waren beide in ihrem Innern herzlich froh , die Gräfin Rhoden und mehr noch Hildegard und den Grafen Gerhard so viel als möglich zu vermeiden . Ihnen sagte der jüngere , lebenslustige Theil der Gesellschaft besser zu , als die ernsthaften Unterhaltungen in den Gemächern der Prinzessin , und Renatus , der es in den Tuilerieen und in den Sälen der Herzogin von Duras wohl erlernt hatte , sich in den durch Geist und Anmuth verfeinerten Umgangsformen eines gebildeten Hofes mit Leichtigkeit zu bewegen , fand sich in der Nähe des jungen , immer angeregten , jedem neuen Eindrucke offenen , leicht bewegten und die Andern mit sich fortreißenden Prinzen völlig wie in seinem Elemente . Es focht ihn schon nach wenig Monaten nicht mehr besonders an , daß sein inneres Zerwürfniß mit seinen und seiner Gattin Anverwandten Niemandem verborgen war . Er suchte die Gesellschaft des Grafen Gerhard und die der Gräfin Rhoden nicht , aber er vermied sie eben so wenig und hinderte auch ihre Anwesenheit in seinem Hause nicht . Es war ihm sogar nicht unwillkommen , wenn sie sich überzeugten , daß ihre heimliche Feindschaft ihn nicht beeinträchtigt habe , daß er sich , wenn auch nicht in der ihren , so doch inmitten der ihm erwünschtesten Gesellschaft viel begehrt , bewege und daß auch ihm die Gunst eines Mächtigen nicht fehle . Es freute ihn , wenn Hildegard es hörte , wie man Cäciliens blühende Frische , ihren kindlichen Frohsinn und ihren Gesang bewunderte ; es freute ihn , wenn er seinem Oheim und seiner Schwiegermutter sagen konnte , daß der Kronprinz am Abend zum Thee bei ihm erscheinen werde , weil man heute eine alte Messe in seinem Hause singe ; und daß die Art der Geselligkeit , in die Renatus , wie er sich sagen durfte , fast ohne all sein Zuthun hineingezogen worden war , ihn zu einem größeren Haushalte und zu mannigfachen Ausgaben veranlaßte , den zu führen und die über sich zu nehmen eigentlich nicht in seinen Absichten gelegen hatte , darüber durfte er sich kein Bedenken und keinen Vorwurf machen . Er that ja nur , was von einem Manne in seiner Stellung und in seinen Verhältnissen gebieterisch gefordert ward ; er that nur , was die Erfahrensten ihm auf andern Gebieten zu thun stets gerathen hatten . Er durfte die Mittel nicht schonen , wenn sie dem richtigen Zwecke galten , und wie er Rothenfeld und Neudorf hatte verkaufen müssen , um die Capitalien für den Betrieb der Richtener Wirthschaft flüssig zu machen , so mußte er jetzt kein kleinliches Bedenken dagegen tragen , sich ein paar Tausend Thaler , deren er für sein breiteres Leben durchaus bedürftig war , auf Wechsel zu verschaffen . Sich einer solchen geringfügigen Summe wegen aus der Gesellschaft zurückzuziehen , auf die errungenen Vortheile zu verzichten , den heimlichen Gegnern das Feld zu räumen , statt ihnen die Stirn zu bieten , das hätte gegen alle Regeln der Kriegskunst arg verstoßen ; und vollends sich freiwillig aus der Nähe des Kronprinzen zu verbannen , freiwillig allen den Aussichten zu entsagen , welche die beginnende Gunst desselben für die Zukunft verhieß , das wäre , wie Renatus meinte , eine unverantwortliche Unklugheit gewesen , eine Unklugheit , deren er , ohne ein Unrecht an seiner Familie zu begehen , sich nicht schuldig machen durfte . Er konnte sich sagen , daß er sich jetzt in völlig geregelten Verhältnissen befinde . Er hatte ein festes Gehalt , ein sicheres , wenn auch nur allmähliches Avancement im Heere vor sich , sein Gut war den Umständen nach in vortheilhafte Pacht gegeben , seine Einnahmen waren keineswegs unbeträchtlich . Nur seine Ausgaben waren allerdings in diesem letzten halben Jahre über alles Voraussehen groß gewesen ; aber man hatte nicht in jedem Jahre sich neu einzurichten , nicht in jedem Jahre die völlige Ausstattung für zwei Frauen und für den Bruder zu beschaffen , nicht in jedem Jahre sich in der Gesellschaft festzusetzen , und so lange man sich eine so genaue und strenge Rechnung legte , als er es that , hatte es nach seiner Ansicht ohnehin mit seinen Verhältnissen nicht das mindeste Bedenken ; denn nur die achtlose , die sorglose Wirthschaft war seinem Vater so gefährlich , so verderblich geworden . Und es handelte sich ja nur um wenig Monate . Schon im Laufe der nächsten Zeit , wenn die Gesellschaft aus einander ging , und namentlich in den Sommermonaten ließen sich sehr leicht Ersparnisse machen , mittels deren das neue , kleine Anlehen zu bezahlen war . Renatus war deßhalb ganz unbesorgt . Er hätte es für eine ganz unnöthige Grausamkeit gehalten , seine Frau oder seine Stiefmutter mit der Erwähnung dieser Thatsachen in dem unschuldigen und fröhlichen Lebensgenusse , dem sich beide zum ersten Male überlassen durften , irgendwie zu stören . Er hatte sie dazu zu lieb , der Beifall , den sie ernteten , that ihm selbst zu wohl , und er fühlte sich auch Mann genug , sie , ohne daß sie etwas davon ahnten , an solchen kleinen Klippen still vorbei zu führen . Hätte er über Eleonorens Schicksal nur eben so ruhig sein können ! Fünftes Capitel Seba hatte während des Krieges an manchem Krankenbette gewaltet und gewacht ; sie hatte dabei manchem Kummer , manchem tiefen Schmerze , mancher Trauer und schwerem Herzeleid begegnen und es mit ihren Kranken tragen lernen ; aber eine ähnliche Verzweiflung , wie sie sich in Eleonorens Fieberphantasieen kundgab , war nie vor ihr laut geworden , und nur in den traurigen Erinnerungen an ihre eigene Jugend fand sie die Kraft , deren sie an diesem Krankenbette bedurfte . Viele , viele Tage vergingen , ohne daß Eleonore zu irgend einem klaren Bewußtsein gelangte . Sie hatte in den letzten Monaten so viel , so Gewaltiges erlebt , so große Erschütterungen durchgemacht , daß alles , was ihr begegnet war und was ihr augenblicklich begegnete , sich bei ihrer Schwäche in ihren Träumen und Fieberphantasieen durch einander wirrte . Bisweilen meinte sie in ihrem Schlosse zu sein und beschwerte sich darüber , daß man ihr Zimmer so verändert habe ; dann wieder glaubte sie sich in Rom in einer Klosterzelle , und als sie eines Tages in zufälliger Bewegung mit ihren Händen nach dem Haupte faßte und die Fülle des Haares vermißte , das man ihr auf des Arztes Anordnung während ihrer Krankheit abgeschnitten hatte , rang sich der laute Aufschrei : » Es ist vollbracht ! « aus ihrem Herzen empor , und sich weit über ihr Lager hinausbeugend , umschlang sie Seba ' s Leib mit ihren Armen , und ihr Antlitz auf den Knieen ihrer Pflegerin verbergend , weinte sie bitterlich . Mit der leidenschaftlichsten Sehnsucht rief sie nach dem Abbé und verlangte doch , daß man sie vor ihm beschützen solle . Sie beschwor dann Seba , mit ihr aus den engen Mauern dieses Klosters zu entfliehen , heimlich mit ihr fortzugehen aus dem fremden Lande und sie nach ihrer Heimath zu bringen , unter den Schatten ihrer eigenen Bäumen , an das Ufer des Flusses , der durch ihre Wiesen floß . Sie nannte sich bald eine mächtige Königin , bald eine Gefangene . Wer darf mich halten ? Wer hat Gewalt über mich , wenn ich frei sein will ? rief sie in wilder Heftigkeit und flehte im nächsten Augenblicke , daß man ihr ihre Seele wiedergeben solle , damit sie nicht wie ein Schemen unter den Menschen umherzuirren brauche . Das Fieber war im Abnehmen , aber die Vorstellungen der Kranken blieben verwirrt , und die Besorgniß , daß eine dauernde Störung der Denkkraft zurückbleiben könne , hielt diejenigen , welche an dem Schicksale Eleonorens Antheil nahmen , in angstvoller Spannung . Paul und Davide sahen es mit Sorge , wie Seba in der Frühe das Haus verließ und erst am Abende spät und ermüdet von der Kranken wiederkehrte ; aber sie wußten es , daß es vergebens sein würde , sie von den Liebeswerken abzuhalten , die sie als ihre Lebensaufgabe betrachtete . Ihr braucht mich nicht , sagte sie mit ihrer sanften Ruhe , wenn ihre Pflegekinder ihr doch bisweilen die Vorstellung zu machen versuchten , daß sie sich ihnen nicht so ganz entziehen , daß sie an sich selber denken , sich schonen solle . Ihr braucht mich nicht , denn Ihr seid glücklich . Ihr kennt Euren Weg und Euer Ziel ; dort aber ist ein armes , völlig verirrtes Geschöpf . Wie sollte ich anstehen , ihm die Hand zu bieten , damit es nicht verloren geht ? Wer wie ich sein eigenes Leben durch seine Schuld nicht zur reinen Schönheit gestalten , nicht zu einem in sich selbständig vollendeten machen konnte , der muß es für Andere zu verwerthen und nützlich zu machen suchen ; und Ihr wißt es ja , ich finde darin ein großes Glück . Vielleicht trägt die Natur den Sieg davon , vielleicht erhalten wir Eleonore dem Leben , vielleicht kann man sie sich selber wiedergeben . Sie ist so jung , sie ist ohne Liebe auferwachsen , und sie ist so schön ! fügte sie dann stets hinzu und ging voll hoffender Beharrlichkeit immer wieder an das Krankenbett zurück . Das Jahr war fast zu Ende , ehe Eleonore auch nur zu fragen anfing , wo sie sich befinde oder wer die Fremde sei , die neben ihrer alten englischen Amme an ihrem Lager weile ; und noch eine geraume Zeit verging , ehe sie zusammenhängend über sich zu denken , ehe sie ihre Gedanken wieder mitzutheilen im Stande war . Was der Beobachtung Seba ' s zuerst auffiel , war , daß Eleonore zwar an jedem Morgen und an jedem Abende mit tiefer Inbrunst betete , daß sie sich aber nie des Kreuzes dabei bediente , welches sie an einer goldenen , zugelötheten Kette an ihrem Halse trug ; und die Sonne schien schon wieder frühlingswarm auf die Erde herab , als die Genesende sich eines Tages erkundigte , ob es ihr geträumt habe , daß der Freiherr von Arten bei ihr gewesen sei , als sie erkrankt war . Man sagte ihr , daß ihre Erinnerung sie nicht täusche . Sie wollte wissen , weßhalb er nicht wiedergekommen sei . Als man ihr das Verbot des Arztes , irgend Jemanden zu ihr zu lassen , vorhielt , erkundigte sie sich , ob Seba vielleicht den Freiherrn kenne . Er hat mich zu Ihnen geholt , mein Kind , antwortete ihr diese . Sind Sie mit ihm verwandt ? fragte Eleonore . Nein , aber seine Mutter war meine Freundin , und als ich jung war , wie Sie jetzt , habe ich seine Mutter , die auch viel Kummer hatte , in meinem Vaterhause lange gepflegt . Eleonore gab sich damit zufrieden . Matt , wie sie es war , gehörten nur wenig Vorstellungen dazu , sie eine geraume Zeit zu beschäftigen , und erst nach langem Schweigen richtete sie sich ein wenig in die Höhe und sprach : Sie sagten , die Mutter des Freiherrn von Arten habe auch viel Kummer gehabt ; Sie wissen also , daß ich Kummer habe ? Ihre Worte , Ihre unbewußten Klagen haben es mir verrathen , entgegnete ihr Seba ; aber sorgen Sie Sich nicht darum . Was ich vernommen habe , hat mir Mitleid mit Ihnen , hat mir Liebe für Sie eingeflößt , und es ist bei mir wohl aufgehoben . Sind Sie katholisch ? forschte Eleonore weiter . Nein , ich bin eine Jüdin , antwortete ihr Seba . Eleonore sah sie ungläubig und wie erschreckend an , und als mache sie sich diesen Blick zum Vorwurfe , ergriff sie plötzlich die Hand ihrer Pflegerin und küßte sie zu wiederholten Malen . Seba hinderte sie nicht daran . Alles , was sie während Eleonorens langer Krankheit von Renatus über die Vergangenheit dieses Mädchens erfahren , alles , was Eleonorens Amme ihr über die Vorgänge in Haughton Castle gesagt , hatte Seba überzeugt , daß Eleonore einer völligen Umgestaltung ihres ganzen Wesens bedürftig sei , wenn sie nicht aus Verzweiflung über sich selber untergehen solle ; und wie man ein Kind langsam und allmählich auf die Begriffe hinführt , die man ihm zu geben wünscht , wie man es so leitet und führt , daß es sehen muß , was man es sehen lassen will , so langsam und so vorsichtig leitete Seba die Gedanken ihres neuen Pfleglings auf den Pfad , auf welchem sie Heilung und Rettung für Eleonore finden zu können hoffte . Weil sie selber sich gewöhnt hatte , das Leben eines Menschen in seinem ganzen Zusammenhange zu betrachten und Ursache und Wirkung einander gegenüber zu stellen , hatte sie die Kunst erlernt , sich es in den meisten Fällen klar zu machen , durch welche Umstände ein Charakter sich eben so und nicht anders gebildet habe . Noch ehe also ihre Kranke im Stande war , sich über sich selbst auszusprechen , wußte die feinsinnige Pflegerin , was Eleonoren von Jugend auf gemangelt hatte , und sann darüber in stillem Herzen nach , wie sie diesem auf den reichen und prächtigen Höhen des Lebens geborenen und erzogenen Mädchen den Segen zuwenden könne , der in der Hütte des Armen dem Kinde selten fehlt - den Segen der selbstlosen Liebe , die selbstlos lieben lehrt . Eleonore hatte ihre Mutter nicht gekannt , ihr Vater , der Marquis von Lauzun , war nicht der Mann gewesen , einem Kinde durch seine Hingebung die Mutterliebe zu ersetzen , und Arabella Warwell , zu deren strengen Grundsätzen und zu deren starkem Verstande Eleonoren ' s Mutter mit Recht ein großes Vertrauen gehegt hatte , war selbst eine Waise und in der Erziehung ihres Pfleglings von dem Gedanken geleitet gewesen , daß sie das verwaiste Mädchen vor allen Dingen dahin gewöhnen und bilden müsse , in sich selbst beruhen und den nachtheiligen Einflüssen widerstehen zu lernen , welche ihm von Seiten der Herzogin schon frühe drohten . Mit bewußter Absicht hatte ihre Erzieherin die junge Gräfin mißtrauisch gegen ihre Tante und gegen die Freunde derselben gemacht . Mit Geflissenheit hatte sie das ohnehin sehr selbstgewisse Mädchen darauf angewiesen , nur seinen eigenen Eingebungen , nur seinem eigenen Verstande zu folgen , und die glänzende Ausnahmestellung , in welcher Eleonore sich befand , die unausgesetzte Bewunderung und Huldigung , welche ihr von den Männern seit ihrem ersten Auftreten in der Gesellschaft dargebracht wurden , hatten die junge Gräfin mehr und mehr dazu verleitet , nichts zu begehren und zu bedürfen , als immer neue Nahrung für ihre eitle Selbstgenügsamkeit , immer neue Befriedigung für ihren ungemessenen Stolz . Ihre Erzieherin war in Folge einer Herzenstäuschung unvermählt geblieben , und wie sie , um sich für den Irrthum ihrer Jugend zu bestrafen , sich eben deßhalb zu einer unerbittlich scharfen Beobachterin gemacht hatte , war auch Eleonore durch sie gewöhnt worden , an die Menschen , und namentlich an die Männer , ideale Maßstäbe anzulegen und schonungslos über sie abzuurtheilen , wo sie diesen Maßstäben nicht entsprachen . Fräulein Warwell hatte gewünscht , Eleonore vor dem Mißgriffe zu bewahren , den sie selber einst begangen , als sie in einem geringen und unbedeutenden Manne die Eigenschaften zu finden geglaubt hatte , die sie in ihrem Gatten sich ersehnte ; und alles , was sie für ihre Pflegebefohlene damit erreichte , war die Erweckung des Glaubens gewesen , daß kaum ein Mann es werth sei , von einem edeln , reinen Frauenherzen mit voller Hingebung geliebt zu werden , daß nur selten ein Mann es verstehe , den Werth einer großen weiblichen Seele und das Opfer ihrer Hingebung zu würdigen , und daß es das höchste , ja , das einzige Glück des Weibes sei , den Mann zu finden , den es in Bewunderung lieben , den es über sich stellen könne , während er in jedem Augenblicke wisse , was diese freiwillige Unterordnung des Weibes von ihm fordere und ihm auferlege . Mitten in einer auf den äußern Lebensgenuß , auf Befriedigung ihres weltlichen Ehrgeizes gestellten Gesellschaft hatte Eleonore einsam da gestanden , in hoher Selbstüberschätzung von dem Leben die Gewährung und Erfüllung ihrer idealen und überspannten Ansprüche erwartend , nach Liebe dürstend und doch in keiner Weise darauf vorbereitet , sich an die Liebe liebend hinzugeben . So hatte der Abbé sie gefunden , und entschlossen , sich ihrer für seine Kirche zu bemächtigen , hatte er das traurige Werk ihrer Erzieherin vollendet , Eleonore ganz abzutrennen von dem Zusammenhange mit ihrer Umgebung , um sie sich desto leichter aneignen zu können . Daß seine Schönheit , seine persönliche Bedeutung Eleonorens Liebe für ihn erweckten , hatte er früh gesehen , früh zu benutzen gewußt ; selbst die Leidenschaft , die in ihm für die Gräfin erwacht war , hatte er seinen Zwecken dienstbar gemacht . Es hatte ihm das wollüstige Entzücken der Herrschsucht und den Genuß gewährt , den man empfindet , wenn man sich seinem Ziele nahe sieht , als er Eleonore , Dank seinen Rathschlägen , vom Hofe verwiesen , von dem Freiherrn , dem sie sich angetragen , verschmäht , völlig vereinsamt gefunden hatte ; und erst als sie , aufgegeben auch von der Gesellschaft ihres Heimathlandes , sich hülferufend an ihn gewendet , war er vor ihr erschienen , erst da hatte er das Kreuz mit dem Bilde des Gekreuzigten vor ihr erhoben und es ihr als die Zufluchtsstätte dargeboten , in der er und sie sich begegnen , er und sie sich in einer ewigen und ausschließlichen Liebe zusammenfinden konnten . Nicht aus Ueberzeugung , nur aus Leidenschaft für den Geliebten war Eleonore zu der katholischen Kirche übergetreten ; nicht eine Befriedigung ihres Herzens , nicht eine neue Beseligung hatte sie in dem Anschlusse an den Katholizismus gesucht , sondern nur ihn , den Geliebten , der in diesem Glauben seine Welt zu haben behauptete , ihn , der ihr verheißen hatte , sich nie von ihr zu trennen , wenn sie ihn zu suchen käme , wo er seines Lebens , seines Geistes , seines Wirkens Heimath habe . Und als sie nun zu seiner Kirche sich hingewendet , da hatte er sich ihr entzogen , da hatte er das junge Weib , das man gewiegt hatte mit allen Ansprüchen auf der Erde höchstes Glück und das sich in der Lage wußte , es einem geliebten Manne und sich selbst in jedem Augenblicke bereiten zu können , von sich gestoßen mit der grausamen Lust der Willkür , der einzigen Freiheit , die sein Eid ihm gönnte . Ich muß Dich fliehen , denn ich liebe Dich ! hatte er ihr gesagt . Willst du mich wiedersehen , willst Du mich nicht verlieren , so mußt Du alles daran setzen , was Du hast und bist , so mußt Du der Welt entsagen , wie ich es gethan habe , und eines unlöslichen Schwures Schranken müssen aufgerichtet werden zwischen uns , zwischen mir und Dir , denn wir sind Menschen ! Eleonore hatte ihm auch diesen Schwur geleistet ! Was hätte ihre Liebe dem Abgotte ihres Herzens versagen können , so lange er an ihrer Seite war , so lange sein Blick , sein Wort sie beherrschten und in ihre Bande schlugen ? Aber die Lebenslust in ihr war zu mächtig . Ihre Jugend , ihre Schönheit in der Gefangenschaft eines Klosters verblühen zu lassen , der Heimath , dem Ahnenschlosse ihrer Väter und vor Allem der königlichen Freiheit zu entsagen , deren sie sich theilhaftig gewußt und gefühlt seit ihrer frühesten Kindheit an , das war über ihre Kräfte gegangen . Auf ihren Knieen hatte sie den Abbé beschworen , sie von der Erfüllung des Eides zu entbinden , den er ihr auferlegt ; mit inbrünstiger Liebe hatte sie von ihm begehrt , sich begnügen zu lassen mit ihrem Gelöbniß , daß sie niemals einem Andern angehören wolle , und ihr Leiter und Führer zu bleiben in der Welt und in der Freiheit , denen zu entsagen sie sich nicht entschließen konnte . Sie hatte kein Gehör bei ihm gefunden . Voll Mißtrauen in die Zulänglichkeit der eigenen Kraft , mit dem festesten Glauben an die Gewalt von Eleonorens Liebe hatte er sie verlassen - sicher , daß sie ihm folgen werde , wohin er immer gehe , bis er sie hingeführt haben würde zu dem Altare , auf dem sie ihre Zukunft opfern und sich und ihren reichen Besitz der Gemeinschaft einverleiben sollte , der er angehörte , und deren Unerbittlichkeit er sich verfallen wußte , wenn er ihren Erwartungen nicht entsprach , wie er ' s verheißen , wie man es von ihm erwartet hatte . Seine Berechnung hatte ihn auch nicht getäuscht . Wie von einer Naturgewalt gezwungen , war Eleonore ihm nach Deutschland nachgeeilt , und noch einmal hatte er sich von ihr entfernt . Noch einmal hatte sie erkennen müssen , daß keine Gnade von ihm zu hoffen sei , und überwältigt von der Größe ihres inneren Kampfes war sie zusammengebrochen , ihrer selbst nicht länger mächtig . Es war Herbst gewesen , als die Krankheit sie ergriffen , das Bewußtsein sie verlassen hatte ; nun war es Frühling geworden . In einfacher Umgebung , unbewundert , von Niemandem beansprucht , fremd und in der Fremde , hülflos wie ein Kind , so lag sie da , und die warmen Sonnenstrahlen , die auf den Wänden wie die rieselnden Wellen eines lichten Stromes hin und wieder flossen , waren ihres Auges stille Freude . Sie war zufrieden , daß sie dieselben sehen konnte , daß sie noch athmete , daß der Erde dunkler Schooß sie noch nicht umfing . Eines Morgens , als die Sonne auch wieder freundlich in ihr Zimmer schien , trat in der Frühe Seba bei ihr ein und legte ein paar Veilchen auf ihr Lager . Es sind die ersten unseres Gartens , sagte sie . Meiner Pflegetochter Söhnchen hat sie gepflückt und sendet sie Ihnen mit einem schönen Guten Morgen . Eleonore nahm die Veilchen in die Hand ; ihr Duft , ihre Form , ihr ganzer Anblick schienen ihr wie neu . Sie drückte sie an ihre Lippen und die Thränen traten ihr in die Augen . Seba fragte , was sie so bewege . Es rührt mich , antwortete ihr Eleonore , daß hier in der Fremde Blumen für mich wachsen und daß ein fremdes Kind sie für mich pflückt . Lieben Sie die Kinder ? Welche Frage ! rief Seba . Wer sollte den Frühling , wer sollte die Hoffnung nicht lieben ? In tiefster , eigener Entmuthigung hat die Beschäftigung mit Kindern mich aufgerichtet , und noch heute , wenn ich mich niedergeschlagen fühle , brauche ich nur auf die schöne Zuversicht hinzublicken , mit welcher die Kinder in das Leben schauen , um zu begreifen , daß schon in dem bloßen Wollen , Streben , Hoffen ein Glück verborgen liegt . Und nun vollends der Gedanke , wie leicht man solch ein Kind erfreuen kann ! Diesen holden , genügsamen Geschöpfen gegenüber besitzen wir ja eine wahrhaft göttliche Allmacht ! Eleonore seufzte und kaum hörbar sagte sie : Ich habe nie ein Kind bei mir gehabt , nie mit einem Kinde gespielt , und keinem Kinde je etwas zu Lieb gethan . Armes Mädchen , sagte Seba , Sie sind eben einsam und ohne Liebe groß geworden ; Sie werden viel nachzuholen haben , wenn Sie erst genesen sind ! Eleonore schüttelte traurig das schöne bleiche Haupt , Seba brach von dem Gespräche augenblicklich ab ; indeß Eleonore blieb fort und fort mit dem Gedanken an den Knaben , der die Blumen für sie gesendet hatte , beschäftigt . Sie wollte wissen , wie alt er sei , sie wollte , daß Seba ihr beschreibe , wie er aussehe , und als diese von ihrer Uhrkette die Kapsel loslöste , in welcher sie das Miniaturbild ihres Lieblings trug , konnte Eleonore sich an dem blonden Lockenkopfe und an den hellen , braunen Augen des Kindes gar nicht satt sehen . Sie fragte nach des Knaben Mutter , nach seinem Vater , nach Seba ' s Verwandtschaft mit ihnen , nach ihrem Thun und Treiben , und Seba konnte es bemerken , wie die schlichte Darstellung dieses gesunden und beglückten Familienlebens die junge Gräfin , als etwas ihr völlig Unbekanntes , anzog und bewegte . Am Abende , da Seba sie , wie immer , verlassen wollte , hielt Eleonore sie zurück . Sie schien etwas auf dem Herzen zu haben und Scheu zu hegen , es zu offenbaren . Endlich , als Seba sich erkundigte , ob sie irgend etwas wünsche , was sie ihr gewähren könne , fragte die Genesende : War meine Krankheit von der Art , daß meine Nähe Andern Nachtheil bringen konnte ? Ist eine Ansteckung für diejenigen zu befürchten , die mich jetzt besuchen ? Seba verneinte es auf das bestimmteste . Da richtete sich Eleonore auf , ergriff die Hände ihrer Pflegerin und sagte : Sie haben so viel für mich gethan ; Herr Tremann und seine Frau haben mir so großmüthig durch alle diese langen Monate Ihre Pflege gegönnt , bitten Sie sie - Aber es war , als halte eine unbesiegliche Scheu sie von dem Aussprechen des Wortes zurück . Sie verstummte plötzlich , und erst als Seba ihre frühere Frage wiederholte , sagte Eleonore , während ein flüchtiges Roth ihre eingesunkenen Wangen färbte und ein verschämtes Lächeln ihren schönen Mund umspielte : Wenn es ihm nicht schadet , wenn es ihm gar nicht schadet , und wenn seine Eltern ihn mir einmal senden wollen - bringen Sie mir den Knaben mit ! Man hatte keinen Grund , ihr die Erfüllung dieses Wunsches zu verweigern , und Davide war so stolz auf ihres Knaben Schönheit , daß sie sich ein Fest daraus machte , ihn auch von Andern bewundert zu sehen . Schon am nächsten Tage also führte Seba ihn der Kranken zu . Der Kleine war keines der Kinder , die durch eine fremde Umgebung befangen werden . Wo er nur einen der Seinen bei sich hatte und man ihn gewähren ließ , war er zu Hause oder setzte er sich mit seinen schnellen und bestimmten Fragen doch sehr bald zurecht . Eleonore , die des Deutschen nur wenig mächtig war , verstand den Knaben kaum , der noch unzusammenhängend sprach , aber sein bloßes Dasein war ihr eine Freude . Sie vergaß sich völlig , wenn sie zusehen konnte , wie er sich tummelte , sie strengte sich an , zu errathen , was er wolle , sie ließ aus ihren Koffern hervorholen , was ihn freuen , ihn einen Augenblick beschäftigen konnte , und wenn es geschah , daß der Knabe sich mit einem Worte , mit einem Verlangen an sie wendete , wenn es ihr gelang , ihn neben sich festzuhalten , so glänzte ein Ausdruck des Vergnügens in ihren Augen , der Seba rührte , weil er bei Eleonoren fast jedes Mal der Vorbote eines Seufzers und jener Schwermuth wurde , die sie bis dahin nicht verlassen hatte . Kein Tag verging seitdem , ohne daß man ihr den Knaben brachte ; bald konnte auch Davide mit ihm bei Eleonoren verweilen , und man konnte daran denken , die Genesende an einem warmen Mittage in den Tremann ' schen Garten fahren zu lassen , damit sie in Ruhe und Stille sich der Luft erfreue . Die verschiedenen Familienmitglieder leisteten ihr dabei abwechselnd Gesellschaft . Man holte ihr , weil sie es wünschte , das Töchterchen herbei , welches Davide ihrem Manne im Laufe des Winters geboren hatte , und obschon Eleonore noch sehr matt war , verlangte sie , daß man ihr den Säugling geben , daß man das schlafende Kind auf ihren Knieen ruhen lassen solle . Sie sagte nicht , was in ihrem Herzen vorging , aber es war für die sie beobachtende Familie kein Räthsel . Man ließ sie still gewähren , sie war Allen bereits werth geworden . Davide , deren Mutterherz sich zu Eleonoren um der Liebe willen hingezogen fühlte , welche diese ihren Kindern entgegenbrachte , that schon nach wenig Tagen ihrem Gatten und ihrer Pflegemutter den Vorschlag , daß man die Gräfin ganz in ihr Haus übersiedeln möge , wo sie besser als in dem Gasthofe aufgehoben sein würde ; indeß wider ihr Erwarten wies Paul vorläufig diesen Vorschlag noch zurück , und zu noch größerem Erstaunen der jungen Frau stimmte Seba ihm in seiner Meinung bei , daß es noch nicht an der Zeit sei , Eleonore von dem traurigen Gefühle ihrer Vereinsamung zu befreien . Sie waren beide der Ansicht , man müsse der Gräfin Zeit zur Einkehr in sich selber lassen . Daß sie es bereue , zum Katholizismus übergetreten zu sein , daß ihr Freiheitssinn vor dem Eide zurückschrecke , mit dem sie sich vor dem Abbé gebunden hatte , und das mit der beglückenden Empfindung des Genesens ihr Widerwille gegen den Eintritt in ein Kloster nur gewachsen sei , davon hatten verschiedene , ganz beiläufige , ganz unwillkürlich gethane Aeußerungen der jungen Gräfin Seba überzeugt . Es gab sich fast bei jedem Anlaß kund , wie schwer Eleonore es fühle , den alten Anhalt ihres Daseins verloren und keinen neuen , ihr genügenden dafür gefunden zu haben . Als Seba ihr angeboten , Miß Warwell herbeizurufen , hatte die Genesende dies abgelehnt . Ich habe mich freiwillig von ihr geschieden , sagte sie , und ihre in jedem Betrachte unduldsame Strenge kann und wird mir nicht verzeihen , was ich gethan habe . Sie ist abhängig von ihren vorgefaßten Meinungen , abhängig von Ueberzeugungen , die sie auf Treu und Glauben angenommen hat , abhängig auch vor allen Dingen von der Ansicht und dem Urtheile ihrer Umgebung . Ich habe mich losgesagt von ihr