Guido Stromer ' s Aufsätze im » Jahrhundert « , einer großen , einflußreichen Zeitung , schon Manchem gefallen . Zwar hatte man ihm für seine etwas verworrenen Anschauungen erst nur noch das untere Stockwerk , das Feuilleton , eingeräumt , allein für andre Leser , wie Pauline , war Dies gerade eine Auszeichnung . Man sprach allgemein davon , ob Guido Stromer nicht steigen , in die politischen Spalten avanciren würde , aber es fehlte ihm noch die Grundlage positiver Thatsachen , wie er ' s nannte , Kenntnisse , wie Dankmar es genannt haben würde . Er war reich in Principien , arm in praktischen Fingerzeigen . Zufällig waren unter den Eigenthümern des » Jahrhunderts « Differenzen entstanden , die sich am Besten ausgleichen ließen , wenn irgend eine bedeutende politische Macht etwas daran wagen und das Blatt kaufen wollte . Guido Stromer interessirte Paulinen für diese Idee . Ein Blatt zu haben , ohne daß man ihr dies Eigenthum , das auf einen andern Namen geschrieben werden mußte , nachweisen konnte , jeden Morgen eine Parole austheilen , jeden Abend in der Welt seine sichere Wirkung zu haben , abweisen , annehmen , voraussehen , drohen , belohnen , etwas wissen zu können , was Andere nicht wußten ... sie war entzückt von diesem Plane und hatte dafür nur Stromern , Heinrichson und die Ludmer zu Vertrauten . Heinrichson versprach ihr , über die künstlerischen Bestrebungen so viel geheimes Material zu geben , daß sie im Feuilleton unter einem angenommenen Namen selbst als eine feine Kennerin der Kunst auftreten konnte . Sie schwelgte in dem Gedanken , über die öffentliche Meinung eine Herrschaft zu gewinnen , die ihr einen Ersatz für die » kleinen Cirkel « bieten sollte , von denen sie mit so hartnäckiger Consequenz ausgeschlossen blieb . Guido Stromer trat ein , wie immer mit dem Bewußtsein , in welchem Goethe seinen Tasso sagen läßt : Und wie der Mensch nur sagen kann : Hier bin ich ! Daß Freunde seiner schonend sich erfreun ; so kann ich auch nur sagen : Nimm mich hin ! Er idealisirte sich nämlich von Tage zu Tage mehr . Der Blick seines Auges wurde immer freier und strahlender , die Art , den Kopf auf seinen Schultern zu heben , wurde beweglicher , sein ganzes Wesen erschien wie elektrisirt und im ganzen Gehaben fast überreizt . Eine gewisse Pedanterie war dabei freilich nicht zu vertilgen . Die mangelnde feinere Erziehung , die ihm Fürstin Amanda , die auf den innern geistigen Kern blickte , völlig nachsah , war durch feinere Wäsche und eine wie aus einem Handbuche studirte Eleganz nicht zu verdecken . Die Grazien waren in seiner Nähe , aber sie neckten ihn nur , sie spielten mit ihm Versteckens , sie wohnten nicht in ihm selbst . Dieser feine Kopf aß jetzt an vielen vornehmen Tafeln , aber er wiegte sich so sonderbar in diesen Genüssen , athmete so den Duft seiner Einladungen ein und aus , wiederholte so sehr Alles , was ihm begegnete , in der Erzählung sprach er so geräuschvoll und nachdrücklich , daß das ganze persönliche Interesse , das Pauline an diesem so urplötzlich aufgetauchten Autor genommen hatte , dazu gehörte , um durch ihn in ihren Nerven nicht empfindlich gestört und verletzt zu werden . Meine gnädige Frau , sagte Guido Stromer , gleich im Eintreten , während er Paulinen die Hand küßte , ich komme in Sturm und Regen und muß in weiter Ferne von Ihnen bleiben , denn ich bringe eine Atmosphäre mit , die leicht den Katarrh nach sich zieht . Nun , bester Freund , begrüßte ihn Pauline und bat ihn Platz zu nehmen , wo es seiner diätetischen Sorgfalt für ihre Gesundheit nur beliebe . Was bringen Sie über das » Jahrhundert « ? Vor allen Dingen die heutige Nummer ! sagte Stromer , griff in den neuen schwarzen Frack , dessen Hyper-Modernität ihm beinahe komisch stand und breitete das von der Druckerei noch nasse Blatt aus , das Pauline gierig ergriff und durchflog . Im Büreau war ich nicht , fuhr Stromer fort , nachdem Pauline sich etwas orientirt hatte ... denn zu sprechen , während Jemand etwas vielleicht - von ihm las , dazu war er zu - taktvoll ... Das Büreau ist zu entlegen . Einem kleinen Mädchen kauft ' ich es an einer Straßenecke ab . Das Kind stand im Regen da wie der zitternde Strauch auf einsamer Heide ... Ich weiß , Ihr Exemplar kommt erst später . Schröpfer war da ! warf Pauline im Lesen und blätternd fast neckisch und wie zur Anregung hinein . Ah , gnädige Frau , sagte Stromer , ich wußte es , ich hab ' ihn selbst gesprochen . Die Sosier sind keine Freunde der Aktienunternehmungen , welche Zeitungen stiften . Auch die kleinen Buchhändler auf der Straße sollen weggeschnappt werden . Kind ! fragt ' ich das kleine Mädchen , das die Blätter feil bot , liest du denn schon und verstehst du auch , was du verkaufest ? Meine Schwester erzählt es uns manchmal ; sagte das Kind . Hast du eine Schwester , kleine Proletarierin ? fragt ' ich . Welchen Schriftsteller liebt sie denn am liebsten in dem Blatt , das du da verkaufst ? ... Stromer hielt inne ; denn die Geheimräthin war so vertieft , daß sie sowol sein Bild von dem auf der Haide im Sturme fröstelnden Strauche , wie seine Unterredung mit der kleinen Line Eisold überhört hatte . Er wartete , bis sie sich gesammelt hatte . Ah , sagte sie dann und blickte zu Stromer , um ihn zum Weiterreden zu ermuntern . Denken sie sich , gnädige Frau , fuhr dieser fort , wie man populair wird ! Und dein Ruhm wird ertönen auf der lauten Gasse ! Jesaias würde mich beneidet haben , wenn er Das gehört hätte . Wohl weiß ich , daß auf der Gasse nicht blos Glocken tönen , sondern auch Schellen klingeln und alte Töpfe krachen , die man in Scherben zerwirft , aber auch ein solcher Polterabendruhm klingt einem Ohre süß , das bestimmt schien , nur im Umkreise eines ländlichen Nachtwächterhornes seinen Namen bekannt zu wissen . Im Umkreise eines ländlichen Nachtwächterhornes ! wiederholte das Bild anerkennend Pauline , indem sie weiter blätterte und nicht ganz bei der Sache war . Wovon sprachen Sie denn ? Diese kleine fliegende Buchhändlerin sagte mir , der liebste Schriftsteller , von dem ihre Schwester sich etwas abschriebe , wäre ihnen Guido Stromer ! Gnädige Frau , Das so zu hören im Sturme eines nassen Herbstabendes , an einer Straßenecke unter Wagengerassel , wie Macbeth sein Schicksal am Wege von den Hexen zugerufen bekommt . Poesie mitten in der Alltäglichkeit ! Nun erst sammelte sich Pauline von Harder . Sie hatte das Blatt durchflogen , sich über den Stand der Parteien orientirt , die neuesten telegraphischen Depeschen gelesen , einige kleine durch Stromer besorgte Notizen von eigener Hand gefunden ... nun erst hörte sie halb , was Guido Stromer sprach und fragte : Also was sagte Schröpfer ? Merkte er unsere Absicht ? Guido Stromer war doch stark betroffen , daß die gnädige Beschützerin seiner Zwischenreden so wenig Acht gehabt hatte . Er hatte in solchen Fällen die Gewohnheit , den Ton ganz leise einzusetzen und mit gezogener Empfindlichkeit und einem gleichsam nur seinem eigenen Genius genugthuenden gelinden Strafverfahren so wie hier zu wiederholen : Was .. Herr .. Schröpfer .. gesagt ... hat ? Ja , Sie sprachen doch ... Wohl ! sagte Stromer seufzend und gelassen , wie ein angeschmiedeter Prometheus ; wohl ! Frau von Harder will zur Literatur zurückkehren , sagte der edle Sosier , sie will vielleicht ein Blatt begründen ! Aber vom » Jahrhundert « war keine Rede . Ah ! Ich habe mir , begann Pauline die Arme übereinander schlagend und den einen Fuß auf ihr Sopha legend , ich habe mir Mancherlei von den Einrichtungen einer solchen Unternehmung erzählen lassen , von Druck , Papier , Versendung , Abonnentenzahl und dergleichen mehr . Ich glaube , daß die dreitausend Abnehmer des » Jahrhunderts « ungefähr nach allem Kostenabzuge einem Capitale von 10.000 Thalern gleich kommen . Höher nicht ? fragte Stromer , der wie alle überfliegenden und haltlosen Naturen auch in solchen praktischen Verhältnissen von dem Werthe der eigenen Thätigkeit chimärische Begriffe hatte . Finden Sie die Summe so unbedeutend ? Das Capital ist bedeutend . Die Rente klein ... antwortete Stromer , und eigentlich müssen wir hinzufügen , daß ihm Capital und Rente neue Begriffe waren , die er nicht ohne einige Genugthuung seinem bisherigen üblichen Sprachgebrauche einverleibt hatte . Es ist mir nicht um die Rente , sagte Pauline , die in Geldsachen geläufigere Praxis hatte , sondern um den Einfluß , um die Unterhaltung und manchen nützlichen Gedanken , der sich wird fördern lassen . Durch wen besorgen wir nur den Kauf ? Wer leiht seinen Namen her , um den unsrigen zu decken ? Ich habe an Herrn Schlurck gedacht ... meinte Stromer . O sehr gut ! Schlurck ! Er ist ... Doch zuverlässig ? Wie Gold ! Aber ... seit der Hohenberger neuen Generalpacht scheint er mir etwas en décadence . In der That ? Man speist doch bei ihm wie bei einem Lucullus . Seine verlorene Curatel der Hohenbergischen Güter hat ihm in der großen Welt geschadet . Es ist erstaunlich , wie ansteckend das Glück und wie noch ansteckender das Unglück ist . Beim Glücklichen versucht sich Jeder , den Unglücklichen flieht man . Das soll mich aber nicht veranlassen , diese Thorheit mitzumachen . Ich will Schlurck bestimmen , das » Jahrhundert « für meine Rechnung anzukaufen ... Indem trat die Ludmer ein , hinter ihr folgte sehr bald Ernst mit dem Theeservice ... Stromer hörte das Klappern von Tassen schon seit Jahren außerordentlich gern . Es wurde ihm dann immer so behaglich , daß er sogleich anfing , Streckverse über das Sieden eines Theetopfes , über das Singen eines gebundenen Wassergeistes und den angenehmen Zusammenhang zwischen einem kalten Septemberabend und einer Tasse braunen Peccothees zu jeanpaulisiren , wobei er nicht fürchtete , sich zu wiederholen . Er hatte ähnliche Empfindungen an dieser Stätte schon mehrfach ausgesprochen , sprach sie aber heute wieder aus ... Die Ludmer hatte seit Jahren ein Zeichen , das ihr sagte , ob sie ein tête-à-tête oder eine größere Gesellschaft der Geheimräthin durch ihre Anwesenheit störte oder nicht . Fand sie das feine battistene Taschentuch Paulinen ' s in ihrer linken Hand , so durfte sie bleiben ; fand sie es in der rechten , so hatte die Gebieterin Ursache , ihre Entfernung zu wünschen . Da sie das Taschentuch heute in der linken bemerkte , so blieb die Ludmer und sorgte für den Thee , scheinbar dem Gespräche nicht folgend und doch sehr bei ihm interessirt . Denn sie war keine Freundin der literarischen Bestrebungen Paulinen ' s. Sie fand in dem Umgange mit Schriftstellern nichts ihrer Würdiges . Sie hatte auch Scharfsinn genug , sich zu vergegenwärtigen , daß diese Art von geistiger Thätigkeit zuletzt eine Unsumme von Verlegenheiten bereitet und sie wußte dann , was die nächsten Umgebungen der Geheimräthin zu leiden hatten , wenn die Schwierigkeiten wuchsen und sich alle Ausgänge verstopften und die Rückzüge sich versperrt fanden . Sie bereitete den Thee , schwieg , hörte aber mit scharfem Ohr auf jedes Wort , das hier gesprochen wurde . Man erörterte die Stellung , die künftig das » Jahrhundert « in den Fragen der Zeit , dem Wirrwarr der Parteien einnehmen sollte . Pauline tadelte die schwankende bisherige Haltung dieses Blattes , das zwar sehr leserliche , aber wenig entschlossene Artikel brächte . Irgend etwas muß gesagt werden , erklärte sie . Die Artikel müssen auf eine gewisse Pointe zurückkommen . Jeder Gedanke muß seine eigenthümliche Spitze haben . Werdeck müssen Sie versuchen für die Artikel über Militairreform zu gewinnen , Justus , den Heidekrüger , für gutsherrliche und bäuerliche Verhältnisse , Schlurck kennt die Mängel unsres Gerichtsverfahrens , Gelbsattel ist sehr verstimmt , sehr , sehr , der Hof nimmt keine Rücksicht mehr auf die alte Tonangabe , die man ihm in früheren Zeiten gestattet hatte ; das Alles sind Elemente , die Sie gewinnen müssen und woraus man eine Zeitschrift für Misvergnügte bilden kann . Glauben Sie mir , die würde großen Anklang finden ! Stromer nippte an seinem Thee und brockte Zwieback . Wenn er aufrichtig war , mußte er sich gestehen , daß er in keiner Weise für solche Unternehmungen der Mann war . Es fehlte ihm jede Unterordnung unter fremde Denkweise . So sehr er eine Aufgabe daraus machte , alle Menschen in ihrer Art gelten zu lassen , so war es ihm dabei doch nur um eine gewisse Kunst der Charakteristik und den Schein der politischen Milde zu thun . Zu objectiven Wahrheiten vollends wußte er sich nicht zu erheben . Dürft ' ich nicht eine Ansicht äußern , gnädige Frau ? sagte er jetzt in seiner alten Art , die wir von Hohenberg kennen , in jenem leisen , vorbereitenden , die Aufmerksamkeit erzwingenden Piano . Sprechen Sie ! sagte die Geheimräthin . Die Ludmer horchte . Ich gestehe doch aufrichtig , sagte Stromer , daß ich mir eigentlich gedacht habe , ob man nicht in dem » Jahrhundert « jede Parteiung umgehen könnte . Wo man hinhört , wird der Haß gepredigt . Wenn nun einmal Einer aufstünde und das Evangelium der Liebe predigte ? Ich verlange Schonung für jede Ansicht , unter der Bedingung , daß sie sich nur geistig ankündigt . Ah ! Ah ! rief Pauline ablehnend . Sie fallen in den Ton zurück , der meiner guten Freundin , der Fürstin Amanda , so sympathisch war ! Unsere Zeit verlangt Farbe . Sagen Sie Das nicht so entschieden , gnädige Frau ! Unsere Zeit verlangt den Regenbogen des Friedens ... Und im Regenbogen sind alle Farben vereinigt . Gelb und Roth herrschen vor . Krieg ! Krieg ! Bester Pfarrer ! Für unser Auge , für unsere dunstige Atmosphäre , gelb und roth . Aber an klaren Tagen sieht man mehr das Roth und Grün hervorstechen ... Ohne eine Partei , ohne eine Gesinnung hält sich keine Zeitung ! Nein , nein , Stromer ! O fern sei es von mir , zu sagen , flüsterte Stromer erregter , daß ich keine Gesinnung hätte ! Das aber eben ist meine Gesinnung , daß ich die Extreme verabscheue . Nur der Willkür und der Gedankenlosigkeit wollen wir den Krieg erklären , Das aber , was sich in einer Form der Schönheit und einer gewissen individuellen Nothwendigkeit ankündigt , Das müssen wir gelten lassen , wenigstens eine Zeitlang prüfen . Vom Berge Sinai kommt der Bote des Herrn , der Gesetzgeber seines Volkes . Wie er aus den Wolken tritt , siehe da ! sein Herz ist bekümmert . Sein Volk tanzt um ein güldenes Kalb . Der Gott , den ihnen Moses aus den Wolken bringen sollte , zögerte ihnen zu lange . Sie zwingen Aaron , ein güldenes Kalb zu gießen , das sie faute de mieux ihren Gott nennen . Moses , voll Entrüstung , nimmt die Tafeln des geschriebenen Gesetzes , das er mit sich herunterbringt , und wirft sie nach dem Götzenbilde . Die Tafeln zerspringen und alles Volk eilt herbei , die Scherben zu sammeln . Jeder hat nun einen Theil der Wahrheit , Jeder hat nun ein Stück des Gesetzes und jetzt bedarf es der Mäßigung , Ruhe , der Verständigung , um die Scherben wieder aneinander zu setzen und aus den Trümmern wieder des Herrn lebendiges Wort zur Auferstehung zu bringen . O das ist ein Mythe ! rief Pauline . Das ist sehr poetisch , Pfarrer ! Ein solches Gleichniß an die Spitze des Jahrhunderts gestellt , als Einleitung des neuen Programmes - als Ankündigung kann Das Glück machen ; aber ... Dennoch fühl ' ich , fuhr Stromer fort , daß wir im Vorhofe solcher Allgemeinheiten nicht dürfen stehen bleiben . Ja wir müssen uns an die Thatsachen wagen . Aber noch heute nahm ich Veranlassung , zu Gelbsattel zu sagen : Warum streiten wir nur über die Frage , wer regieren soll ? Ist es erhört , daß unsere Zeit den Königen nur das Regieren überhaupt zu- oder abspricht und Niemand denkt mehr daran , wie regiert werden soll ? Das Schiff fährt dahin über die Wogen . Der Mann am Steuerruder lenkt seine Bewegung . Er hat doch ein Ziel ! Er hat doch entweder nach Kolchis zu segeln , um das goldene Vließ zu holen oder er trägt schon eine Beute und will zurück zu der Heimat Strand . Einst gab es Könige , die nicht an ' s Regieren überhaupt dachten , sondern nur daran , daß sie gut und groß regierten . Ihr Minister und Volkshäupter streitet über das Regieren . Wer regiert ! Ei , so halte dich nicht auf , du Mückenseiher , ei so tummle dich doch in der Bahn und zanke nicht , wie sie gezogen sein soll ! Ich will regieren , sagt der Fürst . Regiere nur ! Aber rasch , groß , bedeutsam ! Was ist Das für ein Staatenleben , wo es immerdar nur heißt : Wir leben in einer Maschine , wo das Recht des ersten Druckes Dem , das Recht des Gegendruckes Dem gebührt ! Ist der Staat ein wiederkäuend Thier , ein jämmerlicher Selbstzweck ? Sind die Könige nur da , um Könige zu sein ? Mein Seherauge lehrt mich aus meinem Scherben am Fuße des Sinai eine tiefe Wahrheit enträthseln . Ich lese etwas von dem Satze in der ewigen Offenbarung : Die Könige regieren ! Aber sie sollen regieren , gut , weise , groß und schaffend ! Sie sollen regieren nicht um der Ewigkeit ihres Stammes , sondern um dessen Zeitlichkeit willen ! Sie sollen regieren , um die Völker reif zu machen , sich selbst zu regieren ! Die Könige sind die einzigen berufenen legitimen Apostel der Republik . Vortrefflich ! rief Pauline und reichte dem geschickten Gedanken-Eskamoteur , diesmal im Style von Hamann , die Hand , daß er sie ergriff und küßte . So weit ihr Verstand reichte , war ihr Das neu und im Grunde nicht sehr gefährlich . Es nützte allen Parteien . Was sagte Gelbsattel ? fragte sie dringend , zum Entsetzen der alten Ludmer , die über die Art , wie ihre Freundin auf ihre alten Tage da so in der Politik schwamm und plätscherte , in Verzweiflung gerieth und sich nur helfen konnte , indem sie an die Zubereitung der Schüssel : Filet von Seezungen à la maitre d ' hotel dachte . Er ist verdrießlich , antwortete Stromer , Gelbsattel ist verstimmt , hat häusliches Leid , er mag nichts Neues mehr denken . Der alte Apparat , der so viele Jahre bei ihm gehalten hat , ist ihm zu bequem geworden . Paßt eine neue Denkform nicht in diese alten Modelle seiner Dialektik hinein , so weiß er nicht mehr viel mit ihr anzufangen und hat gleich seine Bezeichnungen wie : Unpraktisch ! Mystisch ! Naturphilosophisch ! zur Hand und glaubt die Sache damit abgethan . Wenn ich noch erwähne , daß ihn der berühmte Proceß wegen der Johannitererbschaft verdrießlich stimmt , so thu ' ich Das mit Bedacht , weil ich dadurch veranlaßt werde , noch einer möglichen Verbesserung unseres » Jahrhunderts « zu gedenken . Sie kennen Dankmar Wildungen , gnäd ' ge Frau ? Nur dem Namen nach ! antwortete Pauline gespannt und die Ludmer horchte auf . Dieser junge Mann , fuhr Stromer fort , interessirt alle Welt . Wo man ihn sieht , zeigt man nach ihm und Viele wetten , daß er den merkwürdigen Proceß gewinnen wird - In der That ? Schlurck , Gelbsattel , sind nicht umsonst so verstimmt ; das Ministerium verfolgt die Schritte der Gebrüder Wildungen nicht umsonst mit so scharfem Auge - ist doch sogar eine Haussuchung bei ihnen vorgenommen . Die Ludmer und Pauline schlugen die Augen nieder . Ich lernte Dankmar , sagte Stromer , in Hohenberg kennen . Man hielt ihn für den Prinzen Egon und durfte es , wenn Unternehmungslust , Feuer , edle Haltung von dem Wesen einer in der Gesellschaft hervorragenden Erscheinung unzertrennbar sind . Ich nahm schon damals an ihm Interesse und habe kürzlich , vorgestern , an einem öffentlichen Orte , auf ' s neue seinen Scharfsinn , seine hervorstechende Eigenthümlichkeit bewundert . Vorgestern ? fragte Pauline lächelnd . Im Café Richter ? Woher wissen Sie - Wir sind allwissend , lieber Stromer . In der That ! Es war acht Uhr . Wildungen sprach lange in einem einsamen entlegenen Zimmer mit einem mir unbekannten Manne ... Mit röthlichem Bart ? In grünen Kleidern ? Wohl ! Wohl ! Ei ! Fahren Sie fort ... Ich habe nichts zu sagen , als daß er nach der lebhaften Unterhaltung mit diesem Manne , der sich bieder , doch in großer Aufregung ihm die Hand schüttelnd , bald entfernte , in die besuchteren Zimmer kam und so angeregt war , so sprühend und lebendig sich über die Angelegenheiten des Tages äußerte , daß ich die alte Bekanntschaft mit ihm gern erneuerte und ihn veranlaßte , sich gleichfalls dem neuen Aufschwunge des » Jahrhunderts « zu widmen . Mein Freund , rief Pauline entzückt . Sie werden praktisch ! Die Ludmer sah auf Pauline bedeutungsvoll ängstlich hinüber , doch nahm diese keine Notiz . Was antwortete er ? fragte sie . Es gab erst ein Misverständniß . Er sagte , dem Jahrhundert leb ' ich wohl und möcht ' es aus seinen Angeln heben ; ich fühle alle Schmerzen der Zeit und ringe , sie zu heilen . Da kam die Aufklärung , daß nur von der Zeitung die Rede war . Er lächelte , schien aber völlig bereit , ganz einverstanden und theilte mir offen mit , daß er bis zur Erledigung seines Processes sich durch literarische Arbeiten die Existenz fristen müsse , ohne darum mit Goethe zu sagen : Wer nie sein Brot in Thränen aß ... ich fand einen Charakter , einen Mann in ihm . Die Ludmer rümpfte die Nase , als wollte sie sagen : Welch ' ein Umgang ! Nichts als Lumpen ! Die Geheimräthin aber , in dem Zuge , in dem sie nun einmal war und der Tage gedenkend , wo sie einen Heinrich Rodewald liebte , von dem sie oft sagte : Titan , du spielst mit der Weltkugel Fangball ! rief : Fahren Sie fort ! Fahren Sie fort ! Und nun , fuhr Stromer fort , kam ein Vorschlag Wildungen ' s zur Sprache , über den ich doch erst die Ansicht meiner verehrten Gönnerin vernehmen muß . Der junge , leidenschaftliche und von allen Verhältnissen unterrichtete Advokat machte mich darauf aufmerksam , daß der ihm , wie doch auch mir so nahestehende Prinz Egon sicherlich eine bedeutende politische Rolle spielen würde . Der an drei Orten gewählte Volksmann Justus hätte sich sogleich erboten , die Wahl des ihm benachbarten Prinzen für einen der Wahlorte , den er refüsiren müsse , zu beantragen und man könne gewiß sein , daß nun Prinz Egon von Hohenberg in die Kammer träte . Er wäre von einer seltenen politischen Reife , besäße Kenntnisse , außerordentlich neue und befruchtende Grundgedanken und wenn man ihm noch den Nachdruck gäbe , daß er eine Partei bilden dürfe , daß er eine Zeitung , immerhin das » Jahrhundert « , zur Verfügung bekommen könnte ... Hier brach Stromer ab , denn die Geheimräthin schien in der größten Aufregung . Schon seitdem Dankmar Wildungen genannt war , fingen ihre Gedankenräder sozusagen zu schnurren an . Die Ludmer hatte dafür ein außerordentlich feines Ohr . Sie kannte Paulinen , wie sie grübelte und kombinirte , wie sie der Zerstreuung , Anlehnung an lebendige Naturen bedurfte , wie sie ihr Ohr an das Sausen und Brausen der Zeit zu legen liebte . Als aber Egon genannt wurde und sie ihr Lächeln , ihre Spannung , ihr Interesse bemerkte , hätte sie mit irgend einem andern Gegenstande das Gespräch unterbrechen mögen und wäre es das Niederwerfen der Tassen gewesen . Eben wollte sie wenigstens in die Verwunderung der Geheimräthin persönlich miteinstimmen , als diese in ihrer Unruhe sich von der kalten , nur horchenden , nur ihre Glut dämpfenden Horcherin so belästigt fühlte , daß sie das Taschentuch mit Entschiedenheit aus der linken in die rechte Hand warf und diese rechte Hand weit über den Tisch streckte . Das war das ominöse Zeichen ! Ein Signal , daß sich die Ludmer entfernen sollte ! Mit welchem Widerstreben ging sie ! Mit welchem durchbohrend warnend Blicke ! Nun sollte sie gehen ! Jetzt ! Jetzt , wo vielleicht eine furchtbare Thorheit eingefädelt wurde , eine Quelle bittrer namenloser Reue angebohrt für eine nur noch kurze Zukunft , jetzt ... Aber ... sie ging . Als die Geheimräthin und Stromer allein waren , sagte jene : Ich freue mich , Stromer , daß Sie so praktisch werden und so ernste Anstalten für unsre gemeinschaftliche Sache treffen . Allein mit Prinz Egon hat es seine Bedenklichkeiten . Ich schätze sein Verdienst . Nach Dem , was ihm in Solitüde begegnete , sind Aller Augen auf ihn gerichtet . Aber ich habe keine Beziehung zu ihm , und wenn eine Beziehung , schwerlich eine günstige . Ich war darauf vorbereitet und habe deshalb Sorge getragen , mich genauer zu unterrichten ; antwortete Stromer , der die Verfeindung zwischen Pauline und Egon ' s Mutter kannte und einst in Hohenberg dem Geheimrath von Harder die Ursachen derselben bitter genug angedeutet hatte . Sie haben mich doch nicht schon genannt ? unterbrach Pauline die etwas verlegen stockende Rede . Gnädigste ! Was denken Sie von mir ! Ich bin ein Neuling in dieser papiernen Welt , aber nicht in der wirklichen . Vollends weiß ich , daß Sie mit dem Prinzen gespannt sein müssen ... Mit ihm ? Warum mit ihm ? Mit seiner Mutter war ich ' s. Warum mit ihm ? So rasch gehen Sie über die Empfindungen eines Sohnes hinweg ? Ich muß leider der Wahrheit gemäß berichten , daß ich mir selbst manchmal , wenn ich hier bei Ihnen sitze , wie ein Mensch vorkomme , der sich als seinen eigenen Antipoden fühlt . Die Fürstin würdigte mich derselben Theilnahme wie Sie , gnädige Frau und bei allem milden Sinne Amanden ' s muß ich gestehen - Daß sie mich haßte ? Ich kenne die Veranlassungen nicht und fürchte , daß sie die Abneigung auf den Sohn vererbte . Haben Sie davon Proben ? Da ich vorgestern von Wildungen eine so beachtenswerthe Idee empfing , war ich heute in der Frühe beim Prinzen . Ich wollte discret sein und war es . Er empfing mich nicht freundlich . Er hat seinen alten Lehrer Rudhard wiedergefunden , drüben bei der Fürstin Wäsämskoi ... Ich kenne den Alten - seine neugierigen Blicke auf mein Fenster belästigen mich genug - nun ? Nun ? Die Folge dieses Wiedersehens sind Erinnerungen an die alten Zeiten gewesen . Ich konnte den Prinzen nicht in einen irgend wärmeren Ton gegen mich bringen . Wie sehr muß mich Das bekümmern , wenn ich daran denke , daß mein Urlaub von ihm abhängt , daß er die Wahl eines zeitweiligen Stellvertreters , den ich in einem jungen Manne , Namens Oleander , gefunden zu haben glaube , zu billigen hat ! Heute tadelte er die Entfernung von meiner Familie ; er verrieth in jedem Worte , daß Rudhard ' s strenger und unromantischer Rigorismus ihm wieder nahegekommen war . Er fragte dann nach meinem Umgang . Ich nannte aufrichtig Sie , gnäd ' ge Frau . Ich wollte hören , was sich da für ein Widerhall von seinem Herzen würde vernehmen lassen . Ich gestehe Ihnen , es war der rauheste ! Lächeln Sie nicht , gnädige Frau ... er sprach in Drohungen gegen Sie - Fahren Sie nur fort ! antwortete Pauline gespannt und sehr ruhig . Er sagte mir , er wisse , daß Sie ihm eine Feindin wären , seit er auf der Welt wäre - Seit er auf der Welt ist ? Da hat er Recht ! sagte Pauline träumerisch , doch kalt . Rudhard , fuhr er fort , hätte ihn auf ' s neue gewarnt ... Rudhard ? Dem alten Freunde seines Hauses wäre es gelungen , schlimme Dinge zu entdecken , die Sie gegen ihn unternommen hätten - Ich gegen Egon ? Wohl verschweige ihm sein väterlicher Freund und Führer Manches , was ihm auf dem Herzen läge , aber es käme gewiß zum Vorschein , wenn erst zwischen ihm und diesem Edlen Alles klar und rein gelichtet wäre - noch lägen zuviel der Wolken zwischen ihnen - Helene d ' Azimont eine Wolke ? Hoffentlich eine rosige Wolke ! Gnädige Frau , ich war nicht im Stande , die Saite länger zu berühren . Ich ergriff ein auf dem Tische liegendes Exemplar der Nachfolge Christi von Thomas a Kempis . Er sagte mir , daß er dies Buch liebgewonnen hätte , es wäre eine Erbschaft seiner Mutter . Ich entgegnete , um ein harmloses Gespräch zu beginnen : Durchlaucht irren wohl ! Ich kenne alle Ausgaben dieses lieblichen Buches , die die selige Fürstin besaß , alle ! Dies Exemplar war aber nie in ihrer Bibliothek ! Ich glaub ' es wohl , sagte er , daß Sie dies nicht kannten . Es befand sich hinter jenem Bilde ! Damit zeigte er auf ein Pastellgemälde der seligen Fürstin in Medaillonform - Pauline war schon längst erblaßt ... ihre Lippen öffneten sich und blieben starr und unbeweglich stehen . Dann hauchte sie so hin : In jenem Bilde ... Befand sich ,