den Zeitungsblättern hatte sie und zu seinem Erstaunen auch der Oberst erfahren , daß Capitain Meyendorf im Stabe des Fürsten Gortschakoff der Belagerung von Silistria beigewohnt hatte . Sie erfüllte die Pflichten der Gattin stumm und still , in ihr Schicksal und ihr erhabenes Opfer ergeben , aber ihr Leben war freudlos und bleicher wurde täglich die Wange , trüber das sonst so trotzige , feurige Auge und an dem Herzen nagte der giftige Wurm . Denn wenigstens wußte sie jetzt , wie tief und bitter sie sich in dem Manne getäuscht , dem sie in jener unglücklichen Stunde angetraut worden ; sie hatte seinen Character voll Habgier und Ehrgeiz sich vor ihr entlarven und sich jener geschickten Maske liberaler Principien und der Begeisterung und Thätigkeit für die Revolution entkleiden sehen . Nur der Egoismus waltete in ihm und leitete seine Schritte und seine trügerischen Handlungen . Schon der erste , den er nach der Heirath gethan , war eine Verständigung und Aussöhnung mit der österreichischen Regierung , die ihn , somit den Besitz des bedeutenden Grundvermögens seiner jungen Gattin sicherte . Es ging das Gerücht , daß er seitdem zu mehreren diplomatischen Missionen verwandt worden sei , deren Character stark das Gegentheil seiner früheren Tendenzen zeigte . - Die Gräfin saß in dem durch die Thür geschlossenen Nebenzimmer , mit einer weiblichen Handarbeit beschäftigt , am Fenster , während der Graf , in der Bergère lehnend , eine Cigarette rauchte und mit bald hochmüthigem , bald scharf beobachtendem Blick seinen Gast betrachtete . Dies war die als Banquier Thomas aus Wien im Fremdenbuch verzeichnete Person . - Der sorgfältig arrangirte Haarwurf verdeckte die Tonsur auf dem Scheitel und nur die spitze schlaue Physiognomie rief das Bild des kleinen hagern Abbé zurück , dem wir im Salon der Frau von Czezani in Wien begegneten . Der Abbé oder Pseudo-Banquier saß in einem Fauteuil , halb hinter der breiten Lehne verborgen ; das Manöver , sein Gesicht möglichst im Schatten zu halten , hatte ihm aber wenig genützt , denn der Graf war ein zu erfahrener Kämpe , um nicht auch seinerseits diese Vorsicht zu beobachten . So saßen die beiden Intriguanten einander gegenüber , gleich zwei gewandten , sich ihrer Kraft bewußten Gegnern , Jeder bemüht , eine Blöße des Andern zu entdecken . - » Der Zufall oder das Glück wollten mir wohl , Graf , « sagte der Abbé , » daß ich Sie gerade jetzt in Berlin treffen mußte . Man erwartete , wie ich höre , in Turin Ihre Rückkehr von London erst im nächsten Monat . « Es schien ein verborgener Sinn in den Worten zu liegen , denn der Graf nahm die Cigarette aus dem Munde und warf einen raschen Blick nach ihm . » Bitte - wer erwartete mich ? « » Ei - Graf Cavour und die Brüder La Marmora ! « Der Schlag war direct und eine leichte Röthe überzog das Gesicht des Getroffenen , der unter einem erkünstelten Lächeln seinen Aerger zu verbergen suchte . » Unsere Obern , lieber Freund , « sagte er endlich , » sind zwar immer sehr gut unterrichtet , aber seit sie gezwungen wurden , Paris zu verlassen und in den Canton Tessin überzusiedeln , scheinen sie doch einige Fäden aus der Hand verloren zu haben . « » Unsere Obern ? « - der Abbé blickte ihn schlau von der Seite an . - » Wir dürften also hoffen , in dem künftigen General noch immer ein eifriges Mitglied des Bundes der Unsichtbaren zu besitzen ? « Diesmal wurde der Graf dunkelroth , dennoch überging er die Pointe der Antwort und sagte möglichst unbefangen : » Wie mögen Sie oder andere Bundesmitglieder daran zweifeln , wenn ich auch in letzterer Zeit weniger Gelegenheit gehabt habe , thätig zu sein . Sie wissen so gut wie ich , wenn Sie mich auch wenigstens vorläufig nicht daran erinnern wollen , daß uns außer unserm Eide manche Dinge der Vergangenheit unauflöslich verbinden - « » Auch seitdem - zum Beispiel : Parma und der 26. März ! « » Still um Gotteswillen ! - was ich sagen will ist , daß ich unverändert der Ihre bin , so weit es meine anderweiten Verhältnisse mir gestatten . « » Die sich durch die Heirath mit der schönen Nichte des Fürsten Esterhazy allerdings bedeutend verändert haben . Wir sind gewiß nicht unbillig , lieber Graf und ehren nicht blos das Recht der Flitterwochen , sondern selbst des Flitterjahres , tragen auch den Verhältnissen alle Rechnung und wünschen nur , daß unsere ehemaligen Mitglieder - wenn sie uns nicht mehr brauchen - unsere Pläne wenigstens nicht durchkreuzen . « » Wie meinen Sie das ? « Der Abbé schien die Frage zu überhören , wenigstens antwortete er nicht direct . » A propos , Graf , wie hoch beläuft sich jetzt die active sardinische Armee ? als jetziger Adjutant des Generals La Marmora werden Sie das genau wissen ? « Diesmal schaute der Oberst Jenen von der Seite an . » Fünfundvierzigtausend Mann , Abbé . Seit wann beschäftigen Sie sich mit militairischer Statistik ? - Doch , « fuhr er , rasch zu einem andern Gegenstand übergehend , fort , » da ich mich seit zwei Monaten auf Reisen befinde , weih ich wenig von dem Stande der Verbindung und bitte Sie um einige Mittheilungen . « » Sehr gern , Herr Graf , um so mehr , als ich Ihre Aufmerksamkeit doch dafür in Anspruch genommen hätte . Sie werden sich erinnern , daß am 26. März die Versammlung des Bundes in Paris gesprengt wurde und die Führer genöthigt waren , wenigstens vorläufig Paris zu verlassen . « » Es war zu der Zeit , wo wir uns zuletzt in Wien trafen . « » Richtig ! Sie brachten damals Ihre junge Gattin dahin zurück und machten Ihren Frieden mit der österreichischen Regierung . « Der Graf rückte unbehaglich auf dem Sessel . » Können Sie mir das verdenken ? Das ganze Vermögen meiner Frau liegt im Kaiserstaat . Ich habe in Sardinien Nichts als meinen Sold . « » O , sicher nicht , und Sie haben gesehen , wie wir es vermieden , Sie mit unsern Angelegenheiten zu behelligen . Die höchste Gewalt war damals zweifelhaft , wohin man den Rath verlegen sollte , ob nach London oder Piemont ; zuletzt entschloß man sich für Tessin . Man wünschte Sardinien und Frankreich möglichst nahe zu sein . Der Tod des Bourbons in Parma hat in Ober-Italien einen tiefen Eindruck gemacht . « » Er hat uns mehr geschadet , als genützt . « » Ich weiß es . Wir unter uns können uns offen gestehen , daß wir seither eine große Niederlage erlitten haben . Die jetzigen europäischen Verwickelungen sind von uns ausgegangen , indem wir bei dem allgemeinen Sturm oder der allgemeinen Erschöpfung hofften , einen durchgreifenden Schlag thun zu können . Diese Hoffnung scheint sich nicht zu verwirklichen . Zunächst hält sich Deutschland fern von dem Kampf durch die zähe Politik dieses verhaßten Preußens , das wir auf Rußlands Seite zu sehen hofften . England weigert sich demnach Polen , Ungarn und Italien zu revolutioniren und begnügt sich mit der lassen Bildung elender Fremdenlegionen , die für uns eine gute Hilfe gewesen wären , aber ein unzureichendes Mittel sind . Der Kaiser Napoleon endlich , unser Zögling und jetzt unser bitterster Gegner , hat die Maske abgeworfen , er hat die Leitung der europäischen Angelegenheiten uns aus der Hand gerissen und in der seinen concentrirt . Er weiß , daß er um die Herrschaft in Europa allein mit uns zu kämpfen hat und - er hält die Revolution bereits unter seiner Faust , wie die Maßregeln in Paris und die politischen Prozesse durch ganz Frankreich jetzt zeigen . « » Bis einer jener Zufälle eintritt , welche so oft die Geschichte geändert haben . « Der Graf sah seinen Gefährten bedeutsam bei diesen Worten an . » Wir wollen darauf hoffen . Unsere Stütze gegen die erschöpften und decimirten Soldaten der kriegführenden Mächte wird dann die von dem jetzigen Krieg unberührte und gekräftigte sardinische Armee sein , das wissen Sie . « - Sein Blick fixirte dabei den Grafen , der eine gewisse Verlegenheit nicht zu bemeistern vermochte . - » Selbst unsere geniale Finanzspeculation hat dieser Usurpator an sich gerissen . Sie wissen , daß Baron Riepéra zum Verräther geworden ? « » Ich hörte den Argwohn bei seinem Bankerott ; man hat lange Nichts von ihm vernommen ? « » Er hält sich gut verborgen mit Hilfe seiner Million , die ihm damals der Coup in Wien eingetragen , aber wir erkennen in Vielem seine Hand und es ist kein Zweifel , daß er uns an Napoleon verrathen hat . Die Gründung des Credit mobilier ist sein Project , die Pereire ' s sind seine Verwandten . Nach den achtzehnmalhunderttausend Franken , die wir bei seinem gut gespielten Fallissement verloren , sind uns wiederholt harte Schläge beigebracht worden , die beweisen , daß eine mit unseren Geldgeschäften ganz vertraute Hand dabei geholfen hat . « » Aber was kann den Baron zu dem Verrath bewogen haben ? « » So viel ich weiß , eine Lection , die er vor dem Rath des Bundes erhielt und - ich glaube , jener Vorgang im Landhaus der Frau von Czezani . Er war eine Memme , der dergleichen Schrecken einjagt . Doch genug von ihm , wir werden ihn zu finden wissen , trotz seines neuen Beschützers . Mein Aufenthalt hier in Berlin jedoch ist nicht ohne Bezug auf seinen Verrath . Wir wollen versuchen , unsern damaligen Verlust wieder zu gewinnen . « Der Oberst horchte hoch auf . » Sie gewannen bei unserm wiener Geschäft mit der Nachricht von der Kriegserklärung der Türkei auf Ihren Privatantheil zwanzigtausend Gulden . Ich glaube , Ihnen das Doppelte dieser Summe versprechen zu können , wenn Sie mich unterstützen wollen . « » Wie das ? « » Ich befinde mich seit drei Tagen hier , seit die Nachricht von der Almaschlacht hier bekannt ist , um den Augenblick für einen Coup abzupassen , der von uns von Wien aus dort , hier und in Paris an den Börsen vorbereitet wird . Indeß - ich fühle mich hier genirt ; irgend ein Mißtrauen hat mir einen der verschmitztesten österreichischen Polizeiagenten nachgeschickt und ich sehe mich von dem Menschen auf allen Tritten und Wegen beobachtet . Er logirt dort in dem Hotel gegenüber und belauert mich . Im entscheidenden Augenblick - und dieser ist heute - könnte er mir einen unangenehmen Streich spielen und aus dieser Verlegenheit zieht mich Ihre Ankunft . Sie sind durch Ihre Heirath ein Verwandter des österreichischen Gesandten geworden und es wird Ihnen ein Leichtes sein , eines der jüngeren Mitglieder der Gesandschaft zu bewegen , mit Ihnen heute die Börse zu besuchen , unter dem Vorwande , das Treiben daselbst kennen zu lernen . « - » Ich begreife aber noch nicht , was Sie eigentlich bezwecken ? « » Ueberlassen Sie mir die Ueberraschung ; - die Presse ist in eine Falle gegangen , über die man Jahre lang lachen wird . Noch Eines - haben Sie Credite auf Berlin ? « » Auf Mendelssohn und Compagnie tausend Ducaten . « » Das wird für Sie genügen , außerdem garantirt leicht die österreichische Gesandtschaft Ihr Vermögen . - Wissen Sie , daß wir im Hotel noch einer bekannten , gewissermaßen zu uns gehörenden Persönlichkeit begegnen ? « » Sie meinen die spanische Tänzerin , welche an jenem Abend im Salon zu Hietzing zugegen war ? « » Ja . Sie ist hierher bestellt . Sobald unsere finanzielle Aufgabe in Ordnung , werde ich sie nach Petersburg dirigiren . Wir haben zwar über Berlin Nachrichten von dort , doch scheint unser Spion hier nicht ehrliches Spiel mit uns zu treiben und das Wichtigere für Paris und London aufzusparen . Man will einen Versuch mit der verführerischen Schönheit unserer Donna an gewissen Personen machen . - Doch still - hier kommt die Gräfin ! « Die Gräfin trat in das Zimmer . » Der Kellner des Hotels meldet den Herrn von Treumund - ich weiß nicht , ob Sie den Mann haben rufen lassen ? « Der Abbé fiel ein : » Ganz recht , lieber Graf - ich habe mir erlaubt , ihn hierher zu bestellen , ich bitte , lassen Sie ihn eintreten . « Die Gräfin winkte nach der Thür zurück , dann wandte sie sich nochmals zu ihrem Gemahl : » Ich beabsichtige , einen Besuch bei meiner Cousine abzustatten - werden Sie mich begleiten ? « » Ich habe Geschäfte , die mich daran hindern und werde später dem Herrn Gesandten meine Aufwartung machen . « Die Dame entfernte sich . - » Wer ist der Herr ? « fragte der Graf . » Er ist oder wird einer der gewandtesten Courtiers Berlins . Als Correspondent mehrerer französischen und deutschen Journale ist er nicht ohne Einfluß , durch seine Thätigkeit in allen Kreisen bekannt , durch das schlaue Geschäft seiner Adoption von einem alten Bummler adligen Namens für die gute Gesellschaft möglich gemacht - ist er zwar augenblicklich von Schulden und Wechseln gedrückt , aber für unsere Absicht vortrefflich geeignet , und ich zweifle keinen Augenblick daran , daß er sich bald glänzend in die Höhe bringen wird , um so mehr , als er eben mit einem der ersten deutschen Speculanten zur Benutzung der Presse in Verbindung getreten ist . Kennen Sie das Börsentreiben ? « » Ich habe noch nie einen Fuß dahin gesetzt . « » So ist er gerade der Mann , um Sie in die Geheimnisse dieser Coulissen einzuweihen . Ich bitte , lassen Sie ihn kommen . « Er nahm einige Papiere aus der Tasche , während der Kammerdiener des Grafen durch die Hauptthür einen Fremden in den Salon entführte . Es war ein junger hübscher Mann mit blondem Haar und Bart , bemüht , aristokratische Manieren zu zeigen , dem jedoch seine große Beweglichkeit entgegen war . Die Augen waren klein , blinzelnd und gutmüthig . Der Abbé - oder vielmehr Banquier Thomas - stellte den Fremden vor und nöthigte ihn zum Sitzen . » Graf Pisani , « sagte er , » ist vollkommen eingeweiht in das Geschäft und wird uns bei unserer heutigen Operation unterstützen . Die Zeit drängt und so bitte ich sogleich um Ihren Bericht . Welchen Eindruck haben die gestrigen Abend-Nachrichten von Wien gemacht ? « » Das telegraphische Correspondenz-Bureau hat sie noch am Abend verbreitet . Die heutigen Morgenblätter und die Abendzeitungen durch Extrablätter melden zwar nur unbestimmt : Westmächte im Besitz eines Forts von Sebastopol ; Russen 15,000 Mann verloren ; Fürst Menschikoff sechs Stunden Bedenkzeit erhalten . Heute Morgen ist aber bereits von Paris eine telegraphische Bestätigung eingetroffen und man erwartet heute bei Beginn der Börse die ausführliche Nachricht . « » Und die Course ? « » Sie gingen in der gestrigen Abendversammlung der kaufmännischen Ressource rapid in die Höhe , und werden offenbar heute um drei bis vier Procent steigen . « » Sie haben russische und Schatzobligationen in verschiedenen kleinen Posten angeboten ? « » Ich habe nach Ihrer Bestimmung verfahren , aber Niemand will sie , selbst zu 72 nicht . « Der Abbé rieb sich vergnügt die Hände . - » Es war vorauszusehen . Lassen Sie uns überblicken , wie unsere Geschäfte stehen . « Der Berliner Courtier öffnete das Portefeuille , das er in der Hand hielt , und nahm eine Note heraus . » Recapituliren wir . Auf Grund der Creditive von Eskeles und Sina kaufte ich an der Sonntags-Börse bei unsern drei ersten Bankhäusern 115,000 Gulden Metalliques zu 723 / 4. « » Richtig , sie standen gestern bereits 751 / 4 und werden heute noch mehr in die Höhe gehen . « » Ich hoffe es , indeß ist das schon ein Gewinn von 2775 Gulden . Ferner 300,000 Gulden Nordbahn zu 173 . « » In diesem Augenblick 1791 / 2. « » Oberschlesische 180,000 Thlr . zu 921 / 2 , 120,000 Gulden Neueste Anleihe zu 961 / 4 und 200,000 Thlr . Cosel-Oderberger zu 1631 / 4. Sie stehen bereits 205 . « » Der Schlag ist bedeutend . Die Käufe betrage nach meiner Berechnung also 1,060,000 Thlr . « » Und der Gewinn in diesem Augenblick über 90,000 . « » Nun merken Sie wohl auf , lieber Freund , was ich Ihnen sage . Die Course werden heute und morgen noch rapid steigen und die Nachfrage wild sehr bedeutend sein . Glauben Sie , daß Sie heute sämtliche Papiere , über die wir disponiren , zum heutigen Cours für den 15. verkaufen können . « » Unbezweifelt - wenn wir so thöricht sein wollten . « » Ueberlassen Sie das mir ; ich habe meine Gründe dazu , und Sie sollen an Ihrer Courtage nicht zu kurz kommen . Doch wird es gut sein , wenn Sie mit dem Verkauf mehrere Agenten beauftragen , denn so bedeutende Summen aus einer Hand würden die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und leicht die Hausse stören . Ich werde auf der Börse zugegen sein , um nöthigen Falls Ihnen meine Bestimmungen geben zu können . Im Uebrigen aber wird es zweckmäßig sein , wenn Sie viel mit dem Herrn Grafen hier und seinem Begleiter verkehren , so bald diese an der Börse erscheinen , und geschickt das Gerücht verbreiten , daß von diesen bedeutende Aufkäufe gemacht würden . « Der Agent verbeugte sich schlau lächelnd . » Ich verstehe und werde nicht verfehlen , dies zu thun . Doch erlauben Sie mir , auf einen Umstand Sie aufmerksam zu machen , da es mir scheint , daß Sie neue telegraphische Nachrichten erhalten haben . Man argwöhnt an der Börse seit einiger Zeit , daß viele der eingehenden Depeschen auf irgend eine noch unerklärte Weise verrathen werden . Einer unserer Börsenmatadore scheint die Course und Aufträge von außerhalb förmlich zu riechen und überflügelt alle mit seinen Combinationen - oder seinen Nachrichten . Es wäre fatal , wenn er uns in die Quere käme . « Herr Thomas lächelte . - » Beruhigen Sie sich auch hierüber , auch der Herr wird kaufen . « Der Courtier empfahl sich . - - - - - - - - - Der Neubau einer Berliner Börse gehört zu den Seeschlangen ohne Ende , die fortwährend auftauchen und niemals erlegt werden . Zwischen der Dampfmaschine der großen Fontaine und den Ruinen des neuen Doms , für dessen Camposanto-Entwürfe Cornelius die bescheidene Forderung von hunderttausend Thalern macht , liegt oder lag die Villeggiatura des Berliner Handelsstandes und seit drei oder vier Jahren des Berliner Geld- und Creditschwindels . Ein wenn auch nicht unstattliches , doch sehr beengtes Gebäude mit einem von Bäumen besetzten kleinen Vorplatz nimmt täglich von zwölf bis drei Uhr eine Anzahl von mindestens 2000 Personen auf , die den großen Handel und Geldverkehr der Hauptstadt ursprünglich vermitteln sollen zur Beförderung und Vertheilung des Wohlstandes und der Industrie des Landes . Seit den letzten drei Jahren jedoch ist das Berliner Börsenleben zu einer Pest des Landes ausgeartet , verwerflicher , hundertfach gefährlicher , als die von der öffentlichen Meinung und der Regierung geächteten Spielbanken , die nur Einzelne verderben , während die Börse auf alle Klassen demoralisirend oder die Zustände verschlimmernd wirkt . Der frühere Börsenverkehr steht zu der jetzigen Börsenwirthschaft wie die gediegene kaufmännische Berechnung zu dem Delirium der Speculation , wie die Waare zur Ziffer , wie der Handel zum Diebstahl . Vielleicht characterisiren , wenn auch nur schwach , die nachfolgenden Crayons einigermaßen dies Treiben . - Es war Mittag gegen ein Uhr , als Graf Pisani Arm in Arm mit einem Attaché der österreichischen Gesandtschaft auf dem Vorplatze der Börse erschien und langsam durch die versammelten Gruppen wandelte , dem Treiben des Verkehrs zuschauend . Die handgreiflichen Differenz-Ausgleichungen einiger Mitglieder hatten damals noch nicht die Eintrittskarten eingeführt und jeder Fremde betrat ungenirt das Sanctuarium des Zahlenschwindels . Der Attaché war mehreren der großen Banquiers bekannt , die ihn begrüßten und ansprachen , und wunderbar schnell verbreitete sich die Nachricht auf der Börse , daß ein Mitglied der Gesandtschaft mit einem vornehmen Fremden anwesend sei . Offenbar hatte dabei der Agent Treumund die Hand im Spiele , der alsbald bei dem Erscheinen der beiden Herren sich dem Grafen anschloß und den Cicerone nachte , von Zeit zu Zeit sie verlassend und bald hier , bald dort neue Geschäfte abschließend . Dies Verfahren konnte nicht verfehlen , Aufmerksamkeit zu erregen , um so mehr , als bald bekannt wurde , daß die Aufträge , welche der Agent machte , über große Summen lauteten und die Börse ohnehin in höchster Erregung war . So eben waren die telegraphischen Depeschen des Correspondenz-Bureau ' s von Wien und Paris über die dortigen Course eingegangen und der Agent des Hauses Oppenheim verlas nach der getroffenen Einrichtung von einer Erhöhung dieselben mit lauter Stimme . Die Boten des Staats-Telegraphen-Bureau ' s durchbrachen mit Privatdepeschen suchend die Menge . Das Geschäft schien in vollem Gang und die vereideten Makler wurden bestürmt mit Anmeldungen . Der Graf mit dem Gesandschafts-Cavalier , der zu unerfahren und zu sehr Edelmann war , um so rasch zu begreifen , daß er hier zur Folie diente - hatte endlich am Eingang des Hauses einen Platz gefunden , von wo Beide das Treiben innen und außen beobachten konnten . Der Agent stand bei ihnen . Die Scene umher war wirklich charakteristisch und für einen Unbetheiligten an Stoff zu Beobachtungen überreich . Eine Wirrniß von Geschwätz und Geschrei - oft dem eigenthümlichen Idiom einer polnischen Juden-Synagoge gleichend - lag auf dieser sich drängenden , stoßenden , sammelnden und hin und her eilenden oder fest auf gewissen Stellen ansharrenden Menge , in der die gebogene oder kulpige Nase als Typus in hundert Variationen des Alters vorherrschend war . Die gewöhnliche Höflichkeit und Rücksicht großer Gesellschaften schien aus dieser verbannt und Jeder im Schreien , Stoßen und Drängen nur auf seine eigenen Zwecke Bedacht zu nehmen . Ein Notizbuch in der einen , den Bleistift in der andern Hand , mauschelnd , rufend , fragend , horchend , betheuernd und wegwerfend , die gespannteste Aufmerksamkeit in der lauschenden Miene oder mit verächtlichem Achselzucken , schmeichelnd und scheltend , kriechend und hochmüthig - überall die Ohren , überall die Augen - hier ein Wort wechselnd , dort ein Opfer in den Winkel drängend , lügend und belogen , täuschend und getäuscht , jede Spannung , jede Heuchelei auf den Gesichtern , bedächtig und hastig , schnöde und freundlich , lärmend und schweigend , so wogte das Chaos der Geldintelligenz , das sich den Reichthum und die Intelligenz des Landes nennt ! » Staats1 ! wer kauft ? « » Zehn2 ! Wie steht ? « » Wer hat Cölner - Enkel3 ? Achtundachtzig drei Viertel ? Ich kaufe . « » Herr Lion , Herr Lion , wo ist Herr Lion ? « » Franzosen4 ! Hundertsiebenundsiebzig ein Halb ! « » Schreiben Se mer ein , Zwanzig zum Ersten . Wollen Se handeln mit Wittenberger ? Herr Friedemann , brauchen Sie Rheinische Kinder ? « » Sechsundachtzig - haben Se gehört , Herr Hertel ? Notiren Sie den Cours - Sechsundachtzig bezahlt5 . « » Hören Se zu - Meyer is am Kaufen - Nordbahn und 1854er Loose , lassen Se uns eilen , sonst kommen mer zu spät . « Dazwischen schellt die Glocke als Signal um Abschluß . » Die Zahl Ihrer großen Kaufleute und Banquiers , die an der Börse Geschäfte machen , scheint sehr bedeutend , « bemerkte der Sardinier . » Der Schein täuscht , - von der ganzen Zahl , welche die Börse füllt , verdient kaum der vierte Theil , hier zu sein . Vielleicht die Hälfte ist nicht einmal der Kaufmannschaft incorporirt und besteht aus den sogenannten Wilden . Wenn es Ihnen Vergnügen macht , will ich Ihnen die Einrichtung und das Treiben unserer Börse in kurzen Worten schildern . « » Ich bitte darum . « » Man kann die Börsenleute etwa in vier Kategorieen eintheilen . Zuerst die großen Banquiers , jene Säulen des großen Geldmarkts , die traditionelles Vermögen und Geschäfte , die eine Vergangenheit haben und einen europäischen Ruf , wie z.B. Magnus , Jüterbock , Schickler , Mendelssohn , Anhalt und Wagner , Robert Warschauer u.s.w. Diese Koryphäen des Geldmarkts machen fast nie eigene Speculationen , sie betheiligen sich an Anleihen oder sind die Commissionaire derselben . Ihre Repräsentanten erscheinen hier nur um der Gewohnheit des Hauses willen und führen nur die Geschäfte ihrer Committenten aus . Sehen sie da die stabilen Posten dort auf den Bänken und an dem Gitter ? Das sind unsere Geldfürsten oder ihre Vertreter . Das wohlbehäbige runde Gesicht dort stöhnt über die Unmasse der Geschäfte und seine ganze Arbeit besteht am Tage darin , sich zwei Stunden lang Herr-Von nennen zu lassen und die andere Zeit zu flaniren ! - Sehen Sie da das Paar prächtige Waden in den eng anliegenden Beinkleidern am Gitter dort im Winkel nach dem Dome zu ? Diese musculöse Kraft ohne besondere geistige Capacität ist der Börsen-Repräsentant einer unserer nobelsten Firmen , so wie jener junge jüdische Aristokrat mit den in beliebter Wastelart bis an die Achselhöhlen zurückgeschlagenen Rockpatten , die Frucht eines unserer berühmtesten jüdischen Häuser . Einstweilen läßt er sich von Minna schröpfen und der achtbare Papa dort in der Banknische an den Säulen neben ihm schlägt mit stiller Behaglichkeit die Beine übereinander , neigt den Kopf zur Seite und harrt der Coursnotirungen , wie Jeremias auf den Trümmern von Jerusalem . So einfach der Mann aussieht , sein Vermögen wird mit zwei Millionen taxirt , denn hier , Herr Graf , hat Alles seine Taxe . « » Sie erzählen pikant ! « » Journalistenmanier . Kommen wir zu der zweiten Kategorie , den kleinen Banquiers und großen Spekulanten . Diese sind die Hauptfaiseurs der Börse , sie machen die Course und treiben einen Umsatz in Ziffern , der in ' s Kolossale geht . Man kann die Summen , die jetzt an der Berliner Börse umgeschlagen werden , auf durchschnittlich zwei eine halbe Million täglich rechnen . Ein Theil dieser Männer macht noch Banquiergeschäfte , ein anderer Theil bloße Spekulationen . Sehen Sie den großen hagern Herrn dort mit der halben Glatze und dem verlebten Gesicht ? In jeder dieser Falten sitzt eine verzehrende Leidenschaft . Der Mann hat in Sachsen schon fünfmal auf Nichts gestanden und seine Spekulationen haben ihn immer wieder auf den Gipfel des Reichthums gehoben . Er kommandirt in diesem Augenblick wieder ein paarmalhunderttausend Thaler , ist unser größter Baisse-Spekulant und seine polnische Maitresse holt ihn alle Nachmittage in glänzender Equipage von seinem Tummelplatze ab , bis - - « » Es liegt etwas Unheimliches in seinen Manieren ; jetzt schießt er wie ein Stoßvogel durch die Menge . « » Das ist so seine Manier , - er hat sein Opfer . Dort steht sein Gegenmann - ich meine jenes durchsichtig blasse Gesicht mit der eigenthümlichen Farbe der Wasserleichen , denen man einen Zoll tief durch ' s blutlose Fleisch zu sehen wähnt . « » Das Gesicht ist interessant , das Auge scharf und voll Verstand , der Ausdruck ruhig . « » Und dennoch ist sein Besitzer voll rastloser Beweglichkeit , und es duldet ihn kaum einen Augenblick schweigend auf demselben Platz . Er ist unser bedeutendster und glücklichster Spekulant und ausgezeichnet durch ein so enormes Gedächtniß , daß er zu seinen Geschäften , obschon er ihrer täglich 50 bis 60 schließt , nie ein Notizbuch braucht . Man fängt übrigens an auf der Börse , ihn mit einem gewissen Argwohn zu betrachten , denn er scheint fast allwissend in Betreff aller ankommenden Nachrichten , so glücklich sind seine Combinationen . Ich habe schon vorhin gegen Ihren Freund meine Besorgnisse geäußert . « » Der Herr scheint fortwährend umlagert von einem Schwarm , Alles drängt sich um ihn . « » Die Ursach ' werd ' ich Ihnen gleich in einer weiteren Kategorie erklären . Erwähnen will ich nur noch , daß die fünfzehn oder zwanzig Mitglieder der eben bezeichneten jährlich durch ihre Spekulation sechs-bis achtmalhunderttausend Thaler verdienen . « » Die also das Publikum zahlt , « bemerkte der Attaché . » Ganz recht ; und noch ärgere Blutegel sind die beiden letzten Kategorieen . Die dritte besteht zunächst aus den privilegirten Jobbern , der eigentlichen kleinen Mauschelei , welche die beiden höheren Stufen schon abgeschliffen haben . Hier findet man die kleinen Geschäfte und den jüdisch näselnden Jargon , den ausgehungerten Jobber neben dem behäbigen gemachten Geldmann , wie jenes Exemplar dort zeigt , das vorzüglich in Magdeburg-Wittenberger macht und die orientalische Abstammung durch einen wohlgehegten Schnurrbart zu cachiren sucht . Das Studium dieses Genres ist wirklich interessant . Blicken Sie einmal dorthin auf den alten grauen Kerl , der so schmuzig aussieht , als käm ' er aus einem Trödelladen vom Mühlendamm , und dann wieder die stattliche ruhige Figur dort , der man die höhere Intelligenz ansieht und wie sie ihre Umgebung dominirt . Der Herr dort ist der Hauptautor der berühmten Inserate der Vossischen und man hört sie täglich bei den Geschäftchen sans gêne berathen . « » Aber zu welchem Zweck , wenn man doch weiß , woher sie stammen ? « » Für ' s Publikum , lieber Herr ; denn es giebt nichts Dümmeres , als das Publikum im Allgemeinen . Es ist eine Hammelheerde , die angeleitet werden muß , das sauer oder glücklich erworbene Geld rasch wieder los zu werden . Die Klasse der Makler und kleinen Banquiers macht nur geringe eigene Spekulationen , indem sie in die Nähe der großen Tonangeber sich drängt , ein Wort aufschnappt und sich mit einigen Tausenden