sagt er ... Wer ist hier dieser Herr von Terschka , von dem ich soviel reden höre ? Der Bevollmächtigte des Grafen Hugo von Salem-Camphausen , des Erben der Güter der im Mannsstamm ausgestorbenen Dorstes ... Ein geschäftskundiger , kluger Mann hör ' ich ... Ein vielseitiger , gewandter wenigstens ... Es rühmte ihn uns ein Jude , ein Gütermäkler ... Ich höre , Benno macht den letzten Versuch , die Rechte des Grafen Hugo anzuzweifeln ... Nur möglich das , wenn eine Urkunde entdeckt würde , die dem Dorste ' schen Familienstatut Kraft erst geben soll , wenn die Erben unsere Religion bekennen ... Sie fehlt und wahrscheinlich nur deshalb , weil sie niemals ausgestellt wurde ... Es sind viele Urkunden in jener Zeit verschleppt worden , als nach Uebergang dieser Lande in westfälische und dann in unsere Herrschaft , die geistlichen Stifter und so viele Klöster eingingen ! War zufällig ein Pergament besonders schön geschrieben , so schickte es dein Vater in das Museum der Hauptstadt , in die Bibliothek des Königs ... Dort fand ich schon manchen herrlichen Schatz wieder , den dein Vater uns vor Jahren gezeigt hatte , wenn er aus Witoborn oder sonst einer geistlichen Gegend heimkehrte ... Bonaventura ' s Gedanken mußten jetzt wol auf Bickert gerichtet sein ... Zwei drückende Vorstellungen : Die gefälschte , bei einem Brand vielleicht hier , auf diesem Schlosse einzuschleppende Urkunde und Lucindens Eroberung aus dem Sarge in Sanct-Wolfgang ! Beichtgeständnisse , die er nicht verrathen durfte ... Sie machten ihn zum Mitleidenden - zum Mitschuldigen ... Die Mutter sah seine Abwesenheit ... Sie bemerkte mit gedämpfter Stimme : Besonders ist Wittekind in eine Sache verwickelt , die nur innerhalb der geistlichen Sphäre bleiben soll ! Ich kenne sie selbst nicht vollständig . Sie hängt mit einer großen Verirrung des Kronsyndikus zusammen und reicht in ihren Folgen sogar bis nach Rom . Auch der Onkel Dechant zu Kocher am Fall soll dabei eine Schuld zu tragen haben . Oft hab ' ich schon gedacht : Hinge wol Benno ' s Herkunft damit zusammen ? Aber wie er als Kind schon nicht dem Onkel Max ähnelte , so noch weniger dem Onkel Franz - Wittekind schüttelt darüber vollends den Kopf ... Nun , ich werde ja auch Benno wiedersehen und mit ihm plaudern ! ... Wir müssen wol jetzt zur Gesellschaft , Bona ! Ich erbebe , die junge Gräfin zu sehen , die so seltsame Zustände hat ! Eie lag eben jetzt , wie ich höre , im Hochschlaf ? Ich zittere vor Beklemmung ! Was sah sie nur ? Ein Bild der Phantasie ! sprach Bonaventura mit stockendem Athem zu der schon ganz in das gewohnte Gleis ihres Lebens wieder zurückgekehrten Frau . In Gedanken verloren hatte er der letzten Rede seiner Mutter schon nur noch halbe Aufmerksamkeit geschenkt und nur zur Andeutung , daß Benno des Dechanten Sohn sein könnte , gelächelt ... Mutter , hätte er fast gesagt , wie wenig würde Der Anstand genommen haben , Benno die frischen Wangen zu klopfen , ihm seinen schwarzen Bart und sein lockiges Haar zu zupfen und zu sagen : Junge ! » Nichten « haben wir genug in der Dechanei gehabt , aber noch nie einen so echten » Neffen « , wie du bist ! Das ist eine falsche Fährte ! ... Nun aber gingen beide aus dem Zimmer und wandten sich nach vorn ... Die Mutter hing sich in den Arm ihres Sohnes . Man sah , daß sie äußerlich beide sich angehörten . Den Wuchs und die hohe Gestalt hatte Bonaventura von dieser klugen und vorsichtigen Frau ; das Herz vom Vater ... Sie sagte : Mein Heiliger ! zu ihm , lächelte und trat mit ihm in den Vorsaal . Die Vorstellungen und Begrüßungen währten eine Weile und dann zerstreute sich alles ... Bonaventura blieb zum Mittag ... Paula erschien wieder als wäre nichts gewesen ... Onkel Levinus und Tante Benigna wurden inzwischen von einer andern Gedankenreihe in Anspruch genommen und thaten geheimnißvoll . Frau von Sicking hatte ihnen geschrieben . Sie hatten viel geflüstert und gerade am meisten , wenn Armgart nicht im Zimmer war . Diese merkte dann bald , daß etwas auf sie Bezügliches im Werke war . Als sie den Namen der Stiftsdame Tüngel-Appelhülsen flüstern hörte , die sich der Bekanntschaft mit ihrer Mutter rühmte - sie war die zweite Partie , die Jérôme von Wittekind hatte machen sollen und war damals nur durch den Calfactor » Türck « und den Zorn ihrer Mutter über ein verdorbenes Kleid darum gekommen - sagte sie geradezu : Meine Mutter ist da ! Die Tante fuhr sie darüber heftig an . Sie schwieg . Jetzt bekam auch Terschka durch einen Expressen aus Witoborn einen Brief und empfahl sich so rasch , daß er nicht einmal bis zum Ende des Mahls blieb . Armgart saß darauf wie besinnungslos . Noch ehe die Tante sich zu ihrem » Nicker « eingerichtet hatte , war sie verschwunden . Lange nach ihr zu suchen war man nicht gewohnt . Fehlten ihr vielleicht noch zu ihren » Vielliebchen « Nähseide oder Perlen , so ging sie , wußte man , zu Fuß nach dem Stift und scheute die einsamste Wanderung von fast zwei Stunden nicht . Onkel und Tante fuhren nach dem Kaffee in der That mit eigenthümlichem Geheimthun zu Frau von Sicking und ließen Bonaventura mit Paula allein ... Allein - Paula und Bonaventura - Allein , allein - zwei Seelen , die sich lieben ! Allein , allein - ! Wenn auch der Liebe Ja , Wenn stumm der Liebe Frageblick geblieben - Allein , allein - doch ist der Himmel da ! Bei allen andern würde es nach Jahren geheißen haben : Weißt du noch , damals an jenem Nachmittag - im grünen Zimmer ? - Wir sprachen vom Wetter , besahen Kupferstiche - da rief ich plötzlich : Himmel , wie voll die Hyacinthen blühen ! ... Ich zählte ihre Glocken , weil ich Angst hatte , daß wir uns beim Besehen der Bilder zu nahe anstreiften ! Und ich glaube gar , ich stellte mich dennoch kurzsichtig , nur um mit der Stirn dein goldenes Haar zu berühren ! ... O , wie Feuerglut war es in meinem ganzen Sein - und du , du wußtest , jetzt ist der Stoff erschöpft , jetzt ist die Unbefangenheit beim Gespräch vorüber - beim Gespräch über was nicht alles , ich glaube über die alten Krater feuerspeiender Berge bei Kocher am Fall , über die byzantinische Baukunst , über die Philosophie Püttmeyer ' s ! Gleich hattest du etwas anderes ; auf die Musik die Bücher , auf die Bücher die Natur , auf die Natur die eben hereingebrachten Zeitungen ! ... Und du erschrakst nicht einmal , als vom Diener an die Thür geklopft wurde ... So tändelten wir den Tag hin bis zum Abend , bis zur süßesten Dämmerstunde , wo endlich mein Auge kein anderes Licht begehrte , als das in deinen Augen strahle , endlich ich auch das so tollkühn sagte , ganz so vom » Licht in deinen Augen « ... Da erbebtest du , brachst zusammen und trotz all deiner List und Fassung lagst du in meinen Armen ! ... Armer Priester ! ... Diese Stunde schenkte dir wirklich der Himmel ! Er gab sie in ganzer , seligster Fülle ! Er rief auch an diesem Nachmittage Paula nicht in die Sterne zurück , ließ sie nicht wachend träumen , nicht mit geschlossenen Augen sehen ... Sie blieb auf der Erde , in deiner Nähe , im lebendigsten , wärmsten Anhauch deines Athems - und du erstauntest sogar , daß Paula nicht entschlummerte , obgleich deine Hand an ihrem seidnen Kleide hinfuhr , oft auch - zufällig ? - wirklich sie selbst berührte ... Du durftest dir sagen : Dir , dir ist sie beschieden ! Du würdest sie durch die Liebe erlösen können von den magischen Banden , die sie gefesselt halten ! ... Gott wollte die Ehe und gerade die Deine mit ihr ! ... Alles , alles traf zu ... Auch bis zur Abenddämmerung , bis in die erste Stunde nächtlichen Dunkels hinein hattet ihr das volle selige Glück des Alleinseins ... Und dennoch , du armer Levit , was durftest du wagen ? Was zu gewinnen hoffen ? ... Gingst du am Flügel vorüber und lehntest die Epheuranken zurück , die den goldgerahmten Spiegel beschatteten , so sahst du deinen langen Priesterrock ! ... Sahst du in die geöffnete Kupferstichmappe und prüftest das Zeichen des alten Meisters , das unter dieser Radirung , unter jenem Holzschnitt versteckt und unleserlich stand , so mußte dir erinnerlich werden , daß Paula an deinem vorgebeugten Haupte bemerkte , wie die Schere dir die Mitte deines schönen Haares geraubt ! Dem Schicksal konntest du sprechen : Des reinen Herzens Natur ist es , nicht alles zu wollen und viel entbehren zu können ; aber auch zu grausam nimmst du , o Verhängniß , uns beim Wort und gewährst uns wirklich nichts ! ... Paula ' s Wesen mußte Bonaventura ohnehin zu entweihen glauben durch eine zu stürmische Werbung . So unterblieb alles ... Situation und Wille , Charakter und - die Liebe selbst schmiegte sich unter die Tyrannei des Gelübdes . Und doch allein , allein - zwei Seelen , die sich lieben ! .. Wie bestrickend schon , wenn sich Paula selbst beurtheilte über das , was die Welt an ihr so voll Andacht bewunderte ! Sie hätte eine Heuchlerin sein können und sie war es nicht . Sie hätte eine Despotin sein können und sie war es nicht . Sie war willenlos , eine durch sich selbst und andere Gefangene . Und so galt ihre Liebe Bonaventura auch nur , wie ein Priester sich lieben lassen darf - in Andacht , in geistiger Schwärmerei ... Sie hatte - wie diese Erziehung ist , die von Schiller und Goethe nichts weiß - nicht viel gelesen , nicht viel gesehen . Sie konnte über ihren Kreis hinaus an schwierigen geistigen Dingen nicht lange theilnehmen ; sie stand bescheiden zurück , allem Höheren im Zustand jungfräulicher Ueberraschung zugewandt . Aber diese Weise stand ihr hoheitsvoll . Zu ihren Füßen sproßten Lilien , ihr Haupt trug eine Himmelskrone , ihre Schultern bedeckte ein langer , himmelblauer Mantel mit goldenen Sternen . Sie wußte nur das alles nicht von sich selbst . Sie konnte lachen und weinen mit Armgart , sie konnte furchtsam sein wie Tante Benigna , sie konnte mit dem Onkel Levinus an die Möglichkeit , Gold zu machen , glauben . So lebte sie hin ... Nun aber mit Bonaventura ' s Nähe wuchs ihre Kraft . Sie fing an , sich über sich selbst Rede zu stehen . Seit seiner Ankunft trat sie in allem und jedem mit festerm Willen auf . Das zu wissen beglückt ein zagendes Herz ohnehin und gibt ihm Muth , sich über das Geheimste wahr zu sein ... O wie die Liebe so stark macht ! ... Paula fühlte es mächtig ... Sie hätte heute vielleicht zu ihrer Absicht , ins Kloster zu gehen , gedankenlos nein und sogar - ja ! sagen können . Sie konnte alles , konnte selbst ein Gelübde ablegen und vielleicht es - betrügen , wenn nur Bonaventura sie an sich gezogen und mit einem Kuß ihr den Muth - seines , seines Lebens gegeben hätte . In diesem stillen Zimmer , durch dessen Scheiben eben das Abendgold floß , unter diesen Epheuranken , deren grüne und welke Blätter den Priester an einen andern Abschied , den von Lucinden , erinnern mußten , über die Saiten eines geöffneten Flügels hin , dessen Resonanz von jedem durch die Zimmerwärme noch am Leben erhaltenen Insekt leise erbebte - standen sich zwei Menschen gegenüber , die die Natur zum gegenseitigen Besitz bestimmt hatte . Gregor VII. hielt den Arm dazwischen . Wo ist denn nun bei dieser eurer Satzung des Cölibats die Verklärung der Weiblichkeit , sie , die doch die Marienbilder in der aufgeschlagenen Kupferstichmappe verherrlichten , diese Bilder , die Bonaventura , Lucinden gegenüber , selbst einst so begeistert gedeutet hatte ! Verunreinigt wird der Priester vom Weibe ? Sein Opferdienst am Altar in den gestickten Kleidern vergangener Jahrhunderte macht ihn geschlechtslos ? » Die Eunuchen des himmlischen Hofstaates sind wir ! « sagte ihm oft schon der Onkel Dechant . » Trügen wir eine reine Liebe zu einem Weibe im Herzen , unsere Hand würde ja unrein , den Kelch zu berühren ! Unrein , um die Oblate zu segnen ! Die Nähe des Weibes zerstört die Kraft des Opfers ! Und wenn wir auch gestern beichteten , daß wir die thierische Natur mit aller Entfesselung der Leidenschaften in gemeiner Berührung austobten : diese Sünde ist uns heute vergeben . Nur keine reine , nur keine dauernde , offene Liebe zu einem Weibe im Herzen und so an den Altar getreten ! Gatte , Vater - wie kann eine solche Hand noch die Geheimnisse der Wandlung vollziehen ! Frauenwürde , so denkt - Rom über dich ! « ... Eines der Marienbilder nach dem andern vergegenwärtigte Bonaventura den Abschied von Lucinden ... Paula hatte schon öfters nach ihrer frühern Gesellschafterin gefragt , Bonaventura hatte einsilbige Antwort gegeben ... Benno , Thiebold und Terschka rühmten sie ... Jetzt glich ihr eine der von den Künstlern meist so willkürlich erdachten Madonnen und Paula sagte dies auch ... Bonaventura blieb die Antwort schuldig ... Paula fuhr fort : Denken Sie sich , wie ich damals nach Westerhof zurückkehrte und von Lucinden sprach , kannte sie ja hier jedermann ! Ja ich selbst hatte sie schon als Kind gesehen , wie sie auf Neuhof wohnte und eines Tages dort auf einem goldenen Kahne ruderte ! ... Als die Leute lachten , flüchtete sie in einen Taubenschlag ! ... Sie wußte , daß ich aus dieser Gegend war , und nie verrieth sie ihre Bekanntschaft mit dem Kronsyndikus oder mit dessen Sohn oder mit dem Landrath oder mit dem Mönche Sebastus , dem jungen Doctor Klingsohr , der um ihretwillen , sagt man , die Religion wechselte und ins Kloster ging ... Sie ist jetzt in Ihrer Stadt und - Sie sehen sie oft ? Ich lebe nur für dich , Paula ! ... In Bonaventura ' s Herzen riefen das tausend Stimmen ... Die Lippen sagten nur : Zuweilen seh ' ich sie ! Arglos fuhr Paula fort : Auch sie war damals erst katholisch geworden ! Alles das wußte niemand ! Aber hatt ' ich Furcht und Angst vor ihr ! Wissen Sie noch , als ich Italienisch mit ihr lernte , da konnte sie Latein - ! Du aber sprichst in Zungen der Engel ! riefen wieder die Stimmen ; Bonaventura nickte nur still bejahend ... In der Mappe sahen beide einen Holzschnitt der altdeutschen Schule , wo Jesus im Hause des Lazarus weilt und Maria Magdalena ihm die Füße wäscht ... Dies kleine Bild , voll Wahrheit und Lieblichkeit , ließ beide eine Weile verstummen ... Beim Umschlagen der Blätter ruhte ihre Hand dicht , dicht an der seinen ... Er fühlte die elektrischen Tropfen , von denen Paula im Schlafe behauptete , sie glitten ihr aus den Fingern und verlöschten auf dem Boden . Ihm verlöschten sie im Blut seines Herzens . Warum ergriff er nicht die sanfte , weiche Hand ? Warum stieg er nicht auch mit ihr in den goldenen Nachen des Ideals , auf dem sie würdiger ruderte , als Lucinde ! In ein » Taubenhaus « hatte diese sich geflüchtet ! Paula sagte : Wissen Sie wol , daß ich oft Sehnsucht habe , Lucinden wiederzusehen ? Ihr Geist war oft hart und grausam , aber stark . Sie konnte Muth einflößen , wie ein Mann . Auch unterbrach sie mein Leiden und ließ mich dann sein wie andere sind ... Aber mit den größten Schmerzen ! schaltete Bonaventura ein ... Ich litt dabei , das ist wahr ! sagte Paula . Die Aerzte meinten : Sie hob die Nervenströmung auf . Ich hatte tödliche Schmerzen in ihrer Nähe ! Alles that mir wehe - jedes Wort , jede Bewegung von ihr ! Aber ich sehne mich doch - ach ! - so heraus aus diesem - Doppelleben ! In das Eine , Eine Doppelleben der Liebe ! ... Die Stimmen wieder sprachen auch das ... Die Arme thaten sich auf , um Paula zu umfangen , sie an sich zu ziehen ... Und doch sprach Bonaventura nur schüchtern : Was bekümmert Sie jetzt daran ? Sonst schon war es Paula ' s Klage : Der Hochmuth ! Die Selbstüberschätzung ! Auch jetzt wiederholte sie diese » Furcht vor sich selbst « ... Bonaventura sprach : Stolz sein auf das , was uns die Vorstellung einer größern Vollkommenheit unserer selbst gibt , das ist keine Sünde . Jesus nannte sich - den Sohn Gottes ! Aber - auch Trübsale werden Sie haben ! Wissen Sie , daß Ihre heutige Vision Anstoß erregte ? Als ich mit meiner Mutter zur Gesellschaft zurückkehrte , war man befremdet , wie Sie mit Theilnahme bei einem Bilde verweilten , wo Sie einen Gottesdienst sahen , bei dem der Kelch - von Allen getrunken wurde ! ... Was sah ich denn ? fragte Paula träumerisch und erhob geisterhaft ihr Haupt ... Herr von Terschka behauptete , einen Eremiten , der in der Nähe des Schlosses Castellungo die Landbewohner zu einem Gottesdienst versammelt , der dort wahrscheinlich unter dem Schutz der Gutsherrin , der Gräfin Erdmuthe , wirklich gehalten wird ... Ich verweile oft bei jenem Schlosse ! sagte Paula ... Man hat mich schon gefragt , ob ich nicht in Salem , nicht in Castellungo eine Urkunde entdecken könnte , die so emsig von den Feinden der Salems-Camphausen gesucht wird ... Benno erzählte davon ; auch Terschka , obgleich dieser es nur mit leicht erklärlicher Zurückhaltung that ... Noch immer wird diese Urkunde gesucht ... Der Procurator Nück hat an Benno geschrieben , er möchte in Gegenwart Terschka ' s und des Onkel Levinus noch einmal die Archive von Witoborn und Westerhof durchsuchen lassen ... Beide sind auch bereit dazu ... Und so verläßt mich , seh ' ich , die Angst der Seele selbst in meiner Traumwelt nicht . Sie zeigt mir wider Willen die Gegenden , wo - mein Schicksal entschieden wird ... Ihr Schicksal ? Paula ! Welche Zukunft fürchten - Fürchten ? Hoffen Sie ? ... Diese Worte sprach Bonaventura wirklich . Sein Innerstes wogte im Brand der Liebe und - der Eifersucht ... Nichts , nichts mehr hielt er zurück von der Saat seiner Thränen , die ausgegangen war seit Jahren in den einsamen Stunden der Nacht und der Verzweiflung ... Seine Augen leuchteten ... Seine Arme hoben sich ... Ein Frühling des reinsten , göttlichsten Menschenthums schien um ihn her zu blühen und zu sprießen ... Er bebte ... schwankte ... Und auch Paula zitterte ... Eben noch waren ihre tiefblauen Augen aufgeschlagen und blickten gen Himmel , den Augen einer Seherin gleich ... Jetzt senkten sich die langen schwarzen Wimpern ... Aber ach ! nur Katharina von Siena war es , die Heilige , die vor Bonaventura stand ... Sein zages , nazarenisches Herz erinnerte sich schon wieder : Dieser Blick gilt dem Himmel , dem Kloster ! Er gilt deinem Stande ! ... Doch nur einen Augenblick beherrschte er sich so ... Bald fühlte er neubelebende Wonne ... eine Wonne seltsamster Glut , seltsamster Gedanken , seltsamster - Verirrungen sogar ! Franz von Sales , der Heilige , stand vor ihm , vor dem ja auch einst eine Frau von Chantal kniete ... Eine Gattin , eine Mutter verließ ihre weltlichen Lebensbeziehungen , um dem Heiland zu dienen , dessen - einziger Apostel ihr dieser Bischof von Genf erschien ! Und auch dieser nannte sie seine Philothea ! Wo ist die Grenze der göttlichen Andacht und der Anfang menschlicher Liebe in den Briefen , die sie sich geschrieben haben ? Ihr Gebet ging vielleicht wirklich empor zu Gott , doch sie beteten zusammen ! Sie stiftete ein Kloster , er hütete es ... Sie starb , Franz von Sales segnete den Sarg ... sein Inhalt verweste nicht ... nach hundert Jahren öffnete man ihn ... da war alles Asche ... nur das Herz war unversehrt geblieben ... Dies Herz ... Kann es geirrt haben in jenem Irrthum ? ... Gelogen in jener Lüge ? Paula , Paula - meine Sinne schwindeln - solltest du mir wirklich vielleicht gehören können gerade , gerade - durch den geistlichen Stand ? ... Das war ein furchtbarer , frevelnder , romgeborener Gedanke ... ein Gedanke der Sünde , der Lüge gegen Natur und Gelübde ... Aber dieser Gedanke - und sollten die Donner um ihn her rollen und Blitze zucken - durchzitterte ihn doch ... Seine Pulse flogen , seine Lippen bebten ... schon wagte er das bedenklichste aller Worte , das er in solcher Stimmung nur sprechen konnte : Paula - wenn sich - die Urkunde - fände - wenn Sie dann , wie man allgemein glaubt - sich entschließen müßten - wirklich Ihre Hand - einem Manne zu geben - der doch nur - aus Standesrücksichten - Paula hatte diese Worte eben abwehren wollen ... Sie wollte sie abwehren fast wie verkörperte Wesen , die schon eine Handbewegung zurückstoßen konnte ... Sie hielt , am geöffneten Flügel sich mit der Rechten haltend , die Linke dem Sprecher , dessen Athem schon ihren Mund berührte , bebend entgegen ... ein Moment noch und der Bund der Herzen war geschlossen ... ein Abgrund geöffnet , der Vorhang seines Allerheiligsten zerrissen , der » Bau der Kirche « zertrümmert ... Da trat eine Störung ein ... Draußen gingen lebhaft aufgerissene Thüren ... Jetzt erst erkannten beide , daß es um sie her völlig Nacht geworden war ... Armgart trat stürmisch herein ... Sie kam im Hut , mit Pelzüberwurf , von der frischen Luft wie ein rosiger Apfel geröthet ... Sie war zwei Stunden Weges nach Heiligenkreuz zu Fuß gegangen und schon wieder zurück ... Hinter ihr her kam Terschka ... gleichfalls in einem Pelzrock , den ein grünes Schnurwerk zierte ... Sporen klirrten an seinen Füßen ... er riß eine Jagdmütze ab ... Terschka hatte , das erfuhr man , Armgart auf Heiligenkreuz , wohin gerade auch ihn jener Brief aus Witoborn abgerufen hatte , angetroffen und sie wieder zurückbegleitet - zu Fuß - über den gefrorenen Schnee hinweg ... Sein Roß mußte erst der neu angenommene Dionysius Schneid ( dem sein Verkehr auf dem Finkenhof eine ernstliche Verwarnung zugezogen ) aus Heiligenkreuz zurückholen . Terschka hatte es stehen lassen , weil er nicht neben Armgart reiten mochte , während sie zu Fuße ging . Sie erklärte , ihn unterwegs sprechen zu müssen ; sie war in einer unbegreiflichen Aufregung . Auch das Fräulein von Tüngel-Appelhülsen war in der That bei Frau von Sicking ... Es geht etwas vor ! sagte sie sich ... Es geht etwas vor ! wiederholte sie drohend ... Sie wollte wieder nach Westerhof zurück . Da hieß es , Thiebold wäre noch im Stift und könnte sie begleiten ... Nun erst recht hätte sie nicht bleiben mögen ... So ging sie mit Terschka , der gekommen war , mit dem Verwalter einige dringende Rücksprachen zu nehmen ... Hätte Terschka gesagt : Setzen wir uns doch beide aufs Roß und jagen nach dem Schloß der Frau von Sicking ! - sie hätte es gethan ... Daß sie ermüdet wäre , unmöglich den Weg zu Fuß machen könnte , wollte sie nicht hören ... Terschka erzählte alles das jetzt wieder , erzählte es dem überraschten Paar und war dabei in einer Aufregung , die beiden nicht entgehen konnte , und übersah die ihrige ... Armgart verschwand auf ihrem Zimmer ... Alles das bemerkte auch Bonaventura , begriff es aber nur halb ; ihm fehlte jede Sammlung ; selbst mußte er entfliehen ... Zwei Worte noch an Paula , die ihn mit holdseligst verlegenem Lächeln , mit jener Vertraulichkeit wie für alles , was ein Weib auf Erden und im Himmel dem Manne nur sein kann , ansah , und er war verschwunden . Hinaus stürmte er in die schon hereingebrochene Nacht ... Nichts von einem Wagen , dessen Anerbieten man ihm nachrief , hörte er ... Schon war er unten an der Hauspforte ... Wie die eisige Luft seine heiße Wange streifte ! Wie er fast die Locken , die er sonst trug , noch im Winde flattern fühlte ! ... Ein Geist des Trotzes , der Herausforderung an die Ordnung aller Dinge war über ihn gekommen ... Er hätte das Geländer der kleinen Brücke einreißen mögen , an das er sich halten mußte , als er den hartgefrorenen , glatten Weg beschritt ... So flog er dahin ... Erst allmählich wurde es in ihm ruhiger ... Jetzt hätte er Musik hören mögen , rauschende , vollgestimmte - allmählich würde ein einziger süßer , sanfter und wenn den Tod bringender Accord seine ganze Empfindung ausgedrückt haben ... So kam er im Pfarrhause an . Es war tiefdunkel ; sein Zimmer nicht erwärmt ; Müllenhoff nicht anwesend . In dessen Zimmern wartete er so lange , bis oben bei ihm die erwärmende Flamme loderte ... Wie todt standen doch die Bücher da an den Wänden ! Wo er hinsah , war von Strafe , vom Kirchenbann die Rede ... Er hörte im Geist das schütternde Gelächter Müllenhoff ' s , wenn er seinen eigenen Einfällen applaudirte , und lachte selbst ... Er hörte , wie ihn sein College jetzt nennen würde : Salonschlupfer , Lavendelseele ... Er lachte ... » Lieber können sechs Straßenlaternen eingehen , als ein ewiges Licht in einer Kapelle ! « Das war heute früh ein Müllenhoff ' sches Wort gewesen , das ihm beim Schimmer der ihm jetzt vorangetragenen Lampe einfiel ... Er lachte ... Und oben , oben in seinem Zimmer fand er zu seiner glückseligsten Ueberraschung dann einen Brief - aus Kocher am Fall - vom Onkel Dechanten ... Nie noch hatte er so nach den geliebten Zügen gegriffen ... Nie noch war ihm so viel Musik entgegengerauscht und so viel Duft entgegengeweht , wie heute aus dem feinen Papier , aus den zierlichen halb arabischen Buchstaben dieser Handschrift , aus dem langen , reichen Inhalt ... Wie beglückend stimmte das alles zu dem Bilde Paula ' s , das nicht von seiner Seite wich ... Die Magd brachte den Thee ... Die Lampe verbreitete einen tieftraulichen Schimmer ( Lampe , Service , Sofa , alles kam von Schlössern und Höfen der Umgegend und war von ausgesuchter Gediegenheit ) ... Paula saß neben ihm im Geiste und sprach mit ihm im Geiste und ihr Schatten huschte an den Wänden geschäftig sorgend hin und her ; er hatte eine Geisterehe geschlossen ... Als er allein war , sprach er leise mit seinem Weibe , redete es an und sagte : Paula ! Meine süße , süße Paula ! ... Dann schlug er sich an die Stirn , aber so sündigte er fort und fort - er hörte nicht auf an sie zu denken , ihrem Athem zu lauschen , ihre Hand zu streifen , hinaus in die Luft , ins Leere Küsse zu geben - was sollte ihn denn erschrecken , jetzt , wo er die Dechanei um sich hatte , des Onkels Devise hörte : » Ich mach ' s doch so leicht ! « Die grünseidenen Decken und Gehänge in dem Arbeitszimmer der Dechanei sah er ; die sanften Rollenthüren gingen , wie wenn Frau von Gülpen eintrat oder Windhack einen Besuch oder eine Constellation des Himmels meldete ... Er las - las , wie wenn eine neue » Nichte « ihm und dem Onkel Klavier spielte ... Lieber Alter ! schrieb der Onkel . So bist Du denn auf dem Schauplatz Deiner ersten Jugend angekommen und grübelst vielleicht , ob in den alten Kirchenvätern das Schlittschuhlaufen verboten ist ! Ich habe Dich sonst oft genug auf dem Ententeich zwischen Borkenhagen und Westerhof dahingleiten und unserm alten Friesenursprung durch graziöse Zickzacks Ehre machen sehen - Nun siehst Du , die Apostel wußten nichts von zwanzig Grad Kälte , wie konnten sie vorschreiben , ob ein junger Domherr Schlittschuhlaufen darf u.s.w. u.s.w. Sage nur : Wie platt , wie rationalistisch oberflächlich ist das wieder ! Gut ! ... Ich beneide Dich zuvörderst um diese Triumphe , die deine Rechtgläubigkeit feiern wird , vorzüglich unter denen Weibsen ! ... Fühlst Du ' s denn endlich , wie schön diese Veranstaltung Gottes ist , daß es Wesen gibt , die an der ganzen Weltgeschichte unbetheiligt bleiben und Alexander , Julius Cäsar und Innocenz III. nur auffassen unter dem Gesichtspunkt , ob solche Leute den Kaffee theurer machen , die Verlobungskarten seltener , die laufenden Moden durch plötzliche Trauergarderoben unterbrechen und dergleichen ? Bewundere diese Geistesgegenwart , mit der mitten in unsern Schmerz hinein und während die Männer noch ohne jede Sammlung stehen , die Frauen schon wieder bei einem Sterbefall ihr schwarzes Seidenkleid bestellt haben ! Sieh , so haben mich die jugendlichen Regungen meiner Petronella in Erstaunen versetzt , die zwar von ihrer leiblichen - lies nicht etwa : lieblichen - Schwester nichts geerbt hat , aber dennoch » Schanden halber « bereits in das zweite Stadium des äußern Schmerzes , in den grauen mit Violettschleifen eingetreten ist ! Studire Weltgeschichte im Stift Heiligenkreuz ! Zwanzig weibliche Wesen , die ohne Zweifel Deine Heiligkeit bewundern und vielleicht auch Dich endlich an die Wahrheit des Satzes erinnern werden : Mulier est hominis confusio ! Ich sehe Dich aber auch , lieber Sohn , wie Du Dich endlich aus Blumen und gestickten Tragbändern und Portefeuilles herauswindest und wieder Deinen feurigen Wagen des Elias besteigst , zunächst die Stufen des Altars und der Kanzel zu Sanct-Libori ,