. Ich verfiel einem Urtheil , das mich auf zwanzig Jahre in Schmach und Schande warf . Das ist : auf ewig ! Ewig ! Und doch war ich noch jung ! Ich konnte hoffen , den Rest meines Lebens noch irgendwo jenseit des Meeres in Ehren , in geläuterter Buße , hinzubringen . Denn , Auguste ... ich hatte ein Verbrechen begangen , das nur aus dem Hochmuthe kam . Aber es gab Menschen , die meinen Tod wünschten . Menschen , die mich geliebt hatten , weil ich nicht immer so gebückt schlich , Auguste , wie jetzt . Menschen , die mich geliebt hatten , weil ich Geist , Talent , weltliche Liebenswürdigkeiten aller Art besaß . Und da ich sie betrog - nein , was sag ' ich - da sie sich selber betrogen hatten , haßten sie mich . Sie fürchteten meine Auferstehung von der Schande , meine Flucht , mein Ausbrechen aus dem Gefängniß , und wollten sich diesen Augenblick in der Zukunft sichern . Sie befahlen - sie hatten die Mittel dazu - sie befahlen , daß man mir einen gewissen Kerker in Bielau anwies , der so ungesund , so durchgiftet und verpestet war , daß man in kurzer Zeit dahinsiechen , vom Faulfieber verzehrt werden mußte . Neun Monate des Jahres stand in diesem Kerker das Wasser eines schmuzigen Flusses und Jeder , der nur einige von diesen Monaten in ihm zugebracht hatte , war dahingestorben . Ich wurde auf räthselhaften mir aber erklärlichen Befehl gerade in dies Verließ geschleppt . Nach drei Wochen schon , wo ich auf einem verfaulten Strohlager ruhen sollte , wo ich es , um es vor der aus den Wänden sickernden Feuchtigkeit zu schützen , bald hier- , bald dahin breitete , verfiel ich in Krankheit . Man brachte mich in einen gesunderen Gewahrsam . Ich genas , ich hoffte auf Abführung in eine entfernte , gemeinsame Strafanstalt . Aber nein , wieder der Befehl , mich in jenes unterirdische Gemäuer zu bringen , dessen einzige trockene Stelle eine Nische in der felsendicken Wand war . Warum man mich nicht in der Strafanstalt arbeiten , mich nicht unter die übrigen Gefangenen dieser kleinen Festung mich mischen ließ , war mir wohl begreiflich . Man wollte meinen Tod ! Ich erzählte mein Leid deinem Vater , der Gefängnißschließer war , und Schaudern ergriff ihn , als er wohl einsah , daß es Menschen gab , die einen Entehrten , aber Reuevollen , tödten wollten , und er kannte diese Menschen mehr als Andre ! Er wußte , was sie im Stande waren ; er wußte , was sie ja von ihm selbst verlangten ... Hieß doch dein Vater Ludmer ! War er doch der Verwandte ... Doch genug ! Auguste ! Dein Vater war besser als sein trauriges Amt . Er ließ mir , ob aus Menschenliebe , ob aus Zorn , daß er Ludmer hieß und nur Gefangene hüten mußte , weiß ich nicht , die Mittel , die Nische zu erweitern , zu durchbrechen , zu entfliehen . Er sah nicht , wollte nicht sehen , daß ich an meiner Befreiung in den Nächten arbeitete . Furchtbar stieg für mich die Gefahr . Denn der Kerker stand unter dem Spiegel des Flusses und nur die Nische lag höher . Ach , zuweilen bei hohem Wasserstande kam die Flut von draußen auch dieser Nische gleich und in einer stürmischen Frühlingsnacht , wo ich die letzten Steine wegrückte , brach der ganze Strahl des Wassers durch die glücklichgewonnene Öffnung ! Erschöpft von der Arbeit , zum Tode erschreckt von der nun unmittelbar vor meinen Augen schwebenden Gefahr , sank ich nieder ; furchtbar strömte die schmuzige Woge durch die Lücke der Mauer . Da stopfte sie sich durch irgend etwas draußen plötzlich von selbst . Ich langte hinaus , soweit ich über das Wasser noch sehen konnte . Ich faßte etwas Hölzernes , einen Gegenstand wie ein sich vorlegendes Bret . Aber das Bret ließ sich zurückdrücken , es schwankte . Es war ein Kahn , den dein Vater hatte herantreiben lassen , als wäre er etwa losgerissen durch die Frühlingsstürme . Freude und Furcht wirkten gleich entsetzlich auf mich . Denn wie , wenn ich durch die Öffnung hindurch gekommen wäre und hätte zwar den Kahn , aber nur in der Entfernung gesehen ! Der Abfluß durch die Öffnung machte gerade , daß der Kahn zu mir herantrieb ... Ich griff hinaus und drückte das eine Bord des Fahrzeuges fast schon mit letzter Anstrengung so herab zur Öffnung , daß eine Weile das Einströmen gestopft war . Dann hielt ich mit dem linken Arme mit Riesenanstrengung das Holz der Planke fest und erweiterte mit der rechten die Öffnung ... immer mächtiger strömt das Wasser ... aber die Öffnung wächst ; endlich dränge ich mich durch die Ritze ... sie ist weit genug die Schultern durchzulassen ... schon bin ich mit dem Vorderkörper in dem Kahne , die beiden blutenden Hände langen nach der Weitung des Fahrzeuges , ich fasse mit letzter Anstrengung die gegenseitige Planke , liege halb über der Höhlung und drücke den Kahn in die Wogen nieder ... aber nur mühsam zieh ' ich den ohnmächtigen Körper durch die Mauer ... die Hüften bleiben in der engen Öffnung stecken ... ich brauchte eine halbe Stunde um neue Kraft zu schöpfen ... dabei der Sturm , dabei das Brausen des Flusses , das Niederprasseln von Fensterscheiben , die in dem Wetter zertrümmern , das Rufen der Wachen und Ablösungen , das Schlagen der Uhren aus dem Städtchen unterwärts des Flusses , der verzweifelnde Blick auf das Morgengrauen ... ach , ich dachte zu sterben , denn meine Kräfte drohten gänzlich zu schwinden . Da versuch ' ich eine letzte erneuerte Anstrengung . Der Körper zwängt sich durch , ich sinke der Länge nach in den Boden des krampfhaft von mir festgehaltenen Kahnes , der , befreit vom herunterziehenden Druck meiner Hände , aufschnellt und mich in der Dunkelheit der Nacht von dannen führt . Ich schwamm dem Städtchen zu , gerieth unter eine Menge kleiner Schifferbarken , die festgebunden in dem Hafen des kleinen Flusses lagen ... Ich war gerettet , durch Gott , aber auch durch den Verstand , den Vorschub , die Güte deines Vaters . Er hatte meine Arbeiten an der Nische wohl bemerkt , er hatte sie wohl verschwiegen ; er hatte mich spitze Instrumente auf einzelnen Erholungsgängen finden lassen . Er hatte die Gefahr des Durchbruches überlegt . Deshalb der Kahn ! Ich entfloh und konnte ihm nichts zurücklassen als die Gefahr der Strafe für ihn selbst . Ich schrieb ihm einige male von Amerika . Ich schickte Geld , erhielt aber nie eine Antwort . Wie wollt ' ich ihm danken , jetzt nach meiner Rückkehr aus Amerika ! Ich find ' ihn todt , sein Weib todt , nur dich , sein Kind , find ' ich wieder . Ich finde dich ohne Schutz , ohne Liebe , ohne Halt im Leben , gesunken , elend , Auguste ... Murray schwieg . Die Hörerin schien gerührt . Doch diese Stimmung währte bei dem abgestumpften Gefühle des Mädchens nicht lange . Bald sagte sie : So könntet Ihr mir die Mittel geben , bester Murray , daß es mir gut ging . Euer Geld ist nie angekommen . Nein , Auguste ! sagte schmerzbewegt der von seiner Erzählung mehr als Auguste erschütterte Alte ; was sind Mittel ? Vergängliche kleine Schutzwehren ! Womit hätt ' ich die Bresche in der Mauer stopfen sollen , daß der Strom mich nicht überflutete ! Einen rettenden Kahn trieb der Abfluß der Woge heran . Den packt ' ich mit diesen Händen , an dem krallt ' ich mich ein und von ihm wurd ' ich fortgetragen . Denkst du denn , daß ich in Amerika mich dadurch geändert habe , daß ich auf meinen alten Wegen blieb und mir nur vornahm , nicht glänzend leben zu wollen ? O , nein ! Die alten Wege mußten ganz und für immer vermieden werden . Eine ganz neue Bahn nur sichert vor den alten Irrwegen . Wer hat die Macht , nach seinem Willen gut zu sein ? Wer kann sagen : Ich bekämpfe , zähme , fasse mich ! Wenige nur . Nur Die Menschen können ' s , die schon gut sind und nur noch ganz weise werden wollen . Aus Schwarz in Weiß übersetzen wir uns nicht ! Und was ist Grau ? Ein jämmerlich Mittelding ! Du glaubst , Murray , sagte Auguste , daß ich nicht mehr auf die Bälle gehe , nicht mehr Liebhaber annehme , nicht mehr Schulden mache und Champagner trinke , wenn ich mir drei Freudentage durch siebenundzwanzig Fastentage erkaufe ? Das glaub ' ich ... Du willst durch die drei Tage mich nur reizen , daß ich mir die andern gefallen lasse ? Das dacht ' ich ... Und diese drei Tage sollen die prächtigsten von der Welt sein ? Wie sie keine Tänzerin sich besser wünschen kann , Auguste ... Auguste schwieg eine Weile und schien sich den Vorschlag Murray ' s , den sie schon oft erwogen hatte , ja sogar schon einmal eingegangen war und beim ersten Neuheitsreize fast durchgeführt hätte , noch einmal zu überlegen . Sie sah sich das Zimmer an , das Bett , den Wasserkrug ... dann aber schüttelte sie den Kopf und erklärte : Bester , Das haben wir schon Alles gehabt ! Hier in Nr. 17 dieses schändlichen Hauses wohnte ich ein paar Monate und wollte arbeiten ... es ging nicht . Ein Alter , häßlich wie du , aber verliebter , besuchte mich und belog mich mit einer Menge Verheißungen , die er nicht wahr machte . Da brannt ' ich hier durch und wollte nach Hamburg . Dann kamst du . Ich hörte dir gern zu , wenn du von der Besserung sprachst , du klimpertest dabei in der Tasche mit Geld und machtest mir Komplimente , wie ich sie nicht immer höre . Du wolltest meinem Vater dankbar sein . Der Vater ist früh gestorben , die Mutter nach ihm ... ich hörte dich gern von ihm erzählen und die Tante , die mich erziehen sollte , haßtest du , wie ich ... Da freut ' ich mich , in ein Ohr , das geduldig zuhörte , mich recht austoben zu können . Ich ging auf deinen Vorschlag aus Zorn ein . Du weißt , wie er schon am Morgen des dritten Tages abgelaufen ist . Ich war erst wüthend auf dich . Ich wollte abwarten , daß du mir deine Geschenke wiederschicktest ; sie kamen nicht , du ließest mich einladen , hierherzuziehen und unsere Abrede auszuführen . Ich lachte dich aus . Da ist denn etwas gekommen , was mich ganz von dir abzog ... Ich war neulich bei der Tante ... Auguste stockte . Murray horchte . Bei der Ludmer ? sagte Murray , und man sah ihm an , wie ihn dieser Name entflammte . Das Mädchen fuhr fort : Eines Tages , vor drei Wochen , war ich bei der Tante ... Du sprachst zur Ludmer von mir , Auguste ? Thatst du Das ? rief Murray . Ich spreche zu Niemanden etwas von Dingen , die mir als Geheimniß anvertraut sind , sagte Auguste nicht ohne Stolz . Was thatest du bei der Tante ? forschte Murray sich beruhigend . Die Maler-Guste schwieg einen Augenblick , dann fing sie leiser und fast lächelnd an : Höre mir zu , Alter ! Ich will dir jetzt auch eine Geschichte erzählen . Es ist leicht möglich , daß du deine Absicht , meinen Ältern im Grabe eine Freude zu machen , indem du mich auf andere Wege führst , noch erreichst , aber hörst du , Alter , auf andere Art. Jetzt paß Acht ! Ich lerne gern . Ich weiß , Gott hat viele Wege , uns zu bessern . Sprich ! sagte Murray , und sein Auge leuchtete mild und voll Hoffnung . Wie mein Vater starb , erzählte Auguste , und bald nach ihm , wie wir von der Festung hierherzogen , meine Mutter , war ich eine Waise von etwa sechs Jahren . Die Leute , die mich weinen sahen , erkundigten sich nach meinen Angehörigen und sie erfuhren denn , daß ich eine Tante hatte , die Schwester meines Vaters , der seinen Dienst der Gnade verdankte , daß diese stolze , vornehm gewordene Person sich einmal seiner erinnerte . Es war die einzige gewesen . Später aber kam eine Zeit , wo sie besonders wieder freundlich und zuthunlich sein sollte ... Die Zeit meiner Gefangenschaft ... Dann zog sie aber wieder ihre Hand zurück ... Die Zeit meiner Flucht ! Hier , als ich Vater und Mutter verloren hatte , sträubte sie sich mit Gewalt dagegen , etwas für mich zu thun . Ein altes Kleid gab sie zuweilen her , das für mich verschnitten wurde . Eine halbe Bettlerin bekam mich in Obhut und Pflege und erhielt dafür nicht mehr als ein Almosen . Wie hieß diese Frau ? Ah , wir nannten sie nur die alte Lene . Sie ging bei der reichen Frau von Harder ab und zu , bettelte , trödelte . Murray schien auf einen Namen gewartet zu haben , der offenbar nicht mit der alten Lene übereinstimmte . Auguste fuhr fort : Der Lene gaben sie mich mit wie einen alten ausgetretenen Schuh . Sie sollte sehen , was aus mir noch zurechtzuflicken war . Wenn ich klagte , daß ich hungerte , wenn ich zur Tante lief und weinte , tröstete sie mich , sie würde mich noch einmal an einen schönen Ort schicken , in einen grünen Wald , zu einem Förster und einer andern Tante , die sie immer ... o wie nannte sie sie ? Ursula ? rief Murray und legte die Binde höher auf die Stirn . Ursula Marzahn ! sagte Auguste selbst erstaunt , daß ihr der Name einfiel . Ursula Marzahn ? Und du kamst dorthin ? In den Wald ? In welchen Wald ? Was weiß ich ! Welcher Wald ! ... Der Mann der Ursula starb , sie sollte wieder heirathen und der Mann , den sie wollte , mochte sie nicht ... Sie mußte damals schon den Funfzigen nahe sein . Ich kenne sie nicht . Du kennst sie nicht ... Nun ... Fahre fort ! Ich will in das Jägerhaus , sagt ' ich oft , wenn die alte Lene mich geschlagen hatte und zum Betteln zwang . Die Tante gab mir dann wol einen Groschen , ließ mich aber wieder laufen und sorgte nicht für mich . Einstmals , als man mich aufgegriffen hatte , weil ich , als nun schon zwölfjähriges Kind , mit Schwefelhölzern hausiren ging und Auskunft über Die geben sollte , für die ich auf den Straßen und in den Häusern so zudringlich bettelte und die alte Lene genannt hatte , wurde diese festgesetzt . Sie hatte eine förmliche Gesellschaft von Kindern abgerichtet , die alle für ihre Rechnung Schwefelhölzer , Band oder Blumen verkaufen mußten . Jeden Abend um neun Uhr kamen die Kinder in ihre einsame Lehmhütte vor ' m Thore , fast im Felde , wo sie wohnte , brachten ihr das eingenommene Geld , empfingen einen kleinen Antheil und bekamen neue Waare . Wer des Tags nichts eingenommen hatte , bekam keine Vorräthe mehr . Wer Geld unterschlagen hatte , wurde von ihr mit einem Besen gestäupt und jämmerlich geschlagen . Sie wohnte so einsam , daß die Nachbarn das Geschrei nicht hören konnten , wenn wir oft wohl an zwanzig Kinder , die da- und dorthin gehörten , mit unseren Körben standen und ihr beim Scheine einer alten Laterne Nachts im Lehmhofe unsre Pfennige vorzählten . Wie zitterten wir vor der Alten , wenn unsere Ernte nicht reich war , oder wir uns hatten beigehen lassen , etwas zu naschen ! Sie wurde aber nun eingesteckt , die Kinder , die sie misbraucht hatte , wurden der schärfern Sorgfalt ihrer Angehörigen , wenn sich welche finden ließen , anempfohlen ; ich der Tante Ludmer . Diese vor Zorn , daß ich ihr ein polizeiliches Gerede gemacht hatte , schickte mich , da der Herr von Harder Geheimrath und Aufseher aller königlichen Gärten geworden war , nach Solitüde , wo ich beim Gärtner arbeiten sollte . Eine Zeitlang gefiel mir ' s da recht wohl . Ich bekam doch zu essen ! Ich wurde größer , stärker und entwickelte mich . Vom Lernen war keine Rede und Gott sei ' s geklagt , ich kann kaum meinen Namen schreiben , Alter ! Könnt ' ich dir etwas von meiner schönen Handschrift abgeben ! sagte Murray und zeigte auf ein Papier , wo er Einiges notirt hatte , was Auguste nicht verstand , auch in ihrer Aufregung nicht erkannt hätte , wenn sie überhaupt lesen konnte . Ja , sagte Auguste , du bist ein Tausendkünstler . Und gewiß hast du auch einmal deshalb sitzen sollen , weil du falsche Wechsel machtest ? Was ? Etwas Ähnliches , mein Kind ! sagte Murray ernst . Bei dem Schloßgärtner , fuhr Auguste fort , blieb ich zwei Jahre . Er trieb auch Landwesen . Das gefiel mir Alles recht wohl . Ich kann es sagen , daß ich in ein solches Geschäft Lust und Geschick habe . Schon auf den Wald , von dem die Tante immer sprach , hatt ' ich mich gefreut ! Ich kannte das grüne Feld nur von den Schlägen her , die wir draußen in der Lehmhütte der alten Lene bekamen , Gärten nur von den zusammengemausten Blumen , die wir verkauften . An Solitüde denk ' ich gern zurück . Ich war zwei Jahre draußen , freilich nur als gemeine Magd , die das Heu zu mähen , die Kühe zu melken hatte . Auch die Milch trug ' ich in die Stadt , wenn eine ältere Magd krank war . Um diese Magd kam ich fort . Sie behauptete , ich hätte genascht und gestohlen , und ich weiß es nicht , ob es wahr ist . Das Naschen glaub ' ich wohl , das Stehlen war aber doch sonst meine Sache nicht , und das Lügen ganz und gar nicht . Genascht , Alter ? Ja , ja , sie mag Recht haben . Aber am meisten haßte sie mich , weil ich so allmälig bei guter Kost und tüchtiger Arbeit ein schönes Ding geworden war und allen Männern gefiel . Die Bursche stellten mir schon von dreizehn Jahren nach und einige hatt ' ich schon freßlieb . Aber curios ! Die ganz jungen mocht ' ich nicht . Ich war ein Ding von vierzehn Jahren , als ein Inspektor Namens Mangold auf Solitüde kam und den ganzen Park wie neu umpflanzte . Da wurden Bäume gesägt , Wiesen ausgeschnitten , das Wasser wurde anders geleitet und eine Menge Menschen fanden dabei ihr Unterkommen . Der Gefälligste und Artigste war aber der Inspektor Mangold selbst . Der war nicht mehr ganz jung , aber artig , höflich und ich kann dir nicht sagen , Alter , was Höflichkeit auf mich wirkt . Ich habe die schönsten und vornehmsten Jungen später nicht gemocht , weil sie zu mir kamen , sich auf mein Sopha flegelten , betrunken waren und mich dutzten . Ein schüchterner , manierlicher Mensch aber thut mir ' s gleich an und wenn er auch arm ist . Der Gärtner und alle seine Gehülfen waren grob und derb , Mangold nicht , und in den waren auch alle Mädchen verliebt , am meisten aber die Magd , die der Gärtner zur Haushälterin und Wirthschafterin genommen hatte . Die paßte mir auf ! Die verhetzte mich ! Denn ich verrieth mich gleich und sagte ganz laut : Den Inspektor nähm ' ich , wenn er auch zehnmal einen rothen Bart hat und ich nähm ' ihn auch ohne lang Heirathen ... Ich muß lachen ... Über die früh entwickelte Großmuth deines Herzens ? sagte Murray bitter lächelnd . Das sollst du gleich hören , Papa ! Damals kam mir der Inspektor schön wie ein Bild vor . Ich verehrte ihn und hätte ihm eigentlich blos mögen immer die Hand küssen . Und weil ich Das einmal sagte und er , als ich ein paar Blumenstöcke richtig gebunden hatte und auf dem Grase kniete , mir auf die zufällig nackten Schultern hinten klopfte und die Wirthschafterin sah ' s am Fenster , da mußt ' ich fort . Ach , was hab ' ich geweint ! Es half nichts ... Ich kam in eine Fabrik , wo ich zur Predigerlehre angehalten und confirmirt wurde . Die Arbeit in der staubigen Fabrik - man machte wollene Decken und haarige Filze - konnt ' ich nicht ertragen . Meine Brust war so an frische Luft gewöhnt ... Ich war auch durch die Feldarbeit schwer in den Gliedern , träge und träumte viel . Die Mädchen , die mit mir arbeiteten , erzählten nichts als Possen und Lüderlichkeit . Alter , da wurd ' ich schlimm ! Nicht in Wirklichkeit , sondern in Gedanken ! In Gedanken küßt ' ich jeden Mann , den ich sah und der mir gefiel . Wenn ich schlief , so küßt ' ich das Kopfkissen und drückt ' es , weil ich dachte : das ist Der oder Der ! Mit der Fabrik war ' s nichts ! So kam ich in einen Dienst bei einem berühmten Maler . Ich nahm diesen Dienst lieber als andere , weil das Haus dieses Malers - er heißt Berg - in den schönsten neuen Straßen , unter Gärten und Blumen liegt und ganz herrliche Bäume in der Nähe hat . Da fand ich aber meinen Untergang , Papa ! Ein schöner junger Mann sah mich immer so verliebt , so scharf und schmachtend an , daß ich ihn selber hätte verzehren mögen . Er lernte die Malerei bei meiner Herrschaft . Der junge schöne Maler hieß Heinrichson ... ach , Alter , ich sage nichts mehr . Es lag mir schon in den Augen . Die hatten so einen Zug , so eine Sucht ... Die Blume wollte an die Luft und die Teufelsbilder und das schöne Haus und der Garten und die jungen Männer und mein Blut , alle hatten mir ' s angethan und ich lag dem schönen Manne im Arm so unversehens wie Einer fällt und nicht weiß , wie er auf die Erde kommt . Das muß so mit den Schlangen sein , denen die Thiere in den Rachen laufen , als wenn es zur Hochzeit ginge ! Ich sah und hörte nun , daß es Frauen gab , die sich entschlossen , den Malern für ihre Bilder , wie sie gewachsen sind , zu sitzen . Wie ich Das hörte , Alter , überlief ' s mich siedendheiß . Der Professor , ein guter Herr , sah mich auch oft so sonderbar an , als wollt ' er sagen : dich hat Gott zu etwas Anderem erschaffen , als mir hier die Stube zu kehren und den Ofen einzuheizen ! Aber der Meister sagte mir nie etwas von meinem Wuchs . Nur die Schüler und Heinrichson verlockten mich . Aber von den Andern mocht ' ich ' s nicht hören . Ich schämte mich und lief fort , wenn sie davon anfingen , ich sollte ihnen sitzen . Da lockte mich aber Heinrichson einmal auf sein Zimmer ... die Schlange ! Rege dich nicht auf , Auguste ! sagte Murray zu dem Mädchen , das zu zittern anfing ... In Gedanken , fuhr sie fort , in Gedanken war ich längst gefallen . Seit ich an die Maler dachte , die ihre Bilder nach wirklichen Menschen malen , war mir ' s am hellen Tage , wo ich ging und stand , als hätt ' ich keine Kleider mehr an . Ich wurde roth und wußte nicht worüber . Ich bedeckte mich bis zum Hals und kam mir vor , als müßt ' ich mich schämen . Ich sah mich immer , wie mir Heinrichson einmal zugeflüstert hatte , wie er mich so wunderschön malen wolle . Was soll ich sagen ? Ich gab ihm doch erst meine Liebe und dann erst meine Scham und Tugend ... Ach , Alter , Das ist ein Teufel ! Er wollte nur deine Schönheit , war herzlos , nachdem er sie gewonnen hatte ? Alter , dem Heinrichson , so toll ich ihn liebte , dem hätt ' ich später manchmal das Herz aus der Brust reißen mögen ; aber er hat kein Herz ! Er nahm mich vom Professor weg , miethete mir eine Wohnung , besuchte mich täglich , zeichnete , malte mich ... Nicht allein , Auguste ? Es kamen Freunde mit ihm ... ihr schwärmtet , ihr tranket ... Ja ! Ja ! Murray ! Aber das Kind war von ihm ... Welches Kind ? fragte Murray erschrocken . Es ist todt , sagte Auguste dumpf . Es starb zu rechter Zeit . Als Heinrichson von mir eine Mappe voll Zeichnungen und ich von ihm das Kind unter ' m Herzen hatte , verließ er mich ... nein , Murray , ich war nicht untreu . Er , er schickte nur die Freunde , die mich zeichnen sollten ! Er wollte , daß ich Allen gehörte , gemeinsam war ... wie ein Soldat , ein Kunstreiter , ein Trödler mit einem langen Bart , wo sie zusammenschießen und Jeder für seinen Thaler ihm ein Stück vom Leibe abzeichnet . Als ich aber das Kind trug , Alter , so nützte ich Keinem ... Ha , ha , da war ich die Venus nicht mehr , um die sie einen rothen Purpurmantel schlugen und als ich Mutter war ... hieß es ... meine Schönheit hätte den Rest gekriegt ... Auguste schluchzte ... Ihre Erzählung erstickte ihre Thränen . Murray schonte ihren Kummer , so sehr er sich auch nur auf das Gefühl der verletzten Eitelkeit zu stützen schien . Das Kind starb ... sagte er weich und theilnehmend . Ha , rief Auguste , aber die Mutter wollte leben , leben , aus Rache um diesen Vater leben ! Sie lebte auf ! Sie fluchte dem Elenden , der gesagt hatte : Deine Formen nehmen ab ! Er nur hatt ' es gesagt , weil er zu viel Andere lieben mußte und sich nicht theilen konnte . Er nur , der heute bei einer Vornehmen , morgen bei einem Bürgermädchen ein Rendezvous hatte ! Der Elende ! Sein Kind war todt , aber die Mutter lebte ! Lebte ! rief Murray . Nennst du Das Leben , daß du nun einen geistigen Tod starbst ? Nennst du Das im Sonnenstrahl aufblühen , daß du nun ein Kind der Nacht wurdest ? Den Sonnenstrahl fliehst du , wie er dich auch aufsuchen möge , um dir in ' s Antlitz zu leuchten und dich an Besinnung und Umkehr zu mahnen ! Kehre um , Auguste ! Noch stehst du nicht so tief auf der Leiter , die hinunter in den Abgrund führt , daß es sich nicht noch lohnen sollte , wenn du deine letzte sittliche Kraft zusammennähmest und wieder aufwärts stiegest ! Auguste schwieg . Der Gedanke an ihr Kind , an den Anfang ihrer Irrgänge , an Heinrichson hatte sie zu heftig erschüttert . Sie stieß sich den alten Tisch , der in ihrer Nähe stand , mit dem Fuße heran und stützte den Kopf auf , dessen zierlicher , wie zur Festesfreude aufgebundener Haarschmuck in einem seltsamen Abstich war gegen ihre plötzlich leidenden und schlaffen Züge ... Nach einer Weile fuhr sie fort : Papa , höre , ob sich vielleicht noch etwas aus mir machen läßt ! Sprich , Auguste ! antwortete Murray voll aufmerkender Theilnahme ... Die Tante hat in meinem Elend nichts mehr für mich gethan , sagte Auguste . Wie oft fleht ' ich sie fast fußfällig an , mich aus dem Jammer herauszureißen ! Sie verbot mir , das glänzende Haus des Geheimrathes zu besuchen , ja sie untersagte mir , mich ferner nur ihre Verwandtschaft zu nennen . Der Geiz , der sie brennt und aufzehrt - Ist sie so geizig , die Ludmer ? Geizig wie du ! sagte Auguste ... Murray lächelte . Der Geiz und die Sparsamkeit für den Oberkommissair Pax , den sie ihren Vetter nennt - als wenn der mein Bruder wäre ! - machte , daß sie mir jede Unterstützung entzog . Heinrichson mocht ' ich nicht bitten ; den haßte ich . So führte mich das Elend soweit , als du mich angetroffen hast . Die Tante drohte schon oft , mich gewaltsam von hier wegbringen zu lassen ... Ist sie so tugendhaft die Ludmer ... Haha ! Wenn sie wie ihre Herrschaft ist ! Wie Pauline ? Heißt die Pauline ? Die Geheimräthin von Harder ... Die ist alt und häßlich und nimmt doch noch auf , was ich wegwerfe ... Was du wegwirfst ? Vor Eurer Ankunft , Papa , war mein Elend am höchsten gestiegen . Ich wollte fort , nachdem ich die Tante so auf ' s Blut gereizt hatte , daß sie in ihrem Zorn ein Bund Schlüssel nach mir warf , die mir fast das Auge ausschlugen . Sie ist wild ! Da kamst du , Papa ... Dann war es auch mit dir nichts ... Dein Contrakt wurde mir zu schwer und eigentlich ging ich ihn nur ein , weil ich wieder einmal gemalt sein wollte , aber als Auguste Ludmer , als ich selbst , nicht als Venus mit dem rothen Mantel ! Aber unsere Sache endete in der Fortuna . Ich mußte sitzen , wie du ! Was wirst du