behauptete der Fürst , fuhr Stromer , dem diese Unruhe und Änderung der Stimmung nicht besonders auffiel , fort , eine Verlassenschaft seiner Mutter , auf die sie ihn kurz vor ihrem Tode aufmerksam gemacht hätte . Er hätte Mittheilungen , Ermahnungen , Denkwürdigkeiten gehofft . Sein ganzes Leben hätte sich auf dieses Bild bezogen . Er hätte seine Ehre , Alles dafür gewagt und jenes Bild hätte dies Buch von der Nachfolge Christi enthalten . Er wollte mich mit Vorwürfen überhäufen , daß ich das Irrlicht seiner Mutter gewesen wäre . Ich drängte auf einen andern Gegenstand . Indem hatt ' ich das Exemplar wieder angesehen und mußte ihm sagen - Durchlaucht - Nun Durchlaucht ? Stromer horchte ... In dem Augenblicke , als Pauline auf ' s Äußerste gespannt , auf Stromer ' s Erzählung harrte , vernahm man einen rasch anfahrenden Wagen , der auf dem vom Regen knirschenden Kieselsande dicht vor dem Portale zu halten schien . Sie bekommen Besuch , gnädige Frau ? sagte Stromer , sich unterbrechend . Nein , nein . Was sagten Sie dem Prinzen ? Durchlaucht , sagt ' ich , das ist ja ein sonderbarer Vorfall ! Diese Ausgabe des Thomas a Kempis ist niemals auch nur berührt worden von der Hand der seligen Fürstin ; denn überzeugen Sie sich selbst , hier auf dem Titelblatt - Aber Sie bekommen Besuch ! An der äußern Glocke wurde eben außerordentlich stark geschellt . Pauline , von Stromer ' s Erzählung auf ' s Äußerste gespannt , jede Unterbrechung verwünschend , war aufgestanden und wollte klingeln , um zu sagen , daß sie Niemanden empfange . Aber sie war so begierig auf Stromer ' s Erzählung , daß sie selbst diese Weisung an ihre Diener nicht ausrichten mochte , sondern nur sagte : Und ? Und ? Auf dem Titelblatt ? Überzeugen Sie sich , Durchlaucht , sagt ' ich , fuhr Stromer , der gleichfalls aufgestanden war , fort ; unter diesen Arabesken des Titelblattes steht ja ganz in Perlschrift die Jahreszahl des Druckes . Diese elegante Ausgabe des Thomas a Kempis ist ganz in der Art , wie die Fürstin solche Einbände liebte . Aber dies Exemplar ist erst ein Jahr nach ihrem Tode im Druck erschienen . Wie ich Das sagte - Indem hörte man draußen Thüren gehen . Wie Sie Das sagten ? drängte Pauline . Trat Rudhard ein ... Egon entließ mich in einer mir allerdings erklärlichen Aufregung ; denn wie konnte jenes Buch von der Fürstin selbst - Weiter trug Stromer seinen Bericht nicht vor ; denn die Thür wurde aufgerissen , die Ludmer , leichenblaß , stürzte herein und rief mit erstickter Stimme : Prinz Egon von Hohenberg läßt sich melden ! Wie ? sagte Pauline und hielt die Hand krampfhaft an die Sophalehne . Er selbst ! Er läßt sich nicht abweisen . Er will dich sprechen - Pauline riß sich , wie von einer Natter gebissen auf , stürzte an die Thür und verriegelte sie . Es war das Werk eines Augenblicks . Welche Stunde ! rief die Ludmer . Ist ein solcher Überfall erhört ? Er ist ausgestiegen , dem meldenden Bedienten auf dem Fuße gefolgt - er wartet im Empfangzimmer . In der Ferne hörte man durch die hallenden Zimmer her eine männliche Stimme sich räuspern und einen kräftigen Schritt auf und abgehen . Pauline stand eine Weile unschlüssig ... Jetzt war der Augenblick da , wo sie einer » Seherin « gleichen konnte . Sie begriff diesen Moment , richtete sich entschlossen empor und fragte : Warum soll ich den Prinzen Egon von Hohenberg nicht empfangen ? Die Ludmer verstand einen gewissen Hohn in ihren Mienen , wagte aber nicht zu lächeln . Pauline aber mit triumphirender Miene setzte hinzu : Wohlan ! Er mag kommen ! Schon klopfte Ernst an die verschlossene Thür und bat um Verhaltungsmaßregeln ... der Fürst ließe sich nicht abweisen . Wer sagt denn , daß man ihn abweisen soll ? rief die Geheimräthin durch ' s Schlüsselloch . Ich bitte Durchlaucht einen Augenblick zu verziehen ! Diese Worte sprach sie mit gemachter Süßigkeit , als sollte Egon sie hören . Adieu , lieber Stromer , sagte sie dann rasch , zitternd wol , aber gefaßt . Auf Morgen ! Adieu ! Adieu ! Stromer wollte reden , wollte Aufklärung haben , wollte ... wurde aber durch das Schlafzimmer , dann das ächte Boudoir , zuletzt durch die Garderobe von der Ludmer fast gewaltsam hinauseskamotirt . Er war , so fortgezerrt , in diesem Augenblicke ganz so überflüssig geworden , wie Augusten ' s hochfahrende Tante wünschte . Mit all ' seinem Geist , mit all ' seinen Seherblicken vom Berge Sinai , mit all ' seinen Jeanpaulismen und deutschen Gedankenüberschwenglichkeiten stolperte er im Dunkeln über mehre Kisten und Koffer , daß er sich fast verletzt hätte ... Pauline folgte nach einem Moment . Sie gab Befehl , den Empfangssalon durch einige Armleuchter schnell zu erhellen . Mit Blitzesschnelle gab sie ihrer Toilette noch einige kühne Improvisationen und schritt dann fest und entschlossen durch das Zimmer hindurch , das ihr nun entriegeltes ostensibles Boudoir von dem inzwischen erhellten Empfangszimmer trennte . Die Ludmer fühlte , daß es nothwendig war , in der Nähe einer so wichtigen und gefahrvollen Begegnung wenn nicht zu horchen , doch behutsam und auf Alles gefaßt zu wachen . Sechszehntes Capitel Ein Zauberspiegel Gnäd ' ge Frau , begann Fürst Egon von Hohenberg und erhob sich von dem Sessel , auf dem er Platz genommen hatte ; ich hörte , daß Sie wie Jeder , der seine Tagesstunden besser zu verwenden weiß , Abends empfangen ! Irr ' ich mich ? Pauline bedeutete Egon zuvörderst Platz zu nehmen , setzte sich selbst , nicht ohne einige Befangenheit , in einen der Sessel , die schon für die bald zu erwartende Feuerung am noch geschlossenen Kamine aufgestellt waren ... Die beiden gemalten Sphinxe auf dem bunten Kaminschirme drückten vollkommen ihre Spannung über das Räthsel dieses Besuches aus . Für Ew . Durchlaucht würd ' ich zu jeder Stunde zu sprechen sein . Ein Endlich ! Endlich ! Ihnen auszusprechen , mußt ' es mich wohl drängen . Endlich ? Hatten Sie mich jemals erwarten können , gnäd ' ge Frau ? fragte Egon voll Bitterkeit . Den Freund meiner geliebten Helene ? Den Erklärten meiner d ' Azimont ? fiel Pauline mit künstlichem Erstaunen ein . Ha ! Aber den Sohn der gehaßten Amanda ? setzte Egon hinzu und ohne Paulinen ' s Erwiderung abzuwarten , rückte er mit seinem Sessel ihr etwas näher und sagte : Gnädige Frau , es sollte mir lieb sein , wenn ich Ursache fände , mich Ihnen enger anzuschließen und die großen Eigenschaften in der Nähe zu bewundern , von deren Lobe die Gräfin d ' Azimont überfließt . Einstweilen stell ' ich diese Annäherung freilich auf eine starke Probe . Ich stehe vor Ihnen , gnäd ' ge Frau , mit dem Ersuchen , mir die Denkwürdigkeiten meiner Mutter auszuliefern . Pauline war auf diese kalte , kategorische Forderung gefaßt , erstaunte aber über die Hast und das entschlossene Vermeiden aller Präliminarien . Sie war darauf vorbereitet , daß sie Gegner hatte , die ihren so vorsichtig berechneten Schritten gefolgt waren , der Ablieferung des entleerten Bildes an den Oberkommissair Pax auf der Spur waren und sie entlarven wollten . Dennoch sagte sie zitternd : Welche Denkwürdigkeiten , Durchlaucht ? Die Denkwürdigkeiten , gnäd ' ge Frau , antwortete Egon mit steigernder Erregung und jene heftigste Wallung nicht mehr verbergend , mit der er hergekommen war ; die Denkwürdigkeiten der Fürstin Amanda von Hohenberg , die sie auf ihrem Sterbebette ihrem Sohne bestimmt und unfähig , in ihrer letzten Lebensstunde weitläufige gerichtliche Dispositionen zu treffen , später in einem Bilde verborgen hat , das dem sonderbaren Schicksale verfiel , Ihnen früher in die Hände zu kommen als mir . Welches Bild ? fragte Pauline nun mit scheinbarer Ruhe , um nur Zeit zu gewinnen . Egon trug in aller ihm kaum noch möglichen künstlichen Ruhe die Geschichte jenes Bildes vor , wie sie durch übereinstimmende Aussagen Dankmar ' s , Rudhard ' s , des Oberkommissairs Pax , der Agenten Mullrich und Kümmerlein sich ergeben hatte . Es war darin mancher Umstand mehr errathen als bewiesen . Allein die Überzeugung , daß Pauline von Harder schon durch die ganze Agitation über den Nachlaß seiner Mutter , die Reise des Intendanten nach Hohenberg und was sich Alles später daran knüpfte , ihm ein Eigenthum entzogen hatte , das ihm von Werth sein durfte und sollte , stand bei ihm fest . Er erzählte auch , wie er durch Stromer ' s Äußerung über den Thomas a Kempis mistrauisch geworden und Rudhard seinen Verdacht ausgesprochen hätte . Rudhard hätte dann gestockt . Er aber hätte seinem noch zögernden alten Erzieher die Angelegenheit aus der Hand gewunden und führe sie nun gegen dessen Willen , gegen die Ansprüche , die Rudhard selbst auf dies Testament seiner Mutter machen wolle , mit kurzem Processe durch . Lassen wir , schloß er seine Auseinandersetzung , jede weitere Erörterung und geben Sie mir die Denkwürdigkeiten meiner Mutter , deren Raub ich Ihnen verzeihen will ! Pauline schwieg eine Weile , dann sehlug sie die Arme zusammen , legte die Füße übereinander und sagte : Ich habe Sie ausreden lassen , Prinz Egon . Erlauben Sie , daß ich erwidere . Aber versprechen Sie mir , jeden kleinlichen Gesichtspunkt aufzugeben ! Ich sage Ihnen , daß ich die Denkwürdigkeiten besitze - In der That ! Sie müssen mir aber ein aufmerksames Ohr leihen . Wozu ? Weshalb ist Das nöthig ? Warum soll ich ... Sie achten ? rief Egon voll Zorn und voll geheimer Freude , die fast die Miene des bittersten Übermuthes annahm . Übermuth war aber für Paulinen zuviel . Sie erhob sich und schleuderte einen durchbohrenden Blick auf den jungen Mann , der jetzt das Recht zu haben glaubte , sie verächtlich zu behandeln . Ich kenne diese Denkwürdigkeiten , wiederholte sie mit stolzer Miene , aber wie ? wenn ich sie vernichtet hätte ? Wenn Sie mit dieser Möglichkeit nur drohen , Madame ... so existiren sie noch ! sagte Egon , und ich schwöre Ihnen , ich verlasse Ihr Haus nicht , bis ich nicht weiß , was meine Mutter mir in ihrer letzten Stunde hat berichten , auf meinen Lebensweg zurufen wollen ! Pauline lächelte jetzt verächtlich . Ich denke nicht an Drohungen , sagte sie , und ich denke nicht an Rechtfertigungen , aber ich will , daß Sie von dieser Frage jeden niedrigen Standpunkt ausschließen . Deshalb beding ' ich , daß Sie mich hören ! So reden Sie ! sagte Egon und nahm , ihr gegenüber an dem gemalten Kaminvorsetzer , Platz . Auch Pauline kehrte in ihre frühere Stellung auf dem Sessel zurück . Nach einigen Augenblicken begann sie : Amanda von Bury , Anna und Pauline von Marschalk waren drei Freundinnen , innigst verbunden seit ihrer frühesten Kinderzeit . Fast gemeinschaftlich war ihre Erziehung ; gemeinschaftlich waren ihre Erholungen . Ich , die Mittlere unter den drei Freundinnen , wurde von Anna und Amanda nur noch inniger geliebt , weil ich plötzlich kränkelte und kein langes Leben versprach . Dennoch gelang es einer guten Kur , mich von oft schrecklichen Anfällen eines Brustkrampfes zu befreien und mich bis in mein achtundzwanzigstes Jahr wiederherzustellen , wo ich auf ' s neue die Anfälle jener Krämpfe bekam , von denen man damals glaubte , daß ich sie nicht mehr ein Jahr würde aushalten können . Amanda und Anna verheiratheten sich , später als ich , die früher einen Baron von Ried ehelichte . Gerade als Baron von Ried starb , wurde Amanda die Gemahlin jenes berühmten Kriegers , dem unser Fürstenhaus zu ewigem Danke verpflichtet ist . Anna heirathete einen jungen Offizier , der seinen Abschied nahm und eine Landrathsstelle bekleidete , den Sohn des Obertribunalspräsidenten , meinen künftigen Schwager . Durch diese Heirathen statt uns zu einen , trennten wir uns . Es ist so der Gang aller Jugendfreundschaften . Ich begab mich , als Witwe , wieder leidend , wieder meiner Gesundheit wegen , auf Reisen , meine Begleitung und treue Pflege war der Obhut meiner älteren Dienerin anvertraut , die noch jetzt die Führung meines Hauswesens besorgt . Ich war in der Schweiz , in Frankreich , in Italien . Ich habe ein bewegtes Leben in meine Erinnerungen eingeschlossen und vielfach versucht , das Glück der Erde , das mir nur für kurze Zeit zugemessen schien , wahr und an der Quelle rein zu genießen . Ich reiste selbstständig und war , wenn man mich nach jetzigem Sprachgebrauch und damaliger Sitte nennen will , halb und halb emancipirt . Der Liebe dürstete mein ganzes krampfhaft bewegtes Herz entgegen : ich suchte , ich wurde gesucht , fand aber nur ein Band , das mich ganz fesseln konnte , einen , den ich liebte . Der , den ich anbetete , hieß Heinrich Rodewald , ein junger Mann von seltener Prädestination . Zu jeder Kunst besaß er die Anlage , zu jeder Wissenschaft die Vorkenntnisse . Genial war seine Auffassung des Lebens . Es kommt so etwas nicht wieder in Eurer jüngeren zerstreuten , oberflächlichen Generation ! Er hatte erst dem Studium der Rechte obgelegen , war dann in den damaligen heiligen Krieg gezogen , kehrte mit Ehrenzeichen geschmückt heim und wollte zu den Studien zurück . Durch einen Glücksfall erwarb er eine kleine Summe , die er auf eine italienische Reise verwenden wollte . Er bedurfte dieser Anregung , um sein durch die Abenteuer des Krieges in Gährung gerathenes Blut , das nicht am Studirtische ausdauern wollte , einigermaßen zu beruhigen , den Tumult seiner Adern einigermaßen zu bändigen . Er wollte zur Rechtskunde als Lehrer dieser Wissenschaft zurückkehren und gedachte in Italien den alten und manchen eben erst entdeckten Quellen der römischen und mittelalterlichen Rechtssatzungen nachzuforschen . Dabei liebte er Malerei und Plastik und schwärmte wie damals Alle ... Ach , Ihr kennt in Eurem politischen Hader und Eurer Zeitungsbildung die majestätischen Klänge nicht , die damals durch die Herzen der Jugend tönten - Das war ein Ahnen , ein Sehnen , ein Suchen , ein Erfassen ! Das war ein Cultus der Musen , ein Forschen nach Wahrheit ... Heinrich Rodewald lebte nur in Goethe , in Dante , Rafael , in Schelling . Er kannte die Alten , studirte die mittlere Epoche und lebte fast in derselben Entwickelung wie Byron . Er dichtete nicht , aber sein Leben war ein Gedicht . O was preis ' ich ihn , da ich ihn doch hassen sollte ! Ich begegnete Heinrich Rodewald in dem ahnungsreichen , jugendlichen Rheinthale , das zwischen dem Bodensee und Chur den Anfang der Straße bildet , die durch die Via mala nach Italien hinüber führt . In Ragaz braucht ' ich die von Pfäffers an der wilden Tamina hin herabgeleiteten Bäder . O mein Prinz , ich schildere Ihnen diese Erinnerungen nicht , weil ich weiß , daß eine Zeit kommen wird , wo sie Ihnen Werth haben dürften , ich schildere sie Ihnen , um Ihnen zu zeigen , daß zwischen Ihrem Zorn , Ihrem Mistrauen , Ihrem Haß Herzen , Erinnerungen , vergangene Seligkeiten und überwundene Qualen zittern und zu schonen sind . Ich will Sie vom Standpunkte der gemeinen Neugier , der Sie mich vielleicht zeihen , auf einen höheren führen . Denken Sie an die Stunde , wo Sie einst Helenen d ' Azimont am See von Enghien zum ersten Male entgegentraten oder der Tage , da Louison Armand an den Ufern der Rhone Sie zum ersten Male sah ! Egon machte eine Bewegung ... nicht der Rührung , sondern des Unmuthes . Er mochte von Paulinen an Verhältnisse nicht erinnert werden , zu deren Kenntnißnahme sie ihm nicht würdig schien : von Jedem vielleicht , von Paulinen nicht . Pauline , seine Kälte wohl bemerkend , fuhr fort : Mein Prinz , seit dem Tage , als ich in dem kleinen Abteigarten von Ragaz mit meiner Führerin , Charlotte Ludmer , lustwandelte und der Blumen mich erfreute , die dem steinigen Boden an einem kleinen Springbrunnen entsprossen , als mir Heinrich Rodewald da zum ersten Male entgegentrat , in seiner hohen , männlichen Schöne , in braunen Locken , in edler , freier Stirn , halb noch etwas Militairisches in seinem Wesen , halb der sinnende Gelehrte ... und ein Ton aus seinem Munde drang , ein Organ , ein Klang , ein Hauch , würdig , die Worte eines Geistes zu tragen , der immer tief , immer lieblich und eigenthümlich in seinen Wendungen war ... werden Sie nicht ungeduldig , Prinz ! O , es wird eine Stunde kommen , wo jedes Atom der Erinnerung an Heinrich Rodewald Sie erschüttern wird ... Ich höre ja ! Ich höre ja ! sagte Egon ungeduldig ; aber was soll mir Heinrich Rodewald ? ... Rodewald , fuhr Pauline scharf und den Ton jetzt desto schärfer auf diesen Namen legend , fort , Rodewald war jünger als ich . Unser Verhältnis war erst Werthschätzung , dann Liebe und als ich Elende von meinen Leiden gefoltert wurde , war ich selbst von der Freundschaft beseligt , die einer Liebe folgte , deren Band durch eine neue Ehe zu heiligen von manchen Vorurtheilen der Welt verhindert wurde . Ich muß mir leider versagen , Ihnen zu schildern , wie ich mit Rodewald stand , als ich nach neun Jahren des innigsten Zusammenhanges mit ihm , der sich auch nach der Rückkehr aus Italien von Weltvorurtheilen nicht stören ließ , in einem tirolischen Badeorte Landeck , die Freude hatte , mit meiner geliebten Amanda , damaligen Gräfin Hohenberg , zusammenzutreffen . Welche Frau ! Wie sanft und gut ! Wie weich und zart ! Prinz ... werden Sie nicht ungeduldig , es ist Ihre Mutter ... ich darf wohl hinzufügen , daß die Gräfin Hohenberg sehr unglücklich verheirathet war . Ich lasse über diese Saison von Landeck , über die Folgen derselben einen Schleier fallen ... Warum ? Erzählen Sie ! Ich kenne das unglückliche Loos meiner Mutter - Mein Prinz , ich schweige . Sie wissen nichts von dem Allen . Ich will Ihnen nur sagen , daß die Freundschaft zwischen mir und der plötzlich zur Fürstin erhobenen Amanda sich nicht erhalten hat . Ich war von meinen Brustkrämpfen dem Tode oft nahe und glaubte zu sterben . In Ems erwartete ich mein Ende . Meine Schwester Anna kam , sie kam mit ihrer Tochter , einem Engel von sechszehn Jahren , einer halben Waise ( der Vater war soeben gestorben ) Rodewald stand mir zur Seite ... man erwartete meine Auflösung . Anna hatte sich nur losgerissen , um mich noch einmal zu sehen . Sie mußte zurück zur Ordnung ihrer Erbschaft . Ich bat sie , mir ihr Kind Selma zur Seite zu lassen . Sie willigte ein . Die Ludmer bedurfte einer Unterstützung in meiner Pflege . Ich starb aber nicht ... ein Jahr lang glaubt ' ich , daß jeden Tag mein Ende nahe . Rodewald und Selma sollten , Das war noch mein letzter Wille , noch meine heiligste Lebensaufgabe , sich dauernd vereinigen ... Selma und Rodewald sollten ... Egon hob sein Haupt und erstaunte über die Verwirrung , die sich Paulinen ' s plötzlich bemächtigte . Sie war schon längst aufgestanden , athmete laut , machte einen Gang durch ' s Zimmer , rückte an den Sesseln , warf sich auf ein Canapé , drückte den Kopf auf ein Kissen und bat um eine Minute Zeit , sich zu erholen . Ist Ihnen nicht wohl , gnäd ' ge Frau ? fragte er und wollte klingeln . Nein , nein , stöhnte sie . Ich erhole mich ... Nach einer Weile fuhr sie fort : Ich gestehe Ihnen , Fürst , daß ich mir damals einbildete , eine Heroine , ein Engel an Kraft und Entsagung zu sein . Ich wollte Selma und Rodewald verbinden , ich wollte , daß sie einig würden , ich lenkte das Herz des Kindes meiner Nichte mit Gewalt , ich zwang sie , in Heinrich das Alles schon zu finden , was sie vielleicht noch nicht suchte . Ich kann , ich darf Ihnen nicht sagen - Ihnen nicht , Prinz - was mich bestimmte , von der Welt scheidend die Beruhigung mitzunehmen , daß Rodewald und nur Selma sich liebten , keine Andere , keine Andere ... Warum mir nicht ? Warum Ihr Zorn ? Ihr neu entflammter Haß ? Wen sollte Rodewald nicht lieben .. ? Dringen Sie nicht in mich , Prinz ! Ich will nichts erzählen , nichts aufklären , ich will Sie nur auf Wege führen , wo Sie Achtung und Schonung für mich lernen sollen , Prinz ! Ja , es mag Rache gewesen sein , daß ich Rodewald und Selma wie die Schlange am Baume des Paradieses verband . Aber der Himmel strafte mich ! Strafte mich durch seine Gnade ! Ich genas , Prinz ! Ich genas ! Ein kluger und kundiger Arzt lehrte mich eine Diät , die ich nie gekannt hatte . Die Bäder von Ems linderten den Reiz meiner Nerven . Ich genas , Prinz ! Völlig ! Völlig ! Die Natur hatte sich gefunden . Und als ich froh in ' s Leben zurückkehrte , nun wieder nach Rodewald dem Geliebten suche , ist er entflohen , mir entflohen . Selma war ein Kind . Sie , dacht ' ich , wird von ihrer Leidenschaft bald geheilt sein . Aber mein Freund ? Wo ist Rodewald ? Er war verschollen . Nicht die Liebe zu Selma , die ihn wohl nie innerlichst ergriffen hatte , hatte ihn fortgetrieben von unsern Wohnungen ; Überdruß am ganzen Leben , Ekel , schrieb er mir einst , an Allem , Ekel aber am meisten an dem Weibe , Ekel am Weibe ! Vielleicht der Kummer und Unmuth über Erfahrungen , die Sie einst noch entdecken werden ... aber Selma liebte ihn . Ich Thörin hatte die Knospe ja selbst entblättert ! Das Kind lebte nur für Den , den ich es gelehrt hatte , als einen menschgewordenen Gott zu verehren . Rodewald , aus Motiven , die ich nur ahnen kann , floh mich , floh alle Welt , er war sich selbst zur Last , zur Qual geworden und mit den Worten : Läuterung ! Läuterung ! nahm er schriftlichen Abschied nach einer Gegend , wo ich ihn nicht mehr sehen sollte und wohin er mit Selma , die nicht mehr von ihm lassen wollte , auf immer verschwunden ist . Aber meine Mutter ? bemerkte Egon und verrieth auf ' s neue die Ungeduld , auf die Bahn ihrer Denkwürdigkeiten einzulenken . Ihre Mutter ? sagte Pauline vor sich hin und machte eine Miene voll Bitterkeit ... Daß Ihre Schwester Anna von Harder Sie hassen mußte , tödtlich hassen muß , erkenn ' ich , sagte Egon . Sie haben die Blüte des jungen Gefühls ihrer Tochter vergiftet - haben , wie Sie , mir unbegreiflich , sagen , aus Rache die Genugthuung haben wollen , daß Rodewald , durch den Tod von Ihnen getrennt , nur Selma liebt ... Sie haben einer Mutter ihr Kind geraubt ... Selma von Harder ? Selma ... Wer erinnerte mich einst an eine Selma ... Egon konnte sich nicht besinnen , daß man ihm von einer Selma Ackermann gesprochen hatte ... Pauline fuhr fort : Meine Schwester haßt mich nicht . Sie gehört zu Denen , die überwunden haben . Weiß sie doch , daß unter dem Raube ihres Kindes Niemand furchtbarer litt als ich . Ich hatte das Leben wieder und das Licht meines Lebens war ausgelöscht . Was war mir die Welt ohne Rodewald ? Er war dahin , für ewig ! Das Gefühl , das mich ergriff , war nicht das der innern Vernichtung , der zerschmetterten Ohnmacht . Wie konnt ' ich auch ? Ich war ja gesund ! War ja dem Leben wiedergegeben ! Ich raste . Ich hatte keine Besinnung mehr . Ich glaubte , im Strudel der Welt meinen innern Schmerz betäuben zu können . Ich warf mich in diesen Strudel und beging Thorheit über Thorheit ; denn die Menschen sollten sehen , daß ich lachen konnte . Alle Welt kannte den Vorfall mit Selma , meiner Nichte , die ich zu meiner eigenen Mörderin erzogen hatte . Anna , Witwe , ihres Kindes beraubt , vermied mich und trauert bis diesen Augenblick . Zehn Jahr mocht ' ich so gegen mich selbst gewüthet und die Freude gesucht haben , um nur nicht zu hören , daß man lachte und meine Thränen sah ... als ich endlich ermattet niedersank und Einkehr halten wollte . Amanda , Anna , alle meine Freundinnen hatten schon seit Jahren diese Einkehr begonnen . Ach , sie hatten sich Alle Irrthümer vorzuwerfen , Alle waren sie von der damaligen großen wogenden Frühlingszeit ergriffen und das Blut hatte ihnen in den Adern gerollt , wie aus Sympathie mit dem großen Wachsthum der Zeit und der Geister ... Prinz , ich gestehe Ihnen , daß ich die Art von Läuterungen , die damals Sitte waren , nicht begreifen konnte . Beten , hinter gemalten Glasfenstern knieen , das Orgelspielen lernen , das dies irae vierstimmig singen helfen ... diese Läuterungen waren die Wiederkehr der alten Eitelkeit , nur in andern Formen . Ich wurde bitter über die Vergangenheit , über mich , über Andre . Ich heirathete zum zweiten male . Ich schrieb ... Ich schrieb » Amarantha « . Eine Satyre gegen meine Mutter ... Sagen Sie nicht , gegen Ihre Mutter ! Sagen Sie , eine Satyre - nein , auch Das ist nicht das Wort - eine Anklageschrift , ein Zorngericht über die Seelen , die Alle , Alle gesündigt haben und durch Heuchelei die Vergebung des Himmels antizipirten ... Meine Mutter war schwach , aber sie heuchelte nicht ! antwortete Egon . Sie war schwach , Das ist das Wort , Prinz ! Schwach - Sie meinen doch wol an Charakter ? Aber diese Schwäche an Geist gaben diese Büßerinnen , diese Cantatensängerinnen für Stärke aus ; Das forderte mich heraus . Ich warf ihnen den Handschuh hin , » Amarantha « , die Allen galt , nicht nur Ihrer Mutter , auch meiner Schwester , Allen , die empfindsam wurden , weil sie nicht mehr empfinden konnten ... Egon war zu scharfsichtig , dachte zu klar über seine Mutter , zu klar über Das , was er Alles in Genf erlebt hatte , um Paulinen von Harder nicht im Grunde der Seele Recht zu geben . Er sah da eine leichtsinnige , aber stark-begabte , sehr merkwürdige Frau vor sich , die ihm in dieser aufrichtigen Buße , die sie sich durch ihre Geständnisse auferlegte , sogar schon eine gewisse Achtung abgewann ... Mein Prinz , fuhr Pauline fort , ich bin zu Ende . Eine andere Zeit ist gekommen , neue Anschauungen haben den Thron der alten umgestürzt . Wer glücklich noch sein will , schließt sich ab und sehnt sich nach Ruhe . Alle Welt sprach von den hinterlassenen Denkwürdigkeiten Ihrer Mutter ... ich wußte , daß sie mich haßte . Ich mochte nicht , daß der letzte Rest meines Lebens , der an Reue und Verdruß überreich ist , noch verbittert werde durch die Enthüllung und Entweihung des Begrabenen . Zehn Jahre nach Rodewald ' s Flucht heirathete ich Herrn von Harder , meinen eigenen Schwager . Ich war damals schon vierzig Jahre . Sie sehen , Prinz , wie aufrichtig ich in meiner Biographie bin . Mein Gemahl steht dem Hofe nahe ... es gibt der Rücksichten mancherlei ... ich will Ruhe haben und hasse alle gewaltsamen Erschütterungen ... die Denkwürdigkeiten Ihrer Mutter mußt ' ich besitzen . Zeitlebens hab ' ich immer dienende Hände gefunden , die gern für mich eintraten ... man hat viel aus Liebe zu mir gethan ... mehr , als ich wollte , mehr , als ich oft mochte , guthieß ... o Gott , es knüpft sich viel an meinen Namen , was nicht ganz aus meiner Seele floß ! Pauline wollte das Haupt senken , aber sie mußte aufhorchen . Es war ihr , als hustete im Nebenzimmer die Ludmer ... Wir werden gestört , sagte Egon und faßte sich kurz . Ich bin vollkommen auf dem Standpunkt , gnädige Frau , den Sie mir bezeichnet haben . Ich denke nicht kleinlich von Ihnen . Ich bin nicht befugt , der Richter Ihres Lebens zu sein . Einen schlimmen Gebrauch von diesen Denkwürdigkeiten werd ' ich nie machen . Besorgen Sie Das nicht ! Nie ! Ich verspreche Ihnen ... Sie glauben also , Amanda hätte mich angeklagt ... unterbrach ihn Pauline erschüttert von dem Wort , das ihr so gekommen war : » Es knüpft sich Vieles an meinen Namen , was nicht ganz aus meiner Seele floß ! « O ich ahne es , Frau von Harder , rief Egon mit aufwallender leichter Rührung . Sie waren tief beschämt , als Sie diese Blätter lasen und nichts , nichts von einem rachedürstenden Herzen fanden ... Pauline schwieg ... Räumen Sie Ihrer Feindin die Gerechtigkeit ein ! Sagen Sie , daß meine Mutter großmüthig war ! Sie war großmüthig ! Egon wurde ergriffener und sprach still für sich : Gute Mutter ! Vergib deinem Sohne ! Dann wandt ' er sich an Pauline : Geben Sie die Blätter ! Noch diese Nacht will ich sie auf meinem Lager mit Thränen netzen . Prinz , sagte Pauline jetzt mit entschiedener Wendung , diese Blätter ! Ich gebe sie Ihnen nicht . Wie ? Das wäre das Ende Ihrer Mittheilungen ? rief Egon . Wenn