, dieser Ton schmeichelnder Bitte , und noch unwiderstehlicher bat ihr Blick , Reinhold sah schweigend nieder auf die schöne Frau , deren Liebe , deren Besitz ihm einst als der höchste Preis des Glückes erschienen . Der Zauber übte noch immer seine alte Macht und übte sie gerade dann am stärksten , wenn er den Versuch machte , ihm zu entrinnen . In Worten ward die Gewährung freilich nicht gegeben , aber Beatrice sah es , als er sich zu ihr niederbeugte , daß sie diesmal gesiegt hatte . Als er sie eine halbe Stunde darauf wirklich verließ , war die Aenderung in ihrem Reiseplane eine beschlossene Sache , und der Abschied galt nicht einer Trennung von Wochen , sondern nur von Tagen . Es dämmerte bereits , und der Mond stieg langsam empor , als Reinhold seine eigene Wohnung erreichte , die in einiger Entfernung , im freieren Theile der Stadt lag . Beim Eintritt in das Empfangszimmer fand er dort den Capitain , der seinem Diener soeben eine nachdrückliche Strafpredigt gehalten zu haben schien , denn Jonas stand vor ihm mit der Miene äußerster Zerknirschung , die sich in komischer Weise mit einem verhaltenen Ingrimm mischte , dem Worte zu leihen ihn wohl nur die Gegenwart seines Herrn abhielt . „ Was giebt es denn ? “ fragte Reinhold etwas befremdet . „ Eine Inquisitionssitzung , “ entgegnete Hugo ärgerlich . „ Seit Jahren schon mühe ich mich vergebens ab mit diesem verstockten Sünder und unverbesserlichen Weiberfeind , aber da hilft weder Lehre noch Beispiel . – Jonas , Du gehst jetzt augenblicklich hinauf zur Padrona , bittest um Verzeihung und versprichst künftig manierlicher zu sein . Marsch , hinaus ! “ „ Ich werde ihn schließlich noch nach der Ellida zurückschicken müssen , “ fuhr er zu seinem Bruder gewandt fort , nachdem Jonas das Zimmer verlassen hatte . „ Da ist die Schiffskatze das einzige weibliche Wesen , das er um sich hat , und mit dem wird er hoffentlich noch auskommen . “ Reinhold warf sich in einen Sessel . „ Ich wollte , ich hätte Deinen unverwüstlichen Humor , Deine glückliche Gabe , das Leben leicht wie ein Spiel zu nehmen . Ich habe das nie vermocht . “ „ Nein , der Grundton Deines Wesens war immer elegisch , “ meinte der Capitain . „ Ich glaube , Du hast mich nie recht als ebenbürtig betrachtet , weil ich nicht so ideal-romantisch alle Höhen erfliegen und alle Tiefen durchdringen konnte und mochte , wie Ihr Künstlernaturen . Wir Seeleute sind nun einmal auf die Oberfläche angewiesen , und wenn auch hin und wieder der Sturm die Tiefe aufwühlt , uns macht das nichts ; wir bleiben eben oben . “ „ Ganz recht , “ sagte Reinhold düster . „ Bleibe Du auf Deiner hellen sonnigen Oberfläche ! Glaube mir , Hugo , es ist nur Schlamm in der Tiefe da unten , wo man nach Schätzen suchte , und es weht ein Eishauch auf den Höhen da oben , wo man nur goldenes Sonnenlicht geträumt – ich habe Beides durchgekostet . “ Hugo blickte forschend auf seinen Bruder , der in dem Sessel mehr lag als saß , das Haupt wie todtmüde zurückgelehnt , während die düstern Augen weit hinaus schweiften über die Gärten der Umgebung und zuletzt an dem noch matt erhellten Horizonte haften blieben , wo soeben das letzte Tageslicht verschwand . „ Höre Reinhold , Du gefällst mir ganz und gar nicht , “ brach er auf einmal los . „ Ich komme nach Jahren , um meinen Bruder wiederzusehen , dessen Name alle Welt erfüllt , dem das Schicksal alles gegeben , was es einem Menschen nur geben kann ; ich finde Dich auf der Höhe des Ruhmes und Glückes – und da glaubte ich Dich anders zu finden . “ „ Und wie denn ? “ fragte Reinhold , ohne den Kopf zu heben oder das Auge von dem dämmernden Abendhimmel abzuwenden . „ Ich weiß nicht , “ sagte der Capitän ernst , „ aber das weiß ich , daß ich schon nach vierzehn Tagen dieses Leben nicht mehr aushalte , das Du jahrelang geführt hast . Dieses ruhelose Stürmen von Genuß zu Genuß ohne irgend eine Befriedigung , dieses fortwährende Schwanken zwischen wilder Aufregung und tödtlicher Ermattung sagt meiner Natur nicht zu . Du solltest der Deinigen Zügel anlegen . “ Reinhold machte eine halb ungeduldige Bewegung . „ Thorheit ! Ich bin längst daran gewöhnt , und dann – das verstehst Du nicht , Hugo . “ „ Möglich ! Wenigstens bedarf ich noch keiner Betäubung . “ Reinhold fuhr auf ; ein Blick flammenden Zornes traf den Bruder , der es versuchte , ihm so tief in ’ s Innere zu sehen , und der ganz unbeirrt fortfuhr : „ Denn nur Betäubung ist es , nach der Du Tag für Tag ringst , die Du überall suchst , ohne sie je zu finden . Gieb dieses Leben auf – ich bitte Dich , Du richtest Dich damit geistig und körperlich zu Grunde ; Du mußt ja schließlich unterliegen . “ „ Seit wann ist der lebensfrohe Capitain der Ellida denn zum Moralprediger geworden ? “ spottete Reinhold mit dem herbsten Ausdrucke , der ihm zu Gebote stand . „ Wer hätte vor Zeiten gedacht , daß Du mir in dieser Weise den Text lesen würdest ! Aber gieb Dir keine Mühe mit meiner Bekehrung , Hugo ! Ich habe die frommen Jugendideen ein für alle Mal abgeschworen . “ Der Capitain schwieg . Das war wieder der Ton verletzenden Hohnes , mit dem sich Reinhold unnahbar zu machen wußte , sobald ähnliche Gegenstände berührt wurden ; dieser Ton , der jeden Einfluß unmöglich machte , in jede Jugenderinnerung wie ein Mißlaut hineinklang und das einst so warme Verhältniß der Brüder fremd und erkältend berührte . Hugo versuchte auch heute nicht , das zu ändern ; er wußte , daß es vergebens sein würde . Sich abwendend , ergriff er ein auf dem Tische liegendes Buch und begann darin zu blättern . „ Ich habe ja noch kein einziges Wort von Dir über meine Werke gehört , “ begann Reinhold nach einem minutenlangen Stillschweigen von Neuem . „ Du hast ja hier Gelegenheit gehabt , meine Opern kennen zu lernen . Wie findest Du sie ? “ „ Ich bist kein Musikkenner , “ sagte Hugo ausweichend . „ Das weiß ich , und eben deshalb lege ich Werth auf Dein Urtheil , weil es das des unbefangenen , aber scharfblickenden Publicums ist . Wie findest Du meine Musik ? “ Der Capitain warf das Buch auf den Tisch . „ Sie ist genial und – “ er hielt inne . „ Und ? “ „ Zügellos wie Du selber . Du und Deine Töne , Ihr geht über jedes Maß hinaus . “ „ Eine vernichtende Kritik , “ sagte Reinhold halb spöttisch , halb betroffen . „ Gut , daß nur ich sie höre ; im Kreise meiner Bewunderer würdest Du übel damit ankommen . Also etwas Genialität gestehst Du mir doch wirklich noch zu ? “ „ Wo Du selbst sprichst , ja ! “ erklärte Hugo mit voller Bestimmtheit , „ aber das geschieht selten genug . Stets überwuchert dieses fremde Element , das Deinem Talente die Richtung gegeben hat und es noch jetzt beherrscht . Ich kann mir nicht helfen , Reinhold , aber dieser Einfluß , dem Du von Anfang an gefolgt bist , den alle Welt als so erhebend preist , er ist kein heilbringender gewesen , auch für den Künstler nicht . Ohne ihn wärst Du vielleicht noch nicht so berühmt , aber unbedingt größer . “ „ Wahrhaftig , Beatrice hat Recht , wenn sie in Dir den unversöhnlichen Gegner fürchtet , “ bemerkte Reinhold mit unverstellter Bitterkeit . „ Freilich , sie setzt nur ein persönliches Vorurtheil bei Dir voraus . Daß Du nicht einmal ihren künstlerischen Einfluß auf mich gelten lassen willst , das möchte ihr doch neu sein . “ Hugo zuckte die Achseln . „ Sie hat Dich ganz und gar in die italienische Art hineingezogen . Du stürmst immer , wo die Anderen nur tändeln , aber gleichviel ! Warum schreibst Du nicht deutsche Musik ? Doch was rede ich ? Du hast ja der Heimath und all ihren Beziehungen für immer den Rücken gekehrt . “ [ 478 ] Reinhold stützte den Kopf in die Hand . „ Ja wohl – für immer . “ „ Das klang ja beinahe wie Sehnsucht , “ warf der Capitain hin , das Gesicht des Bruders scharf fixirend . Dieser sah finster auf . „ Was soll das ? Denkst Du vielleicht , ich sehnte mich zurück nach den alten Ketten , weil ich in der Freiheit nicht das erträumte Glück gefunden ? Wenn ich eine Annäherung versuchte , so – “ „ Ah so , Du hast eine Annäherung versucht ? An Deine Frau ? “ „ An Ella ? “ fragte Reinhold , und es war wieder das alte Gemisch von Mitleid und Verachtung , das sich in seiner Stimme verrieth , sobald er von seiner Gattin sprach , „ wozu hätte das wohl führen sollen ? Du weißt doch , wie ich damals gegangen bin , es geschah im vollsten Bruche mit ihren Eltern , und da muß ein so beschränktes und abhängiges Wesen wie Ella natürlich in deren Verdammungsurtheil einstimmen , wenn sie sich überhaupt je bis zu einem eigenen Urtheil erhoben hat . War die Kluft zwischen uns früher weit , so ist sie jetzt , nach Allem was geschehen ist , endlos geworden . Nein , davon konnte keine Rede sein , aber ich wollte Nachricht von meinem Kinde haben . Ich ertrug es nicht länger , den Knaben fern zu wissen , ihn nicht sehen zu dürfen , nicht einmal ein Bild von ihm zu besitzen . Ich wollte Nachricht um jeden Preis , deshalb wählte ich den kürzesten Weg und schrieb an die Mutter . “ „ Nun , und – ? “ fragte Hugo gespannt . Reinhold lachte bitter auf . „ Nun , ich hätte mir die Demüthigung ersparen können . Es kam keine Antwort – das war freilich Antwort genug , aber ich wollte nun einmal wissen , wie es dem Kinde gehe ; ich glaubte an die Möglichkeit eines Irrthums , eines Verlierens , an was glaubt man nicht in solchem Falle , und schrieb zum zweiten Male . Der Brief kam uneröffnet zurück “ – er ballte im wilden Zorne die Hand – „ Uneröffnet ! Mir das , mir ! Es ist das Werk des Onkels , daran ist kein Zweifel . Ella hätte nie gewagt , mir das zu bieten . “ „ Meinst Du ? Da kennst Du Deine Frau nicht . Sie hat es allerdings ‚ gewagt ‘ , und sie allein konnte es wagen ; denn die Eltern sind todt , schon seit Jahren . “ Reinhold wandte sich rasch um . „ Woher weißt Du das ? Stehst Du noch in Verbindung mit H. ? “ „ Nein , “ sagte der Capitain ruhig . „ Du kannst Dir wohl denken , daß die Stimmung , die in der Familie gegen Dich herrschte , zum Theil wenigstens auch auf mich übertragen wurde . Seit ich H. damals wenige Tage nach Dir verließ , habe ich es nicht wieder besucht , aber ich stehe noch in Correspondenz mit dem ehemaligen Buchhalter des Almbach ’ schen Hauses , der das Geschäft übernommen hat und es auf eigene Rechnung fortführt . Von ihm erfuhr ich Einiges . “ „ Und das sagst Du mir jetzt erst , nach beinahe vierzehntägigem Zusammensein ? “ rief Reinhold beinahe ungestüm . „ Ich habe selbstverständlich einen Punkt nicht berühren wollen , von dem es mir schien , daß Du ihn zu vermeiden wünschtest , “ entgegnete Hugo kühl . Reinhold ging einige Male im Zimmer auf und nieder . „ Die Eltern sind also todt ? Und Ella und das Kind ? “ „ Ihretwillen brauchst Du nicht in Sorge zu sein . Der Onkel hat ein nicht unbedeutendes Vermögen hinterlassen , weit mehr , als man geglaubt . “ „ Ich wußte , daß er viel reicher war , als er gelten wollte , “ sagte Reinhold rasch . „ Und diese Gewißheit allein gab mir die volle Freiheit des Handelns bei meiner Entfernung . Ich war für Frau und Kind nicht nothwendig . Sie waren gesichert vor jedem Wechselfalle des Schicksals auch ohne meine Nähe . Aber wo sind sie jetzt ? Noch in H. ? “ „ Consul Erlau wurde Vormund des Knaben , “ berichtete Hugo ziemlich kurz und gemessen . „ Er scheint sich auch der jungen , wohl nun sehr vereinsamten Frau thätig angenommen zu haben , denn bereits nach Ablauf der Trauerzeit siedelte sie mit dem Kinde in sein Haus über . Dort lebten Beide noch vor einem halben Jahre ; bis dahin reichen meine Nachrichten . “ „ So ? “ meinte Reinhold gedankenvoll . „ Nun , da begreife ich nur nicht , wie Ella mit ihrer Erziehung und ihrer Persönlichkeit es möglich macht , in dem großartigen Erlau ’ schen Haushalte auch nur zu existiren . Freilich , sie wird sich ein paar Hinterzimmer eingerichtet haben , nie zum Vorschein kommen , oder trotz ihres Vermögens die Stelle einer Wirthschafterin übernehmen . Ueber dieses Niveau war sie ja nun einmal nicht hinaus zu bringen . Wäre das nicht gewesen , ich hätte viel , hätte Alles ertragen – um des Kindes willen . “ Er trat zum Fenster , stieß es auf und lehnte sich weit hinaus . Die Abendluft strömte kühl hinein in das schwüle Zimmer , wo jetzt ein längeres Stillschweigen eintrat , denn auch der Capitain schien keine Lust zu einer weiteren Fortsetzung des Gespräches zu haben ; nach einer Weile erhob er sich . „ Unsere Abreise ist morgen sehr früh angesetzt ; wir werden zeitig wach sein müssen . Gute Nacht , Reinhold ! “ „ Gute Nacht ! “ antwortete Reinhold , ohne sich umzuwenden . Hugo verließ das Gemach . „ Ich wollte , diese Circe von Beatrice sähe ihn einmal in solchen Stunden , “ murmelte er , die Thür in ’ s Schloß werfend . „ Sie haben gesiegt , Signora , und ihn an sich gerissen als Ihr unbestreitbares Eigenthum – glücklich haben Sie ihn nicht gemacht . “ Noch einige Minuten lang verharrte Reinhold unbeweglich an seinem Platze ; dann richtete er sich empor und ging hinüber nach seinem Arbeitszimmer . Er mußte mehrere der Gemächer durchschreiten , um dorthin zu gelangen . Die Wohnung , die das ganze untere Stockwerk der geräumigen Villa einnahm , war nicht so glänzend wie die Signora Biancona ’ s und dennoch verschwenderischer eingerichtet ; denn die Pracht , die dort vorherrschte , wurde hier zehnfach aufgewogen durch den künstlerischen Schmuck der Räume . Da hingen Gemälde an den Wänden , standen Statuen in den Fensternischen , deren Werth nur nach Tausenden berechnet werden konnte ; da waren die herrlichsten Kunstschätze Italiens in meisterhaften Nachbildungen vorhanden . Wohin das Auge nur blickte , traf es auf Vasen , Büsten , Zeichnungen und Prachtwerke , die anderswo schon allein die Zierde eines Salons gebildet hätten und die hier , überall hin zerstreut nur als beiläufiger Schmuck dienten . Es war eine Fülle von Schönheit und Kunst , wie sie in dieser verschwenderischen Art eben nur ein Rinaldo um sich versammeln konnte , dem mit dem Ruhme auch das Gold in nie versiechender Fülle zuströmte und der gewohnt war , das letztere völlig achtlos wieder von sich zu werfen . In der Mitte des Arbeitszimmers stand ein prachtvoller Flügel , das Geschenk eines begeisterten Verehrerkreises , der dem Meister ein sichtbares Zeichen seines Dankes hatte darbringen wollen ; den Schreibtisch bedeckten Karten und Briefe , welche die ersten Namen im Reiche der Geburt und des Geistes trugen und die hier gleichgültig bei Seite geschoben waren , ohne daß der Empfänger den mindesten Werth darauf zu legen schien ; von der Hauptwand aber blickte das lebensgroße Bild Beatrice Biancona ’ s herab , von berühmter Künstlerhand in genialster Auffassung und wahrhaft sprechender Aehnlichkeit gemalt . Sie trug das idealische Costüm einer ihrer Hauptrollen in den Opern Rinaldo ’ s , mit deren hinreißender Darstellung sie diese Werke erst zur vollen Höhe ihrer Berühmtheit emporgehoben hatte , mit der sie selbst erst zu einer Künstlerin ersten Ranges hinaufgestiegen war . Es war dem Maler gelungen , den ganzen berückenden Zauber , den glühenden Reiz des Originals in diesem Portrait zu verkörpern . Die schöne Gestalt schien sich in unnachahmlich graciöser Stellung halb dem Flügel zuzuwenden , und die dunklen Augen blickten mit täuschender Lebenswahrheit herab auf den Mann , den sie nun so lange schon in unlösbaren Banden hielten , als wollten sie ihn selbst hier , im Heiligthume seines Wirkens und Schaffens , nicht allein lassen . [ 491 ] Reinhold saß am Flügel und phantasirte . Das Gemach war nicht erhellt , nur das voll hereinströmende Mondlicht schwebte über dem Meere von Tönen , das hier aufbrauste , als ob der Sturm in seinen Wogen wühle , sie bald anschwellend zu Bergeshöhe , bald wieder eine Abgrundtiefe entschleiernd . Jetzt quollen die Melodien empor , leidenschaftlich , glühend , berauschend , und dann auf einmal zuckte es jäh dazwischen , wie schneidende Dissonanzen , wie grelle Mißlaute . Das waren die Töne , mit denen Rinaldo schon seit Jahren im Reiche der Musik herrschte , mit denen er die Menge zur Bewunderung fortriß , vielleicht weil sie jenem dämonischen Elemente eine Sprache liehen , das in der Brust eines Jeden schlummert , und dessen sich wohl schon Jeder einmal , halb mit Grauen und halb mit süßem Schauer , bewußt geworden ist . Es lag in diesen Melodien auch etwas von dem wilden Stürmen von Genuß zu Genuß , von dem jähen Wechsel zwischen fieberischer Aufregung und tödtlicher Ermattung , von dem Ringen nach Betäubung , die , ewig gesucht , nie gefunden wurde , und doch klang immer und immer wieder etwas Mächtiges , Ewiges hindurch , das nichts gemein hatte mit jenem Elemente , das mit ihm kämpfte , sich darüber erhob , um schließlich doch wieder darin unterzugehen . – Aus den Gärten stiegen die Orangendüfte empor und flutheten herein durch die weit geöffneten Balconthüren und wehten berauschend hin durch das Gemach . Klar , voll unendlicher Schönheit und unendlichen Friedens lag der Mondesglanz über der ewigen Stadt , und im bläulichen Nebeldufte verschwand die dämmernde Ferne . Träumerisch rauschte die Fontaine dort unten inmitten der Blüthenbäume , und das Licht , das in den fallenden Tropfen glänzte , erhellte jetzt auch in vollster Klarheit die ganze Reihe der Gemächer mit ihren Kunst- und Marmorschätzen ; es beleuchtete das Bild in dem reich vergoldeten Rahmen , so daß die dämonisch schöne Gestalt da oben zu leben schien , und fiel auf das Antlitz des Mannes , dessen Stirn inmitten all dieser Schönheit und all dieses Friedens so schwer umdüstert blieb . Freilich , es lagen Jahre zwischen jenen langen nordischen Winternächten , in denen der junge Künstler seine ersten Compositionen schuf , und dieser duftigen Mondnacht des Südens , in welcher der hochgefeierte Rinaldo das Hauptthema seiner Oper in unendlichen Variationen wiederholte , und wohl noch vieles Andere , was schwerer wog , als die Jahre allein . Und doch versank das Alles in dieser Stunde . Leise kam die Erinnerung gezogen und ließ längstvergangene Tage wieder aufleben , längstvergessene Bilder wieder hervortreten , das kleine Gartenhaus mit seinen alterthümlichen Möbeln und der dürftigen Weinranke über dem Fenster , das armselige Stückchen Gartenland mit den wenigen Bäumen und Gesträuchen und den hohen gefängnißartigen Mauern ringsum , das enge , düstere Haus mit dem so tief gehaßten Geschäftszimmer . Matte farblose Bilder – und doch wollten sie nicht weichen , denn über ihnen schwebten lächelnd ein paar große tiefblaue Kinderaugen , die dem Vater nur dort geleuchtet hatten , und die er hier , in dieser Umgebung voll Poesie und Schönheit , vergebens suchte . Er hatte sie so oft gesehen in dem Antlitze seines Kindes , und dann auch einmal noch – anderswo . Die Erinnerung daran war freilich halb verweht , fast vergessen , hatten sie sich ihm doch nur auf einen Augenblick gezeigt , um sich dann wieder zu verschleiern , wie sie es jahrelang gethan , aber diese Augen waren es doch , die ihm allein vorschwebten , als sich jetzt aus dem Wogen und Wallen der Töne eine zauberisch süße Melodie emporrang . Es sprach ein unendliches Sehnen daraus , ein Weh , das die Lippen nicht aussprechen wollten , und es schlug die Brücke hinüber zu der fernen , fernen Vergangenheit . Jetzt hatte der Genius die Fesseln gesprengt , die ihn damals drückten und einengten ; jetzt stand er oben auf der einst erträumten Höhe . Was Leben und Glück , was Ruhm und Liebe nur zu geben vermochten , das war ihm zu Theil geworden , und jetzt – wie ein Sturm brauste es wieder empor aus den Tasten , wild , leidenschaftlich , bacchantisch , und daraus hervor klagte immer wieder jene Melodie mit ihrem ergreifenden Weh , mit ihrem ruhelosen , nie gestillten Sehnen . „ Ich fürchte , unser Signor Capitano hält es nicht lange aus in Mirando . Es ist gefährlich , daß er hier fortwährend seine See vor Augen hat ; er blickt mit einer solchen Sehnsucht darauf hin , als wolle er uns je eher je lieber davonsegeln . “ Mit diesen Worten wandte sich Marchese Tortoni an seinen Gast , der während der letzten Viertelstunde fast gar keinen Antheil am Gespräche genommen hatte und den der junge Wirth soeben auf einem verstohlenen Gähnen ertappte . „ Nicht doch ! “ verteidigte sich Hugo . „ Ich fühle mich nur so grenzenlos unbedeutend und unwissend bei all ’ diesen idealen Kunstgesprächen , bin so tief durchdrungen von dem Gefühle dieser meiner Unwissenheit , daß ich mir soeben in aller Eile das ganze Commando während eines Sturmes wiederholte , um mir die [ 492 ] tröstliche Ueberzeugung zu verschaffen , daß ich doch auch noch irgend etwas verstehe . “ „ Ausrede ! “ rief der Marchese . „ Sie vermissen das weibliche Element hier , das Sie so sehr verehren und das Sie nun einmal nicht entbehren zu können scheinen . Leider kann mein Mirando Ihnen diesen Reiz noch nicht bieten . Sie wissen , ich bin unvermählt und habe mich bisher noch nicht entschließen können , meine Freiheit zu opfern . “ „ Noch nicht entschließen können , Ihre Freiheit zu opfern , “ parodirte Hugo , „ mein Gott , das klingt ja ganz entsetzlich . Wenn Sie wirklich die höchste Stufenleiter irdischen Glückes noch nicht erstiegen haben , wie die eigentliche Lesart lautet – “ Glauben Sie ihm nicht , Cesario ! “ fiel Reinhold ein . „ Mein Bruder ist mit all ’ seiner Ritterlichkeit und Galanterie doch im Grunde eine Eisnatur , die so leicht nichts erwärmt . Er tändelt mit Allen – Empfindung hat er für Keine ; der jedesmalige Roman , den er Liebe , gelegentlich auch wohl Leidenschaft zu nennen beliebt , dauert gerade so lange , wie er am Lande ist , und verweht mit der ersten frischen Brise , die seine ‚ Ellida ‘ wieder heraustreibt in ’ s Meer . In seinem Herzen hat sich noch nie etwas geregt . “ „ Abscheuliche Charakteristik ! “ rief Hugo , seine Cigarre fortwerfend . „ Ich protestire feierlichst . “ „ Willst Du etwa behaupten , sie sei ungerecht ? “ Der Capitain lachte und wandte sich an Tortoni . „ Ich versichere Ihnen , Signor Marchese , daß ich auch unverbrüchlich treu sein kann – meiner schönen blauen Wellenbraut da draußen “ – er wies nach dem Meere hinüber – , „ der habe ich mich nun einmal angelobt mit Herz und Hand . Sie allein versteht es , mich immer wieder von Neuem zu fesseln und festzuhalten , und wenn sie mir auch hin und wieder erlaubt , in ein Paar schöne Augen zu blicken , eine ernstliche Untreue duldet sie nicht . “ „ Bis Du einmal doch in ein Paar Augen blickst , die Dich lehren , daß Du auch nicht gefeit bist gegen das allgemeine Loos der Sterblichen , “ sagte Reinhold , halb scherzend , halb mit einer Bitterkeit , die nur dem Bruder allein verständlich war . „ Es giebt solche Augen . “ „ O ja , es giebt solche Augen , “ wiederholte Hugo mit einem beinahe träumerischen Ausdrucke in das Meer hinausblickend . „ Wie , Signor , der Ton klang ja äußerst bedenklich , “ neckte der Marchese . „ Sind Sie vielleicht doch schon den bewußten Augen begegnet ? “ „ Ich ? “ der Capitain hatte den augenblicklichen Ernst schon wieder abgeschüttelt und war ganz wieder der alte Uebermuth . „ Thorheit ! Ich hoffe noch ziemlich lange dem ‚ allgemeinen Loose der Sterblichen ‘ zu trotzen . Sie hören es ja . “ „ Schade , daß Sie hier so gar keine Gelegenheit finden , diesen heroischen Entschluß zu bewahrheiten , “ meinte Cesario . „ Die einzige Nachbarschaft , die wir haben , schließt sich in einer Weise ab , die es gar nicht bis zu einer Versuchung kommen läßt . Die junge Signora zumal – “ „ Eine junge Signora ? Wo ? “ Hugo fuhr aufgeregt in die Höhe . Der Marchese zeigte nach einem Landhause hinüber , das , kaum eine Viertelstunde entfernt , halb versteckt in einem Olivenwalde lag . „ Dort drüben die Villa Fiorina ist schon seit mehreren Monaten bewohnt . Wie ich höre , sind es sogar Landsleute von Ihnen , Deutsche , welche sich dort für den Sommer niedergelassen haben ; aber sie scheinen sich vollständigste Einsamkeit und Unsichtbarkeit zum Gesetze gemacht zu haben . Es wird Niemand dort empfangen , Niemand angenommen . Besuche aus S. , die Bekanntschaften aus der Heimath geltend machten , wurden ohne Ausnahme zurückgewiesen , und da die Familie sich auch bei ihren Spaziergängen größtentheils auf den Park und die Terrasse beschränkt , so ist die Unnahbarkeit eine vollständige . “ „ Und die Signora ? Ist sie schön ? “ fragte Hugo in lebhaftester Spannung . Cesario zuckte die Achseln . „ Das kann ich beim besten Willen nicht sagen . Ich sah sie nur flüchtig und in ziemlicher Entfernung ein einziges Mal . Eine schlanke jugendliche Gestalt , ein Kopf voll schöner goldblonder Flechten ; das Gesicht war mir leider nicht zugewandt , und ich ritt auch ziemlich schnell vorüber . “ „ Ohne das Gesicht gesehen zu haben ? Signor Marchese , ich bewundere Ihren Stoicismus , verwahre mich aber feierlich gegen die Zumuthung , ihn irgendwie nachzuahmen . – Bis heute Abend bringe ich Ihnen und Reinhold die Nachricht , ob die Signora wirklich schön ist oder nicht . “ „ Das möchte Ihnen doch schwer werden , “ lachte der Marchese . „ Sie hören es ja , der Eintritt ist nicht zu erlangen . “ „ Bah , als ob mich das hinderte ! “ rief Hugo übermüthig . „ Jetzt fängt die Sache erst an interessant zu werden . Eine unzugängliche Villa , eine unsichtbare Dame , die noch dazu blond und eine Deutsche ist – das werde ich untersuchen , gründlich untersuchen . Schon meine Pflicht als Landsmann gebietet mir das . “ „ Gott sei Dank , daß Sie ihn auf diese Spur gebracht haben , Cesario , “ sagte Reinhold . „ Nun stört uns hoffentlich sein mühsam verhaltenes Gähnen nicht mehr , wenn wir von Musik reden . Ich wollte so noch Einiges über die Partitur mit Ihnen sprechen . “ Der junge Marchese war aufgestanden und legte jetzt wie bittend die Hand auf seine Schulter . „ Nun , und die Oper ? Bleiben Sie unerbittlich bei Ihrem Ultimatum stehen ? Ich versichere Ihnen , Rinaldo , es ist fast unmöglich , all die Aenderungen bis zum Herbste durchzuführen ; ich habe mich selbst davon überzeugt . Man wird einen neuen Aufschub verlangen müssen , und Publicum und Gesellschaft warten nun bereits seit Monaten . “ „ So warten sie noch länger . “ Es klang eine hochmüthig schroffe Abweisung in den Worten . „ Wie ein Dictator gesprochen , “ bemerkte Hugo . „ Bist Du immer so souverain dem Publicum gegenüber ? Das Bild , das Maestro Gianelli von Dir entwarf , scheint doch einige treffende Züge zu besitzen . Ich glaube , es war wirklich nicht so unbedingt nothwendig , das ganze Opernpersonal , inclusive Eccellenza den Intendanten , so in Verzweiflung zu bringen , wie Du es diesmal gethan hast . “ Reinhold hob den Kopf mit dem ganzen Stolze und der ganzen Rücksichtslosigkeit des verwöhnten , gefeierten Künstlers , der gewohnt ist , seinen Willen als ein Gesetz befolgt zu sehen , und dem ein Widerspruch gleichbedeutend mit Beleidigung ist . „ Ueber mein Werk und dessen Ausführung verfüge ich . Entweder man hört die Oper in der Gestalt , wie ich es wünsche , oder man hört sie nicht . Ich habe ihnen die Wahl gelassen . “ „ Als ob es eine Wahl gäbe ! “ meinte Cesario achselzuckend , indem er sich zu einem der Diener wandte , um ihm einen Auftrag zu geben , und die Brüder auf einige Minuten allein ließ . „ Leider scheint es hier keine zu geben , “ sagte Hugo , dem jungen Wirthe nachblickend . „ Und Marchese Tortoni hat Dich auch mit auf dem Gewissen , wenn Du schließlich