können mich ruhig mal von Ihrem ausgezeichneten Mus kosten lassen , danach hab ich mir elf Jahre lang die Finger geleckt . « » Ach , was der junge Herr immer für Späße macht ! « rief Mamsell Wärmchen und füllte ihm eifrig ein Tellerchen voll auf . Die Damen mußten nun auch kosten . Sie saßen auf der Eimerbank , auf einem umgestülpten Waschfaß , auf einem Holzschemel , und ein fröhliches Plaudern und Scherzen ging zwischen ihnen , zwischen der Alten am Kessel und der purpurwangigen Mamsell Wärmchen hin und wieder . Draußen brauste ein scharfer Herbststurm durch die Kastanienbäume und ließ ihre Blätter im Wirbel über den Rasen tanzen , hier innen war es schön warm und traulich bei dem guten Geruch des Muses . Alte Kindergeschichten wurden erzählt , und die Wibekken wußte zu berichten , wie August und Fritz sich verhalten hatten , als sie auf die Welt gekommen waren , und später , als sie die Masern und das Scharlachfieber durchmachen mußten . Es war so eine behagliche , friedlich frohe Erinnerungsstimmung , bei der ein Tellerchen Mus nach dem andern geschleckt wurde und niemand Lust hatte aufzubrechen . Endlich wurde Mamsell doch abgerufen , und damit löste sich das ganze Zusammensein . Während Frau Marie sich am Arm ihres Schwiegertöchterchens hielt , um die ausgetretenen Kellerstufen hinaufzuklimmen , geschah es , daß Hilde und Fritz nebeneinander zu gehen kamen . » Ich weiß nicht , « sagte Fritz plötzlich zu seiner Kusine , » warum du nicht an Mamsell Wärmchens Stelle auf den Gedanken verfallen bist , das Kurhaus zu pachten . An wirtschaftlichen Fähigkeiten dazu hätte es dir doch nicht gemangelt . Es würde mir an deiner Stelle besser behagt haben , als so ein armes Quälholz bei einer launenhaften alten Prinzessin zu werden . « Hilde lachte . » Die wirtschaftlichen Fähigkeiten hätte ich vielleicht , aber nicht das nötige Kapital , um die Kaution zu stellen . Das hat Mamsell Wärmchen . Woher aber sollte ich es nehmen ? « Fritz blieb stehen und blickte das Mädchen an . » Ich vergaß , « sagte er langsam , ... » Verwandte für jahrelange treue Arbeit zu belohnen , das geht ja wohl gegen die Ehre ? « » Ach , rede nicht so , « sagte Hilde , » ich habe doch auf Rauschenrode eine Heimat gefunden gehabt , und nun – nun wird ' s ja wohl Zeit , daß ich auf eigene Füße zu stehen komme . « » Gedankt hat dir , glaube ich , noch keiner von uns ordentlich für alles , was du an unsern Eltern getan hast , « sagte Fritz und hielt ihr seine Hand hin . Überrascht legte Hilde die ihre hinein , und er hielt sie einen Augenblick schweigend mit festem Druck . Sie standen in dem kühlen Steingang , aus den Milchkellern umfing sie ein säuerlicher Geruch . Es war nicht gerade ein schöner oder ein poetischer Aufenthalt , und doch erschien es Hilde , als ob der ganze alte dämmerige Gang sich plötzlich für sie mit einem goldenen Licht erfüllte , und als ob dieser kühle Duft nach saurer Milch und Rahm und Käse süßer zu atmen sei als alle Rosen des Morgenlandes . Sie gingen dann still die ausgetretenen Stufen hinauf und jedes an seine Beschäftigung , aber ein Friede blieb dem Mädchen im Herzen , durch den sie leichter dem Glück entsagen zu können meinte , das sie doch , wie es ihre Überzeugung war , niemals mehr ergreifen würde . Wo die aufgetürmten Bergmassen sich zu weitem grünen Talgrund verflachten , der sich dann wieder zu einem Ausblick nach den blauen Fernen der Ebene öffnete , stiegen auf einer letzten , hügelartigen Bodenerhebung die Mauern des neuen Kurhauses empor . Schon war das Dachgerippe mit sämtlichen muntern Türmchen angelegt . Das Richtfest stand vor der Tür ; es sollte mit großem Glanz und Pomp begangen werden . Die herzoglichen Herrschaften hatten ihr Erscheinen zugesagt , sie wollten mit dem Staatsminister und dem Bürgermeister von Langenrode die neugeplanten Anlagen bei dieser Gelegenheit eingehend besichtigen . Es wurde fieberhaft gearbeitet , die Umgebung von häßlichem Bauschutt zu säubern , die im Rohen angelegten Gartenpartien und Wege vor dem breit hingelagerten Gebäude durch eine Fülle kleiner Tannen und Birken , durch schwebende Blumengirlanden und bewimpelte Holzmasten wenigstens anzudeuten und zu einem bunten , fröhlichen Bild zu gestalten . Rechts , nicht allzuweit von dem Kurhaus entfernt , war schon der Grundstein zur » Villa Debberitz « gelegt und weiterhin die Station der elektrischen Bahn durch ein mit Flaggen ausgeputztes , buntes Holzbarackchen wenigstens angedeutet . Links am Abhange des Rauschenberges grüßte das graue Dach des Schlosses aus den breitästigen Wipfeln seiner Parkbäume traulich herüber als ein Nest ehrwürdiger und poetischer Vergangenheit . So drückte sich wenigstens Herr Debberitz Hilde gegenüber aus , als er sie am Tage vor dem Richtfest mit der ältern und jüngern Frau von Kosegarten zu den neuen Anlagen führte , ihnen die festliche Ausschmückung zu zeigen . Er war voll zufriedenen Eifers , strahlend von schlecht verhehlter Wichtigtuerei , während er in seiner Hand die Rollen seiner Baupläne wie einen mächtigen Feldherrnstab schwang . Zwei Arbeiter mußten die riesigen Zeichnungen halten . Er stand breitbeinig davor und wies mit der Silberkrücke seines Stockes auf diese und jene besonders bedeutungsvolle Einzelheit . » Hören Sie auf , « rief Frau Marie lachend und schüttelte sich in ihrem alten , etwas mottenzerfressenen Pelzkragen , » mir schwindelt der Kopf schon von all den Modernitäten ! Ich hätte keinen Augenblick Ruhe vor irgendwelchen Explosionen , Kurzschlüssen , eingeklemmten Fahrstühlen und andern solchen Freuden . « Debberitz lächelte mitleidig . » Jnädiges Fräulein , « sagte er bedeutungsvoll zu Hilde , » finden Sie nicht auch , daß meine zukünftige Gemahlin es jut haben wird , in diesem Toilettenzimmer , wo jeder ihrer Wünsche durch einen Fingerdruck auf einen Knopf zu befriedigen ist ? « Hilde lachte kurz auf . » Wenn Sie nun einmal eine Frau bekommen , Herr Debberitz , « rief sie lustig , » die sich aus allen solchen Sachen gar nichts macht und sich im Hof am Brunnen die Hände wäscht ? Was dann ? « Debberitz wagte einen bewundernden Blick . » Jnädiges Fräulein ! – Ich würde nur eine Frau nehmen , die wie eine Königin zu herrschen versteht ! Ja , das würde ich tun – das können Sie mir jlauben ! « » Ich glaube es Ihnen ja , Herr Debberitz , « rief Hilde unbehaglich , » ich bin von Ihrem guten Geschmack fest überzeugt ! « » Seht , dort kommt Fritz im Ponywagen , « unterbrach Frau von Kosegarten das gefährlicher werdende Gespräch , » wohin mag der wollen ? « Fritz kutschierte das leichte Korbwägelchen und fuhr in behendem Trab über den freien Platz . » August schickt mich nach Brottendorf , der Schmied hat ihn wieder im Stich gelassen ! Hilde , willst du mitfahren ? Dann nehmen wir den Weg durch den Dietrichsgrund . « » Aber natürlich will ich , « rief Hilde überrascht ; es war ihr in dem Augenblick noch mehr darum zu tun , Debberitz zu entgehen , als mit Fritz zu fahren . Eine betäubende Angst vor einer von ihr geforderten Entscheidung ergriff sie . So sprang sie denn mit ganz unnötiger Hast auf das leichte Gefährt zu . Fritz reichte ihr die Hand hinunter , sie setzte den Fuß auf den kleinen Tritt und schwang sich auf den schmalen Sitz neben ihren Vetter , noch ehe jemand von den andern recht zur Besinnung gekommen war . » O , jnädiges Fräulein , « rief Debberitz , » das ist aber gegen die Verabredung ! Ich wollte Ihnen doch die ganze wirtschaftliche Einrichtung noch zeigen ! « » Ein andermal , Herr Debberitz , « rief Hilde von ihrem gesicherten Platz herunter mit fröhlichem Spott , » wir haben ja noch viel Zeit vor uns ! « » Dem hab ich einen Strich durch die Rechnung gemacht , « rief Fritz vergnügt , als sie durch das Tal rollten , wo auf den fahlgewordenen Herbstwiesen die lila Zeitlosen blühten . » Man darf dem edlen Herrn die Eroberung nicht gar zu sehr erleichtern . Findest du nicht auch ? « Hilde lächelte schwach und wurde dabei sehr rot . » Ich höre nur von allen Seiten , daß ich sie ihm unnötig erschwere , « sagte sie , die Schultern leicht schaudernd in die Höhe ziehend . » Ekelhaft ! « rief Fritz und knallte wie ein Knabe zornig mit der Peitsche . » Aber , Fritz , « meinte Hilde begütigend , » es sind doch deine Verwandten , die mich Herrn Debberitz gönnen . « » Eben , weil es meine Verwandten sind , « knurrte er , » darum ist es mir doppelt und dreifach ekelhaft , ihr Gehabe und Getue um diesen Kerl mit anzusehen ! « Hilde lachte hell . » Du bist köstlich in deinem Zorn ! – Wer hat denn diesen Kerl in die Familie eingeführt ? – Bitte , mein Lieber , gib Antwort ! Wer hat ihm denn seine jetzige Stellung verschafft ? « » Nun , ich natürlich , « grollte er , » das weiß ich , deshalb brauchst du mich nicht so spöttisch anzugucken . Konnte ich auch nur ahnen , daß meine liebe Familie so jedes Unterscheidungsvermögen über Bord werfen würde ? « » Sie sind berauscht vom Geist der neuen Zeit , « sagte Hilde nachdenklich . » Er wirkt auf sie wie ein Gift , das taumeln macht und die Besinnung raubt . Du hast ihnen eine zu starke Dosis auf einmal davon zu kosten gegeben . Du freilich bist daran gewöhnt und bist des neuen Geistes Meister geblieben . « » Hilde , höre auf , « rief Fritz , » du sprichst mir allzu klug , du stempelst mich ja geradezu zum Verbrecher und Unheilstifter , und weißt du , manchmal komm ich mir selbst so vor ! « Er hielt am Eingange des Tales , wo die Straße in den waldigen Dietrichsgrund einbog , und blickte auf die zerwühlte , zerrissene , durch die halbfertig in die Luft ragenden Bauten und die Arbeiterkantinen jedes friedlichen Zaubers beraubte Landschaft zurück . » Wie abscheulich sieht das aus und ist doch erst der Anfang ... « Über Hildens feines bräunliches Gesicht und durch ihre goldig schimmernden Augen ging ein wehmütiger Glanz . » Kennst du nicht die Sage von den großen Baumeistern alter Zeiten , die ein lebendiges Kind in den Grundstein einmauern mußten , damit ihr Werk Bestand hatte , und erst auf dieser Leiche konnten die stolzen Zinnen hinaufwachsen ? « » Das ist ein schauerlicher Vergleich , Hilde ... Und doch hat er etwas Wahres . « Sie saßen eine Weile schweigend nebeneinander und fuhren in den engen Grund hinein , wo sich zu beiden Seiten die Berglehnen , mit mächtigen Buchen bestanden , steil emportürmten . Golden und kupferbraun schimmerte das Laub , und die Ebereschen zur Seite des Wegs standen wie Korallenbäume in Purpur und Karmin , bis zu seltenem Erdbeerrot und Blaßrosa abgestuft , das Scharlach der Fruchtbüschel zwischen dem feinen , in so märchenhafter Pracht glühenden Gefieder . Auf einer Felsenwand , der sie gerade entgegenfuhren , erhoben sich einzelne dieser roten Bäume , von der sinkenden Sonne beschienen , wie aufzüngelnde Flammen . Sie sahen beide um sich und freuten sich der Schönheit , während die Luft herbstscharf ihre Wangen umwehte . Fritz fuhr langsamer , indem sie tiefer und tiefer eintauchten in die wundersame Farbenpracht der Bergeseinsamleit . Auf die Waldwiese zwischen die feinen roten Bäumchen traten braune Rehe , hoben den Kopf , witterten ängstlich hinüber nach den im Grunde Fahrenden und ästen dann friedlich weiter . Fritz lächelte , und sie blickten einander in die Augen in gemeinsamer Freude , die sie sich mit jähem Griff aus dem alltäglichen Leben gestohlen hatten . Dann kamen sie auf den morgigen Tag zu sprechen , was man davon erwartete , und auf den sichtbaren Stolz , der August und Mimi beseelte über das schnell Erreichte und über alles , was noch in Aussicht war . » Glaubst du nun eigentlich ehrlich , « fragte Hilde , » daß die Sache Bestand haben wird ? « » Aber gewiß ! « rief Fritz energisch . » Sicherlich ! Das kühnste Wagnis glückt , wenn die Bedürfnisse der Zeit ihm entgegenkommen . Millionen und Genie sind verschwendet , wenn sie sich dem Geist der Zeit entgegenstellen oder ihm zu weit vorauseilen ! « » Du bist so philosophisch heute , « meinte Hilde . » Fällt mir eben auch auf , « rief Fritz . » Sehr bedenklich ! Philosophie kommt bei mir immer an die Reihe , wenn mich ein Unternehmen nicht mehr interessiert ! « » Aber Fritz , du willst doch nicht sagen ... ? « » Siehst du , « begann Fritz behaglich , » die Sache hier ist in die richtige Bahn geleitet , die besten Leute sind gewonnen , die Aktien steigen ... Das andere , so die tägliche Arbeit , das werden August und Debberitz schon leisten ... Was soll ich noch hier ? – Ich störe sie nur . « Hilde sah erschrocken zu ihrem Vetter auf . In seinem schmalen , harten Gesicht mit den festen , regelmäßigen Zügen lag eine ruhige Entschlossenheit , und sie wußte plötzlich , daß er ihr in kurzer Zeit ins Unbekannte entschwinden werde , wie er aus dem Unbekannten vor ihr aufgetaucht war . Und indem sie leise sagte : » Fritz , du willst gehen , « war in den still gesprochenen Worten doch etwas von dem Erzittern ihres Herzens . Fritz blickte sie nicht an , sondern sah ins Weite . » Du gehst ja auch , « antwortete er mit einer sonderbaren Betonung , deren Sinn sie nicht verstand . » Ja , ich gehe , « wiederholte sie mechanisch , » ich muß wohl gehen . Das Haus hat zwei neue Herren , der eine liebt mich zuwenig , der andere liebt mich zuviel ... Übrigens kann es ja auch sein , daß ich gerade deshalb bleibe . Wenn ich klug wäre ... Ach , « sagte sie plötzlich ganz mut- und hoffnungslos , » es ist ja alles gleich , was ich auch wähle , das eine ist mir so abscheulich wie das andere . Ich habe keine Entschlußfähigkeit mehr . Mein Leben ist doch einmal aus den Fugen . « » Dann renke es wieder ein und laß es nicht vollends aus den Fugen gehen , « sagte Fritz hart . Das Mädchen wandte mit einer gequälten Bewegung den Kopf hin und her , als litte sie unerträglich . » Du hast gut reden . Was weißt du von meinem Leben ! Es ist ja auch nichts davon zu sagen , so oder so bleibt es ein törichtes und häßliches Flickwerk . « Fritz gab einen unwilligen Ton von sich . » Herrgott , Hilde , du hast mich vorhin einen Meister genannt ... ich wollte , ich könnte auch dir etwas mehr Meisterschaft beibringen . Aber ihr deutschen Mädchen habt alle zuviel Gefühl und zuwenig Mut . Darum bleibt ihr so im Dumpfen , Unsichern stehen . « » Wir meinen eben , « sagte Hilde melancholisch , » Gefühl haben sei Pflicht und Mut sei Frevel . « Fritz hob den Kopf und heftete die Augen mit einem scharfen eindringlichen Blick auf seine Kusine . » Mir ist eine mutige Frau das Höchste auf der Welt , « sagte er ernst . Aber Hilde klagte : » Mir nützt kein Mut mehr , ich wüßte nicht , wo ich ihn gebrauchen und was ich mit ihm anfangen sollte ! « » Ha , « rief Fritz , » wozu man ihn gebrauchen soll ? – Das zeigt uns schon die Stunde , die Notwendigkeit ! Wenn etwas unerträglich wird , entschlossen Feuer an die Schiffe legen und den Sprung ins Dunkle wagen ! « Hilde hatte ihm zugehört , den Kopf gesenkt , die Arme vor sich hingestreckt , die Hände zwischen den Knien fest gefaltet . Jetzt hob sie den Blick und sah ihn mit großen Augen an . » Für das Wort dank ich dir ! Den Sprung ins Dunkle wagen – das wäre vielleicht das einzige ... « Sie senkte den Kopf wieder und blickte in tiefem Sinnen vor sich hin . Er störte sie nicht . Er fühlte , daß hier über ein Leben entschieden wurde . Nach einer Weile sagte er ruhig : » Du hast mich nicht mißverstanden , Hilde , nicht wahr ? « Sie schüttelte hastig den Kopf , bittend , als möge er Schonung üben und nicht mehr an diese schweren Dinge rühren . Sie hatten auch bald ihr Ziel erreicht , und auf dem Rückweg sprachen sie nur Gleichgültiges . Schottenmaier unterwies Zyprian , wie er sich bei der Bedienung der hohen Gäste zu verhalten habe . » Du machst so gewissermaßen dein Examen , « belehrte er . » Wenn ich gehe , hast du einen schönen , sichern Posten für Lebenszeit , bei dem man auch etwas erübrigen kann . Das siehst du doch an mir . « Zipperjahn nickte und zeigte ein breites Grinsen auf seinem freundlichen , roten Gesicht . » Sie werden ' n mächtiger Mann , Herr Schottenmaier , wenn Sie erst das Kurhaus haben , « sagte er ehrfurchtsvoll . » Ja , wenn man so denkt , was Herr Debberitz hier jetzt bedeutet . Das ist doch noch gar nicht so lange her , als den der Herr von Kosegarten ein Mistvieh schimpfte . « » Zipperjahn , « sagte Schottenmaier , » daran hast du dich nicht mehr zu erinnern . Es ist manches Mal jut , man hat nicht zu viel im Gedächtnis , hörst du wohl ? ! « Die Tür wurde hastig geöffnet , Fräulein Trinette rauschte atemlos herein . Die Schmelzbehänge ihrer ehrwürdigen Samtmantille wogten und knisterten um sie her , der beste Spitzenhut ihrer Schwägerin thronte würdig über ihren glatten Scheiteln . Ein Parfüm von Naphthalin und ungelüfteten Stuben umwehte die vornehme Erscheinung . » Aber , gnädiges Fräulein , « rief Schottenmaier erschrocken , als er sie erblickte , » die Wagen mit den andern Herrschaften sind schon längst fort ! « » Ja , ich habe mich verspätet , « gab sie zu , » ich werde die Rede des lieben Herrn Oberpfarrers verfehlen . Aber Herr Debberitz klagte heute morgen über Schmerzen im Rücken , ich habe ihm schnell noch etwas Ameisenspiritus abgegossen . Auch trug ich eine Tasse Erdbeertee in seine Stube und stellte sie in die Ofenröhre , damit sie warm bleibt . Die Gesundheit dieses prächtigen Mannes ist für uns alle von der größten Wichtigkeit . Die Wagen sind also fort ? Nun , da werde ich wohl gehen müssen . Schlimm , schlimm , es ist kalt und windig . Wissen Sie nicht , Zyprian , ob die gnädige Frau ihren Muff genommen hat ? « » Nein , « sagte Zyprian , » der hängt draußen in der Garderobe . « » Nun , da bring ihn mir , mein Knabe , « sagte Fräulein Trinette mit gütigem Lächeln . Und als sie ihn entgegengenommen hatte , entfernte sie sich mit huldvollem Kopfnicken . Der Sturm ergriff ihre Samtmantille und blähte sie wie ein großes , schwarzes Segel , so daß sie , einer majestätischen Trauerfregatte gleich , über den Kiesplatz dahinflog . Schottenmaier aber hob bedeutungsvoll den Finger . » Zipperjahn , « sagte er mit schlauem Lächeln , » die Aktien steigen . Man merkt ' s am Ameisenspiritus ! « Wieder öffnete sich die Tür , diesmal behutsam , und Mamsell Wärmchen steckte den Kopf herein . » Schottenmaier , hören Sie die Glocken ? Die Kirchenglocken läuten ! « Schottenmaier öffnete das Fenster , der Wind trug einzelne verwehte Glockentöne herüber . » Dann hat die Feier schon begonnen , « sagte er . Wärmchen faltete die Hände und lauschte andächtig . » Schottenmaier , « sagte sie so gerührt , daß ihr die Tränen über die Backen liefen , » hören Sie doch nur ! Ach Jott , wie erhebend ! Schottenmaier , wenn man so denkt , das ist nun das Richtfest für unser Glück . « Schottenmaier stand würdig neben ihr und bemerkte philosophisch : » Der eine geht , der andere kommt , das ist der Lauf der Welt . Wenn die alte Herrschaft hier oben auszieht , dann ziehen wir unten ein . « » Wenn der liebe Gott so will , Schottenmaier , « ergänzte Wärmchen , die in solchen feierlichen Augenblicken unbewußt den Ton von Frau Marie von Kosegarten anzunehmen pflegte . Man war noch in eifrigem Schwatzen über alle Veränderungen , die im Schlosse vor sich gegangen waren , als man einen Wagen rollen hörte . Zipperjahn stürzte hinaus , um Blaffke zu rufen , erschien aber gleich wieder und berichtete , es sei nur die junge Frau und Herr Fritz , und er solle Fräulein Hilde rufen . Diese eilte verwundert ins Wohnzimmer und fand Mimi blaß , mit geschlossenen Augen im Lehnstuhl liegen , während der Schwager ihr ein Tuch , dem ein scharfer Duft nach Eau de Cologne entströmte , auf die Stirn hielt . » Es ist ihr unwohl geworden bei dem langen Stehen in der Kälte unter den vielen Menschen , « sagte Fritz erklärend . » Du hättest nicht mitgehen sollen , « schalt Hilde , » du weißt doch , daß der Arzt dir gesagt hat , du müßtest dich sehr schonen . « » Ach , « klagte Mimi , » August wäre doch zu unglücklich gewesen , wenn ich nicht hätte an der Feier teilnehmen können . Es ist mir so schrecklich peinlich , daß Fritz mich beinahe tragen mußte . « Sie blickte mit ängstlich verstörten Augen von einem zum andern . » Glaubt ihr , August hat es bemerkt , daß Fritz mich fortgeführt hat ? Bitte , Fritz , tu mir den Gefallen und kehre gleich wieder um . « Die Besorgnis vor der üblen Laune ihres Gatten prägte sich so deutlich auf dem blassen Gesicht ab , daß Fritz ärgerlich antwortete : » Beruhige dich , Mimichen . Wenn August verdrießlich wird , so schicke ihn nur zu mir , dann werde ich ihm einmal den Standpunkt klarmachen . « » Um Gottes willen ! « rief die junge Frau erschrocken . » Ich habe schon genug von seiner Eifersucht zu leiden . Er findet deinen Ton gegen mich zu frei . Ach , « seufzte sie , in die Verzagtheit verfallend , in die die beginnende Mutterschaft die Frau häufig versetzt , » daß doch alles Glück so schwer erkauft werden muß ! « Hilde nötigte sie freundlich , sich niederzulegen , versprach sie rechtzeitig zu wecken und kehrte dann schnell ins Wohnzimmer zurück . Sie fand Fritz , der Mantel und Hut abgelegt hatte , vor dem Ofen stehen , um sich die Hände zu wärmen . Seine schlanke Gestalt erschien in dem Gesellschaftsanzug mit der weißen Krawatte noch schlanker und magerer als sonst . » Du noch hier ? « fragte sie verwundert . » Warum nicht ? « sagte Fritz . » Man braucht mich dort nicht . « Hilde legte beide Hände an die Schläfen , als fühlte sie einen Schmerz . » Man braucht dich dort nicht , wo du die Seele des Ganzen bist ? ... « wiederholte sie . » Aber , Hilde , « sagte Fritz , und der freundliche Ton seiner Stimme widersprach dem Ernst , der in seinen Augen und über seiner Stirn lag , » du bist ein kluges Mädchen und weißt nicht , daß die , die am meisten geschuftet haben , bei Grundsteinlegungen und Einweihungen die allerüberflüssigsten Personen sind ? – Da kommen andere dran – nach dem alten Gesetz der Arbeitsteilung ... Nein – ernsthaft gesprochen – ich erkenne täglich mehr , daß ich im Wege bin in diesem » Hause meiner Väter « . Na – irgendwo in der Welt wird sich schon ein Plätzchen finden , wo ich mich wieder mehr daheim fühlen werde ... « Er lächelte humoristisch zu dem Mädchen hinüber . » Nur nicht schwerfällig werden ... Wenn eine Hoffnung sich nicht erfüllt , steht gleich eine andere vor der Türe . « » Deine Mutter würde es schwer verwinden , wenn du wieder gingest , « meinte Hilde . Fritz zog die Brauen hoch . » Es war ihr eine große Freude , daß ich kam , es war ihr vielleicht notwendig , aber längere Gefühlsaufregungen sind gar nicht zuträglich für alte Leute . Wenn ich wieder fort bin , wird die Erinnerung an mich sich weit besser ihrem täglichen Leben einfügen , als es meine Gegenwart tut . Was ich hier wollte , hab ich ja schließlich erreicht , habe meinen alten Herrn von der Sorge um das Gut befreit – na , und wenn man fühlt , daß man seine Arbeit getan hat , so soll man sich schnell davonmachen . « Im Hofe tönte das Rollen von Wagen . Hilde lief ans Fenster . » Sie kommen ! Die Eltern steigen eben aus ! Da werden die herzoglichen Herrschaften auch gleich hier sein ! « Sie reckte sich seufzend auf . » Du wirst dir deine Fluchtabsichten noch überlegen , « sagte sie zu ihrem Vetter , indem sie sich beide hinunterbegaben . Er lächelte und antwortete nicht . Der Gartensaal sah heute , ehe er für die Wintermonate geschlossen wurde , zum letztenmal noch eine große , glänzende Versammlung zwischen seinen blumigen Tapeten . Die Herzogin , eine schmale , schlanke Frau mit müden Augen und einem kleinen , feinen Mündchen , die stets bestrebt war , den Altersunterschied zwischen sich und ihrem Gemahl durch ernste Würde der Haltung zu verringern , saß mit der alten und der jungen Frau von Kosegarten und Prinzessin Karoline am Kamin . Riesige prasselnde Buchenscheite strömten eine wohlige Wärme auf die arg durchfrorenen Damen aus , und heißer Tee , dampfender Punsch wurden mehr begehrt als der eisgekühlte Sekt . Prinzessin Karoline hatte Fritz an ihre Seite gewinkt . Er lehnte sich an den Pfosten des Kamins und plauderte mit ihr in jener neckisch galanten Weise , die Prinzessin Karoline stets so anmutig an ihre glorreichen Wiener Tage erinnerte . » Sie müssen uns oft aufsuchen , wenn Ihre Kusine erst bei mir ist , « flüsterte sie , sich nahe zu Fritz hinüberbeugend , so daß das fürstliche Parfüm gleich einer schweren Duftwelle zu ihm aufstieg . » Ich plane kleine Teeabende , vielleicht ein Spielchen , o , ganz harmlos , ein Whist oder dergleichen . Sie müssen noch ein paar junge Leute mitbringen , ich sehe gern Jugend um mich . Nett , sehr nett , was ? Wir wollen recht lustig sein . « Fritz verbeugte sich zustimmend . » Ich weiß nicht , « sagte er etwas zögernd , » ob Hoheit den Charakter meiner Kusine ganz richtig beurteilen . « Die Prinzessin kicherte . » Mon cher ami . Sie wollen doch nicht etwa auch unter die ernsten Warner gehen ? Ihre Kusine wird nicht prüde und nicht albern sein , superbe , das gefällt mir gerade . Dort sehe ich sie eintreten , bitte , rufen Sie sie zu mir . « In der Mitte des Saals sprach der Herzog mit August und Debberitz . Er zeigte sich interessiert für alle Einzelheiten ihrer Pläne . » Sie haben Erstaunliches geleistet , meine Herren , « rief er mit seiner seinen , hohen Stimme , » ganz außerordentlich , ganz außerordentlich ! « » Hoheit , « begann Debberitz und legte die Hand auf sein tadelloses , weißes Vorhemd , » fürs Vaterland , fürs angestammte Fürstenhaus ... « Der Herzog lächelte ihm gnädig zu . » Gewiß , gewiß ! Die Ideale sind treibende Kräfte ! Wann wird die elektrische Bahn dem Betrieb übergeben werden können ? « » Ich denke in ein bis zwei Jahren , « bemerkte August . Die Herzogin wandte sich ein wenig zur Seite in ihrem Lehnstuhl , um den Herren zuzuhören . » O , das ist gut , das ist sehr gut , « sagte sie erfreut , » beschleunigen Sie den Bahnbau so viel als möglich . Der Weg von Langenrode nach unserem Lustschloß Nassenstein ist so beschwerlich für die armen Pferde . « » Der Wunsch einer hohen Frau wird uns zu fiebernder Eile antreiben , « sagte Debberitz , erstaunt , daß ihm diese pathetische Phrase so gut gelungen war . Die Herzogin neigte mit freundlichem Dank das kleine Köpfchen , auf dem ein noch kleinerer Hut aus Goldgespinst und Zobel sich in das farblose dünne Haar schmiegte . » Wir werden einen Salonwagen haben ? « fragte sie liebenswürdig . Debberitz verbeugte sich . » Selbstverständlich , Hoheit . Ahorntäfelung mit blauen Samtpolstern ! « » Ahornholz mit blauen Samtpolstern , « wiederholte die Herzogin müde . » Scharmant , ganz scharmant ! « Ein Kammerherr war inzwischen auf den Herzog zugetreten und hielt ihm zwei Lederetuis entgegen . Der Herzog ergriff das eine , drückte auf den Knopf und entnahm ihm einen Orden . Das diskrete Stimmengeschwirr , das bisher den Saal erfüllt hatte , verstummte plötzlich . Die stattlichen Gestalten des Oberpfarrers und des Bürgermeisters , der weißlockige Staatsminister und mehrere andere Herren des Gefolges gruppierten sich unauffällig und doch mit der sicheren Gewöhnung , solchen Szenen das nötige Dekorum zu verleihen , im Halbkreis um den hohen Herrn . Auch die neue Haushofmeisterin ,