Gräfin . Das machte die Neugier rege . Man ließ sich die Fremdenblätter holen ; unter den » Eingetroffenen « fand sich , zu allgemeiner Genugthuung , der Name der Gräfin Haughton , und als die Schwester eben jenes Gesandtschafts-Sekretärs zufällig bei ihrer Spazierfahrt die Linden entlang fuhr , sah sie , daß man vor und neben dem betreffenden Gasthofe die Straße , um das Rollen der Wagen abzudämpfen , weit hinaus mit Stroh beschüttet hatte . Abends erzählte die Hofdame der Ober-Hofmeisterin in dem Zimmer ihrer Herrin von dem romantischen Ereigniß , und so leise sie auch sprachen , hatte die Prinzessin doch ein Wort davon gehört . Sie verlangte , zu wissen , wovon die Rede sei . Die Ober-Hofmeisterin , froh , einen Gegenstand der Unterhaltung für die unbeschäftigte Prinzessin zu haben , erzählte , was sie wußte . Die Prinzessin sagte , sie habe der Sache schon früher erwähnen hören , als sie im Auftrage des Königs das Fräulein-Stift zum heiligen Grabe besucht , und dort zu ihrem Erstaunen die Gräfin Hildegard von Rhoden gefunden habe , die nach ihrem Wissen mit dem Freiherrn von Arten seit vielen Jahren versprochen gewesen sei . Sie wunderte sich , wie Hildegard ' s Mutter , nach der Weise , in welcher der Freiherr sich gegen Hildegard benommen hatte , und nach den Gerüchten über ihn , die ihr doch kaum verborgen geblieben sein konnten , den Muth besessen habe , ihm die zweite Tochter anzuvertrauen . Die Hofdame , welche mit Hildegard in gleichem Alter und eine Freundin von ihr war , wagte die bescheidene Bemerkung , Hildegard habe sich für die Schwester aufgeopfert , als sie deren Leidenschaft für ihren Verlobten wahrgenommen habe . Die Prinzessin , ein Vorbild der ehelichen Treue und der Mutterliebe , schüttelte mißbilligend das schöne Haupt . Wie traurig ist es , daß selbst ursprünglich edle Naturen , denn ich habe früher nur Günstiges von dem Baron von Arten gehört , sich zu solchen Verirrungen hinreißen lassen können , die ihre Strafe in sich selber tragen . Die Zeit bleibt sicherlich nicht aus , in welcher die Gräfin Hildegard ihr Schicksal als das glücklichere zu preisen haben wird ! Wenn Sie ihr schreiben , so sagen Sie ihr , daß ich ihrer denke und daß ich sie zu sehen hoffe , wenn sie wiederkehrt . Mit diesem Ausspruche der Prinzessin war für die Personen , welche zu ihrem Hofstaate gehörten , die Weise vorgezeichnet , in welcher man die Angelegenheiten der Arten ' schen und der Rhoden ' schen Familie aufzufassen hatte ; und da man einmal auf dem Wege war , sich mit ihnen zu beschäftigen und sie zum Gegenstande der Unterhaltung zu machen , gab es in den nächsten Tagen kaum einen Theetisch , kaum ein Plauderstündchen , in welchem sie nicht den Stoff für weit zurückreichende Erinnerungen , für eben so weit gehende Vermuthungen und Voraussichten geboten hätten . Von der Rhoden ' schen Familie hatte man wenig zu sagen . Das Leben , die Ehe der Gräfin waren einfach und tadellos gewesen ; um so reicheren Stoff aber boten die Ueberlieferungen aus dem Arten ' schen Hause für die sagenbildende Kraft der Menschen dar . Die Eigenartigkeit des Fräuleins Esther , die Schönheit der früh gestorbenen Amanda von Arten , die sich in einer heimlichen Leidenschaft zu einem Manne niederen Standes verzehrt haben sollte ; der Tod der Baronin Angelika , welcher ein Liebeshandel das Herz gebrochen , den ihr Gatte mit der Herzogin von Duras unterhalten hatte , waren Dem und Jenem aus persönlichen Anschauungen und Erinnerungen bekannt , und man war nicht abgeneigt , eine Art von sittlicher Gerechtigkeit darin zu finden , wenn die Nichte der Herzogin an einer unglücklichen Liebe für den Sohn der Baronin zu Grunde ging , ohne daß man diesen deßhalb nachsichtiger beurtheilt hätte . Selbst die Entschuldigungen , welche man ihm angedeihen ließ , dienten nicht zu seinem Segen . Man beklagte ihn , daß er von einem Vater erzogen worden war , der , obschon er ein vollkommener Cavalier gewesen sei , doch sich selbst nicht zu zügeln verstanden und noch an der Schwelle des Greisenalters eine junge Nonne aus vornehmem Hause aus dem Kloster entführt hatte . Man wußte darüber freilich nichts Genaues , aber man hatte von einem päpstlichen Dispens sprechen hören , den zu erwirken der Freiherr Franz lange Jahre in Italien gelebt hatte und der mit einem namhaften Theile des Arten ' schen Vermögens erkauft worden war . Die junge Frau sollte den greisen Gatten leidenschaftlich geliebt und das Gelübde gethan haben , fortan die Witwentrauer nicht mehr abzulegen . Man war gespannt , zu sehen , ob sie diesen Vorsatz auch in der Residenz , auch in dem Hause ihres Stiefsohnes zur Ausführung bringen werde , in dem sie , wie man berichtete , gerade in diesen Tagen erwartet wurde . Und da nun Jeder , in dessen Beisein von diesen Gerüchten die Rede war , sich die Lücken und Unwahrscheinlichkeiten in denselben auf seine Weise und mit seiner verbindenden Kraft zu ergänzen strebte , so erwuchs um den Kern von Wahrheit , der diesen Behauptungen überall zum Grunde lag , eine Dunstschicht von Einbildungen , die sich in dem Bewußtsein der Leute um so fester setzten , je weniger die Personen , um welche diese Märchen sich bewegten , eine Ahnung von ihrem Vorhandensein besaßen und in der Lage waren , sich gegen diese Erfindungen zu erheben und zu vertheidigen . Was Renatus anbetrifft , so hatte er eben in diesen Tagen vollauf mit der Wirklichkeit zu thun . Cäcilie war doch noch tiefer , als er es befürchtet hatte , durch die Ankunft der Gräfin erschüttert worden , und wenn es ihm auch gelungen war , sie bald völlig über den Vorfall zu beruhigen und sie die Sache in ihrem rechten Lichte erkennen zu machen , so fügte es sich doch nicht glücklich , daß gerade jetzt auch Vittoria mit ihrem Sohne von der einen Seite anlangte , während von der anderen die Gräfin Rhoden mit Hildegard in der Hauptstadt eintraf . Vittoria , die in allen praktischen Angelegenheiten unbehülflich wie ein Kind geblieben war , wollte in ihren Zimmern eingerichtet sein und mißfiel sich in ihnen , während sie über die ihr bevorstehende Trennung von Valerio sich untröstlich zeigte . Alles in ihrem jetzigen Dasein war ihr fremd und dünkte ihr quälend . Sie hatte niemals in einer Stadt gelebt . Die beiden von Renatus mit Vorsorge für ihren besonderen Gebrauch ausgewählten Zimmer dünkten sie eng und niedrig , denn sie verglich sie unwillkürlich mit den großen , hohen Sälen ihres Klosters und den stattlichen Räumen des Arten ' schen Schlosses . Die ihr fremde Heizungsweise belästigte sie , die Häuserreihen , die ihr den Horizont verengten , machten sie traurig , sie verlangte mit einer krankhaften Ungeduld nach Luft , nach Licht ; und wollte man sie nicht in Thränen ausbrechen sehen und in schwermüthigem Brüten sich selber überlassen , so blieb nichts übrig , als auf ihre Zerstreuung zu denken , wie denn , nach des jungen Freiherrn Ansicht , Cäcilie ebenfalls Zerstreuung nöthig hatte . Weder das Alleinsein mit Vittoria , in welchem , wie natürlich , Eleonore Haughton den einzigen Gegenstand der Unterhaltung machte , noch die Begegnungen mit der Mutter und der Schwester , bei denen derselbe Gegenstand und noch andere , eben so unerfreuliche Erörterungen zur Sprache kommen mußten , konnten dem aufgeregten Gemüthe der jungen Frau zu einer Besänftigung gereichen , und Renatus selber fühlte das Bedürfniß , sich , wenn auch nur für einzelne Stunden , von den peinlichen Eindrücken , von den Sorgen abzuziehen , die auf ihm lasteten . Er hatte gehofft , Hildegard werde sich wenigstens für die erste Zeit von seinem Hause fern halten , und er hatte dies nicht erst besonders gefordert , weil es ihm das Natürliche gedäucht hatte . Aber er kannte weder die Neigung gewisser Frauen , sich und Anderen das Leben möglichst schwer zu machen , noch die furchtbare Berechnung , welcher eben solche Frauen fähig sind . Er hatte es nicht vorausgesehen , daß Hildegard , um die von ihr übernommene Rolle großmüthiger Entsagung aufrecht zu erhalten , sich und dem jungen Ehepaare die Marter eines unnützen Zusammenkommens auferlegen würde ; er hatte noch weniger erwartet , daß die Mutter ein solches Verhalten als nöthig bezeichnen und also es begünstigen werde . Renatus saß , von der Parade kommend , mit Cäcilien beisammen , als die beiden Frauen , von deren Ankunft in der Stadt man noch nicht unterrichtet worden war , sich zum ersten Male in dem neuen Haushalte melden ließen . Mit einer Befangenheit , mit einer Bestürzung , welche in diesen Verhältnissen sehr erklärlich waren , erhoben die jungen Eheleute sich , den Eintretenden entgegen zu gehen . Cäcilie warf sich der Schwester in die Arme und barg , in Thränen ausbrechend , ihr Gesicht an Hildegards Brust , während Renatus , nachdem Cäcilie sich aufgerichtet hatte , die Hand seiner Schwägerin ergriff und sie an seine Lippen führte . Sei willkommen in unserm Hause und gönne mir es , Dir als ein Bruder zu vergüten , was ich Dir gethan ! Das war alles , was er sagte , aber obschon er sehr blaß geworden , war seine Stimme doch vollkommen fest und ruhig . Hildegard hatte ebenfalls die Farbe gewechselt ; indeß das Lächeln , mit dem sie in das Zimmer gekommen war , wich weder vor Cäciliens Thränen , noch vor ihres Schwagers Worten von ihren Lippen ; und sich zu der Mutter wendend , sprach sie : Hatte ich nicht Recht , daß wir , ohne sie darauf vorzubereiten , hieher gegangen sind ? Ihr solltet es gleich sehen , daß ich nicht um meinetwillen komme , Ihr solltet nicht darüber in Zweifel sein , wie ich für Euch gesonnen bin , und daß die Rücksicht auf Eure gesellschaftliche Stellung mir wichtiger ist , als mein eigenes Empfinden . Wer darf Euch tadeln , wenn ich für Euch bin ? Aber wie geht es Euch ? Es scheint , die Stadtluft thut Euch nicht recht wohl . Nicht wahr , liebe Mutter ? Cäcilie sieht nicht gut aus und Renatus auch nicht ! Sie machte es mit diesem Nachsatze für den Freiherrn zu einer Unmöglichkeit , ihr auf ihre ersten Erklärungen zu antworten , und weil Cäcilie sich von der Herablassung der Schwester , von ihrem verzeihenden Erbarmen eben so gepeinigt fühlte , als der Freiherr ihr Betragen beleidigend fand , beeilte die junge Frau sich , der Unterredung ein Ende zu machen , indem sie die Mutter und die Schwester aufforderte , sich in ihrem Hause umzusehen . Die Wohnung des Freiherrn war sehr ansehnlich und immer noch reich ausgestattet . Sie mußte für prächtig gelten , wenn man sie mit den Möglichkeiten der Gräfin Rhoden verglich , und die Mutter hielt ihr Wohlgefallen an den Einrichtungen , welche Renatus getroffen hatte und in denen sie ihre Tochter wiedersah , auch nicht zurück , so daß Cäciliens unschuldige Besitzesfreude sich an der Theilnahme der Mutter steigerte , und ihr Gatte sich für seine Mühe wohl belohnt fand . Nur Hildegard ging langsam hinter den Anderen her und musterte die einzelnen Gegenstände mit dem Augenglase in der Hand . Ach , die Lehnsessel aus dem lieben Bilder-Cabinette ! rief sie . Ach , also auch die antiken Statuetten aus der Mutter Wohnzimmer habt ihr von Richten fortgenommen ! sprach sie . Wie nur die guten , alten Familienbilder sich hier in der Stadt behagen mögen ? scherzte sie ; und jedes ihrer Worte , jede ihrer Bemerkungen war ein Nadelstich für den Freiherrn . Es that ihm wehe , wenn sie erwähnte , wie öde die Zimmer jetzt in seinem Schlosse sein müßten , es verdroß ihn , wenn sie die neuen Anschaffungen mit einer auffälligen Verwunderung bemerkte , und das Blut stieg ihm zu Kopfe , als sie zum zweiten Male gegen ihre Mutter den Ausspruch that , daß Cäcilie und Renatus wirklich ganz artig , aber ganz artig eingerichtet wären . Schon trat ein Wort des ausbrechenden Zornes ihm auf die Lippe , aber er unterdrückte es wieder . Er hatte jenen edeln Sinn , der eine Buße entschlossen auf sich nimmt , wo er ein Unrecht gegen Andere begangen hat , und seine Mißempfindung gewaltsam überwindend , brach er , um nicht in der Rede stecken zu bleiben , den begonnenen Satz zu der Frage um , ob Hildegards angeborene Kurzsichtigkeit in dem Grade zugenommen habe , daß sie ihr den Gebrauch eines Augenglases jetzt selbst im Zimmer nöthig mache . Wundert Dich das ? entgegnete sie ihm . Ich habe viele Nächte durchwacht und viele Tage durchweint ; das dient den Augen nicht ! Dann , als sie sich überzeugt hatte , daß auch diese Bemerkung ihres Eindrucks auf Renatus , auf den einst geliebten und eben deßhalb jetzt gehaßten Mann nicht verfehlte , reichte sie ihm , als wolle sie ihn zerstreuen und ihm ihre ruhige Stimmung darthun , das Augenglas hin und sagte , plötzlich in den Ton gleichmüthigster Unterhaltung übergehend : Ich habe jetzt sogar weit stärkere Gläser nöthig , und Dein Onkel , der sich meiner in Pyrmont mit der größten Güte angenommen , hat mir dieses schöne Lorgnon geschenkt . Sein und mein Auge tragen ganz gleich weit , und wir sehen auch geistig die Dinge und die Menschen häufig unter gleichen Gesichtspunkten an . Er ist vorgestern zurück gekommen ; wir waren eben bei ihm . Ihr wart bei ihm ? fragte Renatus , und heute schon ? Ist denn der Onkel krank ? Nicht eigentlich , gab Hildegard zur Antwort ; er ist schmerzensfrei und heitern Geistes . Das Bad hat ihm sehr wohlgethan , nur das Gehen wird ihm schwer . Doch hält der Arzt die leichte Lähmung für vorübergehend und ungefährlich . Die Lähmung ? wiederholte der Freiherr , seit wann ist der Onkel denn gelähmt ? Wußtest Du das nicht ? fragte Hildegard , statt ihm zu antworten . O , das ist nicht hübsch von Dir ! Das Uebel zeigte sich ja gleich nach seinem Anfalle , er suchte nur , es zu verbergen , weil er die Anderen nicht zu beunruhigen wünschte ! Aber man sieht es , daß Du Dich um unsern guten Grafen wenig kümmerst , und er nimmt doch so viel Theil an Dir ! Das Erste , wovon der Onkel mit uns sprach , war nicht sein Befinden , sondern seine Sorge um Cäcilie und um Dich ! Renatus hob das Haupt empor , und der neuen Schwägerin mit einem scharfen Blicke ins Auge sehend , fragte er bestimmt : Was soll das heißen ? Was hat der Onkel zu besorgen für mich und meine Frau ? Hildegard seufzte , und die Stimme senkend , sprach sie : Die Unüberlegtheit , mit welcher Eleonore Dir gefolgt ist , die Rücksichtslosigkeit , mit der sie sich in dem ersten Gasthofe der Stadt unter ihrem eigenen Namen einquartierte , beunruhigen ihn um Euretwillen , und .... Und Du hast hoffentlich , fiel Renatus ihr in die heuchlerische Rede , da Du die Wahrheit kennst , es dem Onkel gleich gesagt , daß Eleonore nicht mir gefolgt ist , daß ich gegenwärtig mit ihr in keinem andern Zusammenhange stehe , als in demjenigen , in welchen ein Zufall mich verstrickte , ein Zufall , den ich nicht einmal beklagen darf , denn Cäcilie ist eben so verständig als meiner Liebe sicher , und die Gräfin Haughton wäre hier sehr verlassen , hätte sich Seba Flies ihrer nicht auf meine Bitte angenommen ! Seba Flies ? rief Hildegard mit einem allerdings begreiflichen Erstaunen , Du hast Deine alte Bekanntschaft mit der Flies wieder aufgenommen ? Das ist ja etwas völlig Neues ! - Und sich von dem Schwager zu der Mutter wendend , sagte sie : Stelle Dir vor , Mama , Renatus hat sich mit der Flies , vor der er mich einst mit Recht gewarnt hat , wieder in Verbindung gesetzt , hat ihr die Gräfin Haughton anempfohlen ! - Du hast also wohl auch Cäcilie zu ihr hingeführt ? Das ist sonderbar ! Renatus war empört über Hildegard , denn sie reizte und kränkte ihn mit einer Art von Wollust , weil sie von ihm auf die Schonung und Rücksicht rechnen durfte , die er ihr mehr als jedem Andern angedeihen zu lassen durch die Verhältnisse gezwungen war . Das ist sonderbar , höchst sonderbar ! wiederholte sie ; aber Du bist freilich oftmals unbegreiflich ! fügte sie hinzu . Ich finde es nicht unbegreiflich , entgegnete Renatus , daß man , so lange man jung und unreif ist , sich von augenblicklichen Eindrücken zu unbesonnenen Handlungen fortreißen läßt , und nicht sonderbar , daß ein Mann , wenn er zur Einsicht in seine Irrthümer gekommen ist , ihren nachtheiligen Folgen , so weit er es vermag , vorzubeugen und seine Ungerechtigkeiten gut zu machen trachtet ! Ich habe Cäcilie noch nicht zu Seba führen können , aber ich denke es zu thun , sobald die Gräfin Haughton Seba ' s Beistand weniger bedürfen wird ! Du bist natürlich Herr , zu thun und zu lassen , was Dich gut dünkt , meinte Hildegard , welche in der Aeußerung des Freiherrn über seine jugendlichen Irrthümer eine für sie kränkende Anspielung auf ihre Vergangenheit gefunden hatte ; und Du hast Dir ja auch die Freiheit , nach Deiner wechselnden Erkenntniß zu verfahren , immer und in allen Lebensverhältnissen unbedenklich zuerkannt ! Nur wundern wird man sich über diese Sinnesänderung , und der Onkel nicht am wenigsten ! Sie erschrak , als sie diese Worte ausgesprochen hatte , denn Renatus überflog sie mit einem Blicke voll stolzen und triumphirenden Erstaunens , vor dem sie unwillkürlich die Augen niederschlug . Du bist sehr eingeweiht in die Ansichten und in die Geheimnisse des Onkels , sagte er . Gleichviel aber , ob die Beichte , die er Dir offenbar gethan hat , seiner von Dir gerühmten Sinnesänderung vorausgegangen oder ob sie eine Folge der Bekehrung gewesen ist , die Du an ihm gemacht hast , in jedem Falle bist Du um die Mitwissenschaft derartiger Geheimnisse nicht zu beneiden ! Ich für meinen Theil finde solche Geständnisse empörend , und ich würde es einem Manne nie verzeihen , der sich unterfinge , sie einer mir in irgend einer Weise angehörenden Frau nach seinem Belieben aufzudrängen ! Die Mitwissenschaft um solche Dinge ist keine Ehre für einen Mann , und für eine Frau .... Die Gräfin hinderte ihn durch ihr Dazwischentreten , das vernichtende Wort auszusprechen , das auf seinen Lippen schwebte . Sie hatte bisher anscheinend nur auf Cäciliens Mittheilungen hingehört , doch war ihr nichts von der Unterredung der beiden Andern und von der immer bitterer werdenden Wendung entgangen , welche sie genommen hatte . Einzig der Wunsch , es zu keinem öffentlichen Zerwürfnisse in ihrer Familie kommen zu lassen , hatte sie bis dahin abgehalten , das unerfreuliche Gespräch zu unterbrechen , und eben das nämliche Verlangen war es jetzt wieder , welches sie bestimmte , sich mit einer plötzlichen Frage um das Ergehen Seba ' s in das Mittel zu legen . Renatus antwortete darauf , wie seine gegenwärtige Gereiztheit es ihm eingab . Er sprach , ohne im Grunde viel davon zu wissen , von der ausgezeichneten Verehrung , deren Seba genieße , von den würdigen Verhältnissen , in denen sie sich bewege . Er erwähnte ihrer günstigen Vermögenslage , ihres glücklichen Familienkreises , und er hegte bei jedem seiner Worte die geheime Hoffnung , daß es Hildegard zuwider sein , daß es sie wo möglich noch mehr verletzen werde , als er Verletzungen von ihr erlitten hatte . Die Mutter nahm alle seine Nachrichten mit Güte auf . Sie äußerte ihre Genugthuung darüber , sich in Seba , mit der sie zu den Zeiten des Tugendbundes viel verkehrt hatte , nicht getäuscht zu haben ; sie nannte es sogar einen glücklichen Gedanken , daß Renatus Seba zu der Kranken hingerufen habe , da sie hülfreich sei und sicherlich bereitwillig bei Eleonoren ausharren werde , bis sie selber , sie und Hildegard , die Pflege der Gräfin Haughton übernehmen könnten , wozu sie gleich in den nächsten Tagen , wenn sie nur ihre nöthigsten Einrichtungen getroffen haben würden , gern erbötig wären . Dieses Anerbieten seiner Schwiegermutter brachte Renatus für den Augenblick um seine Fassung , obschon es , das konnte er nicht läugnen , in vielfachem Betrachte eben so natürlich als zweckentsprechend war . Wenn die Mutter und die Schwester seiner jungen Frau , wenn die Gräfin Rhoden , deren Charakter über jeden Zweifel erhaben und deren gesellschaftliche Stellung eine so wohl begründete war , sich der Gräfin Haughton annahmen , mußten alle Gerüchte , welche über Eleonore wie über ihre Beziehungen zu dem jungen Freiherrn im Umlaufe waren , davor verstummen , und Eleonore hatte für den Fall ihrer Herstellung an der Gräfin gleich den Anhalt , dessen sie bedurfte . Er hätte daher den Vorschlag seiner Schwiegermutter , als ein glückliches Ereigniß , mit tausend Dank begrüßt , wäre Hildegard in demselben nicht betheiligt gewesen und hätte er nicht auf das unwiderleglichste gefühlt , daß die Feindschaft zwischen dieser und zwischen ihm eine unversöhnliche sei , daß Hildegard ihn und Cäcilie hasse , daß die Mutter , aus einem sehr erklärlichen Mitgefühle für ihre weniger glückliche Tochter , Partei für diese nehme und daß also auch die Hülfsleistung , zu der man sich für die Gräfin Haughton erbot , ohne alle Frage nur dazu benutzt werden würde , einen neuen Heiligenschein für Hildegard daraus zu machen . Es ist ein unvergeßlicher , es ist oft ein entscheidender Moment für einen Menschen , wenn er sich zum ersten Male eingestehen muß , daß er Feinde , unversöhnliche Feinde habe , wenn er es in sich fühlt , wie er diejenigen zu hassen vermag , an deren Haß gegen ihn er nicht mehr zweifeln kann , und es war ein doppelt schmerzlicher Augenblick für den im Grunde seines Wesens guten und nicht charakterfesten Freiherrn , der bisher nur selten auf Widerstand gestoßen war . Er hatte in seiner frühen Jugend keines fremden Menschen Hülfe nöthig gehabt . Er war überall gern gesehen worden , weil er nichts zu begehren gebraucht , er hatte es also auch nicht gelernt , wie man sich mit seinen berechtigten Ansprüchen denen gegenüber zu behaupten hat , die aus irgend einem Grunde nicht gewillt sind , jene Ansprüche anzuerkennen und zu befriedigen . Nach der Lehre seiner Kirche hatte er unwillkürlich an dem Glauben festgehalten , daß , wie vor Gott , so auch den Menschen gegenüber , die Reue genug thue für den Irrthum , und die Buße für den Fehl . Er hatte sich über sein Verhalten und über sein Unrecht gegen Hildegard in keiner Weise verblendet , er hatte nur nicht sich allein , nicht sich ausschließlich für den Schuldigen betrachtet , sondern vielmehr erwartet , daß auch Hildegard es allmählich einsehen werde , in wie weit sie selber zu ihren schmerzlichen Erlebnissen die Veranlassung geboten habe , und eben deßhalb hatte er sich der Hoffnung hingegeben , früher oder später zu einer Ausgleichung mit ihr gelangen zu können , über welcher , wie auf einem neuen Unterbau , sich ein schönes und friedliches Familienleben errichten lassen würde . Hildegard ' s Güte , ihr liebevolles Gemüth , ihre Hingebung für Andere , ihre Entsagungs- und Opferfähigkeit waren seit ihrer Kindheit in der Familie und von Fremden immerdar bewundert worden ; sie hatte ihren Verlobten auch beständig und mit einer Vertrauen fordernden Kraft auf diese ihre Tugenden und Eigenschaften hingewiesen , und er hatte also darauf gerechnet , daß sich dieselben auch in diesem besonderen , in seinem besonderen Falle bewähren würden . Nun fand er sich plötzlich in dieser Voraussetzung auf das Unerbittlichste getäuscht . Eine Viertelstunde des Beisammenseins mit Hildegard hatte es ihm unwiderleglich dargethan , daß er in ihr eine Feindin besitze , daß sie für ihre Feindschaft in dem Grafen Gerhard einen Bundesgenossen gewonnen habe , und daß die Gräfin Rhoden , trotz ihrer Mutterliebe für Cäcilie , sich , wie gesagt , verpflichtet halte , vor allen Dingen auf die Wohlfahrt der noch unverheiratheten , der unversorgten Tochter oder , wie sie es in der Sprache der Gesellschaft bezeichnete , auf das Empfinden und die Beruhigung ihrer armen Hildegard Rücksicht zu nehmen , die sich nur in Thaten der Entsagung und in Werken der Liebe genug thun konnte . Er hätte nicht gleich , nicht mit Sicherheit anzugeben vermocht , was er davon befürchtete , wenn die Gräfin Rhoden und Hildegard sich mit Eleonore in Verbindung setzten , er hatte nur die Ueberzeugung , daß er es zu hindern suchen und daß er vor allem Andern darauf denken müsse , sich in seinen Angelegenheiten vor jeder Beeinflussung durch die Familie zu bewahren . Obschon er bei seinem Wiedersehen mit Seba dieser von seiner Frau gesprochen , hatte er damals nicht die bestimmte Absicht gehabt , ein Umgangsverhältniß zwischen seinem und dem Tremann ' schen Hause einzugehen ; jetzt aber fühlte er sich dazu geneigt , denn er übersah mit jener Klarheit , die uns bei entscheidenden Anlässen oft in ungewöhnlich hohem Grade und plötzlich zu Gebote steht , wie er dadurch eine Scheidewand zwischen sich und seinem Oheim aufrichtete , die nicht leicht zu übersteigen war , und daß er eben dadurch auch Hildegard von sich entfernen werde . Er wollte vor allen Dingen Ruhe und Frieden in seinem Hause haben . Seine Frau sollte nicht , wie einst seine Mutter , von heimlicher Böswilligkeit beunruhigt werden , und weitergehend , als es in diesem Augenblicke nöthig gewesen wäre , lehnte er den Beistand seiner Schwiegermutter wie den seiner Schwägerin entschieden ab . Er sagte , daß Eleonore noch auf lange Zeit hinaus vor jedem sie aufregenden Eindrucke bewahrt bleiben müsse und daß es eine Undankbarkeit gegen Seba ' s Alles vergessende und vergebende Güte sein würde , wollte man sie wie einen Nothbehelf behandeln , den man beseitige , sobald man seiner nicht ganz unumgänglich bedürfe , eine Undankbarkeit , deren er sich gegen sie zum zweiten Male nicht schuldig machen wolle . Die Gräfin hörte ihm mit ihrer gewohnten Ruhe zu ; wer sie aber näher kannte , den vermochte diese Gelassenheit nicht über ihren Unmuth zu täuschen . Es war ein gutgemeinter Vorschlag , sagte sie , und Du hast sehr Recht , mein Sohn , ihn abzulehnen , wenn er Deinen Absichten nicht entspricht . Ob Du aber meine Tochter grade jetzt , grade in Deinen gegenwärtigen und besonderen Verhältnissen , zu Seba Flies und in das Haus von Tremann führen sollst , das , meine ich , würde doch erst reiflich zu erwägen sein . Ich bekenne Dir , ich bin nicht dafür . Und darf ich fragen , was Sie dawider haben ? erkundigte sich Renatus , dem ein Etwas in dem Tone seiner Schwiegermutter sehr empfindlich auffiel . Du hattest sonst , und ich habe dies nur zu begreiflich gefunden , eine Abneigung dagegen , mit diesem Herrn Tremann in Berührung zu kommen ! entgegnete sie ihm , ihre Worte nachdrücklich bezeichnend . Renatus fühlte , daß er erröthete , und das bestimmte ihn , sich gegen die verweisenden Ermahnungen seiner Schwiegermutter aufzulehnen . Es mußte heute , gleich heute , ein für alle Mal entschieden werden , wer der Herr in seinem Hause sein solle , und entschlossen , nöthigenfalls seine ganze Vergangenheit an die Sicherung seiner Zukunft zu setzen , sagte er : Es ist nicht gut , liebe Mutter , daß Sie mich an alle die Fehler und Irrthümer erinnern , die ich mir habe zu Schulden kommen lassen ! Schieben Sie dieselben auf Rechnung meiner sehr einseitigen Erziehung , aber glauben Sie mir , daß ich gesonnen bin , sie abzulegen und , so viel an mir ist , zu vergüten ! Es ist also Dein Vorsatz , Dich - sie hielt inne , als sträube sich ihre Empfindung dagegen , das Wort auszusprechen - dem Sohne Deines Vaters , den Dein Vater nicht anzuerkennen doch sicherlich seine guten Gründe hatte , jetzt brüderlich zu nähern und meiner Tochter in diesem Abkömmlinge einer Dienstmagd den Schwager zuzuführen ? - Darauf war ich wirklich nicht gefaßt ! Renatus , der die leicht bewegliche Empfindlichkeit seiner Mutter geerbt hatte , wurde jetzt eben so bleich , als er vorhin mit Röthe übergossen worden war . Es ist nicht meine Absicht , sagte er , vor der Welt ein brüderliches Verhältniß mit Paul Tremann aufnehmen zu wollen , das eben vor ihr einmal nicht zu Recht besteht ! Aber es ist mein Vorsatz , mein fester Vorsatz , einen Mann , von dem ich nur Gutes und Ehrenvolles weiß , einen Mann , dem ich das Höchste schulde , was ein Mensch dem andern schulden kann , und der sich mir , ganz abgesehen davon , soweit ich seiner anderweit bedurfte , dienstgefällig und mit ehrlichem Rathe bewährt hat , künftig nicht mehr , bloß um deßhalb von mir zu weisen , weil er der uneheliche Sohn meines Vaters ist . Die Gräfin schüttelte mißbilligend das Haupt . Wähle Deine Ausdrücke etwas vorsichtiger , lieber Renatus , sagte sie ; meine Töchter sind an solche Unumwundenheiten Gottlob nicht gewöhnt ! So wird Cäcilie sich daran gewöhnen müssen , sie ist eines Soldaten Frau ! entgegnete der Freiherr , der , gleichmäßig von seinem Zorne wie von dem Bewußtsein fortgetrieben , daß er viel weiter gegangen war , als er je beabsichtigt hatte , den Anschein einer völligen Geistesfreiheit aufrecht zu erhalten wünschte . Cäcilie ist nur nicht mit Dir allein in diesem Zimmer ! bedeutete ihn die Gräfin , indem sie sich erhob . Hildegard war