die Carbonari den obersten Richter der Prevotalhöfe nannten , zu tödten , hüpfte mit diesen Zeilen zur Herzogin von Amarillas , ihrer Erzieherin , ihrer Hofdame , wie man sagen konnte - Tiburzio Ceccone lebte auf fürstlichem Fuß und erzog das Kind der im Kloster der Vivi sepulti lebenden Mutter , die den Tod verwirkt hatte , wie sein eigenes - was gab es da nicht alles zu verschweigen und mit Schleiern zu bedecken ! ... Die Herzogin zeigte dem Cardinal Abends beim Thee die in leiblichen Versen vorgetragene Bitte des jungen Schweizerlanciers , der Cardinal mit seinem feurigen Cäsarenkopf lachte und Wenzel von Terschka , dessen Antecedentien man noch nicht vollständig kannte , klopfte eines - an die Pforte des Collegium al Gesu ... Kommt ihr niederwärts vom ehemaligen Capitol , laßt zur Rechten jene Kapuzinerkirche liegen , wo eine kleine hölzerne Figur , in die Gewänder eines Wickelkindes eingeschlagen , » Bambino « genannt , als Jesuskind gegen alle Anfechtungen des Lebens angerufen , ja sogar aus der Kirche in Procession abgeholt wird zu Sterbenden oder zu Wöchnerinnen , so steht ihr an einem kleinen Platz vor einer Kirche , die die reichste in Rom , nicht die geschmackvollste ist ... Die Façade , die innere Ausschmückung gehört der Kunstepoche Bernini ' s. Wagen über Wagen rollen bei ihren Stufen vor , Bettler in langen Reihen berühren die seidenen Gewänder der vornehmsten Damen und reißen den Eintretenden an der Thür große lederne Decken auf , die Vorhänge bilden . Drinnen empfängt dich ein mystisches Dunkel , Weihrauch , Lichterglanz , eine stickige Luft von Tausenden . Nirgends wird so laut gebetet , so sicher gesungen , so feurig gepredigt in Rom wie hier . Marmor und Gold sind verschwendet , Grabmäler stehen mit Statuen von großen Meistern geschmückt , kostbare Kapellen laufen ringsum ; sie haben die bequeme Einrichtung , daß sie unter sich durch Thüren zusammenhängen und als trauliche Winkel dienen , in denen man hinter einem Pfeiler flüsternd verweilen oder einer im Schiff zu laut daherschallenden Kanzelrede in aller Stille folgen kann . Am östlichen Ende liegt eine kleine Ausgangsthür . Sie führt den Durchgehenden auf steinernem Fußboden in einen Nebeneingang - man sieht einen düstern Hof , in welchen Fenster eines großen todtenstillen Gebäudes hinausgehen , das sich dicht an die Kirche anlehnt . Kein Gefängniß ist es , obgleich die Fenster vergittert , ja theilweise mit Bretern vernagelt sind ; es ist das Colleg der Jesuiten ... Terschka ' s Anmeldung wurde durch die Empfehlungen des Cardinals erleichtert . Ein Oberer empfing ihn , legte ihm Fragen vor und - wiederholte diese Fragen noch einmal , nachdem sie schon beantwortet waren . Sonderbar , er fragte nach Dingen , die in vollem Gegensatz zu dem standen , was er ja soeben aus Terschka ' s Antworten gehört hatte . Sonderbar , dieser hatte gesagt : Ehrwürdiger Vater , ich hatte bereits bemerkt - ! Ein andermal : Wenn ich schon gestand , keine todte Sprache zu kennen , so kann ich doch nicht Griechisch wissen - ! Terschka ging ... Der Obere nickte ihm freundlich nach ... Niemand ließ sich aber bei ihm wieder sehen . Er wohnte noch immer bei den Benfratellen ... Er war vergessen ... Wochenlang ... Tag um Tag verging ... Terschka gerieth außer sich . Die Benfratellen klärten ihn auf . Der Obere hat Ihren Charakter prüfen wollen ! Sie sind ungeduldig ! Nur deshalb stellte er sich Ihnen vergeßlich und schwachsinnig , um zu sehen , ob sich bei Ihnen eine heftige Selbstständigkeit Ihres Wesens zeigen würde ... Terschka verstand jetzt das Benehmen des Obern . Voll Verzweiflung über sich selbst wollte er wiederum an die kleine Olympia schreiben ... Thun Sie das ja nicht ! hieß es allgemein ... So geh ' ich noch einmal zu dem Obern ! ... » Er wird Sie abweisen ! Warten Sie in Geduld ! « ... Vier Wochen wartete Terschka . Dann rief man ihn in der That wieder ... Er hatte » Geduld « bewiesen ... Ein anderer Oberer erschien und lobte Terschka , daß er sich beherrscht und nicht gemahnt hätte . Auch er fragte vielerlei und Terschka antwortete schon viel ruhiger und mit größerer Vorsicht . Nur als der Obere sagte : So bleiben Sie denn jetzt gleich hier ! und Terschka erwiderte : Ehrwürdiger Vater , ich habe erst meine Sachen zu ordnen ! da veränderten sich die Gesichtszüge des Examinators ... Wieder hatte Terschka nicht bestanden . Wieder hatte er einen andern Willen als man vorausgesetzt ... Er ging , seine Verkehrtheit schon ahnend . Und neue vier Wochen verstrichen , die er warten mußte ! Der Novize seufzte , aber er war schon demüthiger geworden . Sehnsüchtig ging er an dem Collegium vorüber , sah zu den Fenstern des riesigen Gebäudes auf ; jede Wallung , anzuklingeln und sich in Erinnerung zu bringen , unterdrückte er und als man dann ihn endlich wirklich rief , schlich er ruhig und ergeben in das ihm angewiesene Zimmer ... Man gab ihm ein Neues Testament , den Thomas a Kempis und Rodriguez über die Gesellschaft Jesu . Er konnte kein Latein . Er mußte dies und alles ganz von vorn erlernen - in seinem fünfundzwanzigsten Jahre ! Aber alle Besuche , die er von zwei zu zwei Stunden bald von diesen , bald von jenem Ordensgliede empfing , verließen ihn mit dem Zeugniß , das sie den Oberen ablegen konnten , der junge Noviz besäße Geist und seltene Welterfahrung . Außerordentlich schien er gefallen zu haben . Nach acht Tagen erhielt er ein gedrucktes Examen , das er schriftlich beantworten mußte . Er konnte es deutsch oder italienisch thun ... Schon in dieser Aufforderung zur vollständigen Darlegung seines Lebens lag für ihn ein Anlaß zu mancherlei Besorgniß . Sein Leben enthielt so gefahrvolle Dunkelheiten ! Das Mal am Arme ! Sein erster Beruf war der einer schnöden Schaustellung seiner Person gewesen ! Wie konnte er auf eine künftige Priesterweihe hoffen ! Er verzweifelte ; denn zum Erfinden von Ausreden und Verschleierungen der Wahrheit verlor er in diesen Mauern schon ganz den Muth . Fast war es ihm auch , als käme man hier am siegreichsten durch , wenn man sich in allen Lagen ein für allemal auf Gnade und Ungnade ergab und sich ganz so nackt und so bloß darlegte , wie man wirklich war ... Schon glaubte der Novize am Ziel seiner Wünsche zu sein , als er in dem gedruckten Formular auf eine Stelle stieß , wo es hieß , daß er sechs Monate noch außerhalb des Hauses der Gesellschaft leben müßte und erst sechs verschiedene anderweitige Proben durchzumachen hätte ! Er traute seinen Augen nicht . Wieder ein halbes Jahr seines Lebens verlieren ? Von jetzt an - es war zur Zeit der Sommermitte - bis zu Weihnachten wieder in einen halben Zustand zurückversetzt , wieder auf sich selbst angewiesen , auf die Unruhe und Ungeduld seines Herzens ? Er hoffte auf Erlaß dieser Bedingung und glaubte an eine in diesem Statut nur so enthaltene und außer Uebung gekommene alte Förmlichkeit . Man holte dann das Blatt ab . Drei Tage vergingen . Schon nahm er am gemeinschaftlichen Mahle theil , schon hatte er sich manches einzelne Ordensmitglied , das ihm zusagte , herausgefunden , da wurde ihm mit freundlichster Miene angekündigt , daß er auf sechs Monate seine Zelle wieder zu verlassen hätte : einen Monat sollte er bei den Schülern des Collegium germanicum wohnen , einen Monat in San-Michele Kranke pflegen , einen Monat sich als Wallfahrer kleiden und in Rom und auf zehn Meilen in der Runde seinen Unterhalt durch Betteln suchen ; dann zurückkehrend sollte er im Collegium täglich einen Monat lang die Stuben reinigen und endlich in einer entfernten Kirche der Vorstadt Knaben in den Anfangsgründen der Religion unterrichten , im sechsten Monat sollte er allen Predigten beiwohnen , deren in den hundert Kirchen Roms drei oder vier täglich und zu verschiedenen Zeiten gehalten wurden und darüber Referate geben und bei allen diesen Proben zu gleicher Zeit auch noch die lateinische Sprache erlernen ... Aufschreien hätte Wenzel von Terschka mögen vor Verzweiflung , aber schon band er sein Bündel und schickte sich an , ruhig die Vorschrift zu erfüllen . Sein Auge blinzelte etwas ; er hatte schon bemerkt , daß wie beim Opfer Abraham ' s der Wille hier manchmal für die That genommen wurde ; er hatte schon bemerkt , daß man allmählich auch unter dieser strengen Disciplin abzuhandeln und abzumarkten versteht . Und in der That , man ließ ihn zwar aus seiner Zelle schreiten , wies ihn aber doch nur zwei Stockwerk höher , um ihn zu jenen deutschen Knaben und Jünglingen gelangen zu lassen , die in Rom zu Priestern erzogen werden . In dem mächtigen Gebäude war auch für diese Platz . Ein Rector empfing ihn , lächelte seines Alters , sprach ihm Muth zu und alles das in deutscher Sprache ; Pater Xaver war aus dem Innviertel . Ein rothes Kleid mit einem schwarzledernen Gürtel mußte Terschka anlegen , wie seine Genossen . Um fünf Uhr mußte er aufstehen , das Sakrament in einer Kapelle besuchen , dann in einer Zelle Betrachtungen lesen , sie auswendig lernen , hierauf zur Messe gehen und erst um acht Uhr ein leichtes Frühstück nehmen , zu dem dann noch Matutine und Laudes aus dem Brevier zu sprechen waren ; so ging es von Stunde zu Stunde weiter bis zur neunten des Abends , wo im Nu sämmtliche Lichter des Hauses erloschen sein und alle Schüler auf hartem Lager sich dem Schlaf empfehlen mußten . So erst acht Tage lang . Dann aber wurden die Vorschriften leichter . Glückliche Hoffnung , die ihn beseelte , er würde die fünf übrigen Monate erlassen bekommen ! Sie erfüllte sich theilweise und in erfreulichster Art. Er brachte sie sämmtlich bei den deutschen Jünglingen zu , deren Unterricht er zu theilen hatte . Schon die Scham , unter Knaben ohne Bart verweilen und Latein von vorn beginnen zu müssen , beflügelte seinen Lerneifer . Er , der das Leben schon in allem kannte , was der natürliche Mensch mit Ungestüm zu fordern pflegt - saß hier auf der Schulbank , doch sein Kleid und sein physischer Bau ließen ihn dabei wenigstens äußerlich so jung erscheinen , wie die neunzehnjährigen ... Seltene , aber glückliche Stunden waren es , wenn die rothgekleidete Schar in den ihr eigenthümlich angehörenden Weinberg wandern durfte , um dort einen Nachmittag , meist ballschlagend und wettlaufend zuzubringen . Dieser Weinberg lag nicht weit von seiner ehemaligen Kaserne , auf den Höhen des Monte Cölio , dicht an einer Kirche , die von außen die merkwürdigste , von innen die abschreckendste aller römischen Kirchen ist . Gerade den deutschen künftigen Priestern hat man die Rotunde des heiligen Stephanus gewidmet , einen alten , sehr denkwürdigen Bau , der mit Bildern grauenhafter Art geschmückt ist . Ausschließlich scheint sie dem Martyrium gewidmet . Da liegt die vom Henker abgerissene blutige Brust der heiligen Agathe auf der Erde ; ein Tiger krallt seine Tatze in das Fleisch eines nackten Jünglings ; der heilige Hippolyt wird , mit seinen Füßen an flüchtige Pferde gebunden , dahingeschleift - es ist eine blutige Anatomie , eine Morgue , in deren Anschauung gerade die deutschen Jünglinge in Rom - Erholung finden müssen ! Wahrhaft erquickend war dann der zuweilen gewährte Besuch in den Gärten des Heiligen Vaters auf dem Quirinal . Die blauen , gelben , grauen Jesuitenschüler erfreuten sich damals dieser Gunst noch öfter , als die rothen ; jetzt lernt man auch die Bedeutung dieser rothen Jünglinge schätzen . Wie berauschend , wie ewig an Rom fesselnd , bei Sonnenglut in diesen herrlichen , haushohen , kühlen Boskets von geschnittenen Myrten zu wandeln und da Trucco , ein Kegelspiel , zu spielen ! Unter dieser Fülle von Oleandern , blühenden Aloes und Cactus ! Unter diesen zahllosen Orangenbäumen , deren Blüten die Luft mit berauschendem Duft erfüllen ! Ringsum tobt und wogt das lärmende Rom , die Wagen fahren , die Brunnen schäumen - auf diesem hochgelegenen Hügel verbirgt sich hinter einer chinesisch absperrenden hohen Mauer , dicht an dem Palast der zweiten Residenz des Heiligen Vaters ( der Lateran , die dritte , ist ein Stiefkind der Päpste geworden ) , ein Garten , geschmückt mit allen Reizen der Natur . So dicht gezogen und beschnitten sind die edelsten Platanen , daß es unter ihnen bei glühender Mittagshitze kühl ist , Springbrunnen plätschern , die Lacerten schleichen unter den großen , bis zum Boden wuchernden Feigenblättern dahin , Marmortische und Sessel laden zur Ruhe in den erquickendsten Schatten , den jene zwei Stockwerk hohen geschnittenen engen Myrten- und Ligusterhecken hervorbringen helfen - sie sind in der Breite so schmal , daß man fast nur allein , nicht im Selbander durch sie hindurchschreiten kann . Hier reinigte die balsamischste Luft alle vier Wochen einmal die Brust vom erstickenden Schulstaub . Terschka , der Mann , der schon auf einer ansehnliche Höhe des Lebens Angekommene , der mit Erinnerungen schon für ein halbes Leben Ausgestattete , konnte hier eine Weile vergessen , daß er wieder zum Kinde geworden , konnte die marmornen Hermen bewundern , die rings von Epheu und Myrte umschlossen in den Boskets standen und oft Frauenbilder der alten Römerzeit von seltener Schönheit darstellten . Zwei dieser Hermen erklärte er in still unterdrückter , noch nicht abgeschworener Liebesglut für die Herzogin von Amarillas und das künftige Jungfrauenbild der Olympia . Sie sind noch jetzt von jedem zu finden vor dem kleinen Casino des Papstes , dicht in der Nähe der Treibhäuser , unter Gruppen von Aloes , zwei weibliche Köpfe voll Starrheit , Verwegenheit und jener Sphinxschönheit , die Terschka in seinem spätern Leben nur zweimal wiedersah , bei jener Angiolina in Dalmatien und bei Lucinden - unter den Offizieren in Kiel sagte er ' s damals ... Nachdem Terschka nach zweijährigen Studien ins Collegium wieder hinunterzog , gaben seine Generalbeichten mancherlei Anstoß . Sein vergangenes Leben widersprach den Ansprüchen , die die Kirche an die Unbescholtenheit ihrer Priester macht . Sie duldet keine Entstellung des Rufes wie des Körpers , keine schwächlichen , krankhaften Gestalten , nichts , was irgendwie dem Makel der Welt verfallen ist und etwa dem Geist das Uebergewicht verleiht - auch Pater Sebastus hatte nicht die Weihen empfangen . Aber Wenzel von Terschka bot alles auf , sich Erhörung zu verschaffen und eine Vergessenheit der Jahre , wo er als Kind und Knabe unter Räubern und Gauklern lebte . Eine thatkräftige Natur muß zu einem Ziele , das sie sich einmal gestellt hat , irgendwie hindurch . Sie bereut vielleicht später die Anstrengungen , die sie machte , um des nicht befriedigenden Lohnes willen ; aber den Werth des Lohnes , wenn man auch schon seine Geringfügigkeit ahnt , erwägt der nicht , dem eine Laufbahn Mühen macht und dessen Kopf voll Ehrgeiz steckt . Selbst den schon unbedingt gegen ihn entscheidenden Anstoß des Brandmals auf seinem Arme , das durch nichts hinwegzutilgen war , das jeder chemischen Beize , jeder blutigen Operation widerstand , überwand seine Geduld , sein inbrünstiges Bitten , zuletzt seine Intrigue ; denn so unmöglich es fast war , außerhalb des Collegiums einen Briefwechsel zu unterhalten , Terschka übersandte wieder einen Brief an die Herzogin von Amarillas und dichtete wieder ein Sonett an Olympia Maldachini ... Die Kleine , die als Italienerin von fünf Jahren schon so entwickelt und willensstark war , wie eine Deutsche von acht , setzte ihrem heiligen Georg Schild und Lanze durch ... Die Väter lächelten und schienen eigenthümliche Pläne zu haben . Terschka erhielt die Sottane , den schwarzen Leibgurt , die schwarzen Strümpfe und Schuhe ... sein Haupthaar wurde geschoren . Ecco un nuovo fratello ! rief eines Tages bei Tische der Novizenmeister den übrigen Novizen zu ... Gräfin Erdmuthens Ausruf hatte damals Recht gehabt ... Terschka war Jesuit . Fußnoten 1 Thatsächlich . 10. Fünf Jahre vergingen dann ... Terschka zählte schon dreißig , als er Profeß der drei Gelübde wurde , der Armuth , der Keuschheit , des Gehorsams . Nun wurde er Priester aller Weihen . Zwei Jahre später , kurz nach der Julirevolution , legte er das vierte Gelübde ab , Gehorsam dem Heiligen Vater , unbedingtes Sichverwendenlassen für jeden ihm auferlegten Zweck . So stand er auf dem Gipfel seiner Wünsche . Und keineswegs war er unbefriedigt . Der Autodidakt liebt sein Wissen , das er sich mühsam errungen hat . Er liebt es mit mehr Begeisterung , als ein von früher Jugend an dafür Geschulter . Und welche Bewährungen gab es nicht ! Dienen mußte er unausgesetzt , knechtisch dienen , aber zugleich konnte er nach andern Richtungen hin oft auch schon souverän befehlen ... Jede Stufe der Unterwerfung mehr auf der einen Leiter gab auch zugleich auf einer andern eine Stufe der Erhöhung . Er besuchte die Hörsäle der wenige Schritte vom Collegium entfernt liegenden Universität . Hier , wo Hebräisch und Physik nicht nur in demselben Auditorium , sondern oft auch von demselben Lehrer vorgetragen wird , legte er den Grund zu einer Fülle von Thatsachen , die sein Inneres mächtig hoben . Und diese Erweckung , diese stete Gegenständlichkeit und Bewußtheit des Denkens ! Schon die Anleitung zu den » Vorspielen « des Geistes oder zur » Erleuchtung « ! ... Bonaventura kannte sie , diese Künste der » geistigen Lesung « und der » Vorspiele « ! ... Eine Betrachtung z.B. über das Verjagen der Wechsler aus dem Tempel mußte so geordnet sein : Erst ist der einfache Stoff zu lesen ; dann schlägt im Collegium plötzlich eine Glocke - mit dem ersten Schlag derselben stellt man sich rasch einige Schritte vom Betpult entfernt , denkt sich Gott und die Heiligen unmittelbar gegenwärtig , fällt auf die Knie , küßt die Erde und beginnt die lebendigste Phantasievorspiegelung eines Tempels , eines erhabenen Baues mit Säulen , mit einer , wie beim Pantheon halb eingebauten , halb in der Vorhalle aufgeschlagenen Reihe von Buden ... Das Geld klimpert , die Wechsler , wie sie nur auf der Via Condotti oder auf dem Corso stehen mit ihren Napoleond ' ors und Papierscheinen , Wucherer mit Habichtnasen , wie sie nur unter den Tuchhallen am Eingang des Ghetto zum Kauf einladen , bieten ihre Waaren an , übervortheilen , schreien - schreien in die Messe der Santa-Maria Monticelli hinein , in die Klingel des Ministranten ... Nun erscheint der Heiland , das Haar von Lichtglanz umflossen , die Farbe des Rocks ist roth , der Ueberwurf blau , die Jünger stehen neben ihm ... Niemand von den Schreiern weicht aus , niemand achtet die Andacht derer , die der heiligsten Procession sich schon verneigen ... Da ergreift Christus - vielleicht einem Tempelvogt ( Ausmalung seiner Tracht ) - die Geißel , wirft die Tische um , das Geld rollt weit auf die Straße hinaus , das Volk wagt nicht einmal es aufzuraffen , der heilige Zorn ist wie Donnerrollen , sein Auge wie Feuerlohe ... » Mein Haus ist ein Bethaus und ihr macht es zur Mördergrube ! « Das schallt dann in die Welt hinaus ... Nutzanwendung ... endlich Gebet ... So ist nach Jesuitenanleitung jeder Vorfall der heiligen Geschichte zu erfassen , so zu umschreiben , so in seine kleinsten Bestandtheile zu zerlegen und die Gedanken ordnung nur innerhalb der Ruhestationen des sinnlichen Vorgangs zu wählen ... Die Wechsler : das ist die Sünde ; der Augenblick der Reinigung : das ist die Buße ; der Zustand nachher im Tempel : das ist die Erlösung ... Endlich die Vergleichung mit der Gegenwart und die Nutzanwendung auf das innere Herz ... bis das Ganze im » Colloquium mit Gott « , mit Gebet , schließt ... In dieser Weise wollte auch Müllenhoff versuchen , die Exercitien auf dem Schloß der Frau von Sicking einzurichten . Für Wenzel von Terschka gab es immer mehr Bewährungen . Selbst seine ritterlichen Künste boten dafür Gelegenheit und wurden sogar absichtlich und ausdrücklich befördert . Die jungen Väter bestiegen zwar nicht selbst das Roß , aber sie voltigirten ; Reck und Barren , wie bei den Turnern , fehlten nicht . Auch beaufsichtigten sie da und dort die Erziehungsanstalten . Hier besonders bewunderte man den » Pater Stanislaus « ! ... » Stanislaus « nannte sich Terschka nach dem heiligen Stanislaus von Kostka , jenem jungen Polen , dessen erster Lebensschmerz damit begann , daß er von seinem Hofmeister und seinem älteren Bruder 1564 gezwungen wurde , zu Wien im Hause eines Lutheraners zu wohnen . Dieser junge Heilige wurde vom Beten und Nachtwachen , wie der heilige Aloysius , das Beichtvorbild unsers Thiebold , elend , kam von allen Kräften und näherte sich dem Tode . Da konnte er die heilige Wegzehrung nicht erhalten , weil sie der lutherische Wiener nicht in sein Haus gebracht haben wollte ... Nun erschien dem Knaben die heilige Barbara mit zwei Engeln zur Seite und brachte ihm die ersehnte Speise . Doch sollte er nicht sterben . Maria kam in jeder Nacht und setzte das Jesuskind auf die Decke seines Bettes und sagte ihm jedesmal , wenn er mit diesem gespielt hatte : Stanislaus , tritt in die Gesellschaft Jesu ! Stanislaus von Kostka fand für seinen Wunsch in Wien nirgends Gehör . Der Provinzial der Jesuiten verlangte eine väterliche Bescheinigung . Der Vater , ein Senator der Krone Polens , schrieb von seinem Schlosse Rostkau im Posenschen , daß er diesen Beruf seines Sohnes nimmermehr wünschen könne . Stanislaus flehte den apostolischen Nuntius an . Vergebens . Er mochte klopfen an welche Thür er wollte , niemand erwies ihm damals in Wien die Gnade , ihn Jesuit werden zu lassen ... Da rieth ihm der Provinzial : Wandere gen Rom zu Franz Borgia , unserm General selbst ! ... Also that er . Er entsprang seinem Hofmeister , seinem Bruder , zog Bettlerkleider an und ging über Augsburg zunächst nach Dillingen ... Hier im Jesuitenkloster mußte er bei Tisch bedienen und die Stuben kehren . Canisius , der berühmte Morallehrer der Jesuiten , entließ einen seinem Vater entsprungenen Sohn völlig einverstanden gen Rom ... Franz Borgia empfing ihn dort voll Güte und schützte ihn vor dem Zorn des polnischen Senators , der jetzt die Diplomatie zu Hülfe nahm , um sein Vaterrecht zu behaupten ... Stanislaus wurde Priester . Er war ein Muster jener » süßen Andacht « , die ein Antlitz wie mit Rosen verklären kann . Ihm mußte befohlen werden , nicht zu lange zu beten . Das wiederholte sich und wurde sein Todesstoß ... An den Folgen der Wehmuth , daß man so oft seine Andachtsglut unterbrach , starb der Jüngling , achtzehn Jahre alt . Man sprach den Märtyrer des verweigerten Betens heilig . Wenzel von Terschka hatte als Slawe ein Vorrecht auf seinen Namen , als es bei seiner Priesterweihe gerade drei Bewerber um den Namen Stanislaus gab . Dafür mußte er in der Kapelle San-Andrea , dicht in der Nähe der schönen Gärten des Quirinals , drei Nächte an dem Bild seines Heiligen wachen , an jener Statue , die den sterbenden Jüngling Stanislaus von Kostka darstellt , der Körper von weißem , die Kleider von schwarzem , das Bett von gelbem Marmor ... Eines Tags wurde Terschka zum General der Jesuiten , einem Holländer , gerufen und erfuhr dort in holländischer Sprache folgende , ihn mächtig ergreifende Anrede : Pater Stanislaus ! Die Stunde ist gekommen , wo Sie durch Bewährung im Dienste Ihres Ordens Ihre Schuld der Dankbarkeit abtragen können ! Der Pater verneigte sich ... Er ahnte einen schon seit lange mit ihm bezweckten Plan ... Es sind Ihnen große Indulgenzen zu Theil geworden ! fuhr der General fort . Sie haben Wohlthaten von der Kirche erfahren , die zu den seltensten Fällen gehören ! Der Empfehlung Ihrer Gönner werden Sie zeitlebens verpflichtet sein ... Terschka verneigte sich tiefübereinstimmend . In den letzten Jahren war die besondere Protection des Cardinals Ceccone nicht mehr sichtbar gewesen , aber er bedurfte sie auch nicht , da seine Anschlägigkeit anfing , sich alle Wege zu bahnen , und er selbst mit seiner Lage zufrieden war ... Ich ließ einen Rath über Sie halten ! begann der General aufs neue . Man sprach für Sie und auch , wie es das Gesetz will , gegen Sie ! Eine Stimme gab den Ausschlag , die , daß Sie vermöge Ihres ganzen Naturells dem Orden am besten dadurch dienen würden , wenn Sie - in die Welt zurückkehren ! Ein Redner - das würden Sie nicht ; zur Gelehrsamkeit und zum Unterricht fehlte Ihnen die Ruhe ; Ihr praktischer Sinn wäre es , in dem sich alle Ihre Vorzüge und - Ihre Fehler zu einer möglichst guten Nutzanwendung vereinigten ! Terschka ' s schon gründlich jesuitisch gewordenes Naturell grübelte , wer wol sein Ankläger gewesen sein mochte ... Dergleichen war schwer zu erforschen . Seiner schmiegsamen Natur gelang es vielleicht . Doch wußte er , diese Contra mußten ja bei einem Gericht stattfinden , Fehler mußten mit Gewalt aufgesucht werden , nur um der Gerechtigkeit nichts zu vergeben ... Täglich wurde man so geübt im Beurtheilen der andern ... Gingen zwei Jesuiten spazieren , so mußte einer vom andern berichten , was sie unterwegs gesprochen hatten ... Fassen Sie keinen Groll gegen irgendjemand ! fuhr der General fort , der die in Terschka ' s Innerem sich entwickelnden Gedankenreihen übersah . Scheiden Sie von uns allen wie von Ihren Freunden ! Auch nicht einer ist , der Ihnen nicht Gerechtigkeit widerfahren ließe ; nur sind die Gaben mannichfach vertheilt und je mehr Ihnen der eine vom Einen nahm , desto mehr mußte er Ihnen vom Andern lassen ! Vorzugsweise besitzen Sie Ein Talent - das Talent , sich beliebt zu machen ! Viele versuchen sich darin . Nie aber sah ich so glückliche Erfolge , wie bei Ihnen ! Sie werden in Wahrheit von uns allen vermißt werden ... Pater Stanislaus lächelte bescheiden und harrte voll Spannung ... Der Auftrag , der Ihnen ertheilt wird , hängt mit unsern Missionen zusammen ... Mit unsern Missionen ! ... Terschka erwartete ein Reiseziel - jenseit des Meeres ... Seine Wünsche waren indifferent , doch schien die Aussicht , jenseit der Meere oft große Gefahren bestehen zu müssen , nicht besonders lockend ... Dennoch beherrschte er sich ... Jetzt lächelte sogar der General . Er mußte Pater Stanislaus bewundern , der nicht eine Miene verzog oder sonstwie seinen Verdruß zu äußern wagte ... Ich meine die innere Mission , setzte der General hinzu , die Verherrlichung unsers Ordens in der Sphäre der Lüge und des Abfalls ! Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf den Norden , von dem Sie herkamen ! Zunächst auf den großen deutschen Kaiserstaat ! Erinnern Sie sich , daß kurz nach dem Schisma , das die Kirche dem abgefallenen Augustinermönch verdankt , Oesterreich zu sieben Achttheilen - zu sieben Achttheilen ! - von Rom abgefallen war ! In Wien konnte ein Lutheraner sagen : In mein Haus laß ' ich nicht die heilige Wegzehrung bringen ! ... Durch uns ist das Kaiserreich in den Schoos der Kirche zurückgeführt worden ! Die Mittel und Wege dazu waren mannichfach ... Sei Ihnen vorläufig diese Mittheilung über Ihre künftige Verwendung - als Anlaß zur Prolusio empfohlen ... Damit war Pater Stanislaus für heute entlassen ... Zur Prolusio - ! ... Zum Vorspiel der Phantasie - ! Aber wie nahm das Wort des Generals auch jetzt den ganzen Menschen gefangen ! ... Terschka war Mönch , Jesuit , Priester geworden , um sich aus einem Leben aufzuschwingen , das seinem Ehrgeiz nicht entsprach . Adeliger Geburt und dennoch mußte er dienen ... dienen in einer Stellung , die ihm keine weitere Erhöhung für die Zukunft darbot ... Er ergriff den geistlichen Beruf als einzige Rettung und er war nicht undankbar . Nichts hatte er gewußt , als fremde lebende Sprachen , er wurde durch den Orden ein Mann höherer Bildung . Daß es andere Bildungsformen in der Welt gab , als die ihm gerade hier zu Theil wurden , ahnte er , aber er mußte wol die vorziehen , die gerade das aus ihm machten , was er für jetzt anders nicht hätte geworden sein können . In der That besaß er keine Rednergabe . Selbst in der Schule bewährte er sich nicht . Aber in der Erziehungsanstalt , die durch das Collegium geleitet wurde , gab es vielerlei von ihm glücklich beaufsichtigte Unterrichtsgegenstände ; Reiten , Tanzen , Fechten wurde gelehrt . Das ja hat die Erziehung durch Jesuiten so begehrt gemacht . Eitle Schaustellung und Unterhaltung der Phantasie war von jeher und ist die Grundlage der Erziehungsanstalten , die Jesuiten leiten ... Terschka lernte die wunderbare Moral des Probabilismus kennen , die ihn wahrhaft blendete . Was nur im Menschen über den schwierigen philosophischen Unterschied zwischen » Gut « und » Böse « schlummert , hier fand er Aussprüche dafür voll Kühnheit und blendenden Schimmers . Der Wille wurde in dem Grade von der That getrennt , daß beide in eins zusammenfallen konnten und dennoch unterschieden wurden . Der Wille konnte rein und schuldlos bleiben , er konnte die That unmittelbar hervorgerufen haben und dennoch war letztere nicht sein , sondern nur ein Ergebniß - der Natur . So haben nicht die Materialisten unserer Tage die Willensfreiheit geleugnet , wie die Moral der Jesuiten schon lange die That zum Ergebniß der Umstände macht . In den mislichsten Situationen deckt sie dem Willen immer noch den Rücken . Listig und verschlagen , wie Terschka ' s Sinn von Natur war - wenn nicht so sehr aus Wohlgefallen am Bösen , doch aus dem Bedürfnis seine Kraft zu üben , und um der Voraussetzung willen , daß eben Bildung , diese ersehnte Bildung , zur Wehr und Waffe des Geistes werden müßte und es