mögen - aber es war zu spät . Er hatte keine Wahl mehr , er mußte vorwärts ! Vorwärts ging er also , und die umgestaltende Ueberlegung , die Trösterin aller derjenigen , welche einer Beschönigung für ihre Verhältnisse bedürfen , kam auch ihm zu Hülfe , indem sie ihn antrieb , seinen besonderen Fall in dem Lichte einer allgemeinen Nothwendigkeit zu betrachten . Er sagte sich , daß seit Jahrhunderten der Adel in allen europäischen Staaten sich um die Throne geschaart , und in den Dienst der Fürsten begeben habe , mit denen er auf diese Weise ein wenn auch nicht ausgesprochenes Schutz- und Trutzbündniß eingegangen sei . Die Fürsten und der Adel standen jetzt fast immer und fast überall für einander ein , waren , wie Renatus dessen eben erst in Frankreich Zeuge gewesen war , auf einander angewiesen und standen und fielen mit einander . Renatus folgte also gleichsam einem Naturgesetze , wenn er sich der Minderheit so fest als möglich anschloß , in welcher er geboren worden war , jener Minderheit , die sich das Herrschen als ihr angestammtes Recht zuschrieb und sich nur erhalten konnte durch Einigkeit in sich und Einigkeit wider alles , was sich ihr widersetzte . Er war , als er sich noch im vollen Besitze aller seiner Güter geglaubt hatte , nur mit Widerstreben in das Heer getreten , und die Zeitverhältnisse hatten ihm in demselben zu bleiben geboten , obschon sein Sinn von Natur dem Kriege eben so wenig als der strengen Disciplin geneigt gewesen war . Jetzt aber waren das Heer , der Dienst ihm eine Zuflucht und ein Anhalt , jetzt bedurfte er des königlichen Schutzes , der Gnade seines Herrn . Er wünschte , für sich und die Seinigen die persönliche Gunst des Königs zu erwerben . Er hatte es in Frankreich kennen gelernt , welche Vortheile es gewähren kann , sich in dem Kreise der Gnadensonne zu bewegen , und wie er bei dem Beginne seiner Ehe voll der besten Vorsätze für dieselbe gewesen war , so war er bei der Uebernahme seines neuen Amtes auch entschlossen , mit Selbstverläugnung ein unbedingt ergebener Diener seines Herrn und Königs zu sein . Fünftes Buch Erstes Capitel Unser Leben würde sehr leicht sein , wenn wir uns an dem Tage , an welchem wir es aus Ueberzeugung oder aus Nothwendigkeit umgestalten wollen , nicht eben auf demselben Boden befänden und auf ihm weiter gehen müßten , aus welchem unsere ganze Vergangenheit erwachsen ist ; es würde gar leicht sein , wenn unser neues Gewand bei dem Fluge , mit dem wir uns emporzuschwingen denken , nicht hier an den dürren Aesten eines alten Baumstammes hängen bliebe , den vielleicht einer unserer Altvorderen gepflanzt und den rechtzeitig aus unserem Wege fortzuräumen wir verabsäumt haben ; wenn nicht dort Gestrüpp und Ranken , in deren Bereich wir uns umhergetrieben , unsere freie Bewegung hinderten ; wenn wir es allein mit uns und mit der Zukunft , statt mit der Gesammtheit , der wir angehören , und mit ihrer und unserer ganzen Vergangenheit zu thun hätten . Das sollte der Major von Arten an sich selbst erfahren . Allerdings fand er es in keiner Weise schwer , sich in seinem Regimente so zu stellen , wie er es beabsichtigte . Man hatte ihn immer gern gehabt ; er besaß nichts von jener herausfordernden Selbständigkeit , welche einen Mann unbequem für seine Vorgesetzten oder drückend für seine Untergebenen macht , und in einer Zeit , in welcher in der Armee der militärische Geist und das Gamaschenwesen , im Gegensatze zu dem bürgerlichen Geiste und dem auf den Universitäten noch nicht unterdrückten Freiheitssinne , mit großer Geflissenheit begünstigt wurden , konnten der Diensteifer und die peinliche Genauigkeit , mit welchen der Major von Arten auch die kleinlichsten Dienstvorschriften zur Ausführung zu bringen strebte , nicht unbeachtet bleiben . Dazu wollte es das Glück , daß einer der königlichen Prinzen Inhaber des Regiments war , daß Renatus also seine Thätigkeit unter dessen Augen entwickeln konnte und daß der Prinz selber ihn dem Könige mit einem anerkennenden Worte vorzustellen sich geneigt erwies . Es war schon im Beginne der kalten Jahreszeit , als man zu Ehren eines von seinen Reisen nach Rußland zurückkehrenden Großfürsten noch eine der großen Paraden abhielt , welche sonst in diesen Monaten nicht mehr Statt zu finden pflegten . Die Straßen , welche nach den Linden führten , waren für den Verkehr gesperrt , und die Fremden , welche in ihren eigenen Wagen , denn von der Zeit der Eisenbahnen war man noch weit entfernt , während dieser Stunden in der Hauptstadt eintrafen , hatten Noth , nach den Unter den Linden gelegenen Gasthöfen zu gelangen . Sie mußten ihre Fuhrwerke jenseit der abgesperrten Straßen unter Aufsicht ihrer Leute stehen lassen und ihren Weg nach den gewählten Häusern zu Fuß zu finden suchen . So langte denn während jener großen Parade , als die allgemeine Aufmerksamkeit der Menge sich auf den König und den russischen Gast gewendet hatte , welche , von ihrem prächtigen Gefolge begleitet , langsam an den regungslos da stehenden Reihen der Regimenter vorüberritten , in dem berühmtesten Gasthofe jener Tage auch eine Fremde ohne ihren Wagen an . Der Diener , welcher sie begleitete , forderte zwei herrschaftliche Zimmer und zwei Stuben für die Dienerschaft , nebst einem Unterkommen für den Reisewagen , mit dem die Kammerfrau jenseit des gezogenen Cordons zurückgeblieben war . Die Fremde war in einen langen und weiten Reisemantel eingehüllt , ein tiefgehender Hut , ein dichter Schleier verbargen ihr Gesicht ; aber ihre hohe Gestalt und ihre gebieterische Haltung kennzeichneten sich trotzdem . Sie hörte der flüchtigen Verhandlung , welche ihr Diener mit dem Besitzer des Hauses pflog , schweigend zu und folgte dann dem Wirthe , der , mit sicherem Blicke eine vornehme Frau in seinem neuen Gaste erkennend , ihr mit Dienstbeflissenheit voranschritt , um ihr die von ihr gewünschten Räume anzuweisen . Aber kaum in ihrem Zimmer angelangt , warf sie , noch ehe ihr Diener oder der Wirth ihr dabei Hülfe leisten konnten , Hut und Mantel von sich , und sich zu dem Wirthe wendend , fragte sie , Französisch sprechend , ob er ein Verzeichniß der Fremden besitze , welche sich in diesem Augenblicke in der Stadt befänden . Betroffen von der Jugend der Fremden wie von ihrer Schönheit , die trotz ihrer Blässe und den Leidensspuren in ihrem Antlitze noch etwas Ueberwältigendes hatten , bejahte der Wirth die Frage , und alle seine andern Anerbietungen von sich weisend , befahl sie ihrem Diener , mit dem Wirthe hinab zu gehen , und ihr das betreffende Blatt herbei zu schaffen . Unruhig schritt sie während dessen in dem saalartigen , großen Gemache auf und nieder . Sie trat an das Fenster und blickte hinaus ; aber weder die fremde Stadt , noch das kriegerische Gepränge , das sich vor ihren Augen entwickelte , selbst nicht der Schall der Musik vermochten ihre Aufmerksamkeit auch nur für Sekunden zu fesseln . Gleichgültig , als hätte sie in eine Oede oder in die Dunkelheit hineingeschaut , wendete sie sich in das Zimmer zurück , und nur nach ihrer Uhr sah sie zu verschiedenen Malen , als vergesse sie von einer Minute zu der andern , was sie gesehen habe , und als hange doch Alles für sie daran , genau zu wissen , wie weit die Stunde vorgeschritten sei . Mit einer Ungeduld , welche sich in jeder ihrer Bewegungen verrieth , trat sie ihrem Diener entgegen . Sie nahm ihm das Zeitungsblatt aus der Hand , und es mit raschem Auge durchfliegend , blieb ihr Blick endlich auf einer Stelle des Verzeichnisses haften . Sie las sie zwei , drei Mal , als wolle sie sich ihrer Sache sicher machen , als wolle sie die Namen nicht vergessen , und das Blatt auf den Tisch niederlegend , befahl sie dem Diener , während sie die Notiz in ihr Taschenbuch verzeichnete , ihr den Mantel zu reichen . Zögernd blieb der Alte stehen . Sie wollen wieder fort , Mylady ? fragte er mit sichtlicher Besorgniß . Vier Tage und vier Nächte sind Sie in keinem Bette gewesen ! Sie halten es nicht aus , Sie haben wahrlich Ruhe nöthig , Mylady ! Hast Du die Phrase auch gelernt ? rief sie , und ein eisiges Lächeln glitt über ihr stolzes , schönes Antlitz . Sei ohne Furcht , Du sollst schlafen diese Nacht ; jetzt aber komm ! Sie hatte ihren Mantel selbst über ihre Schultern geworfen , und der Thüre zuschreitend , gebot sie dem Alten , einen Lohndiener anzunehmen , der sie nach dem Gasthofe führen könne , dessen Namen sie dem Diener angab . Der Alte aber trat ihr in den Weg . Mylady , sagte er , nur das nicht , nur das thun Sie nicht ! Ich habe die selige Frau Gräfin noch auf meinem Arme getragen und das Wappenschild über der Thüre befestigt , als wir sie verloren haben . Was Sie von mir verlangt haben , ich habe es gethan , Mylady , und ich habe mich nicht unterfangen , zu fragen , was Sie beabsichtigten , denn das war nicht meines Amtes . Aber heute , heute beschwöre ich Sie : gehen Sie den Weg nicht , den Sie jetzt eben gehen wollen - gehen Sie ihn nicht ! Es ist Ihr Untergang , Mylady ! Sie blieb stehen ; das gab dem Alten Muth . Lassen Sie mich gehen , schreiben Sie , Mylady ! Ich will eilen , schneller , als Sie jetzt durch die abgesperrten Straßen und durch die Menschenmenge dringen können .... Ich kann nicht - kann nicht schreiben ! rief die Herrin ungeduldig . So will ich ihm sagen , daß Sie hier sind , will ihn holen .... Du ? - ihn ? Sie lachte . Du - ihn - wenn meine flehenden Bitten , meine verzweifelnden Thränen ihn nicht halten konnten ? Aber was hoffen Sie , was wünschen , was wollen Sie denn jetzt , Mylady ? Sie gab ihm keine Antwort , und mit festem Schritte an ihm vorübergehend , verließ sie das Gemach . Der Alte folgte ihr mit einem schweren Seufzer nach . Durch Seitenstraßen , auf weiten Umwegen führte der Lohndiener sie nach dem Gasthofe , dessen Namen man ihm aufgegeben hatte . Es war gegen den Mittag hin , die Kellner in dem Hause mit Vorbereitungen für die Mahlzeit beschäftigt . Das Kommen der Fremden ward nur von dem Hauswart bemerkt . Sie selber erkundigte sich , ob derjenige , den sie suchte , zu Hause sei . Der Hauswart verneinte es , wußte aber , daß er zur Mahlzeit wiederkehren werde . Oeffnen Sie mir sein Zimmer , ich werde ihn erwarten ! befahl die Dame in einem Tone , welcher es deutlich verrieth , sie sei gewohnt , daß man ihr gehorche . Trotzdem zögerte der Hauswart , ihr Folge zu leisten , und erst die Weisung des ihm bekannten Lohndieners bestimmte ihn , dem Verlangen der Fremden zu willfahren . Fest entschlossen , wie ihr ganzes Wesen sich kund gab , betrat sie das Gemach . Sie schien ruhiger zu werden , als sie sich in demselben befand . Sie legte den Mantel und den Hut von sich und setzte sich nieder . Sie hatte das noch nicht gethan , seit sie ihren Wagen verlassen hatte . Ihr Diener und der Führer entfernten sich auf ihren Wink . Wie sie vorhin rastlos auf und nieder gegangen war , blieb sie jetzt regungslos auf dem erwählten Platze sitzen . So oft ein Fußtritt auf der Treppe hörbar wurde , so oft man sich von außen im Vorübergehen dem Zimmer näherte , schreckte sie zusammen , schien sie sich erheben zu wollen ; indeß sie überwand sich , und die Hand auf die Lehne des Sessels gepreßt , die Lippen fest geschlossen , hielt sie ihr Auge mit höchster Spannung auf die Thüre gerichtet , während ihre Wangen noch blässer wurden und ihr Busen sich unter ihrer wachsenden Aufregung angstvoll hob und senkte . Denn abermals kam es die Treppe hinauf , wieder schritt es den Gang entlang , wieder näherte sich Jemand mit raschem Schritte dieser Thüre , und diesen Schritt , den kannte sie . Mit beiden Händen fuhr sie sich nach dem Kopfe , nach dem Herzen , als sich draußen eine Hand auf den Drücker legte . Jetzt öffnete die Thüre sich , jetzt trat er ein ! Und wie sie sich erhob , wie sie hoch aufgerichtet vor ihm stehen blieb , da wich auch aus seinen Wangen ihm das Blut , und wider seinen Willen erschreckend über die Verheerung , welche die kurze Spanne Zeit in dieses Weibes hoher Schönheit angerichtet hatte , rief er , die Hände wie zur Abwehr gegen sie erhoben : Eleonore - Sie hier ? Indeß sein Anblick , der Ton seiner Stimme schienen sie zu beruhigen ; gleichviel , was er auch sagte , sie sah , sie hörte ihn doch ! Sie ließ sich auf den Sessel niederfallen , ihre Arme sanken schlaff herab , und mit einer Weichheit , welche gegen ihre bisherige Gewaltsamkeit noch auffallender erschien , sagte sie , während ihr Auge auf ihm ruhte : Und wo soll ich denn sonst sein ? Die furchtbare Wahrheit ihres Tones machte ihn fassungslos . Wie er auch gewohnt war , sich zu beherrschen und seine Worte zu erwägen , dieses Mal wußte er nicht , was er damit that , als er noch einmal die Frage aufwarf : Wie kommen Sie hierher ? Was wollen Sie , Eleonore ? Was ich will ? - Dich sehen ! gab sie ihm zur Antwort , und als habe sie jetzt alles erreicht , was sie wünsche und begehre , stützte sie das Haupt auf ihre Hand und blieb schweigend sitzen . Unentschlossen , was er thun solle , ging der Abbé in dem engen Raume auf und nieder . Draußen rief der harte , lang anhaltende Ton einer Glocke die Gäste des Hauses zur Tafel ; auf den Treppen , auf den Gängen wurde es lebhaft ; laute , lachende Stimmen erklangen und verhallten und wurden durch neues Sprechen und durch fröhliches Lachen ersetzt . Innen war es todtenstill . Endlich schien der Abbé seiner wieder Meister geworden zu sein . Er trat an die Erschöpfte heran , nahm sie bei der Hand und sagte : Sie sind krank , Eleonore ! Und dies ist nicht der Ort , an dem wir einander wiedersehen , einander Rede stehen können . Ermannen Sie Sich ! ein Wagen soll sofort zu Ihren Diensten sein . Lassen Sie mich Sie nach Ihrer Wohnung hingeleiten , dort .... Sie hob ihre mächtigen Augen zu ihm empor , und langsam mit dem Haupte nickend , rief sie : Ja , ich bin krank , sehr krank ! Wie soll ich auch leben ohne meine Seele , die Du mir entwendet hast ? Wie soll ich leben , wenn Du Dich mir entziehst , der Du mir alles zu ersetzen angelobtest , was ich um Dich verloren und verlassen habe ? Wollte ich nicht leben , um Dich zu sehen , ich wäre lange , lange schon gestorben ! Die Thränen , welche sie bis dahin mühsam zurückgehalten hatte , brachen jetzt hervor ; sie verhüllte ihr Antlitz . Der Abbé , da er sich von ihr nicht beobachtet sah , schloß , vom Schmerze überwältigt , seine Augen . Dann fuhr er sich mit der Hand flüchtig über die bleich gewordene Stirne , und sich zu ihr niedersetzend , bat er , indem er ihre Rechte in die seinige nahm , daß sie ihn hören möge . Sie schüttelte verneinend das Haupt . Ich habe Dich nur zu oft gehört , sagte sie , was kannst Du mir noch sagen , das ich zu glauben vermöchte ? Ich habe Dich gehört , als Du mir vorgehalten , Eleonore Haughton sei nicht dazu geschaffen , das Loos des gewöhnlichen Weibes zu theilen ! Wer war es , als Du , der mir den Stolz im stolzen Herzen nährte , daß ich nur Einen , nur Einen als meines Gleichen ansah , mit dem mich hinwegzusetzen und mit dem hinwegzuschreiten über das Wollen und Wünschen aller Andern mir als ein verlockendes Ziel erschien ? Losgetrennt von der Welt , wie Du es bist , trenntest Du auch mich von ihr los ! Festgewurzelt in Deinem Glauben , zerstörtest Du mir den meinen ! Und als ich , verschmäht von dem Manne , auf dessen Liebe Du mich verwiesen hattest , obschon Du wußtest , daß ich ein Verbrechen begehen würde in dem Augenblicke , da ich sie mir zu eigen machte ; als ich , ausgestoßen von der Gesellschaft , in welcher ich bis dahin heimisch gewesen war , zurückgewiesen von den Edeln des Landes , deren Pair ich bin , als ich mich da gedemüthigt und verzweifelnd in die Einsamkeit meines Schlosses zurückzog - wer hieß Dich damals meinem Hülferufe folgen ? Wer hieß Dich .... Ihre Stimme war lauter geworden , je länger sie sprach ; der Abbé versuchte vergebens , sie zu beruhigen , beschwor sie vergebens , zu bedenken , daß man sie in den Nebenzimmern hören könne . Sie beachtete seine Worte , seine Vorstellungen nicht . Laß mich ! rief sie . Mag die ganze Welt es wissen , daß ich elend bin , weil ich mich elend und verlassen fühle ! - Oder hast Du ihn vergessen , den Tag , fragte sie , und noch jetzt glitt ein seliges Lächeln über ihre Züge , hast Du den schönen Tag vergessen , an dem Du mir gestanden hast , daß Du nie geliebt und daß Du mich liebtest ? Hast Du vergessen , daß ich Dich auf meinen Knieen angefleht , hinzunehmen alles , was ich bin und habe , mein zu werden als mein Gatte und mein Herr , und daß ich sie gefühlt auf meinem Haupte , Deine heißen Thränen , daß ich sie noch fühle , Deine heißen Küsse , unter denen ich zu vergehen wünschte ? Hast Du es vergessen , wie Du mich mit heiligem Eide schwören lassen , daß ich nie einem Manne angehören würde , weil Du geschworen , keines Weibes Mann zu sein ? Hast Du das alles , alles ganz vergessen , Mann ? Der Abbé war aufgestanden und hatte sich von ihr entfernt . Er preßte seine Hände gegen seine brennende Stirn , auch sein Herz schlug ihm gegen die Brust , daß es ihm den Athem versetzte ; aber des Mitleids mit sich selbst von Jugend auf entwöhnt , hatte er es auch für Eleonore nicht . Wir müssen zu Ende kommen , sagte er , sich mit Gewalt beherrschend , wenn wir nicht Beide , Beide untergehen sollen ! - Er hielt inne , und mit jener grausamen Offenheit , die sich nicht scheut , Alles zu bekennen , weil sie nichts mehr zu verlieren hat und fürchtet , sprach er : Es ist wahr , wie Du es sagtest , Alles wahr ! - Ich habe mit dem bestimmten Zwecke , Dich der Mutterkirche wiederzugeben , mein Auge über Dir gehabt , seit ich Dich kannte ! Ich habe Dir früh gestanden , daß ich zu Großem Dich berufen glaubte , ich habe danach gestrebt , Dein Vertrauen zu gewinnen , Deine Seele zu beherrschen ! Aber wann hat je die Stunde geschlagen , in welcher ich es Dich vergessen machen gewollt , daß ich für mich von Dir nichts zu begehren hatte ? Du wußtest , wer und was ich war ! Du sahst das Kleid , das mich von der großen Menge trennte , Du wußtest , daß ich ein Diener unserer Kirche bin ! Habe ich sie je vor Dir verborgen , die Dornenkrone der Entsagung , die wir tragen als das Siegeszeichen unserer Selbstüberwindung ? War ich es , der von Liebe zu Dir gesprochen hat ? War ich es , der die heißen Wünsche Deines Herzens angefacht ? Ich hielt Dich für ein Höheres geschaffen ! Du solltest sie kennen lernen in ihrer Nichtigkeit , die Gunst der Mächtigen , die trügerischen Freundschaften der Welt , die urtheilslose Gesellschaft Deiner Standesgenossen , um zu ermessen , was es heißt , in fester Gliederung einer unwandelbaren Einheit anzugehören , die , ein geheimnißvolles Wesen , der Menschen Schicksale mit kluger Herrschaft lenkt ! Ja , ich liebte Dich - ich liebe Dich noch , das fühle ich an dem Verlangen , das ich hege , Dich einzureihen in den Kreis der Herrschenden ! Aber - Du bist kleiner , als ich Dich geglaubt ! Du hast sie nicht verstanden , jene Liebe , die ich für Dich hege ! Nicht mein Wille , Deine Sinne haben Dich bestrickt , daß ich kaum wußte , wie ich Dich und mich erretten sollte aus dem Sturme , den Du über uns heraufbeschworen ! Mit aller Gewalt mußte ich Dich und mich hinflüchten zu den Füßen des Gottes , der für uns gestorben ist , um es zu vergessen , daß ich ein Mann bin , ein Mensch , und Du ein schönes Weib ! Ich mußte Dich meiden , um Deiner selbst willen ! Denn rein solltest Du niederknieen , ein reines Weib , zu den Füßen der unbefleckten Jungfrau , der Du Dich angelobt in jener Stunde , da ich Dich aufgenommen in den Schooß der Kirche , die jetzt über Dich und mich ihre schützenden Fittige ausgebreitet hat und zu deren Werkzeug Gott Dich sicher auserkoren hat ! Ich habe für Dich gethan , was ich gemußt , was mein Glaube mir geboten ! Ich kann nichts weiter für Dich thun - ich gehöre nicht mir selber an ! Hoch und erbarmungslos stand er ihr gegenüber , aber er wagte seine Blicke nicht auf sie zu richten . Er wendete sich von ihr ab . Sie glaubte , daß er sich entfernen wolle , und aufspringend aus der tiefen Versunkenheit , mit welcher sie ihn angehört hatte , warf sie sich ihm zu Füßen , und mit ihren Armen seine Kniee umklammernd , rief sie : Ich sterbe , wenn Du von mir gehst ! Er zuckte zusammen vor dem Jammerlaute , aber er erhob sie mit fester Hand , und mit einer Ruhe , die ihn älter erscheinen machte , als er war , versetzte er : Jeder von uns muß in sich den Tod erleiden , um ein neues Leben zu beginnen , und das wirst auch Du . Glaubst Du , ich habe sie nie gefühlt , diese Schmerzen der Entsagung ? Glaubst Du , ich habe sie nie gekannt , die Angst vor der eigenen Ohnmacht und die Zweifel an des Höchsten Kraft verleihender Hülfe ? Glaubst Du , ich habe nicht gesorgt um Dich , nicht zu Gott gefleht für Dich ? Wähnst Du , daß meine Seele nicht bei Dir ist , wenn Dein Auge mich nicht sieht ? - Er hatte ihre Hände in die seinen genommen , jetzt hob er sie in die Höhe , und den Blick zum Himmel gewendet , bewegte er seine Lippen in lautlosem Gebet . Die Gräfin stand ihm wie gebrochen gegenüber . Als er geendet hatte , legte er seine Hände segnend auf ihr Haupt , und machtlos und schweigend sank sie vor ihm nieder , seine Kniee noch einmal in Thränen zu umfassen . Er ließ sie einen Augenblick gewähren , dann führte er sie nach dem Sessel und ging hinaus . Sie war betäubt vor Schmerz . Draußen fand der Abbé den Diener der Gräfin . Er befahl ihm , einen Wagen herbeizuschaffen ; der Alte hatte schon dafür gesorgt . In das Zimmer zurückgekehrt , trug der Abbé selbst dafür Sorge , die Gräfin einzuhüllen . Sie ließ es willenlos geschehen . Kommen Sie , Gräfin , sagte er , hier ist Ihres Bleibens nicht ! - Er nahm ihren Arm in den seinen , und mit dem weltmännischen Anstande , dessen Niemand mehr Meister war , als er , führte er sie die Treppe hinab und nach ihrem Wagen . Sie mochte erwartet haben , daß er sie begleiten werde , denn erst , als er sie hineingehoben hatte und , ihr die Hand noch einmal reichend , von der Thüre desselben zurücktreten wollte , erwachte sie aus ihrer Versunkenheit , und sich emporrichtend , rief sie : Wann , wann sehe ich Sie wieder ? Nicht eher , bis Sie es verlernten , für Sich selbst zu wünschen und zu hoffen , nicht eher , bis Sie den Schleier genommen haben , der Sie abtrennt von dem irdischen Verlangen ! Auf Wiedersehen also in dem ewigen Rom ! sagte er fest und feierlich ; und dem Kutscher das Zeichen gebend , daß er fahren solle , ging der Abbé mit ruhigem Schritte und hochgehobenen Hauptes in sein Gemach zurück . Eine Stunde später hatte er die Stadt verlassen und seinen Weg gen Süden fortgesetzt . Zweites Capitel Renatus hatte , als die Parade beendet war , sein Pferd dem Reitknechte übergeben , um noch einige Besuche und Gänge abzumachen . Er befand sich bereits wieder auf dem Heimwege , als er vor dem Gasthofe , in welchem die Gräfin abgestiegen war , einen Miethswagen halten sah , mit dem es etwas Besonderes auf sich haben mußte , denn der Wirth und die Kellner umgaben ihn mit unverkennbarem Erschrecken . Es kamen die Wirthin und ein anderes Frauenzimmer aus dem Hause herbei , man rief nach einem Sessel , nach einem Arzte , und mit jener Neugier , welche man in einem müßigen Augenblicke empfindet , trat Renatus , der zur Zeit seiner Rückkehr aus Frankreich selbst in dem Hause gewohnt hatte , an den Besitzer desselben heran und fragte , was es gäbe . Ach , versetzte dieser , eine junge , vornehme Dame , die vor zwei Stunden bei uns angekommen ist , hat gleich danach zu Fuße das Haus verlassen und wird uns nun ohnmächtig oder vielleicht gar todt in diesem Wagen nach Hause gebracht . Ihr Diener ist hinauf gegangen , ihre Kammerfrau zu holen , und wir versuchen eben , wie wir sie am besten von der Stelle bringen . Er wendete sich dabei wieder zu seinen Leuten , und von der Seltsamkeit des Vorfalles angezogen , trat Renatus an die andere Seite des Wagens heran , um hinein zu sehen . Kaum aber hatte er die Gestalt erblickt , die ganz zusammengesunken und bleich wie eine Todte mit geschlossenen Augen dalag , als er die Thüre des Wagens aufriß und mit dem Ausrufe : Eleonore , um Gottes willen , wie kommen Sie hieher ? Was ist geschehen , Eleonore ? in den Wagen sprang und sie in seinen Armen in die Höhe hob . Die Umstehenden traten vor Verwunderung zurück ; nur der Wirth sah es , wie die Fremde vor des Freiherrn lautem Anrufe matt und langsam die Augen aufschlug und , als habe sie ihn erkannt , ihr Haupt auf seine Schulter legte . Niemand wußte , was er von dem Vorgange denken solle ; aber als nun vollends die Leute der Gräfin herbeigekommen waren , als der Diener und die Kammerfrau den Freiherrn bei seinem Namen nannten , als die Letztere Gott dafür dankte , daß er den Baron hieher geführt habe , da schien dem Wirthe plötzlich die Einsicht in die obwaltenden Verhältnisse zu kommen , und den Kellnern ein Zeichen gebend , daß sie sich entfernen sollten , leistete er in Person , mit den Leuten Eleonorens , dem Freiherrn den Beistand , dessen er bedurfte , um die ihrer selbst nicht Mächtige in das Haus und in ihre Gemächer zu tragen . Die Kranke war entkleidet , war zu Bette gebracht , ein Arzt herbeigeschafft ; aber von ihr selber konnte man keine Art von Auskunft über ihr Befinden erhalten . Sie vermochte ihre wandernden Gedanken nicht zusammen zu halten , obschon sie Renatus wiedererkannt hatte und nach ihm verlangte , wenn sie in einzelnen Augenblicken ihrer Sinne Herr war . Er und der alte Diener hatten den Arzt , so weit als nöthig , mit den obwaltenden Verhältnissen bekannt gemacht , und wie derselbe sich auch weigerte , in diesem ersten Augenblicke ein festes Urtheil auszusprechen , ließ er es doch errathen , daß man es hier mit mehr als einem vorübergehenden Leiden , daß man es allem Anscheine nach mit einer ernsten und schweren Krankheit zu thun haben werde . Er wollte sich , nachdem er seine Verordnungen gemacht hatte , entfernen , und Renatus schickte sich an , ihn zu begleiten ; aber Eleonore bemerkte es , als der Freiherr seine Hand aus ihrer in Fieberhitze glühenden Rechten zog , und ihn festhaltend , rief sie angstvoll : Sie dürfen nicht fort ! Sie nicht ! Nein , Sie nicht ! Es lag etwas völlig Irres in ihrem Blicke und in ihrem Tone , das ihn entsetzte . Er hatte ein unbegrenztes Mitleid mit dem schönen , einst so selbstgewissen Mädchen , das er so hülflos vor sich sah ; aber auch seine eigene Lage macht ihm Sorge . Daß es für ihn , nach den vereinzelten Gerüchten , welche über seine Beziehungen zu der Gräfin in Umlauf gekommen waren , nicht möglich sei , ihren Krankenpfleger zu machen , darüber wäre er mit sich ganz im Klaren gewesen , auch ohne die Anwandlung von Eifersucht , mit welcher seine junge Frau die Gräfin Haughton stets betrachtet hatte . Er hätte viel darum gegeben , wäre er nicht so unvorbereitet , so plötzlich in dieses Abenteuer hineingezogen worden , hätten die Leute in dem Gasthofe es nicht gesehen , wie er die