mit sich brächte , überall Widerstand zu leisten - lernte er , Bildung wäre die Kunst , sich das Leben spielend und ohne den mindesten Schein einer Gewalttätigkeit dienstbar zu machen . Welche Vorstellungen weckte jetzt die » Prolusio « ! Eine Mission nach Oesterreich ! Der Abfall von der Kirche ! Die verschiedenen Mittel und Wege , die einst eingeschlagen wurden , um sieben Achttheile einer großen Bevölkerung wieder in den alleinseligmachenden Schoos der Kirche zurückzuführen ! Seine eigene Herkunft war vielleicht eine hussitische ! Welche Studien weckte diese Anregung auf dem Gebiet der Geschichte , welche auf dem Gebiet der menschlichen Seele ! Pater Stanislaus brannte auf die Enthüllungen , die ihm würden zu Theil werden . Ja er dachte sich einen tief angelegten Plan entweder auf Böhmen oder Ungarn , wo es noch Protestanten genug gab ... Verstand mußte zu seiner Aufgabe gehören ; denn das durfte er sich sagen , von seinem Namensheiligen hatte er nichts , was im mindesten auch seinem Antlitz einen rosigen Verklärungsschimmer gegeben hätte ; wenn er betete - ihm war der Befehl , nicht zu lange zu beten , niemals gegeben worden . Erst nach vierzehn Tagen machte der General der Ungewißheit des jungen Professen ein Ende ... Ihre Vorfahren , sagte er , eine Ahnung Terschka ' s bestätigend , als beide wieder allein auf der einfachen , allen andern Wohnungen gleichen Zelle des Generals waren , Ihre Vorfahren waren Hussiten ! Abtrünnige waren auch sie schon vor Luther ! Wir haben aber deren in Italien noch frühere ! Es sind die Waldenser ! Sie leben noch jetzt mit immer wieder nachwuchernder , unzerstörbarer Kraft im Piemont ! Eine Gräfin von Salem-Camphausen , die hinterlassene Witwe eines österreichischen hohen Militärs , Protestantin , beschützt sie von einem ihr angehörenden Schlosse Castellungo aus ! Es liegt zwischen Cuneo und Robillante , in dem blühenden Thal , das sich von der Alpenstraße des Col de Tende abwärts senkt ! Die Umtriebe dieser Frau überschreiten alles Maß ! Sie hat die Könige von Preußen , England , Schweden und Holland aufgerufen , den Waldensern größere Freiheiten zu gewinnen , als sie unter einer rechtgläubigen Bevölkerung in Anspruch nehmen dürfen ! Gelang es schon in alten Tagen , das schöne Salzburg zu entvölkern und seiner reichsten Unterthanen zu berauben , die man zuerst mit dem Gift der kaum überwundenen Ketzerei verdarb und dann mit Geld und Gut in die protestantischen Lande lockte ; gelang es erst in unsern Tagen , sogar aus dem altgläubigen , so gottgetreuen Tirol Colonieen nach dem uns gleichfalls wieder zurück zu erobernden Schlesien zu entführen : wie soll es werden , wenn mit Hülfe Englands immer weiter auch in das Herz Italiens hinein rechthaberisches Bibellesen und streitsüchtiges Dogma sich verbreitet ? Dem Frevel dieser deutschen Gräfin ist ein Ziel zu setzen ! Für ihre Dreistigkeit gebührt ihr ebenso eine Züchtigung , wie ein Vorbau den Erfolgen , die sie erringt oder erringen könnte ... Die Aufregung des Generals war so groß , daß er aus der italienischen Sprache wieder in sein heimatliches Idiom verfiel . Terschka konnte , wie er wußte , mit völligem Verständniß folgen ... Diese gefährliche Frau , fuhr der General fort , hat einen Sohn , der in diesem Augenblick bei einem kaiserlichen Reiterregiment noch als Lieutnant steht ... Er wird aufsteigen . Sein Glaubensbekenntniß ist das seiner Mutter . Sein Name ist ein hochgefeierter , wenn auch seine Mittel gemessen sind . Binnen kurzem dürften ihm bedeutende Reichthümer zufallen ; denn eine zweite , rechtgläubige Linie , im Innern Deutschlands , ist im Begriff auszusterben . Es existirt nun zwar eine alte Urkunde , der zufolge die Bedingung , unter der die wiener Linie diese großen Besitzungen der andern Linie antritt , die Religion der aussterbenden sein müsse ... Diese Urkunde findet sich leider nicht . Sie wird seit Jahren gesucht ... Terschka horchte nur immer ... Ein eignes Urtheil zu fällen wurde er nicht aufgefordert und fällte selbst keines ... Er wartete auf die genauere Angabe des Gegenstandes , auf den er zu achten hatte . Von der Weisheit der Väter seines Ordens war er vollkommen überzeugt ... ... Der General verweilte jedoch nicht bei der Urkunde , sprach nicht von der Kunst jenes deutschen Convertiten Caspar Scioppius aus der Pfalz , der sein ganzes Leben an die Verherrlichung der Kirche gesetzt hat und seinerseits einer der berüchtigsten Falsarien war . Unter der Autorität von Kaisern und Königen und mit dem Titel eines Grafen von Clara-Valle fälschte er im 17. Jahrhundert Stammbäume und Urkunden , veranlaßte Processe dadurch und entschied sie . Vierzehn Jahre lebte er in Padua bei verschlossenen Thüren , aus Furcht , von seinen Gegnern , die zufällig Jesuiten waren , ermordet zu werden ... Er haßte sie und sie haßten ihn , nicht ihrer Moral wegen , nicht seiner Falsa wegen , sondern weil sie ihm sein Latein corrigirt hatten und er ihnen vorwarf , daß im Gegentheil sie keins schreiben könnten ... Terschka lauschte mit athemloser Spannung ; aber auch heute blieb die ihm gestellte große Aufgabe wiederholt nur im Stadium der Prolusio ... Der General sagte : Findet sich die Urkunde , so ist ein Familienabkommen getroffen , daß die letzte Erbin der Dorste-Camphausen sich mit dem letzten Erben der Salem-Camphausen vermählt - eine Rechtgläubige mit einem Ketzer ! Findet sie sich nicht , und alle Zeichen sprechen dafür , so fallen an eine ketzerische Familie unermeßliche Reichthümer , in eine rechtgläubige Provinz kommt ein ketzerisches Element , das Scandalum jener Vorgänge im Piemont findet reichere Nahrung und das alles von einer Seite her , wo sich die Kirche einer solchen Störung am wenigsten versehen sollte , aus einer Gegend , wo die Wohlthaten der Rechtgläubigkeit ein Gemeingut sind und Maria Theresia sich bis auf den letzten Augenblick sträubte , jene gottlose Vernichtungsbulle unseres Ordens , die That eines unglücklich Verblendeten , der glücklicherweise nur im Auftrag der uns schützenden und glorreicher wiederherstellenden Vorsehung handelte , auch in ihren Staaten zu vollziehen ! Mit dieser Anregung der Phantasie wurde Terschka aufs neue entlassen ... Ueber die Andeutung jenes Widerstandes der Kaiserin Maria Theresia gegen die Bulle : Dominus ac redemptor kam er bald hinweg ... Maria Theresia gab der Aufhebung der Jesuiten erst dann ihr Placet , als man ihr , um sie von der Gefährlichkeit , Wortbrüchigkeit und Ungeistlichkeit der Jesuiten zu überzeugen , von ihrer letzten einem Jesuiten gesprochenen Beichte - aus Madrid eine Abschrift schickte ... Terschka wußte , daß der Orden diesen Verrat auf eine Intrigue der über ihren Fall frohlockenden Dominicaner schob ... Aber welche Fülle der Beziehungen doch ! Welche Aussichten der Bewährung ! Was sollte geschehen , was von ihm gefördert und unterstützt werden ? Welche Hülfsmittel , welche Verbindungen gab es für ihn ? Wohin hatte er die Reise zu richten ? Zu jener so muthvollen , herausfordernden Gräfin ? Zu jener jüngeren Paula ? Sollte die Urkunde gesucht werden ? Sollte die gemischte Ehe gehindert oder , wie so oft , in dem Sinne » dirigirt « werden , daß der junge Offizier seine Confession änderte ? ... Allmählich trat in seine Combinationen immer mehr das Bild dieses jungen Kriegers ein . Er malte sich ihn aus in allen seinen Lebensbezügen . Es überkam ihn eine Ahnung , daß er vielleicht in dessen Nähe geschickt werden sollte ... Diese Ahnung betrog ihn nicht . Der General eröffnete ihm nach einiger Zeit , daß er in die Nähe des Grafen Hugo von Salem-Camphausen geschickt werden sollte . Mitwirkungen und Erleichterungen würden ihm genannt werden . Seine Aufgabe leitete sein Souverän in folgender Weise ein : Wir wünschen , daß Graf Hugo katholisch wird ! Die Rücksichten auf seine Mutter und ihre Umtriebe , auf jene Provinz und die Erbschaft , im eventuellen Falle auf die Ehe , sind die nächsten und dringendsten Aufforderungen , drohenden Gefahren zu begegnen . Zuletzt ist das Werk auch schon an sich ein wohlthätiges . Doch ist es nicht leicht . Wir haben über den jungen Krieger Nachrichten , die für eine große Verehrung seiner Mutter sprechen . Solange sie lebt , würde er ihre Irrthümer schonen und schwerlich ihr die Strafe zufügen , die sie schon um ihrer Umtriebe willen gegen den Bischof von Cuneo und das Kapitel von Robillante verdient ! Auch denkt der Orden nicht an ein plötzliches und schnell errungenes Resultat . Wir arbeiten in allem nicht für die Minute , sondern für das Jahr ; ein Jahrhundert bedarf es , um durch Tropfen einen Stein auszuhöhlen - Sehen Sie die Statue des Sanct-Peter auf dem Vatican ! Wer möchte glauben , daß man einen Fußzehen von uralter felsenfester Bronze so allmählich - hinwegküssen kann ! Es gehört dazu eben ein Jahrtausend . Ihre Aufgabe geht in eine weite Fernsicht . Sie dürfen sich Zeit dazu nehmen . Sie dürfen Ihr ganzes Leben daran setzen und müssen es , um die Absicht nicht zu verrathen , die Sie mit Ihrer Handlungsweise verbinden - Sie legen Ihr geistliches Kleid ab ! Der Orden dispensirt Sie von jeder Rücksicht auf Ihren Stand ! Sie bleiben , was Sie sind - nie verwehend ist der Duft des heiligen Oels , das Sie salbte ! Aber selbst das Zeichen der Demuth auf Ihrem Haupte müssen Sie schwinden lassen - Sie erhalten ein Patent als ein auf unbestimmte Zeit beurlaubter Rittmeister in päpstlichen Diensten ! Denn gerade darin , daß Sie diesem Anschein , ein Krieger gewesen zu sein , auch wirklich zu entsprechen verstehen , lag - liegt der Grund , warum gerade Sie zu Ihrer Aufgabe gewählt wurden ... Wenzel von Terschka stand betäubt ... Darum hatte man an seiner Vergangenheit keinen Anstoß genommen ... Darum gleich anfangs keine Erinnerung an seine vergangene Laufbahn ... Die Aussicht , mit der Erhebung , mit der Bildung , die er jetzt empfangen , ein weltliches Leben aufs neue , wenn auch nur zum Schein beginnen zu können , machte ihn schwindeln ... Der Stand , eine höhere gesellschaftliche Stellung , als die sein Vater bekleidete - alles wieder aufs neue , wenn auch in anderer Art , anerkannt ... Gehoben und gehalten von unsichtbaren , mächtigen Händen - - Er vermochte kaum sich zu sammeln und dem in aller Würde , mit feierlichem Ernst , ja mit Fanatismus ihm geschilderten Plane in allen seinen Einzelheiten zu folgen ... Es ist unwahr , wenn man behauptet , Ignaz von Loyola oder seine Schüler hätten gesagt : Der Zweck heiligt die Mittel . Dies Wort findet sich nirgends in ihren Constitutionen . Aber der Dechant von Sanct-Zeno , Franz von Asselyn , sagte schon einst zu Bonaventura , als dieser über ein Pamphlet eiferte , das die » Geheimen Verordnungen « der Jesuiten neu wieder abdrucken ließ : » Du hast Recht , mein Sohn , diese Schrift ist eine Lüge , die seit zweihundert Jahren entlarvt ist ! Ich weiß es , ein polnischer Jesuit schrieb diese Monita secreta aus Rache an dem Orden , der ihn ausstieß , weil Hieronymus Zaorowski zügellos und unsittlich war und die Strafe seiner Obern verdiente . Nie haben diese Anleitungen zur Erbschleicherei , zur Verführung jugendlicher Gemüther , zur Bereicherung des Ordens , zur Verhetzung der Ehen , Verhetzung des Staatsfriedens , in den Gesetzen der Gesellschaft gestanden , aber - die Monita secreta sind ein Codex ex post ! Sie sind die niedergeschriebene Praxis des Ordens ! Sie sind die Tradition neben dem Grundtext ! Der Talmud , wie mein alter Freund Leo Perl gesagt haben würde , die Mischna und Gemara neben der Thora ! Jener rachsüchtige Pole erzählte scheinbar als verlangte Vorschrift , was sich nur durch die Verderbnis des Ordens allmählich als selbstverständlich in ihm festgesetzt hatte . Ich nehme ja einige glänzende Erscheinungen des Ordens aus . Aber die Gefahr desselben ist darum dieselbe , die Gefahr , die schon in seinem eigenen Wesen liegt , sogar in einer an sich geistvollen und denkwürdigen Eigenthümlichkeit desselben ... Die Jesuiten können für sich ein großes Verdienst in Anspruch nehmen . Sie können sagen : Ihr alle habt bisher nur den Christen im Auge gehabt ; wir sind die ersten Priester gewesen , die auch dem Menschen ihre Aufmerksamkeit schenkten ! Die Seele ist es , die ein Lieblingsstudium dieses Ordens wurde . Die Jesuiten , zu allen Zeiten von einem brennenden Ehrgeiz getrieben , wagten es , mit der Philosophie einen Wettkampf einzugehen . Sie wollten dem Christenthum die größten Glorien erwerben , selbst die , einen Cartesius überflüssig zu machen - Da mußten sie denn wol in die Arena des Denkens steigen ! ... Und nun dachten sie den Menschen . Sie dachten ihn in der ganzen Schwäche , die uns Priestern durch den Beichtstuhl geläufig wird . Sie dachten ihn mit jener unsaglichen Geduld und Liebe , die wir für die Ausübung unsers Amtes gerade nach dieser Seite hin stündlich empfinden müssen . Sie dachten ihn in jenen steten Momenten der Reue , der Halbheit , der innern Wehmuth , die Großes will und doch in der Ausführung wieder der Natur unterliegt , und so entstand ihr berüchtigtes System der Erwägung , der Rücksicht , der Entschuldigung , der halben und der Viertel-Sünde , jener sogenannte Molinismus , der sich zuletzt noch unter dem Einfluß der von Paris und Versailles ausgehenden galanten Courtoisie und sentimentalen Veredelung früherer Roheit und Brutalität der Hofsitten in eine Moral der ewig lächelnden und achselzuckenden Duldung verwandelte und in die Absicht , in die Intention , in den Rückhaltsgedanken die moralische Verantwortlichkeit setzte , gänzlich die höhere und wahre Sittlichkeit preisgebend ! « ... Für Wenzel von Terschka gab es kein anderes Denken , als das in den Formen dieses Molinismus ... Daß die Absicht des Ordens , den Grafen Hugo von Salem-Camphausen katholisch zu machen , eine höchst löbliche war , bezweifelte er nicht . Er harrte der Anleitung , wie er gerade als päpstlicher Rittmeister en retraite ein solches Ziel fördern sollte ... Der General sprach : Sie erhalten eine Liste von Affiliirten in Wien ! Geldmittel - nicht im Ueberfluß ; denn es wird sogar nöthig sein , daß Sie Schulden machen ! Sie sollen eben suchen , sich dem jungen Grafen auf die natürlichste Art zu nähern ! Sein Sinn ist offen und leicht . Das gemeinschaftliche Band könnte - Ihr altes Metier sein ! Die gleiche Vorliebe für Pferde dürfte die Gelegenheit zur ersten Anknüpfung geben . Stellen Sie sich ihm nach kurzer Zeit als in Ihren Mitteln gebunden vor . Thun Sie das so , daß Sie dabei nicht allzu entblößt erscheinen , so wird er Vertrauen fassen ! Sind Sie dankbar , so haben Sie sein Gemüth gewonnen . Ihre Vergangenheit war abenteuerlich genug . Sind Sie auch darüber zum Grafen Hugo leidlich aufrichtig , so bindet die Offenheit . Von Ihrem Priesterstand darf natürlich nicht die Rede sein ... sogar sehr , sehr selten von der Religion ! Terschka fand alles das in der Ordnung . Er fand , daß man auf diese Weise einen hochgestellten jungen Mann , von dem man eine Rückkehr zur Kirche wünschte , am besten beobachten ließ . Und als er nur noch zweifelnd aufhorchte , als er hörte , wie doch die Religion als Gesprächsstoff zwischen ihm und Grafen Hugo ausgeschlossen sein könnte - sagte der General : Man kann die Rückkehr zu unserm Glauben mit Gewalt fördern , man kann sie aber auch von selbst entstehen lassen aus einem still sich meldenden Bedürfniß unsers Gemüthes . Aus welchen Stimmungen wählt man nicht das Gewand des Mönches ! Sie , Bruder Stanislaus , traten in den Orden zunächst aus Ehrgeiz . Bei Gelehrten ist es oft der Ueberdruß an der Unfruchtbarkeit ihrer Forschungen . Fürsten und Standespersonen wechselten den Glauben infolge der Reue über ihr vergangenes leichtsinniges Leben . Graf Hugo liebt das Vergnügen . Vielleicht kommen Stunden der Erschöpfung , die dem Heil seiner Seele günstig sind . Diese benutzen Sie zu leichten und ganz wie zufälligen Erweckungen . Wir lassen Ihnen zu dieser Beobachtung Zeit . Leben Sie so harmlos mit ihm wie Sie wollen ! Gehen Sie auf alle seine Verhältnisse ein ! Geben Sie uns nur dann und wann Bericht ; das Uebrige findet sich ... Mit diesen dunkeln , nur der Ahnung von einem zuckenden Streiflicht erhellten Andeutungen verließ der Pater die Zelle des Generals , in drei Tagen das Collegium , in acht Tagen Rom . Seine Vorbereitung zur Rolle eines päpstlichen Rittmeisters machte er in dem Gasthofe der Croce di Malta . Vorher hätte er sich gern noch dem Cardinal Ceccone empfohlen ... Er wagte deshalb beim General eine Anfrage , erhielt die Erlaubniß , bat im Vatican um eine Audienz und erhielt sie bewilligt bei der Herzogin von Amarillas , bei der der Cardinal jeden Abend nach englischer Sitte den Thee trank ... Die stolze Römerin , die einst in Rollen wie Semiramis geglänzt hatte , vor Jahren in Paris einen spanischen Herzog heirathete , der bald starb , und die dann in ihrer Vaterstadt anfangs mit gemessenen , späterhin reichen Mitteln ein Haus machte , empfing ihn allein und mit dem Stolz einer Frau , die allenfalls auch eine der Kaiserinnen hätte sein können , die sie ehemals spielte ... Es war der Kopf jener Herme aus den Gärten des Quirinals ... Sie war in Deutschland bekannt und unterrichtete Terschka in der Art , wie man die Deutschen behandeln müsse ... Fest und bestimmt ! sagte sie . Denn dies Volk ist voll List und Verschlagenheit ! Dies Volk ist um so gefährlicher , als es sich die Miene der Ergebenheit und Treuherzigkeit gibt ! Nie hab ' ich eine falschere Nation gefunden , wie diese - und ich bin viel gereist - ! Ohne Charakter ist sie in allem ! Ich habe die schönsten und vornehmsten Frauen gesehen , die dem König Hieronymus den Hof machten und seine Gunst zu gewinnen suchten . Und dabei rühmen sich diese , besonders in der vornehmen Sphäre so gesinnungslosen , unpatriotischen Deutschen fortwährend ihrer Treue und Ehrlichkeit ! Terschka kannte Deutschland wenig und ließ sich belehren ... Die Herzogin gab ihm eine Reihe von Verhaltungsmaßregeln , ohne zu wissen , in welchen Aufträgen er nach Deutschland zu reisen hatte ... Erst jetzt , in den gegenwärtigen Stimmungen Terschka ' s , kam ihm die Erinnerung , daß die Herzogin von Amarillas damals sicher von einer Gegend sprach , die mit der , in welcher er sich jetzt befand , die nämliche war ... Sie hatte damals Namen genannt , die seinem Gedächtniß erloschen waren ... Immer sinnender , immer vor sich hinbrütender hatte sie gesessen , das Haupt auf die vergoldete Lehne eines hohen Rococosessels gestützt , ja nicht einmal bemerkend , daß Olympia in einem seidenen Kleide durch die Zimmer rauschte , die » Nichte « des Cardinals , ihre Schutzbefohlene ... Dem jungen , inzwischen herangewachsenen , wenn auch nur kleinen Mädchen , das ihr dunkelschwarzes lockiges Haar mit einem goldenen Reifen umschlungen hielt und einen fast gehässigen , medusenhaften Ausdruck des Kopfes bekommen hatte , war die Erinnerung an den Tag in der Reitschule gänzlich entschwunden ... Die Herzogin erinnerte sie daran ... sie erwähnte nicht ohne Herzlichkeit die Gedichte , die ja Pater Stanislaus aus dem Collegium an sie geschrieben hätte ... Olympia machte eine spöttische Miene und wandte sich kalt und gleichgültig ab ... Inzwischen wurde der Cardinal gemeldet ... Wenn in Rom ein Cardinal einem Privathause die Ehre seines Besuchs ertheilt , muß ihm die Herrin desselben mit zwei Wachskerzen auf silbernem Leuchter entgegengehen und ihn wie einen Fürsten schon an der Treppe empfangen ... Tiburzio Ceccone , der noch jugendliche , lebensmuthige Lenker der Gerechtigkeit im Kirchenstaat , erschien als ein noch immer schöner , imponirender Mann in der Tracht der Cardinäle , wenn sie außerhalb ihrer Functionen sind , im schwarzen Habit habillé mit rothem Vorstoß , rothen Knöpfen , kurzen schwarzen Beinkleidern , langen rothen Strümpfen , rothem Sammetkäppchen , darüber ein langer schwarzer Krämpenhut , auf dem Rücken ein schwarzes Abbémäntelchen ... Der Cardinal entsann sich vollkommen des Paters Stanislaus und erkundigte sich mit forschend zusammengedrücktem Auge nach dem Ziel seiner Reise ... Die Befangenheit Terschka ' s , der ihm ausweichend antworten mußte , mochte er sehen , doch machte ihn seine Liebe zu Olympia so zerstreut , daß Terschka reden konnte , was er wollte - er würde nur zu allem wie abwesend genickt haben ... Offenbar war er über Terschka ' s Mission im Unklaren . Er pries die Fortschritte der Gesellschaft Jesu , namentlich im Kaiserstaate , und sprach von einer Stadt an einem großen Flusse , wo ihre Hauptniederlassung sein sollte . Die Herzogin glaubte gleichfalls eine solche Stadt mit einem Kranz von Bergen zu kennen , nannte aber den Fluß nur klein . Sie verständigten sich beide in der Geographie Deutschlands wie über ein Land , das im Grunde ein einziger großer wüster Wald wäre , bewohnt von einem Geschlecht von Menschen , die an Unbildung und dabei , wie die Herzogin wiederum hinzufügte , an Verschmitztheit ihresgleichen suchte . Sie ihrerseits schien Witoborn an der Witobach , der Cardinal Linz an der Donau im Auge gehabt zu haben - Deutschland war ihnen beiden ein und dasselbe Sibirien . In Gnaden entlassen , empfahl sich Terschka , reiste ab und nahm bereits in Venedig seine neue weltliche Tracht an . Ueberall producirte er den Paß , der ihn als einen beurlaubten päpstlichen Rittmeister bezeichnete . Sein Talent , sich in seine neue Rolle zu finden , mußte bald sogar ihn selbst überraschen . Hätte er nicht annehmen müssen , daß , wie gewöhnlich , ihm ein Wächter gestellt wäre , der alle seine Schritte beobachtete , er würde seine Freiheit in vollen Zügen genossen haben . Bald fand sich eine Gelegenheit , die Bekanntschaft des Grafen Hugo zu machen . 11. Die erste Begegnung mit dem damals schon dreißigjährigen Grafen Hugo fand in Bruck an der Leitha statt , wo dieser in Garnison stand . Wir schildern sie nicht , da sie sich schon aus allem entnehmen läßt , was wir von Terschka ' s persönlichen Talenten und aus den Erinnerungen der Gräfin Erdmuthe wissen . » Das ist ja ein Jesuit ! « hatte der edlen Frau sofort bei der ersten Bekanntschaft mit diesem neuen Freunde ihres Sohnes eine innere ahnungsvolle Stimme gerufen . Ein Beweis auch zugleich , daß Terschka damals noch ganz die Weise des Paters Stanislaus hatte . Damals war Terschka noch höflich bis zum Unterwürfigen , zart bis zum Süßen . Er sprach und hörte zugleich auf das , was neben ihm von andern gesprochen wurde , und billigte es zwischen seine eigene Rede hinein , wenn er sie auch doch inzwischen fortsetzte . Er vertheidigte nichts , was irgendjemand unangenehm berühren konnte . Er sprach von seiner Jugend mit einem verklärten Blick gen Himmel und folgte der Phantasie der Gräfin bis auf die Anfänge der Hussiten , bis auf die Trommel aus Ziska ' s Haut , bis auf den Kelch in der Fahne der Utraquisten - all diese Vielseitigkeit und Nachgiebigkeit lernt sich aus der Kunst der » Prolusio « . Geistig war er so biegsam , wie er nun auch wiederum körperlich werden konnte . Seine Reitkunst war die magische Kraft , die bald den jungen Offizier und dessen Kameraden an den päpstlichen Rittmeister außer Diensten fesselte . Nach einem halben Jahr empfand Terschka wol die vielen Bedenklichkeiten , die sich aus dieser Verbindung - für seine Gelübde ergaben . Ueberhaupt welches war das Ziel , auf das er zusteuern sollte ? Der Graf hing sich an ihn mit der ganzen Innigkeit , die jungen Männern in jener Zeit eigen ist , wo hunderterlei Vorkommnisse ihrer fröhlichen Lebenslust Rath , Beistand , bald Schmeichler , bald Warner bedürfen . Bald schon konnte Graf Hugo nichts mehr ohne Terschka unternehmen . Terschka wurde der Vertraute aller seiner Liebes- , Ehren- und Geldhändel . Terschka ' s Klugheit , seine im Grunde schüchterne und maßhaltende Denkweise , seine Lebenserfahrung gaben in allen Lagen die Aushülfe . Dann sich aber dabei selbst freihalten von den Einflüssen eines solchen Umgangs , vermochte der Genosse nicht länger . Es gab Spiel- und Trinkgelage , Abenteuer , wie sie Boccaccio geschildert hat : wie sollte der Priester sich verhalten ? Er bat seinen Vorstand in Rom um eine Beruhigung seines Gewissens . Aus allem , was er erfuhr , trat ihm klar entgegen , daß ihn die oberste Ordensgewalt aller Rücksichten und Pflichten des Gewissens entband . Der Rittmeister Wenzel von Terschka sollte mit dem Grafen Hugo von Salem-Camphausen zwar nicht ganz nach den Worten des Mephisto verfahren : » Umgaukelt ihn mit süßen Traumgestalten ! Versenkt ihn in ein Meer des Wahns ! « - sollte ihn nicht absichtlich in die Verderbniß locken , damit er auf der letzten Stufe des erklommenen Tempels der Freude niedersinke mit erschöpfter Kraft und Terschka in der Gewalt hatte , dann das eroberte Opfer dem Schoos der Kirche zuzuführen ( oft hatte die Kirche diesen Triumph erlebt ) - aber begleiten durfte ihn Pater Stanislaus auf Tritt und Schritt , durfte leben wie er , lieben wie er ; nur die Heiligung des Mittels durch den Zweck durfte nicht fehlen . Mitten in diesem Taumel sollten die Ruhepunkte , die schon für den Grafen zuweilen eintraten , dann und wann für harmlose Erweckungen benutzt werden ; Erweckungen , die jedoch nur gelegentlich , ganz nur wie zufällig und absichtslos einzustreuen waren ... So wenigstens beschied man ihn ... Wie jedoch der menschliche Geist einmal ist , so kann er , wenn auch noch so geschult , niemals für sich gutsagen , wo ihm das Glück der freien Bewegung zu Theil wird . Terschka lebte mit dem Grafen Hugo bald nicht mehr wie der ihn Dirigirende , sondern wie der von seinem Zögling Dirigirte . Vollkommen hatte er mit der Zeit verstanden , was er sollte ; er hatte Winke und Anweisungen erhalten , die in zweifelhaften Fällen sogar eher das Schlimme , als das Gute zu wählen anriethen und so war er dem natürlichen Zuge seines fast gleichalterigen Freundes gefolgt , ergab sich ihm mit voller Anhänglichkeit , liebte ihn und ließ sich von ihm beherrschen , statt daß er ihn beherrschte . Die Berichte , die er nach Rom einsandte , wurden unwahr . Terschka gab Zusicherungen über Richtungen des Gemüthes , in die sein Zögling verfallen wäre , die jeder Begründung entbehrten . Nun kam die Furcht der Obern , der junge Graf könnte in solcher Stimmung wol gar in die ascetische Richtung seiner Mutter verfallen . Kannte man auch ohne Zweifel im al Gesù das deutsche Sprichwort : » Der Weg nach Rom geht über Herrnhut ! « so würde doch die ganze Bemühung verfehlt gewesen sein , wenn der Graf sich zuletzt in die Leitung seiner Mutter begeben und deren separatistische Entschiedenheit angenommen hätte . Demnach ertheilte man die Zustimmung zu dem Bedenken , ob Terschka die Kraft des weiblichen Princips , das den Grafen in leichterer Weise beherrschen konnte , verstärkte . Damals war ein eigentümlicher Collisionsfall im Leben des vornehmen Cavaliers eingetreten . Jene Angiolina , die er in der dalmatinischen Stadt Zara bei einer Kunstreitergesellschaft gesehen hatte , war von ihm in einem gemüthlichen Zuge seines Wesens , das von plötzlichen Einfällen beherrscht wurde , vor acht Jahren ihrer Truppe abgekauft und in eine Pension gegeben worden . Das elfjährige , bildschöne Mädchen hatte er dann und wann wiedergesehen , stets mit einer mächtigen Erregung seines Gefühls . Immer überraschender , immer reicher entfaltete sich die Bildung Angiolina ' s. Einmal gab er sie weit fort aus seiner Nähe , nur um sich nicht hinreißen zu lassen und nicht seinem Gefühl zu folgen . Die Neigung Angiolina ' s für ihren Wohlthäter war die gleiche . Auch sie floh die Bestrickung ihres Herzens , wenn der schöne junge Mann im glänzenden Harnisch vor ihr stand , das sonst so feurige Auge in milder Dämpfung auf sie niedersenkend . Einige Jahre lang währte dieser Kampf . Terschka wurde der Vertraute . Er nahm zuletzt Partei für den Gedanken , ein so reines Bild nicht zu zerstören . Graf Hugo hegte ihn selbst und litt doch darunter . Oft warf er sich dem Freunde an die Brust und rief : Ich kann nicht ohne sie leben ! Von Rom kam eine dunkle Weisung , die fast an das Wort der Schrift erinnerte , daß ein Sünder dem Himmel lieber wäre , als zehn Gerechte ... Pater Stanislaus sah das Maß der künftigen Reue sich mehren , wenn Verhältnisse eintraten , die nicht auf die Dauer so bleiben konnten . Die » Prolusio « malte es ihm aus : Endlich verläßt doch ein so vornehmer Herr seine Geliebte wieder - vielleicht war es eine Verbindung wie die Ehe - die Gräfin Paula verlangt nicht nur ihre standesmäßige , sondern die volle , auch sittliche Höhe ihrer Rechte als Gattin - der im stillen gedemüthigte Gatte wird schwächer und schwächer und muß der Gattin zuletzt - ein Opfer bringen , jenes , das , wenn auch stumm , die Gattin und die Kirche verlangen ... Aqua Toffana das der Jesuitenmoral ! Gift aus einer nur zu vollkommenen Kenntniß unserer Natur gezogen ! Wo ist da noch Sünde , wenn das Leben des einzelnen nur ein Theil einer großen Maschine wird , die wiederum nicht ein einzelner dirigier , sondern ein großes Ganzes , das Anfang , Mitte und Ende immer zugleich im Auge hat ! Damit die Olive das klare , fließende Oel wird , muß nicht nur ihre saftige Hülle , auch ihr Kern zerstampft , auf der Mühle zermalmt werden ; was kümmert dich die zerstörte schöne Frucht , wenn aus ihr ein Höheres hervorgeht , das der Einzelne , haftend an der flüchtigen , wenn auch