der Abbruch des alten Wohnhauses und der Aufbau des neuen Schlosses . Dieser erfolgte , nach einem Plane des Oberbaurats Gilly , in » ländlichem Stile . « » Nur immer denken , daß Sie für einen armen Gutsherrn bauen « , sagte der Kronprinz , dem im übrigen die Vollendung des Baues sehr am Herzen lag . Alles wurde denn auch dergestalt beschleunigt , daß der neue Gutsherr mit seiner Gemahlin schon im Jahre 1796 einige Tage in Paretz zubringen konnte . Um dieselbe Zeit waren Parkanlagen in Angriff genommen worden , und zwar durch den neu angestellten Hofgärtner David Garmatter , einen Erbpächtersohn der nahen Schweizerkolonie Neu-Töplitz , der seine Aufgabe mit ziemlichem Geschick löste , und Natur und Kunst vereinend , in den drei durch Landstraßen umschlossenen Parkanlagen eine bescheidene Nachahmung der Gärten von Klein-Trianon versuchte . Wohl angebrachte Durchblicke ließen die landschaftliche Fernsicht über die üppigen Havelwiesen und Seen nach den bewaldeten Höhen von Phöben und Töplitz hin frei . An einer anderen Stelle schweifte der Blick nach dem romantisch gelegenen Ütz , bis weiter hinaus zu den Höhen von Potsdam . Von anderen Standpunkten aus blickte man über die sich schlängelnde Havel nach der Stadt Werder und dem Wildpark , und zur Rechten , tief in die flache Zauche hinein , bis an die Wälder des Klosters Lehnin . Dazu überraschten an geeigneten Punkten kleine bauliche Anlagen : Tempel und Pavillons , Moos- und Muschelgrotten . Auch die Dorfschmiede , an einer Durchsicht erbaut , täuschte durch eine gotische Fassade mit Spitzbogenfenstern . Außerdem wurde ein Fasaneriewäldchen angelegt , und vor und hinter dem Landhause ein Bowlinggreen mit Blumenbuketts . So war ein Sommerschloß gewonnen , anmutig , hell , geräumig ; aber in allem übrigen von einer Ausschmückung , die heutzutage kaum noch den Ansprüchen eines Torf-Lords genügen würde . 1797 erfolgte die Renovierung der Kirche , drei Jahre später der Neubau des Dorfes , wobei zugleich festgesetzt wurde , daß die im Giebel jedes Hauses befindliche Stube jederzeit für die königliche Dienerschaft , ebenso ein auf jedem Gehöft erbauter Pferdestall für die herrschaftlichen Pferde reserviert bleiben müsse . Seit 1797 war der Kronprinz König . In diesem also umgeschaffenen Paretz , das bei Freunden und Eingeweihten alsbald den schönen Namen » Schloß Still-im-Land « empfing , erblühten dem Königspaare Tage glücklichsten Familienlebens . Die Familie und die Stille waren der Zauber von Paretz . Diesen Zauber empfand die Königin , die wir gewohnt sind uns neben dem einsilbigen Gemahl als das gesprächigere , den Zerstreuungen zugeneigtere Element zu denken , fast noch lebhafter als dieser . Sie selbst äußerte sich darüber : » Ich muß den Saiten meines Gemüts jeden Tag einige Stunden Ruhe gönnen , um sie gleichsam wieder aufzuziehen , damit sie den rechten Ton und Anklang behalten . Am besten gelingt mir dies in der Einsamkeit ; aber nicht im Zimmer , sondern in den stillen Schatten der Natur . Unterlaß ich das , so fühl ' ich mich verstimmt . O welch ein Segen liegt doch im abgeschlossenen Umgange mit uns selbst ! « Zu diesem » Umgange mit sich selbst « war nun » Schloß Still-im-Land « der geeignetste Platz , keine Straße führte vorüber , die Ruhe , wenn man sie haben wollte , war beinahe unbedingt ; aber man ließ sie gern durch die Heiterkeit des Dorfes unterbrechen . So wurde das Erntefest von seiten des Hofes alljährlich mitgefeiert . Wir finden darüber folgende Aufzeichnungen . » Das Fest begann am frühen Nachmittag . Sobald die Herrschaften sich von der Tafel erhoben hatten , setzten sich die festlich angetanen Schnitter und Schnitterinnen vom Amte aus in Bewegung . Geschart um ihr Feldbanner , den reichbebänderten Kranz von Ähren und Blumen , marschierten sie nach dem Takte der Dorfmusik auf das Schloß . Dort auf dem freien Platze hielt der Zug und stellte sich im Halbkreis auf . Der königliche Gutsherr trat heraus , hörte die an ihn gerichtete Rede der Großmagd an und schickte die Sprecherin sodann mit der Erntekrone hinein in das Schloß . Nun zeigte sich auch die Königin , und mit dem Erscheinen der » gnädigen Frau von Paretz « begann der Tanz . Das königliche Paar mischte sich in die Reihen der Landleute , die Herren und Damen folgten und sogar die Frau Oberhofmeisterin ( Frau von Voß ) konnte nicht umhin , auf diesem bal champêtre mitzuwirken . Den ersten Tanz spielten die Dorfmusikanten , den zweiten die Garde-Hautboisten aus Potsdam ; Bursche und Mädchen tanzten sich außer Atem ; dann gliederte sich der Zug von neuem und bewegte sich dahin zurück , von wo er gekommen war – nach dem Amte . Im Dorfe mittlerweile wimmelte es von Käufern und Verkäufern ; innerhalb der eigentlichen Straße zog sich noch eine Budenstraße , und inmitten dieses Gedränges , Einkäufe und Geschenke machend , gewahrte man die hohen Gestalten des königlichen Paares . « Diese Erntefeste , die bald einen Ruf gewannen , machten das stille Paretz zu einem Wallfahrtsort für nah und fern . Jeder Besucher hatte Zutritt , König und Königin ließen sich die Fremden vorstellen , äußerten ihre Freude über zahlreichen Zuspruch und baten : » über ' s Jahr wieder unter den Gästen zu sein . « Es waren wirkliche Volksfeste , und wohl mochte der General von Köckritz damals schreiben : » Ich habe in Paretz wieder allerfroheste Tage verlebt . Wir haben uns ungemein divertiert und alles Angenehme des Landlebens in ganzer Fülle genossen , wobei die Jagd und Wasserfahrt die Hauptbelustigung waren . Ein besonderer Festtag aber war das Erntefest . Die Königin mischte sich in die lustigen Tänze . Hier war Freiheit und Gleichheit ; ich selbst , trotz meiner fünfundfünfzig Jahre , tanzte mit . « 38 Im Sommer 1805 hielten sich der König und die Königin länger in Paretz auf als gewöhnlich . Wie in einem Vorgefühl kommender Stürme genossen sie das Glück , das dieser stille Hafen bot , noch einmal in vollen Zügen . Man blieb bis zum 15. Oktober , dem Geburtstage des nunmehr zehnjährigen Kronprinzen . Er empfing nach der Sitte des königlichen Hauses den Degen und die Offiziersuniform , und trat in die Armee . Die Königin sprach ermahnende Worte . Dann schied sie von ihrem lieben Paretz , das sie nur noch einmal auf wenige Stunden wiedersehen sollte . Paretz 20. Mai 1810 Paretz 20. Mai 1810 Im Spätsommer des nächsten Jahres ( 1806 ) standen bereits die großen Wetter über Thron und Land ; am 14. Oktober wurde das alte Preußen begraben ; der folgende Tag war der Geburtstag des Kronprinzen – keinen unglücklicheren hat er je erlebt . Der Hof ging nach Königsberg ; erst im Jahre 1809 kehrte das durch Jahre der Prüfung gegangene Königspaar nach Berlin zurück . Der Winter verging , der schöne Frühling des Jahres 1810 kam ; die Königin empfand eine tiefe Sehnsucht , ihr geliebtes Paretz wiederzusehen . Wir finden darüber folgendes : » Am 20. Mai fuhr sie allein mit ihrem Gemahl dorthin – es sollte nach Gottes Ratschluß das letzte Mal sein ! Erinnerungsvoll begrüßten sie die alten , traulichen Stätten , die sie so oft in glücklichen Tagen mit Freud und Wonne gesehen ; nicht trennen konnte und wollte sie sich von jener Anhöhe im Park , die das Rohrhaus trägt , und die an jenem Tage eine weite Fernsicht über den mit schwellenden Segeln und zahllosen Schwänen belebten Havelstrom mit seinen Buchten und Seen , sowie auf die im schönsten Maiengrün prangenden Wiesen und Äcker bot . Zu ihren Füßen lag das friedsame Paretz , im Grün der Bäume halb versteckt die Kirche . Die Sonne neigte sich ; tiefer und länger dehnten sich die Schatten über die Landschaft und mahnten zum Aufbruch . Aber die Königin wollte so lange als möglich an diesem ihrem Lieblingsorte verbleiben ; sie wartete bis zum Niedergang der Sonne und sprach dann vor sich hin : » Die Sonne eines Tages geht dahin ; Wer weiß Wie bald die Sonne unsres Lebens scheidet . « Auf den Wunsch der Königin , den Wagen nicht an dem entfernter liegenden Schlosse , sondern hier an der Landstraße besteigen zu dürfen , wodurch der Aufenthalt verlängert wurde , war das Gefährt beim Rohrhause angelangt . Die Königin schritt am Arm ihres Gemahls den kurzen Gang zu Füßen der Anhöhe hinab und durch die Parktür nach der Landstraße . « Das war am 20. Mai . Am 19. Juli starb sie . Unvergeßlich blieb dem Könige die Stätte , unvergeßlich das Wort , das sie hier gesprochen . Er besuchte oft diese Stelle , doch stets allein , ohne jede Begleitung . Zum Andenken ließ er hier , wo sie den Park verlassen und den Wagen bestiegen , wo ihr Fuß zum letzten Mal die Erde von Paretz berührt hatte , eine gußeiserne gotische Pforte aufstellen . Diese Pforte , wie es für solchen Platz sich ziemt , entzieht sich fast dem Auge . Abgelegen an sich , an dunkelster Stelle des Parks , birgt sich das Gittertor in dichtem Akaziengebüsch ; nur der Spitzbogen ragt in die Helle auf und trägt ein L. und die Inschrift : » den 20. Mai 1810 « . Paretz von 1815 bis 1840 Paretz von 1815 bis 1840 Die Stürme waren verweht ; das gedemütigte Preußen war zweimal , unter den Klängen des » Pariser Einzugsmarsches « , in die feindliche Hauptstadt eingezogen ; Friede war wieder , und die Paretzer Tage brachen wieder an . Nicht mehr Tage ungetrübten Glücks ; sie , die diese Tage verklärt , diese Tage erst zu Tagen des Glücks gemacht hatte , sie war nicht mehr ; aber Tage der Erinnerung . Die Zeit heilt alles ; nur ein leises Weh bleibt , das in sich selber ein Glück ist ; ein klarer Spätsommertag , mit einem durchleuchteten Gewölk am Himmel , so erschien jetzt Paretz . Nach wie vor wurde das Erntefest gefeiert ; ein Jahrzehnt verging , ein zweites begann . Die Heiterkeit der Dörfler war dieselbe geblieben , auch ihre Unbefangenheit im Verkehr mit der » Herrschaft « . Eine Alte , der der König im Vorübergehen versicherte , mit Nächstem würden alle seine Kinder zu Besuch eintreffen , antwortete ohne weiteres : » Die Russen ooch ? « Diese vertrauliche Ausdrucksweise mußte sich , hinter seinem Rücken wenigstens , der allmächtige Zar gefallen lassen ! Der König hatte herzliche Freude an solcher Unbefangenheit und nährte sie durch hundert kleine Dinge , die zuletzt auch die Scheu des Allerbefangensten besiegen mußten . Bei einer der Festlichkeiten , die den » Russen « zu Ehren gegeben wurden , drängte sich das Schäfers Sohn herzu , ein unglückliches Kind , das an beiden Füßen gelähmt war , und strengte sich an , über den dichten Kreis der Umstehenden hinwegzusehen . Niemand sah es , nur der König . Er ließ ihn zu sich führen , sprach freundlich zu ihm und gab ihm einen Platz an seiner Seite . Überhaupt die junge Welt hatte es vor allem gut . 39 Der König , im großen Verkehr beinahe menschenscheu , war ein ausgesprochener Kinderfreund . So begegnete er einstmals , während er im Schloßpark aus einem mit Pflaumen und Weintrauben gefüllten Körbchen aß , einem Jungen und fragte ihn , ob er wohl eine Pflaume haben wollte . Der Junge , ein echter Märker , schielte über das Körbchen hin und bemerkte : » Nee ; Plummen hebben wi alleen to Huus ; wenn ' t noch ' ne Wiendruv ' wär . « Der König lachte und gab . – Einen andern hübschen Zug erzählt Eylert : » Hast Du schon mal Ananas gegessen ? « fragte der König . » Nee , Majestät « . – » Na , dann iß , aber mit Bedacht . Was schmeckst Du heraus ? « Der Junge , an den die Frage gerichtet war , kaute , besann sich und sagte dann : » Wurst « . Alles lachte . Der König aber bemerkte ruhig : » So trägt jeder seinen Maßstab in sich . Dem einen schmeckt die Ananas wie Melone , dem andern wie Birne oder Pflaume , diesem wie Wurst . Er bleibt in seinem Gefühlskreise . « In den Speisesaal zurücktretend , wo sich ein Fenster mit vielfarbigem Glase befand , fuhr er fort : » Wer die Gegenstände draußen durch diese violettfarbige Scheibe anschaut , hält alles , was er sieht , für violett ; so ein anderer alles für grün oder gelb , je nach dem Glas , durch das er blickt . Jeder behauptet recht zu haben , und doch haben alle unrecht und des Widerspruchs und Disputierens ist kein Ende . So geht es vor allem den Herren Theologen . Jeder hat da sein Glas . « Derselbe Erzähler , an anderer Stelle das Paretzer Leben während der zwanziger und dreißiger Jahre zusammenfassend , gibt folgende Schilderung : » Die ruhigsten und glücklichsten Stunden , die dem Könige noch beschieden waren , hat er in diesem stillen Haveldorfe verlebt . Alle Singvögel schienen im Paretzer Park ihren Lieblingsaufenthalt zu haben ; über der Landschaft lag ein Duft , die Wiesen immer frisch , und über das Sumpfland hin schritten die Störche . Der König hatte ein Auge für solche Bilder . Wenn er allein sein wollte , hier fand er , was er suchte . Viele wichtige Verfügungen sind von diesem abgelegenen Punkte ausgegangen . Hier senkten sich tiefer und fester in sein Gemüt die Lebensansichten und Grundsätze , die den innern Frieden bewahren . Sein patriarchalischer Sinn , hier fand er Genüge . « Wann er zuletzt an dieser Stelle war , ist nicht verzeichnet ; wahrscheinlich im Herbst 1839 . Im Mai des folgenden Jahres , als mit dem Frühling draußen ein frisches Leben nicht wiederkommen wollte , sprach er mehr als einmal : » Wenn ich nur nach Paretz könnte ! « Hoffte er Genesung , oder wollte er Abschied nehmen von der Stätte stillen Glücks ? Gingen seine Gedanken zurück bis an den 20. Mai 1810 ? Wer sagt es ? Als das nächste Erntefest kam , war alles vorüber . Eine stillere Stätte hatte ihn aufgenommen , als selbst Paretz . Paretz seit 1840 Paretz seit 1840 Am 7. Juni 1840 war Friedrich Wilhelm III. aus dieser Zeitlichkeit geschieden ; Paretz , samt den zwei angrenzenden Schatullegütern Ütz und Falkenrehde , fiel dem Thronfolger , Friedrich Wilhelm IV. , zu ; 1862 , nachdem auch dieser aus der Unruhe in die Ruhe gegangen war , kam der schöne , erinnerungsreiche Besitz an den jetzigen Kronprinzen . Die Glanztage von Paretz sind nicht wiedergekehrt und sie werden kaum wiederkehren . Es bedurfte des eigenartigscheuen Charakters Friedrich Wilhelms III. , um diesen Platz über sich selbst zu erheben . Ein rechter » out of the way-place « , hindert ihn jetzt seine Abgeschiedenheit ebenso sehr , wie ihn dieselbe einst zu ungeahnten Ehren führte . Was ihn jetzt noch hält , ist Pietät , Haustradition ; – nur das Wohlwollen der » neuen Herrschaft « ist ihm geblieben . Alle zwei Jahre , am Geburtstage des Kronprinzen , werden die Dorfkinder neu eingekleidet : die Knaben erhalten des » Königs Rock « , der Uniform des 24. Landwehrregiments nachgebildet , während die Mädchen in russisch-grünen Tibetkleidern ihren Umzug halten . Das Wohlwollen gegen die Paretzer ist das alte geblieben . Aber Paretz selbst ist nicht mehr was es war . Kein Sehnsuchtspunkt mehr , nur noch ein Punkt für Erinnerung und stille Betrachtung . 2 Wo nun Gras und Staude beben , Hat in froher Kraft geblüht , Ist zu Asche bald verglüht Manches reiche Menschenleben . Die der Tod hinweg genommen , Die hier einst so glücklich war : Der geschiednen Seelen Schar , Nachtigall , du hörst sie kommen . Lenau Das Schloß in Paretz Das Schloß in Paretz So ging das Geplauder . Die wachsende Schwüle des Julinachmittags , wir empfanden sie nicht ; ein leiser Luftstrom zog von der Havel her herauf und trug uns die Kühle des Wiesengrundes und den Duft der Resedabeete zu . Es war eine halbe Stunde , wie sie nur an dieser Stelle erlebt werden kann , hier , wo sich Stille und Erinnerung die Hand reichen . Wir hingen noch den letzten Worten nach , der Schloßdiener öffnete die Läden und lüftete die Zimmer , in die wir einzutreten hatten , als die Szene sich plötzlich änderte . Ein Windstoß , jäh und heftig , fuhr durch den Park , die uns zunächst stehenden hohen Pappeln beugten sich , Blätter , wie Flocken , fielen auf uns nieder , die Chaussee herauf kam eine Wolke von Kies und Staub und über den ganzen Himmel hin rollte die erste Ankündigung des Gewitters . Es war , als ob wir erleben sollten , daß auch diese Stille täusche . Überall rollen die Donner Gottes und künden , daß kein ewiger Friede sei . Einen Augenblick schwankten wir , ob wir von der Poesie des Gegensatzes Nutzen ziehen und die sich öffnenden Schloßräume , die verblaßten Zeichen stillen Familienglücks , bei Gewitterschein in Augenschein nehmen sollten , aber das mahnende Wort : » das kommt schwer herauf « gab uns doch zu denken , und nachdem erst einmal gezweifelt und der » angebornen Farbe der Entschließung « die bekannte Gedankenblässe angekränkelt war , gaben wir es auf und nahmen die Einladung an , die uns in die Wohnung des Hofgärtners führte . Es war die höchste Zeit ; noch trafen uns die ersten großen Tropfen ; kaum unter Dach und das Schauspiel begann : Regen und Feuer fielen vom Himmel nieder . Als es vorüber war , war es zu spät , den Rückweg anzutreten ; die Wege waren grundlos , die tiefen Stellen unter Wasser ; wir blieben zu Nacht . Wer eingeregnet und eingewittert , möge es immer so gastlich treffen , wie wir im Gärtnerhause zu Paretz . Ein Morgen kam , wie er nur nach solchem Abend kommt . Die Sonne funkelte wie gebadet , und als die Läden des Schlosses sich wieder öffneten , schoß das Licht hinein und lief wie ein Blitz durch alle Räume . Das Dunstige und Trübselige , das sonst in solchen Räumen zu Hause ist , es war wie ausgefegt ; Licht macht wohnlich , alles schien bereit ; es war , als solle das schöne königliche Paar , das hier vor siebenzig Jahren lebte und lachte , jeden Augenblick wieder seinen Einzug halten . Und wenn es so wäre , sie würden die Stätte ihres Glücks wenig verändert finden . Da sind noch dieselben Tapeten und Wandgemälde , dieselben kissenreichen , mit Zitz überzogenen Sofas und Ottomanen , dieselben gemalten Papageien und Fasanen , dieselben Büsten und Bilder . Bilder wohl tausend an der Zahl , englische Stiche in Nußbaum- und Ebenholzumrahmung , wie sie jeder von uns aus dem Hause der Großeltern oder aus den Gast- und Logierstuben der Landedelleute kennt . Wie diese Gaststuben gemeinhin neben der Rumpelkammer liegen , so sind sie auch , in allem , was Kunst angeht , die Vorbereitung , die Etappe zu ihr . Ein junges Mädchen mit Kaninchen spielend , ein junges Mädchen mit einem Taubenkorb , die Grotte der Egeria , die Kaskaden von Tivoli , so folgen die Blätter aufeinander , abwechselnd in Schwarz- und in Buntfarbendruck , und alle einer Lordship oder Royal Highness respectfully devoted . Tausend Blätter , aber keines von Bedeutung , mit Ausnahme eines einzigen , das durch seinen Gegenstand und seine Schicksale ein gewisses Interesse einflößt . Es ist dies » die Zusammenkunft des preußischen Königspaares und des Kaisers von Rußland in Memel , 1802 . « Der Stich nach diesem Bilde ist allgemein bekannt ; hier befindet sich das Original , eine Arbeit Dählings , in Gouache sauber ausgeführt . Schloß Paretz ist genau der Punkt , wo dieses Bild seine Stelle finden mußte , denn die Personen , die es darstellt , sind recht eigentlich Paretzer Personen , Gestalten , die dem Schloß » Still-im-Land « in der Epoche von 1795 bis 1805 angehörten . Es sind , außer dem Kaiser auf der einen und dem König und der Königin auf der andern Seite , die folgenden : Prinz Wilhelm , Prinz Heinrich , Feldmarschall von Kalckreuth , Hofmarschall von Massow , Gräfin von Voß , General von Köckritz , die Kammerherren von Schilden und von Buch , die Kammerdame von Moltke und der Major von Jagow . Dies Gouachebild Dählings , das auf der Rückseite mit drei verschiedenen Zetteln oder Briefen beklebt ist , denen wir auch diese Notizen entnehmen , war wohl , wenn nicht direkt im Auftrage des Hofes , so doch wenigstens in der Hoffnung angefertigt worden , daß der Hof es erstehen würde ; die Katastrophe von Jena fuhr aber dazwischen und so ging dies Bild , das seinem Gegenstande nach in das Boudoir einer Fürstin oder Oberhofmeisterin gehörte , in kleinbürgerliche Hände über und wechselte mehrfach seine Eigentümer . Bis 1821 besaß es Herr Asner in Berlin , dann kam es nach Schlesien , und der letzte der drei aufgeklebten Briefzettel , womit dann ( 1850 ) die Irrfahrten dieses Bildes schließen , lautet wie folgt : » Der gegenwärtige Eigentümer dieses Bildes ist der königl . Kreisgerichtssekretär und Kanzleidirektor Wilhelm Heinrich aus Glatz , zur Zeit in Breslau , bis 17. August in Berlin . Beim Doktor Stoll in der Charité zu erfragen . « Das Weitere ergibt sich leicht . Der Kanzleidirektor , in richtiger Erkenntnis dessen , was er besaß , bot ein Gemälde , das recht eigentlich ein hohenzollersches Haus- und Familienbild war , dem König Friedrich Wilhelm IV. zum Kauf an und hatte richtig gerechnet . Der König gab dem Bilde seinen Platz : Paretz . Die Räume des Schlosses erlitten geringe Umwandlungen seit 1805 ; ein Zimmer blieb völlig intakt , das Schlafzimmer . Die Himmelbetten stehen noch wie damals ; die Tische und Toiletten , das kleine Klavier , das die Königin selbst benutzte , die Kommoden in den Formen des ersten Kaiserreichs , – alles behauptet noch die alte Stelle ; auch die » Supraporten « blieben , die Genien und Amoretten über der Tür . Noch flattern ihre Bänder , noch streuen sie Rosen , aber die Bänder sind vergilbt und die Rosen sind verwelkt . Selbst das Bild des Glückes konnte die Jugend nicht wahren . Wir treten zurück in den Park . Alles Leben und Licht . Das Einzelne fällt , das Ganze bleibt . Die Kirche Die Kirche Dem Schloß gegenüber , hinter einem uralten Maulbeerbaum halb versteckt , liegt die Kirche , ein weit zurückgehender Bau , dessen Alter bei den vielen Wandlungen , die er durchzumachen hatte , schwer zu bestimmen ist . Dabei stellen wir die letzten Renovierungen , weil diese seinen Stil wenigstens unverändert ließen , nicht einmal mit in Rechnung . Eine letzte gründliche Wandlung erfuhr die Kirche wahrscheinlich verhältnismäßig spät , in Jahren , da der Protestantismus schon die Oberhand im Lande hatte ; – einige Glasbilder tragen die Zahl 1539 . Um eben diese Zeit , so schließen wir , oder doch nicht viel früher , erfolgte die Gotisierung des Baues , der vorher längst vorhanden und , wie alle die zahlreichen Feldsteinkirchen in der Mark , romanisch war . Wie jetzt das Kirchlein sich präsentiert , sticht es jedenfalls sehr vorteilhaft von dem gegenüber gelegenen Schloßbau ab , mit dem es nur das Alleräußerlichste und Gleichgültigste , die gelbe Tünche , gemein hat . Wieviel Anheimelndes in dieser gotischen Formenfülle , in diesem Reichtum von Details , und wieviel Erkältendes in dieser bloß durchfensterten Fläche , die sich nirgends zu einem Ornament erhebt ! Eine indifferente Alltagsschönheit , die den Dünkel hat , keinen Schmuck tragen zu wollen . Erst die Phantasie , die geschichtskundig das Schloß mit Leben und Gestalten füllt , macht es uns lieb und wert , hebt über den ersten Eindruck der Nüchternheit hinweg . An dem Maulbeerbaum vorbei treten wir jetzt in die Kirche ein . Wir wählen das Westportal . Der Eindruck besonderer Gefälligkeit , den schon das Äußere übt , er wiederholt sich hier ; die Restaurierung ist pietätvoll zuwege gegangen . Alles Anmutige und Zierliche , alles , was in Form oder Farbe auch das Laienauge angenehm berühren konnte , man ließ es der Kirche und sorgte nur , wie es sein soll , für Luft und Licht , für Raum und Bequemlichkeit . Die nördliche Hälfte des Querschiffs wurde zum » Königsstuhl « , der Raum hinter dem Altar , also der hohe Chor , zu einer Art Kunstkammer hergerichtet . Um diese beiden Punkte drehte sich das Interesse der Kirche . Zuerst der Chor . Mannigfach sind die Geschenke , womit königliche Munifizenz ihn bedachte . Auf engem Raume drängen sich hier die Bilder , meist Jugendarbeiten des trefflichen Wach : » Johannes der Täufer « , » Christus mit Johannes und Matthäus « , » Christus auf Gethsemane « . Das größte und bedeutendste aber , das sich hier findet , ist eine » Grablegung « von Schumann ; die ohnmächtig niedersinkende Maria gilt als vorzugsweise gelungen . – Reich geschmückt , wie dieser Raum hinter dem Altar , ist vor allem auch der Altar selbst ; eine schwere , grüne Damastdecke , mit eingestickten goldenen Kreuzen , deckt den Abendmahlstisch ; Kruzifix und Altarleuchter , größer und reicher , als sie sonst in Dorfkirchen heimisch sind , deuten auf den königlichen Geber ; zu Füßen des Kruzifixes aber liegt die sogenannte Kurfürstenbibel , mit vielen Stichen und Bildern , prächtig gebunden . Der breite Goldschnitt zeigt oben und unten , wie auch in Front , drei zierliche Aquarellbilder : die Taufe , das Abendmahl , die Himmelfahrt , – eine Art der Ornamentierung , der wir hier zum ersten Male begegneten . Es sind Arbeiten ( ihrem Kunstwert nach unsern Porzellanmalereien verwandt ) , wie sie damals in Dresden nach berühmten Poussins und Carraccis gut und mannigfach ausgeführt wurden . Durch eine Balustrade vom Kirchenschiff getrennt ist der » Königsstuhl « . Er hat die Dimensionen eines kleinen Zimmers ; die Herrichtung ist einfach ; an der Westwand erhebt sich , in das Mauerwerk eingelassen , eine durch den Stich mannigfach bekannt gewordene Arbeit Schadows : » Die Apotheose der Königin Luise « . Mehr eigentümlich , als schön . In ihrer Mischung von christlicher und heidnischer Symbolik ist uns die Arbeit kaum noch verständlich , jedenfalls unserem Sinne nicht mehr adäquat . Sie gehört , ihrer Grundanschauung nach , jener wirren Kunstepoche an , wo der große Fritz in Gefahr war , unter die Heiligen versetzt zu werden , wo er im Elysium , mit Sternenkranz und Krückstock angetan , die der Zeitlichkeit entrückten preußischen Helden wie zur Parade empfing . Eine Art Sanssouci auch dort oben . Schadow , sonst von so gutem Geschmack , vergriff sich in diesem Falle , wie uns scheinen will , und die Inschrift eines von einem Engel gehaltenen Schildes gibt Auskunft darüber , wie er sich vergriff . Diese Inschrift lautet : » Hohenzieritz , den 19. Juli 1810 , vertauschte Sie die irdische Krone mit der himmlischen , umgeben von Hoffnung , Liebe , Glaube und Treue , und in tiefe Trauer versinken Brennus und Borussia . « Wir haben hier Kunstmengerei und Religionsmengerei , alles beieinander . Die Verdienste der Arbeit sind nichtsdestoweniger bedeutend , aber sie sind mehr technischer Natur und greifen zum Teil auf das Gebiet der Kunstindustrie hinüber . Die anderweitigen Schätze , die die Paretzer Kirche , weit über diese großen Schildereien hinaus , in ihrer Mitte birgt , sind zwei Erinnerungsstücke , alt und neu , das eine aus der Zeit der kirchlichen , das andere aus der Zeit der politischen Umgestaltung , die dieses Land erfuhr , beinahe dreihundert Jahre liegen dazwischen . Aus dem Jahre 1539 , wie die eingebrannte Jahreszahl zeigt , stammt das Bildnis des heiligen Mauritius , das aus dem Spitzbogen des Chorfensters in die Kirche hinein grüßt ; zu Füßen des alten Schutzpatrons dieser Lande aber steht ein zierlicher , mit Tapisseriebildern versehener Kasten , in dem ein blauseidenes , silbergesticktes Tuch zusammengefaltet liegt . Es ist das Tuch , das Königin Luise bei ihrem letzten Besuch an dieser Stelle trug . Der König , nach ihrem Tode , breitete es , als das Liebste , was er hatte , über den Altartisch , bis es , halb zerfallen in seinem leichten Gewebe , durch den Damast abgelöst wurde , der , mit goldenen griechischen Kreuzen geschmückt , jetzt dieselbe Stelle ziert . Aber in dem Kästchen liegen doch , wie verkörpert , die Erinnerungen dieser Stätte . Der » Tempel Der » Tempel « Die Kirche von Paretz ist ein Platz reicher Erinnerungen , aber Paretz hat der Erinnerungsplätze mehr . Speziell der Erinnerung geweiht ist der » Tempel « . Er befindet sich in einer verschwiegenen Ecke des Parks , wo dieser die Havel berührt , und bildet einen Teil des an dieser Stelle künstlich aufgeworfenen Aussichtshügels , der auf seiner Spitze ein japanisches Häuschen , auf seiner westlichen Seite eine Rokokogrotte und nach Süden hin eben diesen » Tempel « trägt . Dieser Tempel , eine bloße Fassade , die auf halbversunkenen dorischen Säulen ruht und zunächst keinem anderen Zwecke gedient haben mochte , als Schutz gegen Regen und Sonne zu gewähren , scheint von Anfang an ein bevorzugter Platz gewesen zu sein , wie es auch in dem laubenreichsten Garten immer noch eine Lieblingslaube gibt , woran sich Leid und Freud des Hauses knüpfen : der erste Kuß , die stille Verlobung , Abschied und Wiedersehen . Zu solchem Platze wuchs der Tempel heran , und der ziemlich nichtssagende Bau , der bei seiner Anlage nichts gewesen war ,