der That , wenn auch nur scheinbar , zu entführen ... Übereinstimmung ist der Köder , sagte er sich , mit dem man die Füchse hervorlockt aus ihren Gruben , wenn man sie fangen will ! Diese Welt ist nicht für die Ehrlichkeit . Jedes Geheimniß hat seinen eigenen Schlüssel . Die Weisheit soll die Klugheit zu ihrer Dienerin haben . Jene thront , diese regiert . Nur Die sind übel daran , die in ewiger Klugheit immer die Sprache der Menschen reden müssen und darüber die Sprache des Himmels vergessen . Das Flammenschwert der Wahrheit , das auf einmal alle Truggespinnste durchschneidet , darf man nie aus der Hand geben . Aber man soll es auch nicht ewig schwingen , man soll es auch nicht brauchen gegen Jeden . Mit diesem Elenden willst du gehen , bis du ihn entlarvt hast ! Der Jesuit aber verließ bald darauf freudestrahlend die Gräfin , um den Propst Gelbsattel zu besuchen . Sylvester Rafflard war in einer ewigen Bewegung , wie damals , als er auf dem Fortunaball Fränzchen Heunisch umschwirrte , die ihm gefiel und für seine Huldigungen unbefangen genug schien . Sein ganzes Wühlen und Schleichen liegt nun am Tage . Er hatte Franziska später in ihrer bescheidenen Existenz aufgesucht , sich die Mühe gegeben , scheinbar ihre Sprachstudien zu leiten , aber bald dem Plane entsagt , sie für seine niedrige Sinnlichkeit erobern zu wollen . Dennoch behielt er das schöne Mädchen im Auge , als er bemerkte , wie werth sie jenem Louis Armand geworden war , der über den Prinzen Egon eine Herrschaft übte , die er brechen mußte , um eine Verbindung zwischen Egon und Helenen zu Stande zu bringen . Sein Späheramt , das er auf Louis Armand unter dem Namen eines Italieners , Signor Barberini , ausüben wollte , wurde gestört , da er als Besitzer eines Quartiers , das er nie bewohnte , bald verdächtig werden mußte . Er hatte Louis Armand der Polizei als Communisten angezeigt , doch davon noch keinen Erfolg bemerken können . Die alte Gräfin d ' Azimont schrieb Brief auf Brief und hoffte von ihm die baldigste Bestätigung , daß Helene auf eine Scheidung von ihrem Sohne dringe , den sie selbst beerben wollte . So entschloß sich Rafflard zu Gewaltschritten . Dankmar , Siegbert Wildungen schienen ihm schon so gut wie von Egon entfernt . Rudhard , der für die Kinder seiner Pflegebefohlenen , der Fürstin Wäsämskoi , auf Helenen ' s künftiges Vermögen rechnete , hatte zwar auch das lebhafteste Interesse , diese Scheidung und die neue Heirath mit dem mittellosen Fürsten von Hohenberg zu hindern ; aber auch für Rudhard sann der Jesuit auf eine Gelegenheit , ihn unschädlich zu machen . Am liebsten wär ' er in den Kreis der Fürstin Adele selbst eingetreten . Doch nahm man ihn dort nicht an . Er stand der inneren Verwickelung dieser Familie fern und konnte nur durch den Propst Gelbsattel und besonders dessen Töchter erfahren , was sich in jenen Kreisen begab ; denn Gelbsattel hatte die alte Schulfreundschaft mit Rudhard , wenn nicht wegen Rudhard , doch wegen einer Fürstin , bei der Rudhard so einflußreich war , wieder angeknüpft . Rafflard hatte nun den Trost , daß Egon plötzlich allein stehen würde ; denn Louis Armand durch einen gefährlichen Anschlag auf Franziska Heunisch mindestens bis London zu jagen , schien ihm nun ein Leichtes . Er wandte sich der alten Propstei zu , um seinen dortigen Beschützern noch einmal an ' s Herz zu legen , daß man über Alles , was heute Nachmittag auf einer von der Fürstin Wäsämskoi in ihrem Garten veranstalteten Weinlese sich ereignen würde , ihm den genauesten Bericht erstatten sollte . Auch hatte der Propst dem Jesuiten schon lange versprochen , ihn mit einigen bedeutenden , tonangebenden , außerhalb der Partei stehenden Männern der Residenz näher bekannt zu machen , mit Franz Schlurck , mit Drommeldey , mit Guido Stromer , ja , wenn es irgend ginge , bei zufälliger Begegnung sogar mit dem General Voland von der Hahnenfeder , der schwer zugänglich und stets vom Hofe in Anspruch genommen war . Der Propst hatte ihm gesagt , es müßte Dies an irgend einem dritten Orte geschehen , damit es den Schein der Zufälligkeit gewänne . Die Welt wäre mistrauisch und das Unschuldigste verfiele der Beurtheilung ; die Harmlosigkeit der alten Tage wäre vorüber und selbst die Loge , dies sonst so friedliche Asyl der reinsten Bruderliebe und der duldsamsten Neutralität , böte nicht mehr den alten Schutz , wo denkende Menschen sich unbefangen aussprechen und eine gewisse Universalität der Standpunkte voraussetzen könnten . So sehen wir einen Menschen mehr aus angeborener Lust am Bösen , als um eigener Vortheile willen die harmlos dahinlebenden , uns liebgewordenen Wesen umwühlen , und außer den Gruben , die sich jede lebhafte Empfindung und starke Willenskraft schon durch ihre eigene Leidenschaft gräbt , ihnen noch neue Gefahren bereiten , unvorhergesehene , unverschuldete , verderbenschwangere . Viertes Capitel Mutter und Tochter Zur Freude der kleinen Wäsämskoi ' s hielt sich das Wetter und über Mittag war keine Wolke mehr am Himmel . Das tiefdunkelste Blau überzog den ganzen Horizont . Die hier und da schon halbentlaubten Bäume ließ die letzte Fülle der hochgewachsenen Herbstblumen vergessen . Den gelbgewordenen Schmuck der Gärten entfernte die geschäftige Hand des Gärtners . Man hatte noch Grün , man hatte noch Blumen die Fülle . Niemand konnte glauben , daß es schon zum Winter ging . Der große Garten , der sich an die auch für den Winter behaltene Wohnung der Fürstin Wäsämskoi lehnte , war an Blumen nicht minder wie an Obst und allen Früchten reich . Das große Rebenspalier mit seinem gewölbten Dache , unter dem man im Sommer kühlenden Schatten , ja Schutz vor dem Regen gefunden hatte , kennen wir schon . Der Gärtner hatte schon im September die reiche Traubenernte für reif zum Abnehmen erklärt und die Kinder hatten ihn in dieser Meinung unterstützt , da sie selbst abbrachen , was sie nur erreichen konnten . Die letzte Hand aber anzulegen , verhinderte das darauf eintretende Regenwetter . Nun ist ' s aber Zeit , die Trauben verderben ! hieß es . Da mußte man sich entschließen , einen Tag zur Lese zu bestimmen . Die Kinder hatten soviel von der künftigen Lese der Trauben , von den Festlichkeiten , dem Gebäck , dem Feuerwerk hören müssen , daß sie nun auch trotz des Wetters darauf bestanden , daß es Festlichkeiten , Kuchen und Feuerwerk geben sollte . Kein Einwand konnte helfen . Man lud auf einen bestimmten Nachmittag einen Kreis von Freunden des Hauses ein , gleichviel , ob sie drinnen oder draußen dem Jubel der Kinder zusehen wollten . Und nun spannte der Himmel einen sonnigen Baldachin über diese Freude aus , gab Wärme , trocknete die Wege , die Bänke , lachte mit der Freude der Menschen . Die Fürstin zeigte heute ein gewisses Anordnungstalent . War doch überhaupt ihre Bequemlichkeit , ihr Phlegma schon seit einiger Zeit gewichen ! Sie nahm sich der Ordnung des Hauses mehr , als sie sonst gewohnt war , an . Veranlassung genug , mit Olga , die von einem gleichen Drange nach Bethätigung beseelt war , fortwährend dabei in Conflict zu gerathen . Wie lebhaft hatten sie nicht den ganzen Vormittag gestritten über die Anordnungen , die zu dem kleinen Feste getroffen werden sollten ! An der Stelle , wo in schöneren Tagen Abends der Thee getrunken wurde , sollte ein großes Parquet von Bretern gelegt werden , um die feuchte Erde den Füßen nicht fühlbar zu machen . Darüber war Mutter und Tochter einig . Nun aber wollte die Fürstin ein Zelt geschlagen wissen , das sich von diesem Parquet erheben und die Gäste vor jeder Laune der Witterung schützen sollte . Olga protestirte gegen das Zelt und berief sich auf das schöne Wetter und die erquickende Gewalt der freien Luft . Man stritt , ob das Wetter Bestand haben würde . Olga behauptete , es fest verbürgen zu können . Die Mutter fand diese Bürgschaft lächerlich , kindisch ; sie erhitzten sich darüber bis Rudhard dazwischen kam und oben von seinem Zimmer hinunterrief , der Sensenmann an seiner Uhr , der lange gestockt hätte , wäre wieder von selbst in Thätigkeit , das bedeute schönes Wetter . Ärgerlich über diese Entscheidung entfernte sich die Fürstin und sagte , sie wolle Olga nun ganz gewähren lassen . Laß du mich nur ! sagte diese ruhig und traf ihre Anstalten . Das Parquet war geschlagen und mit Teppichen belegt . An der einen Seite wurde ein Tisch für die Erfrischungen , die genommen werden sollten , aufgestellt . Auf der andern ließ Olga einen großen Fruchttisch errichten . Sie hatte schon gestern den ganzen Tag Blumengehänge flechten und verbinden lassen . Diese wurden an dem Hause und den nächsten Bäumen befestigt und hier und da noch von grünen Stäben unterstützt . So gab das ein freundliches Dach , unter dem sich der große Fruchttisch ganz malerisch ausnahm . Sie hatte ihn mit bunten Decken belegt und mit allen in dem Garten gewonnenen Früchten geziert . In Porzellankörben , in krystallenen Schalen lagen hochaufgethürmt Äpfel , Birnen , Zwetschen , im höheren Centrum Pfirsiche , Aprikosen , und eine Melone bildete den höchsten Mittelpunkt . Dazwischen lagen Weinblätter , mit denen die Gefäße garnirt waren . Man konnte diesen Tisch kaum mit dem Verlangen betrachten , davon zu essen . Man konnte nur wünschen , daß dies schöne Ensemble unangerührt und ungestört bliebe . Die Mutter würdigte diese ganze Veranstaltung kaum eines Blickes und war doch so eifersüchtig , daß sie Olga anwies , sich nun um das Weitere , was die Weinlese selbst betraf , nicht zu bekümmern . Aber auch da ging es ihrer Autorität schlimm . Die Fürstin verlangte , daß alle gewonnenen Trauben von den Dienern und Mägden auf einem großen Tische , wo Jeder nach Belieben davon nehmen könnte , in der Mitte des Gartens aufgehäuft würden und rückte nun an diesem Tische und ließ ihn da- , dorthin transportiren . Olga fand diese Einrichtung komisch und der Weinlese nicht im mindesten entsprechend . Sie sagte Das in aller Ruhe , reizte aber die Mutter gerade durch diese Ruhe mehr , als durch Heftigkeit . Wie denkst du dir ' s denn , Olga ? fragte Rudhard gelassen . Olga sagte : Es müßte sogleich in die Stadt auf den Markt geschickt und ein Dutzend kleiner Handkörbe gekauft werden und ein Dutzend kleiner Gartenmesser von krummer Gestalt ; Messer zum Einschnappen . Diese Körbe und diese Messer müßte dann die Hausfrau jedem Gaste , der helfen wolle , mit höflicher Bitte feierlich überreichen und so müsse zu gleicher Zeit von Allen der Wein geschnitten werden . Rudhard konnte auch diesen Vorschlag nur billigen und der Fürstin , so peinlich es ihm war , wieder Unrecht geben . Diese kopfschüttelnd rief verdrießlich einem ihrer Diener und schickte ihn in die Stadt , sogleich zwölf kleine längliche Handkörbe und zwölf krumme Messer zu kaufen . Der Diener ging , nachdem er vorher Rudhard einen soeben für ihn von dem Postboten gebrachten Brief überreicht hatte . Rurik und Paulowna hatten , wie Das unter Kindern bei solchen Anlässen immer ist , eine so überselige Erwartung , daß keine Wirklichkeit ihr hätte gleichkommen können . Bei Tisch entspann sich neuer Zwiespalt zwischen Mutter und Tochter . Man aß ausnahmsweise , weil die Gäste um drei Uhr erwartet wurden , sehr früh . Die Fürstin wollte , daß die Kinder sich wie gewöhnlich satt aßen , damit sie von den spätern Torten , Früchten und dem Eise nicht zu gierig naschten und ihrer Erziehung Schande machten . Olga verlangte gerade im Gegentheil , daß sie wenig aßen und sich nachher desto unschädlicher an den Näschereien erfreuen könnten , die einmal doch nicht unterbleiben würden . Rudhard hörte absichtlich nicht auf den Streit . Er legte mechanisch die Speisen vor . Er schien zerstreut ; der Brief , den er empfangen , hatte ihn übellaunig gestimmt . Fast mechanisch , fast gedankenlos gab er zuletzt doch wieder Olga Recht , worüber die Mutter sich so erzürnte , daß sie aufsprang und weinte . Rudhard folgte ihr und bat sie , sich zu beruhigen . Er verwies Olga dies ewige Streiten und Rechthaben . Worauf Olga , ganz kalt , fast trotzend erwiderte : Ja ! Es ist sehr Unrecht , Recht zu haben ! Dieser gereizte Ton zwischen Mutter und Tochter war seit der eigenmächtigen Partie nach Solitüde eingerissen . Die Fürstin hatte damals nicht Worte genug finden können , um ihre Mißbilligung über diesen kecken Einfan zu erkennen zu geben . Nichts von den Erzählungen der Kinder konnte sie beruhigen . Der Gruß der Königin war ihr beklemmend , ja compromittirend , wenn sie sich sagen mußte , daß diese drei Kinder ohne Aufsicht am Schlosse zu Solitüde waren gesehen worden . Olga antwortete keine Sylbe , bis sie plötzlich hinwarf : Hätten wir Siegbert nur nicht getroffen , so würdest du uns ausgelacht haben . Da wir ihn aber trafen , haben wir ein Verbrechen begangen ! .. Es lag in dieser scharfen Entgegnung eine Wahrheit , die auf die Fürstin entwaffnend wirkte . Aber ihre Niederlage dauerte nur einen Augenblick . Von Stund ' an begann sie fortwährend an Olga zu tadeln , sie eitel , verkehrt , nachlässig zu schelten , während Olga schwieg und sich nur zuweilen durch irgend ein kurz hingeworfenes scharfes Wort gegen die Anklagen ihrer Mutter zu vertheidigen suchte . Rudhard , zu sehr in Anspruch genommen von der wiederangeknüpften Freundschaft für Egon , von der Entdeckung einer mit dem Bilde der Fürstin Amanda vorgenommenen Gewaltthätigkeit , ließ diese Störungen des häuslichen Friedens so hingehen und bemerkte sie kaum , da er wenigstens dann , wenn Siegbert kam , eine Art Waffenstillstand fühlte . Mutter und Tochter schwiegen dann und zeigten sich in dem natürlichen Verhältnisse , daß die Eine befahl , die Andere gehorchte . Es muß schon eine große Verwilderung in den Sitten einer Familie eingerissen sein , wenn man die Verstimmungen , die im innersten Schooße derselben herrschen , auch vor dem Auge Anderer zeigt . Siegbert gehörte wol schon wie ein Sohn oder ein Bruder zur Wäsämskoi ' schen Familie , aber Mutter und Tochter fühlten doch noch eine tiefinnerliche sittliche Veranlassung , sich ihm so zu zeigen , wie es in der Ordnung der Natur und dem feineren Zartgefühle des Herzens eigentlich begründet war . Takt ist die einzige erlaubte Nothlüge der Tugend . Die Fürstin war ihrer Absicht , zurückgezogen zu leben , treu geblieben . Sie hatte nur wenige Namen der großen Welt besucht und sich auf die Menschen beschränkt , die sich so zu sagen selbst bei ihr einführten . Die Oberhofmeisterin konnte nur selten kommen . Anhänglicher war Anna von Harder , die sich oft die Kinder nach Tempelheide citirte und sie an der Thierwelt des alten Schwiegervaters sich ergötzen ließ . Es lag so etwas Mütterliches in ihrer ganzen Art , daß die Kinder sie Tante Anna nannten und sich freuten , einmal einen ganzen Sonntag oder wol eine Nacht in jenem kleinen Schlosse und bei dem Tannenparke bleiben zu dürfen , in welchem es so viele kleine chinesische , mit Geflügel bevölkerte Pavillons , so viele Ställe und Hürden und bei allem Geblök und Geschnatter so viele melodische Windharfen gab . Anna von Harder hatte versprochen , zur Weinlese zu kommen und kam auch mit einem prächtigen vom Bedienten aus dem alten Wagen nachgetragenen Kranze von Georginen , den sie nach dem Willen der Kinder sich über die Schulter werfen sollte , aber bescheiden ablehnend auf das Gewinde an den sinnig geordneten Fruchttisch wie eine bescheidene Opferspende zum Feste hängte . Natürlich fehlte auch die unvermeidliche Frau von Trompetta mit ihrem ebenso unvermeidlichen Inseparable Fräulein von Flottwitz nicht . Unsere gute Frau von Trompetta war seit einiger Zeit gar verstimmt . Der Hof hatte den Ankauf des Gethsemane abgelehnt und sich nur zu einigen Aktien oder Loosen bereit erklärt . Sie war darüber in eine doppelt begründete Betrübniß verfallen . Einmal schmerzte sie ' s der nun gehinderten rascheren Beförderung wegen , anderntheils war sie in großer Besorgniß , nicht mehr in der Gunst des Hofes zu stehen . Die Altenwyl , die strenge Richterin der Sitte , sollte , wie ihr » gesteckt « wurde , in den » kleinen Cirkeln « etwas von der » Ruhmsucht der Wohlthätigkeit « gesagt haben . Man hatte , erfuhr sie , viel Anekdoten von ihren Zwangsmaßregeln , um ihre Sammlungen einmal den Künstlern , ein andermal den Dichtern abpressen zu können , erzählt , und wie gern man das herrliche Werk , dies bunte fromme Gethsemane , bei Hofe besessen hätte , man gab sich doch wieder jener besorgten Rücksicht hin , ob nicht an so hoher Stelle eine Unterstützung dieser Zwangs- und Ruhmsuchtswohlthätigkeit ein schlimmes Gerede geben und Anstoß erregen könnte . Die Trompetta fand jedoch ihr Unglück in noch hundert andern Ursachen . Sie sah Feinde , Verleumdungen , sie projektirte einen Fußfall bei der Königin und wurde vor Kummer und Nachgrübeln über ihr » Malheur « um einige Linien magerer . Sie mistraute ihren besten Freunden . Von Pauline von Harder , die sie schon längst geringschätzig behandelt hatte , glaubte sie sich zuerst zurückziehen zu müssen , was ihr bei der plötzlich so wunderbar gestiegenen Bedeutung jener Frau schwer , fast unmöglich wurde . Für Anna von Harder , die bei Hofe in so hohem Ansehen stand , wurde sie eben deshalb eine unerträgliche Plage . Sie ruhte nicht , bis eine Aufführung des Judas Maccabäus » innerhalb der Gesellschaft « zur Unterstützung einer Kleinkinderbewahranstalt angebahnt war . Sie sang geistlich , wo sie nur konnte , und hatte auch für diesen Weinlesenachmittag einige Oster-Lamentationen aus der römischen Peterskirche mitgebracht . Auch der Flottwitz , ihrem unermüdlichen Trabanten , mistraute sie zuweilen und machte ihr Vorwürfe , daß sie seit dem verunglückten Hinterhalt auf der Terrasse von Solitüde so oft mit Neigung von jenem Dankmar Wildungen spräche , der doch allgemein durch seine Grundsätze sowol , wie seinen vermessenen Proceß , als ein Feind des Staates und der Kirche bekannt wäre . Sie hatte von Gelbsattel , der durch Rudhard ' s alte » Zeltkameradschaft « von Schulpforte her gleichfalls bei der Fürstin Wäsämskoi eingeführt war und für heute Nachmittag mit seiner Gattin und seinen Töchtern erwartet wurde , die ganze Bedeutung der von den Brüdern Wildungen erhobenen Ansprüche vernommen und war nicht wenig in Verlegenheit , als sie sich gefaßt machen mußte , ihnen hier Beiden zu begegnen . Vor Siegbert schämte sie sich sogar , ihres Gethsemanes wegen , das der Hof nicht angekauft hatte ! Propst Gelbsattel nahm die Einladung in nicht geringer Spannung an . Hätte er gewußt , daß er seinen scharfen Antagonisten , den demokratischen Maler Max Leidenfrost , gleichfalls finden sollte , wer weiß , ob er gekommen wäre ! Leidenfrost aber war recht eigentlich gerade die Hauptperson des Festes ; denn er hatte versprochen , es durch Kunstfeuerwerkerei , die er meisterhaft verstand , zu verschönern und auf das Brillanteste zu beschließen . Er war es , der schon am Tage zuvor einen stattlichen kleinen Böller von einigen Arbeitern der Willing ' schen Maschinenfabrik , natürlich verdeckt in einem großen Kasten , hatte in den Garten fahren lassen . Er war es , der mit der Dämmerung Heusrück , Alberti und den hochgeschulterten Danebrand erwartete , um mit ihnen gemeinschaftlich unter dem klaren Sternenhimmel des Herbstes Pulver und Arsenik unter den mannichfachsten Formen in Brand zu setzen . Gegen vier Uhr saß die ganze Gesellschaft beim schönsten Sonnenschein auf dem Gartenparkett in der Runde und schlürfte einen vorzüglichen Mokka . An Süßigkeiten ein Überfluß . Neben den gebetenen waren Bienen und Käfer die ungebetenen Gäste . Alles athmete Luft und Behagen . Es war ein heiterer Anblick , dieser blaue Himmel , dieser grüne Rasen , die vollen Obstbäume , die Blumen , die festlichen Anordnungen , die geschmückte Gesellschaft . Und die Trompetta führte das Wort ! Das war nicht minder lebendig ! Auch Anna war sehr angeregt . Die Gute fühlte sich immer glücklich , wenn sie von den Pflichten in Tempelheide , die sie gern übte , doch einmal erlöst war . Gelbsattel gab manche gewichtige Meinung anzuhören ... seine Gattin , die Pröpstin , war freilich stumm . Die drei Töchter aber , sonderbarerweise sitzengebliebene und doch sehr angeregte junge Damen , schossen mitredend auf Alles zu , was nur erörtert und berührt wurde . Leidenfrost , wie man es erwarten konnte , im Überrock ohne alle Festestoilette , mit seinem grauen Hut , ohne Handschuhe , hielt sich glossirend zurückgezogen . Siegbert dagegen machte fast den Wirth , umsomehr , als Rudhard etwas auf dem Herzen hatte und nicht recht aufthauen konnte . Die Flottwitz schien etwas ungeduldig . Dankmar fehlte noch . Sein Bruder entschuldigte ihn durch die vielen Mühen , die ihm der Proceß koste , wobei er einen fast abbittenden Blick auf den Propst warf , der seinerseits das Wort ergriff und sogleich mitten in jene Stimmungen hineinfuhr , die in ihm diese inzwischen immer mehr vorgeschrittene Angelegenheit wecken mußte . Seine älteste Tochter , Emmy , warf ihm einen verweisenden Blick zu , als er so polterte ; er möchte sich mäßigen , die Umgebungen in Anrechnung bringen ... Allein , noch erwärmt von dem Besuche Sylvester Rafflard ' s , der eben bei ihm gewesen war , legte der Propst seinem Redeeifer keinen Zügel an , sondern versetzte alle Anwesende rasch auf den Standpunkt , in dem sich gegenwärtig die merkwürdige Johannitererbschafts-Angelegenheit befand . Fünftes Capitel Gegensätze Es ist erstaunlich , begann Gelbsattel , wie tief diese Sache in Fleisch und Blut der wichtigsten Interessen eingreift . Ich will von einigen kleinen Stiftungen nicht sprechen , die selbst in dem Falle , daß der Staat den Proceß gewönne , verloren wären ... Davon nicht sprechen ? unterbrach den Propst sogleich voll Eifers Frau von Trompetta . Von frommen Stiftungen nicht sprechen ? Allerdings , sagte der Propst . Wenigstens solche Stiftungen , die in einem frommen Sinne begründet wurden - Zu denen du doch , fiel Rudhard ein , nicht etwa die Sonnabendspredigt rechnen wirst , die regelmäßig in der kleinen Dreieinigkeitskapelle ein Candidat zur Judenbekehrung halten muß ? Lieber Freund , antwortete Gelbsattel , ich theile vielleicht ganz dein Bedenken gegen diese hundertjährige Veranstaltung , der es noch nicht gelungen ist , nur einen einzigen Juden zu bekehren , allein es ist die äußere Form eines Stipendiums für einen jungen Candidaten , der sich auf diese Art homiletisch übt und unter dem Schirm eines christlichen Zweckes die noch christlichere Wirkung einer Wohlthat genießt - Bester , sagte Rudhard lachend , das ist sehr hübsch gesagt für den Candidaten Oleander , der gegenwärtig diese Predigten hält und dein Schwiegersohn werden soll ; allein nimm mir nicht übel , diese Art von Überlieferungen taugt nichts . Geht ' s nicht mit dem ganzen Christenthum so , daß man es gleichsam für ein Vermächtniß hinnimmt , das Niemand untersucht und das nur für den Schild eines völlig heterogenen , ihm untergelegten Begriffes dient ? Anna von Harder blickte bei Erwähnung des Schwiegersohnes theilnehmend auf Emmy Gelbsattel , die sich verfärbte und über den Namen Oleander in Verlegenheit zu gerathen schien . Anna wollte mit holdem Blicke der ältesten Tochter Gelbsattel ' s , der sich schon viele Partien zerschlagen hatten , zu dieser Glück wünschen . Aber das nicht mehr junge Mädchen erschien ihr plötzlich keine Braut . Sie unterdrückte ihren guten Willen und wagte es , sich in das Gespräch der Männer zu mischen . Während sie den Kindern Früchte abnahm , die diese ihr verschwenderisch anboten , wagte sie eine bescheidene Äußerung , die sie schüchtern und beklommen genug vortrug . Ich will die Verstellung nicht in Schutz nehmen , sagte sie , ebensowenig wie eine gleichsam für gültig erklärte Täuschung , aber ist es nicht wirklich mit dem Glauben so , daß sich das angeborene und durch schmerzliche oder dankbar aufgenommene freudige Lebensschicksale in uns entwickelte gläubige Bedürfniß an die Wahrheiten des Christenthums anschmiegt und ohne viel zu prüfen , was sich davon beweisen läßt , soviel als nur beseligend auf uns einwirkt , in sich aufnimmt ? Natürlich ! sagte die Trompetta mit verklärtem aber stolzem und verächtlichem Blick . So ist es ! Nicht anders . Schleiermacher hat Das jeden Sonntag gepredigt . Und gleichsam , als wollte sie fernere vorwitzige Erörterungen heiliger Fragen abschneiden , setzte sie hinzu : Würden denn auch Witwen und Waisen unter der Entscheidung dieses merkwürdigen Rechtsfalles leiden , Herr Propst ? Das zwar nicht unmittelbar , sagte der Gefragte , seine Tasse mit Würde haltend , allein wo fließen in dieser Welt außergewöhnliche Hülfsquellen , die nicht irgendwie auch mit den Bedürfnissen der Witwen und Waisen zusammenhingen ? Max Leidenfrost verzog die immer sarkastischen Mienen zu einem entschiedenen Lächeln und platzte hervor : Nun Das muß ich gestehen , ich wollte eben eine Mücke todtschlagen , als mir einfiel , daß sie vielleicht einen alten Vater zu ernähren hat ! Man lachte wohl über dieses Gleichniß , aber Propst Gelbsattel , der das Bild von der Academia della Crusca , das Leidenfrost einst bei Louis Armand mit Anspielung auf Gelbsattel ' s Kunstansichten angegeben , nicht vergessen hatte , warf einen verächtlichen Blick auf den Sprecher , der sich in dem Bewußtsein , die Gesellschaft heute noch als Pyrotechniker unterhalten zu dürfen , ganz behaglich auf seinem Gartensessel wiegte und mit den Kindern allerhand Kurzweil trieb , auch Siegberten dadurch neckte , daß er sich stellte , als wenn er nicht wüßte , wie man in solcher Gesellschaft Kaffee tränke und Gebackenes äße . Er faßte den Theelöffel manchmal absichtlich verkehrt oder gab sich die Miene , als wollte er sein Getränk in die Untertasse gießen und aus dieser schlürfen , worüber Siegberten , der gleichsam hier für ihn wie für ein wildes Thier gut stand , ein Schrecken überfiel . Leidenfrost machte , als er seine Tasse auf den Tisch zurück stellte , sogar einmal die Miene , als wenn er den Tassenkopf , wie die Bauern thun , umwenden wollte . Siegbert merkte wohl , daß ihn Leidenfrost nur neckte ; aber er dachte sich doch die Möglichkeit , daß ihm der wilde Cyniker wirklich einen solchen Streich vor der Fürstin spielen konnte . Daß er ihm seinen Überrock und den Slowakenhut nicht vorhalten durfte , peinigte ihn schon genug . Ich habe mich , fuhr Leidenfrost fort , ganz genau nach allen wohlthätigen Dependenzen jener Erbschaft erkundigt . Mein Freund Siegbert ist zu gewissenhaft , Mücken todtzuschlagen , die einen alten Vater ernähren müssen . Er würde , wenn der Familie Wildungen Das wird , was von Gott und Rechtswegen ihr gebührt , sicher Niemanden entgelten lassen , daß das Unrecht früherer Zeiten ihm Wohlthaten spendete , die das Recht der Gegenwart ihm entzöge . Was ist nun da zum Vorschein gekommen ? Nichts , was sein Gewissen beunruhigen könnte . Die alten Häuser werden luxuriös verwaltet und verfallen in Trümmer . Wo man Familienwohnungen für die Armuth hätte bauen sollen , duldet man den Fortbestand von Höhlen des Lasters und des Elends , deren Ertrag zu Zwecken verwendet wird , die keine innere Nothwendigkeit haben . Diese Häuser , diese Liegenschaften und Grundzinsen bringen enorme Summen ein . Wozu werden sie verwendet ? Zur Herstellung eines Überflusses neben dem Nothwendigen , für das schon von anderer Seite gesorgt ist . Gründlichen Besitz wagte die Stadt nie von jener Verlassenschaft zu nehmen . Schulen , Witwen und Waisen sind nicht darauf angewiesen , wohl aber frivole , überflüssige Zwecke , als da sind : Judenbekehrungspredigten , Missionsbeiträge , Bibelgesellschaftsunterstützungen und dergleichen Frivoles mehr . Das einzige Praktische sind die bedeutenden Vergrößerungen der Emolumente des hohen Rathes der Stadt , der Geistlichkeit , derjenigen Kirchen , über die der Magistrat das Patronat hat , eine Kutsche für jeden der vier Syndici , eine Kutsche für - ich bedaure es sagen zu müssen - für die Propstei und damit ich nichts verschweige , allerdings der sehr ehrenwerthe Fond für diejenigen Geistlichen , die an den drei Hauptkirchen der Stadt angestellt sind und Töchter haben , um deren Ausstattung sie in Verlegenheit sind . Denn jede Pfarrerstochter , die ein drittes Aufgebot nachweist , bekommt eine Aussteuer von tausend Thalern . An dieser philanthropischen Institution versündigen sich allerdings die Gebrüder Wildungen sehr , wenn sie den Proceß gewinnen sollten . Leidenfrost unterbrach sich hier selbst und bat um Entschuldigung , da ihm der Gärtner wegen einiger Vorbereitungen zum Feuerwerk in angemessener Entfernung winkte . Er erhob sich rasch und ging . Paulowna und Rurik sprangen ihm nach und verließen die Gesellschaft , die über die bittern Worte des schroffen Mannes fast erschrocken war . Es währte einige Zeit , bis sich eine harmlose Stimmung wiederfand . Man wollte das Thema der Erbschaft verlassen , fing über zufällige andere Veranlassungen eines lauten Urtheils zu sprechen an , aber die Trompetta konnte sich nicht mäßigen . Man hatte die ihr heiligsten Dinge , jene Stiftungen , jene Zweckvereine frivol genannt . Da half nichts , sie mußte die Hände zusammenschlagen und mit einem Blick hinter dem in den Gängen des Gartens mit den Kindern verschwindenden Leidenfrost her ausrufen : Großer Gott ! Was man nicht Alles hören muß in dieser Zeit ! Die Bibelgesellschaften frivol ! Die Fürstin wollte Leidenfrost seiner Sonderbarkeit wegen entschuldigen . Siegbert sprach von seiner gewöhnlichen rücksichtslosen Art , aber die Trompetta verlangte von den Männern ein Urtheil , ein Verdammungsurtheil , eine entrüstete Äußerung , eine Indignation , ein Anathem ! Gelbsattel wollte da gar nicht recht mit der Farbe hervor . Er