schon vorher aufgestanden und an das Fenster getreten , als die Unterredung sich auf Paul gewendet hatte . Sie machte sich an Cäciliens Nähtisch mit der Betrachtung ihrer Stickerei zu thun . Die junge Frau blickte verlegen und bittend bald die Mutter , bald den Gatten an . Sie war beständig dem Weinen nahe , und ihr unverkennbarer Kummer machte Renatus gegen die Gräfin und gegen Hildegard noch unversöhnlicher . Die Gräfin sah nach der Uhr , Hildegard sagte , sie habe die Mutter bereits daran erinnern wollen , daß es Zeit zum Gehen sei , weil man mit dem Mittag auf sie warten werde . Cäcilie fragte , ob sie nicht zu Hause äßen , die Mutter verneinte es , sagte jedoch nicht , wohin sie geladen sei , und Cäcilie zog es vor , sich danach nicht zu erkundigen . Das unbehagliche Gespräch war plötzlich und mit einem entschiedenen Mißtone abgebrochen worden , man redete nur noch von den allergleichgültigsten Dingen , während der Diener den Damen die Mäntel in das Zimmer brachte . Als er sich entfernt hatte , fragte Cäcilie , ob ihre Mutter die Baronin Vittoria nicht begrüßen , ob man nicht noch einen Augenblick zu ihr gehen wolle ; aber Hildegard bestand darauf , daß es zu spät sei , daß man sich beeilen müsse . So gelangte man in das Vorzimmer . Mit einem Male blieb die Gräfin stehen . Du wirst also , sagte sie , sich zu Renatus wendend , voraussichtlich in nicht zu ferner Zeit Cäcilie zu Seba und zu Tremann bringen , der sich ja wohl auch verheirathet hat , und es ist ihre Pflicht , sich Dir , auch wo es ihr schwer fallen wird , durchaus zu fügen ! Wolltest Du mich aber , damit ich diesen in der That für Dich sehr auffallenden Schritt doch zu erklären und vor der Gesellschaft zu begründen im Stande bin , vielleicht wissen lassen , welches der große Dienst oder welches die große Aufopferung ist , für die Du Tremann Dich verpflichtet fühlst , so würdest Du mich verbinden , und Cäcilien würde Deine Forderung dann vielleicht auch weniger überraschend dünken ! O ! rief Renatus , für den es in diesem Augenblicke der Ueberreizung keine Zurückhaltung mehr gab - o , Cäcilie wird , wenn es sie anders glücklich macht , mein Weib zu sein , gewiß mit Freuden zu dem Manne gehen , dem ich meine Erhaltung , dem ich mein Leben zu verdanken habe ! Dein Leben ? fragten die drei Frauen wie aus einem Munde . Ja , mein Leben ! wiederholte der Freiherr , dem es plötzlich wohler und frei um ' s Herz ward , als er den ersten Schritt zu der Genugthuung gethan hatte , welche er aus Hochmuth seinem Retter bisher schuldig geblieben war . Ohne Tremann ' s männliche Entschlossenheit , ohne seinen Muth läge ich begraben unter den Tausenden , die bei Möckern ihren Tod gefunden haben ! Und er sah meinem , unserem Vater in dem Augenblicke , in welchem er mir zu Hülfe eilte , so vollkommen gleich , er rief mich so völlig mit meines Vaters Stimme an , daß ich lange wähnte , eine Vision gehabt zu haben , daß ich erst , als ich ihn später , als ich ihn in Ruhe wiedersah , zu der Erkenntniß kam , daß es ein sterblicher Mensch wie ich , daß es Tremann und nicht mein Schutzgeist in der ehrwürdigen Gestalt meines damals eben erst dahingegangenen Vaters gewesen war , der den Todesstreich von meinem Haupte abgewendet hatte ! - Es war gesagt . Nun war es ausgesprochen , und doch hatte Renatus auch jetzt noch nicht die Kraft besessen , sich in voller Wahrheit von dem früheren Märchen loszureißen ; er hatte sich einer Unwürdigkeit nicht zeihen mögen . Es entstand eine Pause . Cäcilie hing sich an ihres Gatten Arm , die Gräfin war unentschlossen , was sie sagen sollte , Hildegard ' s Mienen verriethen ihren Zweifel an dem Sachverhalte . Die Mittheilung war Allen so spät , so unerwartet gekommen , daß man nicht wußte , wie man sich ihr gegenüber eigentlich zu verhalten habe , und die kühle Weise , mit welcher sie von der Mutter und von Hildegard aufgenommen wurde , lähmte den Aufschwung , zu dem die Seele des Freiherrn sich eben erst erhoben hatte . Das verändert die Sache freilich ! meinte die Gräfin endlich , das sind Gründe , die man gelten lassen muß und die man anzugeben vermag ! Hüte Dich aber , daß Deine schöne Dankbarkeit Dich nicht zu weit führt , lieber Sohn ! Sei vorsichtig auch in diesem Punkte ! Wir sprechen bald einmal davon , recht bald ! Sie umarmte die Tochter , umarmte auch den Sohn , und man trennte sich mit dem herkömmlichen » Auf Wiedersehen ! « - Die Frauen hatten aber die Schwelle des Hauses noch nicht überschritten , als Hildegard ihren Arm in den der Mutter legte und , sich an sie schmiegend , leise sagte : Mama , sei ruhig , ganz ruhig über Deine Hildegard , Du wirst sie nicht mehr klagen hören , nicht mehr weinen sehen , Gott hat es wohl mit mir gemeint ! Das war nicht der Mann , mit dem ich glücklich werden , das war nicht das Haus , in dem ich Frieden finden konnte ! Renatus hat doch im Grunde seines Vaters , hat doch den Artenschen Sinn , der sich zu allem demjenigen hingezogen fühlt , was unseren Begriffen von Sitte und von wahrer Würde widerspricht ! Ich wäre an seiner Seite zu Grunde gegangen wie die Cousine Angelika an seines Vaters Seite , das sehe ich immer klarer ein ! Laß uns hoffen , Mama , daß Cäcilie weniger fein empfindet , und vor allen Dingen , liebe Mutter , laß uns ihr zur Seite stehen und über ihr wachen . Sie wird das , wie ich fürchte , nöthig haben . Viertes Capitel Die mehr oder weniger großen Kreise von Menschen , welche sich als eine durch gewisse Ueberzeugungen , Sitten oder Lebensgewohnheiten zusammengehörende Gesellschaft betrachten , sind in der Regel sehr geneigt , sich von einem ihrer Mitglieder einen bestimmten Anstoß geben und von diesem in irgend eine beliebige Bahn hineinschieben zu lassen , in der sie dann , je nach den Fähigkeiten der Einzelnen , vorwärtsschreiten und die Bewegung , zu der sie getrieben worden sind , wie eine von ihnen selbst ausgegangene eifrig fortzusetzen pflegen . Denn wie die Gemeinschaft , die Masse in gewissem Sinne Gedanken erzeugt und schöpferisch belebend auf den Einzelnen zurückwirft , so empfängt sie noch häufiger ihre Gedanken und Meinungen von einer einzelnen Person , und es sind leider nicht immer die Edelsten und Besten , nicht immer die Unparteiischen , nicht immer die Selbstlosen , welche den Ton angeben und bestimmen . Irgend ein Zufall , irgend eine Schicksalsgunst , irgend ein das billige Mitleid anregender Unglücksfall , vermögen einem bisher mißachteten Charakter nicht nur Verzeihung , sondern eine Anerkennung , eine Geltung und einen Einfluß auf seine Umgebung zu verschaffen , die erlangen zu können er sich vielleicht nie träumen ließ und die geschickt zu nutzen er nichtsdestoweniger sehr wohl versteht , oder doch sehr bald erlernt . Hildegard Rhoden und ihr Freund Graf Berka waren kaum von ihren beiderseitigen Reisen wieder in die Residenz zurückgekehrt , als sie es bemerken konnten , daß sie von ihren Umgangsgenossen mit einer ungewöhnlichen Zuvorkommenheit empfangen und aufgenommen wurden und daß man ihnen eine Stellung , eine Theilnahme und eine Bedeutung einräumte , welche beide in einem solchen Grade nie zuvor besessen hatten . Bei jedem Antrittsbesuche , welchen Hildegard ihren Freundinnen und Bekannten machte , erwähnte man des Wohlwollens , mit welchem die Prinzessin sich nach ihr erkundigt , und der großen Billigung , mit der sie Hildegard ' s edles Verhalten aufgenommen habe . Man freute sich , Hildegard so gefaßt , so erholt zu sehen , man behandelte sie mit jener Achtsamkeit und Schonung , welche man einer Genesenden entgegenbringt . Man schwieg von Renatus , wie das in diesem Falle auch natürlich war , und wenn man gelegentlich einmal seiner jungen Frau gedachte , so geschah es nur , um die arme Cäcilie zu bedauern , weil das große Opfer , welches ihre Schwester ihr gebracht , weil Hildegard ' s edle Entsagung für die arme Cäcilie doch im Grunde eine völlig fruchtlose , ja , vielleicht ein Unglück gewesen sei . Die edle Hildegard und die arme Cäcilie , das waren für diesen Augenblick gleichsam die Stichworte und Erkennungszeichen des gesellschaftlichen Kreises geworden , der sich um die Prinzessin bewegte , und wenn Cäcilie auch nicht die entfernteste Ahnung davon hatte , daß man sich dort darin gefalle , sie als eine unglückliche Gattin , als einen Gegenstand des Mitleids zu betrachten , so fand doch ihre ältere Schwester sich um so schneller darein , die Rolle , welche sie bis dahin nur in der Familie gespielt hatte , fortan auch in der Gesellschaft durchzuführen , da der Zufall ihr dies , wenn auch auf Kosten ihrer Schwester , möglich machte . Renatus hatte nach der Art , in welcher der erste Besuch seiner Schwägerin in seinem Hause verlaufen war , darauf gerechnet , daß ein solcher sich nicht so bald wiederholen , ja , daß er vielleicht gar nicht wieder erfolgen würde . Er hatte sich aber in dieser Voraussetzung getäuscht . Die Mutter und die Tochter kamen beide schon an einem der nächsten Tage wieder , um die Baronin Vittoria aufzusuchen . Sie wünschten , wie Hildegard es ausdrücklich bezeichnete , es den lieben Geschwistern darzuthun , daß sie die neulichen kleinen Mißverständnisse so leicht genommen hätten , wie man dies unter nahen Anverwandten thun müsse , und obschon der Freiherr wußte , was er von diesen Versicherungen zu halten habe , bewog ihn seine Rücksicht auf dasjenige , was er als den Familienanstand und die gute Sitte bezeichnete , sein inneres Abmahnen zu besiegen und den Schein eines freundlichen Verhältnisses zwischen seinem und dem Hause seiner Schwiegermutter aufrecht zu erhalten . Das war aber alles , was Hildegard für sich und ihre Absichten bedurfte . Jeder , der es sehen wollte , konnte sich jetzt also davon überzeugen , daß die Untreue des Freiherrn und Cäciliens , wie man es doch mindestens bezeichnen mußte , sehr unschwesterliches und keineswegs edles Betragen auf Hildegard ' s großherzige Gesinnung keinen Einfluß geübt hatten . Sie behandelte das junge Paar mit der größten Freundlichkeit , sie war es , die seine Vertheidigung übernahm , wo man Miene machte , es anzugreifen ; sie bestimmte den Grafen Gerhard , den Neuvermählten auf alle Fälle mit einem Besuche zuvorzukommen , und wo immer in Cäciliens Abwesenheit von ihr die Rede war , machte die ältere Schwester sich zu ihrer Lobrednerin und Beschützerin . Sie gab es den Leuten zu bedenken , daß die arme Cäcilie kein leichtes Leben habe . Es sei für eine junge Frau nichts Kleines , gleich in den ersten Tagen ihrer Ehe eine Erfahrung zu machen , wie Eleonorens Ankunft sie der armen Cäcilie auferlegt ; es sei auch keine geringe Aufgabe , mit einer Schwiegermutter wie die Baronin Vittoria sich in das rechte Verhältniß zu setzen und die Anwesenheit ihres Sohnes ruhig hinzunehmen . Fragte man sie , was diese letzte Andeutung besagen wolle , so brach Hildegard stets plötzlich ab , schien erschrocken über die Aeußerung zu sein , die ihr entfahren war , und ging mit unverkennbarer Geflissenheit zu der Schilderung von Vittoria ' s phantastischen Lebensgewohnheiten über , bei deren Ausmalung sie gegen ihre sonstige schwermüthige und elegische Weise eine gute Laune und einen Humor zu entwickeln verstand , welche die Hörer unterhielten und sie zum Wiedererzählen des Vernommenen verleiten mußten . Vittoria hatte noch keine Besuche in der Stadt gemacht , als über sie bereits die widersprechendsten Gerüchte im Umlauf waren . Man unterhielt sich lachend davon , daß sie sich trotz der vierzehn Jahre , seit denen sie im Norden lebe , noch nicht an das Klima habe gewöhnen können , daß sie beim Beginne des Winters , am Tage schlafend und in den Nächten wachend , sich förmlich in ihren Zimmern vergrabe , um von der schlechten Jahreszeit so wenig als möglich gewahr zu werden ; daß sie sich nur von Früchten und von Süßigkeiten nähre , daß sie unter dem Vorgeben , um ihren verstorbenen Gatten immer noch zu trauern , beständig schwarz , und zwar in einem nonnenartigen Gewande einher gehe , während diese Schwarze Tracht ihr doch als eine Buße für ihre Flucht aus dem Kloster auferlegt worden sei ; und neben diesen aus mißdeuteter Wahrheit und aus absichtlicher Erfindung zusammengesetzten Erzählungen tauchten hier und da bedenklichere Gerüchte auf , welche sich in anderer Weise mit der Baronin Vittoria zu thun machten . Sie bezogen sich auf ihre eheliche Treue , auf ihr früheres und auf ihr gegenwärtiges Verhältniß zu ihrem Stiefsohne , auf ihre Feindschaft gegen Hildegard , auf ihre außerordentliche Freundschaft für ihre Schwiegertochter und endlich auch auf ihren Sohn , der sich jetzt bereits in der großen militärischen Erziehungs-Anstalt befand . Woher die Gerüchte stammten , welche den Ruf und die Ehre Vittoria ' s so empfindlich antasteten und dem Hause des jungen Freiherrn selbst in jedem Betrachte zu nahe traten , das wußte Niemand zu sagen ; aber man nahm sie nichts desto weniger als alte , ganz bekannte Thatsachen auf . Hildegard und die Gräfin Rhoden hatten , wie man versicherte , wohl gelegentlich über Vittoria ' s Eigenheiten einmal gescherzt , indeß von ihnen war ein Wort des ernsten Tadels gegen Cäcilien ' s Schwiegermutter , so weit man sich erinnerte , nicht ausgegangen . Daß Graf Gerhard , der so streng auf Ehre hielt und in allen Dingen so vorsichtig zu Werke ging , nichts wider die Stiefmutter seines Neffen geäußert haben könne , davon waren alle , die ihn kannten , überzeugt , und doch empfanden Renatus und Cäcilie immer auf ' s Neue , daß man sie mehr und mehr mit einer peinigenden Neugier beobachtete , daß man sich in einer sonderbaren Weise nach der Baronin Vittoria erkundigte und daß überall und immer die Frage aufgeworfen wurde , ob der Freiherr denn für sich und die Seinigen eine Vorstellung am Hofe nachzusuchen denke . Die Lage wurde beiden Gatten unbequem . Man that im Grunde durchaus nichts Entschiedenes wider sie , aber sie trafen nirgends auf einen festen Boden , und überall war es , als wachse ein Unkraut unter ihren Schritten auf , das sich ihnen hemmend und hindernd um die Füße legte . Wollten sie es nicht weiter wuchern , sich nicht davon völlig umgarnen lassen , so mußten sie es mit festem Auftreten niederzuhalten suchen . Es war ohnehin Zeit , sich in die große Gesellschaft einzuführen , wenn man überhaupt sich ihr anzuschließen beabsichtigte , und Renatus wünschte , wie schon erwähnt , sowohl für Cäcilie als für Vittoria einen sie zerstreuenden und unterhaltenden Umgang . Als man jedoch daran gehen wollte , die ersten gemeinsamen Besuche abzustatten , fand es sich , daß Vittoria durchaus nicht für das Leben in der Gesellschaft oder gar am Hofe mit ihrer Toilette eingerichtet war . Dem Uebelstande mußte abgeholfen werden , denn Renatus hielt sich den alten Grundsatz vor , daß , wer den Zweck wolle , auch die Mittel wollen müsse . Man ging also guten Muthes daran , eine neue und vollständige Ausstattung für Vittoria zu beschaffen , und diese selbst bezeigte wider alles Erwarten des Freiherrn eine große Freude daran . Weil sie niemals eine Stadt bewohnt , niemals das für die meisten Frauen so verführerische Vergnügen genossen hatte , reich versehene Magazine zu besuchen und sich in ihnen in freier Wahl nach ihrem Bedürfniß zu versorgen , reizte und erfreute sie alles , was ihr vor die Augen kam . Allerdings blieb sie ihrem Vorsatze , die Trauerfarbe in ihrer Kleidung niemals abzulegen , treu , aber auch für eine solche Tracht war es möglich , einen großen Geldaufwand zu machen , und Vittoria besaß , wenn er bisher in ihr auch niedergehalten worden war , den Sinn ihres Volkes für das Reiche und das Prächtige , das obenein ihrer besonderen Art von Schönheit sehr entsprechend war . Sie hatte das Verlangen , in der großen Welt zu leben , zwar seit dem Tode ihres Gatten lebhaft gehegt , aber sie war es doch nicht gewesen , welche die Veranlassung zu der Ausführung dieses ihres Wunsches gegeben hatte , und eben deßhalb sah Renatus es als seine Pflicht an , ihr bei ihren jetzigen Ausgaben keine kleinliche Beschränkung aufzuerlegen . Er würde sich geschämt haben , die Witwe seines Vaters , die Baronin Vittoria , die neben dem Namen seines Hauses den stolzen Namen der Giustiniani trug , nicht ihrem Stande gemäß und nicht nach ihrer Neigung auftreten zu lassen , und er hatte daneben , da der Schönheitssinn seines Vaters auch auf ihn übergegangen war , eine wirkliche Freude daran , Vittoria in einer Weise gekleidet und geschmückt zu sehen , welche die immer noch auffallende Schönheit derselben zur rechten Geltung kommen ließ . Jetzt erst , da Vittoria in die Gesellschaft gehen sollte , fing auch sie nach dem Schmuck zu fragen an , welchen ihr verstorbener Gatte ihr einst als ihr Eigenthum und als das Erbe des Hauses übergeben hatte , und Renatus konnte sich nicht überwinden , ihr oder gar seiner Frau das Geständniß zu machen , wie von dem vielbesprochenen Arten ' schen Familienschmucke jetzt nicht mehr ein Stein vorhanden sei . Er meinte der Ehre seines Vaters damit zu nahe zu treten , und , wie er mit sich in seinem Innern deßhalb auch prüfend und überlegend zu Rathe ging , es war nicht persönliche Eitelkeit , auch nicht einmal der Wunsch , seine Frau und seine Stiefmutter in reichem Schmucke erscheinen zu lassen , sondern ganz eigentlich die Rücksicht auf das Andenken seines Vaters , es waren seine Kindesliebe und ein Gefühl für das , was er sich und seinem Hause schuldig sei , die ihn bewogen , sowohl für Vittoria als für Cäcilie heimlich Ankäufe von Schmuck zu machen . Sie kamen natürlich den einstigen Familien-Diamanten , wie die Baronin Angelika sie aus ihres Gatten Hand empfangen hatte , in keiner Weise gleich ; indeß Cäcilie hatte die alten Brillanten niemals , Vittoria sie seit langer Zeit nicht mehr gesehen , und Renatus hatte also keine große Mühe , es den beiden Frauen glaublich zu machen , daß der verstorbene Freiherr während der Kriegsjahre einige der Werthstücke verkauft und daß er selbst jetzt den übrig gebliebenen Brillanten , Behufs der Theilung zwischen seiner Frau und seiner Mutter , eine neue Fassung habe geben lassen . Es gewährte ihm dabei eine Freude , zu sehen , wie wenig Vittoria zur Habsucht geneigt war , wie bereitwillig sie die Hälfte des , wie sie glauben mußte , ihr allein zu Recht gehörenden Schmuckes an die Schwiegertochter abtrat ; und da nebenher auch Cäcilie ein außerordentliches Vergnügen über den Besitz dieser Diamanten kund gab , so schlug sich Renatus endlich die Sorge wegen dieser neuen und für seine gegenwärtigen Verhältnisse viel zu großen Ausgaben aus dem Sinne . Er tröstete sich damit , daß die Vorsehung , welche ihm so mannigfache , unerwartete Hindernisse bereitet und Prüfungen jeder Art auferlegt habe , ihm doch endlich auch auf irgend eine unvorherzusehende Weise zu Hülfe kommen , daß sie es ihm möglich machen müsse , die guten und festen Vorsätze , die er schon in früher Jugend für seine einstige Ehe gehegt hatte , zur Ausführung zu bringen , damit er sich jenes schöne und würdige Familienleben aufrichten könne , welches ihm von jeher als das Ziel vorgeschwebt hatte , nach welchem vor Allem der wahre Edelmann zu streben habe . Daß ihm für diesen idealen Bau die beiden Hauptbedingungen : der feste Boden gesicherter Vermögensverhältnisse oder die Fähigkeit der zu jeder Entbehrung bereiten Selbstbeschränkung , fehlten , daran allerdings dachte der Freiherr nicht . Mit seinem Namen , mit seinen Verbindungen und bei seiner militärischen Stellung fand er für seine Vorstellung bei Hofe keine Schwierigkeit ; dennoch war der Empfang , welcher ihm und seiner Familie in den verschiedenen Hofstaaten zu Theil ward , je nach den , in den einzelnen Schlössern herrschenden Gesinnungen und Lebensgewohnheiten , sehr verschieden . Daß er von Seiten der Prinzessin , welche sich zu Hildegard ' s Beschützerin gemacht und deren Gunst Graf Gerhard sich erworben , auf keine günstige Stimmung für sich rechnen konnte , hatte sich Renatus im voraus gesagt . Aber die Gnade , welcher die Gräfin Rhoden sich von Seiten der Prinzessin von jeher erfreut hatte , machte es trotzdem für Cäcilie und für ihren Gatten zu einer Pflicht der Dankbarkeit , die Vorstellung bei der Prinzessin nachzusuchen , und Renatus , der in dem Regimente diente , dessen Chef eben der Gemahl der Prinzessin nach dem Kriege geworden war , fand sich damit ab , daß er wenigstens doch die Zufriedenheit und Geneigtheit dieses Letzteren besitze und es in seiner Gewalt habe , sie durch die strengste Pünktlichkeit im Dienste in immer höherem Grade zu verdienen . Diese Pünktlichkeit im Dienste war es auch , welche den König auf den jungen Major von Arten aufmerksam hatte werden lassen . In der ganzen Garde gab es bei den Cavallerie-Regimentern kaum eine andere Schwadron , deren Exercitien so vollendet , in welcher der Mann und sein Pferd so Eins , in der die Leute eine so in einander gefestete Masse und jeder Knopf und jede Schnalle so der strengsten Dienstvorschrift entsprechend gewesen wären , als in der des Majors von Arten . Aber wenn die Armee und ihre äußere Stattlichkeit auch der Stolz des Königs und die Freude an der regelrechten , seelenlosen Front jetzt nach den Kriegen noch mehr als vor denselben seine eigentliche Liebhaberei geworden war , so bestimmte doch der strenge , bis zur Uebertreibung gehende Ordnungssinn des Königs , aus welchem der ganze militärische Gamaschendienst entsprang , seine Anschauungen und Ansichten auch nach andern Seiten . Er erkannte überall nur mit Widerstreben die Nothwendigkeit oder die Berechtigung zu einer Ausnahme von der festen Regel an . Feste Gesetze für eine möglichst einförmige Menschenmasse , das war es , was ihm als Ideal vorschweben mochte . Er verabscheute jene Selbständigkeit des Einzelnen , welche sich ihre Lebensverhältnisse nach eigenem Bedürfen zu gestalten unternimmt ; und wie er selber einst in seiner Ehe dem Volke nach den zügellosen Zeiten seines Vaters ein treffliches Vorbild der guten Sitte geliefert hatte , so verlangte er , daß auch von seiner Umgebung kein böses Beispiel gegeben , daß der Anstand und die Zucht in den Familien mit Gewissenhaftigkeit aufrecht und heilig erhalten und überall dasjenige vermieden werden sollte , was von sich sprechen machen , was Aufsehen oder gar ein Aergerniß erregen konnte . Es waren also nicht eben besondere Anstrengungen dazu nöthig , den Major von Arten in der guten Meinung des Königs zu beeinträchtigen . Man bedurfte dazu keiner Künste , keiner Verleumdung , keiner Unwahrheit , die Sache machte sich ganz von selbst . Die Prinzessin , welche nach dem frühen Tode seiner Gemahlin dem Könige nur noch näher getreten war , erwähnte nur einmal zufällig und bedauernd der armen , guten Gräfin Rhoden , die nun nach so langer Entfernung von der Hauptstadt unter so traurigen Verhältnissen wieder in dieselbe zurückgekehrt sei . Der König , dessen nach Fürstenweise wohlgeschultem Gedächtniß nicht leicht eine Thatsache verloren ging , von der er einmal hatte sprechen hören , und der ebenfalls nach Fürstenweise von den Stadt- und Familienneuigkeiten unter der Hand gut unterrichtet zu sein liebte , meinte sich zu erinnern , daß die Tochter der Gräfin mit dem jetzigen Major von Arten frühzeitig versprochen worden war ; und wie dann eine Frage nun die andere gab , erfuhr der König alles , was man über die Familiengeschichte der Freiherren von Arten wußte , vermuthete und fabelte . Das war aber durchweg danach angethan , dem Könige zu mißfallen . Nicht hübsch , gar nicht hübsch von dem Major , sagte er , ein Mädchen Jahre lang warten und dann sitzen zu lassen ! Auch von der Schwester nicht hübsch , gar nicht hübsch ! Er belobte die Prinzessin dafür , daß sie sich Hildegard ' s angenommen habe . Müssen sehen , dem Mädchen eine Versorgung , einen andern Mann zu schaffen ! - Schade um den Major ! sonst ein tüchtiger Offizier ! fügte er in seiner abgerissenen Redeweise noch hinzu und erkundigte sich dann , was denn aus der Italienerin , aus der ehemaligen Nonne geworden sei , welche der Vater des Majors seiner Zeit aus dem Kloster entführt und aus Italien mitgebracht habe . Man berichtete dem Könige , daß die Baronin im Hause ihres Stiefsohnes lebe , daß dieser den Sohn aus seines Vaters zweiter Ehe dem Kadettenhause übergeben habe , und wie von selbst schlossen sich die Erzählungen über die dem Major von Arten sicherlich sehr unerwartete und unbequeme Ankunft und über das Erkranken der zum Katholizismus bekehrten Gräfin Haughton an jene Mittheilungen an . Der König , der in seiner protestantischen Strenggläubigkeit den Religionswechsel an sich , besonders aber den Uebertritt von Protestanten zum Katholizismus ungern sah , schüttelte mißbilligend das Haupt . Könnte auch was Klügeres thun , als die Arten ' sche Genie-Wirthschaft fortzusetzen ! Schickt sich nicht , schickt sich nicht für einen Offizier ! wiederholte er noch einmal , indem er sich erhob , und das Urtheil über die Arten ' sche Familie war mit diesen Worten für den ganzen Hof nur noch entschiedener als durch die Prinzessin ausgesprochen . Nur Einer ließ sich nicht davon bestimmen , nur auf den ältesten Sohn des Königs , auf den jungen , geistreichen und phantastischen Kronprinzen übte diese ganze Unterhaltung eine gerade entgegengesetzte Wirkung aus . Er liebte die Künste und die Wissenschaften , er war ein Verehrer der alten italienischen Musik , seine Vorliebe für Italien und für die Gebräuche der katholischen Kirche war schon damals eine entschiedene , und es hatte daher eben nur der Erwähnung bedurft , daß die Baronin Vittoria von Arten eine entflohene Nonne und eine Meisterin im Vortrage der alten italienischen Kirchenmusik sei , um dem Kronprinzen das Verlangen nach ihrer Bekanntschaft einzuflößen . Eine ehemalige Nonne die alten , tiefsinnigen Melodieen des fünfzehnten und sechszehnten Jahrhunderts inmitten der aufgeklärten und zum Theil so nüchternen Gesellschaft singen zu hören , bot für die Phantasie des lebhaften , jungen Prinzen einen reizenden Gegensatz dar , und die Erscheinung der verwittweten Baronin war wie dazu geschaffen , die Gerüchte über ihre Vergangenheit zu bestätigen . Vittoria selber fühlte sich überrascht , als sie sich zum ersten Male in ihrem Leben in der reichen Tracht erblickte , welche die Etiquette bei den großen Hoffesten den Eingeladenen vorschreibt . Das schwere Schleppkleid ließ ihre Gestalt größer erscheinen , als sie war , ihre Büste , ihr Nacken zeigten noch die vollendete Schönheit der italienischen Formen , und was die Zeit ihrem mächtigen Antlitze an Frische geraubt hatte , das ersetzte der Ausdruck ihrer Augen , das vermißte man nicht , wenn die Lebhaftigkeit des Gespräches ihre Wangen mit jener feinen Röthe färbte , welche eben auch nur den Südländern eigen ist . Der Kronprinz , der über das Alter Vittoria ' s nicht unterrichtet gewesen war , hatte in ihr , wenn auch nicht eine alte , so doch eine wesentlich ältere Frau zu finden erwartet , und er war daher erstaunt , in ihr noch eine wirkliche Schönheit zu erblicken . Ihre stolze , edle Haltung gefiel ihm wohl , der weiche , tiefe Ton und die vollendete Reinheit , mit welchem sie ihre Muttersprache redete , erfreute sein gebildetes und für jeden Wohlklang sehr empfängliches Ohr , und als er dann am dritten Orte Vittoria einmal mit Cäcilie gemeinschaftlich singen zu hören die Gelegenheit gehabt , hatte er seine Freude über diesen seltenen Genuß so offen und warmherzig ausgesprochen , daß man überall , wo man auf die Anwesenheit des Kronprinzen sich Rechnung machen durfte , die Arten ' sche Familie einlud , sicher , den Prinzen durch den Gesang der beiden Frauen angenehm zu unterhalten . Plötzlich und wider sein Erwarten fand Renatus sich also auf diese Weise in eine Parteistellung gebracht , die er nicht gesucht hatte und die er nicht gewählt haben würde , hätte er es in seiner Hand gehabt , sie nach seinen Wünschen zu bestimmen . Er hatte seine Plane auf ein Vorwärtskommen im Militairdienste und auf die Anerkennung und Gunst des Königs gebaut ; aber diese letztere ward ihm nicht zu Theil . Es hatte bei der einmaligen Einladung , mit welcher der König ihn beehrte , sein Bewenden ; auch an dem Hofe der Prinzessin wurden Renatus und die Seinen nicht in der Weise , wie sie es wünschen mußten , aufgenommen ; dafür aber empfingen alle diejenigen sie mit offenen Armen , welche zu dem näheren Umgangskreise des Kronprinzen gehörten . Renatus , der sich den vorsichtigen Intriguen seiner Schwägerin und seines Oheims gegenüber in die Nothwendigkeit versetzt sah , sich nach einem Stützpunkte und Anhalte umzuthun , und der , wie alle leicht bestimmbaren Menschen , sehr dazu geeignet war , dasjenige als seine freie Entschließung zu betrachten , was ihm von der Gewalt der Umstände abgezwungen oder aufgenöthigt ward , kam dadurch bald dahin , sich zu überreden , wie es für ihn , wie es für jeden jungen und vorwärts strebenden Mann gerathener sei , sich mit seinen Hoffnungen einem gleichalterigen Fürsten anzuschließen , als deren Erfüllung allein von der augenblicklichen Gunst eines älteren Mannes abhängig zu machen , und die Frauen bestärkten ihn in dieser Ansicht . Sie