ins Feuer ! ” Die Hand wurde ihr geschüttelt , daß sie ihr weh that . Die Thür schlug ins Schloß , und draußen verklangen Martin Greffingers kräftige Schritte , mit denen er in die Verbannung ging . Agathe hielt das Bündel verbotener Bücher in den Händen und blickte beklommen auf sie nieder . Dokumente einer Welt , aus der große , geheimnisvolle Stimmen zu ihr herübertönten — von Schicksalen redend , welche die Alltäglichkeit überragten — aus einer Welt , in der man mit so stolzem frohen Lachen Vaterland , Freunde , die sanfte , bequeme Gewohnheit ließ und Verachtung und Gefahr auf sich nahm . . . . Aus einer Welt , in der Frauen , die ihr täglich Brot verdienen mußten , allstündlich sich dem Hunger oder dem Gefängnis preisgaben , um den Genossen und der heiligen Sache zu dienen . Wo geschah solches in ihrer — in der guten Gesellschaft ? Wer war dessen fähig von allen — allen , die sie kannte ? Wie kam das Feuer über diese Menschen ? Auf welche Weise wurden sie ergriffen ? Wie mußte es sein , so thatbereit , so opferglücklich dazustehen und sich selbst zu geben in schauernder Lust — sich selbst in einen ungeheuren furchtbaren Kampf zu werfen , dessen dumpfes Toben sie plötzlich um sich her ahnte . Sie mußte davon erfahren — wissen — empfinden — alles , was sie erfassen konnte — was in dem Bereich ihrer Hände war . . . . Das Paket öffnen — sehen — sehen . . . . Unter diesem braunen Papier glühte eine Offenbarung . Martin — der war stark und freudig — der war gerettet ! Gab es hier Erlösung von der Gewalt , die heimlich an ihr sog und sog , daß das Blut ihr blaß und krank wurde , daß die Sehnen ihr erschlafften und die Nerven in schmerzlichem Zucken vibrierten , daß alles klare Denken in ihr zu einem dumpfen , fieberhaften , quälerischen Träumen wurde — ? Der Wunsch überwältigte sie bis zur Atemlosigkeit , ähnlich jenem , der sie einst als Kind heimlich in der Nacht zur Leiche der Mitschülerin getrieben hatte . Wenn nur jetzt niemand sie störte — faßte es nicht wieder draußen an die Klingel . . . . Eugenie ? Nein — es ging vorüber . Gott sei Dank ! Wie unsinnig , Gott zu danken für etwas , das doch unrecht war . . . . Aber so froh ist sie lange nicht gewesen , als nun , da die Hefte und die losen Blätter im Schein der schnell entzündeten Lampe vor ihr liegen : Schwarze Hefte mit roter Schrift — rote mit schwarzen Buchstaben und seltsamen Sinnbildern geschmückt : eine Hand , die eine Fackel schwingt , ein Weib mit einer Freiheitsmütze und einem bloßen Schwert , ihr zu Füßen zerbrochene Kronen , gestürzte Kreuze , — ein Thron , durch dessen klaffende Fugen Schlangen und Würmer kriechen . Sie las im Stehen . Verse . . . . Gott — solche Dichter hatten die . . . . . ? Ja , ja — tausendmal ja ! Das war schön — wild , herrlich ! — Und wenn sie morgen , statt nach Bornau zu reisen , Martin in die Schweiz folgte ? — Ihr Vater bekam einen Brief : seine Tochter habe sich entschlossen , Sozialdemokratin zu werden und “ der Sache ” ihre Dienste zu widmen . Martin würde sie freudig als Genossin empfangen . Das war sicher . — Keine Liebe zwischen ihnen . Zwei Unglückliche , die dem Volke ihre gebrochenen Herzen weihten . Elend zu Elend . Das gehörte zusammen ! Lutz würde dann wissen , was er verloren — sie suchen und niemals finden . . . . Vielleicht im Zuchthaus . . . . Vielleicht auf dem Schaffot . Dahin würde es kommen , Walter sagte es ja immer . Der Bruder zu ihrer Exekution beordert . Sie — ruhig , lächelnd , ohne Thränen . Gott ! mein Gott ! — Aber sie konnte so stehend nicht weiter lesen . Der Rücken that ihr zu weh . Die Arme waren ihr wie gelähmt vom Hantieren mit den schweren Wäschestücken — zwölf Tischtücher waren es allein gewesen . Die Mädchen würden noch lange nicht wiederkommen , sie hatten drei Körbe mit , und außerdem fanden sie auf der Rolle immer Freundinnen , mit denen sie endlos schwatzten . Das kleine Vergnügen war ihnen zu gönnen . Dorte und Luise erschienen ihr plötzlich wie von einer heiligen Würde umleuchtet — sie waren geplagte Proletarierinnen . Agathe legte sich behaglich auf die Chaiselongue und zog die Lampe näher . Da stand noch der Rest von dem Wein , den sie sich vorhin eingeschenkt hatte , und kleine Kuchen lagen auf einem Tellerchen . Sie war brennend durstig und aß und trank , während sie las und las — von dem Elend und dem Hunger und der Not des Volkes und ihrem Haß und dem Ringen nach Befreiung . Die Leidenschaft , die aus den Blättern sprühte , stieg ihr zu Kopf und jagte ihr das matte Blut durch die Adern . Einmal schrak sie jäh zusammen — sie glaubte , es überraschte sie jemand . Die Mädchen kamen keuchend zurück , sie trieften vor Nässe , denn es regnete stark . Küchen-Dorte ging brummend in ihre Kammer . Aber Wiesing huschte noch einmal hinaus ins Dunkel , wo einer wartend in der Nähe der Hausthür stand und heftige Küsse das feuchte Mädchen wärmten . Agathe faßte die Hefte und nahm die Lampe , um das ihr anvertraute Gut in ihrem Zimmer zu verbergen . Sie kam an dem großen Stehspiegel vorüber . Wie sie aussah . . . . Sie stand still und hob die Lampe empor . Das Haar hatte sie zerwühlt , es hing ihr in losem , dicken Gelock um das heiße Gesicht , die Wangen schienen wie von der Sonne durchglüht , und ihre Augen strahlten in Begeisterung — sie war sich selbst überraschend in dieser ihr fremden , leuchtenden Schöne . Sähe Lutz sie so ! Warum kam er nicht in dem Augenblick . . . Ach . . . . ! warum war das unmöglich ! Warum konnte sie nicht zu Martin ? Ein kurzer , schluchzender Schrei , und das Mädchen warf sich lang auf das kleine Sofa nieder — die Arme weit hinausgebreitet in dem hilflosen Begehren nach etwas , das sie an die Brust drücken konnte — nach der Empfängnis von Kraft , von dem befruchtenden Geistesodem , der im Frühlingssturm über die Erde strömt . Rings um sie her standen die zierlichen , hellen Möbel still und ordentlich auf ihren Plätzen , der kleine Lampenschein glimmerte durch rosa Papierschleier auf den gläsernen und elfenbeinernen Nippsachen , den Photographieen und Kotillonandenken . Und die ganze niedliche kleine Welt — ihre Welt sah sie verwundert an . — Die ausgebreiteten Arme sanken ihr nieder , ein wildes verzweifeltes Weinen beruhigte endlich den Krampf , der sie schüttelte . In der Charwoche fuhr Agathe nach Bornau . Während sie ihr Billet löste , stand eine kleine Dame in diskreter schwarzer Toilette neben ihr und wartete , bis der Zugang zum Schalter frei wurde . Ein grauer Gazeschleier verhüllte ihr Gesicht , doch erkannte Agathe Fäulein Daniel . Wohin mochte sie fahren ? Wenn sie nun beide in dasselbe Coupé gerieten ? Ob Lutz inder Nähe war ? Er hatte sie nicht begleitet ! Das heftigste Triumphgefühl durchdrang Agathe . Die Daniel war viel vornehmer gekleidet , als sie selbst . Und Lutz legte so großen Wert auf diese Äußerlichkeiten ! Agathe wurde vom Schaffner in ein schon fast gefülltes Damencoupé geschoben . Wo die Daniel einstieg , konnte sie nicht mehr beobachten . Sie war enttäuscht , als ihr die Sensation entging , mit der Schauspielerin zusammen zu fahren . Ihre Gedanken beschäftigten sich , eine Scene auszumalen , die zwischen ihnen hätte entstehen können , wenn die Daniel , allein mit ihr im Wagen , ihr vorgeworfen hätte , sie raube ihr Adrians Herz . Es war schon später Nachmittag . Ehe man die Station erreichte , wo Agathe den Zug wechseln mußte , hielt die Lokomotive auf offenem Felde . Wartend , miteinander flüsternd , standen die Schaffner im Regen . — Und das ist Frühling , dachte Agathe , die flach sich dehnende , braune , von blaßgrünen Feldstreifen durchzogene , nebelfeuchte Landschaft betrachtend , — das soll Frühling sein . — Sie interessierte sich nicht besonders für die Ursachen ihres unvorhergesehenen Aufenthaltes . Irgendwie mußte die Sache schon in Ordnung gebracht werden und man ans Ziel kommen . Pfeifen und langsames Weiterfahren — nach kurzer Zeit stand der Zug abermals , die Thüren wurden aufgerissen . “ Aussteigen ! ! ” Bahnbeamte , ein paar Schutzleute wiesen den Weg und gaben Antwort . Das Gleis war nicht frei . Ein Zusammenstoß von Güterwagen hatte stattgefunden . Passagiere waren nicht verunglückt — nur ein Heizer tot . Dort — rechts lag die Unglücksstätte . Die zertrümmerten Wagen , wie im Todeskampfe sich gegeneinander bäumende Ungeheuer , hoch und schwarz in die graue Luft ragend . Rufen und Laufen von Menschen . Der Regen prasselte stärker . Die Menge drängte dem Bahnhofs-Gebäude entgegen . Zwischen zwei Beamten kam eine Frau geschwankt , das Gesicht in eine blaue Schürze gepreßt , das Haar durchnäßt , hin und her taumelnd in fassungslosem Weinen . Die Frau des verunglückten Heizers . Man blickte ihr in scheuem Mitleid nach . Als die hohe , glasbedeckte Halle erreicht war , sonderte sich ein Teil der Menschen nach dem Ausgange ab . Die Zurückbleibenden , unter ihnen Agathe , strömten eine breite Treppe hinunter , um durch einen Tunnel den jenseitigen Bahnsteig und womöglich noch den Schnellzug erreichen zu können . Junge Männer mit koketten Reisemützen und flatternden Havelocks eilten gewandt voraus , sich die besten Plätze zu sichern , Kofferträger schafften rufend und scheltend Platz für ihre Bürde . Die gelben Gepäckkarren rasselten , Kinder wurden an der Hand von Müttern und Vätern rücksichtslos weitergezerrt , alte Damen mit Schachteln und Schirmen trippelten und rannten keuchend vorwärts . Eile that not — man hatte sich sehr verspätet . Agathe fiel ein kleiner Junge auf in einem hübschen Mäntelchen , der schon sekundenlang mit dem Strom in ihrer Nähe fortgeschoben wurde , wobei er sich furchtsam nach allen Seiten umsah . Und nun blieb er stehen , ein winziges Hindernis für die Vorwärtsdrängenden , das unsanft aus dem Wege gestoßen wurde . Er begann zu weinen . Agathe wendete sich zu ihm zurück . “ Kleiner , Du hast Dich wohl verloren ? ” Er schluchzte auf und nickte mit dem Kopfe . Was war zu thun ? Man konnte doch das kleine Kind hier nicht allein lassen . “ Mit wem bist Du denn gekommen ? Mit Deiner Mama ? ” Er schüttelte den Kopf . “ Wie heißt Du denn ? ” “ Didi . ” Agathe führte das Kind ins Restaurant und sah dabei durch die großen Fenster , wie draußen ihr Zug abfuhr . Sie wandte sich zu der Buffetdame , um zu fragen , was man thun könne . Augenscheinlich war das Kind in der Verwirrung vom anderen Perron herübergekommen . Ein Dienstmann sollte den Fund bei den Portiers und in den verschiedenen Wartesälen des weitläufigen Centralbahnhofes bekannt machen . Inzwischen behielt Agathe den Kleinen unter ihrer Obhut . Der nächste Zug für sie ging erst in einer Stunde . Hier auf dieser Seite spürte man schon nichts mehr von dem Unglücksfall , der jenseits des Tunnels die Ordnung störte . Hier ging alles seinen einförmig ruhelosen Gang weiter . Neue Züge rasselten donnernd in die gewaltige Halle — Läuten — Pfeifen . Neue Menschenströme drangen die Treppen hinab und in die Säle . Agathe zog sich mit ihrem Schützling ins Damenzimmer zurück . Sie nahm ihm das nasse Mäntelchen ab und wickelte ihn in ihr Plaid , dann setzte sie sich neben das Kind auf das Sofa und fütterte es mit einer Tasse Schokolade . Ganz still und traulich war es hier . Der Kellner hatte eine Gasflamme angezündet und die Thür geschlossen . — Ein Kind wie dieses — und von der Reise kommen . . . Von Lutz abgeholt werden , in einem geschlossenen Wagen , an die Scheiben schlägt der Regen , in seinen Arm sich drücken , mit dem schläfrigen Kleinen auf dem Schoß . . . Wie trugen denn Menschen nur solche Wonne ? Sie wurde doch manchem zu teil . Aber mehr zu fühlen , als bei der Vorstellung , wie das sein könnte . . . . das war ja nicht möglich . Agathe zog den kleinen Buben an sich — fest — fest , und küßte ihn auf die Stirn , auf das feine blonde Haar , auf die Augenbrauen . Erschrocken ließ sie ihn los , als habe sie etwas Unrechtes gethan , weil die Thür aufgerissen wurde . Zwei Frauen kamen eilig herein . Agathe sah eine diskrete , schwarze Toilette — einen grauen Gazeschleier , von einem blassen , verschminkten Gesichtchen fortgeschoben — Didi sprang vom Sofa , aus dem Plaid und jauchzte ihnen entgegen : “ Mama ! Meine Mama ! ” “ Da ist er , der Unglücksbube ! wahrhaftig ! ” rief die Daniel . “ Mein Schatz ! O Du Schatzerl — haben wir Dich gesucht ! ” Sie hob ihn auf und hielt ihn am Herzen — fest — fest . Küßte ihn auf die Stirn — auf das feine blonde Haar und auf die Augenbrauen . Die Frau , die mit ihr kam , entschuldigte sich bei Agathe , sie habe das Kind nur einen Augenblick allein gelassen , gerade unter der großen Uhr , wo sie die Mama erwarteten , weil sie gern das Unglück sehen wollte — und der Schrecken , als das Kind verschwunden war ! Agathe hörte nichts . Die Daniel — sie , eine Mutter ! Und Adrian Lutz ? Es wurde mit einem Mal hell und klar und eiskalt in ihr . Sie sah alles Vorhergegangene — sie wußte alles . Die Schauspielerin wandte sich mit ausgestreckten Händen zu Agathe , um ihr zu danken . “ Ich bin Ihnen sehr verpflichtet — ” Sie fand ihre Worte nicht weiter vor dem verletzenden Hochmut in Agathes Haltung . “ Sie sind lieb zu dem Kinde gewesen , ” stammelte sie unsicher und erregt . “ Es ist nun einmal . . . . Ich bin immer so in Angst um das Kind , weil ich nicht bei ihm sein kann . . . Wenn ich einen Tag keine Nachricht habe , gebärde ich mich wie eine Unsinnige . ” Sie war ganz verweint und zerstört . Sie sah Agathes stumme , starre Abwehr schon nicht mehr . Sie band dem Kinde das Mäntelchen um , setzte ihm die runde Mütze auf . Die Frau , bei der das Kind in Pflege war , wollte ihr helfen , aber sie ließ es nicht zu . Agathe folgte dem mütterlichen Thun der kleinen Soubrette mit den Blicken , wie sie sie oft auf der Bühne beobachtet hatte . Nicht anders . Alles Empfinden schien plötzlich in ihr ausgelöscht . Der Kleine war bereit zum Gehen . “ Komm , Adrian , küß ' der Dame die Hand und sag ' Adieu ! ” Agathe wich zurück . Aber es war ja gleich — alles war gleichgültig . Und sie bückte sich und berührte des Kindes Wange mit ihren kalten , erstarrten Lippen . Sie reichte auch der Daniel die Hand — ganz mechanisch . Über das erregte Gesichtchen der Schauspielerin ging ein Ausdruck von Erschrecken . Unschlüssig stand sie vor Agathe . “ Ich glaube — kommen wir nicht aus derselben Stadt ? ” “ Wir sind uns wohl öfter begegnet , ” antwortete Agathe . Die Daniel wurde plötzlich sehr rot , ihr Mund begann zu zittern . Auch Agathe errötete und sah zur Seite . Jetzt kam er plötzlich — der Schmerz . “ Fräulein — ich bitte Sie — verraten Sie mein armes Geheimnis nicht ! ” Die Augen der beiden Mädchen blickten ineinander und strömten plötzlich über von Thränen — von einer unendlichen Traurigkeit . Sie verstanden sich in etwas Geheimnisvollem , in einem Leiden , für das es keinen Laut gab — das auch durch kein Wort hätte bezeichnet werden können und das weit hinausging über ihr eigenes Schicksal . “ Sie sind gut , ” flüsterte die Daniel . “ Es ist nicht meinetwegen . Nur er — es ist ihm so peinlich ! ” Bitter und hastig sagte sie , indem sie die Hand auf des Kindes Kopf legte : “ Man begreift eben nicht , wie ein Vater solchen Buben verleugnen will . Alles lernt man vergeben — schließlich , wenn man immer fürchtet , alles zu verlieren . ” Agathe vermochte sich fast nicht mehr aufrecht zu halten . Fröstelnd empfand sie einen Rest von Bühnenroutine in der Art , wie die Daniel ihre Worte betonte . Nur sich selbst nicht verraten — nicht dieser ! Alle ihre Kräfte rangen mit dem Verlangen , das wie ein Schwindel sie überströmte , sich zu entblößen und in armseligen Jammer der , die ihn auch liebte , um den Hals zu fallen , zu schreien , zu verzweifeln . Aber ruhig bleiben — Dame bleiben — das hatte Agathe lebenslang geübt — das wenigstens gelang ihr . Mit ernster , mädchenhafter Würde antwortete sie der Schauspielerin : “ Ich könnte nicht vergeben , wo ich verachten müßte . ” “ Verachten ? Das verstehn Sie ja nicht . — Ach — er — ! Er liebt mich ja nicht mehr . Aber er liebt auch die anderen nicht — keine — keine . Sie werden ihm eben alle so schnell zuwider . Und wenn ich sterbe und man öffnet mir das Herz — ich glaube , man findet seinen Namen da mit glühenden Buchstaben eingebrannt . ” “ Gnädige Frau — regen sich doch nicht auf , das Kind fängt auch schon an zu weinen , ” mahnte die Bürgersfrau , welche Didi an die Hand genommen hatte . Die Daniel schluchzte auf , trocknete sich das Antlitz und zog den grauen Schleier vor . “ Warum denn auch darüber reden — es ist ja umsonst . Verzeihen Sie , daß ich Sie mit meinem Kummer belästigte . Nicht wahr — ich habe Ihr Versprechen ? ” Agathe neigte den Kopf . Die Frauen verließen mit dem Kinde das Wartezimmer . Nach einigen Minuten kamen andere Leute herein , es läutete — man rief zum Einsteigen . Frau Heidling empfing ihre Tochter auf dem Bahnhof . Während beide in Onkel Bärs großer dunkler Kalesche die aufgeweichte Landstraße entlangrollten , benutzte Frau Heidling gleich die Gelegenheit , um sich bei Agathe nach der Wäsche und den anderen häuslichen Angelegenheiten zu erkundigen . Es beunruhigte sie schon die ganzen Tage , daß sie Agathe alles allein überlassen hatte . Agathe war ja freilich ein erwachsenes Mädchen , und ihr Mann hatte Recht , wenn er ärgerlich wurde , weil sie die Reise mit ihm als ein Opfer betrachtete , und wenn er sagte , Agathe müsse doch auch lernen , sich selbständig um etwas zu kümmern . Die Regierungsrätin hatte nun einmal das quälende Gefühl , sie würde bei der Heimkehr vieles anders finden , als sie es gewohnt war und als sie es für richtig hielt . Agathe war auch so gleichgültig , so interesselos . Ihre Fragen : ob keine von den Damastservietten gefehlt habe , und ob die Mädchen abends keinen Braten , sondern Wurst bekommen hätten , beantwortete sie in einem müden , unliebenswürdigen Ton . Agathe dachte nicht daran , der Mutter von ihrer Begegnung mit der Daniel zu sagen . Sie würde sich aufregen , und Agathe war von jeher gewohnt , ihre Mutter zu schonen . Dann die Furcht , Mama möchte irgend etwas Moralisches vorbringen — etwas Tadelndes über Lutz und die Schauspielerin , oder Agathe bedauern , daß sie eine so häßliche Geschichte erfahren hatte . Und das alles war es doch gar nicht , was ihr so unsinnig weh that — nicht Abscheu — nicht tugendhafter Unwille — nur Neid — Neid — Neid ! Agathe hörte beim Abendessen ein langes und breites Gespräch : Cousine Mimi wollte Diakonissin werden , aber die Eltern wünschten , sie sollte sich die Sache noch ein Jahr überlegen . Der Regierungsrat nannte den Plan eine exaltierte Mädchenidee und sprach von dem Beruf , den die Tochter zuerst bei den Ihren zu erfüllen habe ; Agathe kam es vor , als sei sie von den Menschen , ihrem Thun und Reden und Wollen durch einen weiten , mit Nebel angefüllten Raum getrennt . Mimi begleitete sie zu ihrem Zimmer — sie hatte es auch während jenes fröhlichen Sommeraufenthaltes als Pensionärin bewohnt . Nicht das Geringste hatte sich hier verändert : dieselbe altertümliche , weiß und grün gestreifte Tapete , dieselben geraden , hochlehnigen Stühle , mit knisternd steifem , hartglänzendem Möbelkattun bezogen , der auf der ganzen Welt nur noch in den Gaststuben konservativer Landedelleute zu finden ist . Die kühle , von einem Lavendelaroma und dem Geruch der Viehställe durchzogene Luft schlug Agathe mit tausend plötzlichen Erinnerungen an die erste Jugend , an Frohsinnn und Gelächter entgegen . “ Weißt Du noch ? ” fragte Mimi und hielt die Kerze empor , einen alten , wunderlichen Kupferstich zu beleuchten . In wurmzerfressenem Mahagonirahmen Sappho , die sich flatternden Gewandes und flüchtigen Fußes mit schönem Schwunge vom leukadischen Felsen ins Meer stürzt . — Eines Tages hatten sie die Jungens hereingeholt und o — wie hatten sie mit Martin und den Kadetten über diesen theatralischen Schmerz gelacht , gekichert und gespottet . Mimi zündete ihrer Cousine das Licht an und ließ sie allein . Agathe mußte sich ruhig verhalten , denn nebenan , nahe der Thür , schliefen die Eltern . Und vor ihr lag die lange , lange , einsame Nacht . — — Das war so grauenhaft : sich vorzustellen , wie er bei einer anderen gewesen , während sie ihm gehörte mit jedem Pulsschlag ihres Blutes , dem ganzen überschwänglichen Gefühl ihres Herzens und allen Träumen ihres Hirns . . . . . . Und kein Gedanke kam von ihm zu ihr geflogen . . . . Sie glaubte seine geistige Nähe zu empfinden , und sein Kopf ruhte befriedigt auf einer weichen , atmenden Brust , sein Ohr hatte in stiller Dunkelheit dem freudewilden Herzschlag jener Frau gelauscht . Ihre geöffneten Lippen hatten den Hauch seines Kusses zu spüren gemeint , und sein Mund hatte Wonne von dem Antlitz der anderen getrunken . . . — Pfui — wie das gemein war und schmachvoll lächerlich dazu . . . Wie ihre im Todeskampf ringende Liebe geschändet wurde durch die Erkenntnis der Wahrheit , der elenden , abscheulichen Wirklichkeit . “ Hast Du Kopfweh ? ” fragte Mama Agathe , als die Verwandten sich um den Frühstückstisch versammelten . “ Ich weiß nicht — nein . ” Die Wände , der Tisch , der Stuhl , auf den sie sich setzte , alles schien leise zu schwanken . Sonderbar . . . . “ Du wirst mir doch nicht krank werden ? ” fragte der Regierungsrat besorgt . In dem heiteren Frühlingssonnenschein , der heut Morgen zu den hohen Fenstern des Gartensaals hereinglänzte , unter den vollen , gesunden Landmenschen , die in ihren Kleidern schon einen Duft von draußen — von Gras und Blumen und frischer , feuchter Erde zum Frühstück brachten , sah er mit Unzufriedenheit und verletztem Vaterstolz , wie abgemagert und dürftig Agathe vor ihm saß . Seine Tochter war ja häßlich . . . . . ein graues , verzerrtes Gesicht mit scharfen , spitzen Zügen und dunklen Ringen um den Augen . Mimi legte ihr Schinken und Honig und Kuchen auf den Teller . “ Liebe Agathe , ” begann sie in ihrer weisen , näselnden Stimme , “ unser alter Herr Rat sagt immer , die erste Mahlzeit wäre die nahrhafteste . Morgen kommst Du mit , im Kuhstahl Milch trinken . ” Der Regierungsrat neckte sie . “ Werden Deine Kranken auch mal Honig und Schinken bekommen ? ” Agathe versuchte zu essen — es mußte doch möglich sein , wenn sie sich zwang . Ein fester Knäuel saß ihr im Hals . Schon nach den ersten Bissen begann sie zu husten . “ Es ist nichts , ” stammelte sie mit einem Lächeln und dabei hustete und hustete sie immer heftiger . Sie wurde aschfahl , die Schweißtropfen rannen ihr von der Stirn und Thränen über die Wangen . Instinktiv preßte sie die Hand auf die rechte Seite der Brust , wo sie einen leisen Schmerz fühlte . Man sprang mit besorgten Mienen von den Stühlen . Mühsam erhob sich Agathe , um sich vor all diesen teilnehmenden Blicken zu retten . Sie spürte einen fremden , unheimlichen Geschmack auf der Zunge — da — das war Erleichterung . . Sie hielt ihr Tuch an den Mund — es färbte sich dunkelrot . Blut . . . . Entsetzt , hilfesuchend sah sie ihre Mutter an . Frau Heidling stützte sie und führte sie hinweg . Mit einer ruhigen , tröstenden Stimme sagte sie : “ Du legst Dich still hin — dann wird sich ' s schon beruhigen . Das kommt wohl mal vor . ” Sie bettete die Tochter , hielt sie im Arm , als ein neuer Anfall kam , und hatte ein Lächeln , indem sie ihre Wangen streichelte und sagte : “ Armes Kind , hast Du Dich geängstigt ? Das sieht gleich so schrecklich aus . Nicht wahr ? Das kommt ja so oft vor . ” Agathe lächelte auch . Ja — ja — sie wußte schon — das kam oft vor . Alles war gut so — ganz friedevoll und gut . Nur die Aussicht , das Erlebte jahrelang heimlich mit sich weitertragen zu müssen , hatte sie so aufgeregt und zerrissen . Da — sie tastete mit der Hand — da unter dem rechten Schlüsselbein — wenn sie atmete , fühlte sie ein leichtes Rasseln an der Stelle . Kaum Schmerzen . Sterben war ja gar nicht schwer — war ja ein müdes Aufgeben — ein gleichgültiges sich Abwenden von allem . . . . Die Augen geschlossen , ein wenig fiebernd , lag sie , nachdem der alte Sanitätsrat , der mit dem Wagen aus der Stadt geholt war , sie verlassen hatte . Nicht reden — nichts erklären zu brauchen — ach — das war gut . Auf Zehen schlich jemand ins Zimmer , sie kannte ihres Vaters Schritt , aber sie öffnete die Lider nicht . Er küßte sie auf die Stirn — behutsam — sie fühlte warme Tropfen über ihre Schläfe rinnen . Da quollen ihr auch die Thränen . Er wischte sie ihr fort und murmelte : “ Mein gutes Kind — meine gute Kleine ! ” Mama , die in einer großen weißen Schürze vor dem Bette saß , machte ihm ein stummes Zeichen , beide gingen leise , leise wieder hinaus und standen flüsternd vor der Thür . “ Der Herr Rat sagt , wenn Du hübsch vorsichtig sein willst , bist Du in vierzehn Tagen wieder munter , ” erzählte Mama mit der heiteren Stimme , die so seltsam von ihrem gewöhnlichen , sorgenvollen , müden Ton abstach , und die sie nur annahm , wenn eine große Gefahr ganz nahe stand , doch durch Selbstbeherrschung und Verständigkeit vielleicht noch abgewendet werden konnte . Agathe erinnerte sich dieser besonderen , sanftheiteren Sprechweise ihrer Mutter von den Kranken- und Sterbebetten ihrer kleinen Geschwister her . Wie gut es that , so zu ruhen , umspielt von der linden Frühlingsluft , die zu den geöffneten Fenstern bald die kräftigen Gerüche der Landwirtschaft , bald die zarten Düfte des jungen Laubes an der großen Linde hereintrug . Keine Schmerzen — nur eine leichte fieberische Verwirrung des Denkens , das in halben Schlummer überging . Und alles Erlebte so ferne — aus einem früheren Dasein mit verblaßten Farben herüberdämmernd . Auf dem Tischchen neben ihr standen Blumen , Flieder und Kamelien . Cousine Mimi brachte sie täglich frisch aus dem Gewächshaus . Die kostbaren Blumen , die nur bei den seltensten Gelegenheiten geopfert wurden — das hatte so etwas Feierliches , wie letzter Liebesdienst . Sie war doch nicht verlassen — man hätte sie gerne noch behalten . Und sie hatte ein Bedürfnis nach Zärtlichkeit . . . . Auch ein Bild des Heilandes hatte Mimi an ihrem Lager aufgestellt , sie wollte ja Diakonissin werden , und ihr Sinnen , ihr ganzes Wesen war von einer heiteren und bestimmten Glaubenskraft erfüllt . Agathe sah gerne auf das edle gesenkte Haupt unter der Dornenkrone . Sie betete viel — stumm mit gefalteten Händen . Es war ihr dem Gottessohn gegenüber wie einem hohen wundervollen Menschen , von dem man viel hat erzählen hören — aber man glaubte doch niemals , von Person zu Person ihn kennen zu lernen . Und da meldet er plötzlich seine nahe Ankunft — und nun fühlt man erst , was das besagen will . Eugenie schrieb einen langen , teilnehmenden Brief . Sie erzählte von einer Landpartie , die am zweiten Ostertage stattgefunden hatte . “ Es war recht schade , daß Du nicht dabei warst . Herr von Lutz fragte auch nach Dir und läßt Dir gute Besserung wünschen . Er war ganz verrückt und machte der dummen Wehrenpfennig den Hof — aber , wie jeder sehen konnte , nur zum Spaß . Die Daniel ist übrigens nach Schluß der Saison anderweitig engagiert und geht von