uns nicht nach auf den anderen Werken , “ sagte der junge Bergmann Lorenz , der neben Hartmann stand . „ Sie meinen , es wäre ihnen noch zu früh , sie wären nicht vorbereitet genug , kurz sie haben keine Lust und wollen die Sache erst noch abwarten . “ Ulrich warf trotzig den Kopf zurück . „ Meinetwegen ! So gehen wir allein vor . Wir haben keine Zeit zu verlieren ! “ Eine Bewegung der Ueberraschung gab sich unter den Bergleuten kund . „ Allein ? “ fragten Einige . „ Ohne unsere Cameraden ? “ setzten die Anderen hinzu , und die Mehrzahl wiederholte mit dem Ausdrucke der Besorgniß : „ Schon jetzt ? “ „ Jetzt , sage ich , “ bekräftigte Ulrich herrisch , indem er einen herausfordernden Blick umherwarf . „ Ist etwa Einer von Euch anderer Meinung , so sage er ’ s ! “ Es schien ein nicht unbedeutender Theil der Anwesenden anderer Meinung zu sein , gleichwohl wagte sich Keiner mit einem bestimmten Widerspruch hervor , nur Lorenz sagte in bedenklichem Tone : „ Aber Du meintest ja selbst , es wäre besser , wenn alle Werke der Umgegend auf einmal aufhörten zu arbeiten . “ „ Kann ich dafür , wenn sie zaudern und zaudern , bis uns die Geduld reißt ? “ fragte der junge Steiger heftig . „ Wenn sie durchaus warten wollen , wir können es nicht ; das wissen sie recht gut . Aber sie wollen uns voran in ’ s Feuer schicken , um erst zu sehen , wie uns die Geschichte ausschlägt . Echt cameradschaftlich ! Nun , wir werden auch ohne sie fertig werden ! “ „ Und glaubst Du denn wirklich , daß er “ – Lorenz warf einen Blick nach der Richtung hin , wo das Landhaus des Chefs lag , – „ daß er nachgeben wird ? “ „ Er muß ! “ sagte Ulrich bestimmt , „ oder er ruinirt sich ! Grade jetzt sind ihm ein paar Speculationen verunglückt ; dazu [ 123 ] hat er alle Schulden seines Herrn Sohnes decken müssen , und das neue Haus in der Stadt wird auch wohl so an die Hunderttausend kosten ; wenn ihm nun auch die Werke ein paar Monate lang still stehen , grade jetzt , wo die großen Contracte abgeschlossen sind , so ist es zu Ende mit der ganzen Herrlichkeit . Vor zwei Jahren hätte er das vielleicht noch ausgehalten , jetzt hält er es nicht mehr aus . Wir setzen alles durch , wenn mir ihm damit drohen . “ „ Gebe Gott , daß wir ’ s nur auch wirklich durchsetzen ! “ seufzte einer der Bergleute , ein schon bejahrter Mann mit einem blassen eingefallenen Gesicht und bekümmerter Miene . „ Es wäre doch schrecklich , wenn wir umsonst all die Noth und Sorge auf uns nähmen , und wochenlang mit Frau und Kindern darbten , damit zuletzt alles beim Alten bleibt . Wenn wir doch lieber noch warten wollten , bis die Cameraden – “ „ Ja wohl , wenn wir auf die Anderen warteten – “ ließen sich hier und da einzelne Stimmen vernehmen . „ Schwätzereien und kein Ende ! “ brauste Ulrich wild auf . „ Ich sage Euch , daß jetzt grade die beste Zeit ist und daß wir vorgehen . Wollt Ihr mit mir gehen oder wollt Ihr nicht ? Antwort ! “ „ So fahre doch nicht gleich so auf ! “ beschwichtigte Lorenz . „ Du weißt ja , daß sie alle mit Dir gehen , wenn ’ s einmal so weit ist . Laß sie auf den anderen Werken machen , was sie wollen ! Wir sind einig , – da läßt Dich Keiner im Stich ! “ „ Ich wollte es auch Keinem rathen , zurück zu bleiben , wenn ’ s erst Ernst wird ! “ sagte Ulrich , einen finster drohenden Blick nach der Ecke hinüber schleudernd , von wo der Widerspruch ausgegangen war . „ Da können wir keine Feigheit gebrauchen , da muß Jeder für den Anderen einstehen , und wehe dem , der es nicht thut ! “ Der junge Führer schien gerade in seiner despotischen Art den Cameraden gegenüber das rechte Mittel zu besitzen , um jeden etwa aufkeimenden Widerspruch zu ersticken . Die wenigen Opponenten , ausschließlich ältere Männer , schwiegen , während die Uebrigen , besonders die Jüngeren , sich mit lauter Zustimmung um Hartmann drängten , der jetzt ruhiger fortfuhr : „ Uebrigens ist jetzt keine Zeit , das alles zu besprechen , heut Abend wollen wir – “ „ Der Obersteiger ! “ unterbrachen ihn einige Stimmen , während sich Aller Blicke nach der Thür wandten . „ Auseinander ! “ befahl Ulrich , und gehorsam dem Commando stob die Schaar auseinander . Jeder bemächtigte sich wieder seiner Blende , die er vorhin bei Seite gestellt hatte . Der Obersteiger , der rasch und ziemlich unvermuthet eintrat , hatte wahrscheinlich noch die schnell gelöste Gruppe gesehen , vielleicht auch den Befehl gehört , denn er sah forschend im Kreise umher . „ Sie scheinen Ihre Cameraden ja ganz ausgezeichnet in Zucht zu haben , Hartmann ! “ sagte er kalt . „ So ziemlich , Herr Obersteiger ! “ gab dieser in gleichem Tone zurück . Dem Obersteiger mochte es wohl wie den übrigen Beamten auch kein großes Geheimniß mehr sein , was die Arbeiter jetzt meist unter sich verhandelten ; er zog es jedoch vor , nichts gehört und gesehen zu haben , sondern fuhr gleichgültig fort : „ Herr Berkow will mit den Ingenieuren das Hebewerk besichtigen . Sie sollen mit Lorenz im Fahrschachte bleiben , Hartmann , bis die Herren wieder zu Tage gefahren sind . Steiger Wilm kann vorläufig Ihre Leute mit zur Schicht führen , bis Sie nachkommen . “ Ulrich fügte sich schweigend der Anordnung und blieb mit Lorenz zurück , während die Uebrigen unter Leitung des Obersteigers anfuhren . Als der letzte seiner Cameraden verschwunden war , kehrte sich der junge Bergmann grollend ab . „ Feiglinge sind sie doch allesammt ! “ murmelte er ingrimmig . „ Das ist nicht vom Flecke zu bringen , mit seiner Unentschlossenheit und Furchtsamkeit . Sie wissen so gut wie ich , daß wir grade jetzt die Zeit benutzen müssen , und doch wollen sie nicht vorwärts , weil sie allein bleiben , weil die Anderen nicht hinter ihnen stehen . Ein Glück , daß wir gerade Berkow gegen uns haben und keinen Anderen . Wär ’ s ein tüchtiger Mann , der ihnen zu rechter Zeit die Zähne wiese und zu rechter Zeit gute Worte gäbe , sie brächten es nicht zu Stande . “ „ Meinst Du denn , er wird das nicht auch thun ? “ fragte Lorenz etwas mißtrauisch . „ Nein ! Er ist feig , wie alle Tyrannen ! Er prahlt und peinigt nur , so lange er obenauf ist , und wenn es an seine Haut oder seinen Geldsack geht , kriecht er zum Kreuze . Er hat sich so gründlich verhaßt gemacht und wird sie so in ’ s Aeußerste hineinhetzen , daß zuletzt Keiner zurückbleibt , und dann ist ’ s gut , dann haben wir ihn in der Hand . “ „ Und der junge Herr ? Glaubst Du , daß er sich gar nicht einmischt , wenn die Sache losgeht ? “ Ein Ausdruck unverstellten Hohnes schwebte um Ulrich ’ s Mund , als er verächtlich entgegnete : „ Der zählt nicht ! Der läuft beim ersten Lärm , den es giebt , in die Stadt zurück , um sich in Sicherheit zu bringen . Wenn wir mit dem zu thun hätten , wären wir freilich schneller fertig ; er sagt zu Allem Ja , wenn man ihm droht , ihn nicht ausschlafen zu lassen . Der Vater wird uns doch mehr zu schaffen machen . “ „ Er will das Hebewerk besichtigen , “ meinte Lorenz nachdenkend . „ Ob er auch in die Schachte geht ? “ Ulrich lachte bitter auf . „ Was fällt Dir ein ! Unsereins muß freilich täglich da unten sein Leben riskiren ; dazu sind wir gut genug – aber der Herr Chef bleibt im sicheren Fahrschacht . Ich wollte , ich hätte ihn einmal so allein neben mir , Auge in Auge , er sollte mir das Zittern lernen , das wir unten so oft durchmachen müssen . “ Blick und Ton des jungen Mannes waren so wild , so erfüllt von tiefstem Hasse , daß sein viel gemäßigterer Gefährte es vorzog , zu schweigen und damit für den Augenblick wenigstens dies Gespräch zu beendigen . Es trat eine längere Pause ein ; Hartmann war zum Fenster getreten und blickte ungeduldig hinaus , als er plötzlich eine Hand auf seiner Schulter fühlte und Lorenz dicht neben sich stehen sah . „ Ich wollte Dich etwas fragen , Ulrich , “ begann er stockend . „ Nun , Du wirst es mir ja auch sagen , wenn ich Dich darum bitte . – Wie stehst Du mit der Martha ? “ Es vergingen einige Secunden , ehe Ulrich antwortete . „ Ich mit Martha ! Mußt Du das wissen ? “ Der junge Bergmann sah zu Boden . „ Du weißt es ja , ich bin dem Mädchen schon so lange nachgegangen , sie hat mich immer noch nicht gewollt , weil sie – wohl einen Anderen wollte . Nun freilich , verdenken kann ich ’ s ihr nicht ! “ sein Blick glitt mit einer Art von schmerzlicher Bewunderung an seinem Freunde nieder , „ und wenn es wirklich wahr ist , daß Du mir im Wege stehst , dann muß ich mir die Sache wohl aus dem Kopfe schlagen . Also sage mir gerade heraus , seid Ihr einig ? “ „ Nein , Karl ! “ sagte Ulrich dumpf . „ Wir sind nicht einig , und wir werden ’ s auch nicht , das wissen wir jetzt beide . Ich stehe Dir nicht mehr im Wege bei dem Mädchen , und wenn Du Dein Glück noch einmal versuchen willst , ich glaube , jetzt nimmt sie Dich . “ Ein Freudenblitz schoß über die Züge des jungen Mannes hin , als er sich tief aufathmend emporrichtete . „ Meinst Du das wirklich ? Nun freilich , wenn Du es sagst , muß es ja wohl wahr sein , und dann will ich ’ s auch versuchen , gleich heut Abend . “ Ulrich runzelte finster die Stirn . „ Heut Abend ? Denkst Du denn gar nicht daran , daß wir heut Abend eine Besprechung haben , und daß Du dahin gehörst und nicht auf die Freierschaft ? Aber Du bist auch nicht besser als die Anderen . Jetzt , wo wir hinein wollen in den Kampf , gehen Dir Deine Liebesgeschichten im Kopfe herum , jetzt , wo Jeder froh sein sollte , der nicht Frau und Kind hat , denkst Du an ’ s Heirathen ! Es ist nicht auszuhalten mit Euch Allen ! “ „ Nun , ich werde doch immer bei der Martha anfragen dürfen , “ vertheidigte sich Lorenz gekränkt . „ Und wenn sie auch wirklich Ja sagt , so ist ’ s noch immer eine gute Weile bis zur Heirath . Freilich , Du weißt nicht , wie so Einem zu Muthe ist , der was Liebes hat , das er nicht bekommen kann , wie sich einem das Herz umkehrt , wenn man sehen muß , daß ein Anderer da ist , Tag für Tag mit ihr zusammen , der nur nach dem zu greifen braucht , wofür man sein Leben lassen möchte , und doch nicht danach greift ; Du – “ „ Hör ’ auf , Karl ! “ unterbrach ihn Ulrich mit zuckenden Lippen , indem er die geballte Hand so heftig niederfallen ließ , [ 124 ] daß das Holzwerk dröhnte . „ Geh ’ zu der Martha , heirathe sie , mach ’ was Du willst , aber rede mir nicht länger von solchen Geschichten ! ich will , ich kann das nicht hören ! “ Der junge Bergmann sah seinen Freund erstaunt an ; er konnte sich diese wilde Zurückweisung nicht erklären ; es war doch kein Zweifel , daß Jener das Mädchen freiwillig aufgab ; es blieb ihm aber keine Zeit , darüber nachzugrübeln , denn in diesem Augenblick wurde draußen die scharfe Stimme Berkow ’ s laut , die in sehr ungnädigem Tone zu den ihn begleitenden Beamten sagte : „ Und nun bitte ich wirklich , meine Herren , davon aufzuhören ! Die alte Wetterführung hat so lange vorgehalten , ohne daß ein Unglück geschehen ist , und wird es auch ferner thun . Wir brauchen keine kostspieligen Neuerungen , die Sie für nothwendig zu erklären belieben , weil es nicht aus Ihrer Tasche geht . Denken Sie , daß ich hier eine philanthropische Musteranstalt will ? Die Betriebsfähigkeit will ich erhöht wissen , und die Ausgaben , die Sie dafür ansetzen , werden bewilligt werden . Das Uebrige wird gestrichen . Wenn die Bergleute in Gefahr sind , so kann ich das nicht ändern ; das bringt ihr Brod eben so mit sich . Ich kann nicht Tausende fortwerfen , um ein paar Häuer und Förderleute vor einem Unglück zu sichern , das möglicher Weise einmal kommen könnte und bis jetzt noch nicht gekommen ist . Die Arbeiten in den Schachten werden auf das Allernothwendigste beschränkt , um sie betriebsfähig zu erhalten , und damit Punctum ! “ Er stieß die Thür des Schachthauses auf und schien unangenehm überrascht zu sein , als er die beiden Bergleute gewahrte , die er hier wohl nicht vermuthet hatte und die seine letzten Worte gehört haben mußten . Noch unangenehmer als ihm schien ihre Gegenwart dem Oberingenieur zu sein . „ Hartmann , was thun Sie noch hier oben ? “ fragte er betreten . „ Der Obersteiger sagte uns , wir müßten die Herren in den Fahrschacht begleiten , “ antwortete Ulrich , ohne das dunkelglühende Auge von Berkow abzuwenden . Der Oberingenieur zuckte leicht die Achseln und wandte sich zu seinem Chef mit einer Miene , in der deutlich genug zu lesen war : „ dazu hätte er auch einen Andern aussuchen können “ – indessen äußerte er nichts . „ Schon gut ! “ sagte Berkow kurz . „ Fahrt immer an , wir kommen nach . Glück auf ! “ Die beiden Bergleute gehorchten ; als sie den Herren aus dem Gesichte waren , hielt Lorenz einen Augenblick inne . „ Ulrich ! “ „ Was willst Du ? “ „ Hast Du gehört ? “ „ Daß er nicht Tausende wegwerfen kann , um ein paar Häuer und Förderer zu sichern ? Aber der Betrieb soll auf Hunderttausende erhöht werden ! Nun , sicher ist am Ende Niemand hier in der Tiefe , und er fährt ja heute auch ein . Wir wollen abwarten , an wen zuerst die Reihe kommt . Mach ’ fort , Karl ! “ – Es schien in der That , als ob mit dem Unwetter des gestrigen Tages sich der so lange ersehnte Frühling sein Reich erstritten habe ; mit einer solchen Zauberschnelle hatte sich die Witterung über Nacht geändert . Wie spurlos verschwunden waren Nebel und Wolken , mit ihnen Wind und Kälte ; die Berge lagen jetzt so klar da , umleuchtet von dem hellen Sonnenschein , umweht von der milden warmen Luft , daß man sich nun endlich der Hoffnung hingeben durfte , es sei vorbei mit dem ewigen Regen und Sturm der letzten Wochen , vorbei für eine lange sonnenhelle Frühlings- und Sommerzeit . Eugenie war auf ihren Balcon getreten und blickte hinaus in die nun endlich entschleierte Landschaft . Ihr Auge haftete nachdenklich und träumerisch auf den Bergen drüben . Vielleicht dachte sie an die gestrige Nebelstunde dort oben auf der Höhe ; vielleicht tönte noch in ihren Ohren das Rauschen und Wehen der grünen Tannenarme ; aber die Erinnerungen wurden rasch und gewaltsam durch den Klang eines Posthorns unterbrochen , das in ihrer unmittelbaren Nähe ertönte ; gleich darauf fuhr eine Extrapostchaise unten an der Terrasse vor , und mit einem Schrei der Freude und Ueberraschung flog die junge Frau vom Balcon zurück . „ Mein Vater ! “ Es war in der That Baron Windeg , der rasch aus dem Wagen stieg und in ’ s Haus trat , wo ihn seine Tochter schon oben an der Treppe empfing . Es war das erste Wiedersehen zwischen ihnen seit ihrer Vermählung , und trotz der Gegenwart der beiden Diener , die herbeigestürzt kamen , den vornehmen Gast zu empfangen , schloß der Vater sein Kind so leidenschaftlich fest in die Arme wie damals am Abende ihres Hochzeittages , als sie im Reisekleide von [ WS 2 ] ihm Abschied nahm . Die junge Frau machte sich endlich sanft los und zog ihn mit sich in ihr Lieblingszimmer , den kleinen blauen Salon . [ 139 ] „ Welche Ueberraschung , Papa ! “ sagte Eugenie noch strahlend vor Freude und Aufregung . „ Ich hatte keine Ahnung von diesem unerwarteten Besuche . “ Der Baron ließ sich , den Arm noch immer um sie geschlungen , mit ihr auf das Sopha nieder . „ Er war auch nicht beabsichtigt , mein Kind . Eine Reise führte mich in diese Gegend , und da konnte und wollte ich nicht den Umweg von einigen Stunden scheuen , um Dich wiederzusehen . “ „ Eine Reise ? “ Eugenie blickte fragend in das Antlitz ihres Vaters , dessen Auge so forschend auf ihren Zügen ruhte , als wolle es darin die Geschichte dieser ganzen Wochen lesen , die sie von ihm getrennt gewesen war ; aber als ihr Blick jetzt zufällig niederglitt auf seinen Hut , den er noch in der Linken hielt , schreckte sie erbleichend zusammen . „ Um Gottes willen , Papa , was soll der Trauerflor ? Meine Brüder – ? “ „ Sie sind wohl und grüßen Dich herzlich , “ beschwichtigte der Baron . „ Erschrick nicht , Eugenie ! “ Für das , was Dir lieb ist , brauchst Du nicht zu zittern . Ein Trauerfall , der allerdings unsere Familie betroffen hat , geht leider , muß ich wohl sagen , Keinem von uns zu Herzen . Doch ich werde Dir das später ausführlich mittheilen , jetzt sage mir – “ „ Nein , nein , “ unterbrach ihn die junge Frau unruhig , „ ich muß erst wissen , wem dieser Flor gilt . Wen haben wir zu betrauern ? “ Windeg stellte den umflorten Hut bei Seite und legte den Arm fester um seine Tochter ; es war etwas Schmerzliches , Krampfhaftes in der Zärtlichkeit , mit der er sie an sich drückte . „ Ich bin auf der Reise , um unserm Vetter Rabenau die letzte Ehre zu erweisen . Seine Güter liegen in dieser Provinz . “ Eugenie fuhr auf . „ Graf Rabenau ? Der Majoratsherr – “ „ Ist todt ! “ vollendete der Baron schwer . „ In der Fülle des Lebens und der Gesundheit , wenige Wochen vor seiner beabsichtigten Vermählung – das konnte allerdings Niemand vorhersehen . “ Eugenie war todtenbleich geworden ; man sah es , die Nachricht ging auch ihr nicht zu Herzen , und dennoch erregte dieselbe sie auf ’ s Furchtbarste ; sie sagte kein Wort , aber der Vater schien ihre Erregung zu begreifen . „ Du weißt , daß wir einander schon seit langer Zeit entfremdet waren , “ fuhr er düster fort . „ Mit Rabenau ’ s rohem , wildem Wesen war nicht auszukommen , und nie vergesse ich die bittere Abweisung , die ich vor einem halben Jahre von ihm erfahren mußte . Er hätte uns retten können , wenn er gewollt ; ihm wäre es ein Leichtes gewesen ; er wies mich rauh und hart zurück . Nun ist er todt , gestorben ohne Erben ; ich trete das Majorat an , jetzt , wo es zu spät ist , wo ich mein Kind geopfert habe ! “ Es lag ein erschütternder Schmerz in diesen Worten . Eugenie strebte sichtbar sich zu fassen , und das gelang ihr auch im Laufe der nächsten Minuten . „ O Papa , Du darfst jetzt nicht an mich denken ! Ich – ich athme ja auf bei dem Gedanken , daß Dir ein so reicher Ersatz wird für all die Demüthigungen , die Du erlitten ; mich überraschte nur das Unerwartete , Plötzliche dieser Nachricht . Wir konnten uns ja nie Hoffnung auf das Majorat machen . “ „ Nie ! “ sagte der Baron düster . „ Rabenau war jung und kräftig ; er stand im Begriff , sich zu vermählen . Wer konnte da ahnen , daß eine dreitägige Krankheit ihn niederwerfen würde ! Aber wenn sein Tod nun einmal beschlossen war , warum , warum konnte diese Fügung nicht eher eintreten ? Vor vier Wochen noch hätte uns die Hälfte , hätte uns ein Viertheil des Reichthums gerettet , der mir jetzt zuströmt . Ich hätte dem – Schurken der mich in ’ s Unglück stürzte , das Geld hinwerfen können , das er mit hundertfachen Wucherzinsen forderte , und meine einzige Tochter brauchte nicht der Preis zu werden . Ich habe Dein Opfer angenommen , Eugenie . Gott weiß es , nicht um meinetwillen ; es geschah für meinen Namen , für die Zukunft meiner Söhne . Aber daß dieses ganze bittere Opfer jetzt umsonst gebracht sein soll , daß eine kurze zufällige Zögerung von einigen Wochen es Dir und mir erspart hätte , diesen Hohn des Schicksals ertrage ich nicht ! “ Er preßte heftig ihre Hand in der seinigen ; aber die junge Frau hatte bereits ihren ganzen Stolz , ihre ganze Fassung wieder gewonnen ; wie furchtbar sie auch dieses „ zu spät “ berührt haben mochte , man sah es ihr nicht mehr an . „ Du darfst nicht so sprechen , Papa ! “ entgegnete sie fest . „ Es wäre eine Ungerechtigkeit gegen Deine anderen Kinder . Dieser Tod , den wir freilich , wie Graf Rabenau nun einmal war , nur formell betrauern können , macht Dich frei von Vielem . Meine Vermählung wendete nur das Drohendste ab ; es blieb noch immer genug , was schwer auf uns lastete , was Dich vielleicht [ 140 ] später auf ’ s Neue in erniedrigende Abhängigkeit von jenem Manne gebracht hätte . Diese Gefahr ist nun abgewendet für immer ; Du kannst ihm das Empfangene zurückzahlen . Wir schulden ihm nichts mehr ! “ „ Aber er schuldet Dich uns . “ unterbrach sie Windeg bitter , „ und er wird sich hüten , diese Schuld je einzulösen . Das ist ’ s , was mir die Rettung vergällt , die ich vor Kurzem noch aufathmend begrüßt hätte und die mich jetzt zur Verzweiflung treibt um Deinetwillen . “ Eugenie wendete sich ab und beugte sich tief über die Blumen , die neben ihr in einer Vase dufteten . „ Ich bin nicht so unglücklich , wie Du und meine Brüder es vielleicht glauben , “ sagte sie leise . „ Nicht ? Meinst Du , ich hätte mich durch Deine Briefe täuschen lassen ? Ich wußte es im Voraus , daß Du uns schonen würdest ; aber wenn mir noch ein Zweifel geblieben wäre , Deine Blässe spricht deutlich genug . Du bist unglücklich , Eugenie , mußt unglücklich sein an der Seite dieses Menschen , der – “ „ Papa , Du sprichst von meinem Gatten ! “ Die junge Frau erhob sich so heftig und leidenschaftlich bei diesen Worten , daß ihr Vater zurücktrat und sie betroffen ansah , ebenso erstaunt über diesen Ton wie über die dunkle Purpurgluth , die auf einmal ihr Antlitz bedeckte . „ Verzeih ’ ! “ sagte er sich fassend , „ ich kann mich immer noch nicht an den Gedanken gewöhnen , daß meine Tochter einem Arthur Berkow angehört , und daß ich mich in seinem Hause befinde , aber sie zwingen mich ja , es zu betreten , wenn ich mein Kind sehen will . Du hast Recht , ich muß Dich in dem Manne schonen , dem Du nun einmal angetraut bist , wenn ich es auch deutlich genug sehe , wie sehr Du durch ihn gelitten hast und noch leidest . “ Die tiefe Gluth war langsam wieder von Eugeniens Antlitz gewichen , aber noch blieb ein heller Schein davon zurück , als sie gepreßt erwiderte : „ Du irrst , ich habe keine Klage über Arthur . Er hat sich von Anfang an in einer Entfernung gehalten , die ich ihm nur danken kann . “ Das Auge des Barons flammte auf . „ Ich wollte ihm und seinem Vater auch nicht rathen , die schuldige Rücksicht gegen Dich zu vergessen ; sie verdienten am wenigsten die Ehre , die Du in ihr Haus brachtest , wo bis dahin nicht viel Ehre zu finden war . – Aber eine Genugthuung wenigstens kann ich Dir geben , Eugenie ! Du wirst nicht lange mehr den Namen tragen , an dem so viel Gemeinheit , so viel Schändlichkeit gegen uns und Andere haftet , nicht minder schändlich deshalb , weil das Gesetz sie nicht strafen kann . Ich habe dafür gesorgt , daß wenigstens das ein Ende nimmt . “ Die junge Frau sah ihn überrascht an . „ Was meinst Du damit ? “ „ Ich habe die nöthigen Schritte gethan , damit Deinem – “ der Baron schien sich schwer überwinden zu müssen , als er das Wort aussprach – „ Deinem Gatten die Erhebung in den Adelstand zu Theil wird . Nur ihm , nicht seinem Vater , dem leiste ich keinen Dienst und den will ich nicht , wenn auch nur formell , in unsern Reihen wissen . Es ist nicht ungewöhnlich , daß mit einer solchen Standeserhöhung auch eine Namensänderung verbunden wird , und das soll auch hier geschehen . Ihr könnt selbst unter den Namen Eurer Güter wählen , welcher Euch am passendsten für das neue Adelsgeschlecht erscheint . Eure Wünsche werden Berücksichtigung finden . “ „ Für das neue Adelsgeschlecht ? “ wiederholte Eugenie tonlos . „ Du bist im Irrthum , Papa , und wenn Du diese Standeserhöhung nur meinetwegen wünschest – doch Du hast Recht , es ist in jedem Fall das Beste ! Mir ist der Gedanke schrecklich gewesen , von Arthur ’ s Großmuth bedingungslos zurücknehmen zu müssen , was er theuer genug gekauft und bezahlt hat . So bieten wir ihm doch etwas dafür ! Das Adelsdiplom wird ihm reichlich Ersatz sein für das , was er aufgiebt . “ Es war ein Ausbruch überwallender Bitterkeit in diesen Worten , und doch zuckte mitten durch die Bitterkeit ein verhaltener Schmerz ; für Windeg war eins so unverständlich wie das andere . Die Rede seiner Tochter blieb ihm völlig räthselhaft , und er war eben im Begriff , eine Erklärung darüber zu verlangen , als der Diener Herrn Berkow meldete , der den Herrn Baron zu begrüßen wünsche . Arthur trat ein und näherte sich dem Baron , dem er einige Artigkeiten über sein unerwartetes Eintreffen sagte . Der junge Mann war wieder sehr gleichgültig , sehr blasirt . Man sah es ihm deutlich genug an , daß er nur eine Pflicht der Höflichkeit erfüllte , die ihm gebot , seinen Schwiegervater zu bewillkommnen , der seinerseits die Nothwendigkeit dieser Bewillkommnung über sich ergehen ließ . Da diesmal keine fremden Zeugen zugegen waren , so unterblieb auch die Form des Händedrucks , man ließ es bei einer gegenseitigen kühlen Verneigung bewenden ; dann nahm der ältere Herr wieder neben seiner Tochter Platz und der jüngere blieb an seinem Sessel stehen , in der offenbaren Absicht , diesen gezwungenen Besuch im Salon seiner Gemahlin so viel als möglich abzukürzen . Windeg hätte nicht der vollendete Weltmann sein müssen , um nicht , trotz des aufregenden Gespräches , das er soeben mit Eugenien geführt hatte , sofort den Gesellschaftston wieder zu finden . Es folgten die üblichen Fragen und Erkundigungen nach den verschiedenen Familiengliedern ; der Tod des Grafen Rabenau wurde als Veranlassung der Reise erwähnt und sehr förmlich von Arthur bedauert , der jedenfalls keine Ahnung von der Veränderung hatte , die dieser Tod in den Verhältnissen seiner neuen Verwandten hervorrief . Endlich ging der Baron auf ein anderes Thema über . „ Uebrigens bringe ich eine Nachricht aus der Residenz mit , die auch für Sie , Herr Berkow , vom höchsten Interesse ist , “ sagte er artig . „ Ich darf wohl annehmen , daß Ihnen die Wünsche Ihres Herrn Vaters in Bezug auf eine Standeserhöhung kein Geheimniß geblieben sind , und kann Ihnen die Versicherung geben , daß ihre Erfüllung nahe bevorsteht . In einem Punkte freilich fand ich unübersteigliche Hindernisse ; man hegt gewisse – Vorurtheile gegen Herrn Berkow persönlich , die kaum zu überwinden sein dürften , dagegen ist man sehr gern bereit , einen unserer ersten Industriellen dadurch auszuzeichnen , daß man seinem Sohne den Adel ertheilt . Ich hoffe Ihnen in Kurzem dazu gratuliren zu können . “ Arthur hatte zugehört , ohne eine Miene zu verändern . Jetzt hob er das Auge empor , und sofort richtete sich Eugeniens Blick mit einem ihr selbst unerklärlichen Interesse auf diese Augen , obgleich augenblicklich darin nicht das Geringste zu lesen war . „ Darf ich fragen , Herr Baron , ob in dieser Angelegenheit allein die Wünsche meines Vaters oder auch Rücksichten auf Ihre Tochter vorwaltend waren ? “ Windeg bekämpfte eine leichte Verlegenheit . Er hatte sicher auf einen Dank gerechnet und nun