seiner Mutter vorfiel ? Sie gab dem Solitüder Vorfalle erst die mystische Abrundung und Beleuchtung , denn sie war es , die bei ihrer großen Beweglichkeit Hunderte von Urtheilen darüber hörte und diese Urtheile in Thatsachen verwandeln konnte . Man pries das Herz des Monarchen , man bewunderte den Takt seiner Gemahlin . Man stritt darüber , welchem Gefühle die Scene am wohlthuendsten müsse gewesen sein , und kam darin überein , daß die junge Fürstin wohl die reinste Freude dabei genossen hätte ; denn sie war es , sagte man mit der eigenthümlichen Sentimentalität jener Regionen , die den König glücklich sah ! Lauschte man doch von allen Seiten in des Königs Umgebung auf Momente , wo eine innere Freude aus seinem durch die Zeitverhältnisse eingeschüchterten Gemüthe drang ! Der König hat gelacht ! Ein solches Wort flog oft mit Blitzesschnelle bei einer Cour durch den Mund von hundert Menschen und die » kleinen Cirkel « endeten dann noch einmal so gut ; denn die Hoffnung auf eine Lösung der Wirren , die die Krone bedrohten , schimmerte dann doch etwas leuchtender . Man hoffte dann wieder auf energische Befreiung von einem Ministerium , das die Noth des Augenblicks dem Regentenhause aufgedrängt hatte . Es war aus entschieden lästigen Bestandtheilen , aus Kaufleuten , Fabrikanten und ähnlichen » Emporkömmlingen « zusammengesetzt . Einige renitente Beamte , besonders aus der Richtersphäre , hatten die Verwirrung , die in den höchsten Kreisen herrschte , nur noch vermehrt . Das Vertrauen auf die alte unbedingte Hingebung der Bureaukratie war auch schon bei Hofe untergraben . Man sah sich da wie auf dem stürmenden Meer nach einem rettenden Ufer , einem Leuchtthurm , einem Lootsen um . Das Drängen um die Ehre des Steuerruders war so groß , daß Keiner es besonders kräftig erfassen konnte . Eine allgemeine Rathlosigkeit lähmte den ganzen Staatsorganismus , der neue Formen sich aneignen sollte und noch nicht die Seele für diese Formen hatte . Der bevorstehende Landtag , weit entfernt , einen Halt , eine rettende Planke für die Schiffbrüchigen zu bieten , war voraussichtlich nur die Veranlassung neuer Verwirrungen , neuer Stürme . Man konnte schon jetzt mit Bestimmtheit prophezeien , daß sich das so nothwendig sich dünkende Ministerium ihm gegenüber nicht würde behaupten können . Und zu militairischem Druck , zu Gewaltmaßregeln allein , schämte man sich , jetzt schon zu greifen . Man wollte doch so gern den Schein der Gedankenfreiheit behaupten und manche Idee verwirklicht sehen , die ohne Unterstützung der Überzeugungen keine Dauer versprach . Niemand war von allen diesen Wirren mehr ergriffen als eine vornehme Dame , die wir zwei Tage nach dem im Vorangehenden geschilderten Septemberdonnerstage am Samstag Abend bei trübem und regnerischem Wetter schon um sechs Uhr Abends auf ihrem gelben Sopha bei gedämpfter Beleuchtung einer großen Lampe ausgestreckt , die Füße mit einem Shawl belegt und melancholisch genug erblicken . Pauline von Harder befand sich in ihrem ostensiblen Boudoir , dem uns bereits bekannten Zimmer Gelb in Blau . Sie schlug die Arme zusammen und sah auf eine Schreibmappe nieder , die mit einer Feder auf ihrem Schooße lag . Das Dintenfaß war in der Schreibmappe selbst angebracht . Eine andere Dame , die alte Ludmer , breitete ihr den Shawl auf den Füßen auseinander , damit sie sich des Frostes erwehrte , der sie bei dem trüben und plötzlich sehr herbstlichen Wetter überschauerte . Auch die Ludmer hatte eine Art Schreibanstalt vor sich an dem runden Tische von Mahagony . Auf einem Blättchen notirte sie mit einem Bleistifte . Wie kalt es ist ... Es ist sechs Uhr und schon finster ! seufzte die Geheimräthin . Der Herbst kommt dies Jahr so früh ... schnarrte die alte Gesellschafterin . Der Sommer war zu schön und wie wenig hab ' ich ihn genossen . Die Ludmer antwortete mit einer aufrichtigst zustimmenden Geberde . Ein Bedienter trat eben ein und ließ die Vorhänge nieder . Es war Franz . Bei den Wäsämskoi ' s drüben auch schon Licht ? sagte Pauline . Stichdunkel ! antwortete Franz . Hat der alte Herr von drüben wieder unser Haus so oft angeglotzt ? fragte die Ludmer . Franz antwortete : Heut früh ging er wohl zehnmal vorüber und schien Lust zu haben , zu klingeln . Immer besann er sich wieder und wandte sich dann nach der Stadt ... Sollt ' er die kühle Visite der Fürstin gut machen wollen ? fragte die Geheimräthin . Was ? sagte die Ludmer , die vielleicht jemand Anders im Sinne hatte . Ach , du meinst den alten Hauslehrer ? Franz wußte darauf keine Antwort und ging mit der Bemerkung , der Alte heiße Rudhard , aus dem Zimmer . Die Ludmer begann jetzt zu plaudern , zu berichten , zu unterhalten . Sie erzählte von dem jungen Maler , der fast den ganzen Tag dort drüben bei Helenen ' s Schwester und ihren Kindern wie eingebürgert verweile . Sie erzählte von dem stadtbekannt gewordenen Rendezvous in Solitüde , von großen Scenen zwischen der Mutter und Tochter ... Erinnere mich nicht an diesen Tag ! sagte Pauline leidend . So sich in seinem eignen Manne prostituirt zu sehen ! Gegenstand des Spottes in dem Menschen , der unser natürlicher Schutz , Beistand , unsre Ehre sein sollte ! Ich kann mir denken , daß in allen Gesellschaften nur von Henning ' s stupider Miene gesprochen wird ! Die Ludmer richtete ihre stechenden Augen auf die Geheimräthin und sagte voll tiefster Besorgniß : Ja , ja ! Zu unserm Dienstag-Diner haben der Oberhofmarschall und Graf Franken absagen lassen ... Es sollte mich gar nicht wundern , wenn wir in eine förmliche Ungnade fielen , erwiderte Pauline . Nur wegen der Solitüde ? sagte die Ludmer mit schärferem Blicke zu ihrer Freundin und Gebieterin hinüberschielend und ihre Dose anschlagend . Ich weiß , was du sagen willst , antwortete Pauline . Man erklärt mein Haus jetzt für den Sammelplatz der Opposition . Man sagt , ich machte Partei ... Laß sie ! Laß sie ! Das freut , das ermuthigt mich . Siehst du ! Ich thue in der That nichts , gar nichts , was diesen Vorwurf verdiente und man kann von einer intelligenten Frau nichts Schmeichelhafteres sagen , als daß sie intriguire , während sie doch nichts thut . Ihre Intelligenz ist schon Intrigue ! Null , Null soll man sein , ja noch unter Null und zu Weihnachten nur für den Frauenverein sticken oder eine Boutike halten . Das ist Alles . Nichts thut , Beste ? sagte die Ludmer und nahm eine Prise . Ist nicht auch Werdeck wieder zum Dienstag eingeladen ? Bist du nicht in offener Ausstellung auf dem Kunstverein in Ekstase gerathen über das Bild seiner Frau , und hast diese Person wieder an dich gezogen , trotzdem , daß sie Jedermann flieht und du seit ihrer Spionage in Bielau ihr mistraust ... Wie kommst du auf diese Zufälligkeit ? In Bielau ? Spionage ? warf die Geheimräthin ein . Welches Interesse könnte diese Frau , die aus Polen stammt und in mir ganz fremden Verhältnissen aufwuchs , veranlassen , sich um unsere Vergangenheit zu bekümmern ? Kind ! Du weißt nicht , wie sie dich Alle umschleichen und belauschen ! Daß zum Dienstag die Trompetta , die Flottwitz , Niemand vom Bundesrath gebeten ist , gibt sogleich Gerede . Bist du nicht ein Herz und eine Seele mit der d ' Azimont , die die zweifelhaften politischen Gesinnungen des Fürsten Egon beherrscht und was ist alles Das gegen ... deine neueste Grille ... Pauline lachte mit der Überlegung eines starken Geistes über einen schwächeren . Du sprichst , sagte sie , von meinem Ankauf eines gelesenen Journals ! Wer allein nennt Das Grille , als eine Natur wie die deinige , die sich um öffentliche Dinge nicht kümmert ! Ich dächte , wir hätten an unsern geheimen genug - sagte die Ludmer scharf und sah auf ihr Papier , während sie den Bleistift probirte und aus einem Futteral , das neben ihr lag , eine Brille zog , die keine Bügelbrille , sondern aus alter Gewohnheit ein einfacher sogenannter Nasenquetscher war . Pauline schwieg eine Weile und kam dann durch eine leicht erklärliche Ideenassociation auf Heinrichson . Wie selten sich seit einiger Zeit Heinrichson macht ! sagte sie seufzend . Deine Schuld , gutes Kind ! antwortete die Ludmer jetzt durch die Brille näselnd . Wie konntest du in dem Grade jugendliche Leidenschaften verrathen , daß du mit ihm eine Scene spieltest , als das abscheuliche Ding , die Auguste , ihn in unsern Zimmern wie rasend anfiel ? Pauline schwieg eine Weile und stützte das Haupt auf . Ich hatte mein Alter vergessen ! sagte sie seufzend . Sonst , wenn ich entdeckte , daß meine Freunde treulos waren und nicht Farbe hielten , hob ich Dolche empor . Wo sind diese Zeiten hin ! Heinrichson ist doch aufmerksam und weiß , was du ihm bist und wie du ihm nützest . Aber mit ihm zu boudiren ... Um eine Leda ! Du hast es nun ! Er nahm die Scene für Affectation und kommt seltener . Diese Männer wie Heinrichson fürchten sich vor Scenen . Doch ist er ja wärmer , zärtlicher , als sonst ... Franz ... hat ganz Recht - Franz ! Lässest du nie dies Spioniren , Charlotte ! Franz sieht , was er merkt , was wir gesehen wünschen . Die Visiten Heinrichson ' s bei der d ' Azimont kann Keiner erfinden ! Verleumdung ! Heinrichson arbeitet an ihren Erinnerungsblättern . Soll ich mich vor Helenen fürchten ? Dann wäre Treue und Glauben aus der Welt gewichen . Schwelgt sie nicht in dem Entzücken ihrer endlichen Aussöhnung mit Egon ! Sie lag heute weinend an meiner Brust ! Diese Freudenthränen ! Dieser Herzensjubel ! Die Glückliche ! Ah ! setzte sie nach einigen Augenblicken hinzu , ich will meine Tagebuch-Notizen machen . Und ich den Speisezettel für Dienstag , ergänzte die Ludmer trocken und schüttelte den Kopf und behielt die Gedanken , von denen sie sah , daß sie keinen Anklang fänden , für sich . Sonnabend den 20. September , sagte Pauline halblaut und schrieb seufzend Notizen auf , die sie theils wiederholte , theils nur flüsternd für sich hinsprach ... Elf Uhr ... Besuch Helenen ' s. Glücklich und entzückt ... Rückfahrt von Solitüde ... Überraschung ... Dunkelheit ... Kindliche Hingebung ... Die Ludmer sprach aber auch gern etwas laut , wenn sie dachte , und schrieb nachdenklich , als wenn ein Feldherr seinen Operationsplan gegen einen gerüsteten und kriegskundigen Gegner entwirft , über das bevorstehende große Dienstagsdiner folgende Ideen nieder : Pürée von weißen Rüben mit Filets von Enten und Parmesan-Croutons ... Egon ' s Eindruck bei Hofe - fuhr wieder ihrerseits Pauline fort ... Mein Lächeln fällt Helenen auf - Ich lächle über mich - Warum ? - Weil ich mir manchmal wie die Sibylle vorkomme , die in einer Höhle sitzt und die Menschen in ihrem Wahne sich durchkreuzen sieht , während ich im Buche ihrer Schicksale lese - Spanische Pasteten von Rebhühnern , sagte die Ludmer und fügte still für sich , aber mit Nachdruck hinzu , von Rebhühnern en Salbicon - Wüßten alle Menschen , was ich weiß - wüßten sie , wie ich auf meinem Dreifuß sitze , der Priesterin von Delphi gleich - ich lächle und warte meine Zeit ab - Die Ludmer in der Hoffnung , den Pflegling ihrer Liebe von diesen quälenden Träumereien und Tagebuchsschmerzen abzubringen , flüsterte : Rinderbrust , glacé , mit Chalotten ... Helene fürchtet für die Zukunft ... ließ sich Pauline nicht irre machen ... trotzdem daß sie den Augenblick besitzt . Egon will die politische Carrière beginnen . Nichts ist den Frauen gefährlicher als der Ehrgeiz der Männer . Ein Mann , der den Ruhm liebt , opfert ihm gewöhnlich zuerst sich selbst und dann auch Alle , die ihn lieben . Helene fürchtet die Umgebungen Egon ' s und hofft , daß Rafflard sein Versprechen , sie sämmtlich zu entfernen , das ganze Nest aufzuheben , wahr macht . Die Ludmer hörte etwas hinüber zu den ihr nicht ganz gleichgültigen Thatsachen , die die Geheimräthin niederschrieb - und sagte dann freudiger notirend : Gänse à la Broche mit farcirten Gurken à la Sauce ... .. Die Geheimräthin hatte aber trotz ihrer idealen Anschauung gleichfalls nicht unterlassen , auch auf die Ludmer manchmal hinzuhören und zu prüfen , was die erprobte Erfindungsgabe der Freundin zusammensetzte . Sie nahm jetzt das Blättchen und las die schriftstellerischen Produkte der Ludmer . Die Ludmer nahm eine Priese . Ist Das der erste Gang ? fragte Pauline . Der erste Gang ! Ich vermisse , sagte die Geheimräthin , die gleichfalls gastronomische Phantasieen hatte , eine Kennerin der Tafelfreuden und längst zu der Erkenntniß gekommen war , daß man sich viele und gerade die geistreichsten Menschen dauernd und wahrhaft treu leider nur durch Diners und die sinnige Wahl ihrer Leibgerichte verbindet ; ich vermisse , sagte sie , ein Hochepot von Wurzeln à l ' Anglaise für meinen guten Justizrath , der seine Frugalität immer drollig genug zu beweisen sucht , daß er nach Gemüsen verlangt und von guter Hausmannskost spricht . Ist der Justizrath denn eingeladen ? Schlurck ? Ich denke doch ? Der Vater und die Tochter ! Ich bin sehr undankbar gegen den ehrlichen Menschen und hab ' ihm seit seiner edlen Aufopferung für meine Interessen viel zu wenig Aufmerksamkeit erwiesen . Er war gestern hier , um dich angelegentlichst zu sprechen ... Wovon man mir nichts sagte ? erwiderte die Geheimräthin entrüstet . Ich mochte nicht ... Der Mann wird alt ... Er zeigte sich ängstlich ! Ängstlich ? Worüber ? Ein Schlurck ängstlich ... du sprachst ihn also ? Es kämen , sagte er , Anfragen , Vorwürfe wegen der übereilten Haussuchung bei den Gebrüdern Wildungen - man setze ihm mannichfach zu , wolle Auskunft über Dies und Jenes - er quengelte mehr , als ich je von dem Manne erwartet hätte - Dann lad ' ihn nicht ein ! erklärte die Geheimräthin entschieden . Furchtsame Menschen stören unsern Lebensmuth . Man wird nie von Paulinen sagen , daß sie ihre Freunde vernachlässige ; aber nur keine Entmuthigung da , wo man Stärke erwartet ! Von seiner Tochter sprach Schlurck auch , berichtete die Ludmer . Sie ist verlobt mit Lasally - Noch nicht förmlich ... sagte er . Auch bräche sie solche Verhältnisse ab , wie sie sie anknüpfe . Sie wäre vorgestern gleichfalls , wie es scheint die ganze Welt , in Solitüde gewesen und hätte sich , nach Hause gekommen , so gegen Lasally gebehrdet , daß diese Verbindung jetzt wieder weniger Möglichkeiten für sich hätte als früher ... Sie hat den Prinzen wieder gesehen , Dankmarn , Siegbert Wildungen - die alten Leidenschaften regen sich - Wir wollen Schlurck und Melanie doch einladen . Vergiß es nicht ! Und Werdeck und die Deputirten ? Werdeck und die Deputirten ! Justus vor Allen ! Was ? Justus ? Den Heide ... Die Ludmer machte eine Miene , als röche es plötzlich nach Dünger . Sie hatte für Politik wenig Sinn und schüttelte den Kopf und drückte wieder die Brille , die sie beim Sprechen abgenommen hatte , auf die gequetschte Nase , daß sie im Sprechen einen schrecklich schnüffelnden Ton bekam . Die Deputirten ! näselte sie . Pauline fuhr abbrechend fort in ihren Notizen : Egon läßt sich wählen - Dankmar Wildungen macht dabei den Vermittler - Helene fürchtet diesen Entschluß , fürchtet die Wildungen , fürchtet Louis Armand ' s Einfluß - fürchtet Alles , was sie von Egon trennt - Nachrichten aus Paris - d ' Azimont wird immer kränker - Egon spricht viel von der Nothwendigkeit und dem Glück legitimer Verhältnisse - sie klagt mir ' s ... Die Ludmer hatte eben sehr aufmerksam zugehört und fragte , was legitim wäre ? Pauline lächelte und sagte : Legitim , liebe Charlotte , heißt , wenn nicht sittlich , doch gedeckt durch die Sitte . Du guter Egon ! Wenn du wüßtest , was sich Alles legitim nennt ! Du willst für die legitimen Verhältnisse auftreten ! Ärmster ! Kenntest du die Memoiren deiner ... Pst ! sagte die Ludmer und schrieb satyrisch grinsend und lachend : Filet von Seezungen à la maître d ' hôtel ! Ha ! Ha ! Ha ! Um zwölf Uhr Rafflard ' s Besuch - er soll nun doch kein Jesuit sein - seitdem Helene ihn erkannt haben will - sie nimmt ihre Verleumdung zurück - Rafflard soll ein Herz haben , das edelste ... ich finde ihn ergeben , gut aus Erschöpfung , böse zu sein ; aber nicht zuverlässig - sein Blick ist nicht offen - er sagte : Madame , der größte Herrscher ist der Schein des Dienens - Eine Reminiscenz , die er wol nicht selbst erdacht hat , aber gut befolgt . - Seine Absichten sind in Dunkel gehüllt - er war bei Hofe - er verkehrt mit Voland von der Hahnenfeder - er verbindet diesen Zauberer mit dem Propste Gelbsattel - er ist überall und nirgends - Rafflard will den Bund sprengen , der den Prinzen Egon von Hohenberg umstrickt hält - er fürchtet viel von einer Annäherung Egon ' s an jenen Rudhard ... eine Aussöhnung , die Helene noch nicht einmal erfahren hat , weil sie Rudhard haßt und Egon sie wahrscheinlich damit zu kränken fürchtet ... Louis Armand , Egon ' s böses Princip - Rafflard wird in Egon ' s Umgebung aufräumen und ihr den Alleinbesitz ihrer Liebe sichern ... sein dunkles Wühlen ... Pariser Aufträge ... Rafflard scheint mir fähig zu sein , die Rolle selbst eines Banditen ... Maccaroni à la Bechamelle ... sagte die Ludmer , aber wie in der Zerstreuung , so erschrak sie vor dieser Charakteristik des Herrn Sylvester Rafflard , der die Geheimräthin so interessirte , daß sie im Notiren fortfuhr : Rafflard hat eine gute französische Aussprache und corrigirt Andere ohne zu verletzen ... Er ist räthselhaft . Um ein Uhr - eine Zumuthung der Flottwitz - abgelehnt - ein Besuch der Trompetta nicht angenommen . Buchhändler Schröpfer besucht mich auf meinen Wunsch und gibt mir Details über das politische Journal : » Das Jahrhundert « , das ich kaufen will ... Pauline ! unterbrach die Ludmer halb vorwurfsvoll diese letzte Tagebuchnotiz , die die Geheimräthin mit einiger Schalkhaftigkeit aussprach , nur prüfend , nur forschend , welchen Eindruck sie auf die Erfinderin ihres nächsten großen Küchenzettels machen würde . Nun ? sagte die Geheimräthin , den Kopf aufrichtend und lächelnd . Schröpfer ... das Jahrhundert ... Guido Stromer ... Pauline ! Die Ludmer dirigirte einen langen schmerzlichen Blick auf ihre Freundin und langjährige Pflegebefohlene ... und da diese sich nicht irre machen ließ , sondern nur sagte : Nun ? Nun ? so stieß sie über diesen Rückfall in die ihr verhaßte Literatur einen ihrer tiefsten Seufzer aus und sagte , indem sie notirte , mit betrübtestem Ausdruck und gen Himmel blickend : Ach ! Kalekut - Hirschziemer - mit Salat - Kirschengratin - Gelée von Citronen und geschlagener Sahne mit Marasquino und Biscuits ! In diesem feierlichen Augenblicke , den nur das schadenfrohe Lächeln der Geheimräthin etwas profanirte , trat Franz herein und übergab der Ludmer einen Brief . Durch das Gartenamt vom Schloß ; sagte Jener . Der Geheimrath hatte ihn vergessen . Er ist schon heute früh abgegeben . Die Ludmer betrachtete das Siegel und erbrach es . Der Brief war an sie gerichtet . Die Geheimräthin fragte bei dieser Gelegenheit , wo Excellenz wäre ? Im Theater ! hieß es . Franz , dem dann nichts Weiteres geheißen wurde , ging und die Geheimräthin zog naserümpfend den Mund . Im Theater ! sagte sie für sich . Er hat gewiß wieder ein kleines Verhältniß , das mit irgend einer moralischen Niederlage , wie im Möbelwagen , endigen wird ! Die gute Lehre , die ihm Melanie gegeben , hat nicht lange gefruchtet . Eine wirkliche Schauspielerin wird es verstehen , ihm noch eine längere Nase zu drehen als diese Dilettantin in der Komödie . Indem bemerkte Pauline , daß die Ludmer durch die Lectüre des eben empfangenen Briefes in große Aufregung versetzt war . Was hast du ? fragte sie , als die Ludmer die Brille abnahm und aus ihren schwarzen Augen einen stechenden , erstaunenden Blick auf sie richtete . Das sind schöne Sachen ! sagte die Ludmer . Lies ! Pauline nahm den Brief , dessen Äußeres etwas Unförmliches hatte und fast wie ein Dienstrapport aussah . Von wem ist er denn ? fragte sie . Sieh nur ! Das sind schöne Sachen ! Pauline sah zuerst auf die Unterschrift ! Sie lautete » Mangold , königl . Garten-Inspektor « . Ist Das wegen - fragte sie ... Wegen Augusten ' s ! sagte die Ludmer und ging schon zornig im Zimmer auf und ab . Pauline las : Meine liebe Madame Ludmer ! In meiner Jugend hab ' ich so unter der Herrschaft meines Blutes gestanden , daß ich auf Vieh und Menschen zuschlug , wenn mir etwas zu tückisch und nicht nach meinem Willen entgegentrat . Für jede Beleidigung hatt ' ich sogleich mit fünf Fingern einen Habedank ! zur Hand . Das waren meine jungen Zeiten und aus den Händeln kam ich nicht heraus ! Wie ich aber einmal eine Frau , die mich auf jede Weise chikanirte , die Frau meines Lehrherrn , eines Gärtners , in einem Zornanfall fast mit Füßen trat und vor der Rache ihres Mannes nicht entfloh , sondern ihn , weil er die böse Frau in Schutz nehmen wollte , mit der Peitsche durchhieb und dabei einem armen unschuldigen Kinde , das in der Nähe stand , ein Auge ausschlug , bin ich in mich gegangen und ein anderer Mensch geworden . Ich flüchtete jetzt und kam durch allerhand Irrwege nach Holland und England , wo ich die Gärtnerei im Großen studirte , die richtige Art der Parkanlagen , besonders aber Ruhe , Selbstbeherrschung und Mäßigung lernte . Nach meiner frühern Art glaub ' ich wohl , daß ich in Ihrer Nähe , liebe Madame Ludmer , jetzt wieder einem Kinde zufällig ein Auge ausgeschlagen hätte ; nach meiner jetzigen Art sag ' ich Ihnen aber nur , daß es ein Irrthum von Ihrer Seite ist , liebe Madame Ludmer , wenn Sie geglaubt haben , daß ich zu dem verlornen Rufe Ihrer Nichte , Auguste Ludmer , wie zu einem Brunnen den Deckel hätte abgeben können . Ich frage nicht : Wie konnten Sie wagen , Frau , einem ehrlichen , unbescholtenen Manne zuzumuthen , eine Auguste Ludmer zu heirathen ? Wie konnten Sie es wagen , auf meine Leichtgläubigkeit , Dummheit und von den Städten zurückgezogen lebende lebendige Einfalt hin , mir eine Partie vorzuschlagen , die ewig meine Ehre würde gebrandmarkt haben ? Wie konnten Sie so hinterlistig Veranstaltungen treffen , um mich und meinen guten Namen in diese schändliche Falle zu locken ? Ich sage das Alles nicht auf alte Art , weil ich ... möglicherweise ein in der Nähe befindliches Kinderauge fürchte . Lassen Sie sich denn also mit der einfachen Nachricht genügen , daß ich jenes schöne und in vieler Hinsicht angenehme Mädchen vom Grund meiner Seele aus bedaure , daß ich selbst über einen gewissen Beweis menschlicher Schwäche und die Erbärmlichkeit eines gewissen herzlosen großen Künstlers in dummer Einfalt hinweggekommen wäre , allein die Wahrheiten , die ich sah , als mir ein Ehrenmann , Namens Dankmar Wildlingen , auf dem Café Richter gestern die Schuppen von den Augen nahm ; diesen Überfluß der Schande und des Elends kann ich in keinen Wald der Welt mitnehmen , in keinem Sansregret der Welt verbergen , das Laub würde darüber verderben und die Jahreszeiten könnten mir in Unordnung gerathen . Ich hab ' es dem Mädchen noch am selben Abend in Ruhe gesagt . Ein alter Verehrer von ihr stand dabei . Eine schwarze Binde an seinem Auge erinnert zwar nicht an Amor , den blinden Gott der Liebe , aber er soll reich sein ... er mag sie trösten ! Sie sah mich starr an und lachte .. Da sie nichts erwidern konnte , sagt ' ich ihr ein ruhiges Lebewohl und ging - wohin ich vor zwanzig Jahren nicht gegangen wäre , nicht zu Ihnen - sondern nach Hause , in mein Kämmerlein und dankte Gott , daß er mich vor ewiger und zeitlicher Gefahr behütet hat . Leben Sie wohl , Madame Ludmer , und suchen Sie sich andre Deckel für Ihre unsaubern Töpfe aus ! Es gibt Viele , die so dumm sind wie ich und nicht sehen was darin ist . Aber es gibt nicht zuviel , die , wenn sie einmal gesehen haben , nicht gern dumm bleiben wollen ... Ihr ergebenster u.s.w. Madame Ludmer war von diesem Briefe sehr geärgert . Sie zerknitterte ihn , wie sie den Schreiber hätte zerknittern mögen . Ihre Gebieterin lachte fast und nahm die Sache leichter . Sie begriff nicht , warum ihre Führerin und langjährige , auch im Dienen nach Rafflard ' s Theorie herrschende Freundin sich über diesen Ausbruch einer gereizten Stimmung so aufregen konnte . Wer ist nur dieser Alte mit der schwarzen Binde ? sagte die Ludmer . Mit ihm ist sie arretirt worden - Rafflard erzählte uns , daß er nach einem Besuche im Gefängnisse diesen Engländer für einen der unternehmendsten und schlauesten Bösewichter halte , die jemals die Aufmerksamkeit der Behörden in Anspruch genommen hätten - wird sie nicht in Gemeinschaft mit einem solchen Beistand Alles unternehmen , um sich für diesen Affront , den ihr Mangold anthut , zu rächen ? Seit sie in deinem Verehrer einen Menschen erkannte , den sie haßt , hat sie ja angefangen , uns empfindlicher als je zu quälen . Kann es mir recht sein , daß mein Name von ihr im Schmuz herumgezogen wird ? Ist nicht selbst vorauszusehen , daß ihre nach Rache gierige Wuth sich allmälig bis in die Erinnerungen ihrer Kindheit zurückwühlt und mit Hülfe männlichen Beistandes bis zu den Tagen ankommt , wo wir in Bielau , wie du weißt ... Schweige doch ! rief Pauline und richtete sich nun groß und lang auf . Welche düstern Phantasieen ! Ist es das Wetter , das dich so aufregt oder was ? Ängstigen dich die Kastanien , die im Regen draußen von den Bäumen platzen ? Der Brief soll uns nicht gleichgültig sein . Ich erstaune sogar , wieder den Namen Dankmar Wildungen , den jungen Mann , der jetzt soviel Aufsehen erregt , in Angelegenheiten genannt zu sehen , die mich berühren . Ich wünschte , Stromer beruhigte mich über diesen wie es scheint gefährlichen Charakter , der so sonderbar immer in der Nähe von Dingen ist , die sich auf uns beziehen - Was Stromer lange bleibt ! Es ist bald sieben ! Laß diese Grillen ! Denke , wie glücklich die Angelegenheit mit den Denkwürdigkeiten Amanden ' s abgelaufen ist . Wir erwarteten Rache , Verleumdung , Wahrheit sogar . Und was fanden wir ? Die mächtigste Waffe in der Hand Dessen , der den Muth nicht verliert ! Wenn ich einst diese Waffe schwänge - wenn ich diese Memoiren hingäbe und sagte : Da ! Les ' t sie ! Ich weiß , es sind Dinge darin , die auch mich vernichten würden , aber ich hätte die triumphirende Genugthuung , daß in meinen Sturz ich eine allgemeine Verwirrung hineinzöge und Die , die mich gedemüthigt glaubten , vielleicht selbst ihr Haupt nie wieder erheben könnten . In dem Augenblicke meldete Franz Herrn Guido Stromer ... Doktor Stromer , nicht mehr Pfarrer Stromer . Soll willkommen sein ! sagte Pauline . Die Ludmer hielt Franz zurück ... Noch ein Wort ! Franz ... Sie besann sich und wie einen Entschluß fassend sagte sie : Was ist für Wetter ? Die Bäume triefen wie Regenschirme ! Wie nasse , willst du sagen , meinte die Ludmer . Nimm zwei trockne , Franz , du mußt sogleich in die Stadt ... Könnte nicht Ernst ... sagte Franz verdrießlich . Der Doktor ist in einer Droschke gekommen . Ernst oder Franz , polterte die Alte , die wol einmal , aber nie zwei mal schmeichelte ; Einer geht sogleich nach der Königsstraße und erkundigt sich , was sie treibt ! Ob sie wieder mit dem Manne in der schwarzen Binde gesehen wird , wie damals auf der Fortuna oder ... Sie geht mit Mangold - Mit Mangold ist ' s nichts mehr ! Franz ... geh ' selber zu ihr ... Mangold ist dahintergekommen . Sie ist bösartig gegen Euch ! Ernst hat nicht Muth genug . Geh ' Fränzchen ! Franz , so cajolirt , sagte , er wollte selbst gehen . Die Geheimräthin lobte ihn für seinen Eifer . Die Ludmer knitterte ihren Brief zusammen , nahm den Bleistift und ihre culinarischen Notizen und entfernte sich durch das Schlafzimmer und das hintere Boudoir , um einige Anstalten für den Thee zu treffen ... Diejenigen Bedienten , die sich treu erwiesen , hatten es gut in diesem Hause . Guido Stromer war seit einigen Wochen schon fast der tägliche Hausfreund der Geheimräthin von Harder . Er verdankte seine Einführung dem Justizrath Schlurck und einem artigen Schutzbriefe , mit dem ihn Melanie selbst empfohlen hatte . Melanie hatte gesagt : Hier ist ein Mann , gnädige Frau , der in die Residenz kommt und nach Geist dürstet ! Er hat die Thorheit , diese Quelle in meiner Nähe zu suchen und schöpft und schöpft und schöpft vergebens . Ich hab ' ihm gesagt , ich will ihm den rechten Waldgrund zeigen , wo es in der Tiefe mächtig rauscht und siedet und gährt und siehe ! so kommt er zu Ihnen . Seitdem hatten