diese ist er eine große , bewegende Kraft . Wie ein geübter Steuermann auf offenem Meere steht der Kaufmann in der Handelswelt fest auf seinem Platze . Die stille Mondnacht , die sanft hingleitende Woge dürfen seine Wachsamkeit nicht einschläfern , der Aufruhr der Elemente und das Toben des Sturmes seinen Sinn nicht verwirren ; denn nicht allein sein eigenes Wohl und Wehe , das Wohl und Wehe Anderer ist seiner Hand anvertraut . Mitten im tobenden Kampfe , mitten im wilden Kriege muß er des Friedens und der Ruhe , in der Ruhe an die Möglichkeit des Kampfes denken . Er muß das Bedürfniß des Augenblicks erkennen , das Bedürfniß der Zukunft voraussehen . Um die eigene Sicherheit , den eigenen Wohlstand zu begründen , muß er jeden vorhandenen Mangel zu errathen wissen und ihm abzuhelfen trachten . Wo ein Ueberfluß sich zeigt , wo eine Noth sich fühlbar macht , tritt er ein . Nord und Süd , Ost und West treffen in seinem Geiste zusammen , erhalten ihre Ausgleichung und ihre Vermittlung durch seinen unternehmenden Sinn , und wie er bei den großen geschichtlichen Ereignissen ihre Ausführung ermöglichen hilft , so begegnet er dem alltäglichen Anspruche in der entlegensten Hütte . Was der grübelnde Forscher entdeckt , was der tiefsinnige Denker ergründet , der Kaufmann versucht , es für die Allgemeinheit durch seine Thätigkeit nutzbar zu machen . Alles Vorhandene muß ihm dienen , weil auch er sich allem Vorhandenen dienstbar macht ; und der Handel wird es auch jetzt wieder sein , der Kaufmann wird es sein , welcher jenen gewaltigen Erfindungen , welcher der Benutzung der Dampfkraft , wie sie in England und Amerika schon jetzt im Gange ist und wie wir sie in unserer Neudorfer Fabrik bald selbst anwenden werden , jene Ausbreitung über den ganzen Erdball sichert , durch welche sich Zustände und Verhältnisse entwickeln können , die wir noch kaum vorauszusehen vermögen , obschon sie vielleicht eine ganz neue Zeit für die Menschheit heraufzuführen geeignet sind . Er brach nachsinnend ab ; aber die beiden Anderen , von Paul ' s Begeisterung für seinen Beruf mit ihm fortgerissen , erwarteten schweigend , ob er nicht weiter sprechen würde . Es war selten , daß er sich in solcher Weise gehen ließ , denn er war durch seine große Thätigkeit gewohnt , sich in der Unterhaltung meist nur auf das Thatsächliche zu beschränken , und es überraschte ihn selbst , als er so warm geworden war . Es muß wahrhaftig hier in diesem Zimmer liegen ! rief er wohlgemuth , als Herbert seine schöne Wärme pries . Als Knabe schwärmte ich hier für eine Zukunft , die mir in nebelhaft wechselnden , aber stets sehr phantastischen Bildern vor den Augen schwebte ; nun , am erreichten Ziele , im Mannesalter schwärme ich für meinen Beruf und sehe in neuen Nebelbildern eine neue Zeit für die ganze Menschheit erstehen . Steinert begnügt sich doch wenigstens , mit einem Schöpfer gemeinsame Sache zu machen ; ich möchte schaffen aus eigener Gewalt , und wer ein Kaufmann in großem Sinne sein will , muß in der That ein Stück Allwissenheit für sich zu erringen trachten , denn wir sitzen vor allen Anderen , wie es der Dichter singt , auch mit an dem sausenden Webstuhl der Zeit und wirken , wenn auch nicht der Gottheit , so doch der Menschheit lebendiges Kleid . Dreizehntes Capitel Am ersten Oktober sollte die Uebergabe der beiden Artenschen Güter an ihre neuen Besitzer vor sich gehen und gleichzeitig auch die Verpachtung von Richten an den bisherigen Amtmann ihren Anfang nehmen . Das veranlaßte den jungen Freiherrn , von seiner künftigen Schwiegermutter die Festsetzung des Hochzeitstages in die dritte Woche des Septembers zu begehren , und die Gräfin widersprach diesem Wunsche nicht . Sie fand es natürlich , daß Renatus noch in der Kirche getraut zu werden wünschte , so lange sie sein eigen war , und ihr selbst war daran gelegen , so bald als möglich mit Hildegard zusammenzutreffen , die , aus dem Bade zurückgekehrt , nicht füglich länger bei ihrer Freundin in dem Stifte verweilen konnte . Weil man es unter den obwaltenden Umständen in keiner Rücksicht angemessen fand , eine große Feierlichkeit bei der Hochzeit zu veranstalten , hatte man keine besonderen Vorkehrungen für dieselbe zu treffen . Renatus hatte seinen ältesten Oheim , den Majoratsherrn Grafen Felix Berka , aufgefordert , Zeuge seiner Vermählung zu sein ; indeß derselbe hatte geschrieben , daß ein Unwohlsein ihn daran hindere . In früheren Jahren würde Renatus gegen eine solche Angabe keinen Zweifel gehegt haben ; jetzt fragte er sich , ob sein Oheim wirklich krank sei oder ob er nur eine Krankheit vorschütze , um einem Begegnen mit dem Neffen und einem Besuche in Richten auszuweichen , und leider irrte er sich in dieser Voraussetzung nicht . Der Graf war immer ein guter Haushalter gewesen , und Erfahrung hatte ihn klug und noch vorsichtiger gemacht . Die Arten ' sche Lebensweise hatte seinem Sinne nie zugesagt ; er hatte die zweite , späte Heirath seines Schwagers , des Freiherrn Franz , eben so mißbilligt wie die frühzeitige Verlobung von Renatus , dessen jetzige Handlungsweise er vollends hart beurtheilte ; und eben weil er gern auf seiner Hut war , weil er sich gern berühmte , ein tüchtiger Landwirth zu sein und wie ein solcher auch seinem einfachen Bauernverstande zu folgen , hielt er es für gerathen , die Hand von einem Wagen loszulassen , der von einer Höhe in das Hinunterrollen gekommen war . Renatus hatte Tag und Stunde seiner Ankunft festgesetzt , Cäcilie und Valerio waren ihm bis zu dem bekannten letzten Anhaltspunkte entgegengeritten , und da der warme Mittag des sonnigen Herbsttages es ihm möglich gemacht hatte , das Verdeck seines Wagens zurückschlagen zu lassen , sah und erkannte er die Geliebte schon von Weitem . Er war glücklich , als er die schlanke und doch so volle Gestalt vom Pferde hob , glücklich , als er sie nach den Tagen eines schmerzlichen Entbehrens wieder in seine Arme schloß , als er sie neben sich im Wagen hatte und ihr von den mannigfachen Mühen und kleinen Plagen erzählen konnte , welche er für ihr künftiges Wohlbefinden in der gemeinsamen Heimath getragen hatte . Indeß diese Zufriedenheit verminderte sich , als man auf die Arten ' schen Güter kam ; denn unwillkürlich drängte es sich dem jungen Freiherrn in den Sinn , daß dies gleichsam Cäciliens Brautfahrt sei und wie ganz anders sein Vater einst seine Mutter in Richten eingeführt habe . In mancher guten Stunde seiner Kindheit hatte die Mutter ihm mit gerührter Erinnerung davon erzählt , wie die Schulzen und Schulmeister der Dörfer , geführt von dem Neudorfer greisen Pfarrer und von der ganzen Schaar der Kinder gefolgt , sie unter der Ehrenpforte begrüßt , die man an der Grenze der Güter zu ihrem Empfange aufgerichtet hatte . Wer aber von den Bauern und Instleuten machte heute in Neudorf und Rothenfeld Vorbereitungen für die am nächsten Morgen bevorstehende Hochzeit des jungen Freiherrn ? Sie wußten , daß die Uebergabe der Güter in wenig Tagen vor der Thür stand , und wenn sie von dem jungen Herrn auf ihre Weise auch viel hielten , so war es ihnen doch willkommen , den jetzigen Amtmann los zu werden und es künftig wieder mit einem von den Steinert ' s zu thun zu haben , die auf den Gütern heimisch waren und es wußten , was möglich sei und was einmal nicht möglich sei . Cäcilie konnte nicht begreifen , was ihren Bräutigam so ernsthaft stimme , was die weiche , wehmüthige Zärtlichkeit bedeute , mit der er sie umarmte und behandelte , und er liebte sie so sehr , daß er ihr ' s nicht sagte . Aber diese Liebe ward ihm selbst zum Troste und zur Beruhigung , denn in ihr , in seiner Reinheit , in seinem ungetheilten Empfinden konnte er seiner künftigen Gattin bieten , was sein Vater seiner Mutter nicht hatte gewähren können , und er gelobte es sich fest , daß Cäcilie glücklicher , als seine Mutter es gewesen , daß seine Ehe eine schöne und würdige werden solle . Sein Wille , seine Vorsätze waren die allerbesten . Er hatte an dem Tage noch eine Menge alter Familienpapiere zu ordnen , die er mit sich nach der Stadt zu nehmen wünschte , und Cäcilie , vor der er kein Geheimniß hatte , leistete ihm dabei freundlich ihren Beistand . Dieses erste gemeinsame Arbeiten half ihm über das Unbehagen fort , das ihn bei dem Eintritte in die altbekannten Räume zuerst befallen hatte , denn eben aus dem Arbeitszimmer seines Vaters und aus den eigentlichen Wohnzimmern hatte er die Möbel und Kronleuchter , die Bilder und die Zierathen in seine künftige Wohnung hinüber genommen , und die leeren Gemächer starrten ihn mit kalter , vorwurfsvoller Oede an . Er war froh , als er seine Arbeit beendet , als er die nothwendigen Besprechungen mit dem Amtmanne gehabt hatte , und als er gegen den Abend hin sein müdes Haupt in Vittoria ' s Zimmer an den Busen seiner Cäcilie lehnen , und an ihrer Schulter ruhen lassen konnte . Die Gräfin sah er wenig . Sie war den ganzen Nachmittag in ihrer Wohnung geblieben , sie schrieb an Hildegard ; die Neuvermählten sollten am anderen Tage die Briefe bis zur Hauptstadt mit sich nehmen . Die Trauung war gleich auf den nächsten Mittag festgesetzt , denn Renatus hatte nur einen möglichst kurzen Urlaub fordern mögen . Der Morgen brach mit leichtem Nebel an , aber die strahlende Freude seiner Braut ersetzte für den Bräutigam das Licht der Sonne , das nicht recht zum Vorschein kam . Cäcilie ließ hier in Richten nichts zurück , wonach ihr Herz sich sehnen konnte , und ihre höchsten Wünsche sollten heute in Erfüllung gehen . Sie wurde wider all ihr Hoffen und Erwarten dem Manne verbunden , den sie von frühester Jugend an geliebt hatte , und sie kehrte mit der Aussicht auf die erwünschtesten Verhältnisse in die Stadt zurück , nach der ihre heimliche Sehnsucht nie erloschen war . Freilich sah sie den Schatten , der sich oft über des Geliebten klare Stirne senkte , aber sie beunruhigte sich darüber nicht . Es dünkte sie ganz natürlich , daß er , der andere Rückerinnerungen hatte , sich dieser eben heute nicht erwehren konnte . Sie glaubte , es sei der Gedanke an Hildegard , der ihn bewege , und sie mißgönnte das der Schwester nicht . Sie sprach das dem Bräutigam auch aus . Er nannte sie ein schönes Herz , er küßte sie , er verhieß ihr , daß sie dieses Tages stets mit Freude denken solle , aber seine Wehmuth wollte doch nicht schwinden . Ihn zu erheitern , schlug sie ihm vor , als Brautleute noch einen letzten Spaziergang zu machen . Er zeigte sich bereit dazu . Arm in Arm gingen sie aus dem Parke in das Freie hinaus . Der Sommer war sehr günstig gewesen . Große und lang andauernde Wärme hatte mit reichlichem Regen abgewechselt und das Wachsthum der Bäume wie das Reifen der Frucht ungewöhnlich gefördert . Alles war in diesem Jahre , wie der Amtmann es dem jungen Freiherrn im Frühlinge richtig vorausgesagt hatte , mächtig vorwärts gekommen , Alles früh geerntet worden ; aber weil die Wärme noch im Herbste fortdauerte und überall noch neues Leben erschuf und das Vorhandene erhielt , merkte man es nicht sonderlich , daß die Felder schon kahl waren und das Laub an den Bäumen sich je nach seiner Weise roth und gelb gefärbt hatte . Wo es zur Erde fiel , wuchs noch überall frisches , neues Gras empor und verdeckte den Niederfall , so daß die welken Blätter nur wie Blumen aus dem Grün hervorsahen und das Abgestorbene selbst nur dazu beitrug , das Lebendige zu verschönen . Ueber den grünen Kronen der Eichen und Linden leuchteten die Wipfel schon herbstlich gelb , und feuerroth umgaben die Blätter des wilden Weines , mit seinen langstengligen violetten Trauben , den von unzähligen Silberfäden übersponnenen Schlehdorn , der auf den Rainen zwischen den einzelnen Feldern wuchs und grünte . Der Tag hellte sich selbst gegen den Mittag nicht vollkommen auf , aber die Luft war mild . Der feine Nebel , der über der ganzen Gegend liegen blieb , hatte noch nichts Herbstliches an sich . Nur wie ein vorübergehender Gast zog er durch die Gegend , man fühlte , daß er noch nicht schwer und dicht genug sei , sich dauernd in ihr festzusetzen . Er zog gewiß in wenig Stunden fort . Ach , auch Renatus zog in wenig Stunden fort , und wenn er wiederkehrte - war dies alles nicht mehr sein ! Wie ihr Weg sich wendete , kam der Duft der letzten Heumahd zu ihnen herüber , traf der Geruch des abwelkenden Kartoffelkrautes hier und da den Sinn . Auf den frisch geackerten Feldern streiften Dohlenschwärme hüpfend umher , die Nahrung zu suchen , welche Pflug und Egge für sie aus der Tiefe hervorgeholt hatten , und schwangen sich dann rauschend in die Luft , im schnellen Fluge einen andern Acker zu besuchen . Hier sprang ein Hase mit gespitztem Ohr in weiten Sätzen durch ein Kohlfeld in das Weite , dort schoß aus einem Kartoffelfelde , dicht vor den Augen der Frauen , welche die Ernte in Säcke einsammelten , ein Volk Rebhühner , den Hahn an der Spitze , knatternd empor . Die Gänse auf dem nahen Stoppelfelde reckten darüber verwundert die Hälse in die Höhe , und bellend folgte ihnen der Hund des Verwalters , der die Aufsicht über die Ernte führte . Welch prächtige Jagden hatte man zu des verstorbenen Freiherrn Zeiten auf diesen Feldern gehabt ! Welch lustige Jagden noch in den Jahren , als Renatus mit seinem Regimente vor dem russischen Kriege nach Richten gekommen war ! Er mußte sich heute der rückblickenden Gedanken zu entschlagen suchen , sie thaten ihm nicht wohl ; an den Genuß der Stunde mußte er sich zu halten suchen , und sie sahen ja auch so schön aus , diese rothblühenden Tabacksfelder , sie waren ihm schon in seiner Kindheit mit den fremdländischen Blättern und Blüthen eine Augenlust gewesen . Die Vögel sangen noch in den Zweigen , aber sie lockten nicht mehr . Es war Alles erreicht , Alles gesättigt . Es lag die sanfteste Ruhe über der Gegend , jene Ruhe , die es errathen läßt , daß die Stunde des Schlummers nicht mehr fern ist und daß er sich bald herniedersenken werde . Die schwermüthige Empfindung des Freiherrn wurde immer mächtiger . Er hatte stets ein lebhaftes Gefühl für die Schönheit der Natur gehabt , und sie war ihm nirgends lieblicher , nirgends anmuthender erschienen , als auf dem Boden , den er sein eigen genannt hatte bis auf diesen Tag . Jetzt erst gewahrte er , wie viel Antheil er in diesem letzten Sommer mittelbar an den wechselnden Beschäftigungen auf den Gütern genommen hatte , wie viel Freude das Wachsen und Gedeihen dessen , was sein gewesen , ihm , fast ohne daß er sich dessen bewußt gewesen war , bereitet hatte . Er mußte seiner Braut den Vorschlag zur Heimkehr machen , wenn er sie nicht erkennen lassen wollte , was in ihm vorging - und es war ja ihr Hochzeitstag . Um zwei Uhr fuhr man nach der Kirche . Vorauf der Edelmann , mit welchem Renatus bei Steinert gewesen war , und ein anderer seiner näheren Bekannten aus der Nachbarschaft . Sie waren die Trauzeugen des freiherrlichen Paares . Dann die Gräfin und Vittoria mit ihrem Sohne : das Brautpaar machte den Schluß . Sonst hatten die Landleute sich von der katholischen Kirche fern gehalten , heute war sie voll von Menschen . Sie waren aus allen drei Dörfern herbeigekommen , der Trauung beizuwohnen , den jungen Herrn noch einmal zu sehen ; und sie , die trotz ihrer verhältnißmäßigen Armuth sich die lustige Hochzeit nicht leicht versagten , hatten Mitleid mit dem Freiherrn , der nicht mehr ihr Herr war . Es war anders gewesen vor jenen Jahren , als der Vater und vollends als der Großvater des jungen Freiherrn geheirathet hatten . Es lebten noch alte Leute , die von ihren Eltern davon erzählen hören , wie dazumal die Wagen vorgefahren waren vor das Schloß , wie das ganze Schloß und der Park erleuchtet gewesen waren und die großen Pechtonnen überall gebrannt hatten . Etwas von diesen Erinnerungen mochte wohl auch in dem Geiste des Bräutigams wieder lebendig werden . Er war sehr ernst , das war natürlich ; aber er war auffallend bleich . Was er dachte ? Er konnte es in diesem Augenblicke nicht sagen ; indeß Cäcilie verstand ihn , und es ging ihr tief zu Herzen , als der Geistliche sie für die Ehe einsegnete und sie den festen treuen Druck von des Geliebten Hand empfand . Auf gute und auf böse Tage , für Leben und Tod sollte dieses unauflösliche Testament sie verbinden , und Renatus wußte was er damit übernahm , und war in sich entschlossen , es zu halten . Seit er zu einem eigenen Urtheile gekommen war , hatte er immer groß von der Ehe gedacht , und seine Liebe für Cäcilie machte ihm zum Glücke , was er ohnehin als seine Pflicht erkannte . Durch das hohe Portal des schönen Baues fiel hell die Sonne herein , als das Brautpaar , vom Altar kommend , in das Freie trat . Sie war zum ersten Male an diesem Tage zum Durchbruche gekommen . Das soll uns ein gutes Zeichen sein , sagte Renatus zärtlich , fasse Muth wie ich , wir werden glücklich sein ! Die Worte erschreckten Cäcilie . Sie hatte nie an ihrem Glücke gezweifelt , sie war glücklich und es freute sie Alles : der Sonnenschein und die Glückwünsche der beiden sie begleitenden Freunde , welche sie Frau Baronin nannten , und der Zudrang der Frauen aus den Dörfern , die ihr schönes Hochzeitskleid so nahe als möglich sehen wollten , und das oft wiederholte : Leben Sie wohl , gnädiger Herr ! Leben Sie wohl , gnädiger Herr ! - bei dem die Alten weinten und das dem Freiherrn fast das Herz zerriß . Während man noch unter dem Portale stand und der Wagen vorfuhr , fielen die Augen der jungen Frau auf das Gärtchen , welches die Gruft umgab . Die weißen Rosen , welche der verstorbene Kaplan dort nach dem Kriege neu gepflanzt hatte und zu deren Füßen er begraben worden war , blühten , von dem milden Herbste begünstigt , noch in voller Pracht . Auch Renatus hatte seine Blicke dorthin gewendet . Sollte dieser kleine Raum doch bald das Einzige sein , was ihm von dem Besitze der beiden großen Güter Neudorf und Rothenfeld verblieb ; und als errathe seine junge Frau , was in seinem Innern vorging , sprach sie den Wunsch aus , eine von diesen weißen Rosen zum Andenken mit sich zu nehmen . Valerio eilte , einen Zweig zu brechen , und reichte ihn der Schwägerin , wie er Cäcilie mit Selbstbewußtsein nannte ; als sie die Blume aber an ihrer Brust befestigen wollte , hielt Renatus sie davon zurück . Die weiße Rose hatte in dem Artenschen Geschlechte , wie Mamsell Marianne ihm als Knaben erzählt , immer eine traurige Bedeutung für die Frauen gehabt ; er wollte nicht , daß seine Frau sich heute , eben heute mit den weißen Rosen schmücken sollte , die vor der Familiengruft erwachsen waren , und ihr die Rose abnehmend , steckte er sie in das Knopfloch seines Rockes . Selbst den Schatten einer übeln Vorbedeutung wollte er von dem Weibe abwenden , das er liebte und das sich und seine Wohlfahrt ihm für die Zukunft anvertraute . Das Mittagbrod war , weil die eigentlichen Empfangszimmer jetzt der gehörigen Einrichtung entbehrten , in dem Ahnensaale hergerichtet worden . Man hatte ihn mit Laub und Blumen freundlich aufgeschmückt , aber er war zu groß , viel zu groß für die kleine Tafel , für die geringe Anzahl von Personen , und Renatus wie seine beiden Freunde empfanden dieses Mißverhältniß lebhaft . Die Trinksprüche , welche sie auszubringen für Pflicht erachteten , die Erinnerung an die Ahnenreihe , die man eben in diesem Raume bei solchem Anlasse wachzurufen kaum unterlassen konnte , hatten etwas Peinliches für alle Theile , und die schlecht verhehlte Traurigkeit , die bei jedem Anlasse hervorbrechenden Thränen der Gräfin , waren auch nicht dazu angethan , dem jungen Freiherrn die Seele zu befreien . Er wußte , wem vor Allen diese Thränen flossen . Das Einzige , was ihm das Herz erhob , war Cäciliens ungetrübte Freude , war die Hingegebenheit , mit welcher sie in seine Arme sank . Er war froh , als er am andern Tage sein Schloß verlassen hatte , als die Grenzsteine der Arten ' schen Güter hinter ihm lagen und er mit seinem jungen Weibe einem eigenen , neuen Leben entgegenging . Das öde gewordene Schloß hatte allen heimathlichen Reiz für ihn verloren , es war ihm nur noch eine traurige Mahnung an bessere Tage gewesen , und er hatte die Stunde , es zu verlassen , kaum erwarten können . Die jungen Eheleute legten den Weg nach der Residenz so schnell zurück , als die damaligen Verhältnisse es gestatten wollten . Cäciliens tüchtige Gesundheit hatte eine solche Anstrengung nicht zu scheuen , und Renatus war nicht mehr sein eigener Herr . Der Dienst nöthigte ihn , Zeit und Stunde einzuhalten . Voll der hellsten Erwartungen langte die junge Frau in der Hauptstadt an , und ihres Gatten Liebe hatte all ihr Hoffen zu übertreffen gewußt . Gegen das weite , in jedem Sinne unwirthlich gewordene Schloß nahm sich das wohnliche Stadthaus um so freundlicher aus , und selbst den Freiherrn wollte es bedünken , als genieße er die Gegenstände , welche er aus Richten hieher verpflanzt hatte , hier mehr als dort , weil man sie näher beisammen hatte . Cäcilie aber , die sich erst jetzt als die Besitzerin dieser Einrichtung zu denken anfing , die nebenher ihrem Gatten für die vorsorgliche Großmuth zu danken hatte , mit welcher er allem ihrem Bedürfen begegnet war , kannte in ihrer Freude keine Grenze , und das Bewußtsein , hier von jetzt an unumschränkte Herrin zu sein , Alles nach eigenem Gefallen und Ermessen ordnen und bestimmen zu können , gab ihr schnell ein gewisses Selbstgefühl , das ihr sehr wohl anstand . Wohin Renatus mit seiner jungen Gattin in den ersten Tagen kam , auf den Spaziergängen , bei den Fahrten im Parke , im Theater und in dem zufälligen Zusammentreffen mit seinen näheren Bekannten , sah er es mit Genugthuung , wie die Blicke der Männer ihr wohlgefällig folgten , wie die unverhohlene Aeußerung ihres Vergnügens ihr schnell die Neigung aller derjenigen Personen gewann , welche sich an der Natürlichkeit und Ursprünglichkeit eines Andern zu erfreuen vermögen ; aber es entging ihm daneben nicht , daß die Frauen ihr die gleiche Gunst nicht angedeihen ließen . Ihr selber fiel es auf , wie geflissentlich man sich danach erkundigte , ob ihre Mutter auch nach der Hauptstadt kommen werde , ob sie der Trauung beigewohnt habe , oder ob dieselbe bei ihrer leidenden Tochter im Stifte gewesen sei . Und ehe Cäcilie noch auf solche Fragen Antwort ertheilen konnte , war man in der Regel in eine so übertriebene Lobpreisung der abwesenden Schwester verfallen , daß sie zu einer Kränkung für Cäcilie wurde . Es ist unerträglich ! rief Renatus ungeduldig aus , als er seine Frau einer ihrer Anverwandten zugeführt hatte , welche Ober-Hofmeisterin und von dem Könige wohl gelitten war . Diese Heiligsprechung Deiner Schwester soll mir und Dir ein Vorwurf sein , und wir danken sie ohne Frage eben so wohl Hildegarden selbst als Deiner Mutter und meinem Oheim Gerhard ! Wir werden nöthig haben , auf unserer Hut zu sein ! Cäcilie , welche die Welt nicht kannte , wollte davon nichts hören . Sie war in dem Besitze ihres Gatten so wohlbefriedigt , daß sie der Schwester , welche solch ein Glück entbehrte , jede Anerkennung , daß sie ihr alles , was dieselbe nur irgend erfreuen konnte , von ganzem Herzen wünschte , und ein förderliches Ereigniß kam dazu , Cäciliens unbedingtes Vertrauen in ihre Zukunft zu erhöhen und zu festigen . In den Regimentern , welche eben jetzt erst aus Frankreich zurückgekehrt waren , fand die erwartete Entlassung der älteren Offiziere Statt , und da auch einige jüngere Offiziere nach dem beendeten Feldzuge den Abschied forderten , erhielt Renatus kurz nach seiner Hochzeit und wenige Tage , nachdem die Uebergabe seiner Güter an ihre neuen Eigenthümer erfolgt war , seine Ernennung zum Major . Er hatte darauf mit einer gewissen Sicherheit rechnen können , dennoch überraschte ihn das Zutreffen dieser Voraussicht angenehm . Er gewann damit eine neue , selbsterworbene Bedeutung in dem Augenblicke , in welchem er auf den größeren Theil seiner ererbten Güter hatte verzichten müssen , und der Besitz des neuen Grades würde ihn noch mehr befriedigt haben , wäre durch die Erlangung desselben nicht seinem Selbstgefühle eine Beschränkung auferlegt worden , die er vielleicht in keinem andern Zeitpunkte als eine solche angesehen haben würde , gegen die er aber eben jetzt empfindlich war . Er war sehr jung Offizier geworden , hatte im Felde die fortschreitenden Grade und frühzeitig die Schwadron erhalten ; aber er war der Gesellschaft gegenüber und überall , wo er sich nicht im militärischen Dienste befunden hatte , der Freiherr von Arten geblieben . Niemand hatte ihn Lieutenant oder Rittmeister genannt , seine persönliche Bedeutung als ein Edelmann aus altem Hause hatte über seinem Amte gestanden . Er hatte auch seinen Dienst immer nur als eine freiwillig übernommene Leistung angesehen , von der er sich entbinden konnte , sobald es ihm beliebte , sich auf seine Güter zurückzuziehen und dort in der vollen Unabhängigkeit des grundbesitzenden Edelmannes seine Tage zu verleben . Das Gehalt , welches er als Offizier bezogen , war ihm stets unwesentlich erschienen neben den standesmäßigen Bedürfnissen eines Freiherrn von Arten-Richten , und er hatte sich und Anderen oft den Ausspruch seines Vaters wiederholt : daß ein Edelmann immer dem Könige ein Opfer bringe , wenn er , fern von seinen Gütern im Heere dienend , auf alle die Annehmlichkeiten verzichte , deren er in seinem Schlosse und auf seinem Grund und Boden sicher sei , während er in der Stadt zu einem Geldaufwande genöthigt werde , welcher in gar keinem Verhältnisse zu seinem Solde stehe . Jetzt aber war das alles anders geworden . Renatus konnte zwar noch an jedem Tage den Abschied nehmen , um als ein Landedelmann auf seinem Grunde und Boden zu leben ; aber die Ausdehnung dieses Grundes und Bodens war nicht mehr die alte , er war kaum noch zum dritten Theile sein eigen , und selbst über dieses Drittheil seines einstigen Besitzes hatte er nicht mehr die Möglichkeit einer völlig freien Verfügung . Nur im Schlosse und im Parke konnte er noch nach seinem Belieben schalten , und auch das Schloß war jetzt nicht mehr die alte wohnliche und prächtige Heimath , nach welcher seine Gedanken , wo er sich auch befunden hatte , immer gern gewandert waren . Die Eindrücke , welche er in seiner letzten Anwesenheit in Richten empfangen hatte , waren ihm sehr quälend gewesen . Die bloße Vorstellung , durch Neudorf und durch Rothenfeld als ein Fremder hinfahren zu sollen , widerstrebte ihm . Er mochte auch mit dem Amtmanne nichts zu thun haben , der für sechs Jahre jetzt in Richten Herr war , er würde sich in seinem Parke wie ein Gefangener erschienen sein , da er außerhalb desselben nicht mehr unumschränkt gebot , mit Einem Worte , er mochte nicht mehr gern an Richten denken , es hatte aufgehört , die Heimath für ihn zu sein , und sein Majorsgehalt war jetzt nicht mehr ein unwesentlicher Theil in seinen Einkünften , er war auf dasselbe mit seinen Bedürfnissen zum Theile angewiesen . Die Pferde , der Diener , welche der Staat jedem Offizier hält , waren ihm jetzt eine Erleichterung , die er nicht wohl entbehren konnte . Er mußte darauf sehen , sich auszuzeichnen , wenn er vorwärts kommen , wenn er seine gesellschaftliche Stellung behaupten wollte , und vorwärts kommen hieß jetzt für den Freiherrn im militärischen Dienste Stufe um Stufe ersteigen . Er war mit seiner Zukunft an den Dienst gekettet . Er lebte , wo der Dienst es forderte , er ging , wohin man ihn schickte , er that , was man ihm gebot , er trug das Kleid , welches der Geschmack des Königs ihm vorzuschreiben für gut befand , er durfte an des Königs Rock nach freier Wahl nichts ändern , und er mußte ihn hinwiederum ändern und ihn anlegen , wie des Königs Willkür es bestimmte . Er schnitt sein Haar , wie es befohlen war , und Zeit und Stunde waren nicht mehr sein . Er war in keinem Sinne mehr sein eigener Herr , kein freier Mann mehr , nicht mehr der wahre Freiherr von Arten-Richten . Er war der Major von Arten , er war ein Diener - wenn auch eines Königs Diener geworden , und es lebte genug von dem alten freiherrlichen Stolze seines Hauses in ihm , ihn seine Abhängigkeit in einzelnen Augenblicken bitter und schwer empfinden zu lassen . Er konnte es Anfangs nicht verschmerzen , daß man ihn nicht mehr als Baron , nicht mehr als Freiherr von Arten ansprach , daß man ihn nicht mit seinem Namen , sondern mit seinem Titel anredete , um ihm eine Ehre zu erweisen ; er hätte wie sein Vater und dessen Väter alle nur er selber , nur Herr auf seinem Schlosse sein