dann wol auch die Treppen zu den Regierungscollegien , wo Du - » Gutes wirken « willst ! Ach , mag Dir ' s dabei nur nicht so ergehen , wie mir damals , als ich wirklicher Dechant war und ein lutherscher Regierungsrath mir unter eine Rechnung für Oel , Wachs , Wein und Salz beim Salze regelmäßig beischrieb : » Ich frage wiederholt : Gehört denn in die Cultusrechnungen auch die Naturalverpflegung der Herren Pfarrer ? « Wußte der Kerl nicht , daß zu unsern Taufen Salz gehört ! Er glaubte , die Rechnung der Köchin hätte sich in die für das Cultusministerium verirrt . Ich schrieb damals an den Rand : » Salz ist ein gutes Ding ; so aber das Salz dumm wird , womit soll man würzen ! Lucä 14 , 34. « - Du freilich wirst durch solchen » Druck « auf unsere » arme « Kirche nicht zum » Rechtgläubigen wider Willen « gemacht werden ; denn nur Römlinge sehen nicht ein , welche verbesserte , wahrhaft glänzende Lage gegen früher wir bei alledem in partibus infidelium haben ... Doch nichts vom Kirchenstreit ! Was sagst Du zu dem noch immer unter polizeilicher Aufsicht stehenden Hunnius ? Neulich rief er vor einer Gemeinde , die leider nicht die zu Sanct-Hedwig in Berlin war , sondern nur die Stadtkirche in Kocher am Fall , sage die Stadtkirche in Kocher am Fall ! : » Sanct-Paulus war seines Zeichens ein Teppich- , kein Schleier-Macher ! « Diese seine Anspielung auf Professor Schleiermacher in Berlin fiel natürlich bei uns ganz auf den Weg . Bona , ich warne Dich nur , Deinem Diöcesanklerus nicht etwa in jugendlicher Begeisterung Conferenzen vorzuschlagen , schriftliche Arbeiten zum Circulirenlassen , Lesecirkel , eine Archipresbyteriatsbibliothek und ähnliche Reformphantastereien , die uns arme Einsamkeitsschlucker und Trübsalbläser erheben , zerstreuen und bilden sollen ! Du dringst damit nicht durch ! Stelle Dich blind und taub für alles , was Du sehen und hören wirst ! Unsere Kirche bessert sich einst , aber nur durch große Revolutionen . Bis dahin emancipire sich ein jeder für sich , mache sich zu einem kleinen Privat-Pantheon der gesunden Vernunft und soll ich Dir rathen , suche Dir in Witoborn höchstens nur die allerältesten Priester heraus , alte säcularisirte Benedictiner , einen alten Kapitular , der vielleicht ein armseliges Zimmerchen im Seminar bewohnt , nur um seine Einkünfte für ein paar Schwestern zu sparen . Da wirst Du vielleicht noch einen oder den andern Menschen finden von Gemüth , von herzverklärtem Geist , von lieben alten plauderhaften Erinnerungen an eine Zeit , wo Lessing seinen » Nathan « auch für uns gedichtet hat und mancher junge katholische Priester lieber eine schöne luthersche Predigt von Spalding und Reinhard ablas , als selbst eine viel weniger schöne schrieb . Da ist im alten Jesuitenstift ein Gang , wo alle Generale der Jesuiten abgebildet sind ! Sieh sie Dir an ! Einer schaut pfiffiger aus , als der andere ; die Spanier sind besonders schlau , die Deutschen von einer kläglichen Unverbesserlichkeit , sämmtlich , wie es scheint , aus der dümmsten Gegend Deutschlands , aus dem Innviertel ; nur einen sieh Dir recht an , der hat eine furchtbar lange Nase , scheint mir jedoch der gutmüthigste von allen . Die Nase ist ganz nur die Ablagerungsstätte für die Schnupftabacksdose . So sah der alte Rector dort aus , als ich bei Witoborn lebte und ein alter lieber Freund von mir , ein ehemals jüdischer Gelehrter , den ich in Paris kennen gelernt hatte , dort convertirte und ins Seminar trat ... A propos , solltest Du unsern harmonietrunkenen Herrn Löb Seligmann von hier sehen : die Hasen-Jette läßt ihn grüßen und von seinem Davidchen anzeigen , daß dessen Beine sich stärken und sein Geist von Tag zu Tag dem des jungen Samuel ähnlicher wird ... Findest Du unter den Priestern einen solchen kleinen alten dicken Mann mit langer Nase und einer Schnupftabacksdose in der Hand , dann grüß ' ihn von mir , er kennt mich gewiß . Der alte Rector freilich ist jetzt todt ... Sonst - wenn Du arme Kaplane siehst , für die das Wort Stolgebühren bisher nur erst im Examen vorgekommen ist und die am » Freitisch « bei ihrem Pfarrer verhungern müssen , nun , immerhin , lege für mich aus , Bona , falls Du auf anständige Art einige ihrer drückendsten Schulden tilgen willst und wende ihnen Meßstipendien zu , soviel nur Seelen am Vorhof des Himmels schmachten , und laß die armen Tröpfe nicht herumlaufen und um Messen betteln und bei jedem Sterbefall lungern , ob auch für sie ein Knochen von den zweihundert gestifteten Erlösungsbitten à 10 Silbergroschen abfällt ! Und findest Du am Münster in Witoborn auch so arme , blasse , heisere Vicare , die statt der bequemen Domherren Brevier singen müssen und schon um den letzten Ton in ihrer Kehle gekommen sind ( könnte doch Löb Seligmann aushelfen ! ) , so zeig dem Bischof die stummen Opfer Roms und seufze immerhin in meinem Namen vorläufig wenigstens um deutsche Sprache statt lateinischen Gesangs ! ... Lebt denn dort noch die Quart ? Muß denn auch da jeder neuernannte Pfründner den vierten Theil seines Einkommens dem Bischof zinsen ? O würde das Geld doch angelegt für eines Priesters alte Tage , wo er freudlos , ohne liebende Hand , die für ihn sorgt , ohne ein Herz , das seine grämelnde Laune erträgt , in das Eremitenhaus ziehen muß oder in einen alten Profeßhof kommt , diese Invalidenhäuser der römischen Armeen , wo es zwar keine Stelzfüße , aber arme unglückliche Seelenkrüppel genug gibt ! Bona , Bona - nun komm ' ich doch in die Reformen ! Man sagt , unterm Mikroskop wäre unser reinstes Quellwasser voll garstiger Infusorien - und Windhack behauptet das auch und verleidete sich dadurch schon zu lange das Wasser und trinkt fast zu viel vom Kocherer Wein - ; aber an dem Sold , von dem der Priester sein Dasein bestreitet , läßt man ihn täglich zu schaudervoll sehen , wo er herkommt , läßt ihn zu naß aus allen Taufbecken in unsere Hand gleiten , wo auch noch jeder Seufzer oder Fluch der Armuth frisch am Gegebenen klebt ... Schule und Kirche möcht ' ich doch so lange , bis die Heiden oder andere Apostel kommen und eine neue Religion bringen , vom Kleinhandel des eigenen Erwerbs befreit sehen . Priesterwürde ! Das laß ich vorläufig gelten ! Aber sieh ' Dich nur recht um und überzeuge Dich , wie jetzt nur ein ganz gewöhnlicher Unzufriedenheitsstoff , der in der Welt lagert und sich gern möglichst loyal und ohne zehn Jahre Festung austoben möchte , diesen neugepredigten Anhalt an Rom sucht ! Der Jakobiner versteckt die rothe Mütze unter der Kapuze , der Provinzialgeist stemmt sich wider die Centralisation , den katholischen Plattdeutschen beschämt das vornehme Air des luther ' schen Hochdeutschen , der Jurist vom Code Napoléon will nichts vom Landrecht , die Fürsten im Süden fürchten die Kraft der Fürsten im Norden ; blos das , das , das gibt den feurigen Teig des jetzigen Umschwungs wie bei der Bildung der Erdrinde . Die Jesuiten und Jesuitengenossen kennen das alles und kneten den Teig und machen sie auch nur kleine Agnus Dei daraus , all ihre Süßlichkeit riecht nach Pech und Schwefel ... Du wirst Geistliche bei Witoborn sehen , die so liebfromm sind , daß sie sich nicht mehr die Zähne putzen , blos , weil sie fürchten , dabei Morgens , ehe sie nüchtern Messe zu lesen haben , etwas Wasser zu verschlucken ! ... Und worauf beruht diese Dumpfheit des Geistes bei den Bessern ? Auf dem Glauben , daß man - Vater , Mutter und Heimat kränke , wenn man irgendwie vom Althergebrachten abgehen wollte ! Dem Gemüth schließen sich auch hierin Eigensinn und Eitelkeit an . Man glaubt , daß man von der Aufklärung wegen äußerlicher Dinge verspottet werde , wegen seiner Aussprache , wegen seiner dürftigen Gegend , wegen der Zurückgebliebenheit seiner Städte ... Nun trotzt man , doch auf seinen einsamen Höfen und Kampen die Lerche so gut trillern hören zu können , wie im schönsten Schweizerthal , trotzt , daß man in seinen dürftigen Städten doch manches liebe mit wildem Wein bewachsene Haus kenne , manches Fenster , wo Mädchenköpfe auch hinter Blumen herausschauen , wenn auch hier die Liebe nur plattdeutsch spräche ... Und so hält man denn mit Zähigkeit gerade fest an seinem Zopf ! Das ist mit unserer Kirche überall so , seitdem die Reformation in dem stattlicheren Gewand der Wissenschaft und Bildung einhergehen durfte . Ueberall erscheint die Ketzerei den Leuten als eine Verhöhnung nicht etwa des Glaubens , man gibt bedenkliche Schäden an ihm zu , sondern als ein Geringachten - der vielen anderweitigen Gemüthlichkeiten , die sich für den Menschen an seine Jugend , an - seine liebe alte Großmutter anknüpfen ... ... In Deutschland , laß mich in einem Briefe , wie ich ihn seit Jahren so lang nicht schrieb , fortfahren , in Deutschland sollte nun die Bildung und die gemeinsame Geschichte unsers Volks längst diesen Zwiespalt aufgehoben haben ! ... Aber jetzt sieh , wie gesorgt wird , daß der Bruch ein ewiger bleibt ! ... Du wirst im ganzen Stift Heiligenkreuz vielleicht nur ein einziges verstecktes und bestäubtes Exemplar vom Goethe , zwei oder drei Exemplare vom Schiller finden , dagegen alle Blumenlesen , alle nervenangreifenden Kräuterapotheken unsers Beda Hunnius ... Ich weiß nicht , ob es in Westerhof jetzt besser ist . Graf Joseph ging über Stolberg ' s Horizont nicht mehr hinaus . Levin von Hülleshoven ist ein geistvoller , unterrichteter Mann , schrullenhaft jedoch und höchst afterklug . Die Sicherheit , mit der er sich schon vor vierzig Jahren auf den Bau der Pyramiden verstand , während ihm jeder Backofen , den er bauen ließ , zusammenfiel , wird sich bei seinem Leben unter lauter Frauen nicht gemindert haben . Abenteuerliche Gelehrsamkeit ist alldort ein besonderes Steckenpferd . In jedem Dorf wirst Du die rechte Stelle finden , wo Hermann den Varus schlug . Ist es zweifelhaft , wo das Midgard der Asen lag , wird man immer gegründete Vermuthung für ein Torfmoor bei Eschede oder eine Wiese bei Lüdicke haben . Dieser hinter Vaterlandsliebe sich versteckende Hochmuth ist - allen Deutschen eigen ! Er kommt bei keiner Nation so vor , nur Levinus würde vielleicht hinzusetzen : » Bei den Tschippewäern « ... Noch immer sitzen gewiß die Frauen dort und lauschen solchen Orakelsprüchen und auch Männer genug gab es , die vor der Weisheit des Barons von Hülleshoven den Hut abzogen ... Die Kunst ist bewunderungswürdig , mit der der Mensch versteht sich eine Gemeinde zu bilden ! Selbst Windhack versteht das . Windhack und Levinus ziehen eben nicht die Gelehrten in ihr Vertrauen , sondern die Fischer , die Zöllner , die Teppichmacher , nicht die - Plato und Schleiermacher - doch genug von diesem Kapitel - - Ich komme auf Westerhof zu sprechen , weil ich möchte , daß Du Deine liebevolle Versöhnlichkeit anwendest , um eine Ausgleichung herbeizuführen zwischen dem Ehepaar Ulrich und Monika . Ich höre , daß die Comtesse Paula Wunder verrichtet und in die Zukunft sieht . Bisjetzt hab ' ich noch in allem , was ich davon erfuhr , zu viel Aberglauben der dort landesüblichen Sorte gefunden . Du wirst wol so gut sein , mich darüber ins Klare zu setzen ; denn an und für sich hab ' ich allen Respect vor den geheimnißvollen Ein- und besonders den - Ausgangspforten aus unserm räthselhaften Dasein - Sonst würd ' ich Dich bitten , das schöne junge , Dir theure Wesen zu ersuchen , sich bei den Schicksalsmächten zu erkundigen , was über diese Verwickelungen beschlossen ist . Was wir hier so aus unsern sichtbaren Gestirnen entnehmen können , ist die kurze und bündige Absicht des jüngern , minder gelehrten , doch willensstärkeren Ulrich von Hülleshoven , nächster Tage nach Witoborn zu kommen , auf Westerhof ein kurzes und bündiges Wort zu sprechen und sein Töchterlein Armgart an sich zu nehmen . Zugleich flattert wie eine Taube um ihr vom Geier bedrohtes Nest auch die Mutter und wird , wie sie mir schreibt , nicht verfehlen , das zu beanspruchen , was ihr gehöre . Da könnten denn also diese zwei Menschen sich gegenübertreten und nach meiner Meinung die oft im Leben vorkommende Scene aufführen , daß sich zwei Leute gerade deshalb nicht verstehen , weil sie aus einem und demselben Stoff geschaffen und gerade füreinander bestimmt sind . Denn in der ersten Liebeszeit sucht man sein Gleichartiges - Du kennst das nicht - in der zweiten Liebeszeit sucht man sein Gegentheil und in der dritten Liebeszeit kommt man auf den richtigen Instinct der ersten Liebe wieder zurück und will nur das , was unserer Natur gleichartig ist . So ging es diesen zwei Menschen . Ein Zufall verband sie und sie gehörten sich einander . Da kam eine Willensprobe und sie scheiterte an ihren harten Köpfen . Jetzt scheinen sie vollkommen reif , sich gerade so zu lieben , wie man sich eben noch liebt , wenn man Kinder hat , die schon selbst wieder von Liebe sprechen . Auch das trifft zu : Jede Liebe , die sich in spätern Jahren noch bewähren soll , muß eine andere Nahrung haben , als die der erste Jugendlenz schon allein in seinem schönen Blütenduft findet . Ein Drittes muß sie haben , um dessentwillen sie da ist , um dessentwillen sie sich bewährt , nicht blos die übliche » Brücke « der Liebe zu den Kindern , sondern eine Idee und wäre es die Erziehung dieser Kinder , eine Erziehung höherer Art , eine mit Bewußtsein und Gedanken . Immer hab ' ich gefunden , daß zuletzt doch in den gleichen Ideen eine unendliche Bindkraft liegt . Zwei Feinde , die sich auch nur Einmal in einer gleichen Idee begegnen , können sich versöhnen . Bis zu Mariä Verkündigung bleibst Du wol noch in der dortigen Gegend ; zur Osterzeit werden sie Deine Schultern in der Kirchenresidenz brauchen . Ich werde bald meine dreijährige » schwere Arbeit « antreten und auch meine » Visitation « an der Donau halten . Frau von Gülpen zittert schon wieder , mich Windhack allein überlassen zu sollen , sich zu denken , daß ich bei meinen alten Kreuzsternordensdamen eines Abends sanft beim Whist einschlummere , ein à tout in der Linken , ein » ich passe « auf den Lippen ... So ging ich am liebsten heim ! ... Aber das kommt mir bei dieser Reise noch nicht , ich weiß es ; ich habe die Ahnung , daß ich noch viel böse Ungewitterwolken sich entladen sehen soll . Der Oberprocurator Nück bot mir eine Commission an , die ich ablehnte . Cardinal Ceccone kommt von Rom als apostolischer Nuntius an die Donau . Ihm und dem großen Staatskanzler will man die Lage des gefangenen Kirchenfürsten und die Zukunft Deutschlands ans Herz legen . Don Tiburzio Ceccone zu sehen wäre mir von Werth ; aber von seinem Munde dann auch hören zu müssen , was geschehen soll , um in das Vaterland Leibnizens und Kant ' s die Luft hinüberzuleiten , die man in den Hörsälen des Collegio Romano athmet - das könnte mein à tout beschleunigen . Uebrigens droht mir bei alledem eine gewisse Beziehung zu Rom . Auch Dir dürfte sie nahen , wenn Dich Dein Stiefvater in Vertraulichkeiten einweihen sollte - ich lese soeben , während ich dies schreibe - der Kronsyndikus ist gestorben ! ... Ruhe seiner Asche ! - - - Sorge , daß bei allem , was jetzt etwa zur Sprache kommen könnte , nur Priester zugegen sind ; denn darin hatte Benno Recht : Der Beichtstuhl - - - Genug für heute ! Grüße ihn von mir - meinen armen - Zigeunerknaben ! Wer weiß , ob ich jetzt nicht endlich mit ihm beredsam werden muß , wenn er mir , so wie Du im letzten Sommer , aus Gräbern der Vergangenheit alte Erkennungszeichen - unserer Sünden bringt - ! Hast Du nichts mehr von dem Leichenräuber vernommen ? ... Grützmacher und Schulzendorf sind recht verdrießlich - über verfehlte » Prämie « ... Spät Abend ist ' s geworden - - Musik hör ' ich schon seit lange nicht mehr - Die Tante correspondirt mit ihrer » Familie « und will mich durch eine noch immer nicht entdeckte Nachfolgerin ihrer letzten » Nichte « überraschen . Diese letzte ... kam , hör ' ich , um - Deinetwillen ! ... Bona , Bona , ich hätte die nicht von mir gestoßen ... Drei Tage war sie bei uns und sie sind eingeschrieben in die Chronik der Dechanei wie mit Flammenschrift ... Selbst den Tod des Lolo ( von dem Du wol noch nichts weißt ) schreibt die Tante auf Fräulein Schwarzens Rechnung ... Mit Beda Hunnius correspondirte sie und die Regierungsräthe lasen - und belachten alle diese mit Beschlag belegten Briefe ... Um so stolzer erhebt sie ihr Haupt ... Ich höre , sie beherrscht das ganze Kattendyk ' sche Haus und niemand mehr , als - den Oberprocurator ... Deine Liebe muß also - goldene Locken tragen ? Muß - im Mondlicht wandeln ? ... Seltsam ! Seltsam ! Zerreiß diesen Brief nicht , sondern - verbrenne ihn ! Man hat Fälle , daß zerrissene Briefe immer noch gegen uns zeugen können , falls man auf den Gedanken käme , nach unserm Tode uns heilig zu sprechen ... Ich glaube , Petronella setzt alles , was sie hat und doch noch zu erben hofft , daran , mir nach meinem Tode diese unverdiente Ehre zuzuwenden ... Ich habe seit Jahren nicht soviel geschrieben ... Der Tod des Kronsyndikus versetzt mich - in wehmüthige Aufregung ... Lebe wohl , Bona , und denke nur immer , auch wenn Du vielleicht - - in diesen Tagen nicht das Beste von mir vernehmen solltest , ich war schwach - schwach - um der Liebe willen - - Und so fortan wie bislang Dein treuer Onkel . So erheiternd auch anfangs die Stimmung dieses Briefes auf Bonaventura wirken durfte , der Schluß regte zu Besorgnissen und befremdlichem Nachdenken auf ... Dennoch verweilte er nicht zu lange bei den trüben Schatten , die mit diesen Gedankenreihen in sein Inneres fielen . Zu sehr hatte er das Bedürfniß des Glücks und jede Vorstellung nahm bald wieder die holdeste , freundlichste Gestalt an ... So endete der glücklichste Tag seines Lebens . 9. In ähnlichen , doch zugleich vom tieflastenden Druck der Furcht beschwerten Stimmungen hielt sich auf seinem Zimmer ein Mann , in dessen Inneres wir zum ersten male einblicken wollen . Nicht lange hatte Armgart in der schwebenden Pein der Ungewißheit über den Onkel und die Tante zu verharren brauchen ... Einige Augenblicke später , nachdem Bonaventura gegangen , kamen sie von der Gegend auf Witoborn zurück ... Armgart ' s stürmischen Fragen nach dem Ort , wo sie gewesen wären , nach den Nachrichten , die sie mitbrächten , wurden schroffe Antworten zu Theil . Als sie von einer Verabredung sprach , die hinter ihrem Rücken getroffen worden , um sie dem Vater zu überliefern , schwieg man ... Aber auch sie verstummte plötzlich ; denn Wenzel von Terschka sprach , um einen möglichen Zwist im Keime zu unterbrechen , von ihrer Mutter ... Er nannte Monika von Hülleshoven die Seltenste ihres Geschlechts , einen Edelstein in dem Bunde aller der vortrefflichen Menschen , in deren Nähe er hier zu leben so glücklich wäre , eine Denkerin ohne die Runzeln der Stirn , die dem Gedankenleben zu folgen pflegten und die Leichensteine der Schönheit würden , eine Gelehrte , ohne daß man an ihren Fingern die Dinte sähe , eine Priesterin an den Altären einer noch unausgesprochenen Religion , die alle Menschen verbinden und glücklich machen würde ... Auf dies überraschend enthusiastische Wort ermunterte Paula , die selbst noch wie berauscht war von ihrem geschlossenen Bunde mit Bonaventura , den Sprecher fortzufahren ... Armgart unterbrach ihn aber und sagte aufwallend : Meine Mutter wird in ihrem wiener Kloster keine andere Religion gefunden haben , als die des dreieinigen Gottes ! Auf diese entscheidende Aeußerung trat eine Stille ein und kein behagliches Gespräch ließ sich heute mehr anknüpfen ... Nach dem Thee trennten sich alle ... Als Wenzel von Terschka auf seinem Zimmer war , machte es ihm der Diener so zurecht , wie der » Rittmeister « seither gewohnt war immer den Abend noch zuzubringen ... Vor Mitternacht ging er nie zur Ruhe ... Zwei Zimmer mußten erleuchtet sein ... Auf drei , vier Tischen mußten Lampen stehen ; denn auf jedem lag ein Actenstoß von diesem oder jenem Inhalt - zu verzweigt war die Geschäftsthätigkeit , der er sich zu widmen hatte ... Geschäftlich war ihm seither alles vortrefflich gegangen ... Er konnte seinem Gönner und Freunde Grafen Hugo , er konnte der Mutter desselben , jetzt auch schon an Monika Berichte voll erfreulicher Ergebnisse schicken . Die letzten Chicanen , mit denen Nück noch drohte , waren durch seinen Bevollmächtigten , Benno , gemildert worden . Benno verfuhr mit Entschiedenheit , vermehrte jedoch die Schwierigkeiten nicht . Die Parcellirung war von der Regierung genehmigt . Löb Seligmann hatte die einzelnen Bestandtheile taxirt und schon Angebote vermittelt . Seligmann war hin und her ; für seine Geschäftsthätigkeit hatte er eine neue Provinz erobert ; kehrte er nach Kocher zurück , so blies er sich schon jetzt das Horn einer Extrapost für die letzte Station , auf der er diese kleine Prahlerei sich gestatten wollte ... Endlich wurde eine bedeutende Geldsumme sogleich flüssig durch die an Thiebold de Jonge verkauften Waldungen ... Nach Ostern konnte der neue Besitzstand vollständig angetreten werden . Anfangs war in diesem Kreise Terschka der , der er überall gewesen . Ein Mann von vierzig Jahren und doch noch jugendlich ; eine Natur , unheimlich manchem , weil er niemanden Stand hielt , doch erweckte er auch niemanden Furcht oder Besorgniß . Man konnte ihn nur nicht festhalten . Etwas Unstetes lag in seinem ganzen Wesen . Gefällig war er gegen jedermann . Seiner schmächtigen , zierlichen , gewandten Gestalt stand es , da einen Strickknäuel aufzunehmen , dort einer Cigarre Feuer zu geben und dabei doch schon wieder einen Befehl zu ertheilen , den er halb schon selbst ausführte . Thiebold fand ihn sogleich superlativ . Terschka schoß einen Vogel im Fluge , selbst im währenden Reiten . Seine Kunst , die Pferde zu zügeln , war der Gegenstand allgemeiner Bewunderung . Dennoch sagte Benno gleich , nachdem er ihn einige Tage lang beobachtet hatte : Dieser Mann ist nicht schlecht und doch hat er kein gutes Gewissen ! ... Von der verfehlten Begrüßung der Gräfin Erdmuthe war Terschka ganz in der Aufregung zurückgekehrt , die der letzten geheimen Zwiesprache zwischen Monika und der Gräfin entsprach , die den Uebertritt derselben zum Lutherthum und eine Vermählung mit Terschka wünschte . An dem Abend bei Piter Kattendyk hatte er ganz wieder in das Innere dieser jungen Frau blicken können , die sich , wie Luther sich aus Rom die Reformation , so aus einem Kloster die Freiheit des Denkens geholt hatte . Er begleitete sie , noch vor dem Auflauf in den Straßen , noch vor dem militärischen Conflict mit den Vereinen , in ihr Hotel , mußte aber Abschied nehmen , da seine Rückreise eines Gerichtstermins wegen unerläßlich war ... Nun schrieb er ihr ... Sie antwortete ... Es waren Briefe der Convenienz , wirkliche oder gesuchte Geschäftsanfragen ... Monika antwortete kurz und wich Dem aus , was ihre Empfindungsweise hätte misdeuten können ... ... Terschka hatte keine Berechtigung , auf das Herz dieser Frau zu rechnen ... Eine Frau empfindet bald , ob eine Werbung aus dem tiefsten Bedürfniß des Herzens oder nur aus der Phantasie entspringt ... Letzteres schien bei Terschka der Fall . Diese seltsame Naturerscheinung , silbergraue Locken auf einem halben Mädchenantlitz , körperliche Reize verbunden mit einem durchaus geistigen Leben - Terschka hatte sich in den Strudeln der Welt genug umgetrieben , um diese Verbindung neu und anziehend zu finden . Wie Terschka auch jugendlich aussah , im Grunde war er ermüdet . Vielleicht hätte er eine edlere Ruhe finden mögen . Vielleicht hätte er gern die Waffen der List und der Kühnheit , die er zwanzig Jahre lang geführt , niedergelegt zu den Füßen einer Liebe , die ihn dann immerhin hatte tyrannisiren mögen . Vielleicht hatte er das Bedürfniß , gut zu sein oder sehnte sich nach Erhebung . Frauen , die in sich gefestet sind , vermögen viel . Schon Gräfin Erdmuthe , die Terschka und ihr Sohn , Graf Hugo , vielfach betrogen hatten , hatte ihn gemildert , gezähmt und als dann eine Monika in diesen Lebenskreis eintrat , empfand Terschka für sie wie für ein Wesen , das ihn , so sagte er auch schon in Wien , von sich selbst befreien könnte und neugeboren werden lassen ... Seit einigen Tagen kam in Terschka ' s Wesen etwas , was Benno ' s Wort vom bösen Gewissen zu bestätigen schien ... Vollends seit der Rückkehr vom Leichenbegängniß , seit dem gestrigen Abend im Finkenhof war Terschka wie zerstört ... Er unterzog sich seinen täglichen Geschäften , er rechnete unten im Rentamt mit den Beamten , sorgte für die Vorbereitungen der großen Jagd , war heute wieder früh in Witoborn , Nachmittags in Heiligenkreuz gewesen , besorgte seine Briefe , würzte das Gespräch mit Anekdoten , sprach über die Schweiz , Frankreich , Italien - in Rom war er mehr zu Hause , als er zu gestehen liebte - aber seine Sätze waren abgerissen , seine Uebergänge unvermittelt , seine Antworten zerstreut ... Gleich gestern Abend , wo er vom Finkenhof heimgekehrt war , hatte er sein Zimmer zugeschlossen , die Lampen , die er angezündet fand , ausgelöscht bis auf eine , hatte die Vorhänge niedergelassen , als könnten die Pappeln von draußen verrätherisch hereinlugen , hatte seine Kleider abgezogen , sich - vor den Spiegel gestellt , das Hemd zurückgeschlagen , den Aermel aufgestreift und - auf den linken Arm in dem Moment sein Auge gerichtet , wo es klopfte ... Erbebend stellte er die Lampe nieder , ließ den Aermel herabgleiten und rief : Wer da ? ... Ein Diener brachte ihm den Brief , den Armgart hatte unterschlagen wollen ... Nur allein dieser Brief konnte ihn zerstreuen und beruhigen ... Er erbrach ihn , las ihn , las ihn wieder ... Es waren nur einfache Berichte über die Summen , die die Gräfin im Hotel zu bezahlen hatte ... Mittheilungen über ihren Aufenthalt , den Monika nicht mehr verlängern wollte , obgleich sie ihn in einem bescheidneren Zimmer des Hotels genommen hatte ... Nachrichten über die Ankunft der Gräfin in London und die erste Bekanntschaft mit Lady Elliot ... Kleine Neckereien auch über Lucinde , die Monika näher kennen gelernt hatte und die sie ihm um so mehr empfahl , als ihre Schönheit und ihr Geist an jenem Abend ihn ja , wie sie schrieb , sofort gefesselt und an eine glückliche Vergangenheit erinnert hätte - an jenen Pferdeankauf im Holsteinischen für Hugo ' s Regiment - Aber nicht ganz fand Terschka seine Heiterkeit wieder ... Gestern und auch heute nicht ... Der Bruder Hubertus konnte nickt erwähnt werden , ohne daß er erröthete ... Soviel er auch heute in der Gegend umherstreifte , er konnte ihm nicht begegnen ... er wünschte das und fürchtete es wieder ... Zum Kloster Himmelpfort zog es ihn und wieder jagte es ihn gespenstisch aus dessen Nähe ... Zu den Besorgnissen , die ihn erschreckten , kam die Entdeckung , die im Benehmen Armgart ' s lag ... Warum hielt sie ihn heute so fest nach Paula ' s Vision ? ... Was wollte sie überhaupt schon seit lange mit ihm ? ... Errieth sie seine Liebe für ihre Mutter ? ... Mistraute sie dem Briefwechsel , von dem sie sich unausgesetzt erzählen ließ ? ... Heute war das auf der Wanderung von Heiligenkreuz mit ihm ein Ton gewesen , der ihn völlig befremden mußte ... Daß Thiebold und Benno um Armgart warben , sah er , und ein keineswegs zu scharfes Auge gehörte dazu , sich zu sagen , daß letzterer der Bevorzugte war ... Und dennoch , dennoch begann Armgart seit einiger Zeit ihm eine Theilnahme zu schenken , die ihn zu verwirren anfing ... Was hat nur das seltsame Mädchen ? sagte er sich ... Auf der Wanderung heute kam sie von der Mutter ab und sprach wie im Traum , bis Terschka ihr geschworen hatte , er wisse nichts von der Nähe ihrer Mutter ... Selbst heute Abend ihr : » Gute Nacht , Herr von Terschka ! « - wie klang das so süß und herbe zugleich , so innig und doch so beklommen , so absichtlich und doch so zurückgehalten ! ... Heute wieder schloß sich Terschka ein , was er sonst nie that ... Wieder konnte er erschrecken vor jedem unerwarteten Geräusch ... Dem Diener , der ihm die Zurückkunft des Rosses von Heiligenkreuz meldete , sagte er bei Gelegenheit des Namens Schneid : Ist das Der , der gestern auf dem Finkenhof unter dem Schutz des buckeligen Stammer erschien und falsch gespielt haben soll ? ... Er hörte aber nicht weiter auf die Mittheilung , daß Baron Levinus dem Vagabunden nur noch eine dreitägige Frist als Probe seiner Haltung gestattet hätte ... Bonaventura hatte auf Bitten des alten Tübbicke selbst ein Fürwort für den ihm unbekannt gebliebenen , ja ihn vermeidenden Fremdling eingelegt ... An Monika hatte Terschka jetzt schreiben wollen . Er wollte ihr Vorwürfe machen , daß sie beabsichtigte , wie er von andern hören müsse , in die Gegend zu kommen , ohne ihn in Kenntniß