Benno errieth nicht , welche Gedankengänge in Armgart schlummerten , welchen Opfertod sie meinte ... Daß aber Wien und Terschka zusammenhing , das mußte ihm gewiß sein ... Terschka hörte , daß er eine Rede abbrach , die aus seiner mächtigsten Aufwallung zu kommen schien . Wie mit einer sich beherrschenden Stimme sprach er : Ich denke , Sie leben nur der Vereinigung Ihrer Aeltern ? Das thu ' ich auch ! In wenigen Tagen werden sie verbunden sein ! Wer sagt Ihnen das ? Meine Ahnung ! Was der Mensch getrennt hat , kann kein Gott wieder zusammenfügen ! Selbst Sie nicht , Armgart ! Atheist ! Können Sie wissen , was sich Ihre Aeltern vorzuwerfen haben ? Nichts haben sie sich vorzuwerfen ! Und wenn - ! Die Kirche scheidet nicht ! Sagten Sie nicht oft , Vater und Mutter - beide sind Menschen voll Hochherzigkeit und Edelmut ? Und sie sollten sich nicht angehören ? Nicht ewig ? Liebe erzwingt sich nicht ! Das - - das seh ' ich ja ! Die Liebe ist ein Wahn ! Armgart ! Nur Gott ist die Liebe ! Gott sagt , wen und was die Liebe wählen soll ! ... Ha , Sie sprechen von Glück , Benno ? Thorheit , Thorheit menschlicher Schwäche , die nur in Befriedigung ihrer eiteln Wünsche Beruhigung findet ! Wohl ! Schön muß es sein , herrlich zu leben , das geb ' ich zu , wenn das Herz erreicht , wonach es verlangt ... Aber auch stückweise es hinzugeben , wenn es die höhere Pflicht begehrt , die Prüfung unserer Größe es will - darin kann ebenso viel Freude liegen - oder glauben Sie nicht , daß Hedwig von Polen glücklich war , als sie dem Ferdinand von Oesterreich , den sie liebte , entsagte und den Heiden Jagello zum Manne nahm , der ihr seine Taufe , die Taufe eines ganzen Volkes , zur Morgengabe brachte ? Wie sie ihren Brautschleier der Mutter Gottes von Krakau schenkte , muß ihr das Leben anfangs wie unter einem schwarzen Gewitterhimmel dahingezogen sein ! Dann aber umsäumte es sich rosig und gewiß , gewiß - sie wurde glücklich ! Armgart ! rief Benno außer sich voll Erstaunen ... Und alles wurde jetzt still ... Terschka sah im Geist seinen Schutzheiligen , den achtzehnjährigen Polen Stanislaus von Kostka , dem beim Gebet sein Antlitz von Verklärungsschimmer überleuchtet gewesen ... Ebenso auch hörte er Monika , deren Methode , zu fühlen und zu denken , ganz dieselbe war , wie bei ihrer Tochter , wenn auch ihr Fühlen und ihr Denken andern Ergebnissen zugute kam ... Sein Herz verstand , was er hörte ... Dämonen raunten ihm zu : Willst du mitleidig sein mit diesem jungen Mann , der seinen Abschied auf ewig - um deinetwillen erhält ? Willst du thöricht sein und um einer solchen von Göttern zu beneidenden Hingebung willen gestehen , daß ihr Opfer - ihre Absicht , ihn - von ihrer Mutter zu trennen , auf einem Irrthum beruht ? ... Armgart ! Armgart ! Ich beschwöre Sie , was geht in Ihnen vor ? rief Benno ... Ich lebe - einem Gelübde ! ... Himmel , kann denn irgendeine That Gott wohlgefällig sein , die Ihr Herz Gefahren aussetzt , für die keine , keine Himmelskrone Sie entschädigen wird ? Lästerung ! Wem wollen Sie Ihr Herz , Ihre Hand zum Opfer bringen ? Warum , warum nur lieben Sie - Terschka ? ! Kein Aufschrei Armgart ' s erfolgte ... Alles blieb still ... Lange , lange blieb es still ... Terschka begriff nicht , warum beide plötzlich schwiegen ... Allmählich begann Benno zu sprechen ... Er sprach so leise , daß Terschka nicht folgen konnte ... Dem Schlüsselloch Ohr und Auge zuzuwenden wagte er nicht , ungewiß , ob die nebenan herrschende Stille nicht jede seiner Bewegungen verrathen könnte ... Vor seiner Phantasie stand Benno in diesem Augenblick , als müßte er Armgart an beiden Händen halten , müßte ihr tief in die Augen blicken , müßte mit ruhiger Ergebung ihr die ganze Wahrheit seines Herzens enthüllen und ihr sagen : So sollst du hinschwinden , schöner Traum meines Lebens , und wer , wer konnte dich fesseln ! Wer konnte dir werther sein , als ich ! - - Die Worte , die Terschka allmählich dann unterschied , lauteten : Armgart ! Wenn irgendjemand die Stimmungen kennt , in denen man , wie wir so oft in den Gärten des Enneper Thals nach den schwellenden Früchten über uns nicht langten , ebenso auch sein Glück dahinziehen läßt unerstrebt , so bin ich es ! ... Aber bleiben Sie nur , Armgart ! ... Ich wurde schon ruhiger , seit ich wußte , daß auch ein Freund Sie liebt ! ... Denn wie wollen Sie es nennen , wofür die Sprache nur Ein Wort hat ! ... Sie erklärten vorhin dem Freund ohne Zweifel mit derselben Bestimmtheit , wie mir , daß Sie aus unserm Leben auszuscheiden wünschen und unsere Bewerbungen ferner nicht mögen ... Nun denn ! Ich nehme den Aschenbecher , wie er , der Fröhlichere - die Tasche für schnell verkohlende - Cigarren ! ... Wer Ihr Herz besitzt , ich sagte es vorhin ... Herr von Terschka wird eine große gesellschaftliche Stellung einnehmen , wird Sie in das schöne Wien entführen , dort werden Ihnen Glück und Reichthum lächeln ! ... Fliegen Sie mit ihm zu Roß dahin in flatterndem Gewande ! ... Aber nehmen Sie ein Wort von mir zum Abschied ! ... Ich bin Ihnen nichts mehr und nun - nun bin ich mir noch weniger , als schon seit lange ... Ihre Tante hat recht , mich wie einen Zigeunerknaben zu behandeln , den man nur aus Barmherzigkeit aufnimmt ... Ich bin ein verflogener Vogel und passe für euere Käfige nicht ... Doch ich werde Sie wiedersehen ; das weiß ich ... Wissen Sie , Armgart , daß ich auch Das sicher und fest weiß - daß ich Sie trotz Ihrer von unserm Glauben gebotenen Himmelskronen - ich weiß nicht warum ! - unglücklich finden werde ? ... Und Sie bejahen das - ? ... Aber auch Ihr rätselhaftes Martyrerthum wird Sie nicht befriedigen ! Es gibt Naturen , die nicht aus Erdenstoff geschaffen scheinen und die dennoch mehr den Gesetzen der Erdenschwere unterliegen , als die gemeinen ! Ihre Mutter schon rettete sich nur durch eine Flucht ganz aus der Welt heraus vor Gefahren , in die nun auch Sie sich begeben wollen ; Ihre Mutter wird von Tausenden verurtheilt , ohne daß sie es verdient ; sie wird verurtheilt und - sie leidet darunter ... Auch Sie , Sie , Armgart - werden den Beifall der Menschen vergebens suchen , wenn Sie ihn nicht mehr finden können ... Ich erschrecke vor Ihrer Zukunft ! Armgart erwiderte leise und sprach lange . Terschka konnte nichts verstehen , als daß sie nur vom Beifall Gottes und von ewiger Trennung sprach ... Endlich wurde alles still ... Die Thür ging ... Noch hörte Terschka nur ein plötzliches , heftiges , aus tiefster Seele kommendes Schluchzen ... Armgart mußte allein sein ... Ihr Weinen wurde zuletzt so heftig , daß es sein Innerstes durchschnitt ... Anfangs wollte er hinüberstürzen , sich ihr zu Füßen werfen , die Liebe , die wirklich nur ihm , ihm geweiht sein konnte , ablehnen , wollte die Wahrheit bekennen , daß er Priester wäre , ein gerade in ihren Augen todwürdiges Verbrechen begehen würde , schon an ihren Besitz auch nur zu denken - - Dann aber erschreckten ihn - erst die Thränen Armgart ' s ... er konnte ihr Weinen nicht mehr hören ... Er verlor die Besinnung ... Leise schlich er auf den Zehen durch die Zimmer zurück , kam zum großen Speisesaal , öffnete die Thür , die in den Corridor führte ... Alles war still ... Niemand wol hatte ihn beobachtet ... Durch ein Fenster in den Hof blickend , entdeckte er Thiebold und Benno , wie beide schweigend , vernichtet , erstarrt zur Erde blickend zum Portal des Schlosses hinausgingen , wahrscheinlich um gemeinschaftlich nach Witoborn - und in ein neues Leben zurückzukehren ... Die Mittagsglocke läutete , die alles in dem kleinern Speisezimmer vereinigte ... Tischgenossen , die der Zufall brachte , gab es in dem gastfreien Hause genug ... Nun schon trat Armgart hinter Terschka hervor ... Tief verweint waren zwar noch die Augen ... Doch rang sie schon nach Unbefangenheit ... Herr von Terschka , sagte sie mit leiser Stimme , ich will Nachmittag nach Heiligenkreuz ... Der Wagen ist schon für die Damen bestellt ! sagte er ... Wie mußte er sich beherrschen , nicht ihre Hand zu ergreifen ... Nicht in die Augen konnte er ihr sehen ... Es sind mir ihrer zu viel ... So bestell ' ich zwei Wagen ... Ich will zu Fuß gehen ... Es wird Abend werden , ehe Sie fortkönnen ... So können - so können Sie mich ja - begleiten ... Damit stand Terschka allein ... Auf dies Wort » begleiten « kämpften Himmel und Hölle ... Terschka begriff vollkommen , was in Armgart vorging ... Sie hatte ein Gelübde gethan , um den versöhnten Aeltern anzugehören . Sie glaubte : Er wäre ein Hinderniß dieser Versöhnung - ! Die Mutter wäre im Begriff , ihn zu lieben - ! Deshalb - Deshalb - ! Wie Glühstrom fiel es auf ihn : Deshalb reißt sie mich mit Gewalt von einer eingebildeten Liebe ihrer Mutter los und will mich selbst gewinnen - - - Die Möglichkeit , daß ein solcher Gedanke in ihr entstehen , dies Ertödten ihrer Neigung zu Benno möglich sein konnte , übersah er ... Armgart war katholisch ! ... Sollte er nun dies Wahngebild sich immer weiter ausbilden , immer verheerender im Herzen der lieblichen Jungfrau um sich greifen lassen ? Um sich greifen lassen auf Grund einer Voraussetzung , die - das sah er ja beschämt - in Betreff Monika ' s eine völlig unbegründete war und auf Verwickelungen hinausführte , die nie zu lösen schienen - ? Im Abenddunkel sah seine Aufregung ihn mit Armgart allein dahinschreiten durch die Winterlandschaft ... Im Geist sah er Armgart neben sich , im Pelz die Hände bergend , deren eine er vielleicht , von seinem Glück überwältigt , verwegen ergriff beim Eintritt in den dichtern Tannenforst ... Im Geist hörte er , was sein Uebermuth , sein Leichtsinn ihr zu sagen wagen würde : Wie hab ' ich Sie einst schon gesucht an jenem stürmischen Regentag , als die Jugend von Lindenwerth zur Villa in Drusenheim kam ! Wie zog mich Ihre Flucht Ihnen nach ! Den schnellsten Renner hätt ' ich satteln lassen mögen vor Eifersucht , nur um der Dritte sein zu können unter denen , die in Ihrer Nähe weilen durften ... Dann sah er Eulen auffliegen , die den Schnee von den Aesten verschütteten , auf denen sie gesessen ... Rehe , Hirsche - Unthiere , sah er aufgescheucht vom Vortreiben zur morgenden großen Jagd , durch die Gebüsche brechen ... Der Mond stieg am äußersten Rand des Horizontes empor ... Ausmalen mußte er sich , wie er würde Abschied nehmen müssen an der Allee , die nach Heiligenkreuz führt , und wie er würde zurückkehren , wenn sein alter , gewohnter Lebensübermuth ihn übermannt hätte ... Toll , toll würde er in die Nacht hinauslachen , bis - - plötzlich aus den Büschen an jedem Seitenwege ein Bote seines vergangenen Lebens träte - Jean Picard , sein Gespiele - Franz Bosbeck , sein Lebensretter - van Prinsteeren , der ihn einst zuerst aufs Pferd gehoben - jener Schweizersoldat , der ihn mit in die Alpen nahm - er hörte das Stampfen der Rosse in der Kaserne der Lanzenreiter zu Rom - sah die Benfratellen , wie sie ihn in das Spital an der Tiber trugen - dann hatten sie alle , alle Todtenhemden an und Larven über dem Antlitz ; es war die Bruderschaft della Morte ... So noch fiebernd , so in Jesuitenart schwankend , so im zagenden Begriff zur Gesellschaft einzutreten , erschütterten ihn zwei Thatsachen , die dann noch zu gleicher Zeit auf ihn eindrangen ... Um ihn her war es plötzlich seltsam lebendig geworden ... Er sah , daß es die Anzeichen einer neuen Vision der Gräfin waren ... Er hörte , daß Stimmen des Erstaunens durcheinander gingen ... Er sah Bonaventura kommen ... sah diesen von Tante Benigna , von Onkel Levinus in hastigster Aufregung begrüßt , sah das Erbleichen des Domherrn , als ihm die Mittheilung wurde , daß Paula im Hochschlaf läge und von den schmerzlichsten Anschauungen gefoltert würde ... Zu gleicher Zeit bemerkte er aber auch auf dem Corridor , der zu seinen Zimmern führte , im weitesten Hintergrunde und grell von einem Sonnenstrahl beleuchtet - einen Mönch ... Ein Lebender war das , der da herkam , aber seine funkelnden Augen schienen zwei Flammen aus den Höhlen eines Todtenkopfs zu sein ... Die Kiefern des Mundes bewegten sich ... Sie lächelten ihm von weitem so freundlich , daß die Grübchen auf den Wangen sich ausfüllten wie mit Blumen unter Leichensteinen ... Ein langes , weites , braunes Gewand hing wie über einem Skelet , das lässig , doch absichtsvoll daherschritt ... Herr von Terschka ? riefen Diener im Hintergrund ... Ist dort ! sagten andere und schossen an ihm vorüber ... Ahnend stand Terschka an der Schwelle des Eintrittsaales am Weihebecken ... Der Mönch näherte sich ... Zugleich sprach voll Schrecken Bonaventura , der neben Terschka stand : Um Gott , was sieht sie ? ... Eine Feuersbrunst ! riefen mehrere Stimmen vom grünen Zimmer her ... Unter Terschka wankte der Boden ... Der Mönch kam näher und näher ... Voll Schmerz und Verzweiflung liegt sie ! erzählte man durcheinander ... Sie sieht ein Hans in Flammen ! Sie fürchtet zu verbrennen ! Kommen Sie ! Helfen Sie , Herr Domherr ! Aber auch der , der einst Terschka aus den Flammen gerettet , kam näher und doch schien der Corridor sich weit , endlos zu erstrecken bis zu den Corridoren und Kerkern - des Al Gesu in Rom ... Jetzt hielt der gespenstische Bruder einen Brief empor , der nur an Terschka gerichtet sein konnte , denn auf ihn , ihn blickte unverwandt das freundliche Nicken des Todtenhauptes ... Es ist das Schloß , das brennt ! berichteten neue Stimmen und riefen Bonaventura , dessen Hand Onkel Levinus ergriffen hatte , als sollte er Hülfe bringen und Paula beruhigen ... Das ist Hubertus ! sagte sich Terschka und an seinem Arm brannte das Mal in lichterlohem Feuer ... Bonaventura war aus dem Vorsaal in das grüne Zimmer getreten wie ein Hülfebringender , wie ein Rettender vor dem Tod in Feuersgluten , die er um sich her , seiner Ahnungen eingedenk , durch die Fenster hereinbrechen , rings das Gebälk ergreifen , eine Welt in Asche legen sah ... Und auch Terschka sollte folgen ... Onkel Levinus erwartete es und harrte ... Doch der Mönch , was will - der Mönch ? ... Bruder Hubertus ! sagte Onkel Levinus , ihn erkennend und nach obwaltenden Umständen erfreut begrüßend . Sie kämen schon zurecht , um auch hier aus Flammen zu retten ? Die Gräfin hat eine schwere Vision ... Bruder Hubertus trat lächelnden Mitleids naher , verbeugte sich , zuckte die Achseln , als wisse er gegen solche Offenbarungen der Gottheit keine Hülfe , und übergab an Terschka , diesen immer mit seinen Augen wie verschlingend , den Brief , den er ihm schon so lange entgegenhielt ... Terschka ergriff den Brief ... Das Siegel war geistlich - - noch kam es nicht aus Rom ... Pater Maurus , der Provinzial der Franciscaner , schrieb ihm nur unter dem großen Siegel seines Klosters ... Terschka erbrach und las ... Jetzt zog ihn der Onkel , um das ihm wichtiger Scheinende in den Zimmern drinnen nicht länger zu versäumen ... Ich werde kommen ! hauchte Terschka - gelblichbleich war er geworden wie der von der Wintersonne gefärbte Schnee auf den Feldern ... Noch einmal wandte er sich zu dem an der Thürschwelle harrenden und mit glühenden Augen ihn durchbohrenden Boten und sagte : Ein Brief - für mich - schreibt Ihr Guardian wäre im Kloster angekommen - wissen Sie nicht - woher ? Mit einer Miene , die das seligste Gefühl ausdrücken sollte : Bist du denn , Mann mit dem mir so theuren Namen , mit der ahnungsvollen seltsamen Gestalt , bist du denn wol gar verwandt mit dem Kinde - oder selbst - ? sprach dieser ein Wort , das dann für Terschka ' s Ohr erklang wie die Posaune des Weltgerichts : Aus dem Kloster der Piaristen zu Maria Treu in Wien ! Terschka - verschwand jetzt ... Nicht zusammenbrechend , nicht niedergeschmettert von einem Wort , das ihm lauten durfte : Deine Stunde ist abgelaufen ! sondern wie mit einem Muth auf Leben und Tod ... Er dachte an Armgart . Der Mönch stand noch immer und sagte nur zu den Dienern staunend : Wenzel von Terschka - ! Von den Vielbeschäftigten konnte dem Greise niemand Gehör geben . Die Schlußkapitel dieses fünften Buchs erfolgen im Anfang des sechsten Bandes . Sechster Band Fünftes Buch Fortsetzung und Schluß 13. Noch in derselben Nacht schlug das Wetter um . Zum Schnee gesellte sich Regen . So begann die Jagd schon ganz mit Bestätigung der trüben Ahnungen , die Tante Benigna um die Nachtruhe gebracht hatten ; Paula sah am Tag zuvor eine Feuersbrunst und zusammenstürzende Gebäude , die sie nicht zu nennen vermochte ... Terschka war heute schon in aller Frühe aufgebrochen und hatte zum Schloß Münnichhof , wo sich die Mehrzahl der Mitglieder des großen Jagdfestes versammeln wollte , einen Umweg über Kloster Himmelpfort gemacht ... Noch am Abend hatte er Armgart nach dem Stift Heiligenkreuz zurückbegleitet , war spät wiedergekommen , dann beim Thee nicht erschienen ... Bonaventura hatte sich unmittelbar nach der Vision entfernt ... Mit leicht erklärlicher Aufregung hatte er Paula gefragt , welches Gebäude sie brennen sähe , und von ihr keine Antwort erhalten ... Ja er magnetisirte sie , um ihr Auge zu schärfen ... Sie verfiel dadurch in einen desto sanftern Schlummer , aus dem sie Niemand mehr wecken mochte ... Onkel Levinus gehörte einer Familie an , die in den frühern geistlichen Zeiten die Landoberjägermeister der Fürstbischöfe von Witoborn gewesen waren . In jagdgemäßen Traditionen war er aufgewachsen . Aber von dem Ideal eines Nimrod stand er so weit entfernt , daß Tante Benigna vollkommen Recht hatte zu befürchten , man könnte statt der erlegten Hirsche und Rehe auch allenfalls ihn selbst , den weiland Candidaten des Erblandoberjägermeisteramts , auf dem Beutewagen nach Hause fahren . Wie sie ihm die Pelzkappe darreichte , den Fußsack seinem Leibschützen Soetbeer auf die Seele band , ja sogar diesem zuflüsterte , wenn der Baron einen feuchten oder zu langen Stand im Walde bekäme , den Fußsack bei der Hand zu behalten ; wie sie das Lederfutter untersuchte , in welchem die prachtvoll damascirte Doppelflinte geborgen lag , da hätte nur die - frühere Armgart gefehlt , um diesen Abschied aus dem Tragischen ins Komische zu übersetzen . Onkel Levinus bewegte sich in seinem Jagdcostüme , zu welchem sich noch die Wildschur gesellte , wie ein » Pelzmärtel « zur Weihnachtszeit . Aus Bär und Zobel konnte man ihn kaum herausfinden . Das Gesicht war erkennbar nur an zwei Brillengläsern , ohne die er heute behauptete keinen Rehbock zu treffen . Bei seinen Fabrikationen von Berliner Blau , Stärkemehl , Pottasche und künstlichen Düngererden hatte er nie die Brille nöthig ; nur auf die Jagd nahm er sie mit , um den Spott , der ihn als Abkommen so vieler fürstbischöflicher Erblandoberjägermeister unfehlbar heute treffen würde , durch ein » kurzes Gesicht « zu mildern . Und dann war Graf Münnich als ein » schußneidischer « Cavalier in der ganzen Gegend bekannt . Der ist eifersüchtig auf jeden Schuß , der nicht aus seiner Büchse kommt ! sagte der Onkel mit einem Ton , als fielen heute mindestens durch seine Kugel ein Dutzend Rehe ... Eine Jagd in einem Walde , der im Frühjahr nicht mehr sein wird ! seufzte Paula beim Abschied ... Ja , alles wird weggeschossen , was Haar oder Federn hat ! renommirte der Onkel ... Bitte , bitte , Baron ! fiel die Tante ärgerlich über einen so gefährlichen und herausfordernden und noch dazu , sie wußt ' es ja , nur affectirten Ton ein ; bitte , sehen Sie nur zu , daß man Ihre Pelzmütze schont ! Die Tante ließ es noch zweifelhaft , ob auch sie zu den Transparentbildern Püttmeyer ' s , die Nachmittags den Damen der vornehmen Jäger gezeigt werden sollten , kommen würde ... Sie wußte , es gab nachher ein stattliches Jagdbanket , und die Trauer Paula ' s gestattete weder ihr , noch Paula , sich in diesem Grade in die Zerstreuungen des Weltlebens zu mischen ... Von Armgart , sagte sie , ließe sich erwarten , daß sie mit den Stiftsdamen auf Schloß Münnichhof zu Püttmeyer ' s Triumphen kommen würde ; diese hätten drei Equipagen aus Witoborn bestellt ... Zwei Stiftsdamen , Fräulein von Merwig und Fräulein von Absam , gehörten sogar zu den Jägerinnen und waren berühmt durch ihren Muth und ihre Fehlschüsse ... Mit der Versicherung des Onkels , daß man sich verlassen könnte , er würde sich weder zu lange an dem Banket , noch an dem selbst in dieser frommen Sphäre nach den Jagdpartieen üblichen hohen Spiel beteiligen , entzog er sich endlich dem beklommenen Abschied ... Das leichte , trotz des Schneeregens offene und freie Jagdwägelchen rollte von dannen . Unterwegs pfiff der Wind nicht wenig . Die Brillengläser des kühnen Jägers beschlugen ; oft verlor er den Athem , wenn der Wind umsetzte und Leibschütz und Kutscher , die vor ihm saßen , nicht mehr als Windfang dienen konnten . Dennoch wurde er nicht müde , Jagdanekdoten theils selbst zu erzählen , theils sich erzählen zu lassen , Anekdoten , die bis in die glänzendsten Zeiten seiner Familie hinaufreichten und dem Ausspruch : Ecclesia sanguinem abhorret ! keineswegs entsprachen ; denn immer handelte sich ' s darum , wie Se . hochfürstbischöflichen Gnaden dazumalen entweder selbsten die Sau abgefangen oder sich von einem sichern Standorte aus Flinte auf Flinte , bereits geladen , hätten darreichen lassen und die herbeigetriebenen Rehe und Hirsche zum » Plaisix Serenissimi « zusammengemördert hätten ... Gegen zehn Uhr war man auf Münnichhof ... Auf diesem stattlichen Herrensitze , der noch mit Zugbrücken und einer Anzahl Lünetten für noch vorhandene alte eiserne Böller , mit Wällen und in einem großen ringsumher gehenden Arm der Witobach mit vorgeschobenen Eisbrechern oder sogenannten Dücs d ' Alba ausgestattet war und im Innern des Hofs in die Blüte und Herrlichkeit des siebzehnten Jahrhunderts zurückversetzte , fand man den größten Theil der Gesellschaft wieder , die neulich dem Freiherrn von Wittekind dei letzte Ehre gegeben hatte ... Der Hof war belebt von dem Jagdzeug des Grafen , das mit den Contingenten der benachbarten Herrschaften , vorzugsweise dem großen Jagdpersonal der Dorstes vermehrt worden war . Da standen die Wagen für die Jagdtheilnehmer und für die gemachte Beute . Treiber und Jagdbursche hielten die Schweißhunde an der Leine und mancher von letztern trug noch am Halse die » Korallen « , einen Stachelring , nach dessen Abnahme man voraussetzen konnte , das gereizte Thier würde um so gieriger an die wilde Arbeit gehen . Der musikalische Theil der Jagd war durch einige horngeschickte Jäger , vorzugsweise durch die in Jagdcostüme gekleideten Trompeter der Husarengarnison von Witoborn vertreten , ja sogar ein Bajazzo fehlte nicht - der buckelige Stammer hatte sich vom gräflich Dorste ' schen Oberförster ein Costüm erbettelt und blies aus Leibeskräften mit den übrigen . In seiner grünen Mütze mit einer Feder sah er aus wie ein Heusprengsel und die Gräfin von Münnich , eine fromme Dame , die ohne eine kirchliche Buße nicht ins Theater ging , mußte im Kreise ihres Besuchs wider Willen über ihn lachen , als sie auf einen Balcon hinaustrat , der in den Hof ging , angelockt von einem Horusolo , das jedoch des Guten zu viel that und in Dissonanz verendete ... Zu der Blüte des Adels , zu jungen und alten im Bann der hiesigen Anschauungen lebenden Cavalieren , auch Offizieren der benachbarten Garnisonen , hatte sich schon jetzt eine nicht geringe Anzahl Frauen gesellt . Amazonenhaft traten nur einige wenige auf . Mit Spannung erwartete man vorzugsweise die Damen aus dem Stifte ... Die Fräulein von Merwig und von Absam blieben ohne Zweifel schon auf dem für den Beginn der Jagd abgesteckten Standorte zurück , an dem sie vorüberfahren mußten und wo sich alle diejenigen einfinden wollten , die erst über Münnichhof einen Umweg gemacht hätten ... Terschka war nicht zu sehen ... Jeder fragte nach ihm ... Fest stand , daß ihn seine Ritterlichkeit heute wieder zur Hauptperson des Tages machen würde ... In der That schon mit » Schußneid « sagte das Graf Münnich , ein schlanker , von Kopf bis zu Fuß jagdgemäß gerüsteter Herr , dessen Aufregung unter den zwanzig bis dreißig Cavalieren die lebhafteste war ... Benno und Thiebold sollten gleichfalls kommen ... Letzterer als baldiger Herr des heute und bis zum Frühjahr zum letzten mal vom Jagdruf widerhallenden Waldes ... Der auch an ihn ergangenen Einladung hatte er um so weniger widerstehen können , als er nach den gestrigen schmerzlichen Erfahrungen für Benno ' s ihn » jetzt ängstigenden « Trübsinn und den minder gefährlichen eigenen die erheiternde Wirkung eines solchen Vergnügens geltend machte , auch » nicht leugnen « konnte , daß ihm ein vom jungen Tübbicke in Witoborn schleunigst nach dem Modejournal angefertigtes Jagdcostüm nicht übel stehen müßte ... In dem großen Ahnensaal , in welchem neben den bis weit über den Westfälischen Friedensschluß hinausreichenden Familienporträts die wunderbarsten Hirschgeweihe hingen , solche sogar , die mit Baumästen verwachsen waren , nahm man ein Frühstück ein . Dann wäre man , da die , welche noch fehlten , aus dem gewählten Schießstande im Warten ungeduldig werden konnten , unfehlbar aufgebrochen , wenn sich nicht die Scene auf eine eigenthümliche Art durch das Eintreten einer Persönlichkeit geändert hatte , deren Erscheinen hier Niemand erwartete . Ein magerer Herr in mittlerer Statur , in der sogenannten Armeeuniform , die Brust mit Orden bedeckt , trat ein ... Hinter ihm folgte ein Jäger , der , wie alle Leibschützen , die Flinte seiner Herrschaft trug ... Der Landrath ! ging es mit einstimmigem Murmeln durch die Reihen der aus ihren schon wieder angezogenen Pelzröcken und Ueberwürfen kaum erkennbaren Physiognomieen ... Niemand war bestürzter , als der Wirth , Graf Münnich selbst ... Was ist das ? rief er erstaunt und allen hörbar ... Bald stellte sich heraus , daß den Landrath von Enckefuß Niemand eingeladen hatte ... Noch mehr ... Der feierliche Aufzug des in dieser Sphäre schon lange durch die Zeitereignisse Proscribirten hatte etwas Beängstigendes ... Daß dieser weiland » schöne Mann « , ein alter Cavalerieoffizier , sich mit der größten Beflissenheit seinen Bart , sein Haar gefärbt , ja sogar die Runzeln seines fast fleischlosen und nur aus Haut und Knochen bestehenden Kopfes weggemalt hatte , überraschte Niemanden . Auch heute hatte er seine allbekannte Toilette , dieselbe Chevalerie mit den Damen , dasselbe stramme Auftreten mit den hohen Stulpstiefeln , dieselben Scherze , die man an ihm gewohnt war ... Aber in so seltsamer Übertreibung kam alles an ihm zum Vorschein , daß man annehmen mußte , entweder hatte er bereits seinem vormittägigen Lieblingsgetränk , dem Cüração , stark zugesprochen oder er befand sich in allem Ernst in geistiger Unzurechnungsfähigkeit ... Sofort bildete sich eine Phalanx gegen den Vertreter der Regierung , gegen den Mann , der einen Bruder des Kirchenfürsten im Duell erschossen hatte , gegen den Freund des Kronsyndikus , gegen den Vater des Assessors , des jetzigen Rathes von Enckefuß ... wiederum sah man die große Kluft des Vaterlandes und immer peinlicher wurde die Verlegenheit für den Jagdherrn ... Allgemein stellte man ihm in ergrimmter Aufregung die Zumuthung , er solle den unberufenen Eindringling bedeuten , daß sein Eintreffen auf Schloß Münnichhof ein Misverständniß wäre ... Sogar die Gräfin besaß den Muth , die Bedenklichkeiten ihres inzwischen zaghafter gewordenen Gatten zu überwinden und mit der Würde ihrer äußern Erscheinung , mit dem Hochgefühl ihres Zusammenhangs mit dem Träger der dreifachen Krone , den Landrath auf ein Misverständniß aufmerksam zu machen ... sie wollte sagen , daß sie sich ein Gewissen daraus gemacht haben würde , den Herrn von Enckefuß » mit Elementen « zusammenzuführen , » die ihm höchst unangenehm sein müßten « ... Jetzt aber erfuhr sie durch die Dienerschaft , Herr von Enckefuß wäre durch die Nichteinladung zu einer Jagd , an der jeder Adelige der Gegend theilnähme , in einem Grade beleidigt worden , daß man ihn seiner für nicht mehr mächtig halten könnte . Stündlich hätte er die Einladung zur Jagd abgewartet , hätte sein Schießzeug hervorgesucht , es selbst geputzt , seinen Hund angeredet : Sie danken dich ab , Caro ! Sie werfen dir einen Knochen vor , Caro ! Sie setzen dich außer Brot , Caro ! Dann wäre seine Ungeduld gestiegen , immer hätte er gefragt : Keine Einladung vom Grafen ? Keine von Baron Levinus ? Keine von Herrn von Terschka ? Seit gestern hätte er dann eine Miene angenommen , als wäre die Einladung wirklich erfolgt . Nun hätte er seinem Bedienten befohlen , sich als Jäger anzukleiden . Auf die Einrede , er irre sich , die Einladung fehle , hätten die heftigsten Zornausbrüche geantwortet , sodaß man zuletzt vorgezogen , zu schweigen und sich in alles zu fügen . In diesem Zustand erschien er und scheinbar