daß das doppelte Dreieck , Pentagramm genannt , den magischen Zeichen der Zauberer angehöre , auch dem Gotte Gambrinus , setzte er lachend hinter dem muthmachenden Oelpapier hinzu , der damit in Göttingen anzeige , wo gutes Bier feil wäre , » worin jedoch nur ein tiefes Symbol des Frühlingsanfangs läge , ein Hausthür-Gedenkzeichen des Hexensabbats auf dem Brocken , da ja am 1. Mai der Hexen Ausritt stattfände , und zwar « - hier hätte den Doctor eine seiner Escheder Gönnerinnen allerdings ein wenig am Frackschoos zupfen sollen - » auf dem Bock , welches Thier denn auch sothanerweise bis gen München hin im innigsten Zusammenhang geblieben wäre mit dem ersten Labetrunk am ersten Tage des Wonnemonds « ... Püttmeyer erhob sich aus diesen Gedankenreihen , die den Onkel Levinus zu einem Streite über Bock und Eimbock oder Eimbeck und Eimbecker Bier veranlaßt haben würden , in eine reinere Höhe , als er , angeregt wahrscheinlich von Göttingen und der gerade pausirenden Harmonica und einem Blick auf die Pfarrerstochter von Eibendorf , mit stolzem Selbstbewußtsein fortfuhr : Heureka ! meine Damen , ich habe gefunden ! rief einst Pythagoras , als er seinen berühmten Satz vom Quadratinhalt der Schenkel des Dreiecks entdeckte ! Heureka ! soll auch der Titel meines nächsten Werkes sein ? Zu Gott hoff ' ich , daß sich mein Losungswort weiter verbreiten wird , als , wie ich heute erst erfuhr , in jene Berge drüben , wo ein treuer Anhänger meiner Lehre , Jérôme von Wittekind , den Dank für die ihm durch sie gewordene Anregung auf einen einfachen steinernen Würfel schrieb ... Mit der Anerkennung neuer Ideen , meine Damen , ist es zu allen Zeiten gewesen , wie mit diesem Gedenkstein ... In einem dichten , unzugänglichen Walde erschallt ihr erstes Echo , wie auch jenes Heureka ! in der Nähe des Ortes Eibendorf sich jetzt nur noch ausjubelt ins Ohr der Einsamkeit , an einem nur von Schilf und Blumen umstandenen stillen See ... Kein Nachen fährt dahin auf diesem See , kein Fischer steht an seinem Ufer ... Ein solches einsames Heureka ! ist nur anfangs für die Wildniß da , für einen Vogel , der auf ihm sich ausruht , für eine Lacerte , die sich ihr Lager im Moose gesucht hatte , das seinen Sockel überwuchert ... Die Zeit kommt dann aber doch , wo auch eine große und bequeme Landstraße zu einem solchen einsamen Steine hinführen wird ! ... Die Frauen murmelten Beifall ... Die Musik begann ihre anschwellenden Töne ... Püttmeyer rüstete sich zu seiner Mystik der Kegelschnitte ... Vom Denkstein bei Eibendorf hatte ohne Zweifel die Tochter des Pfarrers ihm auf der Herfahrt erzählt ... Von jenem Heureka ! , das Jérôme von Wittekind einst auf den Würfel schrieb , den er an der Stelle errichten ließ , wo er sein Elfenkind , Lucinde , im Riedbruch gefunden ... Als Lucinde dort auf ihrer Flucht vor Oskar Binder ohnmächtig unter den Farrenkräutern und Glockenblumen zusammengesunken war , glitt allerdings eine Lacerte über sie hinweg , die sie damals nicht mehr fühlte ... Hätte sie aber das Thier noch über ihre Hand gleiten gesehen , sie würde ohne Zweifel so aufgesprungen sein , wie eben unter den Zuhörerinnen sich eine Dame erhob mit einem Ausruf , als wenn ihr der Athem versagte und wirklich eine Schlange sie stäche ... Die Dame hielt sich zwar an ihrem Sessel , beruhigte die erschreckenden Frauen mit einer Handbewegung , sprach , zum Sitzenbleiben auffordernd , ein : Bitte ! Bitte ! - schwankte jedoch der Thür zu und verließ das Zimmer ... Lassen Sie ! sagte Frau von Sicking , als die Damen und vorzugsweise die Herrin des Schlosses von einem nothwendigen Beistand sprachen ... Es ist die Mamsell , mit der ich gekommen bin ! ... Man glaubte sich auf die Versicherung der Dame , die sie eingeführt , verlassen und beruhigen zu dürfen ... Die seraphischen Klänge der Harmonica tönten indessen fort und Püttmeyer erläuterte ... 15. Lucinde war es , die sich aus dem qualmenden dunstigen Zimmer so plötzlich entfernt hatte ... Sie floh in den großen , nun schon dunkelnden Speisesaal ... gejagt von Empfindungen , die zu , zu krampfhaft an ein Herz sich preßten , von dessen lauten Schlägen sie fürchtete , sie könnten noch in der rings sie umgebenden Stille vernommen werden ... Nicht daß sie so überwältigend die Form des Vortrags , ihr Inhalt und die Andacht dieses vornehmen Auditoriums ergriff . Das sind Narren ! sagte sie sich ... Nicht daß sie von Wehmuth ergriffen war beim Anhören der Harmonica , die ihr einen doch immer holdverklungenen Jugendmärchentraum zurückrufen mußte . Sie war im Stande , in dem Herangewachsensein der Kinder des Pfarrers , dessen Namen sie einst angenommen hatte , als sie die Bühne betrat , verdrießlich nur den Gradmesser ihres eigenen Aeltergewordenseins zu sehen ... Nicht daß sie Jérôme so rührte , der um ihretwillen Erschossene , Jérôme , der sie anbetete wie eine Heilige , Jérôme , der ihr , ihr jenes Heureka ! der dankbarsten Erinnerung im einsamen Walde gerufen hatte ... Alles das waren Anwandelungen einer ihr fremden Sentimentalität ... Sie lebte nur der verzehrenden Sorge um das Allernächste . Schon mit klopfender Brust war sie auf dem Schlosse Münnichhof erschienen ... Schon mit dem größten Widerwillen war sie in jenes dunkle Zimmer getreten ... So gefaßt und ruhig sie erschien , als Frau von Sicking sie als eine ihr aus der Residenz des Kirchenfürsten Empfohlene einführte und der Herrin des Schlosses vorstellte , sie trat auf einem Boden hier auf , der unter ihr wankte ... Dennoch richtete sie sich hoch und majestätisch auf , als beim Vorstellen ihr Name genannt wurde und die Anwesenden die schlanke Gestalt , die in Trauer gehüllt war , musterten , das bleiche , erröthende Antlitz anziehend fanden , ein goldenes Kreuz , das unter einer Trauerecharpe von Spitzen auf der Brust blinkte , für ein Zeichen von Frömmigkeit nahmen . Jenes Mädchen , das in dieser Gegend vor längern Jahren , auf Schloß Neuhof , eine abenteuerliche Rolle gespielt und das gewiß einige unter den Anwesenden schon einmal gesehen hatten , erkannte niemand ... Diese schwarzen Augen schienen die Glut der heiligsten Andacht zu bergen ... Dieser etwas trotzige Mund schien nur im Beten geübt ... Lucinde sprach wenig und setzte sich zu den in immer größerer Anzahl sich sammelnden Damen wie ein Wesen voll Bescheidenheit , eine Bürgerliche , die den Abstand ihrer Stellung von der der andern erwog , obgleich diese gnädiglichst anzudeuten schienen , daß man auch durch Gesinnung geadelt sein könnte ... Die Namen Neuhof , Asselyn , Benno , de Jonge , Stift Heiligenkreuz , Paula , Armgart , Kloster Himmelpfort gingen an ihr vorüber , ohne daß Jemand ihren Antheil bemerkte ... Selbst wie sie die Lehne ihres Sessels ergriff , als die Stiftsdamen , die von Heiligenkreuz kamen , Fräulein Benigna von Ubbelohde und Gräfin Paula um ihr Fernbleiben von Püttmeyer ' s » chinesischen Schatten « entschuldigten und von ihrer gestrigen ängstlichen Flammenvision erzählten , bemerkte Niemand das Beben der zusammengepreßten Lippen , Niemand die Verlegenheit des Lächelns ; auch nicht da , als Frau von Sicking sagte : Ja , ich hoffe Sie morgen auf Westerhof vorstellen zu können ! In dem luftleeren Zimmer , während der Bewunderung und des Lauschens auf die Orphische Weisheit des Sehers von Eschede , hielt es sie nicht länger ... Sie mußte aufstehen , gehen , reden können ... Als ihr Beispiel , wie dies der Nervenschwäche der Frauen geschieht , ansteckte , als bald eine zweite , bald eine dritte Dame entfloh , huschte sie noch aus dem dunkeln Speisesaal mit seinen blendend weißen Gedecken , seinen Gläsern , Schüsseln , Tellern , hinaus in das erste beste Zimmer , dessen Thür ihr zunächstlag ... So betrat sie ein bereits zum Kartenspiel hergerichtetes , behagliches , trauliches Cabinet ... Auch hier war es dunkel ; aber sie hätte noch die Vorhänge herablassen , hinter sich zuriegeln mögen , so sehr fühlte sie das Bedürfniß , sich in der Einsamkeit zu den Aufgaben zu sammeln , die sie auf diesen für sie so gefahrvollen Boden hergeführt hatten ... Jetzt , wo sie sich erschöpft auf ein Sopha niederwarf , jetzt knickte sie zusammen . Jetzt war sie so , wie sie schon seit einiger Zeit sich zu geben pflegte , ohne es zu wissen ... Etwas Spinnenhaftes hatte sie bekommen , Mageres , Lauerndes , von » Schmerz Gekrümmtes « , wie sie ' s nannte , wenn man deshalb ihr Vorwürfe machte ... Ihr hoher Wuchs sowol , wie die religiöse Rolle , die sie mit immer größerer Uebung , Gewöhnung , ja sogar schon Einverständniß spielte , brachten es mit sich , daß sie zu den vielen mittlern und kleinen » erbärmlichen « Wesen dieser Erde den Medusenkopf niederbeugte ... Unter den dichten dunkeln Flechten ihres schwarzen Haares , die sie wie ein Turban umgaben , heute das Werk der Kammerjungfer der Frau von Sicking ( hier hatte sie nicht Treudchen , die ihr schon zuweilen hochaufstaunend weiße Härchen auszog ) , spitzte sich ihr Ohr und lauschte so , wie ihr Nück ärgerlich einst gesagt hatte , » jung-hexenhaft , daß man mutatis mutandis « - sie verstand ja diese Bedingung - » an die alte Frau Buschbeck denken könnte , wenn diese mit mir oder mit Hammakern vom Anlegen ihrer Kapitalien sprach ! « ... Dann freilich konnte sie sich auch wieder aufrichten und sich besinnen auf ihre blühenden zwanziger Jahre ... Lucinde war zu Frau von Sicking empfohlen worden durch Nück und die hochvornehmsten Kreise der Devotion ... Sprach etwas gegen ihre Vergangenheit , so war sie ja eine Convertitin ... Auch Frau von Sicking war in gleicher Lage ... Eine Nachkommin des tapfern Ritters , der mit dem Schwert , wie Ulrich von Hutten mit der Feder , gegen Rom sein Leben einsetzte , verließ sie den mit soviel Thränen und blutigen Opfern erkauften Glauben ihrer Väter ... Sie gehörte jenem Kreise der Gottseligkeit an , der sich jetzt so weit über Europa verbreitet , einem Kreise , in den einzutreten Lucinde das unwiderstehlichste Verlangen trug , seitdem sie wußte , daß auch Bischöfe und Erzbischöfe auf weichen Teppichen dahinschreiten und mit Behaglichkeit die Freuden der Geselligkeit mit andachtsvollen Seelen genießen können ... Frau von Sicking war reich ... Sie hatte ein Haus bei Witoborn , eine Besitzung im Süden Deutschlands , Absteigequartiere in allen geistlichen Städten Deutschlands und Belgiens ... Ihre Correspondenz erstreckte sich nach Rom wie nach den entferntesten Missionen des Sacré Coeur , nach Pondichéry und Guadeloupe ... Ihr Reisen , ihr Kommen und Gehen , ihr Correspondiren konnte man Intrigue nennen ... Dennoch lag auf allem , was sich an ihren Namen knüpfte , ein diesen Schein mildernder Duft von Andacht , von Beförderung des Menschenwohls , von Veredlung dieser Zeitlichkeit ... Jetzt waren die » Exercitien « ihre Parole ... Der Andrang dazu war so groß , daß Frau von Sicking über die Aufnahme wie eine Ordensmeisterin schaltete ... Der ostensible Grund , warum Lucinde Schwarz bei ihr erschien , war die flehentlichste Bitte der Frau Commerzienräthin Kattendyk , doch auch sie und ihre Töchter an diesen Exercitien theilnehmen zu lassen ... Lucinde war autorisirt , im Namen der Commerzienräthin die größten Opfer , die nur verlangt würden , in Aussicht zu stellen , wenn sie das Glück und die Ehre haben könnte , an dieser vornehmen » Andacht zum Kreuze « theilzunehmen ... Seit gestern war Lucinde noch zu keiner Fassung gekommen über die Rückkehr in diese Gegenden , auf den Schauplatz , wo Bonaventura weilte , ohne Zweifel , wie sie ahnte , im glückseligsten Bunde mit ihrer frühern Pflegbefohlenen Paula ... Noch sah sie mit dumpfer Starrheit durch das Fenster die vom Abendroth beschienenen weißen Höhen , auf denen Schloß Neuhof lag , wo der Kronsyndikus nicht mehr lebte ... Diese Kunde erschütterte sie nicht , lockte ihrem Herzen keine Rührung ab ... Sie sah einen gewonnenen Vortheil mehr und wahrhaft tröstlich erklang es ihr zu hören , als Frau von Sicking sprach : Die Frau Präsidentin von Wittekind scheint die Rolle in Vergessenheit bringen zu wollen , die ihr Gatte seither als Beistand der Regierung gespielt ! Man ist hier entschlossen , nicht sofort auf ihre Wünsche einzugehen ! Nur die Rücksicht auf ihren edeln Sohn , den Domherrn , kann die Gesellschaft bestimmen , ihren Empfindungen nicht schon jetzt einen entschiedenern Ausdruck zu geben ! ... Selbst der blitzende Punkt dort in der Ferne , ein vergoldetes Kreuz auf der Kirche vom Kloster Himmelpfort , wo Klingsohr verweilte , beschäftigte sie nicht ... Diese weiße , mit Abendschatten sich füllende Ebene , auf die sie einst so sehnsuchtsvoll von Schloß Neuhof herniedergeblickt hatte wie in ein Land der Freiheit und des ungebundenern Glückes , als das war , das sie dort in einer nur scheinbar glänzenden Abhängigkeit hielt , bot nichts , was ihr Auge gesucht hätte , als das Schloß Westerhof , das indessen hinter den Wäldern nicht zu sehen war ... Bei Bonaventura ' s Abreise hatte Lucinde den Vorsatz gefaßt , nur der Rache zu leben ... Ohne daß sie den Oberprocurator , den allmächtigen Dominicus Nück , einweihte in alles , was dieser von ihrem Herzen theilweise selbst schon wußte , theilweise errieth , war sie mit ihm vertraut geworden , denn seine Huldigung gab sich so maßlos , daß sie den Ausbrüchen derselben schon deshalb entgegenkommen mußte , um sein Benehmen der Gesellschaft nicht zu auffallend erscheinen zu lassen ... Er kannte ihre Liebe zu Bonaventura und mußte diese schonen ... Sie duldete seine von unreinern Wünschen scheinbar plötzlich frei gewordene Leidenschaft unter der Bedingung , daß Nück sie wie eine anderweitig Vermählte betrachtete ... Bonaventura wurde ihr bald wieder der alte Gott und nur noch die Tempel schwur sie zu zertrümmern , in denen andere ihm huldigten . Von jener Urkunde , mit der sie ihn sein ganzes Leben lang , wie sie gedroht , in Schach zu halten vermochte , sprach sie nicht zu Nück ... Der Schmerz und die Zeit hatten ihre Rachegefühle gegen Bonaventura gemildert ... Nück wurde für sie ein psychologisches Räthsel ... Sein Lebensüberdruß war jene Krankheit , die sich bei allen jenen Menschen findet , die etwas anderes thun , als sie denken ... Könige haben wir gesehen , die geistesschwach wurden , weil sie eine Welt von schönen Gedanken , Plänen und Entwürfen in sich trugen und keine Menschen fanden oder - suchten , die sie bei ihrer Ausführung unterstützten . Der Muth , der schon zum Brechen mit den Rücksichten , die uns binden , bei ihnen nicht vorhanden war , fehlte vollends für alles Uebrige , was das Leben begehrt ; ein geknickter Genius spielt zuletzt mit Puppen , die er an- und auszieht ... Und dann - dann wissen : Das ist unwahr ! und es dennoch befördern - darum befördern , weil die Lüge einem andern zu Schaden kommt , den man haßt - ! das untergräbt vollends die innerste Seele , wenigstens deren Ruhe ... Nück konnte zu Lucinden auf ihrem kleinen Cabinet oder wenn sie ihn selbst , scheinbar in Aufträgen , in dem Zimmer besuchte , das zum Garten der Seminaristen hinausging - wenn sie vor ihm auf seinem unheimlichen Sopha saß , unter dem verhängnißvollen Ringhaken an der Decke - ganz wie der verzweifelnde Serlo sprechen : Es ist nichts mit unserm Hoffen und Glauben ! Erde wird Erde ! Wir düngen die Zukunft ! Apostel oder Mörder - omnes una manet nox ! ( alle erwartet eine und dieselbe Nacht ! ) ... Dennoch ging ein Mann mit solchen Ansichten in die Kirchen und Kapellen , bückte sich im Beichtstuhl und kreuzigte sich in der Messe ... Nück konnte spotten über die Priester , konnte in seiner cynischen Art von reichen , wohlgenährten Pfründnern , die Lucinde in seinem Vorzimmer antraf , sagen : » Sehen sie nicht aus wie die rothen Fettäpfel , die die gebratene Gans Kirche in ihrem Steiße trägt ! « ... Sprang auch Lucinde bei solchen Worten auf , entfernte sich , so nahm sie doch das staunende Gefühl mit : Dennoch kämpfst du wie ein Löwe , offen und heimlich , für die Wiedereinsetzung des Kirchenfürsten ? ... Nück konnte so laut lachen über die Verlegenheiten der Regierung , daß es gellend dahinschallte in den Zimmern seiner Schwiegermutter , die er jetzt jeden Abend besuchte ... Das wird die Lernäische Schlange ! rief er . Einen Kopf hauen sie herunter und zwei wachsen wieder ! Ha , ha ! Die Zeiten sind vorüber , wo die Schusterjungen , wenn sie in Berlin in einem Winkel am königlichen Opernhaus ihre Bedürfnisse befriedigen wollten , von den Gensdarmen hören konnten : » Wozu ist denn da drüben die katholische Kirche ? ! « ... Solche Cynismen milderte die Lokalsprache , deren sich Nück bei seinen Bildern bediente ... Die Frauen protestirten durch Aufstehen und heftigste Vorwürfe ... Bald aber setzten sie sich wieder und lachten über den Sonderling , der dann in die süßeste Courtoisie verfallen und den Liebenswürdigen spielen konnte ... Das graue Ungeheuer ! nannte ihn , mit Wohlgefallen , seine eigene Schwägerin Johanna Kattendyk ... Guido Goldfinger , ihr Verlobter , applaudirte ihm , wenn Nück in seinen seltnern politisch-conservativen Anwandelungen polterte : » Aufklärung ! Aufklärung ! Kaum hat der dumme Bauer gehört , daß die Sternschnuppen nicht von Gottes Lichtputze kommen , wenn der Alte , im Flurhypothekenbuch der Menschheit vertieft , sich nur deshalb die Sternenlichter putzt , um ihre Sünden in desto deutlicherm Lichte zu sehen , so denkt er ja gleich : Nun all ' gut , nun auch gleich Mistforke und Heugabel in die Hand genommen und auf die Zoll- und Rathhäuser gestürmt , wo die unbezahlten Steuerrester und Schuldverschreibungen liegen ! « Bei alledem jubelte er jeder Nachricht von einem Pöbelauflauf , wenn er nur die » Neunmalweisen « in Verlegenheit setzte ... Ein solcher Zustand der Seele wird zuletzt haltungslos , die Widersprüche heben sich auf , nichts bleibt übrig , als was Nück in seinen geheimsten Stunden war , ein Verzweifelnder , tief Lebensüberdrüssiger . Nächtlich konnte er umherrasen , in seinen grauen , alten Mantel gehüllt . Frau Schummel war dann die Vertraute der Phantasieen seiner entfesselten Sinne ; Bedürfnisse hatte er , deren Befriedigung an einem Abend ein Vermögen kostete ... Plötzlich aber stieß er wieder alles von sich und predigte Buße und konnte an Selbstmord denken ... So überraschte ihn einst Hammaker und brachte ihn auf die uns bekannten Verirrungen des scheinbar sich Erhängenwollens ... In vertrautester Stille konnte er um diesen Hammaker klagen : » Was war denn nun das für ein Unglück , daß er den bösen Drachen umgebracht hat ? Die natürliche Vergeltung ist das ja hier schon auf Erden ! Jene hatte andere auf der Seele , diese hatten wieder andere und den Hammaker hätte dann auch schon Einer gerichtet ! « ... » Mädchen , kannst du lügen ? « » Kannst du falsche Handschriften machen ? « » Kannst du Feuer anlegen ? « So hatte Nück zu Lucinden gesprochen an jenem Piter ' schen Festabend . Aus ihrer unterirdischen Wanderung mit Jean Picard wußte sie etwas von einer gewissen That , für die dieser durch Hammaker war gedungen worden . Nück war nie wieder auf diese Zumuthungen , ein Verbrechen zu unterstützen , zurückgekommen . Einiges hatte er von Lucindens Besuch im Profeßhause und von ihrer damaligen Todesangst in Erfahrung gebracht - die Erwähnung der » Spinozistin « Veilchen Igelsheimer brachte sie darauf ... Aber über alles Andere , was von ihm zum Gewinn des großen Processes der Dorstes verbrecherisch unternommen werden konnte , waren seit Benno ' s Abreise nach Witoborn die Schleier der Vergessenheit gefallen ... So schien alles still und friedlich ... Lucinde wurde die Vertraute des Hauses , die Freundin , die Tochter , wie oft die Commerzienräthin ihr zuflüsterte - vorzugsweise , wenn sie der Mesalliance gedachte , die ihr durch Piter drohte . Denn Piter ließ nicht von Treudchen . Au contraire - seit seinem verunglückten Abend war er entschiedener , denn je , darauf bedacht , sich durch gänzliche Nichtübereinstimmung mit dem , was die gesunde Vernunft von ihm erwartete , allen Menschen so gefährlich wie möglich zu machen ... Der uns bekannte Entschluß Ernst Delring ' s , aus dem Geschäft auszutreten und die Stadt zu verlassen , wurde auch durch ein Ereigniß erleichtert , dessen betrübender Verlauf von Tieferblickenden geahnt werden konnte ... Lucinde war nach Witoborn in Trauerkleidern gekommen ... Das Hauptmotiv , mit dem sie das Herz der Frau von Sicking im Interesse der Kattendyk ' schen Bitte zu rühren hoffen konnte , war Mutterschmerz und Geschwisterliebe ... Hendrika Delring war nicht mehr ... Die sanfte , gute , liebevolle Frau , die Treudchen Ley einst so herablassend zu schmücken verstand ; die so tief beklommen dem Gebet zugehört , als Treudchen niederkniete zur zurückgesetzten Madonna ; die dann gleichfalls die Hände faltete - über der Hoffnung ihres Gatten , dem sie ihr Kind nach dessen ganzer Zukunft schenken wollte ; Hendrika Delring , der von Piter tyrannisirte Flüchtling in den Beichtstuhl Bonaventura ' s , hatte die Schmerzen der Geburt nicht überstanden ... Ihr schon den Jahren nach auf solche Proben seiner Kraft nicht mehr angewiesener Körper leistete Widerstand ; um die Mutter zu retten , mußte das Kind geopfert werden ; bald darauf entwich auch ihr die Kraft , ein letzter Hauch des versagenden Athems und sie ging hinüber in ein Land , wo ihr die Taufe ihres Kindes keine Leiden mehr bereitete ... Das Leben ist so ! sprach Lucinde zu dem in Thränen verzweifelnden Treudchen , das sich bis zum letzten Augenblick treu bewährt hatte , sich nicht hatte nehmen lassen , die Todte zu entkleiden , zu waschen , sie für die Bahre zu schmücken ... Gerade das , worauf die meisten Vorbereitungen getroffen werden , gerade das , dessen Eintritt ins Dasein uns nicht hoch genug beschäftigen kann und an das wir all unsern Muth , all unsern Verstand , unser ganzes Herz setzen , das tritt nicht ein ! Lucinde sprach dies einem Urtheil in Serlo ' s Papieren über eine Dichtung nach . » Der Held mußte sterben ! Wie kann man denn soviel reden und handeln lassen , um dem Misgeschick vorzubeugen , wenn das Misgeschick nicht wirklich ein Ungethüm ist , das Menschenkraft nicht überwindet ? Die Götter strafen jede Einmischung in ihre Rechte . Das ist traurig , aber gar nicht so niederdrückend , wie es scheint . Wenn der Vorhang fällt , wenn die Menschen wieder an ihren abendlichen Kartoffelsalat gehen und sie hochvergnügt scheinen , daß nicht Gott , sondern die Birch-Pfeiffer die Welt regiert und die guten Seelen zuletzt doch sich kriegen , so glauben sie ' s im Grunde nicht . Romeo und Julia kann kein Schauspiel sein . Der Tod - der ist zuletzt doch etwas Süßes für uns und die einzige Schönheit , die eine That ins Große verklärt . Wäre der Tod nicht , wir unternähmen nichts mehr , was unserm göttlichen Ursprung Ehre macht . Es ist , als forderte uns ein Preis heraus , je höher die damit verbundene Gefahr ist . Was wären wir , wenn das Schöne auf Erden sich halten könnte ! Gerade der unterliegende Kampf gegen das Verhängniß zieht uns himmelan ! « Acht Tage nach dem Begräbniß Hendrika ' s wurde der Edeln ein Opfer gebracht , das reiner gen Himmel stieg , als alle Seelenmessen für sie , die auf Jahre hinaus von der Mutter gestiftet wurden . Treudchen Ley , die noch nicht ihr Trauerjahr um ihre Mutter vorüber hatte , kehrte in die theilweise schon geminderte volle Trauerkleidung zurück . Tief verhärmt war sie schon lange ; ihr schönes blondes Haar verrieth nichts mehr von der alten gefallsamen Pflege . Schon lange nagten die bittersten Schmerzen an ihrer Ruhe . Piter hatte einem geheimen Familienconvent nicht beigewohnt . Als er das Resultat desselben erfuhr , das Beziehen des obern Stocks durch Goldfingers - Johanna sollte sich noch vor Beendigung der » Heiligen Botanik « verehelichen - erklärte er das ganze obere Stockwerk für sich allein zu bedürfen , für seinen nächstens zu eröffnenden Hausstand , und niemand anders , als » ein einfaches , bescheidenes Mädchen aus dem Volke « , keine » Staatsdame « , würde er heirathen . Ein Widerstand dagegen war deshalb auch schwierig , weil die ganze Familie Treudchen liebte und sie schon lange wie eine Verwandte behandelte . Da verschwand eines Tages Treudchen . Sie hinterließ die Kunde , daß sie bei den Karmeliterinnen war . Man konnte annehmen , daß sie den Schleier nahm . Cajetan Rother , der Beichtvater der Damen vom Römerweg , kam selbst zur Commerzienräthin und erklärte , schon lange trüge das junge Mädchen die schwärmerischste Liebe zur seligsten Jungfrau im Herzen und würde der Majestät ihres göttlichen Sohnes jedenfalls die Huldigung bringen , eine Braut Christi zu werden ... Mitten in dem furchtbaren Revolutionsausbruch , den diese Nachricht im Kattendyk ' schen Hause zur Folge hatte - Piter drohte nicht weniger , als die Kathedrale bis auf den letzten Stein zu schleifen - traten die Veranlassungen ein , die Lucinden bestimmten , sich selbst zur Dolmetscherin der Wünsche zu machen , die die Commerzienräthin in Betreff der vielbesprochenen neuen Unternehmung der Frau von Sicking hegte ... Eines Tages kam sie aufgeregt in das Toilettenzimmer ihrer Gebieterin und erklärte mit angstentstelltem Antlitz , sie wollte selbst nach Witoborn reisen , um jene Bußfrage zu ordnen ... Wally Kattendyk , hocherstaunt , weinte Thränen der Rührung über diesen edeln Entschluß , küßte Lucindens Stirn und Wange und drückte sie an die eben im Schnüren begriffenen Corsetverschanzungen ihres Herzens ... Noch am selben Abend wollte Lucinde abreisen , unmittelbar nach jenem Besuch des Herrn Cajetanus Rother ... Nück war Rothern auf der Treppe begegnet ... Er kam mit einer Anzahl in den Bart gemurmelter Vermuthungen über die seltsam geheimen Zusammenhänge der dieser Flucht Treudchen ' s zum Grunde liegenden Ursachen ... Piter war noch auf dem Polizeiamt und requirirte eine Hülfe , die ihm nach der Bulle De salute animarum nicht werden konnte , wenn Gertrud Ley auf ihrem Willen bestand und von ihrem Vormund in Kocher am Fall , einem ehrlichen Handwerker , die Zustimmung zum Eintritt ins Kloster brachte ... Da hörte Nück von der Reise , die die nicht anwesende Lucinde beabsichtigte ... Nach Witoborn ? fragte er staunend . Das ist ja seltsam ! setzte er hinzu und suchte Lucindens Zimmer ... Am Vormittag war sie zweimal bei ihm gewesen , ohne ihn zu finden ... Er hatte gerade beim Gericht plaidirt ... Als Nück eintrat , fand er Lucinden vollständig zur Reise gerüstet ... Erst wollte sie mit einem Wort aufwallen , dann beherrschte sie sich und sank auf einen der mehreren Koffer nieder , die rings um sie her standen ... Was ist denn , mein Fräulein ? fragte er mit hoch aufgerissenen Augenbrauen ... Ich reise - nach Witoborn ! ... war die leise verhauchende Antwort ... Hör ' ich ja mit Befremden , erwiderte Nück ... Und mit Extrapost noch dazu ? ... Im Hof unten steht Mutters Reisewagen ... Joseph begleitet Sie doch ? ... Und nicht einmal das ? ... Nur die Pferde fehlen noch ? ... Liebste Freundin , welche Eile - ? Alles das - der Exercitien wegen - ? Lucinde saß , die Hände aufgestützt ... Ihre Hand hielt die Bänder eines Reisehuts , der beinahe auf der Erde schleifte ... Allmählich hob sie von unten her den Blick und durchbohrte mit prüfender Schärfe die völlig ruhigen Züge des Oberprocurators ... Sie waren bei mir , um Abschied zu nehmen - ? fragte dieser voll erhöhten Erstaunens ... Zweimal ... antwortete sie scharf betonend und doch durch seine Ruhe in ihrer Elasticität schon nachlassend ... Gestehen Sie , wandte sich Nück ihr näher , es ist die Eifersucht , die Sie so mächtig ergreift ! ... Sie haben von den Erfolgen des Domherrn gehört ... Tagelang ist er mit Gräfin Paula ... Er magnetisirt sie ... Lucinde hielt die Hände über die Augen , als blendeten sie die Lichter , die auf dem Tische standen ... Haben Sie schon vom Tod des Kronsyndikus gehört ? fuhr Nück fort . Ich hörte , daß er sterben wird ! Fürchten Sie , von seinem Testament ausgeschlossen zu sein ? Lucinde schwieg ... Der Präsident von Wittekind ist nach Neuhof gereist ... Hätten auch Sie noch so viel Theilnahme für den alten Tyrannen , ihn noch einmal sehen zu wollen ? Lucindens Erinnerungen liefen geisterhaft an ihrer Seele hin ... Sie sah den Kronsyndikus in Hamburg aus dem Wagen steigen , als er sie , schon damals leichenblaß , bei den Geschwistern Carstens aufsuchte ... Sie sah ihn in jener Nacht in Kiel , wo er gespenstisch mit dem Degen in der Hand von seiner zweiten Frau sprach ... Dann aber drängte sich in die Theilnahme für ihn sein Schweigen , als sie mit Serlo ' s Familie umherirrte , darbte und vergebens auf seine Hülfe hoffte ... Sie zeigte sich zu seinem möglichen Tode ohne jede Theilnahme ... Nun , in Nück ' s Benehmen keine Bestätigung ihrer Ahnungen findend , erhob sie sich und ging entschlußlos im kleinen Zimmer auf und nieder ... Wollen Sie Klingsohrn das Mittel mittheilen , das ich Ihnen neulich sagte , um ihn aus dem Kloster zu bringen ? Alle diese Namen berührten Lucinden nur schmerzlich und trugen ihm ein : O schweigen Sie ! nach dem andern ein ... Ihr Reisegrund war in der That einer , den sie ihm nicht mitzutheilen wagte