ich diese Denkwürdigkeiten vernichtet hätte ? Das haben Sie nicht ! Nein , nein ! Oder doch ? Doch ? Die großherzige Liebe meiner Mutter beschämte Sie ? Sie vernichteten ein Denkmal Ihrer Scham , Ihres Neides ? Sprechen Sie ! Die Blätter existiren . Aber sie sollen , Sie dürfen sie nicht lesen ! Welche Ausflüchte ! Überstürzen Sie sich nicht ! Ich meine es gut mit Ihnen , Feuerkopf ! Die Blätter lesen Sie nicht ! Geben Sie mir das Testament meiner Mutter ! Sie sind ein Ungestüm ! Endigen Sie diese Ausflüchte , diese Verstellungen ... ha , diese Lügen , Madame ! rief Egon jetzt knirschend vor Ärger über solche Weitläuftigkeiten . Sie haben mich zähmen , rühren wollen ... O mein Gott ! stöhnte Pauline . Noch denken Sie niedrig von mir ! Ich flehe Sie an ! Begehren Sie diese Geständnisse einer Frau nicht , die die Welt verachtete , nur Gott liebte und Niemanden , Niemanden sonst ... nicht einmal Sie ! Nicht ihren Sohn ? Nicht mich ? Madame ! Lüge ! Prinz ! In dem Augenblicke ertönte die Glocke des Hauses . Ha ! athmete Pauline auf . Es war ihr , als wäre sie ganz verlassen gewesen , ganz der Wildheit dieses jungen Mannes , der keine Rücksichten kannte , überlassen . Ich weiche nicht von dieser Stelle , rief Egon , bis ich diesen Spuk , diesen ewigen Eingriff in mein Leben nicht endlich beseitigt habe . Ich bin vor Ihnen gewarnt . Der Vater , die Mutter bezeichneten mir Ihren Namen als den einer Schlange , die sich um mein Leben ringeln wird , um mir das Herzblut auszusaugen . Pauline horchte eine Weile , wer kam . Man hörte die Thüre öffnen . Vielleicht ist es Franz ! dachte sie erleichtert . Es war so still , so dunkel draußen . Sie hörte die Ludmer nicht . Ihre Diener waren nicht alle zugegen . Es regnete draußen in Strömen . Sie war diesem Ungestümen so preisgegeben ... Noch sagte sie fest und entschieden zu Egon : Prinz , wenn Sie diese Blätter lesen , droht Ihnen etwas , was Ihnen nach einem solchen Glauben über mich wirklich die Hölle sein müßte ... Das wäre ? Die Qual ... mein Freund zu werden ! Egon lachte bitter auf und bat um Aufklärung einer solchen Möglichkeit , die allerdings , wie er grausam hinzufügte , ihr ... Bedenkliches hätte . Erlassen Sie mir , sagte Pauline tiefverletzt , aber mit immer mehr sich beherrschender Ruhe , die nähere Auseinandersetzung . Genug , Sie würden mein Freund werden , ja vielleicht , setzte sie scharf betonend hinzu - mein Sklave . Also , wohlan ! Prinz ! Ich verbrenne die Blätter . Gute Nacht ! Damit erhob sie sich , um zu gehen . Egon aber hielt sie mit gewaltsamem Entschluß an der Hand zurück , führte sie an ' s Fenster und riß dies Fenster auf ... es stürmte , es regnete ... die Bäume krachten ... Pauline bebte ... sie wollte sich losreißen , sie wollte schreien ... da intonirte vor dem Garten eine jugendliche Männerstimme ein kurzes Lied . Hören Sie diesen Gesang ? rief Egon in wilder Aufregung . Pauline , von der Kälte der Nacht durchschauert , sah ihn mit Entsetzen an und rang sich von seinen Händen los . Es ist das Zeichen eines Wächters ! sprach Egon , indem er das Fenster schloß . Meine Freunde , drei an der Zahl , sind entschlossen , in dieser Stunde mit mir die Fäden gewaltsam zu zerreißen , die mein Leben umspinnen ! Was bezwecken Sie , Prinz ? Um ' s Himmelswillen ! rief Pauline und wollte mit einer raschen Wendung entfliehen . Egon aber warf sie mit einer Armbewegung zurück und behielt die Thür im Rücken . Ich dringe mit meinen Freunden , die hier in dies Fenster steigen , in Ihr Arbeitszimmer und verlasse es nicht früher , bis wir besitzen , was mein ist . Ein Wink von mir und ich habe die Freunde , die mich unterstützen , hier zur Seite . In Ihrem geheimsten Zimmer , das ich mir bezeichnen ließ , bleiben wir so lange , bis wir diesen unerträglichen Intriguen ein Ende gemacht haben . Das war fast zuviel . Ein Attentat auf ihre Häuslichkeit . Wer hätte hier die Untersuchung aller ihrer Schränke hindern sollen ? Die feigen Bedienten ? Wer hätte beispringen sollen in diesen einsamen Gartenhäusern ? Aber Pauline lächelte jetzt ruhig und sagte : Wohlan , mein Prinz , so kommen Sie ! Wir können es auch anders beschließen . Ich gebe Ihnen die letzten Geständnisse Ihrer Mutter . Damit gab sie Egon das Zeichen voranzugehen . Als er öffnen wollte , war die Thür verriegelt . Aha ! sagte Pauline . Ihr Überfall stößt doch schon auf Vorsichtsmaßregeln . Eine Horcherin hat die Gefahr abwenden wollen und ich bin nicht so verlassen , wie Sie denken ! Kommen Sie von dieser Seite , Durchlaucht ! Pauline nahm einen Armleuchter und ging durch eine zweite Thür , durch finstere Zimmer , durch einen Gang ... Egon folgte . Die Ludmer stand auf dem Gange mit Franz und einem Gärtner im Dunkeln wie Gespenster , aber rathlose und selbst furchtsame . Doch erschien ihm diese Ludmer wie eine der Dienerinnen Hekate ' s bei ihren Zauberkünsten , wie eine der Hexen Macbeth ' s. Es war ihm , als sollte er in seine Zukunft sehen und jenen Zauberspiegel in die Hand nehmen , der ihm die Geschichte seines Hauses offenbarte . Pauline ignorirte die zu Tode geängstigte Freundin und führte Egon in ihr zweites Boudoir , das geheime . Sie schloß einen Schrank auf und übergab nach mehrfacher Zögerung und erneuertem Andringen Egon ' s dem Prinzen endlich die Blätter . Dieser erkannte die Handschrift seiner Mutter , küßte sie und sagte zur Geheimräthin : Also auf die Gefahr hin ... Ihr Freund zu werden ! Gute Nacht ! Die Geheimräthin wiederholte lächelnd : Auf die für mich angenehmere Gefahr hin ... sogar mein Sklave zu sein ! Gute Nacht ! Der Prinz verschwand . Bald hörte man Flüstern von Stimmen vor dem Stacket , das Übersteigen seiner ungeduldigen Freunde , das Bellen angeketteter Hunde , das Sprechen , sich Verständigen Egon ' s mit den Freunden , Lachen , Spotten , zuletzt das Rollen seines Wagens im feuchten , knirschenden Kieselsande ... O , sagte die Ludmer , die erst eintrat , als der Wagen nicht mehr hörbar war , welche Scene ! Welche Verblendung , Pauline ! Welche Geständnisse ! Welche Gefahren ! Das Haus war umringt ! Wir müssen in die Stadt ziehen . Man könnte uns hier ermorden ... Laß mich , antwortete Pauline und sank erschöpft auf eine Ottomane . Nach einer Weile fügte sie hinzu : Nie traf es sich , daß ich Egon sah . Als ich den ersten Blick auf ihn geworfen hatte ... o Gott ! Welche Erinnerungen ! Mehr vermochte sie nicht hervorzubringen . Die Ludmer verstand , was sie sagen wollte und versuchte sie auf andre Gedanken zu bringen . Ich riegelte zu , als ich Franz kommen hörte , sagte sie . Er war bei Augusten und hat mir Schreckliches erzählt . Er kam dort gerade zur rechten Zeit ... Ehe das Mädchen am gebrochenen Herzen starb , aus Verzweiflung , sich von einem Ehrenmanne verschmäht zu sehen ? sagte Pauline mit einem Ausdruck , der die ganze Schwere der Gedanken bezeichnete , die auf ihrer Brust lasteten und ihr jetzt wirklich etwas Prophetisches gab . Ehe sie in ' s Narrenhaus gebracht wurde ! sagte die Ludmer ruhig . Großer Gott ! rief Pauline theilnehmend . Charlotte , Charlotte ! Wie ruhig du Das sagen kannst ! Die Ludmer erzählte , wie Franz gekommen wäre , hätte er schon im Hause gehört , daß vorgestern Abend der Fremde , mit dem Auguste seitdem oft ausgegangen wäre , sehr laut und heftig gezankt und dann sich entfernt hätte . Oben hätte Franz den sogenannten Engländer mit der schwarzen Binde gefunden , um Augusten , die auf dem Bette lag , beschäftigt . Der Engländer wäre sehr ergrimmt gegen Franz gewesen . Auguste hätte aber Franzen nicht gekannt . Franz wäre so gescheut gewesen , sich für einen Andern als Den auszugeben , der sie mit Mangold bekannt gemacht hätte . Als Mangold vorgestern gegangen wäre , erfuhr Franz , hätte Auguste nicht ein Wort gesagt , sondern in einem todähnlichen Starrkrampfe dagelegen , bis nächsten Morgen . Murray wäre nicht von ihrem Bett gewichen . Am Morgen wäre sie etwas aufgestanden und hätte in aller Stille das Fenster geöffnet , um sich , ohne einen Laut von sich zu geben , auf den Hof zu werfen . Murray , von dem plötzlichen Gedanken , den Niemand geahnt hätte , überrascht , hätte sie mit Riesenkraft ergriffen und zurückgehalten . Dann lag sie , erzählte Franz , bis zum Abend wieder im Starrkrampfe . Endlich hätte sie Speisen genommen und einige Worte , aber verworren , gesprochen ; sie hätte fortgewollt , man hätte sie gehalten . Murray verließ sie keinen Augenblick . Man hätte den Arzt gerufen und dieser eine Beruhigung verschrieben , nach der sie einschlief . Seit heute früh spräche sie still , aber verwirrt , dann hätte sie geweint , sich gesammelt , aber den ganzen Abend wäre sie so gefährlich irr gewesen , daß man sich hätte entschließen müssen , sie in das Narrenhaus zu schaffen . Franz wäre gerade angekommen , als man einen Wagen holte und Murray sie mit schönen kostbaren Kleidern , die er irgendwo hätte holen lassen , mit Gold und Silber putzte , in einen Fiaker schaffte und sie selbst begleitete . Er hätte ihr gesagt : Es ginge auf den Fortunaball ! Da hätte sie gelacht und mit der Zunge geschnalzt , als ging ' es zum Tanze . Ihre Kleider musterte sie lachend im Spiegel , alle die Ringe , die Brochen , die Armbänder , die sie plötzlich vor Wochen trug , wären zum Vorschein gekommen und so wäre sie lachend und als ging ' es zum Ball oder zu einer Hochzeit mit Murray in ' s Irrenhaus gefahren . Franz , schloß die Ludmer , hat mir die Geschichte so erzählt , daß es mich selbst kalt überlief ... und nun hier diese Scene noch , dieser Überfall wie von Räubern und Mördern ! Du bist schauerlich , Charlotte , sagte Pauline entsetzt ... Gute Nacht , Charlotte ! Es ist erst neun Uhr , bemerkte die Ludmer . Ich gehe zu Bett ! Gute Nacht , Charlotte ! Die Ludmer kannte gewisse determinirte Stimmungen ihrer Herrin . Sie versparte alle Erörterungen auf morgen und fragte , ob sie das Kammermädchen rufen sollte . Pauline schüttelte den Kopf . Die Ludmer , die jetzt mit einem male die lästige Nichte losgeworden war , mit einem male auch die Spannung zu dem Prinzen Egon sich lösen sah , ging ziemlich erleichtert zu Franz zurück , der ihr das Vorgefallene wiederholt erzählen sollte ... Pauline riegelte sich ein , entkleidete sich rasch und warf sich erschöpft auf ihr Lager . Als sie im Dunkeln war , trat ihr im Halbschlafe Egon ' s Gestalt entgegen . Sie seufzte auf und hätte ihn an ' s Herz ziehen mögen , weil er ihr Erinnerungen wachrief , die zu ihren theuersten und schmerzlichsten gehörten . Ihr unruhiges Blut ließ sie nicht schlafen . Sie mußte aufstehen , wieder Licht machen . Zuviel , zuviel der Vergangenheit trat ihr gespenstisch entgegen ! Es war ihr , als wenn die alten Brustkrämpfe wiederkämen . Röchelnd erhob sie sich , als läge ein Alp auf ihr . Sie wollte klingeln ... unterließ es aber , da sie hörte , daß man noch im Hause wachte . Der Geheimrath kam aus dem Theater . Sie hörte sogar die Schüsseln seines Nachtessens klappern , das man in sein Zimmer oben hinauftrug . Das beruhigte sie wieder . Sie dachte an Schlaf . Aber er floh sie . Bilder aus Italien , aus der Schweiz traten ihr entgegen . Eben lieblich und schön , dann verzerrt und beängstigend . Eine Gestalt schien sie besonders zu ängstigen . Sie erinnerte sie durch eine seltsame Gedankenreihe an Wasser , an einen übergetretenen , hohen Fluß . Hülfe ! Hülfe ! glaubte sie gerufen zu haben . Dann fuhr sie auf und sah sich um , fand Alles ruhig und legte sich auf eine andere Seite . Aber nun kam ihr Auguste Ludmer vor die Augen . Sie sah sie im Ballstaate mit geschminkten Wangen - sie sah Kerzen - Kronenleuchter - alle Tanzenden waren wahnsinnig - der Mann mit der schwarzen Binde , den sie so oft hatte nennen hören , führte Augusten in ihre Nähe , und diese knixte vor ihr und sagte ihr in wahnwitziger Rede : Schöne Dame , gib doch meinem Baron seinen Sohn ! Es war dann wieder , als wäre Mangold Der , der dies Mädchen führte ... und ebenso rasch gaukelte ihr ein Bild vor die Augen , wo Auguste zerschmettert auf dem Straßenpflaster lag und Franz mit einem Lichte drüber her leuchtete , und als sie nachsahen , war es eine edle reine Gestalt , die wie ein Engel schlummerte , ganz verklärt , ganz verändert , und sie sagte sich : Das ist ja Selma , aber mit Engelsflügeln ! Ach ! Sie schläft still und ruht sich von einem Leben aus , das ein ewiges Opfer war ! Dazwischen dann hörte es Pauline deutlich von den Stadtthürmen herüber zehn , elf schlagen . Aber es schlug schon halb zwölf und sie schlief noch nicht ... Sie stand ungeduldig auf , machte wieder Licht , nahm Brausepulver , wollte lesen und kleidete sich an . Kaum hatte sie eine Weile in das erste naheliegende Buch geblickt , als es heftig an der Thür schellte , die von der Straße in den Vorgarten führte . Die Glocke war groß und es schellte mächtig . Pauline ging an das Fenster und sah einen Mann an der Thür , der eben zum zweiten Male schellte . Um zu sehen , ob noch ihre Bedienung wach war , zog sie ihre Glocke . Lange dumpfe Stille ... Der Mann , den sie durch eine Ritze ihres halbgeöffneten inneren Fensterladens unterscheiden konnte , schellte zum dritten Male . Sie zog wieder ihre Glocke . Endlich regte sich etwas im Hause . Man ging und fragte vom Fenster , was es noch so spät gäbe ? Sie hörte , daß eine fremdartig klingende , das Deutsche etwas gebrochen mit polnischem Accent sprechende Stimme sagte , hier wäre ein Billet vom Prinzen Egon , das man der gnäd ' gen Frau morgen ganz in der Frühe beim Erwachen geben sollte . Wie schlug Paulinen das Herz , als sie diese Worte hörte ! Man nahm das Billet durch das Gitter . Der Fremde , der kein Bedienter war , ging ... Es wird Louis Armand sein ! dachte sie ... Sie kannte von Helenen die Umgebungen Egon ' s. Es wird der Sänger sein , der dem Prinzen durch seinen Gesang verrieth , daß die Freunde wachten ! Sie schellte wiederholt ... Franz kam . Eben wurde ein Brief vom Prinzen Egon abgegeben , sagte sie . Ich will ihn sogleich lesen . Franz kehrte um und nahm Ernsten erstaunt das eben empfangene Billet ab . Sie erbrach es hastig , wandte sich von den verschlafenen , zurücktretenden Dienern ab und las : » Gnädige Frau , erst eine Stunde lang hab ' ich in den Blättern meiner Mutter gelesen und den Rest überflogen . Dennoch bin ich schon zu der Überzeugung gekommen , daß ich Sie morgen in aller Frühe , um neun Uhr , wenn ich darum bitten darf , sprechen muß . Ich erkenne , was Sie sagten : Die Selige liebte nur Gott und sich . Vergeben Sie mir , daß ich so stürmisch , so wahnsinnig war ! Ich fühle , daß ich des Rathes einer weisen , vom Schicksal geprüften Frau bedarf , einer Frau , die über den gewöhnlichen Standpunkten des Lebens erhaben ist ! « Pauline nickte , als sie geendet hatte , einige Male voll tiefster Genugthuung mit dem Kopfe . Fühlst du ' s nun , Prinz Egon Waldemar von Hohenberg ! rief sie , die Bedienten nichtachtend , triumphirend aus . Krümmst du dich nun vor Paulinen von Harder , stolzer Jüngling , den die Schönheit Helenen ' s nicht so fesseln wird wie hinfort der alten Pauline Geisteskraft ? Zittere nicht , Egon ! Ich bedarf deiner , so wie du meiner bedarfst , und wenn du weise bist und mir deine starke Hand zur Stütze für den Rest meines Lebens leihst , so will ich dir zeigen , daß ich dich mehr liebe , als Helene d ' Azimont , mehr , mehr als selbst Amanda , deine eigne Mutter ! Franz stand in der Ferne und harrte noch auf einen Befehl . Um sieben Uhr wecken ! sagte Pauline , erschreckend , daß sie nicht allein war . Franz ging . Pauline aber verriegelte die Thür , las das rasch hingeworfene Billet beseligt noch einmal und noch einmal , entkleidete sich und warf sich heiter , beruhigt , ja lachend auf ihr Lager . Sie entschlief unter der süßen , reizenden Vorstellung eines neu für sie beginnenden Lebens . Im Bunde mit Egon und seinen geisteskräftigen Freunden ... was hoffte sie nicht Alles ! Was konnte sie nicht Alles wagen und noch vom Schicksal erwarten ! Ende des fünften Buches . Sechstes Buch Erstes Capitel Sylvester Rafflard Helene d ' Azimont bewohnte in einem sogenannten Hotel garni das erste Stockwerk . An Beschränkung nie gewöhnt , bedurfte sie nicht nur aus angeborenen Rücksichten ihres Standes , sondern zur Ausdehnung ihrer ganzen überströmenden Natur großer Räumlichkeiten . Diener und Wagen hatte sie mitgebracht , aber diesen » Train « jetzt noch weit über den Bedarf vermehrt . Jede Woche mußten Gärtner die Zimmer mit neuen Blumen schmücken . Ihr Empfangsalon war ein kleiner Dahlien-Flor . Was sie bei Wanderungen durch die Magazine , selbst bei einer flüchtigen Vorüberfahrt an den glänzenden Schaufenstern der Hauptstraßen nur an Vasen , Porzellan , Kunstwerken , Bronzesachen Gefälliges entdeckte , mußte , wenn sie sich davon einen Effect versprach , sogleich , ganz nach Goethe ' s Theorie vom Besitze des Schönen , angekauft und in ihren Zimmern aufgestellt werden . Wie sie denn in Allem das Weib des unmittelbaren Instinctes schien , die lebendiggewordene Unruhe und Beweglichkeit des nur durch die Liebe aufrechtgehaltenen Frauensinnes , so mußte sie , was ihr gefiel , besitzen , was sie dachte , aussprechen , was ihr in den Sinn kam , vollenden . Eine Entsagung ohne sofortigen Ersatz würde ihr die größte Qual gewesen sein . In den sechs Wochen , daß Egon krank war , von Andern gehütet , ihrer Sorge vorenthalten wurde , litt sie unsäglich . Sie hatte das nimmerrastende Bedürfniß der Aufopferung . Sie wäre im Stande gewesen , wie eine in Lohn verdingte Krankenwärterin Egon zu pflegen . Der Mann , der sie erfüllte , war ihr die ganze Welt . Wie konnte sie leben , ohne seinen Athem zu hören , ohne sich in seinen Augen zu spiegeln , selbst wenn diese vom Fieberwahn umschleiert wären und sie nicht erkannt hätten ! Von dem Abend an , wo sie bei ihrer Ankunft in später Nacht vor Egon ' s Fenstern hielt und zu ihnen wie eine Verstoßene sehnsüchtig hinaufblickte und bitter weinte , ruhte sie nicht , sich dem Freunde bemerklich zu machen . Erst als sie erfuhr , daß er ganz krank , dann völlig bewußtlos war , unterließ sie diese nächtlichen Aufblicke zu seinen Fenstern . Aber Blumen schickte sie , Erkundigungen zog sie ein , setzte sich mit der dienenden Umgebung , mit den Ärzten in Verbindung . Sie litt peinliche Tage , in denen sie nur von Paulinen , die durch Amanden ' s Memoiren wieder Kraft und Fassung errungen hatte , aufrecht erhalten , getröstet wurde . Wie viel Thränen weinte sie an der Brust dieser Freundin , die sich für mitfühlend erklärte , aber ihren Schmerz nur studirte , wie der Künstler an der Armuth vorübergeht , ihr Almosen spendet , aber seiner Phantasie auch die Geberden des Hungers einprägt . Pauline gab sich ganz auf die » großen Gefühle « ihrer jungen Freundin gestimmt ; aber Helene mit ihrem überflutenden , liebesiechen Herzen , war ihr doch nur eine Studie jener Autorschaft , an die sie zuweilen zurückdachte , seit sie durch Guido Stromer , den vacirenden Pfarrer von Hohenberg , den entpuppten Schmetterling der schönen Phrase und des irren , von Allem geblendeten Idealismus , wieder in literarische Beziehungen kam ! Helene , im Jammer um Egon , erkannte Niemanden mehr , der bei Paulinen verkehrte . Ein Blick des Schmerzes und sie wandte sich jeder Begegnung ab . Nur Melanie blieb ihr von dem ersten Abend her in Erinnerung als ein » schönes Mädchen « . Als » schöner Mann « hätte sie Heinrichson fesseln dürfen ; allein sie erbat sich nur die Unterstützung seiner kunstgewandten Hand , um Erinnerungsblätter an ihre Egon-Liebe , die sie zeichnete , an ihren egoistischen Egonismus , wie der witzhaschende Heinrichson dies Verhältniß nannte , zu einer größern Vollendung zu bringen . Kümmerte sich Helene während dieser Trauerwochen um Niemanden , als wer sie aufsuchte , verschloß sie sich jeder Beziehung zu ihrer Schwester Adele Wäsämskoi , die sie ihres kleinen und engen Herzens wegen verachtete , zu Rudhard , der ihr ein lästiger , gefühlstrockener Pedant war , so mußte es auffallen , daß sie Sylvester Rafflard nicht gleich das erste mal , daß er sich bei ihr melden ließ , abwies . Helene glaubte sonst keinen größern Feind zu haben ! Von Osteggen , dem Gute ihrer Ältern , war dieser Rafflard plötzlich entlassen worden ; in Genf hatte er Ursache , Egon zu hassen , den er später zu Paris in ihren Armen wiedersah . Die alte Gräfin d ' Azimont , Helenen ' s Schwiegermutter , mit ihrem Ehrgeize und ihrer weltverachtenden Bigoterie , hatte die Wahl ihres Sohnes schon damals gemisbilligt , als Graf Desiré am Schwarzen Meere in Helenen eine Protestantin wählte . Welche Clauseln wurden nicht alle in dem mit Paris über Berlin und Petersburg verhandelten Ehecontracte erfunden , um den Folgen dieses Misverhältnisses vorzubeugen ! Anfangs nahm die strenge Bewohnerin des Faubourg St.-Germain ihre Tochter mit gnädiger Herablassung auf , bald aber zeigte sich , daß die alte jesuitische Klassizität der Mutter mit der romantischen Ketzerei der Tochter sich nicht vereinigen ließ . Welche Cirkel suchte Helene auf ! Welche Menschen fand sie interessant ! Wie verworren sah es in ihrem Salon aus ! Der » Horreur « , den die Mutter durchweg vor der Tochter empfand , steigerte sich , als Helene die Rücksichten auf ihren kränkelnden , blasirten , überbequemen Gatten völlig aus den Augen ließ und sich mit ihm sogar auf eine Art Freundschaft , auf den Fuß einer gegenseitigen Schonung und Duldung setzte ! Der Graf wurde der Vertraute seiner Gattin . Er mußte sorgen , helfen , vermitteln , wenn ihr Herz litt . Und er gab sich dazu mit der ganzen modernen Philosophie , die Sitte und Gesetz auf den Kopf stellt und das Herz zum Gott , dessen Eingebungen zur Offenbarung macht , bereitwilligst her , zum großen Unmuth der Mutter , die diese neuromantische Ehe mit keinen Kindern gesegnet sah . Durch Zufall war der Neophyt Sylvester Rafflard der alten Gräfin nähergekommen und der Vertraute ihrer Wünsche geworden . Die alte Dame hatte immer einen solchen zuverlässigen Hausfreund nöthig gehabt und hielt sehr treu zu ihm , falls er sich bewährte . Seit einer Reihe von dreißig Jahren waren es Jesuiten gewesen , Priester oder Affiliirte , die ihr nahe standen . Der letzte ihrer Vertrauten , Abbé St.-Dor , ein Priester aus dem Convicte der Gesellschaft Jesu in der Rue Jean Jaques Rousseau , starb und empfahl ihr Sylvester Rafflard , einen Genfer , der in Turin gläubig , aber nicht Priester geworden war und sich nur als ein in weltlichen Dingen dienender Bruder zu den ehrwürdigen Vätern hielt , die ihm seine Existenz machten . Rafflard war nicht mehr jung , aber von einer unverwüstlichen Regsamkeit seiner fast thierischgebauten Constitution . Der große affenartig gebaute Kopf mit dem gewaltigsten hervorstehenden Unterkiefer saß wie auf dem Nacken eines Stiers . Die Schultern waren breit und rund wie die eines Lastträgers . Die Beine lang und weitausholend , die Arme fast über die Proportion ausgreifend und mit Händen begabt , die sich wie die ausgespreizten Füße eines watschelnden Wasservogels machten . Dieser Mensch verband die Giraffe mit dem Rhinoceros . Die ganze Natur Rafflard ' s war die Sinnlichkeit nicht nur des Magens und des Herzens , sondern auch die Sinnlichkeit der Augen , der Ohren , der Hände , des ganzen Menschen . Sein Wesen war wie das Schnalzen des Fisches . Er war die Aufdringlichkeit selbst . Seine großen Hände reichte er Jedem zum Gruße ; er umarmte , er küßte Jeden , er floß in einem Strom von salbungsvollen Liebesworten über und bot Jedem seine Freundschaft an . Er hatte sich von einer gewöhnlichen Herkunft allmälig emporgeschwungen durch das Princip , die ganze Menschheit wäre zu gewinnen durch die Süßigkeit der Vorstellungen , die das Gegentheil unsrer Existenz in Jedem zu wecken pflege . Er näherte sich den jungen Mädchen und sprach mit ihnen von der Ehe ; den Frauen und sprach mit ihnen von dem gebundenen Schicksal ihrer unabänderlichen Wahl . Jungen Männern malte er die süßesten Träume des Glücks aus , den Alten spiegelte er den Glauben vor , man hielte sie noch für jung . Jedem aber , den er leiden , unbefriedigt sah , nahte er sich mit der Versicherung , er errathe sein verfehltes Geschick , er ahne seine wahre Bestimmung . Die Frauen gewann er durch die theilnehmende Entdeckung , daß ihr Geist gebunden , gefesselt , an Gemeines entwürdigt wäre . Die Männer belauschte er in der geheimsten Sehnsucht ihres Ehrgeizes und beglückte die Strebenden mit glänzenden Bekanntschaften , die er in der That wie Visitenkarten aus seiner Westentasche zog . Sylvester Rafflard war der lebendige Versucher . Ewig legte er Denen , die er umstricken wollte , die Schätze ganz Jerusalems zu Füßen und verschenkte sie an Den , der sich ihm ergab . Er bot Alles an , Würden , Ämter , Ehrenzeichen , Geldmittel , Erfolge , schöne Frauen , je nachdem er das weltliche Streben einer Geisteskraft oder das träumerische Sehnen einer Phantasie vor sich fand . Und wenn man fragen wollte , wozu Sylvester Rafflard sich einer so unermüdlichen Verführung ergab , so ist nicht erwiesen , daß er geradezu schaden wollte . Er würde sich in diesem Falle bei seiner unausgesetzten Betriebsamkeit großen Gefahren ausgesetzt haben . Er wollte nicht einmal verwirren . Er wollte nur existiren , sich behaupten , im großen Stile existiren . Dazu bedurfte er hundert Beziehungen . Er mußte eine Beziehung auf die andre bauen , einen Trumpf gegen den andern ausspielen . Sonst war eigentlich seine geheimste satanische Freude Die , jeden Menschen gleichsam im Zustande der Natürlichkeit zu sehen . Wir wissen , wie Rafflard als Erzieher wirkte , wie es ihn reizte , schon das Gelüsten der ersten Knabenzeit zu beobachten . Wir wissen , daß Egon ' s früheste Lebensverstimmung , seine Verzweiflung am Dasein , die ihn von Genf nach Lyon , fort von allen Beziehungen seines Standes trieb , eine Folge der Verführung seines eignen Lehrers war . So aber wie Egon wollte Rafflard Jeden auf die Nacktheit seiner natürlichsten Schwäche zurückführen ! Da , wo der Mensch klein wird , setzte er den Hebel an ; da , wo der größte Mann zuweilen seinen Beruf vergißt , wußt ' er ihn sicherlich zu überraschen und hatte ihn dann auch für alle seine Pläne in der Hand . Im gewöhnlichen Verkehr war er liebenswürdig , gefällig und noch immer gern gesehen , wenn man ihm auch seinen asthmatischen Husten vergeben mußte . Diesen tückischen Dämpfer seiner guten Laune , diesen Störenfried seiner schleichenden Intriguen hatte ihm ein strafendes Geschick seit einigen Jahren mit auf den Weg gegeben . Dieser Katarrh hatte ihm schon , wie Das in der großen Welt geht , viele Freunde entfremdet , ja seinen liebsten Freund , den eignen Magen . Der alte Gourmand kaute stündlich Pastillen und verdarb sich damit eine Verdauung , die sonst thierisch war und seiner herkulischen Natur entsprach . Ein solcher Charakter , ohne Halt , ein reiner Lebensvirtuose , ein Künstler auf dem schlaffen Tanzseile des gefährlichsten Egoismus , muß durch innere Nothwendigkeit Jesuit werden . Seine Kenntniß der Zeit und der handelnden Personen überraschte Die , die ihn zu diesem Schritte ermunterten . Er hatte Verbindungen wie ein zweiter Graf St.-Germain. Selbst wo man ihm die Thür gewiesen hatte , wagte er wiederzukommen . Er wagte , Manchen sogar an Menschen zu empfehlen , die ihn verachteten . Gelehrte Kenntnisse besaß er nur oberflächlich . Aber vortrefflich sprach er über Sachen , die dem Gelehrtesten oft unentwirrbar blieben , über Lebensverhältnisse , Sitten- , Staatsbeziehungen . Da ihm Deutschland , die Schweiz , selbst Rußland bekannte Terrains waren , so imponirte er in Frankreich . Als Abbé St.-Dor starb , ergriff er mit Freuden die Gelegenheit , seine eigentlich fortwährend bettelnde Existenz zu sichern , die ihm seit seinem asthmatischen Husten vollends Bedenken erregte . Er hatte schwören müssen , die Ideen St.-Dor ' s zu verwirklichen . Es waren Dies mancherlei Aufgaben größerer oder geringerer Bedeutung