dann anfangen , sagte ein Herr , der am dritten Tage , daß ich saß , in mein Gefängniß kam , was wirst du dann anfangen , wenn du frei bist ? Am dritten Tage ? ein Herr ? Doch nicht ein Franzose ? Ein alter Franzose in feinem Rock mit Orden ... Einer weißen Weste und einem rothen Notizbuche in der Hand ... Der ! Der dieselbe Frage auch an mich richtete : Murray , was werden Sie dann anfangen , wenn Sie frei sind ? sagte er zu mir . Was antwortetest du ? Ich sagte : Mein Herr , ich fange nie etwas an , ich lass ' es gehen , wie es Gott gefällt ! Da lächelte er und ich sah sogleich den Fuchs - Den Wolf im Schafspelz ! Er wollte meine künftige Wohnung wissen und schielte mich an , als hätt ' er mich zu taxiren ... Du irrst doch wohl , Auguste . Dieser Mann heißt - Murray griff nach der Visitenkarte - Sylvester Rafflard und ist ein Abgesandter fremder Vereine , die sich die Verbesserung des Looses der Gefangenen , die Untersuchung der Gefängnisse , den Einfluß auf die künftigen Schicksale der Verbrecher zur Aufgabe machen . Da ich mich nicht schuldig wußte und traurig war , gab ich ihm wenig Antwort . Ich bin überrascht , daß er mich heute besuchen wollte . Ich fand seine Karte abgegeben . Zu mir , sagte Auguste , wird er nicht kommen . Ich war so voll Zorn , daß ich ihn mit allen seinen Redensarten von Besserung zur Thür hinauswerfen lassen wollte und ihm einen Kalbskopf über den andern nachschimpfte . In dem Zorn wurd ' ich eben frei . Die Kleider und Schmucksachen waren mir genommen und unter Lachen und schlechten Witzen gaben mir die Aktuare gute Lehren . Da rannt ' ich zur Tante . Man wollte mich abweisen . Ich ließ mich nicht stören . Es war mir , als hört ' ich die Stimme der Alten in den Zimmern der Geheimräthin . Ich werfe den Bedienten bei Seite , reiße eine Thür nach der andern auf und stehe vor einem wunderschönen Bilde , das ganz frisch , wie eben fertig mit noch halb nassen Farben - ich hab ' etwas von dem Handwerk gelernt beim Professor Berg - auf einer Stellage steht . Das bin ich ! sagt ' ich mir . Das hat Heinrichson gemalt und in dem Augenblick geht die Thür auf und Heinrichson mit der Geheimräthin tritt herein . Ha , ha , ha ! fang ' ich an zu lachen . Da zu lachen war Verrücktheit . Ich war auch verrückt . Ich weiß noch jetzt nicht , ob ich in dem Augenblick Vernunft gehabt habe . Ich lachte und schluchzte und redete mit Heinrichson , wie er schon längst nicht mehr da war . Heinrich Heinrichson , rief ich , bin ich Das ? Sag ' s deiner Liebsten , das weiße Thier da , der Vogel auf dem Bilde warst du , du tückischer , falscher , heuchlerischer Drache ! So kannst du lügen , wie dies Thier da ! Sieh , wie ' s mit dem Schnabel klappert , wie der Held den Schönen spielt und die arme Auguste Ludmer schläft oder macht die Augen zu , um deine Teufelsaugen nicht zu sehen ! Beiß mich nicht ! sprach ich . Geh ! Geh , ich verlange nichts für mein Kind , geh , es ist todt ! Und in dieser Art sprach ich meine rasende Wuth vor dem geleckten Menschen aus ; seine zierlich gekräuselten , geölten Locken hätt ' ich zerzausen mögen . Aber er war fort . Die Geheimräthin zog die Glocke , alle Glocken im Hause schellten . Die Ludmer kam und schleppte mich fast an den Haaren hinaus . Wahnsinnige , schrie sie mich an , du machst , daß ich dich noch in ' s Tollhaus stecken lasse ! Schändliche , was willst du hier ? Welche Frechheit gegen die Herrschaft , gegen einen fremden , feinen Herrn ... ich war todtblaß , stieß sie zurück und setzte mich auf ein Sopha , um mich zu erholen . Sie wollte mich aufreißen , ich schleuderte sie wieder zurück , daß sie auf einen Sessel sank und ächzte . Du mordest mich noch ! stöhnte sie . Ich sagte : Ja , das thu ' ich . So saß ich wol zehn Minuten . Ich war zu elend , ich konnte nicht mehr sprechen . Immer dacht ' ich auch , die Thür geht auf und Heinrich Heinrichson kommt wieder herein und sagt ' dir : Auguste , vergib mir ! Ich bereue , daß ich die Ursache deiner Leiden bin ! Ich denke täglich an dich , wenn ich in meiner Mappe blättere und diese schönen Bilder male ! Vergib mir ! Du siehst , ein vornehmes Weib liebt mich ! Was kann ich für dich thun ? Aber Heinrich Heinrichson kam nicht . Die Tante hatte sich erholt , stellte sich wenigstens so und verlangte , daß ich mit ihr in ihre Wohnung ginge , die in einem Nebengebäude liegt . Ich ging ganz willenlos hinter ihr über den Hof . Ich sage Das ausdrücklich , weil ich wol mag ausgesehen haben wie das Leiden Christi . Wer mich sah , mag gedacht haben : Die schlägt die Augen nieder und ist sittsam wie ein Grabesengel .. Warum erwähnst du Das ? Wer sah dich denn ? Im Zimmer der Alten , fuhr Auguste sinnend fort , hielt sie mir eine letzte Strafpredigt und gab mir zwei Thaler . Ich mußte sie nehmen , weil ich nichts zu essen hatte . Vor ihrem Spiegel ordnete ich meine Kleider und ging nun . Ich elendes Geschöpf mag doch gedacht haben : Vielleicht sieht Heinrichson dir durch ' s Fenster nach ! Ich will doch nicht , daß er hinter mir herspottet und mich auslacht ! Ich that also nun , als wär ' ich froh und hielt mich recht aufrecht . So kam ich nach Haus . Nach einer Stunde etwa kommt Franz , von der Geheimräthin ein Lakai . Er macht mir einen Vorschlag . Ein Mann in seinen besten Jahren hat mich draußen bei der Tante gesehen und Gefallen an mir gefunden . Ob ich Den heirathen und dann die Gegend verlassen wollte ? Habt Ihr irgend einen Gauner bezahlt , rief ich , damit ich nur fortkomme und dem Liebhaber der Geheimräthin nicht die Augen ausreiße ? Der Bursch ließ sich auf nichts ein , sondern blieb dabei , daß es richtiger Ernst seiner Herrschaft wäre , den Mann dürfte er nur nicht nennen , ich sollte mit ihm nächster Tage auf einen Fortunaball gehen und da mit ihm anknüpfen , aber sittsam sein und gescheut und dann fort von hier . Es wär ' ein Fremder , der von der Stadt nichts wisse , auch nur dann und wann herein käme ... wenn er mich nähme und ich mit ihm davonzöge , würde man mir ein Heirathsgeschenk von zweihundert Thalern machen . Ich lärmte zwar und polterte und drohte , ich steckte doch noch einmal das ganze Haus der Geheimräthin an ; allein , wie der Mensch ist , auf den Fortunaball ging ich doch und sah da meinen Freier . Papa , was meinst du nun wohl , wen sie mir ausgesucht haben ? Ich bin begierig ... sagte Murray - schaudernd über das leichte Gewissen dieser ihm wohlbekannt scheinenden vornehmen Menschen . Den besten Engel auf der Erde , sagte Auguste lachend , meinen geliebten Freund von Solitüde , der mich einmal gelobt hatte , weil ich Blumen mit Bast an hölzerne Stäbe zu binden verstand und mir auf die Schultern klopfte , als ich im Grase kniete ... Den Inspektor ? Mangold ! Ein Kind von siebenundvierzig Jahren ! Nun zwar schon ein bischen von der Sonne getrocknet , aber rüstig und gut wie immer ... Kannt ' er dich ? Wo wird Der mich ? Lieber Gott ! Der Mann kennt Bäume wieder , die aus dem Samen gezogen sind , den er gesammelt hat ... aber Menschen ! Ich mußte ihm in ' s Gesicht lachen , erst , weil ich den Kopf schütteln mußte , daß ich in den steifen Patron hatte verliebt sein können , und dann , weil er mir zu possirlich den Hof machte und es wirklich ganz ernst nimmt ... Aber Auguste ! rief Murray . Man hat da einen rechtlichen , der Welt unkundigen Mann getäuscht ! Du wirst doch nicht ... Getäuscht ? Auguste , getäuscht ! Man hat ihm falsches Gold für echtes gegeben ! Falschmünzerei ! Ha ! Ha ! Das sind keine zwanzig Jahre Zuchthaus , die Denen blühen , die schmuzige Seelen für reine in Cours setzen : Die gehen frei aus ! Die dürfen nur lachen ! Papa ! Auguste , daß du nur eine Minute diesen redlichen Mann über dich hast können in Zweifel lassen , Das macht dich zur Hehlerin der Falschmünzerei ! Darauf stehen zehn Jahre ! Vater , du bist toll ! Mäßige dich , quäle mich nicht ! Zehn Jahre ? Ich habe Mangold gleich ausgelacht , aber jemehr ich lachte , desto mehr war ' s ihm Ernst , ich sollte sein Weib werden und ihm auf ein herrschaftliches Schloß folgen , wo er künftig wohnen würde ! Das Schloß läge einsam , er müsse nun endlich eine Gefährtin für sein Leben haben , das abwärts ginge . Ich habe mich sittsam benommen , weil Das ein Ehrenmann ist . Aber gelacht hab ' ich doch und ihn zitternd vor Wonne abgewiesen und wie ein Kind geneckt . Dennoch will er mich . Alle drei Tage kommt er von Solitüde und geht mit mir Abends einsam spazieren und spricht von einem Schloß , Namens Buchau , weit von hier , wohin ich ihm folgen soll . Ich habe aber , trotzdem daß mein Arm an seinem bebt , soviel Achtung vor ihm , daß ich ihn durch mein Ja ! nicht betrügen will und neulich ... Nun , Auguste ... Neulich gestand ich ihm meinen ersten Fehltritt ... Das war brav ! Was sagte er ? Nicht wahr , es ist nun vorbei ? Auguste schwieg ... Murray fuhr fort : Er sprang auf , er riß sich aus deinen Armen los . Und Das führt dich nun her ? Du bist unglücklich , verzweifelst ... weil dich Alle verstoßen , Niemand dich mag ? Aus meinen Armen ? sagte Auguste und schüttelte den Kopf . Papa , denk ' doch nicht zu schlecht von mir ! Ich bebe wie im Wind ein Blatt vor dem Manne , ich glaube nicht , daß er mich schon einmal küßte ... Was aber sagte er , als du ihm gestandest , daß du nicht mehr so bist , wie du aus der Hand Gottes hervorgingest ? Er sprang auf , wie du sagtest , Papa , er weinte sogar ein bischen , schien mir ' s , und lief dann auch davon . Er sagte mir Abschied auf immer ! und ... nach drei Tagen ... Nach drei Tagen ? Klopft ' s wieder an meine Thür ... Die Vergebung kam ? Die Vergebung ! Auguste ! Und Dies zerreißt nicht dein Herz im innersten Busen ? Du sankest nicht auf deine Knie und strecktest die Hand zum Allmächtigen empor , der seine Himmel öffnet und schon wieder einen Strahl seiner Gnade zu dir herabsendet ? Er vergab dir ? Der edle Mann , der nahe seinem funfzigsten Jahre noch auf Liebe und Unschuld hoffte ? ... Ach , Papa , sagte Auguste in der That schmerzzerrissen . Was soll ich nun thun ! Das Eine vergab er mir , aber das Andre ... ach , es ist so Vieles ! Erzähle mir , warum er dir vergab und ich sage dir , ob ein Engel des Himmels auch über das Andre hinwegkommt ! Warum vergab er dir , daß du eine Gefallene warst , Mutter von einem Kinde ? Weil Buchau weit und einsam wäre , sagte Auguste und kein Mensch dorthin käme als nur zuweilen der König und die Königin , wenn ihnen die Krone zu schwer würde ... und unter den alten Eichen , wo der Mensch ganz allein sich selber gehörte und nur vor Gott Rechenschaft abzulegen hätte , da vergäße man Vieles und an rechter Stelle nähme sich jeder Baum , auch wenn er schief und krumm gewachsen wäre , angenehm aus , ja an Teichen hätte man es ja gern , wenn die Trauerweiden , die mit ihren langen Hängezweigen hineinlangen , ein bischen gebeugt stünden , und dabei gab er mir die Hand und sagte : Er hätte mich wirklich auch schon als Kind lieb gehabt ! Murray schwieg eine Weile gerührt , dann erklärte er : Der Teich ist die Buße und die Weiden sind die Reue ... O mein Kind , ich flehe , lache nun nicht mehr ! Spotte die Regungen eines bessern Gefühles nicht aus deiner Seele hinweg ! Wie ging es denn mir , da dein Vater mich dem Leben zurückgab ? Ich trotzte nicht mehr , ich erkannte eine höhere Allmacht und fühlte die starke Himmelshand sichtbar , als wir auf dem Meere von den Stürmen gepeitscht , in den Wellen hin- und hergeschleudert wurden . Ich war noch verstockt , als ich in Hamburg das Schiff bestieg , verstockt , als ich Land sah , die Dünen der Schelde und des Rheins ; aber draußen im großen Ocean wurd ' ich demüthig und was ich in einem Sturme gelobte , wo eine einzige Welle von dem Schiff fünfzehn Menschen neben mir fortspülte in den Abgrund , Das hab ' ich gehalten , habe gearbeitet , gebetet und auf mich selbst gelauscht . Ich bin kein Frömmler . Aber wenn es mir schlecht ging in Amerika , nahm ich zwölf Bibeln von einem Buchbinder , gab meine letzten Kleider auf einen Tag bei ihm dafür zum Versatz und ging mit meinen zwölf Bibeln in die Häuser . Wo eine Dienstmagd am Brunnen wusch , stellte ich mich zu ihr und bot ihr das Buch der Bücher zum Verkauf . Kein Mensch ist so arm , daß er nicht das erste Ersparniß anwendete , sich eine Bibel zu kaufen . In einem Vormittage schon hatte ich bei den Ärmsten zwölf Bibeln verkauft und mit Vortheil ; ich brachte das Geld , bekam meine Kleider und konnte am Nachmittag noch neue zwölf absetzen . Ich machte aber kein Geschäft daraus . Nur immer wenn ich ganz darbte , wenn nichts mir übrig blieb , als betteln zu müssen , dann half ich mir mit den zwölf Bibeln . O , mein Kind , ich frömmle nicht ; ich bin nur ein Mensch , der da fühlt , daß er die Welt nicht hat erschaffen können . Wer Das sich sagt , Dem hilft die große Hand , die mit dem Erdball wie mit einem Kreisel spielt ! Mädchen , halte sie fest , diese ersten Schauer innerer Einkehr ! Wenn sich ein edles Herz fände , das dich erlöste ... Auguste schien zwar erschüttert , zuckte aber doch schon wieder spöttisch mit den Lippen . Mädchen , rief Murray erregt . Trotze nicht ewig so gegen dich selbst ! Auguste wollte nun aufstehen . Nein , Auguste , du bleibst ! Hörst meinen Worten ! Verflüchtigst die bessere Regung nicht ! Gib diesem Hämmern in dir , diesem Klopfen deines Gewissens Gehör ! Auguste versuchte aber zu trällern und wollte nun fort . Nieder ! rief jetzt Murray und warf die Binde auf die Stirn . Herr Gott , was willst du , Papa , antwortete das zitternde Mädchen , das gleichsam nur sich selbst entfliehen wollte . Auguste erschrak vor Murray , fürchtete sich nun fast vor ihm . Er hatte ihre beiden Hände ergriffen . Er drückte sie mit Gewalt auf den Stuhl . Sie , von Furcht gepackt , fast zitternd vor Angst , fast auch über sich selbst , drängte von ihm loszukommen . Er bat , er flehte , sie sollte jetzt eingestehen , daß sie elend , eine Verworfene , eine Sünderin wäre . Sie stieß ihn zurück . Da warf er die Binde ganz von seinen Augen . Flammend und groß brannten zwei mächtige Augenkerzen auf sie nieder . Sie hätte schreien mögen . Laß mich ! flehte sie und wollte fort . Den Hut hatte sie schon in der Hand ... Murray aber schleuderte den Hut und den schwarzen Flor , den er vorm Auge trug , von sich und rief : Nieder , Auguste ! Nieder ! wiederholte Murray und schlug seine beiden Augen so voll und so hell auf , daß sie wie zwei Flammen in der Nacht leuchteten . Was hast du ? Was sollen meine Hände ? Was thust du ? Falte die Hände ! rief Murray fast wie ein Thierbändiger in einem Käfig einen Panther ergreifen und auf die Erde schmettern würde . Du zerbrichst sie ... Laß ! Laß ! stöhnte Auguste , aber doch schon gedemüthigt von der mächtigen geistigen Gewalt des Alten und auf die Erde sinkend . Falte die Hände ! Bete mir im Geiste nach , was ich laut sprechen werde ! Bete ! Bete ! Auguste ! Auguste ließ das Haupt sinken , hielt die Hände , die auf ihren Schooß wie ohnmächtig und leblos niederglitten , so zusammen , wie sie Murray ihr gefaltet hatte und hob die bebenden Lippen , indem ihre Augen starr und wie irr an den Augen Murray ' s hingen . Murray sprach : Nicht zu dir , Herr des Himmels , red ' ich ! Denn ich kenne dich nicht und meine Augen sind trübe . Zu mir selbst will ich sprechen ! Zu meinem eigenen , eigensten inneren Geiste ! In mich selbst will ich blicken , in mein innerstes Herz . Der Gott , der mich geschaffen hat , wird mir zur Seite stehen und mir deuten , was ich jetzt sehe , jetzt fühle . Ich fühle mich elend und ich sagt ' es mir nicht ! Ich fühle mich in tiefster jammervollster Trostlosigkeit und ich lachte Derer , die mir Erquickung boten . Wer bin ich , Allmächtiger ! Ein Haufen Erde , in dem die Würmer wühlen werden , wenn meine Stunde gekommen ist . Ich bin Staub , Asche ... Ein Todtenkopf sieht mich einst an , wenn ich in den Spiegel blicke , und die Lippen , die einst so frevelten , spöttelten , sagen mir jetzt schon : Das ist einst dein Bild ! Ach , gibt es eine Schönheit , die unvergänglicher wäre als die eines reinen Herzens ? Das fühl ' ich doch , wie ein Kind so lieblich und gehorsam in seiner spielenden Welt lebt , die Freude der Menschen ist , auch Derer , denen es nicht gehört und die es nur sehen , nur wie fremd beobachten ! Wie schmückt Jeden unter uns die Zier einer friedfertigen kindlichen Gesinnung ! Wie schön steht uns zu dulden und nicht zu murren wider das Geschick ! Der Himmel hat mir nie lächeln wollen . Ich weine d ' rob ! Ich armes Kind , das ich unter Unglücklichen und Bösen aufwuchs , die Ältern nicht kannte und mit ihnen nichts vom Jugendglück . Aber prüfe dich recht , mein Herz ! Nahmst du nicht jedes deiner Misgeschicke für eine Entschuldigung deiner Fehler ? Sagtest du dir nicht : Wie kann ich auf die Zufriedenheit mit mir selbst bedacht sein , hab ' ich doch keine Freude , als die flüchtige der Selbstvergessenheit ? Ach , es wird die Stunde kommen , Auguste , wo du an deinem Ohre die Worte hören wirst : Wie war sie schön und wie verblühte sie nun ! Du wirst hören , daß man Andre preist und Die , die du am meisten verachtetest , weil du ihre Seele kanntest , die werden sich vor dir brüsten und sich rühmen , daß an ihren Blättern der welkende Herbst erst um einige Tage später erscheint ! Ach , dann werd ' ich nach ewiger Schönheit suchen und sie nirgend finden , als in Bescheidenheit und treuer Liebe . Treue Liebe ! Du süßestes Kleinod des edlen Frauenherzens ! Treue Liebe ! Du Schmuck der Armen , Du , der einzige Stolz der Geliebten , wie das Kind , selbst ein schwaches und unschönes , doch der beste Schmuck seiner Mutter ist ! Treue Liebe ! Wer bringt mir deinen Hauch , daß ich ihn in meine Seele ziehe , wie einen Duft der Opfer , die dem Herrn angenehm sind , daß ich ihn wieder ausströme in ein Herz , das noch Hoffnung zu mir fassen kann ! Ach , daß der Gute , Edle , Vergebende sein sanftes Auge auf mir ruhen ließe ! Daß ich die letzten gesammelten Reste meiner bessern Natur , die ich doch aus mancher stillen Abendstunde kenne , dem schon früh Geliebten bieten dürfte wie die arme Witwe ihr Erspartes mit der Ärmeren theilt ! Weiche nun von mir jede Verstellung ! Ich will mein Auge niederschlagen auf der Straße , ich will Dem , der mich frägt , was mir fehle , sagen : Ich bin krank ! Ich will Schmach erleiden , will noch einmal , zum letzten male versuchen , ob eine gütige Hand mich aus diesem Dunkel führt . Und wär ' es nicht - wäre auf meiner Stirn das Zeichen vergangener Irrthümer zu tief eingebrannt , nimmt er mich nicht hinüber in die Luft , die läutert , an die Quelle , die reinigt ... auch dann , auch dann , Herr des Himmels , soll mich nicht die Verzweiflung fassen , sondern nur ... und nur die Reue . Ich will , mein Gott , in mich sehen , will den Trost der Menschen suchen , die mit mir beten und die ein gleiches Bedürfniß trieb , mit seinem eigensten Herzen zu sprechen und auf die ernsten Fragen der Seele mit Ernst zu antworten . Dies Beten hört ja nur Gott . Der spottet deiner nicht . Der weint mit dir , der freut sich mit dir ! Der ist dein Widerhall ! Und hörst du den Widerhall , der aus deinem Herzen tönt , dies stille Trösten und diese Ruhe gern , dann ist ' s Der Gott , der in dir wohnt . Dann ist er dir nahe ! Glaube ihm ! Vertraue ihm ! Hoffe auf ihn ! Von nun an in Ewigkeit und die Zeit deines vielleicht nur kurzen Lebens noch ! Amen ! Wie Murray dies Gebet geendet hatte , ergoß sich Auguste in einen Strom der bittersten Thränen . Sie , die seit lange nur noch vor Ungeduld geweint hatte , weinte vor Reue und dem Gedanken an ihre tiefste Hoffnungslosigkeit . Murray , der mit gefaltenen Händen vor ihr gestanden hatte , griff nun tröstend nach ihrer Hand und zog sie empor . Sie ließ willenlos Alles geschehen , was er mit ihr begann . Er ergriff die Binde wieder , reinigte sie vom Staub und legte sie ruhig über seine Stirn . Dann sagte er : Wann kommt Mangold ? Heute Abend , aber spät ! Er ißt immer erst irgendwo zu Nacht ... In diesem Gebete und der Übereinstimmung mit Murray ' s Worten hatte sich die ganze Sehnsucht offenbart , daß Mangold sie von ihrem jetzigen Stande erlösen und an seine reine Brust ziehen möchte . Du wohnst noch in der Königsstraße ? sagte Murray . Neben dem Café Richter ... So komm ' ich heute , wenn Mangold kommt ... Auguste stand ermuthigter und gestärkter von diesen Worten , dieser Aussicht auf Trost und Beistand und guten Einfluß auf jenen Edlen von dem Sessel , auf den sie nach dem Gebete gesunken war , auf , zog ihren Shawl über , trocknete ihre Thränen und suchte ihr feuchtes Taschentuch zu verbergen ... Sie wollte gehen , ohne ein weiteres Wort zu sagen . Murray rief sie aber in der Thür noch zurück . Auguste , sagte er , ich habe Vertrauen ! Glück bessert Thorheit , Glück bestärkt die guten Vorsätze ! Man muß nicht Alles vom Unglück erwarten . Das Unglück verhärtet , verbittert uns . Du bedarfst nun Glück ! Du mußt nun nicht darben ! Du hast Schulden ! Da ! Nimm ! Damit hatte er die Schublade aufgezogen und reichte Augusten nach kurzem Suchen ein Papier hin ... Es war eine Banknote von funfzig Thalern ... Auguste gab ihm aber das Papier zurück , schüttelte schweigend den nothdürftig geordneten Kopf und wollte fort . Ihre Augen waren nicht zu dämmen . Es flossen die einmal geöffneten Schleusen des Herzens über . Sie bedurfte der Luft ... sie mußte für sich weinen können . Nur weinen ... Nur fort ! Murray drängte ihr nun fast das Papier auf . Sie nahm es aber nicht , sondern ging . An der Treppe blieb sie stehen und wandte sich nur noch , um die tonlosen , erstickten und heiseren Worte zu sprechen : Unten der Mullrich ... der Wirthin ... schuld ' ich vier Thaler . Sie läßt mich vielleicht nicht durch ... wenn ich durch die Hausthür will ... Murray gab ihr diese vier Thaler ... Auguste nahm sie , wickelte sie in ihr Tuch und ging ohne aufzublicken , ohne ein weiteres Wort des Abschiedes , ohne eine Phrase , ohne einen Seufzer , still und tiefbewegt von dannen . Sie hatte keine Stimme , kein äußeres Leben mehr . Sie ging wie geisterhaft , wie ihrer selbst nicht bewußt ... Murray kannte diesen Zustand und nannte ihn für sich ... den des gebrochenen Rohres . Der Auftritt hatte auch ihn erschöpft . Auch er bedurfte frischer Luft zur Stärkung . Es war zu eng um ihn , zu dumpf . Er wollte aus ; es dürstete ihn . Er sah nach dem Kruge ... er trank ... das Wasser war matt ... Er gedachte des Anerbietens seiner freundlichen Wirthin . Er ging an die Verbindungsthür der Küche und klopfte ... Louise Eisold wurde hörbar . Dürft ' ich Sie bitten ... sagte er . Sogleich ! war die Antwort und Louise kam über die Galerie an seine offne Thür . Was wünschen Sie , Herr Murray ? fragte sie . Dürft ' ich Sie bitten ... Haben Sie in Ihrer Küche frisches Wasser ? Gewiß ! sagte sie und sah nach dem Kruge . Aber das Wasser war auch da matt geworden . Ein Gewitter liegt in der Luft , bemerkte sie . Ich hol ' Ihnen frisches ... Nein , nein , Mademoiselle ! Warum nicht ! sagte sie . Damit ergriff Louise Eisold den Krug und ging , so gefällig sie angezogen war , selbst hinunter , um im ersten Hofe Wasser zu holen . Murray lehnte sich und sah über die Galerie und beobachtete das Wetter . Er kehrte in sein Zimmer zurück . Er nahm einen alten Regenschirm , setzte den Hut auf , schloß die Thür und zog auf der Galerie alte hellgrüne , waschlederne große Handschuhe an . In Gedanken versunken ging ihm dies Alles langsam . Er hatte den linken Handschuh an und wollte eben den rechten anziehen , als Louise mit dem Kruge schon wieder da war . Sie nahm ein Glas aus ihrer Küche , schwenkte es und schenkte es aus dem Kruge voll . Wie Murray so dies freundliche Walten eines gewissensreinen , unbescholtenen Mädchens sah , wie sie ihm das Glas hinhielt , das reine und klare krystallhelle Wasser im reinen klaren krystallhellen Glase von reiner unbescholtener Hand , dargereicht mit klarem Auge und sittlichem Ernst , da sagte er , als er getrunken und sich gestärkt hatte : Glücklich , wer ein Gewissen hat , das sich nur manchmal so trübt wie ein eben am Brunnen gefülltes Glas , das von den tausend Tropfen krystallreinen Wassers beschlagen wird ! Damit gab er Louisen , deren traurige Trübe bei aller Reinheit diesem Bilde entsprach , das Glas . Sie stellte den Krug zur Erde und wollte ihm das Geleite bis an die Treppe geben ... Wie er nun hinunterstieg und fort war und sie in ihr Zimmer zurückkehrte , hörte Louise im Glase , das sie wegstellen wollte , einen sonderbaren Klang . Der prächtige Ring von Gold und Edelsteinen , den Murray am Finger gehabt hatte , lag auf dem Boden des Glases . Seltsam ! dachte sie in längeren Pausen . Hat er ihn vergessen ? Oder soll Das ein Geschenk sein ? Wer ist dieser Mann ? So arm ! So reich ! So niedrig ! So groß ! So schwach ! So stark ! So kindlich ! So weise ! So offen , so räthselhaft ! Wie gelähmt vor Schreck stand sie und betrachtete das funkelnde Geschmeide ... wünschte aber die Nacht herbei , um es dem wunderbaren Nachbar zurückzugeben . Funfzehntes Capitel Eine Hexenküche Der Vorfall zwischen den königlichen Herrschaften und dem Fürsten Egon von Hohenberg auf Schloß Solitüde hatte allgemeines Aufsehen erregt . Alle Welt sprach von der rührenden Scene , dem Choral und den Thränen der Königin ... Drommeldey hatte eine Anekdote gewonnen , die mit seinem Wagen die Runde bei all den vornehmen Herrschaften machte , die in chronischen Fällen homöopathische , in acuten allopathische Behandlung verlangten ... Die Trompetta war dem Vorfalle so nahe gewesen , daß sich diese Nähe bald im Munde der Wiedererzähler in wirkliche Anwesenheit verwandelte . Hatte sie doch Ursache , vom Hofe eine Entscheidung über ihr Gethsemane zu erwarten ! Warum sollte sie nicht dabei gewesen sein , als jene zarte Überraschung eines Sohnes mit den Andenken