wird sterben mit Dir ! « Er fiel auf die Kniee , er preßte die gefesselten Hände vor die Augen , während Liebe , Reue , Verzweiflung und Schrecken seine Seele bestürmten , - dann wieder sprang er empor und schaute wild umher auf das Weib im Spiegel des Bootes , das jetzt ein Spiel der Wellen dahin trieb , - auf die Wasserwüste umher - auf Himmel und Land ; - seine Hände wanden sich verzweifelnd gegen die Bande , die sie fesselten , und seine Blicke begegneten voll Angst und Wuth den traurigen Augen des Mädchens . Ueber die Felsenhöhen von Sebastopol , das etwa eine halbe Meile entfernt lag , zog dämmernd der Morgen - und jener liebliche Stern - der Begleiter der Nacht , die Poesie aller Völker - wer ahnet seine Deutung , wer weiß es , welche seligen Geister von ihm niederschauen ? - begann zu erbleichen in jenem Licht , dessen Nahen er verkündet . Heilige Ruhe lag über Wolken und See und im Dunkel ruhte noch das Land , das bald erbeben sollte Nacht und Tag im Flammenschein von tausend Geschützen . Deutlich in der hereinbrechenden Dämmerung waren der Eingang der Bai und die riesigen Felsenforts zu seinen Seiten zu erkennen . Nach Norden und Westen zu hoben sich aus den Nebeln , die leise über das Meer hinballten , dunkle Kolosse , die Schiffe der Alliirten . In der Entfernung von kaum dreihundert Faden erblickte der verzweifelnde Mann eines derselben , das nächste von allen . Er hob die Hände winkend empor , sein Ruf um Hilfe , um Beistand scholl mit aller Anstrengung der Lungen über die See , bis seine Stimme heiser ward , bis er erschöpft auf die Bank des Bootes zurückfiel . Das Wasser , das langsam und still in das Boot eindrang , stand bereits über den Knöcheln seiner Füße . Das Mädchen lächelte traurig bei den wahnsinnigen Anstrengungen des Mannes . Sie wußte , daß der Wind jetzt hinein in die Bucht stand und kein menschlicher Ruf jene Schiffe erreichen konnte , daß mit jedem Augenblick , dem Strom des Meeres zur Bai folgend , der Todeskahn sich immer weiter von jenen Schiffen entfernte und sinken mußte , ehe die schnellste Rettung sie zu ereilen vermochte . - » Soll Fatinitza , die Wölfin von Skadar , einen Feigling geliebt haben ? Willst Du sie beschimpfen noch in ihrer letzten Stunde , da Azraël seinen schwarzen Fittig niedersenkt auf ihr Haupt ? « Er blickte starr auf sie - in seinen Zügen kämpften gewaltig der Männerstolz , die Schaam vor dem schwachen Weibe , seiner Mörderin , die mit ihm sterben wollte , mit der menschlichen Schwäche und Furcht . O , das Leben - das Leben das nur ein Mal verloren geht ! - verloren ? - oder sollte es eine Wiederkehr geben - einen Kreislauf der Leben - ein Wiederkommen zur schönen Erde - ohne Wissen - in anderer Gestalt ? ! - Wäre jene dunkle Erinnerung von gleichen Scenen , Bildern und Gestalten , die oft wie ein Blitz durch unsere Seele zuckt und wie ein Blitz vergeht , das Zeichen einer Seelenwanderung ? - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Wer löst die nächtigen Räthsel ? - Gott allein ! - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Höher und höher schwoll die Fluth im Kahn - ängstlich , keuchend sprang der Hund auf den Bänken des Bootes hin und her , von Einer zum Andern - tiefer und tiefer sanken die Planken , die allein noch waren zwischen ihnen und der Ewigkeit . » Laß uns beten , Geliebter - Du zu Deinem Gott , wie ich zu Allah und dem Propheten . Mein Haß ist dahin wie meine Schande , der Gott der Christen und der Moslems wird für die Gereinigten nur ein Paradies haben ! « Und über die Berge zuckte ein lichter Strahl der noch verborgenen Sonne , die Meereshöhe vergoldend , und vom Fort Constantin donnerte der Reveilleschuß über Land und See . Der Kahn begann zu schwanken und sich zu drehen - laut heulte der Hund - » Dschel ! - Dschell « und sie erhob sich . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Bis über die Kniee reichte die Fluth , in der sie jetzt stand , und über die Bänke hin mit ausgebreiteten Armen auf ihn zuschritt . » Dschel ! - Dschel ! « Das war jenes Wort , das erste , das er von ihren Lippen gehört - das Syrenenwort , das im Thurm von Skadar ihm entgegen scholl , sinnverwirrend , von dem weichen Lager von Wolfsfellen , hinter dem Teppich des stillen Gemachs - - » Dschel ! « Und rascher und rascher drehte sich das Boot im Wirbel und die See gurgelte herauf durch das Leck ! Sie hatte ihn erreicht und dann - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Am Bord des Niger , der am Abend das 42. Regiment eingeschifft und jetzt auf den Dampfer wartend , der ihn nach Süden bugsiren sollte , auf der Höhe des Meeres vor Sebastopol lag , hatten Master Malcolm , der zweite Lieutenant und der Midshipman Maubridge die letzte Nachtwache . Der Lieutenant schritt auf dem Gangweg auf und ab , zuweilen einen Blick nach dem Tauwerk oder unwillig nach den Soldatengruppen werfend , die überall im festen Schlaf umherlagernd ihm den Weg versperrten . Die Morgendämmerung kam über die Berghöhen jenseits der Festung und fiel lichter und lichter auf die Fläche des Meeres . Der Lieutenant blickte nach der Sanduhr , die ihm zeigte , daß in wenigen Minuten seine Wache zu Ende war , und sah sich nach dem Midshipman um , der dem Mann im Vorderkastell den Befehl bringen sollte , aufzupassen auf die Glocken . Master Maubridge war jedoch nirgends zu schauen und ärgerlich stieg der Lieutenant zum Hinterdeck hinauf und ging nach dem Steuer . Neben dem Steuermannsmaat vom Dienst saß der alte Deckmeister Adams , der bereits seine Koje verlassen hatte und heraufgekommen war . Der Alte erhob sich sogleich , da er nur Offizier des Vorderkastells war und kein Recht an dem Platz auf dem Hinterdeck hatte . » Guten Morgen , Sir , « sagte der Deckmeister . » Ich glaube , wir werden bei Sonnenaufgang eine Brise von Osten haben , und das hat mich heraufgetrieben noch vor den Glocken , damit Alles in Ordnung ist . Je eher wir die Landkrebse wieder los werden , desto besser für die Ordnung auf dem alten Niger . « » Haben Sie den Midshipman der Wache gesehen ? « » Master Maubridge , Sir ? « » Ja wohl - Ihren Zögling . Gott verdamm ' seine Augen ! er macht Ihnen wenig Ehre . « » Es ist junges Blut , Sir ; aber vor einer Viertelstunde noch traf ich ihn an der großen Luke , wie er die Schildwacht den kleinen Gosset wecken hieß , der nach ihm die Wache hat . « » Meister Gosset wird sich hoffentlich bedanken , eher seine Hängematte zu verlassen , als das Glockenzeichen gegeben ist , denn wenn die jungen Halunken zusammen sind , treiben sie Nichts wie Unheil . Goddam ! ich glaube , da giebt es schon welches ? « Ein Lärmen auf dem Vordercastell hatte sich erhoben und man hörte eine laute Stimme eine Reihe von gälischen Flüchen , untermischt mit den wildesten Drohungen , hervorsprudeln . » So wahr meiner Mutter Sohn Angus-Mac-Mahor ist , ich schneide dem jungen Hunde die Kehle ab . Halte ihn fest , Evan Dhu , den jungen Schänder , bis dieser Brut mein hochländisches Messer die Ohren vom Schädel geschnitten hat . « Ein fürchterliches Gebrüll des kleinen Gosset und der Hilferuf des Master Frank Maubridge ließ den alten Deckmeister rasch die Treppe hinunter springen und über die Beine und Tornister der Soldaten stolpernd nach dem Vorderschiff eilen . Der Lieutenant folgte ihm , und die Scene , die sie hier erblickten , war , so lächerlich auch der Anblick blieb , nicht ohne Gefahr . Ein riesiger Hochländer hatte den kleinen Gosset an der Kehle und hob und schüttelte ihn wie ein Rohr , im vollen Ernst bemüht , dem jungen Taugenichts mit seinem langen Messer die Ohren abzuschneiden , wogegen dieser natürlich mit Händen und Füßen sich wehrte , von Zeit zu Zeit , wenn die Eisenfaust des Soldaten ihm dazu Luft ließ , ein Zetergeschrei ausstoßend . Frank wehrte sich verzweifelt in den Händen eines zweiten Soldaten ; ein Blick genügte dem Lieutenant , die Ursache des Streites zu entdecken , denn beide junge Burschen hatten noch große Schiffspinsel in der Hand und Master Frank sogar noch den Blechtopf mit Farbe , dessen sie sich bedient ; die Physiognomieen der beiden erbitterten Hochländer und mehrerer Andern , die sich , von dem Lärmen aufgeweckt , rings erhoben , aber sahen wahrhaft scheußlich aus , indem die Midshipmen ihren festen Schlaf benutzt hatten , die Gesichter ihnen mit den Querstreifen der Farben ihrer Plaids Roth und Schwarz zu bemalen . Ein Faustschlag des alten Deckmeisters warf den Hochländer zurück , der Frank in seinen Händen hatte , und befreite den jungen Mann , der wie ein gejagter Hund durch die sich bildende und Gefahr drohende Gruppe schoß , auf den nächsten Hühnerkasten und von dort in das Takelwerk sprang und mit der Behendigkeit eines Affen an der Tauwand zum Mastkorb des Vordermastes emporrannte , denn mehrere der erbitterten Soldaten hatten ihre langen Dirks gezogen , als sie Einer den Andern so schändlich verunstaltet sahen , und Evan Dhu , ein Mann von den Inseln , den Adam zu Boden geschlagen , machte sich bereit , dem Deckmeister ernstlich zu Leibe zu gehen . Eine größere Mühe hatte der Lieutenant gehabt , den Knaben Gosset aus der Faust seines erbitterten Gegners zu befreien , was ihm nur mit Hilfe einiger herbeikommenden Matrosen der Wache gelang , die den halb erwürgten Midshipman nach der Konstablerkammer brachten , wo einige Rippenstöße des eben sich zur Uebernahme der Wache rüstenden dritten Lieutenants und ein ihm in ' s Gesicht gegossenes Waschbecken voll Wasser ihn wieder auf die Beine brachten . Die hochländischen Soldaten , die sich anfangs der Rettung der beiden Verbrecher mit Gewalt hatten widersetzen wollen , wurden durch den Sergeant-Major ihrer Compagnie und das Versprechen , daß die Midshipmen streng bestraft werden sollten , zur Ruhe gebracht . Sie legten sich jedoch nicht wieder zum Schlaf , sondern setzten sich , da sie noch kein Wasser zur Reinigung ihrer liebenswürdigen Physiognomieen erhalten konnten und die schadenfrohen Matrosen ihnen die Eimer verweigerten , in ihre Plaids gehüllt , im Kreis zusammen und die verdächtigen Blicke , die sie nach dem Mastkorb warfen , weissagten Master Frank , der nach überstandener Gefahr sie , die Hände in den Taschen , über die Brüstung seiner sichern Stellung von oben herunter angrinste , nichts Gutes . Lieutenant Malcolm , der selbst ein Schotte war , ärgerte sich natürlich gewaltig über den nichtsnutzigen Streich der beiden Burschen , hatte aber den jungen Maubridge doch zu gern , um ihn einer Gefahr auszusetzen , und als die zwei Schläge auf die Schiffsglocke die Ablösung der ersten Morgenwache verkündet hatten und die Förmlichkeiten der Uebergabe des Schiffes an den dritten Lieutenant erfüllt waren , der mit Gosset heraufkam , rieth er , den Letzteren auf dem Hinterdeck zu behalten und befahl Frank über die Verbindungstaue nach dem Mastkorb des Hauptmasts sich zu begeben . » Sobald Master Hunter auf Deck kommt , Erskine , « sagte er zu seinem Nachfolger , » zeigen Sie ihm die Sache an . Ich lasse ihn bitten , den jungen Halunken da oben den ganzen Tag im Mastkorbe zu lassen , damit ihm die Sonne die Haut so roth brät , wie er sie den ehrlichen Kerlen dort gemacht hat , und diesen kleinen Tagedieb dazu . Schade , daß die beiden Burschen wie Gentlemens behandelt werden sollen , während ein Tauende ihnen das Dienlichste sein würde . Gute Wache , Erskine . « » Ich danke Ihnen , Master Macdonald , für die wohlwollende Absicht , « sagte Frank , der von dem untern Korb des Hauptmastes die Worte gehört , mit echter Midshipmen-Frechheit , » jedenfalls habe ich schon deshalb auf die Behandlung eines Gentleman ' s Anspruch , weil ich als solcher meine Wirthshausrechnungen selbst bezahle . « Der zweite Lieutenant rannte wüthend die Luke hinunter , während Erskine lachte , denn es war bekannt , daß Malcolm , der der Sohn eines Werftaufseherin Glasgow war , bei solchen Gelegenheiten sehr gern die besser gefüllten Börsen seiner Kameraden benutzte . » Sie werden sich noch in ernste Ungelegenheiten bringen , Master Frank , « sagte Erskine , indem er die Treppe zum Hinterkastell emporstieg , » und alle Vorliebe des Capitains wird Sie diesmal vor strenger Strafe nicht schützen können . Benutzen Sie die Zeit da oben , einen Ausguck zu halten . « » Halt , Sir , « rief der junge Mann , » das hab ' ich schon gethan , seit ich hier oben bin . Ich bitte Sie , Erskine , lassen Sie mir durch Gosset das Nachtglas reichen . Ich sehe dort in der Entfernung einer halben Meile einen dunklen Gegenstand auf der See - zwischen uns und dem Ufer - aber das Licht ist noch nicht scharf genug , es zu erkennen , und James hier sagt mir , daß er schon seit einer halben Stunde das Ding beobachtet hat . « Auf einen Wink des Lieutenants brachte Gosset seinem Freunde das Nachtglas nach oben . » Was ist es , Maubridge ? - wahrscheinlich ein Recognoscirboot von der Foury , die einen Kanonenschuß von uns liegt . « » Es ist ein Boot , Sir - aber keines der unsern . - Warten Sie - jetzt hab ' ich den Burschen und der Tag kommt . - So wahr der Baronet , mein Bruder , mir die schönste Odaliske in ganz Constantinopel gestohlen hat - das Ding ist seltsam - zwei Personen sitzen in dem Boot , das ohne Ruder und Segel auf den Wellen treibt - in der Mitte ein großer Hund - die Eine scheint russische Kleidung zu tragen - die Andere ein Weib , ihre langen Zöpfe fliegen im Winde - - « » Zum Henker - was bedeutet das Alles ? « » Ich weiß es nicht , - aber das Boot kentert und scheint leck - jetzt erhebt sich das Weib und breitet die Arme aus - Goddam , da kommt der erste Sonnenstrahl über die Gebirge und blendet mich - - « » Es werden Unglückliche sein , die von einem Schiffe abgetrieben und in Noth sind , « sagte der wackere Erskine . » Herunter , Frank , und in die Yölle , ihnen zu Hilfe . Master Adams - vier Matrosen von der Wache - rasch ! « Ueber die Felsen und die Bai von Sebastopol schossen glänzend die ersten Strahlen der Königin des Lichtes empor , weithin Land und Meer vergoldend - in ihrem Glanze ließ Frank Maubridge , der leichtherzige , lecke Midshipman des Niger , seine Blicke über den Spiegel des Meeres irren , das Boot suchend - - Er suchte vergebens ! - Einen Augenblick schien es ihm , als sähe er eine dunkle Gestalt , gleich einer großen Dogge , kräftig gegen die Wellen kämpfen , in ihren Zähnen ein Gewand - doch die Entfernung war zu groß - und die nächste Woge verschlang die Erscheinung . Weithin unterbrach Nichts - Nichts den wogenden Spiegel der goldglitzernden Wellen . » Zu spät - das Boot ist versunken - keine Spur mehr zu sehen ! « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Da ruhen sie , der Sohn des geknechteten Hellas von den Armen des Türkenmädchens umschlungen , und in ihre Gewänder verbissen der treue Molosserhund ; - da ruhen sie auf dem Felsengrund des Pontus : - Nicolas Grivas , der Bruder der Caraiskakis , und Fatinitza , die Wölfin von Skadar , und der erste Sonnenstrahl über die Felsen von Taurien war ihr Grabbegleiter . Da ruhen sie - die Donner von tausend Geschützen sangen eilf Monden über ihrem Grabe das Todtenlied wie nie in der Weltgeschichte ein zweites erklungen ist ; und die Trümmer von Sebastopol sind ein riesiges Monument , das dieselben Vandalenhände zusammengehäuft , welche unfern ihres Grabes die Reste von Iphigeniens Tempel zerstörten ! Da ruhen sie - der Delphin zieht seine Kreise über der ewig bewegten Gruft , das Handelsschiff durchfurcht die Wellen , der Sturm thürmt sie zu empörten Gebirgen , und Morgen um Morgen küßt der erste Sonnenstrahl über die Höhen des Tschadirdagh her ihren riesigen Sarg ! Da ruhen sie - wiedervereint in des Meeres Tiefen , und die brennende Schmach der Palanka von Protopapas ist erloschen in den Wellen des Pontus . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Also geschah ' s , daß die Armee der Alliirten durch die Schluchten der Tschernaja am 25. September ungehindert die Südseite von Sebastopol erreichte und Balaclawa nahm . Des Kampfes Beginn . I. Der Catar . Die spanische Tänzerin war wieder in Berlin und hatte zur Captatio benevolentiae ihrer Hüftenexperimente eine Gastvorstellung zum Besten der schlesischen Ueberschwemmten ankündigen lassen . Das schöne und interessante Weib hing an Berlin wegen der ersten Triumphe , die sie hier gefeiert , und kehrte daher von allen Kunstreisen immer wieder zum comfortablen Hotel Unter den Linden zurück , wenn sie sich auch manchmal mit dem galanten und aufmerksamen Wirth überwarf ; denn sie verstand es zu schätzen , daß er an seiner Table-d ' hôte mit ihrem Atlasschuh für den wunderkleinen dazu gehörigen Fuß Propaganda machte . Diesmal hatte sie ein Brief mit dem bekannten geheimnißvollen Zeichen nach Berlin beschieden , und einstweilen , da die Vorbereitungen zu der neuen Posse des beliebten berliner Humoristen Kalisch : » Die Bummler von Berlin « ihr Auftreten verzögerten , langweilte sich , weiterer Nachrichten harrend , die Donna und spielte darum die Amazone , indem sie im Hermelin die Peitsche schwang und mit dem eleganten Brougham durch die Straßen der Residenz kutschirte . Die Sennora hatte , bis auf jenen plötzlichen Ruf , Nichts wieder gehört von ihren geheimen Beschützern und gedachte kaum noch des kleinen Dienstes , den sie ihnen durch die Empfehlung zweier unbedeutender Diener vor längerer Zeit erwiesen , als sie zufällig in einem Journal den Namen des Fremden zu Gesicht bekam , der ihr damals seinen Besuch gemacht . Er figurirte jetzt als fremder Condottiere und der rothe Felsen von Helgoland gab das Echo mancher Verwünschung zurück , die betrogene Erwartung und getäuschte Hoffnung dort seinen Lockungen zu spät erschallen ließen . Dennoch hatte die Erfüllung jenes Auftrags , so gering die Masche auch schien in dem Netze ereignißschwerer Verwickelungen , das sich über Europa spann , unberechenbare Folgen gehabt . Wenige nur ahnten und wußten , daß die preußische Residenz der Knotenpunkt einer geheimen Spionage geworden war , die ihre Nachrichten nach Paris , London und Turin , in die Heerlager der Despotie , des constitutionellen Lieberalismus und der republikanischen Propaganda verkaufte . Merkwürdigerweise war es gerade das eheliche Preußen , dessen erhabener Fürst in den politischen Wirren ein edles Bild der Festigkeit und Gerechtigkeit gegenüber den verschiedensten Verlockungen gab , wo politische Intrigue im Stillen mächtige Hebel in Bewegung setzte und den schmuzigsten Verrath verächtlicher Hausdiebe benutzte . Wir haben bereits angedeutet , auf welche Weise über Berlin wichtige Nachrichten aus den Kreisen der angegriffenen Macht in die Hände ihrer Gegner gelangten . Neben diesem Getriebe der Habsucht ging , wie gesagt , noch manches Spiel verdeckten Ehrgeizes und politischer Gegnerschaft seinen unterminirenden Gang und es bedurfte in der That einer späteren öffentlichen Beschämung und eines blutigen Todes , um jener egoistischen Intriguenwirthschaft vor dem reinen Throne Preußen ' s Halt zu gebieten und ein Ende zu machen , welche zur Demoralisirung der Staaten führt und dem » Bürgerkönig « sein Exil bereitet hat . - Seit vierundzwanzig Stunden jedoch beschäftigte der lebhafte Geist der Spanierin sich angelegentlich mit der Ankunft mehrerer interessanter Fremden , die das Hotel gewählt . Drei darunter , die sie flüchtig bei der Ankunft am Tage vorher gesehen , schienen ihr nicht unbekannt und das Fremdenbuch , das der gefällige Hotelier ihr präsentirte , gab ihr wenigstens über das erste Paar Auskunft und sie erinnerte sich , den Herrn und die Dame ein Mal in Gesellschaft in Wien vor Jahresfrist gesehen zu haben : den sardinischen Obersten , Grafen Pisani , der , wie die Nachricht auswies , mit seiner Gattin von London kam . Der Dritte , dessen Gesicht ihr nur flüchtig bekannt schien , war ein kleiner magerer Mann mit fuchsartigem Gesicht und bereits vor zwei Tagen von Wien eingetroffen . Der Fremdenzettel nannte ihn Banquier Thomas . Mehr aber als diese Persönlichkeiten , deren sie sich nur unbestimmt erinnerte , interessirte sie eine Vierte , welche die schöne Donna noch nicht zu Gesicht bekommen , obschon das ganze Hotel voll von ihren Sonderbarkeiten und dem Rufe ihres unermeßlichen Reichthums schien . Es war ein noch junger russischer Bojar , den einige übermüthige Streiche schon im Sommer aus Petersburg verwiesen hatten und der , da Paris und London ihm durch die Kriegsverhältnisse verboten waren , in den deutschen Bädern und Residenzen umherzog und Geld mit vollen Händen verschwendete . Es war gegen Mittag des Tages , als die Spanierin , das Ponnygespann mit gewandter Hand lenkend , auf der Rückkehr von der Spazierfahrt vor der Thür des Hotels wieder vorfuhr und bemerkte , daß sich ein ungewöhnlicher Auftritt eben zugetragen haben mußte . Mehrere der Gäste standen lachend auf der Treppe oder vor den Zimmern , zwei Constabler im Flur , und von dem Corridor des ersten Stockes hörte man eine laute Stimme allerlei Verwünschungen auf Deutsch , Französisch und Russisch hervorsprudeln . Während einer der nahestehenden Herren der Tänzerin die Hand reichte , an der sie leicht aus dem Wagen sprang und die Stufen hinaufeilte , kam ein junges hübsches Mädchen in einfacher , aber netter Kleidung ihr entgegen , das Gesicht freudestrahlend , obschon auf den jugendlichen Wangen noch die Spuren von Thränen zu sehen waren . Ihre Hand hielt eine kleine Brieftasche sorgfältig wie einen Schatz und damit wollte sie hastig aus der Thür eilen , als einer der Constabler sie rauh am Arme faßte . » Halt , Mamsell , Sie gehen mit uns ! « » Lassen Sie die Dirne zum Henker laufen , « sagte unwillig eine Stimme hinter dem Mädchen , » und kommen Sie fort . Der Russe ist ein Narr mit seinem Gelde und wenn unsere Berliner Loretten davon hören , stürmen sie Ihr Hotel . « Der Wirth , zu dem der Beamte , der ziemlich verdrießlich aussah , die letzten Worte sagte , lächelte etwas spöttisch , schwieg jedoch mit dem Tact des klugen Mannes , der es mit der Polizei nicht gern verdirbt , und führte die Spanierin die Treppe hinauf ; von deren Höhe aber übernahm die schon früher gehörte scheltende Stimme die Antwort . » Wenn ich mich von der Polizei belästigen lassen wollte , Skotina ! « schalt dieselbe , » dann konnte ich in Rußland bleiben . Zum Henker mit solcher Quälerei , ich mag von Ihrem Berlin Nichts mehr wissen ; Herr Wirth , schicken Sie mir meine Rechnung ! ich reise in einer Stunde . « Der Hotelier ließ erschrocken die Tänzerin stehen und sprang zu dem reichen Gast . » Euer Durchlaucht werden mich doch die Ungeschicklichkeit der Polizei nicht entgelten lassen ? Der gnädige Herr haben in Berlin noch so viel zu schauen - und sehen Sie da , eben kommt eine seiner interessantesten Erscheinungen , die spanische Donna , von der ich Ihnen schon gesprochen . « Der Bojar wandte sich zur Seite und kniff das Lorgnon in ' s Auge . Die Tänzerin stand vor ihm und betrachtete den schönen Mann mit feurigem festem Blick . Im Moment verschwand das brüske , übermüthige Wesen des Russen , er machte eine höfliche Verbeugung indem er zurücktrat und die Spanierin vorüberrauschte . Seine Hand hielt den Wirth , der ihr folgen wollte , einen Augenblick zurück . - » Dinirt die Donna an Ihrer Table-d ' hôte ? « » Zuweilen , Durchlaucht , ich glaube , daß sie es heute thun wird . « » So benachrichtigen Sie mich davon und belegen Sie ein Couvert neben ihrem Platz . Man braucht mir nicht in meinen Zimmern zu serviren . « - An der Thür ihres Salons empfing die Tänzerin bereits den aufmerksamen Wirth . » War das der Russe , Monsieur ? « » Gewiß , Sennora , und Sie haben bereits eine Eroberung an ihm gemacht . Der Fürst fragte , ob Sie die Table-d ' hôte beehren würden ? « » Ah - bah ! wir wollen sehen ! Was war das für eine Scene , als ich kam ? bitte erzählen Sie ! « Der Hotelier lachte . » Das Abenteuer ist wirklich pikant und wird Aufsehen machen . Der junge Fürst besuchte gestern den letzten Sommernachtsball bei Kroll und scheint da mit einer kleinen Grisette soupirt zu haben , denn er kam spät nach Hause . Vor einer halben Stunde , während er noch schläft , erscheint ein Polizei-Agent , erkundigt sich nach dem Russen und verlangt , gemeldet zu werden . Ich muß nachgeben und der Fürst erscheint sehr verdrießlich im Schlafrock . Die Scene war Goldes werth ! ich will versuchen , sie Ihnen dramatisch wieder zu geben ! « » Allons , Monsieur , ich warte ! « » Der Agent bittet sehr höflich um Entschuldigung für die Störung und frägt , ob Seine Durchlaucht gestern den Ball bei Kroll besucht ? « - » Ja , mein Herr . Darf man das etwa in Berlin nicht ? « - » O , doch - nur erlauben Sie mir die Frage , ob Sie nicht dort bestohlen worden sind ? « - Der Fürst sieht ihn groß an , dann seine Pretiosen nach , die auf dem Tische liegen , und sagt : » Ich denke nein . Jedenfalls vermisse ich Nichts ! « - » Ich fürchte , doch ! « - Der Agent legt eine russische Banknote von hundert Rubeln auf den Tisch . - » Was soll das ? « - » Entschuldigen , Durchlaucht , die Indiscretion - soupirten Sie mit einer kleinen Grisette ? « - » Ja wohl , mein Herr , aber ich begreife wahrhaftig nicht - « - Der Agent öffnet die Thür und führt die junge Schöne herein , der Sie im Hausflur begegnet sein müssen . - » Ist es diese ? « fragt er triumphirend . - » K tschortu ! - allerdings - warum weinen Sie , Kind ? « - » Die Dirne hat Sie bestohlen , Durchlaucht . Man verhaftete sie heute Morgen , als sie bei einem Banquier diese Banknote von hundert Rubeln wechseln wollte . Das Frauenzimmer log , sie hätte dieselbe von einem unbekannten Cavalier geschenkt bekommen und beschrieb die Person , aber wir kennen das ! Unserer Aufmerksamkeit gelang es , zu ermitteln , daß der Fremde Euer Durchlaucht waren , und ich habe die Ehre , das gestohlene Gut zurückzustellen und nur ein kleines Protokoll zur Anerkennung der Person aufzunehmen . « - Das Mädchen weint und schluchzt und betheuert , daß sie keine Diebin sei ; der Fürst aber wird ganz roth im Gesicht vor Aerger und schaut die Polizei an , als wolle er sie mit einem Bissen verschlingen . - » Zum Teufel mit Ihrer Dienstfertigkeit ! Geht Sie das was an , wenn ich diesem Mädchen Etwas schenke ? « - » Nein - aber - wenigstens liegt ein Irrthum vor - man giebt einer Grisette doch nicht hundert Rubel - « - » So ? - nun - « der Fürst öffnet ein Portefeuille , holt noch fünf gleiche Scheine heraus und giebt sie dem Mädchen : » Da haben Sie Etwas für den Schreck , Kleine , und Sie , Herr , stören Sie die Leute wegen solcher Lumpereien nicht in ihrem Morgenschlaf . « - » Sie hätten das Gesicht sehen müssen , Sennora , es war zum Malen ! « Beide lachten . » Der Russe ist also sehr reich ? « » Sein italienischer Kammerdiener erzählt , daß er eine Million jährliche Einkünfte hat . « » Demonio ! - Nun , Sennor , ich habe mich besonnen - ich werde heut in Ihrer Gesellschaft diniren . « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - In dem Salon des zweiten Stockwerks fand zur selben Zeit eine andere interessante Unterredung statt zwischen zwei uns bekannten Personen , der achtlos im Nebenzimmer die Gräfin Pisani beiwohnte . Noch kannte Helene Laszlo den Betrug nicht , dessen Opfer sie geworden . Aus