zu setzen . Verdien ' ich Ihr Vertrauen nicht ? hatte er sagen und sein ganzes Gefühl ausströmen wollen ... O , ich ahne es , Sie werden sich mit Ihrem Gatten verständigen ! Ihr liebliches Kind wird Sie beide verbinden ! Die Hoffnung meines Lebens ist dahin ! ... Nie hatte er so zu Monika gesprochen ... Sollte er es heute wagen ? ... Heute ? ... In den Stimmungen , die ihn seit einigen Tagen erfüllten ! ... In diesen aufgeweckten Erinnerungen , in den quälendsten seines Lebens ? ... In Ahnungen , Schreckensaussichten , die ihm plötzlich gekommen waren bei Nennung des Namens - Bosbeck ? Bei Erwähnung jener beiden Knaben , die Hubertus einst aus dem Feuer rettete ? Erzählen wir von Wenzel von Terschka die Wahrheit . 1798 war er geboren und in der That ein Böhme und in der That vom Adel , wenn auch vom ärmsten . Sein Vater , einer herabgekommenen Familie angehörend , diente zur Zeit der französischen Revolutionskriege im österreichischen Heere und stand bei Kinsky-Ulanen in jener Heerabtheilung , die anfangs unter Wurmser , später unter Erzherzog Karl gegen die französische Republik am Neckar , Rhein , an der Mosel mit abwechselndem Glücke focht . Seines Adels und Alters ungeachtet war seine Stellung nur gering . Er hatte Lieutenantsrang und bekleidete die Functionen eines Regimentsquartiermeisters . Ihm , der auf dem Marsche immer für die sichere Unterkunft der andern sorgen sollte , begegnete es , daß er bei einem Ueberfall selbst von seinem Regiment abgeschnitten und gefangen genommen wurde . Die französischen Armeen hatten sich damals in Nassau und bis nach Hessen hin festgesetzt , der Gefangene blieb am Rhein in der alten Stadt St.-Goar. Seine Lage war hart und zog sich in die Länge ... Es war die Zeit des Rastadter Gesandtenmords , der die Welt mit Entsetzen erfüllte - man fürchtete Rache an jedem gefangenen Oesterreicher ... Der Quartiermeister von Terschka war verheirathet . Seine Frau gehörte dem niedern Bürgerstande an . Ursprünglich war sie eine wohlhabende Bäckerswitwe in einer böhmischen Stadt , die in zweiter Ehe ihr Geschäft verpachtet hatte . Die wenig gebildete , kaum halbwegs deutsch sprechende Frau besaß reichlich die Mittel , um dem , wie sie zu ihrem Schrecken in Erfahrung brachte , gefangenen Gatten zu folgen , setzte sich auf die Post , reiste an den Rhein , kam in St.-Goar an , verfiel jedoch , kaum im Wirthshaus abgestiegen , vor Anstrengung und Aufregung in eine Krankheit , die ihr und beinahe auch einem Kinde , das sie unterm Herzen trug , das Leben kostete ... Obgleich sie schon in zwei Monaten Mutter werden mußte , hatte sie sich dennoch diese Reise zugetraut ... Sie erlitt eine Frühgeburt und sah ihren Gatten , der von der oberhalb der Stadt gelegenen Festung herbeieilte , nur wieder , um für dies Leben von ihm Abschied zu nehmen ... Die Wache , die ihn begleitet hatte , stand voll Rührung . Es war ein herzzerreißender Anblick ... Die schon an Jahren vorgerückte Frau erlag dem Opfer ihrer Liebe . Wenzel , wie die Nothtaufe das kaum athmende Kind nannte , war ein Siebenmonatkind . Daher die eigenthümliche Unfertigkeit und scheinbare Unreife in seinem ganzen Wesen ... Die Hebamme nahm das halbtodte Kind an sich , besorgte das Begräbniß der Mutter , der Vater schrieb um Mittel nach Böhmen ... Eine schmerzliche Zeit verging dem Gefangenen auf der Festung Rheinfels , die oberhalb des Städtchens St.-Goar liegt . Der Rastadter Gesandtenmord schien die Aussicht der Ranzionirung zu vereiteln und ließ eine Abführung ins Innere Frankreichs erwarten . Die aus Böhmen erhofften Gelder blieben aus . Der Krieg wüthete am Main und bedrohte sogar schon Thüringen ... Die Hebamme war keine besonders wohlwollende Frau . Sie hatte Noth mit dem schwer zu erhaltenden Kinde und drang auf eine Verpflegung bei andern Leuten , zu der dem Vater die Mittel fehlten ... Ein Mitgefangener hörte das Seufzen und die Klagen des unglücklichen Kriegers , hörte das Schreien seines Kindes , das man ihm zuweilen brachte , und schlug ihm durch die Wand , die ihn von seinem Nachbar trennte , eines Tages vor , das Kind an seine Frau zu übergeben , die heimlich unten im Orte wohne , selbst nur ein Kind hätte und einem zweiten gewiß bis auf weiteres eine treue Mutter sein würde ... Für die Heimlichkeit des Aufenthalts seiner Frau in dem Orte gab er Gründe an , die so stichhaltig schienen , daß der Tiefgebeugte kein Arg hatte ... Terschka bewegte sich freier , als der Mitgefangene , der kein erwiesener Verbrecher war , sondern nur wegen mangelnder Legitimation , doch streng gehütet , gefangen saß ... Die Noth und die Hoffnung auf baldige Ranzionirung bewogen Terschka ' s Vater , auf den Vorschlag einzugehen . Er erkundigte sich nach seinem Nachbar und nun erfuhr er freilich , daß es ein Mann war , den man für einen Gauner hielt . Es war ein Jude . Man vermuthete , daß sein angeblicher Name Sontheimer schwerlich sein rechter wäre , setzte aber hinzu , daß man sich auch irren könnte . Daß seine Frau im Orte lebte , wußte niemand und da Sontheimer zu dringend gebeten hatte , daß sie nicht genannt würde , schwieg der Kriegsgefangene und ließ sein kaum lebensfähiges Kind an den ihm von seinem Nachbar näher beschriebenen Ort , eine enge , dunkle Gasse dicht am Rhein , bringen ... Wie die Umstände waren , war das ein Glück für den Kriegsgefangenen , der durch eine so traurige Verkettung von Umständen um seine Freiheit , um sein Weib kam und noch obenein die Sorge um ein Kind vom Schicksal auferlegt erhielt ! ... Haus und Herd gab es damals für Tausende nicht mehr ... Mit den Armeen zugleich zogen die Bewohnerschaften zerstörter und geplünderter Ortschaften mit Weib und Kind und wo sich Waaren und Gelder hingeflüchtet hatten , da lauerte die Nachstellung und der Ueberfall jener Verbrecherbanden , die wie giftige Pilze nach dem Regen aufschossen im ganzen verwüsteten nordwestlichen und südlichen Deutschland ... Der Kriegsgefangene erhielt noch immer seine Freiheit nicht und dachte oft , obgleich der dazu nöthigen Mittel entblößt , an Flucht ... Auf der Festung hatte er freieren Aus- und Eingang , als die andern ... Der Jude Sontheimer wurde nicht ins Freie gelassen , sondern wie der gefährlichste Verbrecher gehütet , ohne daß man ihm etwas vorwerfen konnte ... Seine wilden Flüche erschreckten oft seinen Nachbar ... Voll Entsetzen dachte er an die Aufbewahrung seines Kindes in solchen Händen ... Besuchte er aber dann wieder Sontheimer ' s Frau , so fand er ein schönes junges Weib , das ihn zwar nur halb verstand ( sie war eine Holländerin ) ; aber die Ermahnungen des Kriegers wirkten so lebhaft auf ihr Gemüth ein , daß sie oft Thränen , vergoß ... Da wurde ihm freilich klar , daß es mit Sontheimer nicht richtig stand ; er forschte dahin und dorthin , suchte , ob sonst niemand sein Kind an sich nehmen wollte ... Aber noch blieb ihm jede Hülfe vorenthalten ... Die Spuren einer so weichen Gesinnung bei jener jungen Jüdin bestachen ihn ... er ließ sein Kind um so mehr in ihrer Pflege , als sie auch die hingebendste war ... Es kostete bei der schwächlichen Gesundheit des winzigen Knäbleins nicht wenig Aufmerksamkeit , sein Leben zu erhalten ... Diese Pflege würde ihm in so wilder Umgebung , bei diesen Durchzügen und Einquartierungen von niemand anders gleich liebevoll und uneigennützig geleistet worden sein ... Allmählich entdeckte der Gefangene durch die Wandgespräche die wirkliche Gefährlichkeit seines Nachbars ... Der Jude beschwor eines Tages den Krieger , den Gefängnißwärter niederzuschlagen und ihm die Schlüssel zu rauben ... Würden sie auf diese Art frei , so wollte er ihn » fürstlich belohnen « ... Nun begriff der Kriegsgefangene vollkommen den Verdacht der Sicherheitsbehörden ... Die Welt war damals von Schrecken erfüllt vor jenen großen Verbrecherbanden . Durch die schlechte Justizpflege der Grenzgebiete Deutschlands und besonders der vielen geistlichen Regierungen hatten sich von Strasburg bis zum Niederrhein alle zerstreuten Elemente des Gaunerthums und der Heimatlosigkeit vereinigt und vorzugsweise durch die überwiegende Theilnehmerschaft der Juden wurde bewiesen , wie es sich an der christlichen Gesellschaft rächt , wenn sie die Juden in einem abgeschlossenen Druck , in der Verweigerung der Ansiedelung und freien Erwerbsübung erhält . Man zitterte vor Abraham Picard , der unter hundert Verkleidungen und täuschenden Entstellungen seiner Person immer den Händen der Justiz zu entschlüpfen wußte und von Holland bis zum Spessart mit seinen Genossen und überall versteckten Helfershelfern raubte und sengte ... Mit sich kämpfend , was zu thun seine Pflicht war , stand der Kriegsgefangene verzweifelnd zwischen dem Verlangen , die Behörden auf die Gefährlichkeit seines Nachbars aufmerksam zu machen und zwischen der Sorge für sein Kind ... Voll Vertrauen zum Herzen des jungen Weibes wollte er sie zu Rathe ziehen ... Von seiner ihn immer begleitenden Wache geführt , kam er in die Stadt und in jene dunkle Gasse . Er sucht die Pflegerin seines Kindes , tritt in ihr Zimmer und findet die Jüdin entflohen ... Mit beiden Kindern war sie seit einem Tage verschwunden ... Außer sich , hielt er jetzt mit keiner seiner Enthüllungen , wenigstens über die heimlich in der Stadt anwesende Frau des Gauners zurück . Sontheimer wurde mit ihm confrontirt . Er stürzte auf den Verbrecher zu , den er zum ersten mal in ganzer Gestalt sah , verlangte Auskunft über den Ort , wo sich sein Weib verborgen haben könnte und hörte nun , wie dieser kecke , wilde , trotzige Mensch , von dem er bisher nur den aus dem vergitterten Fenster gesteckten Kopf gesehen hatte , sich mit einer Verschlagenheit herauszureden wußte , daß er aus Furcht vor Rache an seinem Kinde Anstand nahm , noch alles Fernere zu gestehen , was ihm Sontheimer zugemuthet hatte . Listig sagte dieser : Es ist nicht mein Weib gewesen , sondern das Weib eines andern , der mir schuldig ist und den ich in Nimwegen verklagen muß , wenn ich auf freiem Fuß bin ! Laßt mich ziehen ! Ich heiße Sontheimer , bin ein ehrlicher Mensch und werde euch die Frau in Nimwegen zeigen , wo sie auf der Utrechter Gracht wohnt ! Geschrieben wurde nun freilich hin und her . Aber gerade dem Niederrhein zu und in Holland wüthete die Kriegsfurie . Städte geriethen in Brand ; in nächster Nähe waren die Bauern der Lahngegend , Hessens , am Main bis zum Spessart hinauf als Landsturm organisirt , - mitten in die von der Batavischen Republik heraufziehenden Heere hinein konnte sich der österreichische Krieger noch weniger wagen , selbst wenn er entfloh . Aus Sontheimer war nichts mehr herauszubekommen . Auch da nicht , als endlich der Kriegsgefangene frei und mit vorgeschriebener Reiseroute an die Oesterreicher zurückgegeben wurde . Er durfte nicht etwa in seine Heimat zurückkehren , er mußte nach Italien gehen , wo gerade Suworow die Russen und Oesterreicher gegen die Franzosen führte . Mit blutendem Herzen trat er seinen ihm vorgeschriebenen Weg an , ließ bei dem » Maire « von St.-Goar die Erkennungszeichen des flüchtigen Weibes und seines Kindes zurück , bat einige freundlichgesinnte Herzen um Nachrichten , wenn ihnen eine Kunde käme oder wenn der Jude Sontheimer entlarvt würde , und ging über Mainz nach Baiern , von dort über den Vorarlberg nach Tirol und Italien , wo er in der blutigen , für Oesterreich siegreichen Schlacht bei Novi den Tod fand . Abraham Picard , der gefürchtete Räuber war es selbst gewesen , der bald nach der Entfernung des unglücklichen Kriegers in seinem Gefängniß auf dem Rheinfels ausbrach und noch eine Reihe von Jahren hindurch der Schrecken des Landes blieb . Jene junge Frau war in der That nicht sein Weib , sie war seine Schwiegertochter . Ihr Mann , sein Sohn Heyum Picard ' , verschaffte ihm zuletzt die Mittel zur Befreiung , nahm aber schon vorher sein Weib zur Sicherung mit sich hinweg . Abraham starb auf dem Schaffot , als die gemeinschaftlichen Maßregeln aller Regierungen diesem Raubwesen ein Ende machten . In den Niederlanden bildeten sich Freiwilligencorps , um den in ihren Schlupfwinkeln verschanzten Räubern förmliche Treffen zu liefern . Oft nach einer Gegenwehr , deren Heldenmuth einer bessern Sache würdig gewesen wäre , fielen die Häupter der Gefangenen bei den Franzosen unter dem Beil des Henkers , bei den Holländern wurden sie gehängt , manche kamen für Lebenszeit auf die Galeere . Den nur Verdächtigen oder den unzurechnungsfähigen Kindern der Verbrecher brannte man Erkennungszeichen auf die Haut , um sie controliren zu können und ihrer Verstellungskunst zeitlebens sicher zu sein . Die Kinder gab man unter die Obhut beaufsichtigter Familien . Auf diese Art wuchsen Wenzel von Terschka und Jean Picard zusammen auf in einem holländischen Dorfe hart an der deutschen Grenze ... Die Mutter des letztern erlag den Anstrengungen und den Mißhandlungen ihres Mannes Heyum Picard schon vor dessen Gefangennahme auf französischem Gebiet und seiner Abführung auf die Galeeren von Brest . Sie hinterließ ihren Pflegling sowol , wie ihr eigenes Kind der Aufsicht eines ältern Knaben , der bei einem Müller Namens Sterz in Arbeit stand - Hanne Sterz , die wir von den unterirdischen Gängen des Profeßhauses in der Residenz des Kirchenfürsten kennen , war einst das Weib eines Hehlers , der auf einer einsam gelegenen Mühle den Gaunern in die Hände arbeitete . Mittel zum Unterhalt fehlten nicht , sogar die reichlichsten gab es . Dieser ältere Knabe hieß Franz Bosbeck und gehörte jener Familie des Jehu Bosbeck an , eines Christen und ehemaligen Offiziers , den sein dissolutes Leben bis in die Berührung mit den verworfensten Kreisen der Gesellschaft führte und der sogar seinen christlichen Glauben abschwur und Jude wurde . Als seinen und seines Bruders Jan Frevelthaten ein endliches Ziel gesetzt wurde , als eine mit beispielloser Kühnheit ausgeführte Flucht aus einem Thurm in Nimwegen , wo Jehu Bosbeck neunzehn Monate mit den Füßen in Wasser stand , das Signal zu einer gemeinsamen Verfolgung auf Tod und Leben wurde , zogen sich alle zerstreuten Familienglieder , die thätigen und die nur hehlenden , in einem Versteck zusammen , einem Meierhof , der einem Mitverschworenen gehörte . Hier wurden sie umzingelt . Es gab einen Kampf , wie im offenen Kriege . Von Kugeln durchbohrt sanken die Verbrecher , die sich mit Verzweiflung wehrten . Ueber Leichen hinweg stürmten die Corps der Freiwilligen . Die Flammen ergriffen das ganze Anwesen . Das Hauptgebäude , ein stattliches Wohnhaus , war durch die gefüllten , in Brand gerathenen Fruchtscheuern eine einzige Feuersglut . Da war es , wo der vierzehnjährige Müllerbursch Franz Bosbeck , ein Verwandter des Hauptführers , zwei Stockwerke hoch aus den Flammen sprang , in jedem Arm einen Knaben , Wenzel von Terschka im linken , Jean Picard im rechten ... Wohlbehalten kam er auf den Boden ; die rauchenden Trümmer verbargen ihn in ihrem dampfenden Gewölk , er entfloh , rettete sich zu jener Mühle zurück und als auch diese in Asche gelegt wurde , irrte er mit seinen beiden jammernden Pflegebefohlenen , abwechselnd bald den Einen , bald den Andern tragend , hinaus in Nacht und Verzweiflung ... Terschka war damals fünf Jahre alt , Picard etwas älter ... Noch zuweilen schreckte Terschka die Erinnerung an diese frühesten Lebenseindrücke wie ein Fiebertraum . Heute waren es wilde , leidenschaftverzerrte Gesichter , wie sie Rembrandt und Honthorst malte , die er bei Laternenschimmer würfeln , Karten spielen , zechen sah ... Dann wieder sah er Gold- und Silbergeräth aufgehäuft , Säcke mit klingender Münze getragen ... Wieherndes Lachen schallte daher dahin . Plötzlich ängstliche Ausrufe des Schreckens über Verrath ... Dann blinkende gezückte Messer , geladene Pistolen ... er hörte fluchen aus einer Mischsprache von Holländisch , Deutsch , Jüdisch und Französisch ... Nichts aber hatte sich unauslöschlicher ihm eingeprägt , als jener Schreckensaugenblick des Brandes , des Hülfejammerns , des Sprunges aus dem Fenster . Alles das stand noch oft vor seiner Seele und doch war es ihm schon lange , als könnte es nicht gewesen sein und wäre nur die mit der Wirklichkeit verwechselte Erinnerung einer Erzählung . Aber das Schreckenvolle dieser Erinnerungen wurde durch ein auch ihm eingebranntes Mal immer wieder neu bestätigt . Er erhielt dies Mal ein Jahr nach jener Flucht . Zwar hatte sie ein der Hehlerbande zugehörender Scharfrichter aufgenommen . Ein Jahr wohnten sie am Fuße eines Hochgerichts . Hier , wo die Gerippe todter Pferde im Hofe moderten , hier unter den abscheuerregenden Vorkommnissen des Abdeckens , hier unter den Zurüstungen von oft massenhaften Hinrichtungen lebten die drei Flüchtlinge , bis sie dem Scharfrichter zur Last fielen und von ihm der Regierung ausgeliefert wurden . Diese gab ihnen den Stempel und lieferte den ältesten zu Schiffe nach Java ; den zweiten gab sie nach Frankreich , wo sein Vater in Brest auf den Galeeren saß ; den dritten gab sie einer zufällig in Rotterdam anwesenden Kunstreitergesellschaft . Auch diese Trennung von seinen beiden Gefährten war Terschka unvergeßlich . Der gutmüthige Franz Bosbeck weinte zwar nicht , wie er und Jean Picard thaten , aber er schied von seinen Pfleglingen mit dem Ausdruck des tiefsten Schmerzes . Wenzel von Terschka war von seinem achten Jahre an bis zum fünfzehnten Kunstreiter . Er kannte im allgemeinen seine Herkunft , sie wurde ihm sogar nach den Untersuchungsprotokollen und den Aussagen des Heyum Picard gerichtlich bescheinigt : aber noch lag die Welt in allgemeiner Kriegsnoth und eine Eroberung der Vater- und Heimatsrechte setzte damals , als Napoleon mit Oesterreich im Kriege lag , für ein unmündiges , so wenig empfohlenes Kind niemand durch . Halb Europa durchzog Wenzel von Terschka mit einer holländischen Kunstreitertruppe . Bald war der Knabe der Liebling der Gesellschaft des berühmten Jân van Prinsteeren und auch der Liebling des Publikums . Seine Behendigkeit und Gewandtheit übertraf alles . Im bunten Kleide auf dem Rosse , in Paris , in London , in den Seestädten erregte er Bewunderung , bis er einst in Amsterdam Unglück hatte und ein Bein brach ... Der große Völkerkrieg gegen Frankreich begann jetzt , die Truppe löste sich auf . Ein aus Java heimkehrender Schweizersoldat nahm den langsam Geheilten mit sich nach seiner Heimat , nach dem Canton Unterwalden ... Zu Stanz war es , am Vierwaldstättersee , wo 1816 für die neue Befestigung der restaurirten italienischen Staaten schweizerische Mannschaft geworben wurde . Wenzel von Terschka , achtzehnjährig , nahm Handgeld von den römischen Werbern , die , wie dies für Neapel geschah , so auch für den Kirchenstaat , eine ansehnliche Truppenmacht zum Schutz für unzuverlässige , erst neu hergestellte Zustände zusammenbrachten . Als Lanzenreiter ging er nach Rom ... An Gelegenheit , sich auszuzeichnen , fehlte es dem äußerlich zwar unscheinbaren , aber mit einer wunderbaren Elasticität begabten Jüngling nicht . Seine Reitkunst übertraf alles . Auch Muth und persönliche Tapferkeit waren ihm nicht abzusprechen , obgleich seine Weise von der seiner fester und sicherer auftretenden überwiegend schweizerischen Kameraden abwich . Die Schweizersoldaten sind in der Fremde das volle Abbild der heimischen Cantonalzstände ; ihre Mannszucht ist von einer unerbittlichen Strenge ; der Verkehr der aus den alten Landesgeschlechtern gewählten Offiziere mit den Gemeinen ist ein streng geschiedener , das Hinaufrücken in höhere Stellen ein den letztern völlig unmögliches . Indeß wurde Wenzel von Terschka Instructor der Reitschule . Voll Unmuth über die Dienststrenge jedoch und von einem sein Gemüth durchwühlenden Ehrgeiz getrieben offenbarte er sich dem Geistlichen der Truppe . Dieser gehörte den Schweizern selbst als Feldprediger an und erwarb ihm keine Erhörung seiner Wünsche um höheres Avancement . In dem deshalb immermehr sich steigernden Unmuth verlebte Terschka auf dem schönen classischen Boden qualvolle Jahre . Die täglichen Uebungen auf der römischen Campagna , in der Sonnenhitze , auf den dürftigen , schon vom Rosseshuf so vieler Kriege und Völkerwanderungen zerstampften und um jede Fruchtbarkeit gebrachten Heideflächen stimmten ihn oft zur Verzweiflung . Er versuchte den Uebergang zu den Truppen , die inzwischen von der päpstlichen Regierung selbst organisiert wurden ; aber sein empfangenes Handgeld verwies ihn in die Reihen der Krieger , bei denen er nun einmal stand . Zuletzt reclamirte er seine Unterthanenschaft beim kaiserlich österreichischen Botschafter , durch dessen Kanzlei ihm auch die von ihm erbetenen Eröffnungen über seine in Böhmen befindliche Familie und sein mütterliches Vermögen zukommen sollten . Aber der strenge geregelte Gang des ganzen römischen Lebens , diese sich überall dort ( wie in einem weitläufigen Palast , wo an jeder Treppe von Schildwachen uns eine strenge Zurückweisung wird , wo jede Thür ihre feierliche Aufschrift und ihr drohendes Wappen uns entgegenhält ) beklemmend und angsterweckend gebende Geschäftsform verwies ihn immer wieder auf seine Kaserne , die nicht fern vom melancholischen Forum lag , unter den Trümmern der denkwürdigsten Vorwelt , nahe an jenen epheuumwucherten großen Thermen , die man nicht sehen kann , ohne an die grausamen Zeiten zu denken , wo unter dem Namen der Gladiatoren Hunderttausende in abgesteckten Lagern kostbar gemästet wurden , um als Fraß für die wilden Thiere oder , waren es Prätorianer , für den nicht endenden grausamen Krieg und die noch größere Grausamkeit der anstrengendsten Fußmärsche - von Indien nach Britannien zu dienen . Oft kam ihm unter den einsamen weidenbewachsenen Hügeln beim Fernblick auf die blauen Gebirge , beim Ahnen des hinter ihnen aufwogenden Meeres der Gedanke an Selbstmord , an Flucht , Desertion ; denn zuletzt schreckte ihn selbst der gewaltsame Tod durch die strafende Kugel nicht mehr . Da erlöste ihn von einem ihm immer qualvoller werdenden Schicksal der Monotonie , der Abhängigkeit im Dienstzwang und des unbefriedigten Ehrgeizes ein neuer Unfall . Nicht das Bedürfniß nach Vertiefung seines regen Geistes war es , das ihm Augenblicke des wildesten Einsetzens seines ihm verhaßten Lebens gab ; nur vorzugsweise der gebundene Ehrgeiz , nur die gebundene Leidenschaft tobte sich aus , als er zum zweiten male ein Unglück zu Roß erlebte und von einem für unbezähmbar geltenden Neapolitaner in der That abgeworfen wurde und für todt auf dem Platze blieb . Sein Wagemuth war durch Umstände herausgefordert , die fast an die Zeiten seines Kunstreiterthums erinnerten . Die Schweizertruppen hatten sich 1821 ausgezeichnet bei Unterdrückung der Aufstände des Montferrat und Piemont . Don Tiburzio Ceccone , der jüngere Sproß einer Familie der Nobili , war als Vorsitzender der Prevotalhöfe gegen die carbonarischen Verschwörungen in kurzer Zeit zur höchsten Würde , zum Cardinalat , gelangt . 1819 war er , wie eine dunkle Sage ging , wie Holofernes von Judith , so von einem fanatischen Bürgermädchen Namens Lucrezia Biancchi fast ermordet worden und 1823 saß bei einem Besuche , den der Allgewaltige der Reitbahn der Schweizer-Lanciers zur Anerkennung ihrer geleisteten Dienste machte , neben ihm ein Kind von vier Jahren , bildschön - wie es hieß , seine , » Nichte « , wie Andere sagten , sein eigenes , das Kind - jener Lucrezia Biancchi , die noch im Kloster der » Lebendigbegrabenen « lebte ... Neben beiden in angemessener Entfernung , nahe genug , um auf keine Anrede des stolzen , üppigleidenschaftlichen , noch jugendlichen Herrn im schwarzen Kleide mit den rothen Strümpfen die Antwort schuldig zu bleiben , saß , zwar nicht mehr in erster Jugendblüte , aber immer noch in der Schönheit römischer Imperatorenmütter und wie eine gekrönte Heroine die Herzogin von Amarillas , eine frühere Sängerin Fulvia Maldachini ... Ringsumher saßen Würdenträger des römischen Hofes , alle auf einer mit bunten Teppichen belegten , mit Blumen geschmückten Estrade und den Reitkünsten der Arena zuschauend ... Die Gräfin Erdmuthe von Salem-Camphausen würde zu dem Anblick gesprochen haben : » Offenbarung Johannis 16 : Und ich sahe das Weib sitzen auf einem rosinfarbenen Thiere und sie war bekleidet mit Scharlach- und Rosinfarbe und übergoldet mit Golde und Edelgesteinen und Perlen und hatte einen Becher in der Hand voll Greuel und ich sah das Weib trunken von dem Blut der Heiligen und von dem Blut der Zeugen Jesu « - Wie anmuthig aber , wie freundlich , wie unschuldig machte sich das alles in der Wirklichkeit ! Lachen und fröhliche Lust auf den Mienen , so rein wie der tiefblaue Himmel über ihnen , in dem nur wenige rosige Wölkchen wie kleine Montgolfieren schwammen ! ... Die Trompeten schmetterten ... Das störte eine Nachtigall nicht , die in den Syringenbüschen nebenan sich einsam glaubte unter ringsum liegenden zertrümmerten alten Säulenschaften ... Wie schwatzte man durcheinander ! ... Sorbetti gingen im Kreise , die der Koch Ceccone ' s bereitete , dann und wann mit seiner weißen Tellermütze hervorlugend hinter einem improvisirten teppichbehangenen Verschlage ... Terrassenartig stiegen rings die Hügel hinan und aus Villa und Kloster und hinter alten Tempelsäulen und Thermenbögen guckte die abgesperrte Neugier in das tieferliegende Bild der Arena , der schnaubenden Rosse und der Quadrille , die die besten Lanzenreiter ausführten auf Rossen , die zu tanzen schienen ... Neue kleine goldene Scudis waren geprägt worden mit dem Bildniß des Stellvertreters Christi , zierliche kleine Halbdukaten , mit beziehungsreicher Inschrift aus der Reversseite für den neuen Triumph der Ordnung und des Glaubens ... Eine ganze Büchse voll davon rüttelt die kleine Olympia , wie man die vierjährige Nichte nannte , und plaudert und plaudert , wieviel das Kriegsministerium jedem als buona manchia verabfolge , der die schöne Quadrille jetzt zu Pferde tanze ... Kein Sirocco weht ... Leichte milde Frühlingsluft nach langem Regen ... Ein Duft ringsum , wie herübergefächelt aus den Gärten der Hesperiden ... Und nun macht Ceccone sogar Witze und spricht , wenn die Rosse sich nicht nach Sitte aufführen , zu einem Mitglied des diplomatischen Corps - auch von Hesperidenäpfeln ... Frägt dann rasch die Frau des spanischen Gesandten ihren Mann : Qu ' est-il qu ' il a dit ? so citirt Eminenz selbst mit graziös lächelnder Miene und so , wie auch nur ein Cardinal lächeln kann , einen Vers - aus Guarini ' s Schäfergedichten ... Luft , Sonne , Licht , Farbe - Glück und Wonne ringsum - aber Wenzel von Terschka ' s Solo mislang doch . Sein Neapolitaner war nicht so leicht gebändigt , wie die Revolution des Generals Pepe . Der kühne Reiter liegt auf dem Boden und alle halten ihn für todt ... Dort herauf ragt das Coliseum , wo in solchen Fällen die alten Opfer ruhig aus den Schranken hinweggetragen wurden und der Römer gleichgültig zur Tagesordnung , einem neuen Kämpfer , überging . Ein Kreuz entsühnt jetzt die wilde Stätte und - was schuldigst du auch ewig nur Rom so ungebührlich an , du greise waldensische Herrin von Castellungo ! - das Carrousel - hört auch hier sogleich auf ... Man trägt den für todt Erklärten in das Ospizo de Benfratelli ... Die halbe Büchse voll Paolis wird vorläufig sogleich für ihn allein bestimmt ... Die andere Hälfte der buona manchia erhalten die andern ohne weitern Gladiatorenkampf ... Die Herrschaften brechen auf und fahren von dannen ... Ecclesia abhorret sanguinem » Die Kirche will kein Blut « ... Wie wurde der Instructor der Reitbahn bemitleidet ! ... Man erfuhr : Drei Rippen waren ihm gebrochen ... das Uebrige zur Besinnungslosigkeit that die Erschütterung ... Nun hörte man vollends noch , daß der Unglückliche einen adeligen Namen trug ... Die besonderste Obhut nahm ihn in Schutz ... Drei lange , traurige Monate lag Terschka bei den Benfratellen und war endlich geheilt . Er erklärte , kein Roß mehr besteigen zu können ... Er erbittet seinen Abschied und erhält ihn auch ... In der That schleicht er siech und elend in Roms Gassen am Stabe dahin ... Aus Böhmen hatte Wenzel von Terschka die Kunde erhalten , daß die Verlassenschaft seiner Mutter schon vor Jahren in Concurs gerathen war , Brand hatte ihr unversichertes Eigenthum entwerthet ... auch dachte er nicht mehr gern an Verwandte , die Bäcker waren . So voll Ehrgeiz steckte er , daß es ihn fast ärgerte , als der Laienbruder der Benfratellen , der ihn spazieren führte , an dem kleinen deutschen Friedhofe , der dicht an der Peterskirche liegt , sagte : Sehen Sie nur , Herr , fast alle Deutsche , die hier begraben liegen , sind Bäcker gewesen ! Das Backen haben die Römer erst wieder aus Schwaben und Baiern gelernt ! Alle diese alten Bilder an den Grabmälern sind deutsche Bäckermeister ! 1 ... Terschka sah kaum hinüber ... Er blickte nur zu den Zimmern des Papstes hinauf , zu den Zimmern des Cardinals Ceccone , der im Vatican ein Stockwerk höher als der Papst wohnte ... Den Priestern , die im Hospital dienen , erklärte er endlich , als er völlig geheilt war , mit zagender Schüchternheit , daß er wol Lust verspürte , in den geistlichen Stand zu treten ... Der Orden der Jesuiten war noch nicht lange wiederhergestellt und besonders zu ihnen zog es Terschka , da er sich die Kraft zu einem still beschaulichen Leben nicht zutraute . Er war nun fünfundzwanzig Jahre alt und hatte nicht viel gelernt , außer den lebenden Sprachen . Aber sein Geist war mächtig entwickelt gleich seinem Körper - er , der zwei Monate zu früh ins Leben gekommen ! Sein Wunsch war ein Wagniß , das ihm mislingen konnte ; aber er zeigte sich listig . Er hatte den Muth , an die kleine Olympia zu schreiben und ihr in dem schnell erlernten Italienisch durch ein Sonett zu sagen : » Du süße himmlische Kleine ! Sei mein Schutzengel ! Erwirke mir die Sporen des heiligen Georg , die mich nicht wieder , wie irdische , im Stich lassen sollen ! Ich will für dich beten bei Ignazius von Loyola , der ja auch ein invalider Krieger war und jetzt der Gottesmutter so nahe steht , hilf mir auch auf diesen Weg , du süßer Engel ! ... « Olympia , die Tochter jener Lucrezia Biancchi , die sich opferte , um den » Haß des Menschengeschlechts « , wie