nicht im mindesten stolz . Er sprach leutselig mit allen , wie wenn sie seine besten Freunde und Bekannte wären ... Ein ängstlicher Waffenstillstand zwischen zwei feindlichen Lagern ... Hinein in die Unentschlossenheit , was nun zu beginnen wäre , in den unheimlichen Eindruck des so außerordentlich sichern , ja fröhlichen Benehmens des Landraths ertönten die Signale des Aufbruchs , die Rüden schlugen an , johlten und heulten vor Jagdungeduld , die Jäger klatschten mit den Peitschen , der Zug kam in Bewegung , noch ehe man den Landrath entfernt hatte . Auch jetzt folgte er wohlgemuth und setzte sich auf einen der Wagen , gerade wie wenn er dazu gehörte . Da sein Diener nicht jagdkundig war , blieb derselbe zurück . Es schloß sich dafür dem Landrath ohne weitere Weisung einer der jedem Jagdtheilnehmer zum Beistand beorderten Jäger an ... Die Fahrt dauerte nicht allzu lange . Bald gelangte man in den von hohen Tannen und Buchen bestandenen Wald ... Es war die letzte große Jagd in einem Walde , der hundert Jahre bedurfte , um das wieder zu werden , was er war ... An einer Eichenschonung stand unter zwanzig Männern , die hier schon zu Fuß und zu Wagen harrten , einer , der sich in stillem Träumen das auch sagte und rings um sich blickend nachfühlte . Wie wenig liegt ein seiner Sinn in den Auffassungen der Menschen ! Wie gehen sie ruhig an Thatsachen vorüber , an denen ein anderer mit Schmerz verweilt ! Benno war es , der auch das sich sprach ... In einen einfachen kurzen Militärmantel , grau mit rothem Kragen , war er gehüllt , einen Mantel , den er über seiner gewöhnlichen Kleidung trug . Fest an den Hüften war der Mantel zusammengeschnürt und hob gefällig seine schlanke Gestalt ; ein schwarzer bürgerlicher Hut bedeckte sein blasses , leidendes Antlitz ... Ueber Thiebold mußte er lächeln , der in einiger Entfernung einen Kreis um sich hatte , dem schon wieder in bester Laune von ihm seine amerikanischen Abenteuer und sein berühmter Sturz in den Sanct-Moritz erzählt wurden ... Für Benno ' s Jugendträume gaukelten hier die kleinen Elfen des Waldes daher dahin ... Noch einmal hielten sie unsichtbar ihren letzten Reigen unter den grünen Tannen , schwangen sich zum letzten mal auf den Nacken des Wildes , um ihm einen Weg durch das Dickicht zu bahnen vor seinen Verfolgern ... zum letzten mal waren die kleinen Seen , die sich hier und dort im Walde fanden und zu denen sonst im Mondlicht die Hirschkühe ihre Kleinen zur Tränke führten , von den Schatten hoher Bäume bekränzt ... Bald sollten diese Lichtungen , die sich unter der schmelzenden Schneedecke so geheimnißvoll und traulich im Holze öffneten , dem Winde preisgegeben sein , der über die zurückgelassenen todten Stumpfe der verkauften Stämme fegte ... In einem Wald , den ein leichtsinniger Verschwender vor der Zeit lichtet , glaubt man oft Banket gehalten zu sehen von Junkern und geputzten Damen bei musicierenden Eichhörnchen und brummenden Borkenkäfern und taktschlagenden Spechten in den Zweigen ... Hier , da der Wald zu Eisenbahnschwellen benutzt wurde , brauste die Locomotive daher und schnaubte und pfiff so teufels- und aufklärungsgemäß , wie nicht blos Norbert Müllenhoff gesagt hätte , sondern selbst Onkel Levinus wiederholte , der , je besorgter er jetzt wurde , desto mehr zu sprechen anfing ... Benno war von ihm aufs freundlichste begrüßt worden ... Levinus plauderte schon deshalb , um sich dem Jagdhumor zu entziehen , der auf der Fahrt vom Schloß Münnichhof und hier bei dem Halloh der ersten Begrüßung sich auf seine Kosten zu entwickeln begann . Man fragte ihn , welche Nummer seine Brille hätte , wie viel Wild er heute würde am Leben lassen , ob er es unter einem Sechszehnender thun würde und so fort in jenem jagdüblichen Schrauben , das bei allen schon in vollem Gange war ... Ich kenne euere Pfiffe ! rief Onkel Levinus . Ihr wollt uns nur sicher machen durch euere schlechten Witze ! So wild werd ' ich darum doch noch nicht , daß ich mich vor Zorn mit dem ersten besten Stand begnüge , der mir angewiesen wird ! Das ist so eine Ihrer bekannten Finten , Graf Münnich , uns im Spaß alles übersehen zu lassen ! Wir Landesoberjägermeister kennen das ! Man befand sich auf einer mitten im Walde liegenden Fläche , die auf einige hundert Schritte weit von Knieholz unterbrochen wurde und sich zur Aufstellung einer doppelten Schützenreihe , auf jeder Seite zwanzig , hinter Busch und Baum , vortrefflich eignete . Eine Freifrau von Stein , die schon vom Schloß mitgekommen war , ließ sich in einem Tragsessel von zwei Bauernburschen ins Holz tragen ; eine schon bejahrtere Frau von Böckel-Dollspring-Sandvoß watete selbst durch den Schnee mit Wasserstiefeln , die ihr bis an die Kniee gingen ... Die Wagen waren inzwischen nicht weit vom Eingang in den Forst zurückgeblieben ... In der Ferne und immer näher kommend hörte man schon ein Rasseln und Schlagen in den Büschen und der Oberförster versicherte , es wäre die höchste Zeit , die Posten einzunehmen ... Noch war keine rechte Einigkeit da , denn Terschka fehlte . Alle spähten nach ihm ; nicht blos Onkel Levinus , nicht blos Benno und Thiebold , die hinter zwei mächtigen Erlenbäumen , die gabelförmig aus der Erde geschossen , zusammenstanden , Platz genommen hatten ... Terschka ' s Jagdkunst schien allen bestimmt , den Preis zu gewinnen ... Da er ausblieb , wollte man beginnen ... Der Onkel bedeutete die Signalisten und rief : Diese Eile ist wieder nur eine euerer verdammten Finten ! Statt mit Vorsicht und Bedacht die Plätze anzuordnen , wird nun alles mit Hast übers Knie gebrochen ! Schweigt ! Schweigt ! sag ' ich . Die verdammten Intriguanten haben alles abgekartet ! Endlich hörte man nur noch Ein Signal blasen ; es kam aus der Ferne ... Das wird Terschka sein ! hieß es ... Terschka kam in der That auf einer Jagdchaise dahergebraust und schon vor ihm - allgemeiner Jubel ! - zogen im erweichenden Schnee drei Wagen voll Heiligenkreuzer Stiftsdamen , die eben Terschka einholen wollte ... Das war ein Grüßen jetzt und Rufen und Lachen und Spotten ... Aus dem Gewirr der Regenschirme und Pelze und Schleier entwickelten sich zwei Jägerinnen , Fräulein von Merwig und Fräulein von Absam ... Und nun ertönte plötzlich noch eine Salve von Bravis und schallendem Händeklatschen ... Noch eine dritte Amazone sprang vom Wagen ... Es war Armgart von Hülleshoven . Thiebold und Benno trauten ihren Augen nicht ... Sie riefen zum Erstaunen des Onkels diesem hinüber und jetzt nicht im mindesten zu dessen Schrecken ... Levinus dachte nur an sich ... Seine Stimmung wurde immer wilder und ( vor Furcht ) kühner : er lobte Armgart und verdammte alle Stubenhocker ... Benno und Thiebold betrachteten sich mit stockendem Herzblut ... Es war Armgart ... Armgart , die trotz ihrer gestrigen Thränen aus dem einen der drei großen offenen Omnibus , der mit den andern zum Schloß Münnichhof weiter fuhr , heraussprang und von Terschka ' s Armen aufgefangen wurde ... Sie trug einen blauen engen , gefütterten Tuchrock über einem grauseidenen Kleide , einen grauen runden Hut mit wallendem blauen Schleier , dunkle Handschuhe und einen carrirten blau-grün-rothen Plaid rings um ihre Schultern geworfen ... Ihr Antlitz war geisterblaß ... Ihr Ausdruck , ihr Lächeln ließ ihre zwei weißen Zähnchen blinken , wie immer , wenn sie träumerisch abwesend war ... Sie grüßte Niemanden , blinzelte nur zu den beiden weißen Erlen hinüber , wo Benno und Thiebold standen , und ging wie ein Opferlamm willig dorthin , wohin sie Terschka stellte ... Ihr ganzes Wesen war gebunden , ihr Wille , des Menschen edelste Kraft , lag vor dem Altar der Gottesmutter ... Das ist die katholische Macht des » Gelübdes « . Der Onkel rief ihr ein Willkommen zu und allerdings sprach er noch drohend : Na ja ! Ich dachte mir doch gleich so etwas ! Das wird schön werden - mit der Tante ! Jetzt nur Vorsicht ! Vorsicht , Herzenskind ! Benno sagte voll Grimm und Verzweiflung zu Thiebold : Eine förmliche Erklärung wird das heute ! Eine öffentliche Vorstellung vor der Gesellschaft ! Sehen Sie nur , wie alles flüstert ! Auch Thiebold » war im Begriff , außer sich zu gerathen « ; aber hinter jedem der Jagdtheilnehmer stand ein Jäger und bediente das Schießzeug - man mußte etwas vorsichtig sein und that besser , zu schweigen ... Pancraz ! rief aber auch Terschka wild auf und ein Jägerbursche , in der grün und gelben Livree der Dorstes , sprang hinzu und bot Armgart die Flinte , offenbar schon im Einverständniß und nach gestern Abend mit ihr getroffener Verabredung ... Sie nahm sie , wie wenn ihre Hand aus einer Urne ein Todesloos zog ... Trara ! Trara ! Trara ! begann es jetzt überall und Halloh ! Halloh ! An die Plätze ! rief man ... Nun lief alles und stellte sich erwartungsvoll ... Der mittlere Plan war leer ... Zwei Jägerreihen zogen sich vierhundert Schritt entlang ... Am äußersten Ende stand der immer laut perorirende Landrath ... Ein Rascheln , ein Knacken hörte man jetzt ... Siehe da ! Fünf Hirsche brachen aus der rechten Flanke des Quarrés , das die Gesellschaft bildete ... Die Hunde , die noch an der Leine gehalten wurden , winselten ... Die Thiere standen noch Keinem schußrecht ... Da plötzlich ruft eine Stimme - es war die des Grafen : - Tire haut ! Tire haut ? ... Alles lachte ... Der Lärm der Treiber hatte die gefiederten Bewohner der Baumkronen in Aufregung gebracht , aber der Onkel hatte ganz Recht , als er heftig lospolterte : Was sind das für Sachen ! Dieser verdammte Münnich ! Nur die Aufmerksamkeit will er vom laufenden Wild ablenken durch die Vögel , die heute gar nicht in Betracht kommen ! Es sind nur Flederwische da oben ! Doch über ihn her viel Schnee von einem abstiebenden Auerhahn ... Pancraz sagte : Herr Baron ! Oben » steht Alles ein « ! Während Armgart über den technischen Ausdruck von » einstehendem « Geflügel vom Onkel eine Belehrung zugeflüstert bekam , erscholl es Piff ! Paff ! ... Von allen Seiten ... Vier Hirsche lagen ; der fünfte war durchgebrochen ... Aber auch der Auerhahn stürzte herab ... Diesen hatte Terschka geschossen ... Darüber gab es Verwirrung genug . Man hatte nun die Hunde losgelassen . Verwundet war das fünfte Thier entflohen . Auf dem Schnee sah man die Schweißspuren . Einige Hundert Schritt von der andern Flanke der Pläne , die man bestand , stutzte der Hirsch , machte , von den Treibern der andern Seite empfangen , Halt und wandte sich zurück . Nun stellte ihn die Meute und der Zunächststehende war berufen , das Thier zu schießen ... Es waren gerade Benno und Thiebold ... Thiebold , » vorwitzig , wie auch nur ich sein kann « , schoß - schoß fehl ... Jetzt legte Benno an - wollte losdrücken ... Paff ! Im Nu schon sank das Thier , von einer Kugel getroffen , die vom äußersten Ende der Jagdreihe kam ... Der Landrath hatte geschossen ... Aus einer Entfernung , wo ihm zum Schuß jede Berechtigung fehlte ... Darüber gab es denn einen gewaltigen Lärm ... Diese Anmaßung war gegen alle Regel ... Die Kugel hätte fehltreffen , Jemanden verwunden , tödten können ... Zornig schrie man durcheinander ... Dem Onkel wurde es immer wirrer zu Muthe ... Das fortgesetzte Knallen der Büchsen - an andern Orten brach neues Wild durch - die Nähe der Schießstände , das Pfeifen der Kugeln , Armgart ' s ihm jetzt doch » tollkühn « erscheinende Anwesenheit , alles mahnte zur Vorsicht und in leibhafter Gestalt sah er Tante Benigna neben sich , die mit den ängstlichsten Warnungen ihn beschwor , sich um aller Heiligen willen in keine Gefahr zu begeben ... Jetzt auch bemerkte er die geheimen Instructionen , die sein Leibschütz Soetbeer mitbekommen ... Hätte Soetbeer vor dem jetzigen Durcheinander etwas von » Fußsack « merken lassen , würde der Onkel es ihm schön gegeben haben ; nun , in dem Geknatter und dem Pulverdampf , ließ er alles zu seinem Besten geschehen ... Ein Rehbock kam mit zwei Riekchen und ging dicht an ihm vorüber ... Der Rehbock kam erstaunt und nicht einmal besonders geängstigt » dahergestapelt « , wie Fräulein von Merwig rief - die Familie des Fräuleins hing nach dem Onkel unfehlbar mit dem Geschlecht der alten Merovinger zusammen - der Bock schien zu wissen , daß wenigstens die beiden Rieken , die ihn begleiteten , sonst vor dem Schusse sicher sind , da man Weibchen nicht schießt ; es galt aber einen Vertilgungskampf . Unter dem Beileid der kunstgerechten Jäger brachen auch diese zarten Thierchen zusammen und mit so vielen Kugeln , daß sich darüber neuer Streit erhob ... Armgart war schon in fieberhafter Erregung gekommen ... jetzt stand sie zitternd und hielt sich an Terschka , der nach dem Meisterschuß auf den Auerhahn nicht mehr schoß und nur links und rechts spähte , vorzugsweise hinüberschielend auf Benno und Thiebold ... Benno gehörte plötzlich zu den wildesten Jägern ... Jede Ladung suchte er so schnell wie möglich los zu werden ... Thiebold bat ihn wiederholt , sich zu mäßigen ... Nach seinem Fehlschuß hatte er die Courage verloren ... Armgart kam ihm vor , sagte er , als wollte sie das Ziel aller Kugeln sein ... Und doch schien sie ein überirdischer Geist , den keine Kugel treffen konnte ... Inzwischen fuhr der Landrath fort , eine Unvorsichtigkeit nach der andern zu begehen . Eine seiner Kugeln ging dicht am Handgelenk der Frau von Böckel-Dollspring-Sandvoß vorüber ... Die Fräulein aus dem Stifte , ohnehin gegen ihn tendenzgereizt , sprachen über den » tollen Mann « in Ausdrücken , die keineswegs verriethen , daß auch sie zu den Dichterinnen im Stifte gehörten ... Auf der Jagd , in der Hitze des erregten Blutes , wählt man die Ausdrücke nicht und so hörte der Landrath eine Beleidigung nach der andern ... Seltsam jedoch , er brach auf alles , was ihm von nahe und von fern zugerufen wurde , in Gelächter aus ... Man würde ihn fortgewiesen haben , wenn nicht jetzt auf ein gegebenes Signal der Stand geändert worden wäre , um mehr ostwärts zu ziehen . Dem Oberförster am des Wildes zu wenig ... Auf Rechnung des Windes schrieb er ' s ... Nun trat alles aus den Büschen hervor und zog weiter ... Onkel Levinus aber war entschieden dafür , daß man erst den Mann entfernte , » durch den hier heute noch ein Unglück entstehen würde « ... Alle die , welche schlecht geschossen hatten , unterstützten seine Meinung ... Meine Damen ! rief der Landrath im Dahinwaten über die Pläne , wo inzwischen schon das gefallene Wild von dem dazu bestimmten Jagdpersonal schnell ausgeweidet wurde ... Amor schießt blind , immer blind und trifft doch ! Haha ! Hier soll man bei offenen Augen die Kugel im Lauf behalten ? Korn und Visir ! Ein Blinzeln von so schönen Damenaugen - und ich gehöre gleich zu den lumpigsten » Schneidern « , die ' s nur geben kann - Meck ! Meck ! Meck ! Meck ! Die Amazonen , selbst die hinter Terschka einherschleichende und Benno und Thiebold wie ihr Gewissen vermeidende Armgart nicht ausgenommen , waren Kennerinnen der Jagd genug , um zu wissen , wie von ihm dies Meck ! Meck ! spottweise gerufen wurde , weil schlechte Schützen » Schneider « genannt werden . Fräulein von Merwig hatte den beständigen Beinamen des » Fräuleins von Anflicker « , den sie von ihrer Leidenschaft für die Jagd und ihrer geringen Trefffähigkeit fürs Leben zu behalten fürchten mußte . Doch schon aus dem Aerger , den sie über diesen Spottnamen empfand , konnte man sich denken , wie verletzend es wirkte , daß nun der Landrath allen Jagdgenossen unausgesetzt sein höhnisches Meck ! Meck ! nachrief ... Die gutmüthigsten Naturen können auf der Jagd , besonders wenn die Füße kalt werden und die Hände lieber in den Pelzhandschuhen stäken , als harrend am kalten Lauf der Flinte , einen determinirten Anflug von Malice bekommen . Jetzt riefen sogar schon die früher schweigsamern Stimmen : Ungebetene Gäste wirft man zur Thür hinaus ! Andere : Werft das Gescheite ( das Eingeweide ) in den Busch für die Füchse ! Andere wandten sich zu den Damen : Meine Damen , Sie sprechen von Amor ? Wir haben allerdings einen blinden Passagier unter uns ! Graf Münnich wollte keinen Eclat und bot alles auf , den Frieden zu erhalten ... Darüber kam man an den neuen Stand , den der Oberförster bereits angeordnet hatte . Es war wieder eine Pläne , hier rings nur von Tannendickicht umgeben ... ... Leider hatte sich der Oberförster verrechnet ... So lange man auch harrte , so lange auch die Treiber rasselten und mit ihren Knütteln an die Bäume schlugen , keine » Pfote kam heraus « - zuletzt einen einzigen Hasen ausgenommen , dessen Erscheinen ein allgemeines Gelächter erregte ... Lampen schoß in natürlicher Großmuth als zu geringfügige Beute Niemand , sondern durch die Stände hindurch wurde der Geängstete hin- und hergewiesen , bis er den Damen fast so nahe zugetrieben wurde , daß sie ihn an den Ohren hätten fassen können ... Wieder störte der Landrath dies komische Intermezzo durch seinen aufgeregten Eifer . Er schoß den Hasen dicht vor den Füßen Armgart ' s nieder und hätte diese , die sich nichts gewärtigte , leicht verwunden können ... Darüber brach der Unwille der ganzen Gesellschaft in helle Flammen aus ... Armgart lag halb bewußtlos an einen Fichtenstamm gelehnt ; die Flinte , die sie , ohne zu schießen , in der Hand gehalten , war ihr entfallen ; Benno und Thiebold waren auf halbem Wege ihr zu Hülfe gesprungen , ja setzten sich selbst darüber dem nächsten Schusse aus ... Ueber alles das entstand eine Scene der höchsten Aufregung ... Sie mehrte sich , als der Landrath vorsprang und rief : Wer raisonnirt hier ? Ruhe ! Ich befehle ! Ich ! Jetzt stand er wuthschäumend auf der Mitte der Pläne ... Ein gemeinsamer Ruf unterbrach ihn : Er ist verrückt ! Haltet ihn ! Bindet ihn ! Wirklich schlug der tolle Mann um sich , drohte mit seiner Doppelflinte , deren einer Lauf wahrscheinlich noch geladen war , und würde ein Unglück angerichtet haben , wenn nicht Jemand hervorsprang , ihm die Arme zu halten . Man hielt Benno und Terschka zurück , auf die Jäger rechnend . Eine leicht erklärliche Scheu vor der ersten Verwaltungsbehörde der Gegend hielt die Nächststehenden noch eine Secunde ohne Entschluß - Da theilten sich die Büsche und mit dem Rufe : Pax vobiscum ! sprang mit auffliegender Kutte ein Franciscanermönch auf den Plan , hielt mit einem Arm die Flinte des Landraths und griff mit dem andern so geschickt beide durch die Luft fuchtelnden Hände des ungeberdig Drohenden und Rasenden , daß dieser zwar mit schaumbedecktem Munde sich fest und aufrecht erhielt , aber auch bewegungslos verharrte , nur noch machtlos seinen Bändiger anstarrend ... Bruder Hubertus war es , der selbst weiland ein Jäger gewesen und den entweder das Gebell der Hunde , das Knattern der Flinten oder Terschka ' s Anwesenheit angezogen hatte - im Kloster hatte er sich vor wenig Stunden ihm zu nähern gesucht und war von Terschka schnöde abgewiesen worden ... Die Gesellschaft , außer sich über den Vorfall , umringte die Gruppe und rief dem Mönch , der wie der bändigende Tod dastand : Bewachen Sie ihn ! Führen Sie ihn fort ! Ich will Ihnen Leute zurücklassen ! rief Graf Münnich ... Der Mönch schüttelte den Kopf , sich verbürgend , er würde schon allein den Unglücklichen in Sicherheit bringen ... Inzwischen bliesen auf ein gegebenes Zeichen die Hörner ... Schon zog sich die ganze Gesellschaft in den dichtern Wald ... Armgart geführt von Thiebold - Terschka war im Augenblick , da Hubertus erschien , verschwunden ... Still und stiller wurde es ringsum ... Die Signale nur hörte man , die den Treibern die Veränderung der Stellung ankündigten und die von diesen fernher wieder beantwortet wurden ... Ein einziger schreckenvoller Augenblick ... Jedermann eilte , ihm zu entfliehen . 14. Wie in nächtlicher Waldeinsamkeit zwei kämpfende Hirsche sich ihre Geweihe so ineinander gebohrt haben können , daß sie sich nicht mehr auseinander zu winden wissen , die Kraft der Stirnen nachlassen fühlen und beide ermattet und zum Sterben bereit , ja wie im Tode zuvor noch versöhnt , zu gleicher Zeit hinsinken , so standen sich der Mönch mit dem Todtenkopf und ein Irrsinniger gegenüber ... Immer schwächer und nachgiebiger wurde der Widerstand des Wutschäumenden , der barhaupt , ohne seine herabgefallene Mütze , dastand mit schweißbedeckter Stirn . Zuletzt begann er , wie aus einem Traum erwachend , in Ohnmacht zu sinken ... Der Mönch fing ihn mit ungeschwächter Kraft auf . Er hielt ihn unbeweglich in seinen Armen ... Kein Laut , keine Anrede kam aus seinem Munde ... Der Landrath brach zusammen und verlor die Besinnung ... Einsamkeit ringsum ... Nur die düstern Tannen stille Zeugen des schreckhaften Auftritts ... Beide Männer auf dem schmelzenden Schnee stehend ... Hubertus in Sandalen , der Nässe und Kälte nicht achtend , der Rittmeister mit Koth bespritzt bis zur Achsel ... Ein Gegensatz zu dem sich weitab verziehenden Lärm der Jagd , zu dem Knallen der Büchsen , zu dem Bellen der Hunde , zu dem noch jeweiligen Durchbrechen des Wildes , das scheu und stutzend hielt , der den Muth und die Geistesgegenwart eines Helden herausforderte ... Den Arm des Landraths ließ der Mönch noch immer nicht . Er wollte ihn , wenn er zur Besinnung kam , verhindern , zu entfliehen und der Gesellschaft wieder nachzurennen ; denn daß er mit einem Mann zu thun hatte , der das Licht der Vernunft verloren , hörte Hubertus bald an dem , was der Unglückliche allmählich zu sprechen begann ... Ich bin der Landrath - ! sagte er erwachend ... Wohl ! Wohl ! Herr von Enckefuß ! flüsterte der Mönch mit milder und beruhigender Stimme ... Nehmen Sie sich vor mir in Acht ! Ich kenne Sie sehr wohl ! fuhr der Rittmeister nach einer Weile fort ... Große Ehre , Herr Landrath ! Sie sind der Doctor Klingsohr ! Pater Sebastus jetzt ! Wie konnten Sie sich unterstehen , mich von meinem Freunde - Wittekind fortzuschicken ? Das war ja mein bester , einzigster Freund ! Und der - wollte doch sonst das Pfaffengesindel nicht ! Laß mich , Kapuziner ! Der Mönch bedeutete den Rittmeister , der den Grafen Münnich mit dem Kronsyndikus verwechselte , auf dessen Jagden er früher den Matador gemacht , mit nickenden Zustimmungen ... Nicht wahr ? Ich bin eingeladen ? fragte jetzt der Landrath kleinlaut ... Diese Worte wiederholte er öfter und mit Pfiffigkeit und fuhr dann stolz fort : Mein Vater hat die Schlacht bei Belle-Alliance gewonnen ! Sagst du auch : Wellington ? Landesverräther ! Man muß euch hier alle niederschießen ! Alle ! Eher kommt keine Ruhe und kein Patriotismus ins Land ! Beide gingen dabei schon fürbaß ... Manchmal noch rangen sie , manchmal zankend , manchmal beruhigt still stehend ... Der Mönch ermüdete nicht , durch Eingehen auf die Vorstellungen des kranken Mannes ihn zu besänftigen ... Der Tobende rief : Ich werde euch zeigen , welche Verwandte ich habe ! Ihr sollt euch wundern , wer meine Protection ist ! Der König hat schon mehr als dreißigmal mit mir gesprochen ! Betteln kann ich so gut wie andere , aber - ich gebe keine fünfzig Procent ! Auf Spiel , da steht jetzt Strafe ... Haha ! Tangermann ! Zimmer 15 ! Leutenant von Barnekow und Rittmeister von Enckefuß - nehmt euch in Acht ! Rittmeister a. D. ... Ade ! ... Soll ich denn mit Gewalt ein Müller werden ? Dies letztere Wort sprach der Verwirrte plötzlich fast weinerlich ... Ermuntert zur Nachgiebigkeit wurde er durch den Zuspruch des greisen Mönchs , der bald die Milde , bald die Energie selbst war , ihm in allem Recht gab , ihn in dem Glauben bestärkte , daß er der vornehmste , geachtetste und arrangirteste Mann der Provinz wäre und doch wieder festhielt , wenn er ungeberdig um sich schlug ... Hedemann , sagte Hubertus , das , das wäre ja der Müller , aber auch noch ein Oberst könnte hier ein Müller werden , setzte er plaudernd hinzu ... Fehlte irgendetwas , um dem in seinem Wesen einfachen , ja trotz seiner Kraft kindlichen Mönch das Vertrauen des Unglücklichen zuzuwenden , so war es die Erwähnung seines Sohnes ... Auf das Kichern und Lachen , mit dem der Landrath ein Dutzend mal auf die Erwähnung des Obersten hintereinander : Papiermüller ! Papiermüller ! rief , hatte er einen uneröffneten Brief hervorgezogen und stolz gerufen : Na da kuck ' einmal ! Das ist von meinem Sohn ! Von Ihrem Herrn Sohn ? hatte kaum der Mönch wiederholt und von seiner letzten Reise her dessen hoffnungsvolle Carrière gerühmt , so leistete der Landrath keinen Widerstand mehr , sondern ergab sich ruhig , folgte und sprach , auf den Brief deutend , mit Behagen : Ja , mein Sohn , der ist in drei Jahren Minister ! Den Adlerorden , den hat er schon - er darf ihn nur noch nicht zeigen ! Alles weiß mein Junge ... Und wenn du schweigen kannst , Pfäffchen , sollst du hören , was mir mein Sohn geschrieben hat ! Das ist die Handschrift , die an ihm der König so sehr liebt ! Sein König ! ... Das kennt ihr hier zu Lande gar nicht , was es heißt : Mein König ! ... » Helft Leute mir vom Wagen ab « ( sang er mit leiser Stimme ) , » mein König trank daraus ! « ... Lies , Alter , und siehst du , der Bindestrich immer wie ein Grundstrich und der Grundstrich immer wie ein Bindestrich ... Das hilft nun nichts ! Etwas Apartes muß der Mensch haben ! Mit der feierlichsten Würde seine Autorität behauptend öffnete er den vielleicht kurz vor dem Verlassen seiner Wohnung empfangenen amtlichen Brief und ließ , während er ihn vorlesen wollte , den Mönch mit einsehen ... Nicht daß der Alte in der braunen Kutte neugierig war ... Ihm genügte , daß diese Gedankenreihen den Wahnwitzigen zerstreuten und daß er hoffen konnte , ihn so allmählich zum Meyer von Borkenhagen , dem nächsten Ort , zu führen , wo er gedachte ein Fuhrwerk anspannen zu lassen , um den Kranken nach Witoborn in seine Wohnung zurückzubringen ... Plötzlich aber fiel ihm in dem Briefe , der eiligst und offenbar unter dem Siegel amtlicher Verschwiegenheit geschrieben war , ein Zeichen auf , vor dem ihn Schauder ergriff ... War in dem Briefe - von ihm selbst die Rede ? ... Stammer ( der als der Jagd unwürdig am fernen Waldrand bei der Wagenburg geblieben war ) hatte an jenem Abend im Finkenhof Recht gehabt - Hubertus trug jenes bekannte Verbrecherzeichen auf seinem fleischlosen Arme ... Was sollte das jetzt - ? Er sah dies Zeichen abgebildet in diesem Brief ... Der Landrath hielt , wie ein Fernsichtiger , den Brief so weit von sich zurück , daß Hubertus während des Vorlesens mit einsehen konnte ... Aber merkwürdig , der Irrsinnige las etwas völlig Anderes , als was im Briefe stand ... Nur die Ideen las er aus ihm heraus , die in seinem Kopfe lebten , während Hubertus sogleich bemerkte , daß der Inhalt ein hochwichtiger und ihn persönlich betreffender war ... Der Landrath las : Lieber Vater - die Canaillen helfen einmal nicht - Dieser Kattendyk ist und bleibt ein Esel - Nück hat Dir den Tod geschworen - Deine Widersacher triumphiren ! Halt ' aber aus , bis ich ans Ruder komme - Dann kann es mir und Dir nicht fehlen und Du zahlst es auch dem Präsidenten heim , gegen den Du viel zu lange zu stolz gewesen bist ! - Warum lässest Du Dir Dein Schweigen nicht bezahlen ? Warum schonst Du Räuber und Mörder und thust es umsonst ? Weil Du zu stolz bist ? Ha ! Cavalier vom Tschako bis zum Sprungriemen ! Lernt uns von Anno 13 kennen , einen Rittmeister von den braunen Husaren ! Landfriedensbrecher ! Ihr Römlinge ! Die Cocarde erkenne ich euch ab ! ... Auf die Jagd bekommst Du Deine Karte so gut wie hier jeder andere von Distinction ! Monsieur le Baron d ' Enckefuss est invité à la chasse ! Mit dem Brief salutirte der Rittmeister an seiner wachsledernen Mütze , die Hubertus ihm von der Erde genommen , dann getragen und allmählich aufgesetzt hatte ... Seine schwarzen Augen funkelten , die rothe Nase glühte , die Tusche seiner Gesichtsfarbe hatte sich im Regen verwischt und floß um den jetzt in seiner Grauheit sich verrathenden Bart. Jeder , der im Walde dahergekommen wäre und hätte die beiden schreckhaften Gestalten gesehen , wäre bebend zurückgewichen ... Aber auch Hubertus hätte sich jetzt an dem Wankenden halten mögen ... Sein Geist war mächtig in der Kraft des Willens , nicht in der Combination ... Erst ohne Verständniß blickte er in die Schrift , die ihm der Landrath entgegenhielt , bald aber las er im klarsten Zusammenhange , die Pausen des Landraths nutzend , Folgendes : » Lieber Vater ! Eine Nachricht von Wichtigkeit , die ich Dir persönlich mittheile , damit Du Dir ganz allein das Verdienst dieser Entdeckung erwirbst und die Kränkungen , die der Parteigeist über Dich verhängt , durch Deine Thätigkeit beschämen kannst ! Ein Verbrecher , der zwanzig Jahre in Frankreich auf