« Der Papa nahm aber den Jungen bei der Hand , der sich nun willig führen ließ , und so schritten sie auf die Kirche zu , an deren altem Seitenportal der Küster bereits mit seinem Schlüsselbund stand und wartete . Er war ein Mann von fünfzig . » Guten Tag , Jerse , wie geht ' s ? « » Et jeiht jo , gnädge Herr , man en beten to oll . « » Man kann nicht immer jung bleiben . Wenn man nur mit Ehren alt geworden ist . Was machen die Kinder ? « » Et jeiht jo , gnädge Herr , man en beten to veel . « » Ja , Jerse , das ist Eure Schuld . « Jerse schmunzelte . Der Oberst streichelte dem Jungen das lockige Haar und fuhr dann fort : » Ich hoffe , daß alles in Ordnung ist . Wann kam der Steinsarg ? « » Gistern wiern ' t fief Wochen , un de Steinhauer wier glieks mit dabi un hett alles sülvst moakt . Un denn hebben wi de gnädge Frau mitsamt den höltern ' n Sarg insett . « » Das ist recht , Jerse . Und nun schließt auf . Ich will erst sehen , wie es in der Kirche aussieht . « Sie traten in das Mittelschiff . Nicht weit von der Kanzel war ein Reliefbild in die Wand eingelassen , ein Reiter in der Tracht des Dreißigjährigen Krieges . Der Oberst blieb stehen . Es war das Bildnis seines Vaters . Daneben war ein zweiter Stein , eine seltsame Rokokoarbeit . Minerva , mit drei Marabus auf dem Haupte , sah einen vierzehnjährigen Knaben auf sich zuschreiten , der ihr , huldigend , einen Apfel überreichte . Alles buntbemalt . Die bunte Farbe reizte die Neu gier des Kindes . » Was ist das ? « » Das ist eine Göttin . Weißt du , was eine Göttin ist ? « » Nein . Ich will nur wissen , wer der Junge mit dem Apfel ist . « » Das ist dein Oheim . Er war sehr fleißig und ist ganz jung gestorben . « » Ich will nicht fleißig sein . « » Nun hört , Jerse , wie der Junge aus aller Art ist . « » Dat wahrd en richt ' gen Junker , gnädge Herr . Wat brukt so ' n lütt ' Junker veel to liernen ! Et givt all so veel davun . « » Nun , Jerse , wollen wir in die neue Gruft . « Damit traten alle drei durch die kleine Seitentür wieder auf den Kirchhof hinaus und schritten auf einen Neubau zu , der augenscheinlich erst vor Jahresfrist an die Ostseite der Kirche angebaut worden war , eine sehr einfache Architektur mit zwei Gitterpforten und einer Klapptür in Front . Das Äußere war öde , das Innere noch mehr . In dem frisch geweißten Raume stand ein einziger Steinsarg , ein Marmorsarkophag , kunstvoll und reich gearbeitet , dessen prächtige Schönheit in diesem schmucklosen Raume einen seltsamen Eindruck machte . Der Oberst nahm seinen Knaben an die Hand und trat an den Sarg heran . Er blickte lange auf denselben . Dann beugte er sich zu dem Kinde nieder und küßte es auf die Stirn . Das Kind sah sich ängstlich um , drängte sich an den Vater und sagte : » Komm , ich mag hier nicht sein . « Und nun gingen sie über den Kirchhof wieder auf das Herrenhaus zu . Alles war still , wie ausgestorben . Aber ein Sonnenschein lag auf dem Dach und Küster Jerse , der zurück geblieben war , läutete Mittag . Es sollten noch stillere Tage kommen . Ohne Sonnenschein und ohne Läuten . Wust 1730 Wust 1730 Dreiundzwanzig Jahre waren ins Land gegangen . Vieles hatte sich geändert und nur Wust und sein Herrenhaus waren unverändert geblieben . Der » Dienst « hielt nach wie vor den Gutsherrn in der Ferne fest , jetzt in der Ostprovinz des jungen Landes , in Königsberg , aber der junge Oberst von damals war inzwischen ein alternder Generalleutnant geworden . Und Geschicke bereiteten sich vor , die innerhalb dreier Monate seine Seele völlig beugen und brechen sollten . Verweilen wir einen Augenblick bei dem Vorspiele zu dieser Tragödie . Am 5. August hatte , unter Mitwissen und Beihilfe verschiedener Personen , darunter der Leutnant Hans Hermann von Katte , ein Fluchtversuch des Kronprinzen stattgefunden . Die Nachricht davon lief durchs Land . Zwanzig Tage später war sie in Königsberg und noch am selben Tage schrieb der Generalleutnant an seinen Bruder , den Kammerpräsidenten von Katte in Magdeburg : Mein lieber Bruder ! Mit was Betrübniß ich diese Feder ansetze , ist Gott bekannt . Ihr werdet von eurem Sohn aus dem Reich leider erfahren haben , wie unsere gottlosen Kinder sich in das größte Labyrinth gesetzet , und hat euer Sohn solches dem Major v. Rochau geschrieben . Die ser hat mir dessen Brief mit der Ordonance anhero gesandt , da ich eben anitzo hier in Königsberg sein und bleiben muß . Ich hab es als meine Pflicht erachtet , meinen Sohn zu abandonniren , meinen Eid und meine Schuldigkeit vorzuziehen , und Eures Sohnes Schreiben dem Könige mit einer Estafette zu senden . Hat mein Sohn in seinem dessein nicht reussiret , so wird ihn der König wohl arretiren lassen . Ich kann nichts weiter thun als seufzen , ihn Gott und des Königs Erbarmung überlassen . Adieu , mein lieber Bruder . Gott stärke uns in unserem Elend . Ich bin euer treuer Bruder H. H. Katt Dieser Brief trägt das Datum Königsberg , 25. August . Es ist sehr bemerkenswert , daß der Vater Hans Hermanns von Katte in diesem Schreiben sich ganz auf die Seite des Königs stellt . Die Loyalität ging noch über das Vaterherz . Es darf nicht wundernehmen , da aus späteren Briefen hervorgeht , daß dem Generalleutnant damals noch der Gedanke fern lag , der König werde aus der Affäre ein Kapitalverbrechen machen . Man kannte das cholerische Temperament Friedrich Wilhelms , seine strengen Ansichten über » Dienst « , nichtsdestoweniger rechnete man auf Gnade . Niemand erwartete ein Äußerstes . Aber gerade das Äußerste kam . Das Votum des Kriegsgerichts zu Köpenick hatte auf dauernde Gefängnisstrafe gelautet . Der König , aus souveräner Machtvollkommenheit , stieß das Urteil um und ( vielleicht ein einzig dastehender Fall in der Geschichte ) schärfte das Urteil und verwandelte die Kerkerstrafe in Tod , unter Anfügung jener berühmt gewordenen Worte : » es wäre besser , daß Katte stürbe , als daß die Justiz aus der Welt käme . « Das war am 1. November . Am 2. November kannte Hans Hermann von Katte sein Schicksal , am 3. begann seine Überführung nach Küstrin , am 5. mittags traf er ein und am 6. früh fiel sein Haupt . Über all dies hab ich in dem Kapitel » Die Katte-Tragödie « , Band II. Seite 264 bis 300 ausführlich berichtet . Die letzte Szene der Tragödie , die Beisetzung , führt uns wieder nach Wust . Ein bleierner Novemberhimmel hing über Dorf und Landschaft , auf Feldern und Wegen standen Wasserlachen , und an den Ebereschenbäumen blinkten einzelne Regentropfen . Es war um die fünfte Stunde , die Sonne , die den ganzen Tag über nicht geschienen hatte , blinzelte im Untergehen über die triste Landschaft hin . Denselben Ebereschenweg , den damals der Oberst von Katte entlang trabte , kam jetzt ein schmaler Leiterwagen mit zwei mageren Pferden herauf . Der Kutscher ging nebenher , müd und matt , und tapste durch die Regentümpel , die zu umgehen ihm den Weg verlängert hätte . Der Wagen selbst gab ihm keinen Platz mehr , denn auf dem schmalen Brett stand ein langer Sarg , schwarz gestrichen , schmucklos , ohne Haspen und Beschlag . Es dunkelte schon , als das Fuhrwerk vor dem Herrenhause hielt . Auf dem Vorplatze standen mehrere Leute aus dem Dorf , in ihrer Mitte der alte Jerse , ein Siebziger jetzt , mit einer Laterne in der Hand . Zwei von den Tagelöhnern nahmen die Pferde vorn am Zügel und Jerse schritt vorauf . So bogen sie quer über die Straße , nach der gegenübergelegenen Seite des Dorfes ein , und fuhren langsam über den holprigen Kirchhof hin , bis sie vor der angebauten Gruft hielten . Drinnen war alles unverändert geblieben ; ein einziger Steinsarkophag in einem weiß getünchten Raume . » Nu droagt em in « , sagte Jerse , und die beiden Männer , die bis dahin die Pferde geführt hatten , suchten jetzt an dem Sarge umher , um einen Handgriff zu finden . Aber nichts derart war da . So schoben sie denn das Brett , auf dem der Sarg stand , von vorn nach hinten , faßten das Brett oben und unten und trugen es , samt dem Sarge , in den Anbau hinein . Als sie in der Mitte der Gruft standen , fragte der Vorderste : » Wo sall he hen ? « Jerse schien unschlüssig und trat an den steinernen Sarkophag : » ' t is ehr Söhn . Awer et jeiht nich . Stellt em in de Eck . « Und sie setzten alles nieder , hoben den Sarg einen Augenblick und zogen das Brett fort . Und nun schlossen sich die Torflügel wieder , und über den Kirchhof hin , an den schattenhaft dastehenden Kreuzen vorbei , verschwand das Fuhrwerk im Dunkel . Jerse blieb noch . Er leuchtete außen an der Gruft umher und murmelte , wie greisenhafte Leute tun , Unverständliches vor sich hin , schüttelte dabei den Kopf und tapte zuletzt , wie ein Irrer , zwischen den Gräbern hin in seine Wohnung zurück . So wurde Hans Hermann von Katte beigesetzt . Ohne Sang und Klang . Seine Familie hatte seinen Leichnam freigebeten und die Gnade des Königs hatte es gewährt . Wust 1748 Wust 1748 Wieder achtzehn Jahre später . Im Herrenhause zu Wust ist es still geblieben wie vordem , die Zimmer sind leer und nur die Gruft hat sich gefüllt . Die Mutter Hans Hermanns und er selber sind längst nicht mehr die einzigen Bewohner darin . Die ganze Familie des Feldmarschalls ist in den weißgetünchten Raum eingezogen : er selber , seine zweite Frau , seine zwei Söhne zweiter Ehe . Die Wuster Linie war mit ihnen ausgestorben und die Linie des anderen Bruders , des Kammerpräsidenten , war jetzt Besitzer von Wust geworden . Aber auch dieser ältere Bruder hielt sich fern . Es schien , als ob Wust nur noch dazu dienen sollte , Begräbnisplatz der Familie zu sein . Wust 1775 Wust 1775 So blieb es bis zum Tode des Kammerpräsidenten ( 1760 ) , auch noch einige Jahre drüber hinaus . In der Mitte der sechziger Jahre aber begann hier ein neues Leben und abermals zehn Jahre später stand es auf seiner Höhe . Solche Tage hatte Wust nie gesehen . Leid war in Freude verkehrt und man gedachte nicht mehr des Novembers 1730 . Das Füllhorn königlicher Gnade war über alles ausgeschüttet worden , was von Katte hieß , und man freute sich dieser Gnade und ließ die Toten ruhen . Es waren Zeiten , wo sich das Leben ums Leben drehte und nicht mehr um den Tod . Der Besitzer Wusts um diese Zeit war Ludolph August von Katte , der älteste Sohn des Kammerpräsidenten . Der enthauptete Vetter , der in der Gruft stand , machte ihm wenig Sorge . Jenen hatte der Zorn des einen Königs , ihn hatte die Gnade des andern getroffen . Er war ein Glückskind , wie jener ein Kind des Unglücks gewesen war . Nicht nur , daß ihm Wust aus der Hinterlassenschaft des Vaters als Erbe zugefallen , nein sein Glück zeigte sich ganz besonders auch darin , wie er zu einer Frau kam . Der König , der , vom Momente seiner Thronbesteigung an , sich in Aufmerksamkeiten gegen die Kattes erging , hatte , wie er das liebte ( er war ein rechter Partienmacher ) , unter andern auch eine reiche Erbtochter , und zwar eine Rolas du Rosey , für den zweiten Sohn des Kammerpräsidenten ausgesucht . Die Kattes , ihrerseits verwöhnte Leute wollten sich nicht so ohne weiteres drangeben und deputierter den ältesten Bruder , um zu erforschen , » wie es eigentlich stünde « . Denn es war bekannt , daß der König nur Geld heiraten stiftete und körperliche Gebrechen nie als ernstliche Hindernis betrachtete . Ludolph August brach also auf . Er fand die Erbtochter derart , daß er , seines eigentlichen Auftrages vergessend , als verlobter Bräutigam nach Wust zurück kehrte . Der getäuschte Bruder fand sich ohne Schwierigkeit in das fait accompli und der König noch viel mehr . Ihm lag nur daran , den Kattes eine Guttat anzutun ; welchem Gliede der Familie , war zuletzt gleichgültig . Die Vermählung erfolgte und ein reiches , heiteres , glückliches Paar hielt seinen Einzug in Wust . Was Wust an Trümmern alter Herrlichkeit noch aufweist , stammt aus der Epoche , die nun begann . Aus dem Garten wurde ein großer Park mit künstlichen Teichen ; seltene Bäume , aus England über Hamburg bezogen , reihten sich zu Alleen , und zwischen den Stämmen der alten , vorgefundenen Ulmen , die nun zu Laubengängen hergerichtet waren , erhoben sich Statuen , unter Vorantritt von Flora und Pomona . Ein Verkehr begann , für den das Rheinsberger Leben das Vorbild , und das Leben in Tamsel , in Schwedt , in Friedrichsfelde die Parallelen lieferte : Schäferspiele , Theater im Freien , Grotten und Tempel , Koketterie und Courmachen , Kunstprätensionen ohne Sinn und Verständnis , wenig Witz und viel Behagen . Eine ganze Seite des Hauses bestand aus Gesellschaftszimmern , an den Wänden hin hingen große Tableaus , und die Tafel , wenn im Gartensaal gedeckt wurde , zeigte fürstliche Pracht . Auf der Tafel selbst aber , als Tafelaufsatz , standen die zwölf Apostel in Silber . Das Silberzeug , das auflag , hatte den Wert eines Rittergutes . Es verlohnte sich schon , diesen Reichtum zu entfalten , denn der Verkehr des Hauses ging über den benachbarten Landesadel hinaus und prinzliche Kutscher und Vorreiter waren damals eine häufige Erscheinung an dieser Stelle . Die Dame des Hauses war mit der Gemahlin des Prinzen Ferdinand , einer geborenen Prinzessin von Brandenburg-Schwedt , intim befreundet und man divercierte sich bei diesen Gelegenheiten um so mehr , als es in der Friderizianischen Zeit ein eigentliches Hofleben nicht gab und bei der Seltenheit großer Couren und dem Fehlen einer allgemeineren Hofgeselligkeit die kleinen Hofhaltungen ( an denen dann auch der reichere Landesadel teilnahm ) für das aufkomnen mußten , woran es im großen und ganzen gebrach . Das waren heitere , stolze Stunden , aber doch weit über die Mittel der alten märkischen Familien hinausgehend , und so kam es , daß Insolvenzen alsbald an der Tagesordnung waren . Die Elle ward überall länger als der Kram . Auch in Wust . Schon Ende der siebziger Jahre begann der Brunnen ziemlich trocken zu gehen ; eine Zeitlang kam wieder Zufluß , aber er entsprach nicht den Ansprüchen , die an ihn gemacht wurden . So , zwischen Hangen und Bangen , vergingen die Jahre , während das Äußerste mehr und mehr hereinzubrechen drohte . Es blieb freilich aus , aber nur weil der Tod dazwischen trat . Das Paar , das unter so vielen Ansprüchen in diesen Besitz eingetreten war , starb mutmaßlich zu Anfang oder in der Mitte der neunziger Jahre und hinterließ Wust seinen zwei Söhnen . Wust 1820 Wust 1820 1820 waren auch diese beiden Söhne hinüber . Wunderliche Zeiten hatte Wust derweilen gesehen . Der älteste der beiden Söhne war auch ein Hermann von Katte . Er hatte von seinen Eltern die Vergnügungssucht , den Hang zur Verschwendung geerbt . Die schon zerrütteten Finanzen wieder in Ordnung zu bringen , dazu war er am wenigsten angetan . Jener Rolas du Rosey-Reichtum , der dreißig Jahre lang den Extravaganzen der Eltern widerstanden hatte , jetzt brach er zusammen . Dieser Hermann von Katte hatte den Beinamen der » Spieler « . In der Umgegend von Wust mied man ihn , und so kam es , daß er Kunstreisen in die großen Städte machte . Solange es sich ermöglichte , trat es standesgemäß auf , ja über Stand und Verhältnisse hinaus . In Leipzig erschien er mit Equipage und vierspännig , und als alles verspielt war , setzte er noch die Equipage auf eine Karte und kam per Fahrpost nach Wust zurück . Die Verpflichtungen häuften sich und die Schuldhaft wurde gegen ihn ausgesprochen . Tagelang ging die Auktion . Er selber wurde inhaftiert und nach Stettin auf die Festung abgeführt . Dies war zu Anfang des Jahrhunderts , und Wust ging um diese Zeit an den jüngeren Bruder Ferdinand von Katte über . Ob er die Erbschaft des devastierten Gutes gleich antrat , ist nicht mit Bestimmtheit zu ersehen ; erst nach Schluß der Napoleonischen Kriege scheint er auf dem Gute Wohnung genommen zu haben . Er führte den Beinamen der » Stiefel Katte « . Völlig geistesgestört , war er nur von einer einzigen Leidenschaft beherrscht , und zwar von dem Verlangen , so viele Stiefel wie möglich zu besitzen , große und kleine , alte und neue , für jede neue Situation oder Beschäftigung auch neue Stiefel , Stiefel zum Fahren , zum Gehen , zum Reiten , Jagdstiefel und Tanzstiefel , alle von den verschiedensten Formen und Farben und von jeglicher Art von Leder . An diese Passion setzte er den Rest vom Vermögen , den die Verschwendungssucht der Eltern und die Spielsucht des Bruders ihm übriggelassen hatte . Die Stiefelsucht tat das letzte . Er wurde unter Kuratel gestellt ; aber es war zu spät . Die volle Verwüstung der einst so schönen Besitzung hatte bereits Platz gegriffen : die Statuen im Park wurden zerschlagen und bildeten auf Jahrzehnte hin den Steinbruch für alle Fundamentbauten im Dorf , die Akten und Briefschaften , darunter mutmaßlich Dinge von unschätzbarem Wert , wurden zum Heizen und Gänsesengen benutzt , und die kostbaren alten Familienbilder , aus ihren Barockrahmen herausgeschnitten und mit zwei angenähten Hängseln versehen , mußten es sich gefallen lassen , als Maurerschürzen vorgebunden zu werden . So gingen die Dinge , bis zuletzt die Zerstörung aufhörte , nur deshalb , weil von offen Daliegendem und jedem Zugänglichen nichts mehr zu zerstören war . Ein Verwalter , dem , bis zur Regelung aller Verhältnisse , die Verwaltung des Gutes übergeben wurde , zog in einen Seitenflügel ; das alte Herrenhaus selbst wurde geschlossen . Und dies war ein Glück . Was noch in Boden- und Giebelstuben versteckt , in Ecken und Winkeln vergraben lag , war nunmehr gerettet und konnte in einer andern Zeit , die heraufdämmerte , wieder gefunden und geborgen werden . Wust seit 1850 Wust seit 1850 Im Herbst 1850 trat der gegenwärtige Besitzer , ein Katte von der uckermärkischen Linie , in das Wuster Erbe ein . Ein besseres Los konnte diesem letzteren nicht fallen . Hier , wo seit ziemlich einem Jahrhundert immer nur Torheit in den verschiedensten Formen tätig gewesen war , erschien plötzlich die Kehrseite davon , und ein Geist gewissenhaftester Ordnung griff Platz . Die Äcker wurden wieder bestellt und wo so lange bloß » Hof gehalten war « , erstand wieder ein Hof , wie er auf einem solchen Besitze sein soll : ein Wirtschaftshof . Scheunen , Ställe , Betriebsgebäude wurden aufgeführt und Wust wurde eine Musterwirtschaft , was es mutmaßlich nie vorher gewesen war . Aber mehr als das . Nicht bloß über das Gut war eine rettende Hand gekommen , ebenso über den Erinnerungsschatz , den das alte Herrenhaus umschloß . Vieles , das meiste war zerstört . Manches aber hatte der Zerstörung getrotzt und noch anderes , wie bereits hervorgehoben , hatte sich in Ecken und Winkeln der Hand des Vandalismus entzogen . Dies alles wurde jetzt hervorgesucht , gesammelt , geordnet . Frau von Katte , mit sich gleichbleibender Pietät , dazu mit immer wachsender Liebe für die Aufgabe , die sie sich gesetzt , stellte aus Bruchstücken vieles wieder her und ihrem unermüdlichen Eifer verdanken wir das meiste von dem , was wir hier mitteilen konnten . Ein heller Augusttag führte uns als Gast in das alte , nun wieder hergestellte Herrenhaus . Der große Empfangssaal nahm uns auf , in dem einst ( im Oktober 1806 , wenn ich nicht irre ) Marschall Soult gesessen und dekretiert hatte . Es ist dies das interessanteste Zimmer des Hauses . Das meiste von seinen alten Erinnerungsstücken findet sich hier zusammen , namentlich von Bildern . Drei derselben stammen aus der historischen Zeit von Wust , also aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts . Es sind der Feldmarschall von Katte in Koller und Küraß , seine Gemahlin zweiter Ehe und der Sohn erster Ehe , Hans Hermann . Das Bild des letzteren , der hier etwa vierundzwanzig Jahre alt erscheint , nimmt selbstverständlich das Hauptinteresse in Anspruch . Er trägt die Uniform des Regiments Gensdarmes , dazu das gepuderte Haar rechts und links in drei Locken gelegt . Seine Züge , weder hübsch noch häßlich , verraten Klugheit , Energie und einen gewissen Standesdünkel . Der Kunstwert ist nur ein mittlerer . Auch scheint es durch Übermalung gelitten zu haben . Vgl . Band II , S. 293 f. Wir musterten diese und andere Bilder . Dann , nach einem Umgange durch das Haus , schritten wir über die Dorfgasse hin , um zunächst der alten Kirche , dann dem Gruftanbau unseren Besuch zu machen . In der Kirche war seit hundertfünfzig Jahren so ziemlich alles beim alten geblieben , die Grabsteine , die wir eingangs geschildert , standen noch an alter Stelle und nur einige Deckenmalereien hatten dem Ganzen mehr Farbe , wenn auch freilich nicht mehr Schönheit gegeben . Wenn nun aber die Kirche wenig verändert war , wie anders war es in der Gruft geworden ! Sarg bei Sarg , der Raum gefüllt bis auf den letzten Platz . Dazu ein völliges Dunkel ; die weiße Tünche längst einem tiefen Grau gewichen . Wir öffneten beide Torflügel , um etwas Helle zu schaffen , und der eindringende Luftzug setzte die Spinnweben am Portal in Bewegung . Aber dies Licht von außen war zu schwach , es drang nur zwei Schritt weit in die dunkle Behausung ein und dahinter blieb alles Nacht . Ein Kind , das uns begleitet hatte , wurde deshalb mit der Weisung zurückgeschickt , daß ein Diener Licht bringen solle . Mittlerweile setzten wir uns auf das dürre Gras verfallener Gräber und sahen in die Gruft hinein , die , voll geheimnisvollen Zaubers , mit ihrem Pomp und ihrem Grausen vor uns lag . Machte dies schon einen Eindruck auf mich , so verschwand es neben dem Bilde , das die nächsten Minuten brachten . Ein reichgalonierter Diener kam vom Herrenhause herüber und schritt mit einem doppelarmigen , silbernen Leuchter in der Hand über den Kirchhof hin und auf uns zu . Wir erhoben uns . Der Diener nahm den Vortritt , strich mit einem Phosphorholz an dem rostigen Eisenbeschlag des einen Türflügels entlang , zündete die beiden Wachskerzen an und trat dann dienstmäßig und völlig ruhig zwischen die dichtgestellten Särge . Wir folgten , so gut wir konnten . Als wir die Mitte der Gruft erreicht hatten , hob er den Leuchter höher . Es war ein Bild , das ich mein Lebtag nicht vergessen werde . Die Kerzen warfen helle Streifen durch das Dunkel und von der Decke herab wehte es in langen , grauen Fahnen . Stein- und Eichensärge ringsum . Inmitten dieser Machtzeugen des Todes aber bewegten wir uns in der ganzen Buntheit modernen Lebens , die lange blaue Seidenrobe der einen Dame bauschte und knisterte bei jeder Bewegung und die Tressen und Fangschnüre des Dieners blitzten im Licht . Wir standen jetzt so , daß wir durch Heben und Senken unserer zwei Kerzen die prächtigsten Sarkophage : den Steinsarg des Feldmarschalls und rechts und links daneben die Särge seiner beiden Gemahlinnen ohne Mühe sehen und ihre Ausschmückung bewundern konnten . Aber wo stand Hans Hermann ? Wir taten scheu die Frage , die der Diener seinerseits ohne jegliches Bedenken aufnahm und abermals voranschritt . Wir folgten ihm , nach links hin , bis in die Ecke des Raums . Die Särge standen hier minder dicht . Einer unter ihnen war ein schlichter , langer Holzsarg , dessen Farbe teils abgegriffen , teils abgesprungen war . Das war er . Der Diener gab mir den Leuchter , faßte den Deckel und schob ihn beiseite . Noch verbarg sich uns sein Inhalt . In dem äußeren Sarge stand ein zweiter , der eigentliche , vielleicht der , in dem man ihn zu Küstrin gelegt hatte , eine bloß zugeschrägte Kiste mit einem flachen Deckel . Nun hoben wir auch diesen und blickten auf alles Irdische , was von dem unglücklichen Katte noch übrig ist . Ein hellblauer Seidenmantel umhüllt den Körper . Da wo dieser Mantel nach oben hin aufhört , liegt ein Schädel , neben dem Schädel eine blaue , kunstvoll zurechtgemachte , mit Spitzenüberresten geschmückte Schleife , die früher das schöne Haar des Toten zusammenhielt . Noch in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts war der Schädel wohl erhalten , seitdem aber , weil niemand lebte , der die Gruft und speziell diesen Sarg vor Unbill geschützt hätte , trat der Verfall ein , der sich jetzt zeigt . Es erging in Wust den Überresten des jungen Katte genau ebenso , wie es in Gusow den Überresten des alten Derfflinger erging ; frivole Neugier , renommistischer Hang und Kuriositätenkrämerei führten zu offenbarer Entweihung . Über einzelnes wird berichtet . Ein junger Ökonom im Dorfe wettete in heiterer Mädchengesellschaft gegen einen Kuß , er wolle den Katteschen Schädel um Mitternacht herbeiholen und wieder an seine Stelle tragen . Er gewann auch die Wette , bestand aber nicht auf Zahlung und erklärte hinterher : nie wieder . Etwa um dieselbe Zeit , oder schon etwas früher , erschien ein Engländer in Wust , ließ sich die Gruft aufschließen und trat an den geöffneten Sarg . Er war offenbar ein Kenner , suchte unter den Halswirbeln umher , fand endlich den , den das Richtschwert durchschnitten hatte , und führte ihn im Triumphe weg . Andere nahmen die Zähne des Enthaupteten als Erinnerungsstücke mit , so daß , als Anfang der fünfziger Jahre das traurige Administrations-Interregnum endlich sein Ende erreichte , der neue Besitzer ein wüstes Durcheinander vorfand . Die Pietät kam zu spät . Was noch geschehen konnte , geschah , ganz besonders auch an dieser Stelle . Eine Art Ordnung wurde wieder eingeführt , das eine oder andere gerettet und beispielsweise ein Rest Katteschen Haares in einer Kapsel sorglich verwahrt . Aber die Zerstörung der voraufgegangenen dreißig Jahre konnte nicht wieder ausgeglichen , das , was fort war , nicht wiedergewonnen werden . Wir schlossen die Sargkiste , traten in das Licht des Tages zurück und schritten auf das Herrenhaus zu . Aber es duldete uns nicht in den geschlossenen Räumen und der stille Park und seine breiten Rüsteralleen nahmen uns alsbald auf . Da lagen die umgestürzten Statuen , zerbrochen , zerschlagen , halb überwachsen von grünem Gesträuch . Auch hier die Bilder der Vergänglichkeit . Unser Weg führte uns zuletzt bis an die Grenze des Parks . Eine Birkenbrücke , über einen Graben hinweg , ging ins Freie , breite Wiesen dehnten sich vor uns , jenseit stiegen Kirchentürme auf und aus der Niederung zog ein Nebel langsam zu uns her . Es dämmerte . Und wie Dämmerung kam es über uns selbst , jener traumwache Zustand , dem Leid und Freud ' , dem Trauerspiel und Posse , dem der enthauptete und der Stiefel-Katte gleichmäßig zu Bild und Erscheinung werden , – zu Gliedern in derselben Kette . Der Schwielow und seine Umgebungen Der Schwielow Der Schwielow Mit der Wasser Steigen steigt auch das Gefühl ihm seiner Kraft , Und der Damm , er ist zertrümmert und durchbrochen ist die Haft . » Der Wenersee . « * Sieh den Schwan , Umringt von seiner frohen Brut , Sich in den roten Widerschein Des Himmels tauchen ! Sieh , er schifft , Zieht rote Furchen in die Flut Und spannt des Fittigs Segel auf . ( Irin ) Ewald von Kleist Der Schwielow ist eine Havelbucht im großen Stil wie der Tegler See , der Wannsee , der Plauesche See . Allesamt sind es Flußhaffe , denen man zu Ehre oder Unehre den Namen » See « gegeben hat . In etwaige Rangstreitigkeiten treten wir nicht ein ; sie mögen unentschieden bleiben wie andere mehr . Unter allen Havelbuchten , welchen Namen sie immer führen mögen , ist der Schwielow die größte und sehr wahrscheinlich auch die neueste . Vielleicht zählt dies weite Wasserbecken noch keine tausend Jahre , keinenfalls geht es weit in die Vorgeschichte zurück . Mannigfachen Anzeichen nach ging in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung die südliche Ausbuchtung der Havel nur etwa eine Meile über Potsdam hinaus und ein Erdwall , über dessen Ausdehnung und Beschaffenheit es nutzlos wäre zu konjekturieren , schob sich etwa in der Höhe des Dorfes Kaputh trennend zwischen die höher gelegene Havel im Norden und ein tiefer gelegenes Moorland im Süden . Da , in einer Sturmnacht , staute ein Südwest die ihm entgegenfließenden Havelwasser bis an die Potsdamer Enge zurück und plötzlich umschlagend in einen eisigen Nord-Nord-Ost stieß er die aufgetürmte Wassermasse mit solcher Gewalt gegen den Erdwall , daß dieser zerbrach und die bis dahin abgedämmten Havelwasser wie aus einem Schleusenwerk sich in das tiefer gelegene