nur wieder an , liebe Mutter , es ist ja unser Renatus ! Er kann ja nicht dafür , wenn er die arme Hildegard nicht liebt ! Wenn er nun im Kriege geblieben wäre , hätte Hildegard sich doch auch beruhigen müssen , und wir wären noch weit , ach , weit unglücklicher gewesen ! - Er lebt ja doch ! - Sie wendete sich von der Mutter zu dem Freunde und legte die Hände auf seine Schultern . Er hatte sich aufgerichtet und sah ihr in das Antlitz . Du bist sehr gut , Cäcilie ! sagte er , während er ihre Hände ergriff und küßte . Du auch ! entgegnete sie , indem sie ihn umarmte und ihm ihren Mund darbot . Liebe , liebe Cäcilie ! wiederholte er , und sie küßten einander herzlich . Wir können ja nicht in Unfrieden von einander gehen , rief sie ; es wird ja ohnehin schwer genug sein , wenn man sich künftig nicht mehr sieht ! Ihr geht nicht fort , die Mutter bleibt noch bei mir ! versicherte der junge Freiherr . Ich muß wohl ! erwiederte die Gräfin ; aber die Antwort hatte nicht mehr den fremden , gezwungenen Ton , mit welchem sie Renatus zuerst empfangen hatte , und da eine Bewegung , wie man sie eben durchgemacht , nicht lange dauern kann , so gewann man denn jetzt auch bald wieder so viel Ruhe , daß der Freiherr die Frage thun durfte , ob Hildegard lange im Stifte zu bleiben denke und ob man schon eine Nachricht von ihr habe . Die Gräfin verneinte das Letztere und gab ihm die begehrte Auskunft . Eine Frage , eine Antwort knüpfte sich an die andere . Da Renatus sich von der Verpflichtung befreit sah , sich mit Hildegard verheirathen zu müssen , beurtheilte er sie nachsichtiger als sonst , ja , er dachte mit sorgendem Mitleid an sie . Es that ihm leid , daß es ihm nicht möglich gewesen war , sie glücklich zu machen ; alle seine Aeußerungen waren mild , er klagte nur sich selber an , forderte Nachsicht für sich , und obschon die Gräfin entschlossen gewesen war , auch zwischen sich und dem jungen Freiherrn die Trennung aufrecht zu erhalten , die zwischen ihm und seiner Braut erfolgt war , wurde im Verlaufe des Gespräches ihr Ton doch völlig umgestimmt . Es geschah ihr unwillkürlich , daß sie Renatus , wie sie es seit seiner frühesten Kindheit gewohnt gewesen war , wieder mit Du ansprach . Sie verbesserte es sofort , aber Renatus beschwor sie , ihm diese Gunst nicht zu entziehen . Wenn über einem Hause , sagte er , lange ein Unwetter gedroht hat und der Blitz , den man gefürchtet , endlich zerstörend niedergefahren , ist es dann weise , daß man in der hereingebrochenen Verwirrung blindlings aus einander läuft ? Oder ist es nicht besser , daß man sich verbindet , um den Folgen des geschehenen Unglücks so weit nur immer möglich ihre Macht zu rauben ? Er erinnerte die Gräfin daran , daß sie ihm einst , lange ehe er sich mit Hildegard versprochen , einmal zugesagt hatte , er solle die Stütze ihres Alters , der Freund und Bruder ihrer Töchter sein . Er nahm dies auch jetzt noch als sein Recht in Anspruch . Er bestand darauf , daß die Gräfin Richten nicht jetzt gleich verlassen dürfe ; er versicherte , daß nicht er allein , sondern daß auch Vittoria darüber untröstlich sein würde , die mit Liebe an Cäcilien , mit Verehrung an der Gräfin hange und gegen welche Hildegard mit ihrem strengen Pflichtgefühl wirklich nicht immer gerecht gewesen sei . Er sprach und sagte nur , was er in der That empfand , und er erreichte damit , was die größte Berechnung vielleicht nicht errungen haben würde . Die Gräfin hörte ihn ohne jede Unterbrechung an , und mußte viele seiner Behauptungen gelten lassen . Sie hatte ohnehin ihrem gekränkten Mutterherzen und ihrem beleidigten Ehrgefühle den ersten vollen und bittern Ausdruck nicht gestatten dürfen , weil sie sich genöthigt fand , noch einige Zeit in dem Schlosse zu verweilen , wenn sie es nicht auf gut Glück als eine Fliehende verlassen und den böswilligen Vermuthungen einen noch größern Spielraum vergönnen wollte , die nach jedem ähnlichen Zerwürfnisse wie giftige Schwämme aus der Erde aufschießen , daß man Mühe hat , sie zu zertreten , um ihr Wuchern nicht überhand nehmen zu lassen . Wer aber , sei es durch was es wolle , unfrei ist , nimmt an seinem Rechtsgefühle Schaden , ist gezwungen , bald hier , bald dort ein Zugeständniß zu machen , und kommt dann allmählich dahin , sich seine Unfreiheit wegläugnen zu müssen , um als freie Entschließung gelten zu lassen , was man von der Nothwendigkeit zu thun getrieben wird . Sich frei erhalten , ist daher ohne alle Frage das erste und das höchste Gebot der Sittlichkeit . Die Gräfin gab den Bitten des Freiherrn nach , weil sie es mußte , aber es kam ihr hart an . Sie ging mit ihm und mit Cäcilien zu Vittoria hinunter , sie ließ es sich gefallen , daß man die Angelegenheit in dem Beisein derselben noch einmal durchsprach , sie überwand sich sogar zu einem Danke , als die Baronin ihr versicherte , wie glücklich sie sich fühlen würde , wenn die Gräfin und Cäcilie auch nach der Entfernung ihres Sohnes noch bei ihr verweilen wollten . Die Gräfin war eben eine mittellose Frau , und es war eine stillschweigende Entthronung vor sich gegangen . Sie war plötzlich wieder der Heimath beraubt , deren sie sich für ihren Lebensabend sicher geglaubt hatte , und die Sorge für ihre und ihrer Töchter Zukunft drückte sie jetzt weit schwerer , als in jenen Tagen , in welchen sie mit ihnen , ohne bessere Aussichten als die gegenwärtigen zu haben , in der Residenz gelebt hatte . Sie war eine Matrone geworden , Hildegard war nicht mehr jung , beide Töchter hatten sich an eine Menge von Bedürfnissen gewöhnt , die zu befriedigen sie künftig keine Aussicht hatten , und beide waren also auf den Glücksfall einer annehmbaren Heirath angewiesen . Für Hildegard war auf eine solche vernünftiger Weise jetzt nicht mehr zu rechnen , und wo würde sich für Cäcilie eine solche bieten ? Man saß schweigsam und verstimmt beisammen . Es hatte fast den ganzen Tag geregnet , nun am Abende ließ der Regen nach , aber das Erdreich war naß und dampfte im Sonnenuntergange ; von den Bäumen tropfte es langsam hernieder . Die Luft in dem Zimmer war drückend schwül , Vittoria hatte sich an das Klavier begeben . Sie sang mit Selbstgenuß italienische Stanzen , zu welchen sie die Melodieen während des Singens erfand . Weder die Gräfin noch die beiden Andern hörten ihr zu . Die Gräfin dachte immer auf das Neue darüber nach , in welcher Weise sie das Geschehene ihren Freunden darstellen , wie sie vor ihnen ihr gegenwärtiges Verweilen in dem Schlosse rechtfertigen solle . Dazwischen beschäftigte sie der Wunsch , für ihre älteste Tochter in einer der fürstlichen Hofhaltungen eine Aufnahme , eine Anstellung zu finden , und so dem nicht mehr jungen Mädchen einen Lebensunterhalt und eine angemessene gesellschaftliche Stellung zu verschaffen , was durch die Gnade , welche die Prinzessin für sie hegte , nicht unmöglich schien , sobald sich nur eine freie Stelle in ihrem Hofhalte fand . Renatus und Cäcilie standen an dem Fenster und sahen in den Garten hinaus . Er fragte , ob man während seiner Abwesenheit Besuche im Schlosse gehabt habe , ob sie mit Valerio ausgeritten sei . Die Fragen lagen ihm aber offenbar nicht sehr am Herzen . Cäcilie , die ihre Schnellkraft bei der Begegnung zwischen ihrer Mutter und dem jungen Freiherrn erschöpft hatte , gab kurze Antworten , und das Gespräch war allmählich ganz in ' s Stocken gerathen , als mit Einem Male die untergehende Sonne plötzlich aus den Wolken hervorbrach , mit ihrem glühenden Roth die ganze Gegend überstrahlend . Grade den Fenstern von Vittoria ' s Zimmer gegenüber stand in einer gewissen Entfernung ganz einsam die schönste Edeltanne des Gartens , ein Baum , der in der ganzen Gegend eben so wohl durch seine Höhe als durch seinen regelmäßigen Wuchs und das pyramidenartige Aufsteigen seiner Aeste berühmt war . Wie nun die Sonne sich tief und tiefer neigte , daß sie hinter der Tanne zu stehen kam , brachen sich ihre Strahlen in den Tropfen , die an jeder Nadel hingen , und schnell , wie durch einen Zauber angefacht , schimmerte und funkelte der Baum von seinem breitesten Aste bis hinauf zu seinem Wipfel in dem vielfarbigen Glanze von Myriaden Lichtern . Es war ein wundervoller Anblick , eines jener Zauberfeste , in welchen die Natur vor den Augen der Menschen ein Traumbild verwirklicht , das sie in derselben Weise nicht leicht wiederholt und auch nicht zu wiederholen braucht , weil Niemand , der es gesehen hat , es je vergißt . Entzückt von dieser Herrlichkeit und gleichsam fürchtend , die Schönheit , wie das im Märchen und im Traume geschieht , mit dem Aussprechen eines Wortes zu zerstören , hatte Renatus schweigend die Hand seiner Gefährtin ergriffen , und selbst von dem Lichte des scheidenden Tages übergossen , rief Cäcilie : Ach , ein Weihnachtsbaum - und am Johannistage ! Das muß Glück bedeuten ! setzte sie hinzu . Indeß ihr fröhlicher Ausruf schien wirklich den Zauber aufzuheben , denn der Lichtglanz verminderte sich , die Farben wurden blasser , die einzelnen Flammen erloschen ; schnell , wie die Herrlichkeit aus dem Nebel aufgetaucht war , entschwand sie auch wieder , und eine graue matte Dämmerung hüllte die ganze Gegend ein , noch ehe Cäcilie ihre Erwartung , daß dies sicherlich ein Glück verkünde , zum zweiten Male völlig ausgesprochen hatte . Glück ? wiederholte ihr Gefährte , und schwermüthig geworden , fügte er hinzu : Wir könnten es brauchen ! So standen sie noch eine kleine Weile neben einander , aber länger hielt es Renatus in dem Zimmer nicht mehr aus . Komm in ' s Freie , sagte er ; es liegt mir wie ein Reifen um das Haupt , wie ein Reifen um das Herz ! Komm hinaus - ich denke , draußen muß mir besser werden ! Er trat in den Garten hinaus , Cäcilie folgte ihm . Sie gingen neben einander in den breiten Wegen zwischen den Beeten hin . Indeß , obschon sie die Alleen und die buschigen Gänge mieden , kam keine Erfrischung über sie . Die Luft war voller Elektricität , sie lastete schwer auf ihnen , selbst sprechen konnte Renatus nicht . Er wußte nicht , was ihm war , er war aufgeregt und abgespannt zu gleicher Zeit . Nun er mit Cäcilie im Garten war , meinte er , es sei vorher im Zimmer besser gewesen ; aber auch das mochte er ihr nicht sagen , und dazwischen fiel es ihm ein , daß es schon dunkle und daß er mit ihr allein sei . Er war freilich oft genug mit ihr Abends einsam umhergegangen , ohne daran besonders zu denken ; indeß damals war sie auch seine Schwägerin gewesen . Jetzt war sie das nicht mehr . Es that ihm leid , daß er dieses Anrecht an sie verloren hatte . Er stellte sich vor , wie es sein werde , wenn die Gräfin und Cäcilie von Richten fortgegangen sein würden , wie sie in der Stadt leben und Cäcilie sich hoffentlich dort vortheilhaft verheirathen werde , denn sie war liebenswürdig und gut und hübsch , sehr hübsch . Sie ging auf dem schmaler gewordenen Pfade , ihre Kleider mit beiden Händen in die Höhe hebend , um sie vor der Nässe des Weges zu bewahren , schweigend vor ihm her . Obschon es dunkelte , konnte er doch noch sehen , wie fein der Hals auf ihren Schultern saß , wie kräftig ihr Oberleib sich aus den vollen Hüften hervorhob , und wie schön ihr Fuß und ihr Knöchel gebaut waren . Sie war recht ein Mädchen , wie ein Mann sich es zum Weibe wünschen mußte : froh , gut und gesund . Hätte ich sie statt Hildegard ' s mir erwählt , wie Manches wäre nicht geschehen , wie Vieles wäre anders , wäre besser geworden ! dachte er , und er wußte es nicht , daß sich ein lautes Ach ! seiner Brust entrang . Cäcilie aber hörte es , und sich umwendend , fragte sie ihn : Was fehlt Dir , Renatus ? Ach , rief er noch einmal , ich sollte es nicht sagen , denn es ist unmännlich , es auszusprechen , aber ich bin schon lange mit mir selbst zerfallen , ich bin recht unglücklich ! Du ? Du bist unglücklich - aber weßhalb denn jetzt noch ? erkundigte Cäcilie sich , während sie sich zu ihm gesellte und ihren Arm unaufgefordert in den seinigen legte . Er antwortete ihr nicht , und so gingen sie mehrmals um den großen Rasenplatz herum . Er fühlte mit Vergnügen ihren schönen entblößten Arm auf dem seinen ruhen , er bog sich zu ihr , um ihre Schulter zu berühren , und wenn sie den Kopf zu ihm emporhob und er sich neigte , so daß seine Lippen nicht fern über ihrer Stirn schwebten , mußte er sich zurückhalten , daß er sie nicht küßte . Er hatte bisher diese Empfindung überströmender Zärtlichkeit niemals neben ihr gehegt , er hatte sie oft genug geküßt , ohne dabei etwas zu denken , ohne dabei besonders warm zu werden . Heute , wo er ein wahrhaftes Verlangen danach trug , sie zu umarmen , wagte er es nicht , und seine Unruhe wurde immer größer . Er schlug den Rückweg nach der Terrasse ein . Cäcilie schüttelte mißbilligend ihr Haupt . Hildegard hatte doch Recht , sagte sie mit Einem Male ; Ihr Männer wißt nicht , was ihr wollt , und zwar weder im Kleinen , noch im Großen . Erst konntest Du ' s im Zimmer nicht ertragen und wir mußten in den nassen Garten hinaus ; nun , da es hier draußen aussieht , als wollte es frischer werden , als könnte der Wind aufstehen und man könnte Luft schöpfen , nun soll man hinein ! - Sie zuckte mit den Schultern , schien weiter sprechen zu wollen , unterdrückte ihr Wort und sagte dann nach einem längeren Schwanken dennoch : Und hast Du es denn mit Dir selbst nicht eben so gemacht ? Erst bestandest Du darauf , Dich mit Hildegard zu verloben , die für Dich viel zu alt war und , so gut sie sonst auch ist , nie für Dich gepaßt hat ; dann , als sie Deine Braut war , liebtest Du eine Andere , wolltest frei werden - das merkte auch ich Dir an , sobald Du den Fuß nur aus dem Wagen gesetzt hattest - und nun Du frei bist und Dir die Gräfin Eleonore holen kannst , nun bist Du auch nicht glücklich ! Was willst Du denn eigentlich ? Wie kommst Du auf Eleonore ? rief Renatus auffahrend . Was weißt Du von ihr ? Alles ! entgegnete Cäcilie von seinem Tone ganz betroffen . Hildegard hat ja der Mutter Alles anvertraut , und sie am letzten Tage noch darum gebeten , daß sie jetzt es mir auch sagen sollte . Daran erkenne ich Hildegard ! stieß Renatus hervor . Sie waren während dessen ganz in die Nähe des Schlosses gekommen , ohne weiter mit einander ein Wort zu wechseln . Als sie auf dem Punkte standen , einzutreten , sagte Cäcilie : Siehst Du , Renatus , Unglück habe ich , nicht Du ! Ich wollte Dir eine Liebe thun , Dich erheitern , Dir sagen , daß ich mich freuen würde , Dich endlich einmal recht froh , recht glücklich und auch recht reich zu sehen , und statt dessen erzürne ich Dich gegen mich . Ich mag ' s im Leben machen , wie ich will , ich treffe nicht das Rechte . Nicht bei der Mutter , nicht bei Dir ! Ich habe eben kein Glück und kein Geschick ! Es kam ihm vor , als bebe ihre Stimme ; er machte sich einen Vorwurf daraus , daß er ungerecht , daß er hart gegen sie verfahren sei , und sich zu entschuldigen und sie aufzuklären , sprach er : Ich habe Eleonore Haughton nie geliebt , Cäcilie ! Sie hat mich beschäftigt eine kurze Zeit hindurch , sie hat mich verwirrt durch wenig Stunden ; aber sie hat mich nie geliebt und ich habe sie nie geliebt - niemals , Cäcilie , betheuerte er , und Hildegard hat das sehr wohl gewußt ! Aber weßhalb hat sie mir ' s denn sagen lassen ? rief Cäcilie . Weißt Du ' s nicht ? fragte er und schlang den Arm um ihren Leib . Sie antwortete ihm nicht ; er fühlte aber , wie das Herz ihr unter seiner Hand erbebte . Sie konnte nicht vorwärts , nicht zurück . Sie wollte ihn verlassen , aber obschon es ihr ein Leichtes gewesen wäre , sich von ihm los zu machen , kam sie nicht von der Stelle . Weißt Du ' s nicht ? fragte er noch einmal ; und sie fester umschlingend und sie an sich ziehend , sprach er , nur für ihr Ohr vernehmbar : Wie solltest Du , da ich ' s ja selbst erst jetzt erkenne ! Ach , rief Cäcilie , ich war ja so unglücklich , als Du in ' s Feld gegangen bist ! Damals , damals schon hast Du mich geliebt ? klang es mit unterdrücktem Jubel aus seiner Brust hervor . Immer , immer ! das war alles was Cäcilie unter seinen glühenden Küssen hervorzubringen vermochte . Er hatte sich in der Nische unter dem Portale , die der Regen am Tage nicht hatte erreichen können und die tief im Schatten lag , niedergelassen und Cäcilie auf sein Knie gezogen ; sie umfaßte ihn mit beiden Armen . Der letzte Sang der Nachtigall , der voll emporströmende Duft der Rosen und Levkojen berauschten ihn , und sie immer und immer wieder an sich pressend , rief er : Komme jetzt , was mag , wenn Du mir nur bleibst ! Er mußte sich endlich mit Gewalt ermannen , um Herr über sich zu bleiben , und mit einer nie gekannten Seligkeit im Herzen umschlang er Cäcilie noch einmal , ehe er mit ihr in das Zimmer trat , in welchem Vittoria und die Gräfin beim Scheine der Lampe ihrer warteten . Neuntes Capitel Nun , Signora , habe ich richtig prophezeit ? fragte am nächsten Morgen die treue Gaetana , als sie mit breitem Kamme das noch immer üppige Haar der Baronin Vittoria schlichtete und ihr dann die reichen Flechten um das schöne Haupt wand . Habe ich richtig prophezeit , daß Alles sich zum Guten wenden werde , sobald wir nur die Gräfin mit dem bösen Auge nicht mehr im Schlosse haben ? Ist nicht Alles wie umgewandelt ? Ist unser Herr Baron nicht freudestrahlend ? Jubelt unser Valerio nicht ? Ist die theure Signora Cäcilie nicht glückselig , und wird nicht die Frau Gräfin selber es bald erkennen , daß erst jetzt die Dinge sich fügen , wie sie sein mußten ? Nur Geduld , nur ein Bißchen Geduld ist nöthig ! habe ich immer gesagt . Jetzt sehen Sie es selbst , meine theure Signorina ! - Geduld ist nöthig , das ist Alles ! In der That schien es , als sei im Schlosse ein neues Leben aufgegangen . Renatus empfand wirklich zum ersten Male jene volle Liebesleidenschaft , welche den ganzen Menschen in Bewegung bringt , und da ein helles Licht seine Strahlen überall , soweit ihm keine Schranke entgegensteht , verbreitet , meinte er , von seiner Leidenschaft aufgeklärt , auch die Vergangenheit jetzt besser zu verstehen . Er erinnerte sich ganz deutlich , wie ihm die Heftigkeit und die Inbrunst aufgefallen waren , mit denen die vierzehnjährige Cäcilie ihn umarmt hatte , als er sich vor dem russischen Feldzuge von ihr getrennt . Er bewunderte die Kraft des jungen Kindes , die Festigkeit , mit welcher Cäcilie durch alle die Jahre ihrer ganzen Umgebung ihre Liebe verschwiegen hatte , und er schätzte sie nur um so höher , wenn sie ihm versicherte , sie habe es sich nie eingestanden , daß sie ihn liebe , weil das eine Sünde gewesen sein würde , so lange er der Verlobte einer Anderen war . Nur beneidet habe ich Hildegard , sagte sie offenherzig , denn ihr fiel , weil sie die Aeltere war , Alles von selber zu : erst der Mutter ganz besondere Liebe und dann auch noch die Deine . Was Hildegard nur sagen , wie sie sich verwundern wird ? wiederholte Cäcilie danach immer auf das Neue . Ihr Glück erschien ihr offenbar durch den Vergleich mit dem Loose ihrer Schwester nur noch größer , und der Gedanke , daß es Hildegard ' s Schmerz noch steigern könne , sich durch die eigene Schwester so schnell in dem Herzen des Geliebten ersetzt zu finden , kam in diesen Stunden der Freude bei Cäcilien nicht in Betracht . Sie hatte an Hildegardens Glück stets mit Entsagung gedacht , mochte diese jetzt das Gleiche zu thun versuchen ; denn vergessen und vergeben konnte Cäcilie es der Schwester nicht , daß dieselbe ihre wohlgemeinten Trostbezeigungen mit Bitterkeit von sich gestoßen hatte . Renatus verdiente seinen Namen , wie er einmal äußerte , jetzt in voller Wahrheit . Er schien sich wirklich neu geboren und ein Anderer geworden zu sein . Alles Unentschiedene , alles Schwankende war mit Einem Male von ihm genommen . Wie im Triumphe hatte er am verwichenen Abende Cäcilie zu der Gräfin geführt , und ihr wie der nicht minder überraschten Vittoria seine Liebe für Cäcilie und seine Absicht , sofort seine Verlobung mit ihr bekannt zu machen , offenbart . Die Gräfin hatte Bedenkzeit , hatte Ruhe zur Ueberlegung gefordert ; aber alles was sie erlangen können , war das Zugeständniß gewesen , daß Renatus sich anheischig gemacht , in den ersten achtundvierzig Stunden keinem seiner Verwandten oder Freunde zu schreiben , oder vielmehr nur , keinen seiner Briefe nach der Stadt zu schicken ; denn daß die Gräfin wirklich einen Einspruch thun könne , daß sie daran denken könne , ihm die Hand des begehrten Mädchens zu verweigern , während er bereits die Tage bis zu der Stunde zählte , in welcher er die Geliebte besitzen würde , hielt er für unmöglich . Er war von einer brennenden Ungeduld verzehrt , als die Gräfin ihm am Morgen den gewohnten Spaziergang mit Cäcilie verweigerte , als sie es ihm rundweg abschlug , ihn mit der Tochter allein verkehren zu lassen , ehe sie ihren Entschluß gefaßt habe . Sie hielt es ihm vor , wie sie Alle ja eben jetzt noch unter den Folgen seiner zu schnell und in der Erregung eines Augenblickes geschlossenen Verlobung zu leiden hätten , und wie es also für ihn doppelt geboten sei , sich sorgsam zu prüfen , ehe er sich zum zweiten Male binde . Auch sie erinnerte ihn an den Eindruck , welchen die Gräfin Haughton auf ihn gemacht habe , an die Gerüchte , welche sich über sein Abenteuer mit ihr bis nach Berlin verbreitet hatten , und sie bekannte ihm unumwunden , daß sowohl die natürliche Rücksicht auf das Empfinden ihrer ältesten Tochter als die Sorge um Cäciliens Zukunft sie anstehen lasse , eine Entscheidung zu treffen . Sie nannte ihn jedem neuen Eindrucke zugänglich , sie zweifelte , ob er treu zu sein vermöge , und sie machte es ihm endlich zu einem Vorwurfe , daß er mit seiner Erklärung gegen Cäcilie , mit seiner Werbung nicht gewartet habe , bis die Gräfin das Schloß verlassen hatte , und nicht mehr durch seine Gastfreundschaft in ihren Maßnahmen gehindert war . Trotz der würdigen und festen Haltung , mit welcher sie ihm entgegentrat , war sie aber innerlich in einen Kampf mit sich verwickelt , der ihr schwerer fiel , als sie verrieth . Ihr Zutrauen zu Renatus hatte wirklich einen Stoß erlitten , sie mißtraute seinem Herzen , sie klagte ihn der härtesten Selbstsucht , der Schwäche an , und wäre sie reich , wäre sie auch nur wohlhabend gewesen , so hätte sie nicht angestanden , dem jungen Freiherrn die Hand ihrer zweiten Tochter , nach der Beleidigung , welche er der ältesten Tochter zugefügt hatte , unbedenklich zu verweigern . Sie sah voraus , in welcher Weise man es beurtheilen werde und müsse , wenn sie in eine Ehe zwischen Renatus und Cäcilie willige ; sie fürchtete sich vor dem Zwiespalt , in welchen diese Ehe sie mit ihrer ältesten Tochter und diese mit Cäcilie und Renatus bringen müsse . Sie sagte sich , daß die geringste Bürgersfrau sicherlich einer solchen unerwarteten und wenig zarten Bewerbung ihre Zustimmung versagen würde ; aber sie war eben keines schlichten Bürgers Frau , sie war die Gräfin Rhoden , sie hatte sich und zwei Töchter zu versorgen , und sie war noch mittelloser , als sie es vor dem Kriege gewesen war . Eine Bürgersfrau konnte daran denken , mit ihren Töchtern gemeinsam sich des Lebens Nothdurft zu erwerben . Eine Bürgersfrau brauchte vielleicht in solcher Lage und in solchem Augenblicke auf nichts als auf ihr beleidigtes Mutterherz und auf die Empfindung ihrer Töchter Rücksicht zu nehmen , denn Bürgermädchen , wenn sie kein Vermögen besitzen , werden von Jugend an darauf hingewiesen , sich selbst zu helfen , sie können arbeiten , um ihrem Ehrgefühle zu entsprechen , arbeiten , um ihren Kummer zu übertäuben , arbeiten , um sich eine getäuschte Liebeshoffnung aus dem Sinne zu schlagen - aber Hildegard und Cäcilie , die Gräfinnen Rhoden , konnten das doch nicht . Sie hatten eine gute , standesmäßige Erziehung erhalten , d.h. sie besaßen , wie die wohlhabenden Frauen überhaupt , von einer Menge von Dingen , von Kunst , von Literatur und Wissenschaft genau so viel Kenntnisse , als unerläßlich waren , über die ernsthaften Leistungen Anderer falsch und oberflächlich aburtheilen zu können ; aber sie hatten nichts so gründlich erlernt , daß es sie irgendwie befähigte , darauf eine Zukunft zu bauen , und sie hatten vor allen Dingen nicht arbeiten , das Leben nicht als eine ernste , fortdauernde Arbeitszeit betrachten lernen . Die Leistungen , welche Hildegard während des Krieges über sich genommen hatte , waren von der Begeisterung des Augenblickes erzeugt und getragen worden . Sie hatte dieselben mit vielen Andern getheilt , sie waren eine anerkannte , eine bewunderte und bis zu einem gewissen Grade auch eine absehbare Thätigkeit für Andere gewesen . Mit der Arbeit um die eigene Existenz , um das tägliche Brod war es nicht dasselbe . Das Ende einer solchen ist schwer vorauszusehen , Niemand bewundert , kaum irgend Jemand theilt oder versteht sie in den gesellschaftlichen Kreisen , denen die Gräfinnen angehörten . Wenn sich in ihnen auch Männer fanden , welche ihr Einkommen durch die Dienste erwarben , die sie dem Fürsten oder dem Staate leisteten , so trat doch das Arbeitenmüssen der Ehre der Frauen , nach den Begriffen ihrer Standesgenossen , offenbar zu nahe ; und dienen konnten Frauen ihres Ranges nach denselben Anschauungen eben nur den Fürsten , welche über ihnen standen . Es war nicht anders , die Gräfin mochte es ansehen , wie sie wollte , sie mußte ihr beleidigtes Herz , sie mußte ihr Ehrgefühl überwinden , weil der Ehrbegriff ihrer Umgangsgenossen die Arbeit für entehrend erachtete , und Hildegard mußte sich darein ergeben , ihren früheren Verlobten den Gatten ihrer Schwester werden zu sehen . Die Mutter durfte es nicht hindern , daß Cäcilie sich mit einem Manne verheirathete , zu dessen Charakter ihr das rechte Vertrauen fehlte . Ihre Armuth zwang sie , um der Standesehre willen zu thun und geschehen zu lassen , was allen ihren Gefühlen , was ihrer Ueberzeugung widersprach . Es kam ihr deßhalb sehr gelegen , als Vittoria sich zur Vermittlerin zwischen den Wünschen ihres Stiefsohnes und den Bedenken von Cäciliens Mutter machte . Obschon es ihr weh that , hörte die Gräfin es gern an , wenn die Baronin ihr aus einander setzte , wie übel die Gräfin jetzt daran sei . Im Tone der Anklage gegen Renatus stellte Vittoria es ihr vor , daß Hildegard durch den langen , nicht öffentlich erklärten Brautstand mit Renatus vorzeitig gealtert habe , daß die Mutter und die Töchter durch ihr langes Verweilen in dem Hause eines unverheiratheten Mannes , wenn dieses nicht seine Heirath mit einer der Töchter zur Entschuldigung habe , in einem bedenklichen Lichte erscheinen müßten . Sie erinnerte daran , daß man , falls sich selbst am Hofe der Prinzessin eine freie Hofdamen-Stelle finden sollte , diese doch meist nur mit jungen und hübschen , vor Allem aber mit recht gesunden Mädchen zu besetzen pflege , damit die Herrinnen ohne jede Rücksicht über ihre dienenden Damen verfügen könnten ; und schließlich gab sie der Mutter zu bedenken , wie das Zerwürfniß zwischen ihren Töchtern ja bereits ein altes , wie es eben jetzt nur völlig zum Aussprechen gekommen sei , und daß es doch in jedem Falle weiser und rathsamer erscheine , die geliebte Cäcilie auf Kosten der älteren Schwester glücklich werden zu lassen , als beide mit gebrochenem Herzen und ohne Liebe für einander in bedrängter Lebenslage dauernd neben sich zu behalten . Einen Menschen von der Nothwendigkeit dessen zu überzeugen , was zu thun er innerlich entschlossen ist , hält nicht schwer , und Cäciliens unter Thränen lächelnde Augen , vereint mit den Vorstellungen der