben wünschte , in denen er seine Standesgenossen und die Künstler in auffälliger Art vereinen oder in einer hier nicht angebrachten Weise von einander hätte trennen müssen , ließ er es , wenn auch mit einem Widerstreben von seiner und seiner Gattin Seite , allmählich doch geschehen , daß Vittoria in ihren Zimmern Abends nach eigenem Ermessen ihre musikalischen Bekannten bei sich sah . Anfangs war das nur bisweilen vorgekommen und die Zahl ihrer Gäste war nicht groß gewesen . Man war jedoch damals überhaupt noch geselliger , als jetzt ; es verging daher bald kaum ein Abend , an welchem Vittoria ihre Freunde nicht empfing . Eine Weile sah Cäcilie das mit an ; da sie aber , Dank ihrer Erziehung , eine achtsame Haushälterin geworden war , fand sie sich bald veranlaßt , ihrem Manne die Mittheilung zu machen , daß Vittoria ' s Weise , ein offenes Haus zu haben , Ausgaben verursache , welche sie mit den ihr von Renatus für den gesammten Haushalt festgesetzten Summen nicht zu decken vermöge . Renatus , dem es Ernst damit war , seine Vermögensverhältnisse zu ordnen , erklärte also seiner Stiefmutter , daß er sie bitten müsse , eine Aenderung in ihrer Lebensweise einzuführen , und er gab ihr auch die Mittel und Wege an , wie eine solche ohne alles Aufsehen leicht einzuleiten sein würde , wenn sie sich entschließen wolle , ihre Abende gelegentlich außer dem Hause zuzubringen . Aber Vittoria , die von ihrem Gatten stets wie ein Kind behandelt worden , war auch ein Kind geblieben . Sie weinte , wo sie je auf einen Widerstand gegen ihren Willen stieß , sie hielt es Renatus , als er auch wieder einmal mit großer Schonung nur einige Rücksicht für sich forderte , in leidenschaftlicher Heftigkeit und jede Rücksicht vergessend als eine unedle Handlung vor , daß er ihr , die auf seine Großmuth angewiesen sei , das Gnadenbrod , welches er ihr reiche , zum Vorwurf mache ; sie erinnerte ihn an die Liebe , die er einst für sie gehegt , sie gab ihm ihre freudlose Jugend zu bedenken , sie klagte seinen Vater und ihr Schicksal an , und aufgelöst in Thränen warf sie sich dann Renatus doch wieder in die Arme , der , in allen seinen Empfindungen beleidigt , sie endlich nur zu beruhigen suchen mußte , wollte er die Aufmerksamkeit seiner Leute nicht auf diese Scene ziehen . Vittoria ließ sich danach zwei Tage lang nicht sehen ; ihre Dienerin meldete , daß sie krank sei . Erst am dritten Tage erhob sie sich ; aber auf der Herrin Befehl wies Gaetana die Personen ab , welche gekommen waren , die Baronin zu besuchen . Nur Emilio wurde vorgelassen , und bald war er ' s allein , mit dem Vittoria fast allabendlich nach dem Theater den Thee in ihren Zimmern einnahm . Auch dagegen mußte der Freiherr Einspruch thun . So schwer es ihm fiel , mußte er es seiner Stiefmutter zu bedenken geben , daß eine solche Vertraulichkeit mit einem Manne , der in der Gesellschaft durch seine glücklichen Abenteuer von sich sprechen mache , nicht statthaft sei , und er hatte dabei natürlich neuen Thränen , neuen Scenen zu begegnen , die ihm mit jedem neuen Anlasse peinlicher und lästiger werden mußten . Es kam Renatus hart an , aber er konnte sich jetzt der Ueberzeugung nicht mehr verschließen , daß sein Vater nicht wohl daran gethan habe , den Fehltritt Vittoria ' s zu verbergen und ihm die Sorge für eine Frau , deren leidenschaftliche Verirrung er gekannt hatte , ihm die Sorge für einen jungen Menschen aufzubürden , der nicht sein Bruder war und der , wie seine ganze Entwickelung es verrieth , mit der Begabung seiner Mutter auch ihre völlig rücksichtslose Phantastik ererbt hatte . Das Selbstvertrauen und die Zuversicht , mit denen der Freiherr im Beginne seiner Ehe auf seinen neu errichteten Hausstand und in das Leben und in seine Zukunft geblickt hatte , hielten vor den oftmals wiederkehrenden Verdrießlichkeiten mit Vittoria nicht Stand . Er wünschte lebhaft , daß er sie nicht von Richten fortgenommen , daß er sie nicht zu seiner Hausgenossin gemacht hätte . Nun es aber einmal geschehen war , hielt er es doch nicht für gerathen , eine Aenderung herbeizuführen . Da er bereits , wie man es wußte , mit den nächsten Anverwandten seiner Frau und mit seinem Oheim , dem Grafen Gerhard , in keinem guten Einvernehmen lebte , konnte er sich mit der Wittwe seines Vaters nicht wohl verfeinden , ohne die Meinung der Gesellschaft wider sich zu haben , welche durch die blendenden Eigenschaften Vittoria ' s sehr für dieselbe eingenommen war . Sie hatte sich zum Theil auf seine und auf Cäciliens Kosten den Ruf der höchsten Liebenswürdigkeit gewonnen , ihre Weise , sich gehen zu lassen , hatte etwas so Natürliches , daß man sie überhaupt für einfach und natürlich hielt , und Renatus , der eine gerechte Scheu trug , die unbesonnene und leidenschaftliche Frau aufsichtslos sich selber zu überlassen , ward auch noch durch andere Rücksichten abgehalten , sich von ihr zu trennen . Er mußte sich sagen , daß eine besondere Haushaltung für die Baronin ihm noch lästiger werden und ihm noch mehr kosten würde , als ihr Aufenthalt in seiner Familie . Er konnte es sich auch nicht verbergen , daß Vittoria , wenn er sie nicht mehr bei sich behielt , genöthigt ward , diese Trennung vor ihren Freunden als eine von ihr gewünschte darzustellen ; und ob sie das nicht in einer Weise thun würde , welche für ihn und für Cäcilie nachtheilig werden konnte , dessen hielt Renatus sich bei ihrer Unvorsichtigkeit auch nicht versichert . Seine Güte , seine Großmuth und seine rücksichtsvolle Schonung für Vittoria , seine Ehrfurcht vor seines Vaters Willen hatten ihm die Hände gebunden . Er konnte seine eigenen freundlichen und liebevollen Urtheile über sie nicht zurücknehmen , ohne von denen , vor welchen er sie ausgesprochen hatte , für einen Thoren gehalten zu werden ; er konnte auch kaum Glauben für Anschuldigungen zu finden hoffen , welche seinem früheren Lobe entschieden entgegengestanden hätten , und er mußte jetzt zusehen , wie er mit den Folgen seiner unzeitigen Großmuth fertig werden konnte , auf die Vittoria in ihrem Leichtsinne sich zu verlassen gewohnt worden war . Er trug auch in diesem Falle die Folgen eines fremden Verschuldens ; es war wieder die Rückwirkung an und für sich guter , aber nicht an rechter Stelle angewendeter Empfindungen und Thaten , unter welcher er zu leiden hatte und die ihn mißtrauisch nicht nur gegen die Menschen , sondern auch gegen sich selber zu machen begann . Seine grübelnde Sinnesart , sein alter Glaube , daß er einmal nicht zum Glücke geboren sei , fingen wieder an , sich in ihm zu regen . Das rasche bewegte Leben während des Krieges hatte diesen Grundton seines Wesens übertäubt , der ihm , wie er glaubte , durch die Schwermuth angeboren sein mochte , mit welcher seine Mutter ihn unter ihrem Herzen getragen hatte . Nun , da er trotz seiner guten Vorsätze und seiner redlichen Bestrebungen , sich ein ruhiges und würdiges Leben zu errichten , immer auf neue Behinderungen stieß , tauchte jener melancholische Zug auf das Neue so stark in ihm empor , daß er die Nothwendigkeit fühlte , sich dagegen aufzulehnen , wenn er durch sein Schwarzsehen nicht Cäciliens ihn beglückende Heiterkeit zerstören wollte . Sie machte ihm ohnehin aus Liebe stets den Vorwurf , daß er in seinen Besorgnissen weiter gehe , als es nöthig sei . Sie übernahm es gutwillig , Vittoria in ihren Ansprüchen allmählich einzuschränken , sie bat ihren Gemahl , keine weiteren Erklärungen mit der Stiefmutter herbeizuführen , keine bindenden Versprechungen von ihr zu begehren . Sie erbot sich , Vittoria des Abends zum Ausgehen oder zu einer gemeinsamen Geselligkeit zu überreden , sie verhieß , in ihrer Wirthschaft solche Ersparungen zu machen , daß man die Möglichkeit behielte , der Stiefmutter eine gewisse eigene Geselligkeit zu gestatten , und da Vittoria , von der jungen Baronin gutem Willen gerührt und beruhigt , sich dieser immer wieder mit der alten Neigung anschloß , übernahm Cäcilie ihr Mittleramt in der That mit Zuversicht und Freude . Sie , die zuerst auf Vittoria ' s Unbesonnenheiten warnend hingewiesen hatte , gab es dem Freiherrn doch zu bedenken , daß Vittoria ' s Unstätigkeit erst seit ihrer Trennung von Valerio hervorgetreten sei . Sie verlangte also , daß man Valerio so oft als möglich nach Hause kommen lasse . Sie setzte es durch , daß er , in dem sich auch eine auffallend schöne Stimme herauszubilden begann , die Mutter , wenn es sich irgend thun ließ , in die Theater begleitete ; und Mutter und Sohn verlangten es nicht besser . Die Baronin verzichtete , wenn sie Valerio bei sich hatte , am Abende auf geselligen Besuch in ihren Zimmern , sie sang mit dem Sohne , dessen musikalisches Gedächtniß ein ganz ungewöhnliches war , und selbst Renatus und Cäcilie hatten ihr Vergnügen daran , wenn Valerio mit seiner feurigen Lebendigkeit ganze Scenen aus den Opern , in welche die Mutter ihn an den Sonntagen zu führen pflegte , vor ihnen nachzuspielen und zu singen unternahm . Seine Vorliebe für das Zeichnen schien dadurch plötzlich in den Hintergrund zu treten . Er hantierte allerdings noch immer mit dem Bleistifte und der Feder , aber es waren nur noch Opern-Scenen , die er entwarf , wenn er nicht Karrikaturen auf seine Mitschüler und Vorgesetzten zeichnete , deren komische Wirkung bei unverkennbarer Aehnlichkeit in der ganzen Anstalt von sich sprechen machte . Von Valerio ' s Verhalten in dem Kadettenhause war überhaupt nicht viel zu rühmen . Seine Zeugnisse erkannten zwar seine Begabung an , rügten jedoch seinen Mangel an Ausdauer und wahrer Arbeitslust , und kaum eine Woche verging , in welcher es für ihn nicht irgend ein Vergehen gegen die Disciplin der Anstalt zu büßen gegeben hätte . Wenn er auf solche Weise an einem Sonntage den Besuch bei der Mutter verscherzte , wußte er das nächste Mal durch verdoppelte Liebenswürdigkeit seine Bestrafung vergessen zu machen , und selbst Renatus , der sich vorgenommen hatte , ihn streng zu behandeln , fühlte sich oftmals wider seinen Willen von ihm hingerissen . Man mußte sich sagen , daß ein Knabe , der in so schrankenloser Willkür aufgewachsen sei , es schwerer als Andere finden müsse , sich dem strengen Zwange zu fügen ; sogar unter seinen Lehrern fanden sich Einer und der Andere , die für ihn sprachen , die der Ansicht waren , daß man mehr als mit Andern Geduld mit ihm haben und ihm Zeit vergönnen müsse , sich allmählich unterordnen und beherrschen zu lernen , wenn man seine ungewöhnliche Lebendigkeit nicht zu einem Nachtheil für ihn selber verkehren und ihn dahin bringen wolle , seinen fröhlichen Freimuth hinter der Maske einer erheuchelten Sinnesänderung zu verbergen , die vorzunehmen und aufrecht zu erhalten , eben ihm , bei seiner Lust am Darstellen , verlockend werden könnte . Wie dem