den Galeren lebte , ist in unsere Gegend gekommen und hat sich sogleich bei seinem ersten Auftreten in seiner ganzen Gefährlichkeit gezeigt . Auf einem Kirchhof hat er einen Sarg erbrochen . Ein halbes Jahr hat er dann verstanden , sich in unserer Stadt an einem noch unbekannten Orte verborgen zu halten . Bei den Unruhen , die noch täglich in unserer Stadt über die Verhaftnahme des Kirchenfürsten sich wiederholen , wurde auch er bemerkt und ohne Zweifel steht er im Solde Nück ' s , dieses verschlagenen , heimtückischen Menschen . Hammaker , der uns allerdings seit Jahren das Nück ' sche Treiben beaufsichtigte , wollte erfahren haben , daß dieser Kerl in Eure Gegend gehen würde , um daselbst etwas auszuführen , was Hammaker nicht zu wissen behauptete . So viel weiß ich , daß Jean Picard oder Jan Bickert ( Hubertus stockte im Lesen und hielt sich an den vorstehenden Zweigen eines Busches ) auf dem Wege in Eure Gegend ist , reich ausgestattet mit Geld . Suche auf Grund des nachfolgenden Signalements hinter eine mögliche Verkleidung zu kommen : Jean Picard ist gegen fünfzig Jahre , spricht schlecht deutsch , gut französisch , holländisch , hat mittlern Wuchs , röthliches Haar und eine stark orientalische Physiognomie . Auf seinem linken Arm befindet sich das Zeichen der französischen Galeren T.F. ; auch soll sich , wie von der Verwaltung der Galeren in Brest geschrieben wurde , der holländische Verbrecherstempel ( Hubertus starrte der Abbildung des Zeichens ) auf ihm eingebrannt finden . Schließlich mach ' ich Dich aufmerksam , daß auch soeben in größter Eile von hier eine Dir vielleicht von früher her nicht unbekannte Dame Lucinde Schwarz auf Witoborn gereist ist . Beobachte die Schritte derselben ! Um so mehr , als ich vermuthe , daß ihre plötzliche Abreise im Zusammenhang mit irgendeinem wahrscheinlich auf Nück ' s Anstiften bezweckten Unternehmen des Jean Picard steht . Lucinde Schwarz wird Dir dicht in der Nähe sein und bei einer Frau von Sicking wohnen , an die sie von hier aus empfohlen ist . Beobachte sie und ihren Umgang und laß besonders das Schloß Westerhof bewachen , da ich eine Ahnung habe , daß sich gerade dort etwas ereignen könnte , was nicht in der Ordnung ist ! Lieber Vater , in Eile ... Dein treuer Sohn E. « Schon auf eine bloße Anerkennung der vortrefflichen Handschrift des Briefes hin konnte der Mönch ihn ganz an sich nehmen und behalten ... Seine knöcherne Hand zitterte , als er den Brief in seine Kutte steckte ... Er , der sonst so schnell Gefaßte , hatte die Besinnung verloren ... Denn seit Monaten suchte er ja zwei Menschen , deren Andenken ihm in dem Augenblick aufs lebhafteste entgegengetreten war , als er die Anzeige erhielt , eine ermordete Frau hätte ihm ein Vermögen von zwanzigtausend Thalern hinterlassen ... Längst hatte er der Erinnerung an jene Entsetzliche sich entwöhnt ... Sein Leben lag ihm nur noch im flüchtigen Augenblick ... Nur in Gesprächen mit dem Pater Sebastus tauchte zuweilen ein altes buntes Bild verklungener Tage auf ... Sebastus sagte noch kürzlich in seiner Krankenzelle zu ihm : Hubertus ! Sie müssen in Java gelernt haben Liebestränke brauen ! Gewiß hatte die Frau einen Trank von Ihnen gekriegt ! Denn zeitlebens dachte sie nur an Sie und ich will nicht hoffen , fuhr Sebastus fort , daß Ihre Erbschaft das Ergebniß einiger Giftmorde ist , in denen ihrerseits Frau von Buschbeck ihre Force gehabt haben soll ! ... Hubertus , hocherstaunend , lehnte die Antretung der Erbschaft nicht ab ... Die grausame Zerstörerin seines Lebensglücks war durch die Hand jenes Mannes gefallen , der ihn einst in jenen Convict begleitet hatte , wo er am Pater Fulgentius ein so ernstes Strafgericht gehalten , indem er den , der den Tod zu lieben vorgab , auch wirklich nicht verhinderte aus dem Leben zu gehen . Damals noch war dieser hingerichtete Jodocus Hammaker ein junger Mann von Bildung , von Talent gewesen , ein Mann von angenehmen , gefälligen Formen ... ... Wie , hatte er gedacht , wie hatte ein solcher Mann so verwildern , so zum Mörder werden können ! ... Das weckte ihm sein eigenes vergangenes Leben , eine Jünglingszeit , wo auch er am schaudervollen Rande des Verbrechens so gefahrvoll für seine Seele dahingeschritten ... Gedenkend des Tages , als er dem Mörder Jodocus Hammaker im Klostergarten von seiner Vergangenheit , von seinem Sprung aus einem brennenden Hause erzählte , kam ihm mit wehmuthvollen Klängen die Erinnerung an die beiden Kinder , die damals seiner Obhut anvertraut gewesen , diese Kinder , die Gott durch ein Wunder , durch seinen Muth errettet wissen wollte , diese Kinder , von denen er sich , als man ihn nach Java schickte , mit so bitterm Kummer seines jungen Herzens getrennt hatte ... Wo mochten sie wol sein ? ... Das beschäftigte den » seltsamen Heiligen « in seiner Klostereinsamkeit wie schon sonst seit Jahren , so jetzt aufs neue und lebendiger denn je ... Was war aus ihnen geworden ? ... Wie , wenn sie im Elend , auf dem Weg des Verbrechens lebten ? ... Er erhielt diese ansehnliche Summe ! Er mochte sie seinem Kloster nicht geben , seitdem der ihm und allen verhaßte Pater Maurus Guardian und sogar Provinzial geworden ... Wie , dachte er , wenn ich das Geld annähme , meine alten Pflegebefohlenen zu entdecken suchte und es ihnen zukommen ließe , falls sie ' s bedürfen sollten oder dessen würdig wären ? ... Diese Vorstellung erfüllte den Greis mit solcher Lebhaftigkeit , daß er in der Einsamkeit der Klöster , auf den Wanderungen , die er im Auftrag des Provinzials zu machen hatte , stündlich darauf zurückkam : Wo lebt wol Wenzel von Terschka ? Wo Jean Picard ? ... Vor einem halben Jahr hatte er auf einer dieser Wanderungen die Nachricht über jene Erbschaft zuerst empfangen ... Gerade war er in Ordensaufträgen in Belgien gewesen , ging nach Holland , kam eben aus Gröningen zurück , hatte von Jean Picard nichts vernommen , als daß er nach einer Reihe von Jahren von Brest fortkam und in Paris verschollen sein sollte ; von Wenzel von Terschka nichts , als daß er nach seinem Unfall in Amsterdam nach der Schweiz und von dort nach Italien gegangen war ... Nun begegnete er plötzlich vielleicht beiden ! ... Hier ! Hier - dem einen in einer vornehmen , glänzenden Stellung ! Dem andern auf dem längst von ihm geahnten Wege des Verbrechens ! ... Wenzel von Terschka war allerdings ein Name , der , wie er schon gehört hatte , in Böhmen so häufig war , wie die Namen Wilhelm von Schulz oder Heinrich von Schmidt in Deutschland sein könnten ... Aber die seltsame Aehnlichkeit der Züge mit denen jenes Kindes , das er bis zum fünften Lebensjahre gekannt hatte , als er an der einsamen Mühle des Müllers Sterz , dann bei einem Scharfrichter zwischen Zütphen und Deventer mit den Knaben lebte ... Allerdings , dieser vornehme Cavalier , der in so geheimnißvoller Weise heute mit dem Pater Maurus eingeschlossen war - im einsamen Bibliotheksaale des Klosters , der für diesen Zweck eigens hatte geheizt werden müssen - dieser stand ihm keine Rede , lehnte jede Frage nach seiner Geburt und Jugend und nach Angehörigen seiner Familie ab ... Jetzt aber - wirklich Jean Picard ! Der lebte ! Lebte hier ! ... Ein Mann mit dem Verbrecherstempel , den er auf Terschka ' s linkem Arm bei der Jagd hätte entdecken mögen ... Und um so mehr ! Diesem Picard gesellte sich der Name jener Lucinde , die er auf dem von ihm gemiedenen Schloß Neuhof selbst zwar nie gesehen hatte , die er aber in allem kannte , was sie dem armen , gebrochenen Pater Sebastus , dem weiland Doctor Klingsohr , so werth gemacht hatte und noch machte ... Auch sie in der Nähe ! ... Sie , um derentwillen Sebastus noch jetzt in seiner Strafzelle klagte ... um derentwillen er , vor seiner Rückkehr aus Holland , mit einigen Fremden , die ihn besuchten , eine Flucht verabredet hatte ... Sie in Verbindung mit Verbrechern ! ... Unmöglich , unglaublich ! ... War sie in der That bei jener vornehmen Frau von Sicking , so beschloß er , soweit ihm die Ueberraschung , soweit ihm die Sorge um den Kranken , den er führte , jetzt schon einen Entschluß , den er zu fassen hatte , möglich machten , zunächst Lucinden aufzusuchen , ihr diesen Brief zu zeigen , ihr nach Jean Picard Fragen vorzulegen , ihr die Pflicht vorzuhalten , ihn jetzt zu unterstützen , soweit seine Kraft reichte , Verbrechen zu hindern , in denen dieser Unglückliche nur zu heimisch zu sein schien ... In solchen Stimmungen , solchen Aufregungen und Ahnungen gewaltiger Conflicte mit seinem Klosterfrieden verlor er um den Kranken , den er führte , die Obhut , und Sorge nicht aus dem Auge ... Das seltsame Paar hatte den Wald verlassen und entfernte sich von dem immer mehr verklingenden Lärmen der Jagd ... So manches Reh war an ihnen vorübergesprungen ... In den kahlen Zweigen der Bäume rauschte es von den aufgescheuchten Bewohnern derselben ... Schon war es Ein Uhr ... Die Jagd dauerte bis gegen Untergang der Sonne . An einer bestimmten Stelle waren die Vorbereitungen zu einem Imbiß im Freien getroffen . Vor fünf Uhr rechnete man nicht auf die dann im Schloß zu genießenden Leistungen der gräflich Münnich ' schen Küche , während bis dahin die sich ansammelnden Damen der Jäger von Püttmeyer ' s Transparentbildern unterhalten werden sollten ... Immer ruhiger , immer stiller und hinfälliger wurde der Landrath . Hubertus mußte bedacht sein , den Frierenden , fieberhaft Zitternden unter Dach und Fach zu bringen ... Der Regen mehrte sich . Auf dem an manchen Stellen spiegelglatten Boden war kaum noch fortzukommen ... Kaum hielt sich der Landrath noch aufrecht ... Hubertus mußte mehr ihn tragen als führen ... Der Wille des Kranken , aus Ueberreizung zur Ohnmacht Zusammensinkenden , Zähneklappernden äußerte sich nur noch durch Zeichen ... Ein so unendlich wehmüthiger Ausdruck war trotz der entstellten und beschmutzten Gesichtszüge aus ihnen herauszulesen , daß man wohl annehmen konnte , dem leichtsinnigen , ehrgeizigen Manne hatten die fortgesetzten Kränkungen seines Ehrgefühls , die er nun schon seit Jahren und besonders seit den letzten Monaten erfuhr , das Herz gebrochen . Der dem Walde nächste Kamp war dem Mönche als der armseligste in ganz Borkenhagen bekannt ... Hier wohnten jene im Kirchenbann befindlichen Aeltern Hedemann ' s ... Daß gerade auch der Landrath es gewesen , der diese mit ins Elend gebracht hatte , wußte Hubertus ... Er sah sich in der Gegend um ... Niemand war da , der ihm den ohnmächtigen Mann abnehmen und in ein Obdach tragen konnte , das er als Angehöriger der Kirche nicht betreten sollte ... Er wagte jedoch die Sünde auf Rechnung der vielen , die er bald zu beichten haben würde , wenn er fortfuhr nach den Eingebungen zu handeln , die nun plötzlich durch Nennung des Namens Terschka und den Brief , den er in seiner Kutte trug , seinen ganzen Menschen erfüllten ... Eine kleine Anhöhe ging es hinauf , die zu dem Erbe Hedemann ' s führte , zu den Alten , die für die Bestellung desselben seit Jahren nichts mehr gethan hatten ... Da lag ihnen schon das Staket , das sonst das wie tief in die Erde gekrochene Haus einfriedigte , in einzelnen Theilen im Wege ... Am Brunnen , den kein Stroh vorm Erfrieren des Wassers schützte , lagen die Eimer leck oder eingefroren ... Eine Leine hing von einem der wenigen noch umstehenden Bäume zum andern ; einige weiße Fetzen an ihr , aussehend vor Frost wie Vogelscheuchen , die gespenstisch im Winde flatterten ... Aus dem Hause drang ein blauer stickiger Qualm . Die Thür stand offen ; ein Birkenstamm versperrte den Eingang , der vor Rauch kaum zu gewinnen war ... In der Küche am Herd saßen auf dem im Kamin brennenden Baum die beiden Alten . Hedemann ' s Mutter spann , der Vater schnitt Dauben und Klammern - ein Erwerb , den er auf Drängen des Meyers ergriffen , als der Sohn in der Fremde nicht ahnte , wie übel es mit den Aeltern stand ; ein Erwerb , den er fortsetzte , obgleich er nun es nicht mehr nöthig hatte ; ein Verlassen oder Verbessern ihres Kamps konnte Hedemann zwar ebenso wenig bewirken , wie ihnen eine Bequemlichkeit durch eine Magd oder einen Knecht anbieten ... am Nöthigsten aber fehlte es ihnen nicht mehr ... Der Mönch wußte schon , daß er keinen Gruß bekam , daß ihn ein dumpfes Murmeln hinwies , sich das zu nehmen , was er begehrte ... Selbst der ungewohnte Anblick , ein Mönch , der einen kranken vornehmen Herrn , den Landrath selbst , hereintrug und auf einen Futterkasten setzte - der Landrath fieberte und war besinnungslos - nichts konnte diese Leute aus ihrer welt- und menschenscheuen Fassung bringen ... Die Alte spann , der Greis schnitt seine Dauben ... Hubertus fand jedoch Hülfe ... Wie er an den Herd gehen wollte , um den großen Kessel abzuhenken , in dem sich immer in diesen Bauernhäusern das heiße Wasser befindet ( er hoffte Butter und etwas Brot zu finden , um dem Kranken eine Suppe zu bereiten ) , bemerkte er in der gespenstischen Stille eine dritte Person in der Ecke des Kamins . Ein Mann saß da , über ein Buch gebeugt , in dem er las . Wie aus einem Traum erwachend fuhr der Leser auf und sah erst jetzt , was während seiner Zerstreuung geschehen war ... Den Landrath erkannte Remigius Hedemann sogleich ; denn dieser war es , der hier bei seinen Aeltern gesessen und inzwischen in seiner Lectüre sich nicht hatte stören lassen ... Er las in einer italienischen Bibel ... Was ist das ? fragte er , sich erhebend und voll Staunen den Rittmeister von Enckefuß betrachtend . Hat der Landrath ein Unglück gehabt ? Der Mönch erklärte in Kürze den Zustand des Leidenden und bat , sich seiner annehmen zu wollen ... Er wollte indessen , nach weiterer Besinnung , lieber zurück auf Münnichhof und den Diener des Landraths rufen mit einem Wagen , der den Unglücklichen nach Witoborn in seine Wohnung führen könnte ... Nun half Hubertus dem unerwarteten Beistand , den er gefunden , um den Besinnungslosen auf ein Strohlager zu tragen ... Sein Auge fiel dabei auf das starke Buch in kleinem Format . Er hielt dessen Sprache für Latein und drückte sein Erstaunen aus über die Gelehrsamkeit , die Hedemann aus Amerika mitgebracht ... Da ist es kein Wunder , sagte er , daß Ihr in Witoborn Papier machen wollt ! Lächelnd erwiderte Hedemann : Thut Buße und ihr werdet die Gabe des Heiligen Geistes empfangen ! Im Anordnen des Ruhelagers erwachte der Landrath , besann sich jedoch weder auf die Lage , in der er sich befand , noch auf die Personen , die ihn umgaben . Seinen Bedienten verlangte er und seinen Pudel . Den letztern sah er deutlich vor sich und lachte , wie kahl er den Kerl geschoren hätte ... Er hielt die Finger spielend in die Höhe , als ließe er die Flocken durchgleiten , die er dem Thier kürzlich weggeschnitten ... Es waren die bekannten Geberden eines Sterbenden ... Hubertus versprach , Hülfe so schnell wie möglich zu schicken ... Thut wohl euerm Feinde und so ihn hungert , speiset ihn ! sagte auch er mit Bibelworten , das Verhältniß des Landraths zu dieser Hütte andeutend ... Zu seinem eigenen Nachtheil hatte ja der leichtsinnige Landrath diese Leute einst in ihrem patriarchalischen Glauben an die Heiligkeit des geweihten Priesterthums irre gemacht ... Hedemann nickte diesem Wort , warf einen Blick auf die Kleidung des Mönchs und sagte , zunächst wol nur mit einer Andeutung des Kirchenbanns , in dem seine Aeltern lebten : Darin sind wir ja einig ! ... Der Landrath blieb bei seinen Feinden ... Hedemann pflegte den Sterbenden und gedachte jenes Tags nicht mehr , wo ihn und Porzia Biancchi dessen Sohn beleidigt hatte im Wirthsgarten der Landstraße von Sanct-Wolfgang nach Kocher am Fall ... Seine Mutter spann ; sein Vater schnitzelte Dauben ... Während Hubertus , beruhigt jetzt über das nächste Schicksal des Landraths , dessen Diener und Wagen auf Schloß Münnichhof zu suchen eilte und überlegte , wie er in Witoborn es versuchen wollte , sich bei Frau von Sicking einzuführen ; während er überlegte , wie er Schloß Westerhof umspähen , Jean Picard entdecken , ihn vielleicht an einem Verbrechen hindern sollte - hatte sich auf Schloß Münnichhof immer zahlreicher jener Kreis der Damen gemehrt , die gleichfalls von Runen und von Zeichen , gleichfalls von Kreuzen und von Rädern sich ergreifen lassen wollten , freilich in einem andern Sinne , als der unbekümmert um Schnee und Regen dahinschreitende , tief den Todtenkopf in seine braune Kapuze hüllende gute alte Laienbruder ... Die Simultankirche , worin wir alle zu Einem Gott beten , war in einer Bauernhütte geweiht durch Nächstenliebe und vielleicht im Schloß des Grafen durch einen Denkergeist ? Doctor Laurenz Püttmeyer erschien gegen drei Uhr auf Schloß Münnichhof so feierlich , wie wenn er die erste Vorlesung auf dem endlich ihm überlassenen Lehrstuhl Hegel ' s zu halten gedächte ... Noch kunstvoller als neulich hatten die Musen und Grazien von Eschede die Schleife seines weißen Halstuchs gebunden ... So gründlich rasirt war er , daß man der Meinung hätte sein können , die Natur hätte ihn in das Geschlecht der Blaubärte versetzen wollen ; denn offenbar war er mit dem frisch rasirten Kinn in die Kälte gegangen , wovon der Mensch bekanntlich blau wird ... Auf der sauber gefältelten Hemdauslage strahlte eine echte Brillantnadel ; die weiße Weste , obgleich etwas gelblich durch zu langes Kommodenliegen , war mit einer schweren Uhrkette garnirt ... Die elegantesten gelben Handschuhe , die nur in Eschede waren aufzutreiben gewesen , saßen , wenn auch mit etwas zu langen Fingern , doch das Feierlichste versprechend , auf seinen Händen , die heute das Ewige , das Unergründliche hinter ölgetränktem Papierrahmen sichtbar und anschaulich machen wollten ... Alles was der Doctor jener Curatel , unter der er stand , hatte abtrotzen können , schmückte ihn heute , auch der große Siegelring mit einem prächtigen Karneol , der freilich unter dem Handschuh etwas die Naht gesprengt hatte ... Von einigen zwanzig vornehmen Damen wurde er mit jenem ironischen Lächeln begrüßt , das die vornehme Weltbildung dem der höhern Lebensformen ungewohnten Gelehrten immer bereit hält . Indessen war dies Lächeln , wenn auch satyrisch , doch nicht boshaft . Man ließ die hohe Wissenschaftlichkeit des Doctors um so mehr gelten , als man ja in ihm eine eigenthümliche , unter den besondern Bedingungen dortiger Landschaft stehende Denkergröße besaß . Seine mathematische Philosophie interessirte Jung und Alt in den gewählten , hier die übliche Landstraße deutschen Dichtens und Denkens gänzlich vermeidenden Kreisen und er schätzte sich glücklich , heute einen kurzen Ueberblick seines Systems den vornehmsten und angesehensten Damen der sonderthümlichsten Gegend des deutschen Vaterlandes geben zu können . Die Gräfin Münnich versicherte dem Denker von Eschede , daß er in dem jenseit des hohen Ahnensaals liegenden Zimmer bereits alle Vorbereitungen getroffen finden würde , die er in einem umständlichen Kanzleischreiben an die Frau Gräfin sich erbeten hatte : Ein dunkles , ganz verhangenes Zimmer , ein Gerüst , einige Näpfchen mit Oel , eine große Flasche Spiritus . Das Uebrige brachte er selbst mit und bat sich nur die Erlaubniß aus , vorläufig die Vorbereitungen treffen zu können , bis er die hochgeehrten gnädigsten Damen abrufen würde ... Diese Spannung währte nicht lange . Bald wurden die Damen abgerufen und paarweise schritten sie dem glücklichen Seher nach . Lachend und doch beklommen ging es durch den Ahnensaal , wo schon aufs einladendste die Tafel zum großen Jagdbanket gedeckt wurde ... Püttmeyer war so erfüllt von seiner Aufgabe , daß ihm völlig entging , wer unter den Damen zugegen war ... Es waren jüngere und ältere , hohe und kleinere Gestalten , alle in gewählter Kleidung , mit Trauerzeichen alle - um den Kirchenfürsten ... Paula , Tante Benigna , Armgart - sie alle glaubte Püttmeyer zu sehen ... So verwirrt war er , daß er eine Gräfin und Freifrau mit der andern verwechselte ... Noch brannten in dem Zimmer , das sie alle betraten , einige Kerzen ... Man mußte sich wenigstens orientiren können , wo man Platz nahm ... Als dies geschehen , erloschen auch diese Kerzen und alles war stichdunkel ... Kichernd und scherzhaft um Ruhe zischend und sich räuspernd saßen die vornehmen Frauen ... Püttmeyer rumorte , wie ein Puppenspieler , hinter einem großen transparenten Rahmen , der sich allmählich zu erhellen begann ... Zuweilen schien ihm eines seiner Lichtchen umzufallen ... Die Gräfin rief dann , ob er nicht Beistand nöthig hätte ? ... Nein ! nein ! Meine Allergnädigste ! antwortete er ... Dennoch hörte man ihn entweder mit sich selbst oder mit einem Gehülfen sprechen ... Eine zarte , schüchterne Stimme schien die des letztern zu sein ... Himmel ! hätte Armgart , wenn sie hier gesessen hätte , gewiß gedacht , vielleicht - steckt Angelika hinten , die glückliche Angelika ! Wenn sie diesen Augenblick , diese hohe Anerkennung ihres Geliebten erlebte ! Das Zimmer war überheizt und die Damen bekamen schon eine eigenthümliche Exaltation von den Ausströmungen des Ofens ... Nun mischte sich noch Weihrauchduft in den frühern , der etwas stark auf Verbrauch von Oel und Spiritus schließen ließ ... Die Stimmung wurde immer erregter ... Man schwieg jetzt schon deshalb , nur um sich beherrschen zu können , und harrte der kommenden Dinge ... Endlich klingelte Püttmeyer und mit einer nach Festigkeit ringenden Stimme sprach er : Meine hochgräflichen - hmhm ! - und hochfreiherrlichen Gnaden ! - Hmhm ! - Ich bin glücklich - den Entwickelungsgang meines Systems Ihnen in einer Reihe von Bildern so anschaulich machen zu können , daß Sie selbst prüfen mögen , ob wol meine Lehre - hmhm ! - Ihre überzeugte Zustimmung findet ! Denken Sie dabei nur immer , daß das , was in Gott Ein Moment ist , im Denken - durch Raum und Zeit seine - hmhm - Ruhepunkte haben muß ! Auch unser - hmhm ! - christlicher Glaube zerlegt Gottes Größe in ein Vorher und Nachher ; denn wie würden wir sonst die Lehre von den - hmhm ! - sieben Schöpfungstagen haben ? Ein Murmeln der Zustimmung ging durch den Saal ... Dann folgte tiefste Stille ... Die Weihrauchdüfte mehrten sich und jetzt begann sogar zu aller Ueberraschung etwas völlig Unerwartetes , eine ganz wunderbare Musik ... Wo kam diese Musik her ? Leise anschwellend hoben sich die Töne wie auf Aeolsschwingen . Was hatte der Zauberer von Eschede für ein Instrument mitgebracht ? Es war keine Flötenuhr , kein Klavier , keine Orgel ... Es war von allen etwas ... Das Zimmer bebte von Wohllautsschwingungen , die die Luft zur klingenden machten ... Brausend schwoll es an , so mächtig und doch dann wieder so lind und lieblich , daß davon die ganze Seele erfüllt sein durfte ... Und Niemand war erstaunter , als die Gebieterin des Schlosses selbst , die nicht hoch genug versichern konnte , daß sie kein Instrument besäße von solcher Wirkung , ja das eben vernommene nicht einmal zu nennen wisse ... Wenn Püttmeyer Orphische Urworte lehren wollte , konnte die Vorbereitung des Gemüths nicht mächtiger getroffen werden ... Als die Töne verklungen waren , einer immer sanft dem andern sich entwindend , da erblickte man plötzlich die ganze Transparenttafel azurblau und aus dem tiefsten Grunde sei ' s des Himmels oder des Meeres entwickelten sich leise Schatten , die allmählich die Form einer Unzahl sich durcheinander rollender und sich einander durchschneidender Kreise annahmen ... Püttmeyer sprach mit erhöhter Begeisterung : Musik ist das Leben des Alls ! Denn - das All besteht aus zersprengten - Atomen , die - sich suchen , sich finden - sich abstoßen , verfolgen ! - Sehnsucht und Liebe , demzufolge auch Abneigung - hmhm ! - und Haß - ist die Seele des Alls ... Die Kreise bewegten sich auch theilweise zurück und es entstand ein Chaos so flimmernder Schatten , wie wenn das geschlossene Auge im Blutandrang ein Durcheinanderwirbeln von zahllosen Staubatomen sieht ... Dazu begann das seltsame Instrument in lebhaftern Rhythmen eine entsprechende Begleitung ... Nicht schrill oder in mistönender Malerei - seinem Wesen entsprachen nicht so grelle Ausdrucksformen - wol aber in Klagelauten , wie aus der tiefsten Tiefe des Schmerzes und aus der wehmüthigsten Verkennung der Liebe empor ... Inzwischen schilderte Püttmeyer das aus dem Wirbeln der Atome sich ergebende Streben alles Geschaffenen und des Denkens über alles Geschaffene zum Kreise und die Transparenttafel verwandelte sich allmählich in einen lichten Kreis , die blaue Farbe ging in eine rothe über ... Die Frauen beanstandeten nicht im mindesten , was Püttmeyer , in immer flüssiger gewordener Rede , über das Symbol der Liebe , über den Ring , über die Schlange , selbst über die Schlangeneier sprach ... Das Auge sah in allem nur die herrlichsten Fata Morganen der Ahnung ... Ueber die Musik , die zuweilen schwieg , hatte sich jetzt von einigen Damen , die eingeweiht waren , herumgeflüstert , daß sie auf einer Ueberraschung beruhte , die man der Gräfin bereitet ... Mit dem protestantischen Pfarrer Huber war jenes schöne alte Instrument , die Harmonica , nach Witoborn gekommen und , wie der Sinn der Frauen nun einmal ist , bald hatte sich verbreitet , daß dies Instrument zwar in der Art , wie man es handhaben müsse , nicht eben schön zu nennen wäre , in seiner Wirkung aber nur höchstens von dem seelenvollen Schmelz des Violoncells erreicht würde ... Jedermann begehrte es zu hören ... Man wußte , der » Pfarrer « , die » Frau Pfarrerin « - wenn diese heiligen Worte so zu gebrauchen nicht Entweihung war - die schon herangewachsenen - » Kinder « desselben spielten jenes Instrument mit großer Fertigkeit ; aber weder des Mannes Haus zu besuchen war den hiesigen Verhältnissen angemessen , noch auch der » Würde « desselben zuzumuthen , daß er selbst oder seine Angehörigen sich mit seinen Leistungen bei ihnen hören ließen ... Um so größer die Ueberraschung , daß Püttmeyer das Allersehnte möglich gemacht hatte ... Schon erzählten die Flüsterworte , daß die Verehrerinnen des Doctors in Eschede diese musikalische Illustration der Philosophie ihres Schooskindes zu seinem größern Effecte durchgesetzt hätten , sie , die Armgart - in ihrer Voreiligkeit mit Kaffeekannen und Strickstrümpfen verglichen hatte ! ... Der » Prediger « , wie man hier zu Lande Herrn Huber lieber nannte , hatte zu dem Vorschlag gelächelt , als er an die ihm schon durch seinen frühern Pflegbefohlenen , den Freiherrn Jérôme von Wittekind , bekannte Philosophie der Drechselbank erinnert wurde ; er hatte eingewilligt in den Transport des Instrumentes und es heute mit Püttmeyern in einem verdeckten Wagen und sogar mit seiner Tochter abgesandt , die in der Kunst dies Instrument zu spielen ihn und seine Gattin schon übertraf ... Püttmeyer empfand nicht die Genugthuung , die seinem verketzerten Werke : » Christus und Pythagoras « , durch diesen jetzt gern gesehenen Bund mit den Ketzern wurde . Ach , er war schon zu sehr in seiner steten Furcht vor Sakramentsentziehungen , dann auch in seinem Magisterium eingerostet , um von sich noch gegenwärtig zu haben , daß unter dem alten Schlafrock seines freudlosen verkümmerten Daseins doch noch immer die jugendlich schöne Psyche seiner Denkfreiheit mit bunten Schmetterlingsflügeln verborgen lebte ... Nicht ganz paßte auf ihn ein Wort , das Onkel Levinus neulich mit stolzem Bewußtsein bei Gelegenheit einer muthigen That sprach , die von einem deutschen Professor gekommen ... » Sind wir auch noch so verirrt in den Labyrinthen der Metaphysik , sind wir auch noch so vergraben im Sand , der die Eingänge zu den Pyramiden verschüttet , haben wir sogar als mit Orden umschnürte Geheimräthe uns ganz verloren in Scherwenzeln und Tellerlecken bei Diplomaten und reichen Glückspilzen , plötzlich ruft uns irgendein Signal an unsere stolze Fahne zurück und wir kämpfen doch wieder für die Freiheit und die Unabhängigkeit des Denkens , wir wissen selbst nicht wie ! « ... Leider galt dies begeisterte Wort nur einer in diesem Kreise überraschenden großen That eines deutschen Gelehrten ... Dr. Guido Goldfinger hatte aus Anlaß des Kirchenstreites ( richtiger seiner nah bevorstehenden Hochzeit mit Johanna Kattendyk und des Wunsches der Mutter wegen , daß die Tochter bei ihr blieb ) seine außerordentliche , ohnehin unbesoldete Professur niedergelegt ... Aber edler , viel höher stand Püttmeyer ... Er empörte sich nicht gegen seine Unterdrücker , zu denen auch die Geistlichen gehört hatten ; er liebte die Kirche , die ihn auf den Index zu setzen gedroht ; aber stolz fing er denn nun auch von sich zu reden an ... Wer würde seines Selbstvertrauens haben spotten mögen ! ... Auch die Frauen blieben im Bann seiner mystischen Zeichen und nahmen einen flammenden Triangel für die Dreieinigkeit , nahmen ein dunkelglühendes Kreuz für die Offenbarung der Liebe , sahen die Offenbarung des Alls im Atom , des Ewigsten im Zeitlichsten ... Kommen und Gehen , Werden und Schwinden sind ja ohnehin Gedanken , die dem Frauendasein so urgegenwärtig sind ... Sie umspannen jetzt wie immer ihre Herzen wie mit magischen Fäden ... Und selbst Frau von Sicking , die frommste der Frommen , hätte nicht geahnt , daß diese Stunde sie ebenso feierlich stimmen würde , wie ihr nur je zu Muthe war im Moment der » Wandelung « beim heiligsten der Opfer ... Andachtsvoll hörte man selbst manchem Scherz Püttmeyer ' s zu , selbst dem ,