mir und Deiner Mutter ein Geheimniß daraus zu machen ? “ „ Wir fürchteten , daß man uns trennen würde , wenn man unsere Liebe entdeckte , “ sagte Gabriele leise . „ So ! Und was glaubst Du denn , was jetzt geschehen wird ? “ „ Ich weiß es nicht , aber ich bin entschlossen , Georg um jeden Preis anzugehören , denn ich liebe ihn . “ Das Wort schien endlich den bisher zurückgehaltenen Sturm zu entfesseln ; mit einer wilden Bewegung stieß Raven den Stuhl zur Seite und trat dicht vor das junge Mädchen hin . „ Und das wagst Du mir zu sagen ? “ brach er los . „ Du wagst es , ohne mein Wissen und Willen Dein Jawort zu geben , wo Du weißt , daß ich mein entschiedenes Nein dagegen setzen werde , und trotzest mir ganz offen ? Du bauest auf die Güte und Nachsicht , die ich Dir stets gezeigt habe ? Sie ist zu Ende mit dem heutigen Tage . Fordere mich nicht heraus , Gabriele – Du könntest es bitter bereuen . Ich habe Mittel , den Trotz eines eigensinnigen Kindes zu brechen , und ich werde sie schonungslos gebrauchen , gegen Dich und ihn . Winterfeld soll mir Rede stehen über den sogenannten Liebesroman , mit dem er Dich hinter dem Rücken der Deinigen bethörte , um Dir ein Versprechen abzulocken , das null und nichtig ist , denn Du hast noch nicht über Dich zu verfügen . Er rechnet auf die Hand der vermeintlichen Erbin , um durch sie zu Reichthum und Einfluß zu gelangen – er könnte sich täuschen . Ich allein habe über Deine Zukunft zu beschließen , die ganz in meinen Händen liegt . Von mir hängt Deine künftige Lebensstellung ab , und wenn ich sie glänzend gestalte , so erwarte ich auch unbedingten Gehorsam dafür . Von einer solchen Verbindung kann nie und unter keinen Umständen die Rede sein . Ich versage meine Einwilligung , und Du hast Dich meinem Willen zu beugen . “ Gabriele war einen Schritt zurückgewichen vor diesem Zornesausbruch , aber sie hielt ihm nichtsdestoweniger Stand . Das „ Kind “ war doch nicht so unselbstständig und unfähig zu jedem Kampfe , wie Raven voraussetzte ; es ließ sich weder durch seine herrischen Worte , noch durch seine Drohblicke einschüchtern und antwortete mit einer ganz ungewohnten Energie : „ Du hast keine anderen Rechte über mich , als die des Vormundes , und die sind zu Ende mit meiner Mündigkeit . Meine Zukunft und Lebensstellung ist Georg ’ s Sache ; ich nehme sie aus seinen Händen , wie sie auch ausfallen mögen . Er hat nicht daran gedacht , irgend eine Berechnung an seine Liebe zu knüpfen ; Georg ist – “ Der Freiherr stampfte wüthend mit dem Fuße . „ Georg und immer nur Georg ! Ich verbiete Dir , diesen Winterfeld in meiner Gegenwart so zu nennen . Du wirst niemals seine Gattin , nie , sage ich Dir – wenigstens nicht , so lange ich lebe . “ Das junge Mädchen richtete sich mit blitzenden Augen empor , mehr empört als erschreckt durch diese maßlose Heftigkeit . „ Onkel Arno , Du bist grenzenlos ungerecht , Du – “ sie verstummte urplötzlich , ihr Auge haftete an dem seinigen , und der heiße , verzehrende Strahl darin traf sie wie mit versegender Gluth . Das war nicht Haß und Zorn , was in diesem Blicke loderte ; das war ein qualvolles Weh , ein wilder , bis zur Raserei gesteigerter Schmerz – Gabriele preßte beide Hände gegen die Brust , in der alles Blut auf einmal nach dem Herzen drängte ; ihr war zu Muthe , als stockten ihr Athem und Besinnung , und dann schlug es wie ein Blitz in ihre Seele und blendend und betäubend zuckte die Wahrheit auf ; sie wurde todtenbleich und griff nach der Lehne des Sessels , als wolle sie eine Stütze suchen . Diese Bewegung gab dem Freiherrn einigermaßen die Fassung zurück . Er sah ihr Erbleichen und mußte es wohl der Furcht vor seiner Heftigkeit zuschreiben . Der an so strenge Selbstbeherrschung gewöhnte Mann hatte sich , vielleicht zum ersten Male in seinem Leben , über alle Schranken hinwegreißen lassen ; er fühlte das und versuchte mit Aufbietung aller Willenskraft seine Aufregung niederzukämpfen . Während der nächsten Minuten herrschte ein banges , tiefes Schweigen , das auf Beide mit gleicher Schwere lastete , und doch wagte Keiner , es zu brechen . Raven war an das Fester getreten und blickte , die heiße Stirn gegen die Scheibe gedrückt , in die Nebellandschaft hinaus . Gabriele stand noch regungslos an ihrem Platze . „ Ich habe Dich erschreckt mit meiner Heftigkeit , “ sagte der Freiherr endlich , ohne sich umzuwenden . „ Solche Dinge wollen ruhig besprochen sein , und dazu sind wir Beide jetzt nicht in der Stimmung . Morgen – vielleicht später – verlaß mich , Gabriele ! “ Sie gehorchte und schritt wortlos mit gesenktem Haupte nach der Thür , da aber hielt sie inne . Wie gestern , mitten im Tanze , fühlte sie den Blick , der wieder auf ihr ruhte , ohne ihn zu sehen , und wie damals folgte sie der geheimnißvollen Macht , die sie zwang , diesem Blicke zu begegnen . In der That hatte sich Raven umgewendet und folgte ihr mit den Augen . „ Noch eins , “ sagte er ; er beherrschte seine Stimme wieder völlig , aber sie war klanglos . „ Kein Wort , keine Zeile an ihn ! Ich werde mit ihm sprechen . “ Gabriele verließ das Gemach und kehrte in die Zimmer ihrer Mutter zurück . Die Baronin , welche gewohnt war , sehr lange zu schlafen , war soeben erst mit ihrer Morgentoilette fertig geworden . Beim Eintritt in das gemeinschaftliche Frühstückszimmer vermißte sie ihre Tochter , die sich gewöhnlich schon dort befand , und wollte eben deswegen eine Frage an den Diener richten , als die junge Baroneß selbst eintrat . „ Aber Kind , wo bleibst Du nur ? “ rief ihr die Mutter entgegen . „ Ich will doch nicht hoffen , daß Du es versucht hast , bei diesem Wetter in ’ s Freie zu gehen ? Du würdest Dich zu Tode erkälten in dem leichte Morgenanzuge – und wie siehst Du denn aus ? Ganz bleich und verstört ! Ist irgend etwas vorgefallen ? “ „ Nein , Mama , “ sagte das junge Mädchen mit halb erstickter Stimme . Die Baronin sah sie besorgt an . „ Du bist sicher unwohl . Da warst gestern Abend noch so erhitzt vom Tanze , als wir durch den kalten Corridor gingen . Nimm ein wenig heißen Thee ! Das wird Dir gut thun . “ Gabriele lehnte die dargebotene Tasse ab . „ Ich danke , Mama ; ich möchte lieber auf mein Zimmer gehen und noch etwas zu ruhen versuchen . “ „ Aber der Onkel ist es gewohnt , Dich am Frühstückstische zu sehen . “ [ 273 ] „ Sage ihm , daß ich nicht wohl bin ; er wird mich heut nicht vermissen . Ich kann nicht bleiben . “ Damit ging sie . Die Baronin blieb sehr befremdet zurück ; sie war diese seltsame Verschlossenheit bei ihrer Tochter so wenig gewohnt , wie die Blässe auf deren blühendem Gesicht . Gleich darauf kam auch noch der Diener des Freiherrn mit der Meldung , Excellenz ließen sich entschuldigen und würden heut nicht zum Frühstück erscheinen . Frau von Harder schüttelte den Kopf , aber eine besondere Combinationsgabe war ihre Sache nicht , und überdies wußte sie nichts von der Unterredung , die im Zimmer ihres Schwagers stattgefunden hatte ; es fiel ihr daher auch nicht ein , irgend einen Zusammenhang zu suchen . Sie ließ die Sache vorläufig auf sich beruhen und nahm etwas verstimmt ihren Platz am Frühstückstische allein ein . – In der Kanzlei wartete man vergebens aus das Erscheinen des Chefs . Er pflegte sonst stets in den Morgenstunden zu kommen , heut aber blieb er in seinem Arbeitszimmer und ließ das Nothwendigste durch den Hofrath Moser erledigen . Der Hofrath , der einige dringliche Sachen vorzulegen hatte , kam mit wichtiger Miene zurück und verkündete , daß „ Excellenz äußerst ungnädig seien “ . In der That hatte der Freiherr mit großer Ungeduld und augenscheinlicher Zerstreutheit die Berichte angehört , mit einer bei ihm ganz ungewohnten Hast die nöthigen Weisungen gegeben und den Hofrath so schnell wie möglich entlassen . Dieser , der sich stets den Anschein gab , mehr zu wissen als Andere , sprach von wichtigen Regierungsdepeschen , die wahrscheinlich eingetroffen seien , die Beamten steckten die Köpfe zusammen und ergingen sich in allerlei Vermuthungen . Bald darauf wurde Assessor Winterfeld zum Gouverneur gerufen . Das war nichts Auffallendes , denn er hatte am heutigen Vormittage Vortrag zu halten , und daß der Ruf früher als zur bestimmten Stunde erfolgte , erklärte sich durch anderweitige dringende Beschäftigung des Freiherrn . Der junge Mann betrat daher ganz ahnungslos und nur seinen Vortrag im Kopfe das Arbeitszimmer , ordnete seine Papiere und wartete auf das Zeichen zum Beginnen . „ Lassen Sie das ! “ sagte Raven . „ Der Vortrag fällt heute aus . Ich habe von anderen Dingen mit Ihnen zu reden . “ Georg blickte erstaunt auf ; er gewahrte erst jetzt die völlig veränderte Haltung seines Chefs . Die vornehme Ruhe , mit welcher dieser sonst seine Beamten empfing , war heute einer eisigen Kälte gewichen . Er stand an den Schreibtisch gelehnt und maß den vor ihm Stehenden von oben bis unten , als sähe er ihn zum ersten Male . Es war ein finsteres Forschen , das jeden einzelnen Zug zu prüfen und bis in ’ s Innerste zu dringen schien , aber es sprach eine unverhüllte Feindseligkeit daraus , wie überhaupt aus seiner ganzen Haltung . Georg sah das mit einem einzigen Blicke , und es erklärte die Bedeutung der Worte , die ihm im ersten Augenblicke räthselhaft geblieben waren . Er begriff sofort , daß die „ Ungnade Seiner Excellenz “ ihm allein galt , und errieth auch den Grund davon . Die längst erwartete Katastrophe war hereingebrochen , und der junge Mann machte sich bereit , ihr mit ruhiger Entschlossenheit die Stirn zu bieten . „ Ich habe heute Morgen eine Unterredung mit meinem Mündel , der Baroneß Harder , gehabt , in der Ihr Name genannt wurde , “ begann der Freiherr . „ Es bedarf keiner Erklärung Ihrerseits ; ich weiß bereits , was geschehen ist , und möchte Sie zur Rede stellen über die Art , wie Sie die junge Dame verleiteten , die Aufrichtigkeit und Rücksicht , die sie den Ihrigen schuldet , in so unverzeihlicher Weise zu verletzen . “ Georg senkte das Auge , sein peinliches Ehrgefühl empfand den Vorwurf als nur zu sehr begründet . „ Ich habe vielleicht Unrecht gethan , bis heute zu schweigen , “ erwiderte er . „ Meine einzige Entschuldigung dafür liegt in meiner Stellung , die es mir noch nicht gestattete , mit einer offenen Werbung hervorzutreten . “ „ Wirklich ! Ich sollte meinen , was Ihnen die Werbung nicht gestattete , mußte Ihnen auch die Erklärung verbieten . “ „ Wenn sie beabsichtigt gewesen wäre , gewiß , Excellenz ! Aber das war nicht der Fall . Ein unbewachter Augenblick entriß mir das Geständniß . Erst als es gehört und angenommen war , trat die Ueberlegung in den Vordergrund , und da mußte ich mir sagen , daß ich noch nichts geltend machen konnte , was mich zu der entscheidenden Bitte an die Frau Baronin berechtigte . “ „ Es ist gut , daß Sie sich das selbst sagen , “ bemerkte der Freiherr mit vernichtendem Hohne . „ Ich wäre sonst in die Nothwendigkeit versetzt worden , es Ihnen klar zu machen . Wenn Fräulein von Harder Ihnen Versprechungen gegeben hat , so ist das selbstverständlich ohne jede Bedeutung , da es ohne mein und der Mutter Vorwissen geschah , und es wäre einfach lächerlich , wenn Sie irgend eine Hoffnung daran knüpfen wollten . Romanideen gehören in das Gebiet des Romans . Ich bedaure es , daß meine Nichte solchen Ueberspanntheiten zugänglich gewesen ist , aber Sie werden mir hoffentlich nicht zumuthen , in Wirklichkeit mit denselben zu rechnen . “ Dos Gesicht des jungen Mannes begann sich zu röthen bei dem verächtlichen Tone , und die aufsteigende Erregung verrieth sich in seiner Stimme , als er erwiderte : „ Ich weiß nicht , ob eine ernste , reine Neigung , die sich nie auch nur eines unwürdigen Gedankens bewußt war und ihren Gegenstand stets heilig und hoch gehalten hat , nur Spott und Hohn verdient . Ich habe bisher ein Geheimniß daraus gemacht und auch Fräulein von Harder veranlaßt , dies zu thun , weil ich wußte , daß es der Zeit und der Arbeit meinerseits bedurfte , um die Hindernisse wegzuräumen , die mir entgegenstehen , weil ich voraussah , daß man Alles aufbieten werde , um uns zu trennen . Das ist meine einzige Schuld ; sie mag Tadel und Vorwurf verdienen – wer die Liebe kennt , wird sie nicht allzu hart verdammen . Ich war aber nicht darauf gefaßt , unsere beiderseitige Neigung als eine bloße Romanidee verurtheilt zu sehen . “ „ Und wofür wollen Sie denn sonst , daß ich sie nehmen soll ? “ fragte Raven in ironischem Tone . „ Ich dächte , Sie hätten allen Grund , mir dankbar zu sein , wenn ich die Sache in dieser Weise auffasse , denn das allein läßt eine mildere Beurtheilung zu . Wüßte ich , daß Sie und Gabriele im vollen Ernste an eine Verbindung denken , so – “ er vollendete nicht ; sein Blick ergänzte die Worte in unheilvollem Sinne . „ Würden Excellenz es vorgezogen haben , wenn wir uns geliebt hätten , ohne an eine Verbindung für das Leben zu denken ? “ fragte Georg ruhig . „ Herr Assessor Winterfeld , Sie vergessen sich , “ brauste der Freiherr auf . „ Nicht auf meine Nichte , auf Sie allein fällt die Schuld dieses heimlichen Einverständnisses . Das junge Mädchen war noch nicht im Stande , dessen Tragweite zu ermessen und die trennenden Schranken zu erwägen . Sie aber konnten es , und von Ihnen fordere ich Rechenschaft . Sie sind einer meiner jüngsten Beamten , ohne Namen und Rang , ohne Vermögen und Aussichten ; mit welchem Rechte wagen Sie es , nach der Hand der Baroneß Harder zu trachten , die an glänzende Verhältnisse gewöhnt und zu Umgebungen und Lebenskreisen berechtigt ist , die weitab von den Ihrigen liegen ? “ „ Mit demselben Rechte , das Freiherr von Raven geltend machte , als er unter ganz ähnlichen Verhältnissen um die Tochter des Ministers warb , die später seine Gemahlin wurde , “ erwiderte Georg mit Festigkeit , „ mit dem Rechte der Zukunft . “ Raven biß sich auf die Lippen . „ Sie scheinen eine Laufbahn , wie die meinige , auch für die Ihrige als selbstverständlich vorauszusetzen . Es ist doch gewagt von Ihnen , sich so ohne Weiteres mit mir in eine Reihe zu stellen . Uebrigens trifft der Vergleich von damals nicht zu . Ich gehörte längst zu dem intimen Kreise des Ministers , ehe ich sein Sohn wurde ; ich wußte , daß er meine Werbung begünstigte , und hatte mir sein Jawort gesichert , ehe ich das seiner Tochter forderte . Das ist der einzige ehrenvolle Weg bei solchen Dingen . Merken Sie sich das , Herr Assessor ! “ „ Excellenz haben jedenfalls concreter und überlegter gehandelt , als ich es gethan habe , aber – ich liebte Gabriele . “ Das Auge des Freiherrn sprühte in wilder Gereiztheit auf den Verwegenen nieder , der es wagte , ihn daran zu erinnern , daß seine eigene Vermählung nur das Werk der Berechnung gewesen war . „ Ich ersuche Sie , in meiner Gegenwart nur von der Baroneß Harder zu sprechen , “ sagte er in dem schroffsten Tone , der ihm zu Gebote stand . „ Was übrigens die Selbstlosigkeit Ihrer Liebe betrifft – sollte es Ihnen so ganz unbekannt geblieben sein , daß meine Nichte allgemein als meine Erbin angesehen wird ? “ „ Nein ! Aber ich setze voraus , daß etwaige Bestimmungen [ 274 ] in dieser Hinsicht zurückgenommen werden , sobald die junge Baroneß ohne Einwilligung ihres Vormundes eine Verbindung eingeht . “ „ Die Voraussetzung ist sehr richtig . Und Sie besitzen wirklich Egoismus genug , einem Wesen , das Sie zu lieben behaupten , Alles zu rauben , was Geburt und Verwandtschaft ihm verheißen , um es an Ihrer Seite einem Leben preiszugeben das nur eine fortgesetzte Kette von Entsagungen wäre ? Eine sehr aufopfernde Liebe in der That ! Zum Glücke ist Gabriele Harder nicht geschaffen , eine solche Entsagungsidylle zu verwirklichen und ich werde dafür sorgen , daß sie nicht das Opfer einer Jugendthorheit wird , die sie bald genug mit der bittersten Reue bezahlen würde . “ Georg schwieg . Das war der wunde Punkt in seinem Innern . Er hatte es ja oft genug selbst empfunden , was der Freiherr aussprach . Gabriele war am wenigsten für eine „ Entsagungsidylle “ geschaffen . „ Kommen wir zu Ende ! “ sagte Raven , sich mit einer gebieterischen Bewegung emporrichtend . „ Ich gestehe meiner Nichte unter keinen Umständen das Recht zu , ohne meine Einwilligung über ihre Zukunft zu entscheiden , und verweigere jedes Eingehen auf Wünsche und Hoffnungen , die für mich nicht existiren . Sie wissen , daß das Recht des Vormundes so unbeschränkt ist , wie das des Vaters , und werden sich demgemäß fügen . Ich erwarte von Ihrer Ehre , daß Sie nicht versuchen hinter meinem Rücken ein Einverständniß fortzusetzen , das ganz geeignet ist , den Ruf der jungen Dame zu schädigen wie es schon ihr Verhältniß zu den Ihrigen getrübt hat . Sie werden mir Ihr Wort darauf geben , nicht etwa heimlich eine Annäherung zu versuchen , die ich offen verbiete . “ „ Wenn es mir erlaubt ist , Baroneß Harder noch einmal zu sehen und zu sprechen , sei es auch in Gegenwart der Frau Baronin . “ „ Nein ! “ „ So kann ich das geforderte Versprechen nicht geben . “ „ Besinnen Sie sich , wem Sie trotzen , Herr Assessor ! “ mahnte der Freiherr ; es lag eine unzweideutige Drohung in den Worten . Das schöne , klare Auge des jungen Mannes begegnete furchtlos dem seines Chefs , und doch hätte die düstere Gluth , die sich darin malte , ihn schrecken sollen . Die beiden Männer maßen sich wie zwei Gegner , die vor dem Kampfe ihre Kräfte prüfen . Die Haltung des Jüngeren war entschlossen , aber ruhig , die des Aelteren verrieth eine furchtbare Bewegung . Ich trotze nur einem harten und ungerechten Spruch , “ sagte Georg , die letzten Worte wieder aufnehmend . „ Excellenz haben die Macht , die Trennung über uns zu verhängen , und wir fügen uns einer Nothwendigkeit , gegen die wir Beide waffenlos sind . Daß Sie uns aber eine Unterredung versagen , die vielleicht auf Jahre hinaus die letzte ist , das – ich wiederhole es – ist hart und ungerecht . Ich weiß nicht , in welcher Weise auf Fräulein von Harder eingewirkt wird , in welcher Weise man ihr mein gezwungenes Fernbleiben darstellt ; ich muß ihr wenigstens sagen , daß ich mein Recht auf ihre Hand unter allen Umständen behaupte und Alles daran setzen werde , diese Hand einst zu verdienen – und das werde ich mündlich oder schriftlich versuchen , mit oder ohne den Willen Euer Excellenz . “ Er verbeugte sich und ging , ohne das übliche Zeichen der Entlassung abzuwarten . Raven warf sich in einen Sessel . Die Unterredung hatte einen ganz anderen Verlauf genommen , als er erwartete . Er hatte bisher nur amtlich mit Winterfeld verkehrt und ihn wohl für talentvoll und tüchtig in seinem Berufe gehalten , ihm jedoch nie eine hervorragende Bedeutung beigelegt ; die Verschiedenheit der Stellung schloß da jedes nähere Interesse aus . Heute zum ersten Male stand nicht der Untergebene dem Vorgesetzten sondern der Mann dem Manne gegenüber , und heute entdeckte der Freiherr , daß sich hinter dieser ruhigen Bescheidenheit und dieser klaren , sanften Stirn eine Energie barg , die der seinigen nichts nachgab . Er war gewohnt , mit der bloßen Macht seiner Persönlichkeit jeden Widerstand zu brechen ; hier rief er vergebens diese Macht und die ganze Ueberlegenheit seiner Stellung zu Hülfe ; es gelang ihm nicht , den Gegner herabzusetzen oder einzuschüchtern ; er mußte ihn in mehr als einer Hinsicht als ebenbürtig anerkennen . Gabriele hatte ihre Liebe keinem Unwürdigen geschenkt , und daß sie es nicht gethan , das eben wühlte in dem Inneren des Mannes , der in dumpfem Brüten in seinem Sessel lag . Er hätte viel darum gegeben , wenn es ihm möglich gewesen wäre , diese Neigung wirklich als eine Kinderthorheit zu verurtheilen und die Beiden mit Fug und Recht aus einander zu reißen . Jetzt blieb ihm nur der armselige Vorwand der Standes- und Vermögensunterschiede , und er selbst hatte einst gezeigt , wie leicht diese Schranken zu durchbrechen sind , sobald ein energischer Wille sich dagegen auflehnt , wenn ihn auch freilich ganz andere Beweggründe leiteten . Das schönste und heiligste Vorrecht der Jugend , eine glühende , ideale Leidenschaft , die nicht nach Schranken und Möglichkeiten fragt , hatte Arno Raven nie gelernt und nie geltend gemacht . Er hatte den Traum von Liebe und Glück nicht träumen wollen , als er dazu berechtigt war – seine ehrgeizigen Pläne ließen ihm keine Zeit dazu . Jetzt , im Herbste seines Lebens , schwebte der Traum herab , goldig und verklärend ; er umgab ihn mit schmeichelndem , trügerischem Schimmer und nahm seine beste Kraft gefangen , bis er jäh daraus erwachte . Die Jugend folgte der Jugend , und der alternde Mann stand allein auf der Höhe seiner Erfolge und seiner Macht , mit der öden Einsamkeit um sich her . Vielleicht hätte er in dieser Stunde Macht und Erfolge hingegeben , um noch einmal wieder jung zu sein . Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 18 , S. 291 – 294 Fortsetzungsroman – Teil 10 [ 291 ] Doctor Max Brunnow hatte aus dem Munde seines Freundes das Verbannungsurtheil des Hofraths Moser entgegengenommen , war aber leider wenig davon berührt worden . „ Ich wäre wahrhaftig wieder hingegangen , “ sagte er lachend . „ Dieser vortreffliche Hofrath mit seiner bureaukratischen Majestät und der ewigen weißen Halsbinde ist eine kostbare Figur , und das junge Mädchen bedarf dringend einer vernünftigen ärztlichen Behandlung . Ich begreife es freilich , daß der ‚ allergetreueste Unterthan seines allergnädigsten Souverains ‘ den Sohn meines Vaters von seiner Schwelle bannt , aber es ist schade , daß meine Praxis hier in R. ein so schnelles Ende nimmt . Sie versprach , wenn auch nicht besonders einträglich , so doch amüsant zu werden . “ – Es sollte sich indessen bald eine andere Praxis für den jungen Arzt finden , die zwar noch weniger einträglich zu werden versprach , ihm aber das vermißte „ Amüsement “ in ganz ungeahntem Maße verschaffte . Georg hatte seinen Freund gebeten , die kranke Frau eines Copisten zu besuchen , der bisweilen Abschriften für den Assessor besorgte und dem dieser auch schon öfter Beschäftigung bei dem Regierungsbureau verschafft hatte . Die Frau litt bereits seit längerer Zeit an einer zehrenden Krankheit ; der Arzt , den man herbeirief , war nur selten gekommen , hatte achselzuckend erklärt , daß da nicht viel mehr zu helfen sei , und schließlich die Besuche in der Familie aufgegeben , die in ärmlichen Verhältnissen lebte und nicht bezahlen konnte . Max war sofort bereit , der Aufforderung nachzukommen , und betrat schon am nächsten Tage das bezeichnete Häuschen , das in der Vorstadt dicht am Fuße des Schloßberges lag . Ein kleines Mädchen von etwa zehn Jahren öffnete dem jungen Arzte die Thür der ziemlich dürftig eingerichteten Wohnung , wo zwei jüngere Kinder den fremden Herrn mit großen Augen anstarrten , während die Mutter , von Kissen und Decken umhüllt , in einem alten Lehnstuhle saß . Max war in Begriff , näher zu treten , hielt aber überrascht inne , denn neben der Kranken bemerkte er ein junges Mädchen in nonnenhaft dunkler Kleidung , mit sehr blassem Gesicht und schlichtgescheiteltem Haar , das aus einem Buche vorlas , welches der Goldschnitt und das Kreuz auf dem Deckel unzweifelhaft als Gebetbuch kennzeichneten . Es war die Tochter des Hofraths Moser , die ihre Vorlesung abbrach und sich sehr verlegen erhob , als sie den Eintretenden erkannte . „ Guten Tag , mein Fräulein ! “ sagte Max ruhig . „ Verzeihen Sie , daß ich störe , aber ich komme als Arzt zu einer Kranken und bin diesmal wirklich der Erwartete , ohne jedes Mißverständniß . “ Das junge Mädcheu wurde blutroth und zog sich einige Schritte zurück . Sie erwiderte nichts . Doctor Brunnow nannte sich jetzt der Kranken , die bereits auf sein Kommen vorbereitet war und ihn erwartete . Er begann sofort , ohne viele Umstände , seine Fragen zu stellen und den Krankheitszustand zu prüfen . Er that es nicht besonders verbindlich oder rücksichtsvoll ; er ließ sich auf Tröstungen gar nicht ein , gab nicht einmal bestimmte Hoffnungen , aber die kurze , klare Entschiedenheit all seiner Bemerkungen und Anordnungen hatte etwas ungemein Beruhigendes . Agnes Moser war inzwischen im Hintergrunde geblieben und hatte sich mit den Kindern beschäftigt . Sie schien nicht recht zu wissen , ob sie bleiben oder gehen sollte , entschied sich aber endlich für das Letztere . Sie setzte ihren Hut auf und verabschiedete sich von der Kranken , die sich in lebhaften Dankesäußerungen über die Güte des Fräuleins erging . Wenn Agnes aber glaubte , dadurch einem längeren Zusammensein mit dem Doctor Brunnow zu entgehen , so irrte sie sich ; dieser empfahl nur noch in kurzen Worten die genaue Befolgung seiner Verordnungen , verhieß am nächsten Tage wiederzukommen und schloß sich dann mit der allergrößte Unbefangenheit dem jungen Mädchen an . „ Ich darf Sie also nicht mehr als meine Patientin betrachten , mein Fräulein , “ eröffnete er das Gespräch , als sie draußen im Freien waren . „ Ihr Herr Vater scheint mir die Schuld an einem Mißverständniß beizumessen , zu dem ich doch wahrlich nicht den Anlaß gegeben habe . Er ließ mir in der unzweideutigsten Weise eröffnen , daß meine ferneren Besuche ihm nicht erwünscht seien . “ Agnes senkte in peinlicher Verlegenheit die Augen . „ Ich bitte um Verzeihung , Herr Doctor , “ entgegnete sie . „ Es war meine Schuld allein – ich hätte nach Ihrem Namen fragen sollen . Seien Sie überzeugt , daß es nicht Mißtrauen in Ihre ärztliche Kunst ist , die meinen Vater bestimmt , auf Ihren Rath zu verzichten ! Gründe anderer Art – “ „ Ich weiß , politische Gründe ! “ fiel Max mit unverhehlter Ironie ein . „ Der Herr Hofrath verabscheut den revolutionären Namen , den ich trage , und beharrt darauf , in mir einen staatsgefährlichen Demagogen zu sehen . Ich bin weit entfernt , ihm oder Ihnen meinen Rath aufzudringen , möchte mich aber doch [ 292 ] nach dem Schicksal meines Receptes erkundigen . Sie haben es jedenfalls nicht benutzt ? “ „ Doch ! “ erwiderte Agnes leise . „ Ich habe die Arzenei genommen . “ „ Mit irgend einem Erfolge ? “ „ Ja , ich befinde mich weit besser seitdem . “ „ Das freut mich . Ist denn aber mein Herr College , der Sie jetzt behandelt , damit einverstanden , daß Sie den Verordnungen eines Anderen folgen ? “ „ Mich behandelt augenblicklich Niemand , “ gestand das junge Mädchen . „ Herr Doctor Helm , der ursprünglich gerufen war , hat das Mißverständnis sehr übel genommen . Ich mag ihn wohl etwas verlegen und zweifelnd empfangen haben , denn er entfernte sich sofort , als er bereits ein Recept vorfand , und nahm auch die nachträgliche Entschuldigung meines Vaters sehr kühl auf . Da ich mich nun schon am nächsten Tage besser befand – – so meinte ich – nun , so bin ich vorläufig bei Ihren Verordnungen geblieben . “ Bleiben Sie nur dabei ! sagte Max trocken . „ An der Arzneiflasche wenigstens haftet nichts Staatsgefährliches ; das wird wohl auch der Herr Hofrath einsehen . “ Sie hatten jetzt den Schloßberg erreicht , und Agnes blieb stehen in der sicheren Voraussetzung , daß ihr Begleiter sich nun entfernen werde , er bemerkte aber nur : „ Sie gehen wahrscheinlich durch die Anlagen des Schloßberges – das ist auch mein Weg , “ und blieb an ihrer Seite mit einer Miene , als sei dies die einfachste und natürlichste Sache von der Welt . Das junge Mädchen sah ihn scheu und ängstlich an . Ihre Schüchternheit erlaubte ihr nicht , die Begleitung abzuschlagen ; so ergab sie sich denn in das Unvermeidliche , und sie schritten zusammen vorwärts . „ Was meine gegenwärtige Patientin betrifft , “ nahm der Arzt wieder das Wort , „ so ist ihr Zustand allerdings sehr bedenklich , aber nicht durchaus hoffnungslos . Vielleicht ist es mir möglich , sie ihrer Familie zu erhalten . Ich entnahm aus den Dankesworten der Frau , daß