Baronin und den dringenden Bitten , und den festen Betheuerungen des jungen Freiherrn , trugen denn auch bald den Sieg davon . Weil Renatus sein früheres Verlöbniß geheim gehalten hatte , war er und war die Gräfin jetzt der Meinung , daß man die neue Verbindung nicht schnell genug veröffentlichen könne . Aber man mußte doch eine Form dafür finden , das Auffallende des Vorganges denjenigen , welche die Verhältnisse mehr oder weniger kannten , wenn auch nur einigermaßen zu erklären oder annehmbar zu machen ; und die Gräfin , welche vor allen Dingen um Hildegard besorgt war , hatte schnell einen Plan entworfen , der zu Gunsten dieser letzteren berechnet war . Man sollte , so forderte sie , aus Cäciliens früher und dauernder Neigung zu Renatus kein Geheimniß machen , man sollte auch eingestehen , daß dessen Liebe zu Hildegard nicht mehr so feurig als früher gewesen und daß er bei der Heimkehr von der Anmuth und von der nicht zu verbergenden Leidenschaft der jüngeren Schwester gerührt worden sei . Dann aber solle man die Dornenkrone der armen Hildegard in einen Heiligenschein verwandeln und erzählen , wie die Großmuth und die Entsagung dieser schönen Seele das Unheil , welches hereinzubrechen gedroht , durch ihren heldenmüthigen Entschluß verhindert , wie sie durch eine Entfernung , von welcher selbst die Mutter nichts gewußt , die Verwirrung gelöst und in einem zurückgelassenen Schreiben den Wunsch ausgesprochen habe , die beiden ihr theuersten Menschen , den Geliebten und die Schwester , verbunden und so glücklich zu sehen , als es zu werden ihr von Gott nicht beschieden gewesen sei . Die Gräfin konnte sich in ihrer Rührung der Thränen kaum erwehren , als sie den schnell erfundenen Ausweg vor ihren erstaunten Hörern darlegte . Vittoria , die jetzt plötzlich ihr mütterliches Recht auf Renatus und ihre Freundschaft für Cäcilie geltend machte , so daß man sie bei keiner Besprechung und Berathung übergehen konnte , hatte Mühe ernsthaft dabei zu bleiben , und Cäcilie und Renatus , welche in der Erdichtung der Gräfin keine üble Rolle spielten , waren mit allem zufrieden und einverstanden , was sie auch nur eine Stunde früher an das ersehnte Ziel zu führen verhieß . Sie waren beide sehr bereit , an Hildegard zu schreiben , ihre Nachsicht , ihre Verzeihung zu erbitten , ihr jede möglichen geschwisterlichen Dienste für die Zukunft anzubieten und ein treues Zusammenhalten zu geloben ; aber beide waren so voll von ihrem Glücke , so voll von Lebenslust und Hoffnung , daß sie sich in den Gemüthszustand des verlassenen Mädchens gar nicht hineinzuversetzen wußten und daß die Gräfin es endlich gerathener fand , die Briefe des Brautpaares an die Entfernte zu unterdrücken und die Darstellung des Geschehenen allein auf sich zu nehmen . Zehntes Capitel Die Plane und Vorsätze , mit welchen der Freiherr in Bezug auf seine Güter letztlich umgegangen war , erhielten durch seine neue Verlobung eine wesentliche Befestigung . Cäcilie , die seit ihrem fünfzehnten Jahre in dem Schlosse gelebt hatte und nur selten nach der Kreisstadt gekommen war , hegte , wie schon Hildegard ihm dies stets geschrieben hatte , eine Sehnsucht danach , die Hauptstadt , die schöne Welt , den Hof kennen zu lernen , und die Schilderungen , welche Renatus ihr von seinem Pariser Leben machte , steigerten jene Sehnsucht zu einem wahrhaften Verlangen . Vittoria ihrerseits , welche aus ihrem Kloster grades Weges nach Richten und in das Ehebett des greisen Mannes gekommen war , hatte der Einsamkeit nun auch die Fülle genossen . Sie begehrte nach einer Zerstreuung , wenn die Gesellschaft ihrer Freundin Cäcilie ihr entzogen und Valerio ihr genommen werden sollte ; und weil man , wenn die Verlobten sich jetzt zwanglos in Vittoria ' s Zimmer gehen lassen durften , sich allseitig so wohl befand , so heiter war , so wurde ein solches Beisammensein auch für die Zukunft als das Erfreulichste und zugleich als das Einfachste in ' s Auge gefaßt . Man hatte niemals an einen gemeinsamen Haushalt mit Vittoria denken können , so lange noch die Rede von der Heirath mit Hildegard gewesen war . Jetzt , da es sich von selbst verstand , daß die Mutter mit ihrer ältesten Tochter vereinigt bleiben würde , ward es eben so fraglos , daß Vittoria sich an das junge Paar anschloß , und da keiner von diesen Dreien bisher jemals in der Lage gewesen war , sich ein Haus zu begründen , fanden sie ein lebhaftes Vergnügen darin , mit einander die Entwürfe für ihre Einrichtung zu machen , die Straße auszuwählen , in welcher man sich , wenn es möglich sei , niederlassen wolle , die Zahl der Zimmer , die Art ihrer Vertheilung durchzusprechen und die Weise im voraus festzusetzen , nach der man leben wolle . Renatus hatte den berechtigten Wunsch , da er seine Güter verkaufen und im militärischen Dienste bleiben wollte , was beides noch kein Stammhalter seines Hauses jemals gethan hatte , durch ein würdiges Auftreten in der Hauptstadt es darzuthun , daß seine Umstände immer noch günstig wären , wenn er sich auch zu entschiedenen Schritten für ihre Befestigung und Sicherung bewogen finde . Selbst Tremann , der nicht zum Beschönigen derselben geneigt gewesen war , hatte es ihm ausgesprochen , daß seine Lage keineswegs eine verzweifelte , sondern eine haltbare und der Verbesserung fähige sei , wenn er sich zu den Maßnahmen entschließen könne , die er auszuführen jetzt im Begriffe stand . Renatus empfand ein Zutrauen zu sich und zu seiner Zukunft , welche ihm bisher in den letzten Jahren völlig gemangelt hatte , und er dachte mit großer Heiterkeit an den nicht mehr fernen Zeitpunkt , in welchem er , aller seiner Sorgen entladen , nur seinem Dienste und seinem Glücke an der Seite einer geliebten Frau , in Gesellschaft seiner Stiefmutter und ihres Sohnes werde leben können . Er freute sich auf die Rückkehr zu seinem Regimente , er freute sich auf den Beifall , welchen seine Frau bei seinen Kameraden finden werde . Er entwarf sich ein lockendes Bild von dem hübschen Hause , das er machen wolle , versprach sich , Vittoria und seiner Braut große Genugthuung von der Bewunderung , welche die musikalische Bildung der beiden Frauen , denn auch Cäcilie war unter der Baronin Anleitung eine vortreffliche Sängerin geworden , am Hofe erregen mußte ; und weil bei diesen Planen der Gedanke an das Landleben völlig ausgeschlossen war , so schwand des jungen Freiherrn Widerstreben gegen den Verkauf seines halben Besitzes endlich ganz und gar . Ein paar Tage nach seiner Verlobung , gleich nachdem er die Meldung derselben an seine nächsten Anverwandten ausgeführt hatte , setzte er sich wohlgemuther , als er es bei solchem Anlasse jemals für möglich gehalten hatte , nieder , seinem Amtmanne zu schreiben , wie er sich entschlossen habe , sobald sich ihm die Gelegenheit dazu biete , die beiden Nebengüter zu verkaufen , daß er aber nicht abgeneigt sei , ihm Richten , je nachdem man sich darüber einigen könne , zur Verwaltung oder zur Verpachtung zu überlassen . Bis über den Verkauf der Güter entschieden sein werde , wünsche er also , falls dem Amtmanne dies auch genehm sei , Alles beim Alten zu lassen , und es werde sich dann voraussichtlich so fügen , daß der neue Contract mit ihm , statt jetzt im Beginne des dritten Quartales , zu Ende desselben abgeschlossen und mit dem Anfange des letzten Quartales in Kraft gesetzt werden könne . In derselben Stunde zeigte er auch Steinert an , daß er verkaufen wolle , weil er sich mit der Gräfin Cäcilie Rhoden verlobt habe , welche in der Stadt zu leben wünsche , wohin ihn selber die eigene Neigung für den Kriegsdienst und die Rücksicht auf die Erziehung seines Bruders ziehe . Könne er mit Steinert Handels einig werden , und zwar so , daß Steinert und der Baurath Herbert , der , wie er von dem Amtmanne gehört zu haben glaube , den Kauf mit Steinert gemeinsam unternehmen wolle , beide Güter an sich brächten , so werde ihm dies um seiner Insassen willen das Erwünschteste sein . Er werde dann die Leute , welche seit Hunderten von Jahren zu seinem Hause gehört hätten , in Steinert ' s Vorsorge , der den Leuten lieb und bekannt sei und ein Herz für sie habe , wohl berathen und wohl geborgen wissen . Einer persönlichen Besprechung bedürfe es für ' s Erste deßhalb nicht , und leider habe er zu dieser , von dem Ablaufe seines Urlaubs bedrängt , auch nicht mehr die Zeit . Zudem befänden die sämmtlichen Akten sich augenblicklich in der Hauptstadt , in seines Oheims Händen . Dorthin gehe er und sei bereit , auf Anfrage , aus den Akten jede gewünschte Auskunft zu ertheilen , wie es sich denn auch von selbst verstehe , daß der Amtmann und der Justitiarius den Käufern Einsicht in die geführten Bücher gewähren würden , wenn sie etwa nach Richten kommen sollten , sich die gegenwärtige Sachlage anzusehen . Er hatte ein angenehmes Selbstgefühl , als er diese beiden Schreiben durchlas . Es dünkte ihn , als sei er plötzlich ein ganzer Geschäftsmann geworden , und er begriff , wie der Freiherr sich an solche Verhandlungen allmählich gewöhnen und Geschmack an ihnen habe finden können . Es beruhigte ihn , daß er sich bei seinen Planen mit Antheil an das Loos seiner Leute erinnert hatte ; er dachte , daß Steinert sich ohne alle Frage über seine bevorstehende Verheirathung erfreuen werde , und wenn derselbe dann , hier im Lande lebend und selbst arbeitend , mehr aus den Gütern herausschlagen konnte , als es den Freiherren von Arten möglich gewesen war , nun , so war das einmal nicht zu ändern , und er wollte es ihm gönnen , daß er vorläufig den Vortheil davon zog , wenn er die Güter hob . Vielleicht war es dem nächsten Herrn von Arten , vielleicht war es seinem Sohne einst beschieden , die Güter zurückzukaufen , wenn Renatus jetzt Ordnung in die Verhältnisse des Hauses brachte . Er selbst freilich mußte sich für die Vergangenheit und für die Zukunft zum Opfer bringen ; aber in seiner militärischen Laufbahn , an Cäciliens Seite , in der Residenz , und mit einem immer noch bedeutenden Grundbesitz als Rückhalt , ließ das Leben sich ertragen . Er fuhr mit leichtem Herzen an dem Tage auf das Gut eines Freundes , um dort , begleitet von der Gräfin und von Vittoria , mit seiner Braut den ersten Besuch zu machen , und man hatte in dem Hause gute Sitte genug , es nicht merken zu lassen , wie überrascht man war , nicht Hildegard , sondern Cäcilie als des Freiherrn Erwählte zu empfangen . Die Gräfin selbst mußte das Gespräch darauf bringen , mußte die Frage aufwerfen , ob man sich nicht wundere , ihre zweite Tochter mit dem Freiherrn verlobt zu sehen , ehe sie ihre romantische Erklärung zu Hildegard ' s Bestem abgeben konnte ; und weder Renatus noch Cäcilie wußten ihr dies Dank . Die Mutter hat Hildegard immer vorgezogen ! sagte Cäcilie , als sie sich mit Renatus allein befand . Nun müssen wir beide Hildegarden wieder zur Folie dienen und uns dafür bedanken , daß sie vor jenen Jahren Dich mit ihrer Leidenschaft um Deine vernünftige Ueberlegung zu bringen und sich mit Dir in dem Augenblicke zu verloben verstanden hat , als Du Dich von ihr loszumachen wünschtest . Die Mutter wird ' s noch dahin bringen , daß ich die Schwester hasse ! Beneidest Du sie , Cäcilie ? fragte Renatus , auf dessen schon von Natur weichen und gütigen Sinn die Erziehung des Caplans noch verschönend und zur Nachsicht stimmend eingewirkt hatte , während sein Glück , sein erstes Liebesglück , ihm das Herz noch mehr erschloß . Hast Du Grund , sie zu beneiden ? Cäcilie antwortete ihm nicht , aber sie umschlang ihn und küßte ihm die Hand . Er war sehr glücklich in dem Besitze dieses Mädchens , dem er sich immer überlegen fühlte und das hinwiederum so liebevoll zu ihm emporsah . Eilftes Capitel Niedergeschlagen und muthlos hatte der junge Freiherr vor einigen Monaten die Hauptstadt verlassen , nun kehrte er voll der besten Zuversicht in dieselbe zurück . Er meldete sich bei seinen Vorgesetzten , und ward auf das Beste aufgenommen . Man lobte es , daß er sich nicht auf seine Besitzungen zurückziehen , sondern im Dienste bleiben wolle , denn der König sah es gern , wenn die jungen Männer aus den alten Familien im Heere ihren Weg machten ; und die Stadt , die Straßen sahen für Renatus jetzt ganz anders aus , seit er sie mit dem Hinblicke auf eine künftige Häuslichkeit betrachtete . Obschon er sich vorgenommen hatte , sich Zeit zu lassen und nichts zu übereilen , konnte er der Neugier nicht widerstehen , in die verschiedenen Häuser einzutreten , in welchen Wohnungen zur Miethe ausgeboten wurden , ihre Räumlichkeiten anzusehen , um ihren Preis zu fragen , und sich Alles in das Notizbuch zu verzeichnen , das er eigens zu dem Zwecke mitgenommen hatte . Er sprach dann noch in dem Laden eines Goldschmiedes vor , um für Cäcilie den Ring zu kaufen , den er ihr als Pfand ihrer Verlobung zu geben wünschte , und wie er nun die einzelnen Kasten mit den Geschmeiden vor sich stehen sah , fiel ihm bei einem Saphirschmucke plötzlich ein , wie schön die blauen Steine auf dem weißen Halse und an den vollen Armen der Geliebten aussehen würden . Es ist ein so natürlicher Wunsch , das , was man liebt , zu schmücken . Er erkundigte sich nach dem Werthe des Geschmeides , und er fand ihn hoch . Aber Cäciliens schöner Nacken , ihr reizendes , kleines Ohr ließen ihm keine Ruhe . Er meinte sie vor sich zu sehen , er konnte sich die Freude seiner Geliebten bei dem Empfange eines solchen Geschenkes lebhaft vorstellen , und es fiel ihm ein , daß sie ihm einmal , mehrere Wochen vor ihrer Verlobung , geklagt hatte , wie sie aber auch gar nichts von Schmuck besitze , da die Mutter alles , was sie der Art gehabt , schon sehr früh der älteren Schwester gegeben habe . Allerdings bekam Cäcilie einst den ganzen Arten ' schen Familienschmuck ; indeß das waren schwere Brillanten , wie nur eine Frau sie tragen konnte , und jetzt , da er daran dachte , kam Renatus erst wieder darauf , daß der Freiherr den Familienschmuck seiner Zeit Vittorien gegeben hatte , die berechtigt war , ihn , wenn sie wollte , der Frau ihres Stiefsohnes durchaus vorzuenthalten . Es fiel ihm dabei aber auf , daß Vittoria , welche in früheren Jahren an diesen Brillanten so viel Wohlgefallen gehabt und einzelne Stücke des Schmuckes immer getragen hatte , sich desselben gar nicht mehr bediente , und er nahm sich vor , deßhalb einmal Nachfrage zu thun . Inzwischen jedoch mußte Cäcilie durchaus irgend etwas geschenkt bekommen , und der Goldschmied hatte nicht den ersten Liebenden vor sich , der zwischen seines Herzens Lust und seinen vernünftigen Bedenken einen Vermittler zu Gunsten der ersteren zu finden wünschte . Nach kurzem Zureden , kurzem Verhandeln erstand Renatus den Schmuck und befahl , ihn mit dem Ringe , wohl verpackt , nach seinem Gasthofe zu senden . Es war ein Geschenk , wie seiner Zeit der verstorbene Freiherr es der Gräfin Angelika darzubringen vollauf berechtigt gewesen war . Für Renatus jedoch war die Ausgabe viel zu groß , und er hielt sich das auch selber vor ; aber , sagte er sich , wenn man im ersten goldenen Sonnenscheine des Glückes nicht einmal seinem Herzen folgen soll , so lohnt es sich ja nicht , zu leben ! Froh über die Freude , welche er der Braut zu bereiten jetzt gewiß war , ging er nach der Wohnung seines Oheims . Er meinte , so gut aufgelegt , wie er sich jetzt eben fühlte , mit den Vorstellungen und Einwendungen , welche derselbe , als Hildegard ' s geschworener Freund und Verehrer , ihm sicherlich nicht vorenthalten werde , am leichtesten fertig werden zu können , und es war ihm sehr erwünscht , als er auf seine Anfrage die Antwort erhielt , daß der Graf zu Hause , und ihn zu empfangen bereit sei . Der Graf stand mitten im Zimmer , als Renatus bei ihm eintrat . Er sah nicht übel aus , aber er stützte sich auf einen Stock , und wie es dem Neffen schon auffiel , daß er ihm nicht wie sonst entgegenkam , daß er ihm nicht die Hand reichte , fiel es ihm noch mehr auf , daß der Graf eine sonderbare Art sich zu bewegen angenommen hatte . Er trug sich immer noch sehr gut , indeß seine Haltung sah so absichtlich aus , und erst als er nach seinem Lehnsessel gegangen war , sich fest niedergesetzt und seine Beine in eine bequeme Lage gebracht hatte , sagte er : Nun , mein Lieber , Du kommst wohl , Dir meinen besonderen Glückwunsch zu Deiner neuen Verlobung abzuholen ? Seit wann bist Du denn zurückgekehrt ? Es fuhr wie ein kalter Luftzug über den jungen Freiherrn hin . Der Anblick seines Oheims hatte ihn , er wußte selbst kaum , weßhalb , erschreckt ; der unverkennbare Spott in seinem Tone beleidigte ihn . Er hatte sich indessen darauf gefaßt gemacht , hier auf Tadel und Mißbilligung zu stoßen , zu welchen , er läugnete sich das keineswegs , seine Handlungsweise Jedem , der die Verhältnisse nicht wie er selber kannte , auch ein volles Recht gab . Er überwand also seine Mißempfindung und sagte : Ich habe Ihnen , lieber Onkel , denke ich , nicht nöthig , eine lange Rechtfertigung meines Thuns zu machen ! Sie sind ein Menschenkenner und kennen mich und Hildegard - wir paßten nicht zu einander ! Mich dünkt also , wie der Augenblick einer solchen Einsicht auch schmerzlich sein mag , man hat sich immer glücklich zu preisen , wenn man sie gewinnt , ehe es zu spät ist , den Folgen seines Irrthums vorzubeugen ! Wir paßten wirklich in keiner Weise für einander , selbst die Gräfin Rhoden gibt uns dies jetzt zu ! Er hatte sich einen Sessel genommen , ohne daß der Graf , der solche Form der Höflichkeit sonst nie vergaß , ihn dazu aufgefordert hatte . Nun , als Renatus seine Behauptung wiederholte , sagte sein Oheim : Eure Unzusammengehörigkeit streite ich Dir nicht ab , mein Lieber , wennschon ich Dir damit kein Compliment zu machen glaube ! Onkel ! fuhr Renatus auf . Aber der Graf , der bis dahin mit voller , kräftiger Stimme gesprochen hatte , senkte diese plötzlich , und seine kalte Hand auf die des jungen Freiherrn legend , sagte er : Gemach , mein Lieber , und mäßige Dich ! Du siehst , ich bin noch etwas angegriffen , Deine Brust ist stärker , als die meine . Renatus schwieg , weil seine gute Erziehung ihn dem älteren Manne gegenüber Rücksicht nehmen hieß ; aber er preßte die Hand unwillkürlich fest um den Griff des Säbels zusammen , den er zwischen seinen Knieen hielt , und er nahm sich vor , sein Herz vor dem kranken Bruder seiner Mutter im Nothfalle eben so fest zusammenzufassen . Du sagst , hob der Graf nach kurzem Schweigen an , Ihr hättet nicht für einander gepaßt , und ich streite Dir dies , ich wiederhole es , nicht ab . Aber , mein Lieber , wer zwang Dich , oder vielmehr , was berechtigte Dich , vor sieben Jahren , als Du noch sehr unfertig und völlig unselbständig warst , das Schicksal eines schon damals sehr reifen und im edelsten Sinne in seiner Bildung abgeschlossenen Mädchens an Dich zu binden ? Erinnere Dich , daß ich Dich damals , weil ich Deinen leicht beweglichen Arten ' schen Sinn sehr wohl erkannte , vor dem Umgange mit den Rhodens warnte ! Renatus war keiner Antwort fähig . Zum zweiten Male gelang es seinem Oheim , ihn durch die Dreistigkeit seiner Heuchelei und Unwahrheit förmlich zu erschrecken . Er mußte erst Herr über sein Erstaunen werden , ehe er die Bemerkung machen konnte , daß er sich jener Warnung seines Onkels sehr wohl und sehr oft erinnert , ja , daß er sie als eine durchaus berechtigte anerkannt habe , denn er sei damals in der That , wie der Graf es für ihn besorgt habe , ohne selbst recht zu wissen , wie , in die Verlobung mit dem älteren und fertigeren Mädchen hineingezogen worden . Ohne zu wissen , wie ? sprach der Graf ihm immer in demselben Tone spöttelnden Tadels nach . Mich dünkt , mein Lieber , dies zu behaupten , hättest Du kein Recht ! Ein Mädchen von dem Seelenadel Hildegard ' s konnte es nicht glauben , daß es nur auf ein leeres , empfindsames Spiel von Dir gemünzt war ! - Er machte eine jener berechneten Pausen , welche Arglistige so wohl zu benutzen verstehen , und fuhr dann fort : Hildegard hat mir geschrieben . Ich wußte alles , was vorgegangen war , noch ehe ich die seltsame Kunde erhielt , daß Du Hildegard ' s Entfernung kaum abgewartet hattest , um Dich mit ihrer leiblichen Schwester zu verloben . Hildegard wird das nie verschmerzen , und wirklich , mein Lieber , es ist keine Heldenthat , mit dem Lebensglücke eines reinen , edlen Mädchens sein Spiel zu treiben ! Er hatte sich in eine tugendhafte Entrüstung hineingesprochen , in welcher er sich offenbar sehr wohl gefiel , denn er zupfte sich den Hemdkragen und das Jabot zurecht , fuhr sich mit der Hand aus alter Gewohnheit nach dem Haupte und durch das Haar , obschon dieses zu einer solchen , seine Fülle ordnenden Bewegung gar keine Veranlassung mehr bot , und lehnte sich behaglich in den Sessel zurück . Seine letzte , wiederholte Behauptung war dem jungen Freiherrn aber doch zu viel geworden , und sich erhebend , sagte er , die schöne Oberlippe unter dem blonden Schnurrbarte in die Höhe werfend : Diese Bemerkung aus Ihrem Munde überrascht mich sehr ! Was soll das heißen ? fragte der Graf kurz und bestimmt . Es soll Sie nur an Seba Flies erinnern , entgegnete der Freiherr in derselben Weise , für deren einstige Seelenreinheit , für deren Seelenadel mir die Freundschaft , welche meine Mutter für sie hegte , ohne alle Frage eine Bürgschaft sein darf ! Der Graf lachte hell auf . Wie man , einmal von dem rechten Wege entfernt , sich gleich ganz und gar verliert ! rief er aus . Das ist in der That naiv ! ein Cavalier und ein Judenmädchen ! Wer fragt danach ? - Aber das Verhalten eines Edelmannes gegenüber einer Dame seines Standes , das ist etwas Anderes ! Das Judenmädchen konnte , ohne die Ueberspanntheit , mit der es sich mir völlig in die Arme warf , es gar nicht für möglich halten , daß es die Meine werden könne ; und hätte Seba es gewollt , sie hätte auch nach dem Abenteuer mit mir , von dem damals Niemand etwas wußte , unter ihres Gleichen noch Männer genug zur Auswahl haben können , denn sie war schön und reich ! Aber eine Hildegard , eine Gräfin Rhoden war berechtigt , auf das Wort eines Edelmannes zu vertrauen ! Alle Welt wußte von Eurer heimlichen Verlobung , sieben Jahre ihres Lebens sind Dir geweiht gewesen - es ist unerhört ! Verlaß Dich aber darauf , man wird dies übel , sehr übel vermerken ! Der König ist gegen solche Handlungsweise äußerst streng ! Von dem Darlehen auf Deine Güter ist unter diesen Umständen natürlich keine Rede mehr ! Es war dabei sehr wesentlich auf die Gunst gerechnet , deren Hildegard genießt , und .... Der Freiherr konnte es bei aller Selbstbeherrschung länger nicht ertragen . Ich denke weder Sie noch Hildegard in meinen Angelegenheiten zu bemühen , sagte er . Ich bedarf des königlichen Darlehens nicht ! Wie das ? fragte der Graf . Ich verkaufe Rothenfeld und Neudorf , ich verpachte Richten , denn ich werde im Dienste bleiben , schon um meiner Familie willen ! So ? sagte der Graf mit einer leisen Kopfbewegung , während Renatus sich nach seinem Czako umsah . Er war erbitterter , als er sich je gefühlt hatte . Sich von einem Wüstlinge , wie der Graf es gewesen war , so lange seine Kraft für die Befriedigung seiner Gelüste ausgereicht hatte , sich von einem Verräther des Vaterlandes , von einem Ehrlosen zu Sitte , Pflicht und Ehre ermahnen zu lassen , empörte den Freiherrn . Er hätte ihm mit Einem Worte seine ganze Verachtung aussprechen , ihm sagen mögen , wie er des Grafen Heuchelei verabscheue ; aber über dieses vollberechtigte Empfinden des Freiherrn trug Eine Erwägung den Sieg davon und nöthigte ihn , nach seiner Meinung , zum Schweigen . Er hatte aus seiner innersten Natur heraus , aus jenem warmen und menschlichen Gefühle , dessen er fähig war , wo seine Standesvorurtheile ihm nicht den Sinn und das Herz verengten , den Grafen an seine Schandthat gegen Seba gemahnt ; indeß er selber erkannte , bei seiner Anschauungsweise , sobald sein Oheim ihn daran erinnerte , daß zwischen Seba und der Tochter eines alten , gräflichen Hauses allerdings eine wesentliche Verschiedenheit obwalte . In der Gesellschaft , welcher die beiden Männer angehörten , wog des Grafen ehrloser Verrath an Seba sicherlich nicht so schwer , als der für Renatus zu einer inneren Nothwendigkeit gewordene Treubruch gegen eine Gräfin Rhoden , und die Männer sowohl als die Frauen seines Standes waren der Mehrzahl nach ohne Frage eher geneigt , den Grafen , als seinen Neffen freizusprechen . Er hatte also das verdrießliche Bewußtsein , einen Schlag gegen seinen Gegner ausgeführt zu haben , den Jener so geschickt von sich abgewendet hatte , daß er sich aus dem Angegriffenen in einen Angreifenden verwandeln können , und Renatus kannte seinen Oheim darauf , daß dieser ihm nicht vergessen , nicht verzeihen werde , was eben jetzt zwischen ihnen vorgegangen war . Er wußte , daß er von jetzt ab den Grafen als seinen Feind betrachten müsse , und er fühlte auch den nie ganz besiegten Widerwillen gegen denselben in sich so groß geworden , daß er , gereizt , wie er es war , jetzt ein für alle Mal seine Stellung gegen den Oheim zu nehmen beschloß . Er stand aufrecht vor dem Grafen , der seine bequeme Lage nicht verließ , und sagte , während er seine Handschuhe anzog , in einer Weise , welche sein Oheim noch nie zuvor von ihm vernommen hatte : Wir haben , wie ich sehe , wenig Aussicht , uns zu verständigen , und ich wußte das im voraus , da ich Ihre Vorliebe für Cäciliens Schwester kannte . Ich kam auch nicht , mich wegen meiner Handlungsweise zu rechtfertigen , sondern weil es mir lieb gewesen wäre , sie Ihnen , dem Bruder meiner Mutter , einsichtlich zu machen , und weil ich Sie um die Rückgabe der Akten ersuchen wollte , die in Ihren Händen zurückgeblieben sind . Da ich von dem Tage Deiner Ankunft nicht unterrichtet war , habe ich sie gestern , wohl versiegelt , Deinem Chef zur Uebergabe an Dich zustellen lassen , denn ich verreise morgen , antwortete der Graf mit gleicher Kälte . Renatus dankte , ohne sich nach dem Reiseziele seines Oheims zu erkundigen , und wollte sich entfernen ; aber der Graf sagte von selbst , daß er eine Badekur beabsichtige . Renatus fragte also pflichtschuldigst , wohin er zu gehen beabsichtige . Man hat mir zu einem Stahlbade gerathen , und ich habe mich für Pyrmont entschieden . Ich bleibe etwa sechs Wochen dort . Wirst Du bei meiner Rückkehr hier sein ? Ohne alle Frage ! Du denkst also nicht , Dich versetzen zu lassen ? Wie käme ich dazu ? fragte der Freiherr , sichtlich von der Frage überrascht . Ich meinte , daß Deine Vermögensverhältnisse und auch die Rücksicht auf die arme Hildegard es Dir vielleicht wünschenswerth erscheinen ließen , nicht in der Residenz , nicht eben hier zu leben . Durchaus nicht ! entgegnete der Neffe sehr bestimmt . Ich denke vielmehr , mich mit meiner ganzen Familie hier niederzulassen , und bin schon heute darauf ausgegangen , eine Wohnung zu suchen , in der ich uns und meine Stiefmutter und meinen Bruder bequem einrichten kann ! So , so ! wiederholte der Graf in dem früheren Tone , und eine Prise nehmend , setzte er hinzu : Auf Wiedersehen also , auf Wiedersehen , mein Lieber ! Renatus gab ihm dieses Lebewohl zurück , und sie trennten sich , ohne sich die Hand zu geben , wie zwei Fremde , wie zwei Feinde . Zwölftes Capitel Welch eine Welt ist das ! rief Renatus innerlich aus , als er sich wieder auf der Straße befand . Aber es gilt , sich durchzuschlagen ! fügte er hinzu - und sich durchzuschlagen , war er glücklicher Weise ja gewohnt . Sein Lebensmuth war entschieden im Wachsen . Er war in sich beruhigt über die Haltung , welche er gegen seinen Onkel behauptet hatte , und wenn er es sich recht überlegte , war es für ihn kein Unglück , vielmehr ein Gewinn , daß es zu einem entschiedenen Bruche zwischen ihm und dem Grafen gekommen war . Der Graf liebte es , sich als einen Beschützer darzustellen ; er hatte in den Zeiten der Franzosenherrschaft sich an ein zweideutiges Vermittleramt gewöhnt , er war müßig , sah viele Leute , beobachtete , wie alle diejenigen , die kein gutes Gewissen und in ihren eigenen Lebensverhältnissen mancherlei zu