Finden Sie nicht , daß ich mich als Bräutigam vorzüglich ausnehme ? Aber wo ist denn Ernst ? Er weiß vermutlich noch nichts , ich muß ihm doch die große Neuigkeit mitteilen . « Treumann , der inzwischen seinen Neffen begrüßt hatte , wendete sich um und zeigte eine höchst ärgerliche Miene . » Ernst ist gar nicht mehr in Gernsbach , « berichtete er . » Er ist wieder einmal unbegreiflich ! Denken Sie nur , eine Viertelstunde von hier begegne ich ihm , allein und zu Fuße . Ich lasse natürlich anhalten und frage ihn – was bekomme ich zur Antwort ? Er sei auf dem Rückwege nach Heilsberg und habe den Wagen für Sie zurückgelassen . Er selbst könne nicht bleiben , müsse schleunigst nach Hause , dringende Geschäfte – und damit läuft er im Sturmschritt davon . Was soll Frau von Maiendorf davon denken , und Sie hat er auch im Stich gelassen . Mein Herr Neffe leistet jetzt wirklich das Möglichste in der Rücksichtslosigkeit ! « Hartmut blickte mit einem etwas boshaften Lächeln auf den ganz ergrimmten alten Herrn . Ernst hatte ihm heut morgen erklärt , daß mit dem heutigen Tage das Geheimnis seiner Autorschaft zu Ende sei auch für Heilsberg , und nun beschloß der Herr Major , sich ein Extravergnügen zu machen . » Das müssen Sie ihm diesmal schon verzeihen , « bemerkte er . » Ernst ist jetzt wirklich sehr in Anspruch genommen , vermutlich hat er Depeschen aus Berlin erhalten . « » Depeschen aus Berlin ? « wiederholte Treumann erstaunt . » Ja , was hat denn Ernst mit Berlin zu thun ? « » Das werden Sie schon erfahren . Die Berliner Abendzeitungen kommen ja wohl morgen früh nach Heilsberg , da wird Ihnen die Geschichte zum Frühstück serviert . Aber eigentlich kann es Ernst nicht verantworten , daß Sie , der leibliche Onkel , es erst nachträglich und durch die Zeitung erfahren . « Jetzt wurde Max auch aufmerksam , der Notar aber schüttelte ratlos den Kopf . » Ich verstehe Sie nicht , Herr Major , « gestand er . » Was ist denn los mit Ernst ? « » Das sollten Sie doch wissen , « spottete Arnold . » Sie sind ja eigens mit Maxl nach dem Goldenen Löwen gegangen , um ihn zu feiern . Das hätten Sie freilich näher haben können , denn er stand gerade vor Ihnen im Garten . Aber Sie kanzelten ihn ab und erklärten , an ihm sei Hopfen und Malz verloren , und gleich darauf ließen Sie ihn unlogischerweise hochleben , den Ritter Sankt Georg , wie Sie sich so schön ausdrückten , den Verfasser von › Hexengold ‹ . « » Das ist doch nicht etwa E – Ernst ? « Der junge Maler stotterte vor Aufregung bei der Frage . » Freilich E – E – Ernst ! « stotterte ihm der Major nach . » Das greift dich wohl an , Maxl ? Ja , du bist jetzt nicht mehr die einzige Berühmtheit in der Familie . – Herr Notar , ich sehe , daß Sie mir noch immer nicht glauben . Nun denn , ich gebe Ihnen mein Wort darauf , der Verfasser von › Hexengold ‹ heißt Ernst Raimar und bekennt sich heut öffentlich dazu . Und nun entschuldigen Sie mich , meine Herren , ich muß zu meiner Braut ! « Er weidete sich noch einige Sekunden an der völligen Fassungslosigkeit der beiden , machte dann kehrt und ging davon . Onkel und Neffe standen sich noch immer wie zwei Salzsäulen gegenüber , endlich fragte der erstere halblaut , mit fast versagender Stimme : » Maxl – Maxl , was sagst du dazu ? « » Es ist nicht wahr ! Es ist wieder eine von den Possen des Majors , « behauptete Maxl , der sich an diese Möglichkeit förmlich zu klammern schien . » Er hat sein Wort darauf gegeben – es ist wahr ! « brach der alte Herr aus , der jetzt zum vollen Begreifen kam . » Und das ist mein Neffe ! Maxl , du mußt heut mit zur Stadt , heut abend ist Sitzung im historischen Verein , und da werde ich eine Rede halten . Meine Herren , werde ich sagen , ich bringe Ihnen eine große Neuigkeit ! Wir haben diesen Verfasser von › Hexengold ‹ gesucht in Berlin , in Steinfeld , überall , alle Welt hat ihn gesucht , und nun ist er da ! Hier aus Heilsberg ist das Gericht ergangen über diese Neustädter und ihren Pascha , mitten unter uns ist er auferstanden , dieser Sankt Georg – und ich bin sein Onkel ! « Es blieb unentschieden , ob der Herr Notar diese letzten Worte als Schlußeffekt seiner Rede leisten wollte , oder ob sie nur seinem augenblicklichen Hochgefühl entstammten , aber er schleuderte sie triumphierend heraus , Max dagegen sprach kein Wort , er war wütend , denn es dämmerte ihm doch das Bewußtsein auf , daß er nun abgesetzt sei als Familiengenie . + + + Ernst Raimar war in der That nach Heilsberg zurückgekehrt und hatte nur eine kurze Nachricht für Arnold zurückgelassen . Er wollte ihn nicht stören in seiner Werbung , aber er konnte es nicht mit ansehen , dies Glück des Freundes , das in derselben Stunde aufkeimte , wo er Abschied nahm von dem seinigen . Er saß jetzt in seinem Arbeitszimmer am Schreibtische , den Kopf in die Hand gestützt . Heute abend war sein Name in aller Mund , da trat er persönlich ein in den heißen Streit des Tages und stellte sich dem Sturme , den er selbst entfesselt hatte ; aber der helle , frohe Kampfesmut , der aus seinen Augen blitzte damals , als er sich dem Freunde entdeckte , war verschwunden . Die alte Düsterheit lag wieder auf seinen Zügen , er wußte jetzt erst ganz und voll , was ihn dieser Kampf kostete . Die Abschiedsstunde hatte es ihn gelehrt . Da trat einer seiner Schreiber ein und meldete : » Herr Notar , es ist ein Herr aus Steinfeld da , der Sie zu sprechen wünscht . Er will sich nicht nennen , es sei eine Privatsache – « Er kam nicht weiter in seinem Berichte , denn der Fremde , der ihm gefolgt war , trat jetzt aus dem anstoßenden Zimmer und sagte befehlend : » Genug , es bedarf keiner weiteren Anmeldung . Ich und der Herr Notar kennen uns . « Raimar saß in sprachloser Ueberraschung da , als er Felix Ronald erkannte , aber schon in der nächsten Minute erhob er sich mit anscheinender Ruhe . » Jawohl , ich kenne den Herrn . Gehen Sie ! « Ein Wink verabschiedete den Schreiber , der den Gebieter von Steinfeld nicht persönlich kannte und sich nur über die kurze , herrische Art des Fremden wunderte . Er gehorchte und entfernte sich . » Sie haben wohl nicht erwartet , mich hier zu sehen ? « begann Ronald . » Nein ! « sagte Ernst kalt . » Aber Sie erraten vielleicht , was mich herführt ? « » Allerdings . Meine Erklärung ist heute morgen in Berlin eingetroffen , zum Abdruck für die Abendzeitungen , und Sie haben die Nachricht jetzt schon erhalten , man hat sie Ihnen vermutlich telegraphisch zugesandt . Auf Ihr persönliches Erscheinen war ich allerdings nicht gefaßt , aber da Sie hier sind – « Er deutete auf einen Stuhl . Ronald machte eine hochmütig ablehnende Bewegung . » Ich danke , wir verhandeln besser stehend miteinander . Ich gestehe , daß es mich überrascht hat , Ihren Namen als den des Verfassers von › Hexengold ‹ zu hören . Bisweilen ist mir wohl der Gedanke gekommen , aber ich verwarf ihn immer wieder , ich hielt Sie – offen gesagt – nicht für bedeutend genug zu einem solchen , nach jeder Richtung hin meisterhaft geführten Angriff . Ich mache Ihnen mein Kompliment darüber . « Er sprach mit kaltem Hohne , und in seiner Haltung lag die ganze hochmütige Ueberlegenheit eines Mannes , der seines Sieges vollkommen sicher ist , nur seine Augen redeten eine andere Sprache , es brannte eine unheimliche Glut darin . » Sind Sie nur gekommen , um mir das zu sagen ? « fragte Raimar , der seine Gelassenheit bewahrte . » Nein , aber ich hielt es für nützlich , wenn wir beide uns einmal unter vier Augen sprechen , ehe wir uns da draußen treffen vor aller Welt . Sie gestehen mir hoffentlich dies Recht zu . Wir sind ja – alte Feinde ! « » Das sind wir ! « » Also zur Sache ! Was bezwecken Sie eigentlich mit diesem Angriff ? Wollen Sie mich vielleicht stürzen ? Das wäre doch ein etwas kühnes Unterfangen . Ich rate Ihnen nicht dazu . « Ernst lehnte mit verschränkten Armen an seinem Schreibtische , das Auge fest auf seinen Gegner gerichtet , und seine Antwort klang in vernichtender Ruhe . » Ich will ein System stürzen , dessen Führer und Vertreter Sie sind , das schon so vielen zum Unglück geworden ist , wenn sie es auch noch nicht wissen , denn die Augen werden ihnen zu spät aufgehen . Ihre anscheinend so mächtigen und riesenhaften Unternehmungen , die Ihren Namen in alle Welt hinausgetragen haben , sind auf Flugsand gebaut . Die stützt und hält nur der blinde Glaube der Menge an Sie und Ihre Macht , Steine in Gold zu verwandeln , dieser Glaube , der Ihnen immer wieder neue Quellen zuführt , wenn die alten längst versiegt sind . Wankt er einmal , dann stürzt das ganze Gebäude zusammen , muß zusammenstürzen – das wissen Sie am besten ! « » Wirklich ? « fragte Ronald mit einem höhnischen Auflachen . » Wollen Sie mich belehren in Finanzangelegenheiten , Herr Notar von Heilsberg ? Wo haben Sie denn Ihre Studien darüber gemacht ? « » In Steinfeld habe ich sie gemacht , es liegt uns ja nahe genug , « sagte Raimar , ohne sich durch den herben Spott beirren zu lassen . » Es war die erste Ihrer großen Schöpfungen , und sie wird auch zuerst dem Verhängnis verfallen . Sie wollten das freilich nicht abwarten und sich mit der Aktiengesellschaft decken – das dürfte jetzt nicht mehr möglich sein . « » Sie meinen durch Ihr Pamphlet ! « rief Ronald . » Sie haben allerdings mein Steinfeld als eine Art Mördergrube geschildert , wo die größten Schandthaten verübt werden und der Bankrott vor der Thür steht ; den Beweis sind Sie natürlich schuldig geblieben . Herr Notar , Sie machen sich lächerlich mit solchen haltlosen Behauptungen ! Die Steinfelder Werke sind jedem zugänglich , dort sind Tausende von Arbeitern , Hunderte von Beamten . Sie werfen mir freilich vor , ich hätte sie blind und fühllos gemacht mit meinem › Bann ‹ . Wir leben doch nicht mehr in einer Märchenwelt ! « » Nein , wir leben in einer höchst realen Welt ; aber die Bannworte sind geblieben , sie heißen jetzt nur : Furcht und Mitschuld . Ich glaube es wohl , daß Ihre Oberbeamten schweigen , sie werden sich nicht selbst an das Messer liefern , aber all die anderen hält nur die Furcht , und jetzt ist der Bann gebrochen , jetzt werden sie reden . « » Da sie einen so vorzüglichen Anwalt finden , der ihnen die Worte in den Mund legt – vielleicht ! Solche Menschen lassen sich nur zu gern hetzen gegen den , der ihnen jahrelang Arbeit und Brot gegeben hat . Und Sie machen sich ja mit Vorliebe zum Anwalt der › Unterdrückten ‹ . Sie haben schon damals Sensation damit gemacht , bei Ihrem ersten Auftreten in dem großen Streikprozeß , nun , jetzt können Sie Ihre Rednergaben in eigener Sache verwenden . Ich werde natürlich die Klage auf Verleumdung stellen , das haben Sie doch wohl erwartet ? « » Gewiß , das habe ich sogar bezweckt . Ein Streit wie der unsere kann nur in vollster Oeffentlichkeit ausgefochten werden . « Ronald trat plötzlich dicht vor ihn hin und maß ihn verächtlich vom Kopf bis zu den Füßen . » Glauben Sie etwa , daß ich Sie fürchte ? « » Ja , Sie fürchten mich – sonst wären Sie nicht hier ! « sagte Raimar , den Blick ebenso zurückgebend . » Sie wollen wissen , wie weit meine Kenntnis reicht , und was ich etwa noch verschweige . Geben Sie sich keine Mühe , bei einem Gegner wie Sie ist man auf seiner Hut . « » Daran thut man recht . Mit mir ist nicht leicht zu kämpfen , – ich heiße Felix Ronald ! « Er richtete sich hoch und drohend auf , aber in den Worten lag mehr als der gemeine Hochmut des Emporkömmlings . Das ganze mächtige Selbstbewußtsein , die eiserne Energie , die den Mann emporgetragen und groß gemacht hatte , sprach daraus . Er stand da , als habe er in der That die Macht , alles , was sich gegen ihn erhob , in den Staub zu treten . Aber hier traf er auf einen ebenbürtigen Gegner , der ihm nicht einen Fuß breit wich , auch der richtete sich jetzt empor , und auch in dessen Augen flammte es drohend und vernichtend , als er kalt und fest antwortete : » Und ich heiße Ernst Raimar ! « Ronald biß sich auf die Lippen . Er schien denn doch nicht gefaßt zu sein auf eine solche Kühnheit , mit der der » Notar von Heilsberg « sich auf gleiche Stufe mit ihm stellte , dann aber flog ein unheimliches Lächeln über seine Züge , und er wiederholte langsam , mit scharfer Betonung : » Raimar – jawohl ! Der Name wird Ihnen doch hinderlich sein in der Oeffentlichkeit . Sie persönlich sind ja einwandfrei , aber ich fürchte , man wird Ihnen trotzdem nicht das Recht zugestehen , in solchen Dingen den idealen Standpunkt zu vertreten und sich zum Sittenrichter aufzuwerfen . « Der Hieb glitt wirkungslos ab , Ernst zuckte nicht einmal dabei , er blieb ruhig . » Das heißt , Sie wollen Ihren Anhang und die Presse , die Sie beeinflussen , gegen mich hetzen und ihnen das Losungswort geben , mich gerade an der Stelle schonungslos anzugreifen ? Sie wollen mir die Waffen aus der Hand winden , indem Sie der Welt klarmachen , daß ich überhaupt kein Recht mehr habe , eine Waffe zu führen ? « » Was ich thun werde , ist meine Sache ! « » Ganz recht , aber was ich dann thue – Felix Ronald , es ist nicht das erste Mal , daß wir beide uns so treffen . So standen wir uns schon einmal vor zehn Jahren gegenüber , und die Worte , die damals fielen , haben Sie so wenig vergessen wie ich . « » Nein , aber Sie thäten gut , mich nicht daran zu erinnern , « sagte Ronald eisig , er schien auf einmal seine ganze Ruhe wiedergefunden zu haben , » Sie waren damals völlig unzurechnungsfähig in Ihrer Verzweiflung , und mit einem Tollen rechtet man nicht – sonst hätten Sie mir jene Stunde büßen müssen . « » Nun , ich habe es doch schon damals gewußt , daß man der Welt nicht mit Behauptungen , nur mit Beweisen kommen darf . « Ernst sprach nur halblaut , aber der Klang seiner Stimme , sein ganzes Aussehen verriet , daß es etwas Furchtbares war , was er da berührte . » Was ich in meiner Schrift behaupte und vertrete , dafür wird Steinfeld selbst den Beweis liefern , aber ich wiederhole es Ihnen , zügeln Sie Ihre Presse ! Wenn sie die angebliche Schuld meines Vaters gegen mich ins Feld führt , wenn man diese Wunde schonungslos wieder aufreißt , dann reißt man auch mich fort über die Grenzen der Besonnenheit . Dann , beim ewigen Gott , schleudere ich das , was bisher nur einmal über meine Lippen gekommen ist , in die Welt hinaus , ohne Beweise ! Jetzt glaubt man mir vielleicht doch ! « Es war das letzte Aufbäumen einer lang getragenen Qual , Ronald erwiderte kein Wort auf diesen stürmischen Ausbruch , und in seinem Gesicht zuckte keine Muskel , nur die Augen loderten in wildem dämonischem Haß , und seine Rechte machte sich wie zufällig an der Brusttasche des Rockes zu schaffen . Raimar sah das und trat einen Schritt zurück . » Was soll das ? « fragte er scharf und laut . Ronald schien sich zu besinnen , er ließ langsam die Hand wieder sinken . » Sie haben recht , es thut nicht gut , wenn wir beide uns unter vier Augen sprechen , das könnte noch einmal ein Unglück geben . Das weitere wird sich ja finden . Also – auf Wiedersehen ! « Damit ging er , mit hoch erhobenem Haupte und festem Schritt , stieg in seinen draußen harrenden Wagen und rief dem Kutscher zu : » Nach Gernsbach ! « Ernst Raimar blieb allein , aber die Düsterheit , die Träumerei von vorhin waren verschwunden . Diese Begegnung hatte ihm gezeigt , daß jetzt keine Zeit war , um verlorenes Glück zu trauern . Er atmete tief auf , aber es war etwas wie Erlösung in diesem Aufatmen , und laut und fest sprach er : » Nun denn hinein in den Kampf – in das Leben ! « + + + Major Hartmut war als glücklicher Bräutigam nach der Stadt zurückgefahren , und Notar Treumann war gleichzeitig aufgebrochen , nicht minder glücklich im Besitz der » großen « Neuigkeit , die er zuerst nach Heilsberg brachte . Max hatte sich dem Onkel angeschlossen , begreiflicherweise in sehr gedrückter Stimmung , denn auch diese Landidylle endete für ihn mit einer Niederlage . Keiner von ihnen ahnte , daß in dem geschlossenen Wagen , der vorüberfuhr , Felix Ronald saß . Es dämmerte bereits , als dieser in Gernsbach eintraf . Die Begrüßung in Wilmas Gegenwart war vorüber , die beiden Verlobten traten soeben in Ediths Zimmer , und jetzt , wo sie allein waren , zog Ronald die Braut leidenschaftlich an seine Brust . » Ich danke dir ! « sagte er . » Ich wollte dich nicht um diese Zusammenkunft in Gernsbach bitten , aber ohne deinen Entschluß hätten wir unser Wiedersehen noch länger hinausschieben müssen . Ich kann jetzt nicht fort von Steinfeld und gehe voraussichtlich erst in vierzehn Tagen nach Berlin . Ich danke dir , daß du gekommen bist , meine Edith ! « Es klang eine stürmisch aufwogende Freude in seiner Stimme , Edith hatte die Umarmung hingenommen , ohne sie zu erwidern , jetzt machte sie sich los , fast mit einer Bewegung der Ungeduld , und sagte hastig : » Ich mußte dich auch sprechen , Felix , wir haben uns brieflich ja nur ganz flüchtig verständigen können . Du hast jetzt mehr als je zu thun , ich weiß es , und wollte dich nicht quälen mit Fragen und Drängen . Nun aber sage mir – was hast du beschlossen ? « Sie wollte ihn neben sich auf das Sofa niederziehen , aber Felix blieb stehen . Er schien doch etwas anderes erwartet zu haben , in der ersten Stunde des Wiedersehens , nach mondenlanger Trennung , als diese hastigen , ungeduldigen Fragen . Seine eben noch so leidenschaftlich erregte Stimme hatte auf einmal einen kühlen , scharfen Ton , als er fragte : » Wovon redest du denn eigentlich ? Ich verstehe dich nicht . « Edith sah ihn mit der äußersten Betroffenheit an . » Wovon ich rede ? Aber ich bitte dich , Felix , gibt es denn jetzt für uns ein anderes Interesse als den Angriff , womit jene Flugschrift dich bedroht ? « » Bedroht ? Mich ? « wiederholte er in dem gleichen Tone . » Du scheinst der Sache eine ganz unverdiente Wichtigkeit beizulegen . Es ist eine geschäftliche Intrigue , in erster Linie gegen die Aktiengesellschaft gerichtet , deren Bildung man verhindern will . Natürlich werden dabei auch ich und mein Steinfeld angegriffen , das gehört eben dazu , aber es ist doch nicht weiter bedrohlich . Ich habe meine Maßregeln bereits genommen und werde die Antwort nicht schuldig bleiben . « Ediths Augen hafteten noch immer befremdet und fragend auf seinen Zügen , als wolle sie darin lesen , ob diese kühle Ruhe natürlich oder erzwungen sei , endlich sagte sie halblaut : » Papa nimmt die Angelegenheit sehr ernst , das weißt du vermutlich . « » Ja , ich weiß , « Ronald zuckte verächtlich die Achseln . » Wir haben sie ja ausführlich erörtert , ehe ich nach Steinfeld ging . Er war ganz außer sich darüber . Dein Vater ist eben ein Geschäftsmann alten Schlages , der solche Zwischenfälle gar nicht kennt und überhaupt keinen persönlichen Feind hat . Ich habe von jeher mit dem Haß meiner Gegner rechnen müssen und bin noch immer mit ihnen fertig geworden . Ich werde es auch diesmal – verlaß dich darauf ! « » Hier handelt es sich aber um mehr als bloße Feindseligkeit , « fiel Edith erregt ein . » Man greift nicht nur deine Schöpfungen , man greift dich und deine Ehre an , das kann und darf dir nicht gleichgültig sein . Du mußt diese Anklagen vernichten , ohne Zögern vernichten , wenn du ihnen nicht erliegen willst . « Ronald stand finster mit zusammengezogenen Brauen da , die Mahnung aus dem Munde seiner Braut schien ihn zu verletzen , aber in seiner Antwort lag eine furchtbare Bestimmtheit . » Sei ruhig ! Ich werde sie vernichten und meinen Feind mit ihnen ! Aber ich sehe , daß du dich hier ganz von deinem Vater beeinflussen laßt , der die Tragweite der Sache völlig überschätzt . Ihr habt euch brieflich bereits verständigt , wie es scheint , da wird er dir wohl auch mitgeteilt haben , daß ich mit seinem Vorschlag durchaus einverstanden bin . « » Mit welchem Vorschlage ? « fragte Edith erstaunt . » Was meinst du damit ? « » Nun , hinsichtlich unserer Verlobung . Sie sollte ja in allernächster Zeit veröffentlicht werden , und dein Vater wünscht das natürlich jetzt nicht , er verlangt im Gegenteil , daß sie unbedingt Geheimnis bleibe . Er ist eben immer und überall der kluge , vorsichtige Geschäftsmann und wird es auch dir wohl hinreichend klar gemacht haben , daß man – erst abwarten müsse . « » Felix , du bist im Irrtum , « unterbrach ihn Edith , aber er fuhr , ohne das zu beachten , fort : » Ich finde das ja ganz natürlich , aber es wäre rücksichtsvoller gewesen , wenn ihr mir den Vorschlag überlassen hättet , ihr konntet darin wirklich meinem Takte vertrauen . « Er sprach mit anscheinender Ruhe , aber um seine Lippen zuckte eine grenzenlose Bitterkeit . Edith begriff erst jetzt , um was es sich handelte , mit einer raschen Bewegung erhob sie sich und sagte fest und bestimmt : » Mein Vater hat mir nichts Derartiges geschrieben , und ich würde auch nicht zugestimmt haben . Ich sehe keinen Grund , die ursprüngliche Bestimmung zu ändern , und ich denke , wir bleiben dabei . Sobald du in Berlin eintriffst , erklären wir öffentlich unsere Verlobung und versenden die Anzeigen . « Felix fuhr auf , ein Strahl heißen , wilden Glückes flammte in seinen Augen , und mit stürmisch hervorbrechender Leidenschaft rief er : » Edith , das wolltest du ? Gerade jetzt ! « » Hast du daran gezweifelt ? « fragte sie stolz und ruhig . » Mein Platz ist jetzt an deiner Seite , ich kenne meine Pflicht . « Ronald hatte eine Bewegung gemacht , als wolle er seine Braut an sich reißen , jetzt ließ er die Arme wieder sinken , und der Strahl in seinem Auge erlosch so jäh , wie er aufgeflammt war . » Deine Pflicht ? « wiederholte er , in ganz verändertem Tone . » Ja so – « » Mein Vater wird vielleicht widerstreben , « fuhr Edith fort , ohne den Ton bemerken zu wollen , » aber er muß nachgeben , denn hier haben nur wir beide zu entscheiden . Ich gehe übermorgen nach Berlin , soll ich jetzt schon Andeutungen machen oder wollen wir warten bis zu deiner Ankunft ? Ich bin zu allem bereit . « » Das sehe ich ! « sagte Ronald herb . » Zu allem , nur zu dem einen nicht , worauf ich warte , seit wir allein sind , auf ein einziges warmes und inniges Wort aus deinem Munde ! Hättest du mir gesagt : mein Vater hat recht , laß uns schweigen , bis der Sturm vorüber ist , aber ich bleibe dein , Felix , ich habe dich lieb ! – Ich hätte dir gedankt , gedankt , wie ein Verschmachtender , dem man den frischen Trunk reicht . Und nun stehst du vor mir , so fremd , so eisig , als läge eine endlose Kluft zwischen uns , und bietest mir ein kaltes Opfer der Pflicht , das ich nicht will ! Ich nehme kein Almosen der Großmut , das mir so geboten wird ! « Edith stand halb verletzt , halb beschämt da , während er sich mit vollster Heftigkeit abwendete und an das Fenster trat . Er hatte ja recht mit seinen Vorwürfen , es lag kein Hauch von Liebe oder auch nur von Wärme in ihrer Erklärung , das eine Wort , das er forderte , wollte nicht über ihre Lippen , sie konnte es nicht aussprechen . Es lag wie eine Eiskluft zwischen ihr und dem Manne , dem doch ihr ganzes Leben gehörte . » Du thust mir unrecht , « sagte sie endlich leise . » Ich wollte dich nicht kränken , aber ich – – Du kannst nicht anders ! « ergänzte Ronald , sich langsam wieder umwendend , » Du hast ja recht , ich sollte es doch nun endlich wissen ! Aber ich habe geglaubt , ich könnte es erzwingen mit meiner Leidenschaft , habe es immer wieder versucht , und immer wieder trafen Eis und Feuer zusammen . Du kannst nun einmal nicht lieben , nicht heiß und voll empfinden ! Es ist nicht deine Schuld , aber mein Verhängnis ist es , daß ich dich , gerade dich lieben muß ! « Es klang fast wie Groll und Haß aus den Worten , und doch lag der Mann völlig im Banne der so spät erwachten Leidenschaft , die jetzt sein ganzes Sein und Wesen beherrschte . Selbst der Sturm , der so drohend gegen ihn heranzog , blieb machtlos diesem Banne gegenüber . Die junge Braut bebte leise zusammen . » Du kannst nicht lieben ! « Sie wußte es besser , und vielleicht war es ein geheimes Schuldbewußtsein , was ihrer Stimme diesen weichen Klang gab , als sie erwiderte : » Laß uns doch nicht um Worte rechten ! Ich zeige es dir ja , daß ich die Deine bin und bleiben will . Wozu denn diese Bitterkeit und diese Vorwürfe , du thust mir weh damit . « Der Ton , so neu und ungewohnt in dem Munde seiner Braut , verfehlte nicht den Eindruck auf Ronald . Sein Antlitz hellte sich auf , er trat wieder zu ihr und preßte , ohne ein Wort zu sprechen , in heißer , stummer Abbitte seine Lippen auf ihre Hand . Diesmal ließ er es auch geschehen , daß sie ihn an ihre Seite niederzog , während sie fortfuhr : » Du bist furchtbar gereizt , Felix , und ich finde das nur zu begreiflich . Es handelt sich hier doch um kein Opfer . Wir hatten ja stets den Anfang des Oktober für die Erklärung unserer Verlobung bestimmt . « » Nein , wir hatten den Zeitpunkt meiner Standeserhöhung dazu bestimmt , « sagte Ronald finster , » Das ist einstweilen verschoben worden ! Also verschieben wir auch jene Erklärung . « » Man hält dir nicht Wort ? « fragte Edith betroffen . » Du hieltest die Sache doch für vollkommen gesichert . « » Sie war beschlossen und genehmigt und sollte in diesen Tagen vollzogen werden , ich weiß das mit Bestimmtheit . Da kam jener Angriff , und da wuchs plötzlich ein ganzes Heer von Ausflüchten und Vorwänden aus dem Boden hervor . Mir lag aber gerade jetzt alles an diesem Beweis des Vertrauens von oben , ich wollte es erzwingen und stieß endlich auf ein unverhülltes Nein . Die Angelegenheit müsse ruhen , bis auf weiteres , ich müsse mich erst rechtfertigen gegen jene Anklagen . « Er sprach mit rücksichtsloser Offenheit , aber man sah doch , wie schwer es dem stolzen Manne wurde , das seiner Braut zu bekennen , der er die Freiherrnkrone als Morgengabe hatte bringen wollen . Er bekannte damit doch auch die Tragweite jenes Angriffs , die er bis jetzt geleugnet hatte . Edith erbleichte , sie ahnte , was diese Zurücknahme des gegebenen Wortes bedeutete . Zum erstenmal scheiterte die bisher so schrankenlose Macht ihres Verlobten , zum erstenmal wankte das Gebäude seines Glückes . Vielleicht fühlte er das selbst , denn die tiefste Gereiztheit verriet sich in jedem seiner Worte . » Rechtfertigen ! « wiederholte er mit einem bitteren Auflachen . » Gegen eine anonyme Schmähschrift , die da aus irgend einem dunklen Winkel auftaucht ! In jedem andern Lande würde man die Achseln darüber zucken und es mir überlassen , solches Gewürm zu zertreten , aber hier in unserem biederen , spießbürgerlichen Deutschland nimmt man solche