als eine Gärtnerlaune , ein Schnörkelornament , wurde zu einer Familienstätte , zu einem der Erinnerung geweihten Platz . Dies geschah zuerst im Sommer 1797 . Im Winter vorher , am 28. Dezember , war Prinz Ludwig gestorben , der Bruder , zugleich der Schwager Friedrich Wilhelms III. , und an der bevorzugten Plauderstelle wurde in den Stein geschrieben : » Er ist nicht mehr « . Die Jahre gingen ; so kam der Juli 1810 . In der Parkgruft zu Charlottenburg senkte sich der Sarg der Königin ; in die Tempelwand zu Paretz wurde eine graue Marmortafel eingelassen , die nunmehr die Inschrift empfing : » Gedenke der Abgeschiedenen . « Mehr und mehr erhob sich der Tempel zu einer Stätte des Familienkultus ; in seiner Front , an eben der Stelle , wo die heimgegangene Königin so oft geruht hatte , wurde ein Friedensengel mit Kranz und Palmenzweig errichtet ; der Tempel von Paretz war zu einem Vereinigungspunkt , fast zu einem Symbol geworden , das jedem Familiengliede das Beste bedeutete , was der Mensch hat : Liebe , Treue , Pietät . In diesem Sinne schrieb König Friedrich Wilhelm III. in seinem Testament : » Meine Zeit in Unruhe , meine Hoffnung in Gott .... Wenn dieser mein letzter Wille meinen innigst geliebten Kindern zu Gesicht kommen wird , bin ich nicht mehr unter ihnen und gehöre zu den Abgeschiedenen . Mögen sie dann bei dem Anblick der ihnen wohlbekannten Inschrift : › Gedenke der Abgeschiedenen ! ‹ auch meiner liebevoll gedenken . « Und sie gedenken seiner . Der 7. Juni , der Sterbetag des Königs , ist zu einem Gedächtnistag geworden , und kein Sohn oder Enkel betritt Paretz , ohne an die graue Marmortafel zu treten und freiwillig zu tun , woran ihn die Inschrift mahnt . Der » tote Kirchhof « Der » tote Kirchhof « » Gedenke der Abgeschiedenen ! « so klingt es überall in Paretz , auch über den Kreis des Schlosses hinaus . Erinnerung und Pietät , die hier ihre Stätte haben , sie haben sie auch in den Herzen der Paretzer ; still und unbemerkt üben sie ihren Totendienst ; » Gedenke der Abgeschiedenen « durchklingt es auch sie . Um die Kirche herum liegt ein Kirchhof , ein sogenannter » toter Kirchhof « ; der » lebende « , die Stätte , wo begraben wird , liegt draußen , am Rande des Dorfes . Die alte Stätte ist nur ein Grasplatz noch , niedergetreten , ohne Kreuz und Stein , aber wer scharf zusieht , der nimmt bald wahr , daß hinter dieser Verwahrlosung noch immer eine Liebe lebt . Hier und dort wächst eine Schwertlilie , ein Hagebuttenstrauch unvermittelt aus dem niedergetretenen Grase auf , und alle diese Stellen kennen die Dörfler wohl , es sind die Gräber ihrer Teuren , die sie verstohlen hegen und pflegen , in heimlicher Liebe . Denn der Kirchhof soll tot sein , der offizielle Platz für Blumen und Tränen liegt draußen . Aber welchem Herzen ließe sich gebieten ! Paretz ist eine Stätte der Erinnerung und Pietät – auch der » tote Kirchhof « . Etzin Etzin Es haben alle Stände So ihren Degen wert ? Der alte Derfflinger Sei brav , Sei gut , Hast Schlaf , Hast Mut . Eine halbe Stunde von Paretz , wie dieses hart an der Havel , liegt Ketzin , schon ein Städtchen ; wieder eine halbe Meile weiter , aber nun landeinwärts , Dorf Etzin . Es von Paretz aus zu besuchen , verbot sich mir ; ich hatte also eine eigene Fahrt , eine kleine Spezialreise dafür anzusetzen . Diese , per Bahn , ging zunächst über Spandau , Segefeld , Nauen , von hier aus zu Fuß aber an den alten Bredowgütern : Markée und Markau vorüber , ins eigentliche Havelland hinein . Der Leser wolle mich freundlich begleiten . Mit dem Glockenschlage zwölf sind wir auf dem Nauener Bahnhof eingetroffen und das Straßenpflaster mit gebotener Vorsicht passierend , marschieren wir nach zehn Minuten schon , an Gruppen roter Husaren und gelbklappiger Ulanen vorüber , zum andern Stadtende wieder hinaus . Das weitgespannte Plateau , ein guter Lehmboden , ist flach und hart wie eine Tenne und wäre nicht ein fichtenbestandener Höhenzug , der wie eine Kulisse sich vor uns aufrichtet , so würden wir beim Heraustreten aus dem Nauener Tore schon die spitzen Türme von Ketzin und Etzin vor uns erblicken . So aber teilt der Höhenzug das Bild in zwei Teile und gönnt uns zunächst nur den Überblick über die nördlich gelegene Hälfte . Die Mühlen stehen so steif und leblos da , als hätten sie sich nie im Klappertakte gedreht . Sonntags- und Mittagsstille vereinigen sich zu einem Bilde absoluter Ruhe , und wäre nicht der Wind , der oft umschlagend , bald wie ein Gefährte plaudernd neben uns hergeht , bald wie ein junger Bursche uns entgegenspringt , so wäre die Einsamkeit vollkommen . Die Sonne brennt heiß und nach verhältnismäßig kurzem Marsche schon machen wir halt in einem der vielen Gräben , die sich neben der Straße hinziehen . Wie uns die kurze Rast erquickt ! Der Weidenstamm gönnt eine bequeme Rückenlehne und die herabhängenden Zweige schützen gegen den Anprall der Sonne . Auch für Unterhaltung ist gesorgt ; das Stilleben der Natur tut sich auf , die Goldkäfer huschen durch das abgefallene Blattwerk und die Feldmäuse , vorsichtig neugierig wie auf der Rekognoszierung , stecken die Köpfchen aus den Löchern hervor , die sich zahllos zu beiden Seiten des Grabens befinden . In dem Sumpfwasser zu unserer Linken beginnen inzwischen die Unken ihre Mittagsmelodien . Wie das ferne Läuten weidender Herden klingt es , und zum ersten Mal verstehen wir die Sage von den untergegangenen Städten und Dörfern , deren Glocken um die Mittagsstunde leise nach oben klingen . Wir lauschen auf , aber es bangt uns mehr und mehr vor dem unheimlich einschmeichelnden Getöne , und rasch aufspringend , marschieren wir rüstig weiter in die brennende Mittagsstille hinein , dankbar gegen den jetzt wieder entgegenkommenden Wind , der uns das Gesicht kühlt und die verfolgenden Unkenstimmen mit in unsern Rücken nimmt . So erreichen wir bald den mit Nadel- und Laubholz bestandenen Sandrücken , der , als wir die Nauener Mühlen passierten , wie eine Kulisse vor uns stand , waten geduldig durch den heißen mahlenden Sand des Fahrwegs hindurch und treten endlich aufatmend in die südliche Hälfte des Havellandes ein . Aufatmend ; – denn kaum die Tannen im Rücken , ist es uns , als wehe uns eine feuchte Kühle an , wie von der Nachbarschaft eines breiten Stroms , und doch ist es noch eine volle Meile bis an die Buchtung der schönen Havel . Noch eine volle Meile bis an die Havel , aber nur eine halbe Stunde noch bis nach Etzin , dem unsere heutige Wanderung gilt . Seine schindelgedeckte Kirchturmspitze liegt schon wie greifbar vor uns , und dem Ziele unserer Reise uns näher wissend , spannen sich jetzt die Kräfte wie von selber an , Frische kehrt zurück , und noch ehe der Vorrat unsrer Wanderlieder dreimal durchgesungen , marschieren wir fröhlich und guter Dinge in das alte malerische Dorf hinein . Alles verrät Wohlhabenheit , aber zugleich jenen bescheidenen Sinn , der sich in Treue und Anhänglichkeit an das Überlieferte äußert . Das Dorf ist noch ein Dorf ; nirgends das Bestreben , ins Städtische hineinzuwachsen und aus der schmalen Bank unterm Fenster eine Veranda zu machen . Der Hahn auf dem Hofe und die Schwalbe am Dache sind noch die eigentlichen Hausmusikanten und die Bauerntöchter , die eben ihr Geplauder unterbrechen und mit ruhiger , nirgends von Gefallsucht zeugender Neugier dem Schritt des Fremden folgen , haben noch nichts von jener dünnen Pensionstünche , die so leicht wieder abfällt von der ursprünglichen Stroh- und Lehmwand . Die Kirche des Dorfes , am entgegengesetzten Ende gelegen , entzieht sich unsrem Auge , seit wir in die Dorfgasse eingetreten , aber die Bilder und Szenen um uns her lassen uns auf Augenblicke vergessen , daß es eben die Etziner Kirche und nichts anderes war , was uns hierher führte . Die Bilder wechseln von Schritt zu Schritt . Hier stellt sich ein alter Fachwerkbau , von einem schmalen Gartenstreifen malerisch eingefaßt , wie ein Familienhaus mitten in die Dorfgasse hinein und teilt den Fahrweg in zwei Hälften , wie eine Insel im Strom : dort an den Zäunen entlang liegt allerhand Bau- und Bretterholz , und die Kinder beim Anschlagspiel lugen mit halbem Kopf über die Stämme hinweg . Die Arbeit ruht , die lichten Kronen der Lindenbäume werfen ihren Nachmittagsschatten voll und breit auf die Dorfgasse , und wir schreiten frisch und aller Müdigkeit bar darüber hin , als lägen Binsenmatten vor uns ausgebreitet . So haben wir das Dorf passiert , und auf leis ansteigendem Hügel erblicken wir endlich die Kirche wieder , in die der eben herzukommende Küster uns nun freundlich und willfährig einführt . Das Innere der Kirche ist wie das Dorf selbst ; schlicht und einfach , wohlhabend , sauber , eine wahre Bauerndorfkirche , aber doch anders wie sonst solche Kirchen zu sein pflegen . Denn die Gotteshäuser alter Bauerndörfer zeichnen sich im Gegensatz zu den Patronatskirchen gemeinhin durch nichts als durch eine äußerste Kahlheit aus , durch die Abwesenheit alles Malerischen und Historischen ; die Generationen kommen und gehen , kein Unterschied zwischen dem Dorf und seinem Felde , ein ewiger Wechsel zwischen Saat und Mahd . Leben , aber keine Geschichte . So sind die Bauerndörfer und so sind ihre Kirchen . Nicht so Etzin . Hier war zu allen Zeiten ein historischer Sinn lebendig , und so hat hier die Gemeinde Bildnisse derer aufgestellt , die dem Dorfe mit Rat und Tat vorangingen , sein » Wort und Hort « waren – die Bildnisse seiner Geistlichen . Wenn sich solcher Bildnisse nur vier in der Etziner Kirche vorfinden , so liegt es nicht daran , daß die Etziner seit einhundertundfünfzig Jahren sich jemals ihrer Pflicht entschlagen und ihre alte Pietät versäumt hätten , sondern einfach daran , daß die Etziner Luft gesund und die Etziner Feldmark fruchtbar ist . Die Etziner Geistlichen bringen es zu hohen Jahren , und wenn wir die Inschriften und Zahlen , die sich auf den betreffenden Bildern und Grabsteinen in und außerhalb der Kirche vorfinden , richtig gelesen haben , so füllen die Namen dreier Prediger den ganzen weiten Raum des vorigen Jahrhunderts aus . Die Bilder dieser drei Geistlichen , von denen übrigens der mittlere , der Held dieser Geschichte , nur ein kurzes Jahrzehnt der Etziner Gemeinde angehörte , hängen , von Bändern und Brautkronen heiter eingefaßt , links vom Altar an einem der breiten Mauerpfeiler , und das helle Sonnenlicht , das durch die geöffneten Kirchenfenster von allen Seiten eindringt , macht es uns leicht die Namen zu lesen , die mit dünnen weißen Schriftlinien auf schwarze Täfelchen geschrieben sind . Die Namen sind : Andreas Lentz , August Wilhelm Geelhaar und Joachim Friedrich Seegebart . Andreas Lentz , ein würdevoller Kopf , mit dunklem , lang herabhängendem Haar , gehört augenscheinlich der Zeit der er sten beiden Könige , August Wilhelm Geelhaar aber der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts an . Er trägt eine hohe Stehkrause , ist blond , rotbäckig , martialisch , und blickt aus seinem Rahmen heraus wie die Bischöfe des ersten Mittelalters , die lieber zum Streitkolben wie zum Meßbuch griffen . Sein Blick ist kriegerisch genug , aber die Welt hat nie von seinen Kriegstaten erfahren und den Ruhm , in den Gang einer Schlacht eingegriffen und die drohende Niederlage in Sieg gewandelt zu haben , muß er seinem Amtsbruder und unmittelbaren Vorgänger an der Etziner Pfarre überlassen , dessen Bildnis jetzt neben ihm am Wandpfeiler hängt , und dessen milde , fast weiche Gesichtszüge auf alles andre eher schließen lassen sollten , als auf den » Geist Davids « , der ihn zum Siege fortriß . Und doch war es so . Joachim Friedrich Seegebart ist es , der uns nach Etzin und in diese Kirche geführt hat , Joachim Friedrich Seegebart der Sieger von Chotusitz . Hören wir , wie es damit zusammenhängt . Joachim Friedrich Seegebart , geboren den 14. April 1714 im Magdeburgischen , wahrscheinlich zu Wolmirstedt , war Feldprediger beim Prinz Leopoldschen Regiment , das vor Ausbruch des ersten Schlesischen Krieges , und auch wohl später noch , zu Stendal in Garnison stand . Er war ein Anhänger der Spenerschen Lehre , demütig , voll Liebe , nur streng gegen sich selbst , ein Mann , von dem man sich einer gewissenhaften Wartung seines Amtes , der Festigkeit in Wort und Glauben , aber keiner kriegerischen Tat versehen konnte , er selbst vielleicht am wenigsten . Die rasche Besitzergreifung Schlesiens war Ausgang 1740 beschlossene Sache . Die Regimenter erhielten Marschorder und den 8. Dezember brach das Regiment Prinz Leopold von Stendal auf , mit ihm Seegebart . Ober diesen Marsch durch die Kurmark und später durch Schlesien besitzen wir interessante Aufzeichnungen von Seegebarts eigener Hand . Am II. März , nach längerem Aufenthalt in Berlin , betrat das Regiment schlesischen Boden , zeichnete sich bei der Erstürmung von Glogau aus , focht bei Mollwitz und bezog im Oktober das Winterquartier in Böhmen . Hier blieb es in Reserve , während der König in Mähren einrückte . Erst im Frühjahr 1742 vereinigte sich das Regiment wieder mit der aus Mähren zurückgehenden Hauptarmee und war mit unter den Truppen , die am 17. Mai 1742 der österreichischen Armee unter dem Prinzen Karl von Lothringen bei Chotusitz eine Viertelmeile von Czaslau gegenüberstanden . Dieser Tag von Czaslau oder Chotusitz ist der Kriegs- und Ehrentag unseres Seegebart . Gegen acht Uhr morgens begann die Schlacht , die österreichische Infanterie eröffnete den Angriff , und warf sich auf den rechten preußischen Flügel , litt aber durch Kanonen-und Kleingewehrfeuer so stark , daß einzelne Regimenter den Rücken kehrten , und , trotzdem sie von ihren eigenen Offizieren in kaum glaubhafter Anzahl niedergestochen wurden , nicht wieder zum Stehen zu bringen waren . Jetzt sollten Kavalleriechargen die Scharte auswetzen . Mit großem Ungestüm schritt man zur Attacke ; aber vergeblich . Mal auf mal wurden die Chargen abgeschlagen und die rückgehenden Regimenter schließlich mit solcher Vehemenz verfolgt , daß die dahinter aufgestellte Infanterie mit in die Flucht verwickelt und zum Teil niedergemacht , zum Teil über das Feld hin zerstreut wurde . So standen die Dinge am rechten Flügel , zum Teil auch im Zentrum . Alles ließ sich glücklich an und schien einen raschen Sieg zu versprechen ; aber völlig entgegengesetzt sah es am linken Flügel aus , wo unser Seegebart auf einer kleinen Fuchsstute im Rücken seines Regiments hielt . Hier standen sechs Bataillone in Kolonne und zwar in Front zwei Bataillone Prinz Leopold , dahinter einzelne Bataillone der Regimenter La Motte , Schwerin , von Holstein und Prinz Ferdinand . Das Unglück wollte , daß der Angriff der Österreicher eher erfolgte , als die Aufstellung der Preußen , insonderheit ihrer Kavallerie beendigt und geordnet war , und so wiederholte sich hier zuungunsten der Preußen das , was sich am entgegengesetzten Flügel zu ihren Gunsten ereignet hatte . Die preußischen Dragoner wurden geworfen , die Infanteriekolonnen , zumal die in Front stehenden Bataillone Prinz Leopold , mit in den Wirrwarr hineingerissen und endlich alles in wildem Durcheinander durch das brennende Dorf Chotusitz hindurch gejagt . Reserven rückten vor und nahmen den Kampf wieder auf , aber im selben Augenblick stoben , wie durch ein böses Ungefähr , vom entgegengesetzten Flügel her , die flüchtigen Reitermassen heran , die dort dem Vordringen der Preußen hatten weichen müssen , und nun eben rechtzeitig genug erschienen , um dem ohnehin siegreichen Stoß der Ihrigen eine gesteigerte Wucht zu geben . In diesem Augenblick äußerster Gefahr war es , wo der kriegerische Geist in unserem Seegebart plötzlich lebendig wurde und , zunächst den Kampf wiederherstellend , endlich alles zu Heil und Sieg hinausführte . Seegebart selbst hat dies sein Eingreifen in den Gang der Schlacht mit so viel Anschaulichkeit und Bescheidenheit geschildert , daß es wie geboten erscheint , ihn an dieser Stelle mit seinen eigenen Worten einzuführen . » Als unser Regiment nun retirirte und zum Theil mit feindlicher Cavallerie und Grenadiers vermischt war , jug ich spohrenstreichs hin und wieder durch dasselbe und redete den Burschen und Offiziers beweglich und Notabene recht ernstlich zu , daß sie sich widersetzen und fassen sollten . Einige schrien mich gleich an mit einem lauten : Ja ! und waren bereit und willig , wurden aber von der andringenden Macht verhindert , kamen aber doch wieder zu stehen . Als ich dieses that , flogen mir die Kugeln so dick um den Kopf , als wenn man in einem Schwarm sausender Mücken stehet , doch hat Gottlob mich keine , auch nicht einmal den Roquelour verletzt . Ein Bursch hat mein Pferd in diesem Lärm mit dem Bajonette erstechen wollen ; aber ein anderer hat es ihm weggeschlagen . Bis hierher hatte ich nur zu den Leuten unsres Regiments gesprochen , ich sammelte jetzt aber einige Escadrons Cavallerie , die in Confusionen waren , vom linken Flügel , brachte sie in Ordnung , und sie attaquirten in meiner Gegenwart die feindliche Cavallerie und repoussirten sie . Ich war so dreist , daß ich mich an General und Obristen machte , sie bei der Hand faßte und im Namen Gottes und des Königs bat , ihre Leute wieder zu sammeln . Wenn dies geschehen , so jug ich hin und wieder durch und trieb die Leute wieder dahin , wo sie sich wieder zu setzen anfingen . Ich brauchte allerley Beredsamkeit und man folgte mir in allen Dingen . Ich wundere mich , daß die schweren Pferde meinen kleinen Fuchs nicht zertreten haben , aber es schien , als wenn alles vor mir auswiche und mir Platz machte . Ich that und redete als ein Feldmarschall und bemerkte augenblicklich die Impression von meinem Zureden und Vorstellungen an der Leute Gebehrden und Gehorsam . Mein Gemüt war Gott ergeben , und in einer guten Fassung , und ich habe in eigner Erfahrung damahlß gelernt , daß das Christenthum resolut und muthig macht auch in den verworrensten Begebenheiten . Auch den Feind zu verfolgen war mir schließlich gestattet . Ich sammelte noch einmal einen großen Haufen fliehender Cavallerie , zum Theil von unsern linken und rechten Flügel , wohl eine Viertelmeile vom Champ de Bataille , welches mir wohl große Mühe machte , aber doch endlich gelungen , und führte sie zurück bis an den gedachten Champ , wo sie auch sogleich , weil sich die Bataille indes geendet , dem Feinde nachging und ihn verfolgte . Die Cavallerie so ich gesammelt und die sogleich auf meine Vorstellung wieder zu agiren anfing ist über 20 Esquadrons gewesen . Gott sei mir gelobet der mir Davids Muth und Sinn gegeben « . So weit die Darstellung Seegebarts selbst . Der Vorgang machte Aufsehen bei Freund und Feind und wurde , ausgeschmückt und oft bis zur Unkenntlichkeit entstellt , in Zeitungen und fliegenden Blättern erzählt . Jordan schrieb , schon zehn Tage nach der Schlacht , von Berlin aus an den König : » Hier möchte alle Welt wissen , wer der Unbekannte gewesen sei , der sich mit soviel Bravour an die Spitze einiger Eskadrons setzte und durch rasches Eingreifen zum Siege mitwirkte . Es heißt , Ew . Majestät hätten nach seinem Namen gefragt , der Angeredete habe sich aber geweigert , sein Inkognito aufzugeben . « Der große König , der damals noch mehr jung als groß war und Anstand nehmen mochte , einem einfachen Feldprediger einen wesentlichen Anteil am Siege zuzusprechen , fand es angemessen , in seinem Antwortschreiben die ganze Angelegenheit als eine Fabel zu bezeichnen , und wir würden uns vielleicht in der Lage befinden , den ganzen poetisch und psychologisch interessanten Vorgang in Wirklichkeit als eine Fabel ansehen zu müssen , wenn wir nicht das Seegebartsche Tagebuch und jenen Brief ( an Professor Michaelis in Halle ) besäßen , aus dem wir schon die obige Schlachtszene zitiert haben . Das Tagebuch weist in seinem Tone und seiner Schreibweise für jeden , der sich auf den Klang von Wahrheit und Unwahrheit versteht , unwiderleglich nach , daß Pastor Seegebart eine ebenso demütige , wie hochherzige Natur war , ein Mann , in dessen Herzen keine Lüge bestehen konnte . So glauben wir denn ihm und keinem andern , wenn er am 24. Mai in aller Bescheidenheit aber auch in nicht mißzuverstehender Klarheit schreibt : » Die Sache ist beim König , der Generalität , ja der ganzen Armee bekannt geworden , und man redete in den ersten Tagen selten von dem Siege , den uns Gott gegeben , ohne daß man meiner gedacht hätte . Wenn ich ein Narr wäre , so hätte ich die beste Gelegenheit mich aufzublasen gehabt . Der König hat mir durch unsern Prinzen ( Erbprinz Leopold von Anhalt-Dessau ) ein sehr gnädiges Compliment machen und mich versichern lassen , › ich sollte die beste Pfarrstelle in allen seinen Landen haben ‹ , wozu der Prinz hinzusetzt : › Wenn das nicht geschähe , so wolle er mir die beste in seinem eigenen Fürstenthum geben , denn ich hätte in der Bataille nicht nur wie ein Prediger , sondern auch wie ein braver Mann gethan . ‹ « Prinz Leopold , der gewiß Wort gehalten hätte , wurde nicht beim Wort genommen ; Seegebart erhielt eine Pfarre , freilich keine beste , kaum eine gute ( die Etziner Pfarrstelle ist jetzt eine sehr gute , war es aber damals nicht ) , indessen doch immerhin eine Pfarre , und im August 1742 , also kaum drei Monate nach der Schlacht , ward er in die Etziner Kirche eingeführt . Mit ungewöhnlicher Tätigkeit – so erzählte mir der achtzigjährige Pastor Duchstein , der , als er sein Etziner Pfarramt zu Anfang dieses Jahrhunderts antrat , noch Leute vorfand , die seinen kriegerischen Amtsvorgänger gekannt hatten – hat dieser hier als Seelsorger und Landwirt gewirkt . An Wochentagen hielt er im Pfarrhause Erbauungsstunden , sowohl für Kinder wie für Erwachsene , und nahm sich überhaupt seiner beiden Gemeinden : Etzin und das nahegelegene Knoblauch , mit Eifer und Liebe an . Nebenbei aber führte er die weitläufige Pfarrwirtschaft selbst , verbesserte mancherlei in derselben und nutzte sie durch seine Betriebsamkeit , wie die von ihm geführten Register beweisen , ungemein hoch . Den Pfarrgarten hatte er ganz verwildert übernommen ; er pflanzte die besten Obstsorten an und hatte die Freude , schon im zweiten Jahre einige Früchte davon zu ernten . Sooft er ein so günstiges Ergebnis seines Fleißes in seinen noch vorhandenen Rechnungen zu vermerken hatte , versäumte er nicht , in einfachen Worten einen kurzen Dank an Gott auszusprechen . Über seine Kriegs- und Siegestat bei Chotusitz sprach er nur selten und nur gezwungen , teils weil er eine natürliche Scheu hatte sich vorzudrängen , teils weil er zu der Ansicht gekommen sein mochte , » er habe bei Chotusitz für einen Geistlichen wirklich etwas zu viel getan . « Aber eben deshalb , weil der Tag von Chotusitz auf der Etziner Pfarre nur so selten genannt werden durfte , eben deshalb ist auch jener Familientradition , die sich bis in unsere Tage hinein erhalten hat , ein ganz besonderer Wert beizulegen , jener Tradition nämlich , die übrigens auch in Andeutungen des Jordanschen Briefes ihre Bestätigung findet , daß der König seinem Feldprediger in der Tat eine Hauptmannsstelle habe anbieten lassen . Daß dies Anerbieten abgelehnt wurde , versteht sich von selbst . Seegebart wäre nicht er selbst gewesen , wenn er den Roquelour mit dem bunten Rock des Königs vertauscht hätte . Die angestrengte Tätigkeit des Predigens vor zwei Gemeinden scheint seiner wohl an sich nicht sehr festen Gesundheit geschadet und seinen frühzeitigen Tod herbeigeführt zu haben . Auch sein Bild zeigt jene klare , durchsichtige Hautfarbe und jene mildleuchtenden Augen , denen man bei Brustkrankheiten so oft begegnet . Er hinterließ eine Witwe , Christiane Elisabeth , geborene Sukro und vier Kinder . Außer seinem Bilde , das ihn unverkennbar als eine poetische , dem Idealen zugewandte Natur darstellt , befindet sich an einer Außenwand der Etziner Kirche noch der Grabstein des früh Geschiedenen , der unter einem wenig geschmackvollen Ornament folgende Inschrift trägt : » Hier ruhen in Hoffnung die dem Tode getrost anvertrauten Gebeine des weiland Hochwürdigen und Hochgelehrten Herrn Joachim Friedrich Seegebarth . Das Prinz Leopold ' sche Regiment , und die Etzinsche und Knoblauch ' sche Gemeinde rühmen noch seine wahre Gottesfurcht und seltene Redlichkeit . Daher war er freudig vor Gott , liebreich vor Menschen , sorgfältig im Amt , demüthig bei seiner Gelehrsamkeit . Von seinem geistigen Amt zeugen viel lebendige Briefe , von seinem Christenthum , die durch das Leben bethätigte Lehre . Er betrat diesen mühseligen Schauplatz 1712 den 14. April . Er bezog die stolzen Wohnungen der Ewigkeit 1752 den 26. Mai . Leser ! schaue sein Leben an und denke an seinen Tod . Betrachte seinen Glauben und ahme ihm nach . Sein freudiger Hingang mache Dir die Ewigkeit süß . « Falkenrehde Falkenrehde Die Sage gebiert und schafft und treibt . Was will unser Licht ? Ein Dunkel bleibt . Falkenrehde , halbwegs zwischen Potsdam und Nauen , ist eines der reicheren Güter des Havellandes und bildet mit dem nachbarlichen Ütz und Paretz einen Güterkomplex , dessen Erträge in die königliche Schatulle fließen . In früheren Jahrhunderten saßen hier die Bardeleben und Dirickes , später die Gröben , bis es , zur Zeit des Großen Kurfürsten , an den berühmten Artillerieobersten Ernst von Weiler und dessen weibliche Deszendenz überging . Eine der Weilerschen Töchter war an den Minister von Kraut , einen besonderen Günstling Friedrich Wilhelms I. vermählt . Diese Weilersche Zeit war die wichtigste . Sie gab dem Dorfe seine Geschichte , auch wohl die Erscheinung , die es bis diesen Augenblick noch zeigt . Falkenrehde ist eines jener lachenden Dörfer , deren die Mark , ganz im Gegensatz zu ihrem Ruf , so viele zählt . Prächtige alte Linden ziehen sich zu beiden Seiten der Dorfstraße hin , saubere Häuser , von Kürbis-oder Pfeifenkraut umsponnen , blicken zwischen den Stämmen durch und in nur kurzen Pausen rollen Postwagen und Omnibusse auf und ab , die den Verkehr zwischen Potsdam und den kleinen , aber wohlhabenden Städten des Havellandes unterhalten . In den dreißiger Jahren war auch vornehmeres Gefährt auf dieser Straße heimisch : königliche Kutschen . Friedrich Wilhelm III. kam an schönen Sommerabenden von dem nahen Paretz herüber , stieg in der Pfarre ab , nahm in einem eigentümlich dekorierten Zimmer , dessen Wände einen deutschen Götterhain und einen freiwilligen Jäger darstellten , den Freia mit dem Schwert umgürtet , seinen Tee und plauderte mit dem pastor loci , während dessen Söhnlein , ein vierjähriger Blondkopf , mit Säbel und Ulanenkaskett auf der Freitreppe Wache stand . In Paretz hatte der König unbedingte Stille ; hier erquickte ihn jene heitere Geschäftigkeit , jener auf- und abwogende doch nie zudringliche Verkehr , der wohl zerstreute , aber nicht störte . Und diese heitere Geschäftigkeit , dieser nie rastende Verkehr , sie sind dem Dorfe geblieben , ja mehr , sie sind gewachsen . Freilich , wer sich ihrer freuen will , darf nicht gerade Novembertage wählen , wie wir es heute tun . Für unsern Zweck indes vielleicht die beste Beleuchtung . Tagüber war Regen . Nun hat sich mit Sonnenuntergang der Himmel geklärt , eine eiskalte Luft geht über die Felder , das Wasser platscht in den breiten Lachen , die wir durchfahren , und die Weidenzweige , an denen noch einzelne Tropfen hängen , schlagen in den Wagen hinein . Selbst das Abendrot , das zwischen geballtem Gewölk steht , hat nichts Heiteres . Fröstelnd fahren wir in die Falkenrehder Dorfstraße ein . » Es wird heute nichts « , brummte mein Gefährte , ein havelländischer Herr , aus seiner Kapuze heraus . » Um diese Stunde steigt keiner in die Gruft , am wenigsten zu dem Enthaupteten . « » Wir müssen ' s versuchen . Tot ist tot , enthauptet oder nicht . « Mit diesen Worten hielten wir vor der Küsterwohnung , schlugen das Wagenleder zurück , so rasch es unsere klammen Finger gestatteten und sprangen mit Vermeidung des Tritts , dem man es ansah , daß er nur zum » Hängenbleiben « da war , auf den anfgeweichten Boden . Die warme Stube drinnen tat uns wohl . Wir trugen dem Küster unser Anliegen vor , der , unter Gräbern groß geworden und mit den Toten eingelebt , sofort seine Bereitwilligkeit ausdrückte , dem » Enthaupteten « einen nächtlichen Besuch zu machen . Zu gleicher Zeit erfreute er das Ohr meines Reisegefährten durch die Erklärung : » daß es für drei zu eng sei . « Wir nahmen , während Laterne und Kirchenschlüssel herbeigeschafft wurden , einen Augenblick Platz und plauderten , was mir erwünschte Gelegenheit gab , einige Fragen zu stellen . » Nun sagen Sie , Herr Kantor , wie steht es damit , ist er wirklich enthauptet ? « » Das ist er . Darüber kann kein Zweifel sein . Sie werden es sehen . « » Wer ist es ? « » Ich weiß es nicht . Ich kann nur sagen , was sich die Leute hier erzählen . Sie sagen , es sei der Oberst von Weiler , der um 1680 Falkenrehde besaß . Sie sagen , daß er Unterschleife machte , daß er heimlich hingerichtet wurde und daß die Frau des Obersten die Leiche freibat , um sie hier beisetzen zu können . « » Das ist alles ? « » Ja ! « » Glauben Sie es ? « » Ich darf wenigstens nicht sagen