Gräfin , wie sie ihn wiedererkannt , wäre der Arzt nicht Zeuge gewesen , wie Eleonore ihn nicht lassen wollen , wie sie sein Bleiben gefordert hatte , als habe sie ein Recht darauf . Er konnte es sich nicht verbergen , daß er jedem in die Verhältnisse nicht Eingeweihten als der Mann erscheinen mußte , dem Eleonore gefolgt war , der an ihrer Krankheit Schuld trug , und er hatte eben erst die langjährige Verlobung mit Hildegard aufgelöst , hatte sich eben erst verheirathet , eben erst seine Frau in die Gesellschaft eingeführt , deren Verhalten gegen seine junge Gattin ihm ohnehin nicht wohlwollend erschienen war . Die Kranke sich und ihrem Schicksale zu überlassen , daran dachte er nicht ; aber er sann darüber nach , wem er sie übergeben , wen er in die Lebens- und Herzensverhältnisse der Unglücklichen , so weit er selber sie zu beurtheilen im Stande war , einweihen dürfe , ohne sie dadurch gegen Eleonore einzunehmen , und er konnte Niemanden finden . Die Gräfin Rhoden war nicht in der Stadt , Cäcilie , wie sehr er sie auch liebte und ihr vertraute , war Eleonoren nicht gewachsen . Sie konnte er unmöglich zur Pflegerin Eleonorens machen , von ihr konnte er für diese keinen Anhalt hoffen ; er mochte auch den Schatten dieses düsteren Geschickes nicht auf die ersten , schönen Tage seiner Ehe fallen lassen , er mochte die harmlose Fröhlichkeit seines jungen Weibes nicht stören und nicht missen . Wie er nun so , zwischen einer berechtigten Selbstsucht und seinem Mitgefühl getheilt , vor- und rückwärts blickte , drängte sich ihm unwillkürlich der Gedanke in die Seele , daß seiner Familie von der Annäherung an die verstorbene Herzogin von Duras nichts als Unheil gekommen sei . Er grollte dem Tage , an welchem die Herzogin zuerst sein Vaterhaus betreten hatte , er verwünschte es , sie in Paris aufgesucht zu haben . Er begriff kaum , wie er überhaupt auf den Gedanken verfallen war . Hatte er doch sein Leben lang niemals vergessen können , wie heiter die Herzogin stets gewesen , als seine Mutter in dem Flies ' schen Hause schon zum Tode krank darnieder gelegen hatte ; wie sie an nichts gedacht , als an sich und ihr Behagen , während die treue Seba Tag und Nacht am Lager seiner Mutter gesessen und wie ein freundlicher Schutzgeist an demselben Wache gehalten hatte . Wie Jemand , der im Dunkeln , seines Weges ungewiß , angstvoll umhergetastet hat , plötzlich stehen bleibt und sich zurecht zu finden trachtet , wenn ihn aus der Ferne ein Lichtschein die rechte Straße ahnen läßt , so hielt Renatus plötzlich inne : denn jetzt wußte er , wo er Hülfe finden könnte . Eine Frau wie Seba that Eleonoren Noth , eine Frau wie Seba fehlte an diesem Krankenbette . Seba hatte die volle Einsicht in das Menschenleben , welche duldsam und barmherzig macht . Sie hatte die Schmerzen seiner Mutter in ihrem Busen treu bewahrt ; seine Mutter hatte ihres starken Verstandes , ihres großen Herzens in den Tagebüchern oft erwähnt , die in den Besitz ihres Sohnes übergegangen waren und die ihn bestimmt hatten , Seba aufzusuchen , als er vor neun Jahren zuerst nach der Hauptstadt gekommen war . Aber was lag alles zwischen dem heutigen Tage und jener fernen Zeit ! - Freilich hatte er nur mit tiefstem Bedauern , nur mit innerstem Widerstreben die Mittheilungen seines Oheims über dessen Liebeshandel mit Seba angehört und geglaubt ; indeß er hatte sie doch geglaubt ! Er hatte sie auf das Wort eines Mannes hin geglaubt , dessen Charakterlosigkeit er kannte , dessen frevelhaften Leichtsinn in Bezug auf Frauen , ja , dessen niedrige Sinnlichkeit ihm immer ein Gegenstand der Abneigung und des Mißtrauens gewesen waren . Er hatte Seba , von der er nichts als Gutes wußte und erfahren hatte , ohne eine Anfrage an sie , ohne sie zu hören verurtheilt . Seine Schwiegermutter , die sie schätzte , seine damalige Verlobte , die an Seba hing , hatte er von ihr entfernt , sich selber in schnöder Weise von ihr losgesagt , und das alles , weil ein Mann mit den leichten und sichern Umgangsformen der vornehmen Gesellschaft sich schamlos berühmt hatte , die Gunst dieser Frau besessen zu haben , als sie noch ein halbes Kind gewesen war . Als ob es eine Heldenthat oder eine große Kunst gewesen wäre , das Vertrauen der Unschuld zu gewinnen und zu mißbrauchen ! Und Seba hatte vielleicht einst eben so elend , eben so verzweifelnd , mit sich und mit dem Leben gerungen , wie jetzt die unglückselige Eleonore , die in ihren Phantasieen bald die heilige Jungfrau zu ihrem Beistande anrief , bald mit flehendem Verlangen den Namen des Mannes aussprach , den sie liebte und von dem sie , wie sie immer wiederholte , ihre Seele wiederhaben wollte . Alle diese Gedanken und Erinnerungen zogen in rascher Folge durch sein aufgeregtes Hirn , während er an dem Lager der Kranken saß . Der Zeiger der Uhr , welche auf dem Spiegeltische zwischen den beiden Vasen voll künstlicher Blumen stand , rückte mit melancholischer Sicherheit von Minute zu Minute vorwärts , und jede Minute steigerte mit der Unruhe und der Angst des Freiherrn ein nicht abzuweisendes , lastendes Schuldbewußtsein in seinem Innern . Er , der meist immer mit sich wohl zufrieden gewesen war , der sich stets mit selbstischer Leichtigkeit zurechtzusetzen gewußt , wenn er sich in irgend welchem inneren Zwiespalt befunden hatte , konnte heute dies Schuldbewußtsein nicht überwinden , und es bezog sich nicht auf eine bestimmte Person oder auf eine bestimmte Handlung , es war eine allgemeine Unzufriedenheit mit sich selbst , die sich seiner bemächtigte . Er fühlte sich schuldig gegen Seba , er war weniger als jemals darüber beruhigt , daß er den Grafen Gerhard einst so nahe an sich herangelassen hatte . Er warf sich seine frühe Verlobung mit Hildegard vor , er tadelte sich , daß er Eleonoren von derselben nicht gleich unterrichtet , daß er dem Abbé , ohne ihn genau genug zu kennen , sein Vertrauen gewährt hatte ; und er bereute das alles hauptsächlich , weil er , der danach getrachtet hatte , sich in dem ihm angeborenen Kreise unter seines Gleichen recht festzusetzen und auszubreiten , jetzt , da er einer Leidenden die Hand bieten , sie aufrichten und tragen wollte , sich es eingestehen mußte , daß es ein trügerischer Boden sei , auf dem er sich bewege , und daß er Niemanden , aber Niemanden in seiner genzen nächsten Umgebung und Verwandtschaft habe , von dem er in einem außergewöhnlichen Falle auf einen außergewöhnlichen Beistand rechnen dürfe . An wen von allen seinen Standesgenossen sollte er sich wenden , um Hülfe zu fordern für eine junge Gräfin Haughton , die , von der Liebe für einen katholischen Geistlichen über alle Schranken der gesellschaftlichen Zucht und Sitte fortgerissen , ihren Glauben gegen ihre Ueberzeugung abgeschworen hatte , und nun in halbem Irrsinne ihren Bekehrer mit ihrer Leidenschaft verfolgte ? Es war in Eleonorens Lage und Verhalten Alles dazu angethan , jene Frauen abzustoßen , welche in die Bewahrung ihres guten Rufes , in die strenge Unterordnung unter die hergebrachte Sitte , und in das Beharren innerhalb der ihnen durch ihren Stand und ihre Geburt angewiesenen Schranken ihre Ehre setzten . Renatus hatte von frühester Jugend an aus voller Ueberzeugung die engen und unwandelbaren Formen und Gesetze der sogenannten guten Gesellschaft als ein Heilsames und Nothwendiges anerkannt . Er hatte es von den Frauen seines Standes als ein Unerläßliches gefordert , daß sie selbst den geringsten übeln Schein zu meiden suchen sollten , und er würde noch in dieser Stunde jedem , auch dem leisesten Zweifel an einer zu ihm und seinem Hause gehörenden Frau , als Edelmann , auf edelmännische Weise zu begegnen für seine Pflicht erachtet haben . Hier aber lag nun Eleonore , dem härtesten Urtheile gerechten Anlaß bietend , unglücklich und verlassen , und doch nicht schuldig . Immer und immer wieder kam Renatus auf die eine Frage zurück : Wen soll ich rufen , ihr beizustehen und mir zu helfen ? Einen Priester seiner Kirche ? Der Arzt hatte dies eben so entschieden verboten , als die Zulassung eines protestantischen oder englischen Geistlichen , auf welchen die Dienerschaft der Kranken ihre Hoffnung gerichtet hatte . - Eine der älteren Frauen seiner Bekanntschaft ? Man war gegen ihn selber nicht ohne Voreingenommenheit , wie konnte er hoffen , für Eleonore ein gerechtes , ein nachsichtiges Urtheil zu gewinnen ? Wie konnte er erwarten , von denen , welche sich für makellos , für eine besondere und bevorzugte Menschenklasse betrachteten , das Erbarmen mit den Irrthümern und Fehlern eines Mädchens zu erlangen , das sich eben durch dieselben von dem Herkommen ihres Hauses und ihres Standes so auffallend entfernte ! Und er selber ? Nun , er hatte es ja auch für Pflicht erachtet , selbst den Schein des Unrechtes von sich fern zu halten , weil die Welt berechtigt sei , nach dem Scheine zu urtheilen - und der Schein war ganz entschieden gegen ihn . Heute , jetzt verstand er es , weßhalb der Heiland , an den er glaubte , nicht die Pharisäer und Schriftgelehrten zu seinen Schülern und Aposteln auserkoren hatte , weßhalb er sich mit seiner Lehre von der Liebe und von der Vergebung zu den Armen hingewendet , die der Liebe und der Vergebung sich selber bedürftig gefühlt hatten ; heute verstand er zum ersten Male , was Christus hingezogen zu der Sünderin . Nur Seba konnte ihm helfen , und was es ihn auch kostete , ihr zu nahen , gegen die er sich versündigt hatte , er mußte ihren Beistand fordern . Vorsichtig , um Eleonore nicht zu erwecken , die in Schlaf versunken war , zog er seine Hand aus der ihrigen , und ihren Leuten die nothwendigen Weisungen zurücklassend , machte er sich zu Seba auf den Weg . Es war zwei Uhr vorüber , als er an Tremann ' s Thüre den öffnenden Hauswart fragte , ob Fräulein Flies zu Hause sei . Die Herrschaft speise , gab man ihm zur Antwort , und Herr Tremann habe streng befohlen , daß man während der Mahlzeit Niemanden melden dürfe . Der Freiherr schützte dringende Geschäfte vor ; der Hauswart blieb bei seiner Weigerung , bis die Unruhe , welche Renatus nicht verbergen konnte , jenen anderen Sinnes machte . Er zog eine Schelle , welche in das Innere des Hauses ging ; der Diener kam heraus , und auf die Erklärung , daß der Herr Major das Fräulein zu sprechen wünsche und sich nicht abweisen lasse , forderte der Diener des Freiherrn Karte , nöthigte ihn , in das Vorzimmer einzutreten , und entfernte sich dann , den Bescheid für ihn zu holen . Wie sie das gelernt haben ! sagte Renatus unwillkürlich und mit Erstaunen ; als ob die Gewöhnung an Bequemlichkeit und an jene häuslichen Einrichtungen , welche vor unwillkommenen Störungen und Ansprüchen bewahren , das Vorrecht einer besonderen Menschenklasse wäre . Wie sie das gelernt haben ! Der alte Flies sprang noch behende von seinem Tische auf , wenn man im Laden schellte - und nun gar für Unsereinen ! Es blieb ihm jedoch zu diesen Betrachtungen nur kurze Zeit , denn der Diener brachte ihm die Antwort , daß die Herrschaft ihn zu empfangen bereit sei , und ging vorauf , ihn nach Seba ' s Zimmer zu geleiten . Er fand sie seiner bereits wartend ; aber sie war nicht allein . Paul war bei ihr ; denn nach den Erfahrungen , welche Graf Gerhard ihn bei Anlaß von Seba ' s Briefen hatte machen lassen , und nach der Weise , in der Renatus sich von dem Flies ' schen Hause zurückgezogen , meinte Paul seine Freundin vor jeder Begegnung mit diesen beiden Männern , so viel an ihm war , behüten , oder ihr bei einer solchen doch mindestens zur Seite stehen zu müssen . Es lag daher auch wenig Ermuthigendes in seinem Tone , als er den Freiherrn fragte , welchem Zufalle man die Ehre seines Besuches zu verdanken habe . Auf Paul zu treffen , wo er darauf gerechnet hatte , Seba allein zu finden , war dem Freiherrn nicht willkommen ; aber er überwand sich , weil die Nothwendigkeit ihn dazu zwang , und ohne auf eine Entschuldigung zu sinnen , sagte er mit der Sicherheit derjenigen , welche es gewohnt sind , für sich um ihrer Stellung und ihrer Persönlichkeit willen schließlich doch immer eine gute Aufnahme zu finden : Sie haben ein Recht , diese Frage in solchem Tone an mich zu richten , und ich würde , ehe ich es gewagt hätte , Fräulein Flies nach einer so langen Versäumniß aufzusuchen , mich sicherlich vor ihr zu rechtfertigen getrachtet haben , wäre der Anlaß , der mich heute , der mich eben jetzt nöthigte und trieb , mich an Fräulein Flies zu wenden , nicht ein plötzlich eingetretener , und hätte ich Zeit , an etwas Anderes zu denken , als an die Hülfe , die ich von ihr für eine Unglückliche zu fordern gekommen bin ! Seba hatte ihn genöthigt , sich niederzusetzen , und den Faden seiner Mittheilungen wieder aufnehmend , sagte er : Sie werden Sich , ich weiß es , wundern , daß ich mich eben an Sie wende ... Nein , Herr Major , fiel Seba ihm mit ihrer sanften Würde in die Rede , o nein ! Sie sind nicht der Erste meiner Freunde , der mich versäumte und mir wiederkam , der mich in seinem Glücke vergaß und sich an mich erinnerte , wenn er mich brauchte . Ich habe dies , fügte sie mit einem Lächeln hinzu , das sie noch immer sehr schön erscheinen ließ , ich habe dies aber immer als mein besonderes Adelsdiplom betrachtet , und Ihr heutiger Besuch , Ihr Anspruch an mich sind mir eine Bestätigung desselben . Seien Sie also willkommen - - sie hielt ihm ihre Hand hin - in der That willkommen , Herr Major ! Und nun , was wünschen Sie von mir ? Renatus küßte ihr die Hand , die sie ihm dargeboten hatte ; aber das Roth der Scham trat ihm auf die Stirne , denn Paul war Zeuge der freundlich vornehmen Verzeihung , mit der sie ihren einstigen Freund behandelte , der Gnade , welche Seba ihm angedeihen ließ . Indeß Renatus mußte dies zu vergessen , sich darüber fortzusetzen suchen , und Seba und Paul erleichterten , nachdem die Erstere sich die ihrer würdige , aber unerläßliche Genugthuung bereitet hatte , ihm dies beide durch ihre Fragen und durch die Art , in welcher sie seiner Mittheilung ihr Ohr liehen . So schnell , so gedrängt und so schonend , als es nur möglich war , suchte Renatus sie von den Verhältnissen der Gräfin , von dem , was er selber mit ihr erlebt hatte , in Kenntniß zu setzen . Er hatte dabei seiner Verheirathung , er hatte Cäcilien ' s wie Vittoria ' s zu gedenken , und von dem Eifer seiner Mittheilungen fortgerissen , sagte er : Sie werden meine Stiefmutter , Sie werden meine Frau ja kennen lernen . Keiner von beiden , ich darf das zuversichtlich sagen , würde der gute Wille fehlen , der Gräfin beizustehen , aber der gute Wille ersetzt die Kraft , die Einsicht , die Erfahrung nicht . Sie sind meiner theuren Mutter einst ein solcher Trost gewesen - nehmen Sie Sich der Gräfin Haughton an . Seba antwortete ihm nicht gleich , als er geendet hatte ; das beunruhigte ihn . Sie zögern ? fragte er . Sie wollen oder Sie können ihr nicht beistehen ? Ich sinne nur darüber nach , entgegnete ihm Seba mit jener Einfachheit , deren nur die höchste Bildung und die höchste Güte fähig machen , ich sinne nur darüber nach , wie ich es anfange , gleich jetzt mit Ihnen zu Ihrer Kranken hinzufahren . Sie sagen mir , daß Sie nach Hause müssen , um Frau von Arten nicht zu beunruhigen , und ich habe für den Nachmittag eine andere Verabredung getroffen . Das ist leicht zu ändern , bedeutete ihr Paul , der gewohnt , das Steuer zu führen , es unwillkürlich und überall , bei kleinen wie bei großen Anlässen ergriff ; und die Schelle ziehend , befahl er dem Diener , daß man anspannen , schnell anspannen , und ihm aus dem Comptoir einen Boten senden solle . Dann schlug er dem Freiherrn vor , die Baronin durch ein paar Zeilen über sein Ausbleiben zu beruhigen ; er selber übernahm es , Seba von ihrer genommenen Abrede zu befreien , und während diese sich entfernte , um sich anzukleiden und Davide von ihrem Ausgehen zu benachrichtigen , blieben Paul und Renatus in Seba ' s Wohnzimmer zurück . Die zwei Worte an die Baronin von Arten waren schnell geschrieben , der Bote damit fortgeschickt , und Renatus ward es nun mit einer peinlichen Empfindung inne , daß er sich mit Paul allein befand . Indeß auch jetzt wieder kam der Letztere ihm zu Hülfe . Wie nannten Sie den Namen der jungen Gräfin ? fragte er , um eine Unterhaltung einzuleiten . Ich mochte Sie vorhin in Ihrer Mittheilung nicht unterbrechen und habe ihn nicht verstanden . Gräfin Eleonore Haughton ! antwortete der Freiherr . Paul besann sich . Den Namen habe ich schon gehört , meinte er ; und plötzlich sich erinnernd , sagte er : Irre ich nicht , so ist die Gräfin bei unserm Hause accreditirt und uns in dem Creditive warm empfohlen ; aber ich vermuthete in jener uns zugewiesenen Dame natürlich keine junge Frau , noch weniger ein junges Mädchen , und darum fiel mir der Name nicht gleich am Anfange auf . Renatus erwiederte darauf nichts ; das Gespräch drohte in ' s Stocken zu gerathen , und doch mochte er sich nicht immer wieder von Tremann vorwärts helfen lassen , mochte er nicht eben diesem Manne gegenüber den Anschein auf sich laden , als fehlten ihm die Leichtigkeit und Sicherheit , welche sein Vater in so hohem Grade besessen hatte , oder als fühle er sich in der Gesellschaft Paul ' s nicht frei . Er suchte nach einer neuen Anknüpfung ; die lange Parade am Morgen , die erschütternde Begegnung mit der Gräfin , das Wiedersehen von Seba , kurz , alles , was er in den wenigen Stunden durchgemacht und durchempfunden , hatte ihn jedoch ermüdet , und zu der unerfreulichen Ahnung , daß er durch Eleonorens Ankunft in den Bereich neuer Verwicklungen getreten sei , gesellte sich noch der Gedanke , wie Paul sich jetzt nicht nur im Besitze dieses Hauses , sondern zum Theil auch bereits in dem Besitze der Arten ' schen Güter befinde . Das befing Renatus vollends . Er konnte , wie er sich auch mühte , keine jener allgemeinen , gleichgültigen Bemerkungen machen , mit denen man sonst einem Fremden gegenüber einige Minuten gemeinsamen Wartens auszufüllen pflegt . Aber diese Unbeholfenheit wurde ihm immer drückender , ja , sie steigerte sich allmählich bis zum Verdrusse über sich selbst , bis zu einer Angst ; und als müsse er sich von derselben um jeden Preis befreien , als müsse er es durchaus erklären , was ihn beschäftige , sagte er plötzlich mit einer durch die Umstände in keiner Weise gerechtfertigten Lebhaftigkeit : Sie sehen , ich habe Ihren Rath befolgt ; Rothenfeld und Neudorf sind verkauft ! Paul neigte kaum merklich das Haupt . Und Sie sind im Militär geblieben , fügte er hinzu , und haben die Frucht dieses Entschlusses , wie ich mit Vergnügen hörte , schnell genug geerntet . Man hat Ihnen zu gratuliren ; Sie sind früh Major geworden ! Er hatte die Absicht gehabt , Renatus mit dieser Wendung von den ihm unerfreulichen Erinnerungen auf ein anderes Gebiet zu lenken , auf welchem ihm Gutes widerfahren und erwachsen war . Ueber diesen war jedoch mit der ersten Stunde , in welcher er sich zu dem Verbleiben in der militärischen Laufbahn entschlossen hatte , die rastlose Unzufriedenheit des Ehrgeizes gekommen , die sich nicht an dem Erreichten zu erfreuen vermag , wenn Anderen das Gleiche zu Theil geworden ist , und Tremann ' s Anerkennung von sich weisend , entgegnete Renatus : Ich bin nicht wesentlich früher als Sie im Heere vorwärts gekommen ; Sie waren ja auch zu Ende des ersten Feldzuges bereits Major ! Während des Krieges war die Gelegenheit mir günstig , bemerkte Paul ; das Avancement in der Landwehr machte sich bei den ungeheuren Verlusten , die wir erlitten hatten , schnell . Und wieder hatte trotz der beiderseitigen guten Absicht das Gespräch nach diesen wenigen Worten noch einmal sein Ende erreicht . Es war , als läge eine unausfüllbare Kluft zwischen ihnen , die zu überschreiten keiner von beiden die Brücke fand . Renatus meinte , es sei in seinen Verhältnissen geboten , seine Würde mit Zurückhaltung zu behaupten , und Paul fand keinen Grund in sich , dem Freiherrn eine besondere Zuvorkommenheit zu beweisen . Indeß die Unfreiheit , welche auf dem Anderen lag , fing Paul , dessen ganze Natur auf Freiheit gestellt war , zu belästigen an . Das Mitleid , welches er mit Renatus hegte , konnte ihn nicht verhindern , dieses Beisammensein beschwerlich zu finden . Unwillkürlich zog er die Uhr hervor , um zu ermessen , ob Seba noch nicht kommen , der Wagen noch nicht fertig sein könne . Das entging Renatus nicht , und als wolle er wenigstens in diesem Falle seine gesellschaftliche Ueberlegenheit behaupten , sagte er , sich gewaltsam überwindend , um eine neue Unterhaltung anzuknüpfen : Sie sprachen , als ich Sie bei meiner Rückkehr hier aufzusuchen veranlaßt war , von Einbußen und Verlusten , welche Ihr Haus während Ihrer Feldzüge erlitten hätte . Derlei stellt sich wahrscheinlich auch in Ihrer Lage so leicht nicht wieder her . Wie ist es Ihnen ergangen , was haben Sie gethan , seit ich Sie damals sah ? Paul ' s schönes Antlitz hellte sich auf . Es war ihm eine Erleichterung , daß Renatus sich von seiner Befangenheit loszumachen trachtete , und da er , wie alle tüchtigen Menschen , trotz der Enttäuschungen , denen Niemand mehr als eben solche unterworfen sind , doch immer wieder zum Glauben an den Menschen und zum Hoffen auf das Gute in der Natur desselben geneigt war , sprach er freundlich , wenn auch über die Art der Frage unwillkürlich lächelnd : Für Unsereinen , der mit seinem Thun und Lassen auf sich selbst gewiesen ist , läßt sich eine solche Frage nicht rundweg , nicht mit Einem Worte abthun . Indeß ich darf wohl sagen : ich habe nicht gefeiert ! - Dann , als besorge er , den Freiherrn mit solch kurzem Bescheide wieder in das frühere Unbehagen zurückzuwerfen , fügte er hinzu : Es sind nicht allein die großen Unternehmungen , es sind eben so wohl die kleinen täglichen Erfolge , welche uns vorwärts bringen ; und das Wachsen , das Gedeihen vollzieht sich überall in der Regel geräuschloser und weniger sichtbar , als das Zerstören und das Zugrundegehen . Es liegt für den Dritten , für den Zuschauer daher vielleicht kein besonderes Interesse darin , uns auf unserm Wege zu begleiten , unserm immer gleichen und doch in sich sehr wechselreichen Arbeiten zuzusehen , selbst wenn es , wie dies meist der Fall ist , mit den allgemeinen Nothwendigkeiten eng genug verbunden ist . Wir haben keinen Rang , keine äußeren Anerkennungen , als diejenigen , welche das Urtheil unserer Standesgenossen und Mitbürger uns zu Theil werden läßt ; denn jene Titel und Orden , welche der König einem Gewerbtreibenden gelegentlich verleiht , zählen nicht vor den Tüchtigen und Verständigen unter uns . Wir schaffen uns unsern Namen , unsere Stellung in der kaufmännischen wie in der bürgerlichen Welt aus eigener Machtvollkommenheit . Unsere tägliche Arbeit wird erst merkbar , wenn sie ihre Ernte getragen hat , obgleich wir uns derselben stets bewußt sind und unserer Freude an unsern mit tausendfachen Sorgen schwer errungenen Erfolgen nicht entbehren . Und da es uns an Sorgen und Hoffnungen dabei durchaus nicht mangelt , so brauchen wir nach Erregungen und Zerstreuungen nicht zu suchen , uns Lust und Pein nicht erst zu schaffen . Das hat auch sein Gutes , besonders für denjenigen , der in der freien Arbeit an und für sich schon seine wahre Befriedigung genießt ! Er brach ab , weil er besorgte , mit der Schilderung seiner Zustände wider seinen Willen ein Gegenbild zu denen des Freiherrn geboten zu haben ; und in der That lag in des Kaufmanns stolzer Selbstgenügsamkeit ein Vertrauen zu dem Leben und in die Zukunft verborgen , um welches der Freiherr ihn beneidete . Er konnte sich jedoch nicht überwinden , ihm dies auszusprechen , und ohne eine Bemerkung auf Paul ' s Auseinandersetzungen hinzuzufügen , sagte er : Und Sie sind auch verheirathet ? Sie haben Kinder ? Ja , ich habe einen Knaben und Aussicht auf ein zweites Kind . Dazu genieße ich das Glück , Fräulein Flies , die mir und meiner Frau eine Mutter gewesen , und die ja leider unvermählt geblieben ist , in meinem Hause eine Heimath bieten zu könne ; und wir befinden uns in einer Lage , in welcher wir uns in vollster Freiheit nach eigenem Bedürfen regen und bewegen können . - Er hielt abermals inne und sagte danach : Das ist freilich nichts Besonderes , das haben hundert Andere auch , das ist viel und wenig , wie man es betrachtet . Mir genügt es ! Ich könnte also Ihre erste Frage wohl mit dem schlichten Worte beantworten : es geht uns Allen in jedem Sinne wohl ! Nicht so , Seba ? fragte er , sich mit seinem hellen Blicke und seiner volltönenden , männlichen Stimme , deren bloßer Klang erfrischend wirkte , an die Freundin wendend , welche , für die Ausfahrt angekleidet , eben in das Zimmer trat . Gewiß ! entgegnete sie ; aber weßhalb soll ich das besonders erst versichern ? O , rief Renatus , und eine weiche , schmerzliche Empfindung , wie er sie diesen Menschen gegenüber , wie er sie in solcher Weise überhaupt noch nie gefühlt hatte , bewegte ihn und drohte , ihn zu überwältigen , o , bereuen Sie diese Versicherung nicht ! Es ist ein Segen und es ist sehr selten , Glückliche zu sehen ! Seine Erschütterung überraschte die beiden Anderen , und ein Blick des Einverständnisses zwischen ihnen bezeugte , was sie dachten . Indeß die Meldung des Dieners , daß der Wagen vorgefahren sei , trat eben jetzt dazwischen . Renatus , sich schnell ermannend , bot Seba seinen Arm ; Paul begleitete sie . Als sie eingestiegen war , wendete Renatus sich zu Jenem und sagte , indem er , was er sonst nie gethan hatte , ihm die Hand reichte und schüttelte : Leben Sie wohl , und erhalte der Himmel Ihnen Ihr Glück und Ihre Zufriedenheit ! Leben Sie wohl ! Auf Wiedersehen ! entgegnete Paul , ihm den Händedruck vergeltend . Und in das Haus zurückkehrend , dachte er : Wenn er ein Einsehen hätte - wie gern wollte man ihm helfen ! Drittes Capitel Die Zeit und das Leben waren damals noch nicht so bewegt , daß ein Ereigniß wie die Ankunft und Erkrankung einer vornehmen Fremden mit den diese Erkrankung begleitenden auffallenden Nebenumständen in der Residenz unbeobachtet und unbesprochen hätte bleiben können . Der und jener Vorüberkommende hatte gesehen , wie man die Kranke aus dem Wagen gehoben , wie ein Major in voller Uniform dabei behülflich gewesen war ; und die augenblicklichen Mitbewohner des Gasthofes hatten sich bei den Kellnern erkundigt , was es mit der Kranken für eine Bewandtniß habe . Die Fragen waren , wie das in solchen Fällen stets geschieht , über die ersten Antworten hinausgegangen , die nächsten Antwortenden hatten mit Vermuthungen zu ergänzen gestrebt , was sie an Wissen entbehrten , und schon an einem der folgenden Tage brachte die verbreitetste Zeitung der Stadt unter ihren allgemeinen Berichten die Kunde : daß eine vornehme Engländerin , die Gräfin E. H .... ton , deren Abenteuer am französischen Hofe wie in der vornehmen Welt ihres Vaterlandes viel von sich reden machen , in der Hauptstadt angekommen sei , wohin ein Herzensverhältniß sie gezogen habe . Wider ihr Erwarten habe sie aber den Mann , welchem sie gefolgt sei , einen höheren preußischen Offizier , bereits anderweitig verheirathet gefunden und sei aus Verzweiflung darüber wahnsinnig geworden . Der Name des sie behandelnden Arztes schloß diesen Bericht . Die bürgerliche Gesellschaft las über denselben hinweg , wie man im Allgemeinen über derlei achtlos fortgeht ; aber in den Kreisen , in denen Renatus lebte , und in denen man gewohnt war , sich um die Vorgänge an den verschiedenen Höfen zu bekümmern , fiel die Nachricht auf . Man erinnerte sich , daß vor ungefähr drei Viertel Jahren eine junge Engländerin vom französischen Hofe verwiesen worden war . Man entsann sich , daß es die berühmte Schönheit , die Gräfin Haughton-Lauzun gewesen sei , die Nämliche , welche nach den Berichten der englischen Zeitungen in London am Hofe zu der üblichen Vorstellung nicht zugelassen worden , und später zum Katholicismus übergetreten war . Eine der Hofdamen , welche mit der gräflich Rhoden ' schen Familie verwandt war , hatte damals von ihrem bei der preußischen Gesandtschaft in Paris beschäftigten Bruder die briefliche Mittheilung erhalten , daß der Freiherr von Arten in die Abenteuer der Gräfin Haughton verwickelt , daß er einer ihrer Liebhaber gewesen sei ; und die in der Zeitung angegebenen Buchstaben paßten auf die