mir nicht sagen sollen , Franziska ! “ sagte er ruhig , „ und Sie brauchen mir auch meine Erfolge nicht vorzuwerfen , ich habe es mir gleichfalls ‚ sauer genug im Leben werden lassen . ‘ Sie wissen , daß mich die zweite Ehe meines Vaters aus dem Hause trieb . Er fand in der neuen Gattin nicht das gehoffte Glück , und ich nicht die Mutter in ihr , auch unser geringes Vermögen ging dabei zu Grunde ; als die Eltern starben , da mußte ich mit meinen ersten mühsam erworbenen Ersparnissen die verwaiste kleine Schwester erhalten . Die Welt freilich sieht nur den Emporkömmling , sieht nur die Höhe , auf welcher der ehemalige Förstersohn steht ; die zwanzig Jahre , die dazwischen liegen , Jahre voll Sorge und Arbeit , voll endlosen Mühens und rastlosen Ringens , die sieht sie nicht . Mir hat das Glück wahrlich nichts mühelos in den Schooß geworfen , Schritt für Schritt habe ich mir meinen Weg zu Besitz und Reichthum erkämpfen müssen , ein halbes Menschenalter habe ich dazu gebraucht – wollen Sie es mir verargen , wenn ich da gern wieder an die Kinderzeit anknüpfe ? Aber es scheint , ich darf bei Ihnen diesen Punkt nicht berühren . Sie fliehen ihn ja förmlich . “ Franziska neigte etwas betroffen den Kopf . „ Sie haben Recht , Herr Günther , aber – “ „ ‚ Herr Günther ! ‘ Das heißt mit anderen Worten , ich soll gleichfalls auf das vertrauliche ‚ Franziska ‘ und damit auch auf die Jugenderinnerungen verzichten ? “ „ Ich glaube , es ist besser , wir thun das beiderseitig ! “ sagte Franziska wie beklommen , indem sie rasch an ’ s Fenster trat und angelegentlich in den Garten hinausblickte . Ohne ein Wort zu sagen , wendete sich Günther zu seinem Platze zurück und nahm die Zeitungen wieder auf , in denen er vorhin gelesen . Es lag eine Wolke auf seiner Stirn , obgleich die ruhigen Züge sich nicht veränderten ; zum Glück machte Luciens Eintritt dem nun folgenden unbehaglichen Schweigen ein Ende . Sie kam , noch ganz erhitzt vom Spiel mit den Kindern , warf mit ihrem ganzen früheren Ungestüm den Hut auf den Tisch , sich selber in einen Lehnstuhl , und vergrub den Kopf tief in die Polster desselben . „ Nun , hast Du endlich ausgetollt ? “ fragte Bernhard , von seiner Zeitung aufsehend , dabei aber glitt ein forschender Blick über das Gesicht des jungen Mädchens . „ O , ich that es nur den Kindern zu Gefallen ! “ – in Luciens Stimme lag etwas wie tiefe Müdigkeit , „ und überdies wußte ich , daß Du hier eine wichtige Conferenz mit Fräulein Reich hieltest , bei der ich wahrscheinlich doch nicht geduldet worden wäre . “ „ Möglich , da Du der alleinige Gegenstand der Conferenz warst . “ „ Ich ? “ „ Aber Herr Günther ! “ unterbrach ihn Franziska , indem sie ihren Platz am Fenster aufgab und sich gleichfalls dem Tische näherte . „ Ich sehe nicht ein , Fräulein Reich , “ er legte einen unmerklichen , aber ihr doch verständlichen Nachdruck auf die Anrede , „ weshalb wir uns noch länger mit Vermuthungen und Befürchtungen [ 106 ] abgeben wollen , da wir in Lucie doch jedenfalls die rechte Quelle vor uns haben . Mag sie immerhin eigensinnig sein , eine Unwahrheit ist noch nie über ihre Lippen gekommen , und zur Lüge halte ich sie unter keinen Umständen fähig . Komm zu mir , Lucie ! “ Die Augen des jungen Mädchens gingen verwundert und etwas mißtrauisch von der Erzieherin zum Bruder hinüber , aber sie folgte sofort dessen Aufforderung und kam an seine Seite . „ Hast Du seit jenem Abende bei Baron Brankow den Grafen Rhaneck gesprochen ? “ [ 117 ] Bernhard überstürzte Lucie ganz plötzlich und ohne alle Vorbereitung mit der Frage . Lucie erröthete tief und glühend , aber der Bruder hatte Recht , sie war zu einer Lüge nicht fähig . „ Nur einmal , am Tage darauf ! “ sagte sie leise . „ An jenem Tage also , wo Du allein im Walde warst ? “ Günther schickte einen bedeutsamen Blick zu Franziska hinüber , die sich ärgerlich abwandte , denn Luciens Benehmen stimmte freilich verzweifelt wenig zu ihrer Behauptung , der Graf sei dem jungen Mädchen gleichgültig . „ Hat er Dir wieder von Liebe gesprochen ? “ fuhr Bernhard fort . „ Nein ! “ Es war augenscheinlich , daß das Examen Lucie bereits zu peinigen begann und daß sie es nicht lange aushalten werde . „ Wir sprachen überhaupt nur wenige Worte zusammen . Er bot mir seine Begleitung an . “ „ Die Du annahmst ? “ Die Gluth floß noch heißer als vorhin über Luciens Wangen . „ Ich bin nicht mit ihm gegangen ! “ sagte sie kurz mit fliegendem Athem , „ er blieb auf der Bergwiese zurück – und nun , Bernhard , frage mich nichts mehr , Du siehst , Dein Verbot ist befolgt worden , ich antworte jetzt keine Silbe mehr ! “ Sie preßte trotzig die Lippen zusammen , Bernhard sah wohl , daß ihr kein Wort mehr zu entreißen war , und er kannte seine eigensinnige Schwester zu gut , um hier Strenge anzuwenden . „ Es ist gut ! “ sagte er ernst . „ Mir genügt es , daß der Graf Dich nicht begleitete und daß Du ihn seitdem nicht wieder gesprochen hast . Letzteres ist doch nicht der Fall gewesen ? “ „ Nein ! “ „ Nun höre einer das Kind an ! “ sagte Franziska mit unverhehltem Erstaunen . „ Wie kommen Sie auf einmal zu diesem energischen Nein , Lucie ? Man glaubt Ihren Bruder zu hören ! “ Das junge Mädchen wandte sich ab , aber die eben noch so energisch zusammengepreßten Lippen bebten leise , es war unverkennbar , daß es sie unendlich quälte , jene Begegnung von Anderen auch nur berührt zu sehen , und nun goß Franziska mit dem besten Willen von der Welt auch noch Oel in ’ s Feuer . „ Aber weshalb wollen Sie uns durchaus nicht sagen , was zwischen Ihnen und dem Grafen – “ „ O mein Gott , so quälen Sie mich doch nicht immer und ewig mit dem Grafen ! “ brach Lucie mit einer so leidenschaftlichen Heftigkeit aus , daß Franziska , ganz die Unart der Antwort übersehend , erschreckt auf sie zueilte . „ Dacht ’ ich ’ s doch , da sind die Thränen wieder ! “ sagte sie halblaut und wollte das junge Mädchen in ihre Arme nehmen . Aber Lucie schien wenig empfänglich für diese Theilnahme , sie machte sich hastig los , die Thränen versiechten plötzlich und der Mund zwang sich zu einem Lächeln . „ Ich weine ja gar nicht , durchaus nicht ! Aber ich muß jetzt hinüber , mich umzukleiden , da Bernhard in einer halben Stunde mit mir nach C. fahren will . Er zuckt immer so spöttisch die Achseln , wenn ich nicht pünktlich bin ; diesmal soll er gewiß nicht auf mich warten ! “ Sie war aus dem Zimmer , kopfschüttelnd blickte ihr Franziska nach . „ Jetzt wirft sie sich wieder drüben auf ’ s Sopha und weint ! Wollen Sie mir nun endlich glauben , daß das Kind unglücklich ist , ohne es sich und uns eingestehen zu wollen ? “ Günther war aufgestanden und ging gedankenvoll im Zimmer auf und nieder . „ Sie haben Recht ! Ich glaubte nicht , daß die Sache so ernst sei ! Ihr Interesse für den Grafen scheint mehr zu sein , als eine flüchtige Regung der Eitelkeit , und doch wies sie seine Begleitung zurück ! Ich hätte nie geglaubt , daß meine Warnung so tief bei ihr gehen würde . “ „ Ich auch nicht ! “ sagte Franziska sehr aufrichtig . „ Lucie pflegt gewöhnlich das Gegentheil von dem zu thun , was man ihr anempfiehlt . “ „ Gleichviel ! Ich hätte am liebsten jede Berührung mit den Rhanecks vermieden , indessen der Sache muß ein Ende gemacht werden , ich sehe es jetzt ein ! Ich werde mir schriftlich jede fernere Annäherung des Grafen an Dobra und an meine Schwester verbitten . Sein Benehmen auf dem Balle giebt mir das Recht dazu und raubt ihm den Vorwand , sein fortwährendes Erscheinen hier für eine Zufälligkeit auszugeben . “ „ Thun Sie das ! “ stimmte Franziska eifrig bei . „ Ich wollte , ich könnte Ihnen den Brief dictiren , der Graf sollte da etwas zu lesen bekommen , wie es ihm wahrscheinlich in seinem ganzen Leben noch nicht geboten worden ist ! “ Trotz seiner umwölkten Stirn flog dennoch ein Lächeln über Günther ’ s Gesicht . „ Ich glaube , es ist doch besser , ich schreibe diesmal ohne Dictat . Fürchten Sie übrigens nicht , daß der Brief zu zahm ausfällt , man kann sehr ruhig und sehr vernichtend sein , und ich habe jetzt keinen Grund mehr , den Grafen zu schonen , seit ich Luciens sicher bin . Sie sorgen doch , daß Lucie zur bestimmten [ 118 ] Stunde fertig ist ? Die Zerstreuung der Fahrt wird ihr wohl thun . “ Franziska nickte blos , als aber Günther das Zimmer verließ , fuhr sie wie aus tiefen Gedanken auf , schlug mit der Hand so heftig auf den Tisch , daß die Blumenvasen klirrten , und sagte im Tone unumstößlicher Ueberzeugung : „ Und sie macht sich doch nichts aus ihm ! “ – Eine halbe Stunde darauf saß Lucie im Wagen an der Seite des Bruders , der öfter Geschäfte in C. hatte und , da der Weg dorthin durch die reizendste Gebirgslandschaft führte , seine Schwester bisweilen mitzunehmen pflegte . Nur an einer einzigen Stelle war dieser Weg unbequem und beschwerlich ; er stieg hier in steilen Windungen bis zur Höhe des Berges empor , an dessen jenseitigem Fuße die Straße sich theilte , um rechts in die Ebene nach C. , links hinein in ’ s Hochgebirge zu führen . Die Pferde , obgleich jung und kräftig , keuchten und dampften doch von der Anstrengung . Bernhard ließ halten und stieg mit Lucie aus ; die Thiere hatten genug zu thun , den leeren Wagen bis zur Höhe zu bringen , während dessen Insassen zu Fuße folgten . Lucie , der das Steigen nicht die geringste Mühe verursachte , war leichtfüßig vorauf ; Bernhard folgte langsamer ; plötzlich blieb das junge Mädchen stehen , ohne einen Schritt weiter vorwärts zu thun . „ Was hast Du ? “ fragte Günther , als er sie erreichte . „ O , nichts ! Ich meine nur , wir könnten etwas langsamer gehen . “ Sie hing sich an den Arm des Bruders und drängte sich dicht an seine Seite ; dieser achtete nicht darauf . Er bemerkte jetzt in der Windung des Weges einen zweiten Wagen ; es war eine geschlossene Stiftskutsche , deren Insasse , ein Benedictiner , gleichfalls ausgestiegen war und zu Fuß nebenherging . Bernhard liebte es sonst durchaus nicht , mit den nachbarlichen Bewohnern des Stiftes irgendwie in Berührung zu kommen . Diesmal jedoch schien er eine Ausnahme machen zu wollen ; er hatte kaum einen raschen Blick auf den Geistlichen geworfen , als er auch seine Schritte beschleunigte . Lucie klammerte sich fester an seinen Arm . „ So eile doch nicht so , Bernhard ! Laß uns lieber zurückbleiben ! “ Günther sah sie befremdet an . „ Weshalb ? Es ist Pater Benedict . Ja so , Du kennst ihn nicht ! Du hast ihn schwerlich an dem Abende bei Brankow bemerkt . “ „ Doch ! “ sagte das junge Mädchen leise mit halb erstickter Stimme . „ Ich – ich fürchte mich so vor ihm , vor seinen Augen – laß uns lieber zurückbleiben . “ „ Sei nicht kindisch , Lucie ! “ unterbrach sie Bernhard ungeduldig , indem er sie ohne Weiteres mit sich fortzog . In einigen Minuten hatten sie den jungen Geistlichen erreicht , den Günther ganz gegen seine Gewohnheit diesmal zuerst grüßte . „ Sie wollen es Ihren Pferden auch leichter machen , Hochwürden ! “ begann er in unbefangenem Tone . „ Der Weg ist freilich steil genug und die Thiere haben hinreichend an dem leeren Wagen zu schleppen , man muß ihnen schon einmal das Opfer bringen . “ Benedict hatte sich beim Nähern der Schritte umgewandt und war dann regungslos wie eine Bildsäule stehen geblieben . Vielleicht war es die Anstrengung des Steigens , die ihm den Athem versagte und ihm das Blut so glühend in ’ s Antlitz trieb , und doch widersprachen dem seine Worte , als er nach stummem Gegengruß erwiderte : „ Ich meinestheils gehe sehr gern zu Fuße . “ Das könnte ich von mir nun gerade nicht behaupten ! “ meinte Bernhard . „ Aber wir sind nun einmal im Gebirge , da geht es nicht immer so bequem wie daheim auf unseren ebenen Chausseen . “ Er schritt langsam vorwärts , während sich der junge Priester , wie es schien halb gezwungen , ihm anschloß ; es wäre auch gar zu auffällig gewesen , zurückzubleiben , während sein Wagen schon weit voraus war . Lucie hing stumm am Arme des Bruders , ohne sich mit einer Silbe an der Unterhaltung zu beteiligen ; Benedict sah unverwandt vor sich hin , auch nicht ein einziger Blick fiel nach jener Seite hinüber . Bernhard fiel es nicht ein , seine Schwester zu beobachten ; dagegen grub sich sein Auge wieder in die Züge des jungen Mönches , genau so forschend tief wie an jenem Abende , als er ihn zum ersten Male erblickte . „ Ich weiß nicht , Hochwürden , ob Sie sich meiner erinnern ! “ begann er von Neuem . „ Wir sahen uns beim Baron Brankow , freilich ohne einander vorgestellt zu werden . “ „ Doch ! Ich kenne den Gutsherrn von Dobra ! “ gab Benedict leise zur Antwort . Günther verneigte sich leicht . „ Wir sind auf einer Fahrt nach C. begriffen , “ warf er hin . „ Sie scheinen gleichfalls eine Reise vorzuhaben . “ „ Ich gehe in ’ s Gebirge , nach N. “ „ So hoch hinauf ? Da haben Sie einen weiten und beschwerlichen Weg vor sich . Jedenfalls wollen Sie dem dortigen Pfarrer einen Besuch machen ? “ „ Nein . Ich gehe , ihm Caplansdienste zu leisten , und werde wohl Monate , vielleicht den ganzen Winter hindurch dort bleiben . “ „ Das ist in der That kein beneidenswerther Posten ! “ sagte Bernhard mit unverkennbarer Theilnahme . „ N. liegt im unwirthlichsten , unzugänglichsten Theile des Gebirges ; es gehört ein wahrer . Heroismus zu dem Gedanken , den Winter dort aushalten zu wollen . “ Die Lippen des jungen Mönches zuckten ; er hatte es trotz des abgewandten Blickes doch gesehen , wie ein tiefer erleichternder Athemzug Luciens Brust hob , als er von seiner Entfernung sprach . „ Es giebt Feinde , die schlimmer zu überwinden sind als Eisnächte und Schneestürme ! “ erwiderte er kalt . Bernhard sah überrascht auf . Sollten die Worte salbungsvoll sein ? Dann hätten sie nicht mit einer so unendlichen Bitterkeit gesprochen werden müssen . „ Verzeihen Sie , Hochwürden , wenn ich eine etwas indiscrete Frage an Sie richte , “ sagte er rasch . „ Sie sind in B. geboren ? “ Benedict blickte ihn befremdet an . „ Nein ! Ich stamme aus Süddeutschland . “ „ So ? Dann war meine Voraussetzung eine irrthümliche . Mir fiel eine gewisse Aehnlichkeit auf ; ich glaubte , Ihre Mutter gekannt zu haben . “ „ Schwerlich ! Sie starb schon während meiner Knabenzeit , ebenso wie der Vater , auf den Gütern des Grafen Rhaneck . “ „ Ich sehe meinen Irrthum ein . Verzeihen Sie die Frage ! “ Benedict machte eine ablehnende Bewegung . „ O , ich bitte ! “ „ Er weiß also nichts ! “ murmelte Bernhard . „ Sie haben ihn wirklich in vollster Unkenntniß gelassen ! “ Sie schritten schweigend weiter , Benedict schien es schon halb zu bereuen , daß er sich so weit aus seiner Verschlossenheit hatte treiben lassen ; übrigens lag jetzt bereits der Gipfel des Berges vor ihnen , wo die Wagen sie erwarteten . Günther ’ s Kutscher legte soeben den Hemmschuh ein , aber er benahm sich ungeschickt dabei , die Kette gerieth zwischen die Räder und wurde von ihnen erfaßt und zerrissen , als die Pferde unversehens anzogen ; der Gutsherr , den Vorfall schon von fern bemerkend , runzelte die Stirn . „ Der Joseph ist heute wieder einmal die Ungeschicklichkeit in Person ! Ich muß wohl selbst nachsehen , sonst kommen wir kopfüber den Berg hinunter ! “ Er erstieg rasch vollends die Höhe , seine Schwester und Pater Benedict allein lassend . Lucie war an dem Orte stehen geblieben , wo der Bruder ihren Arm losgelassen , Benedict schien ihm folgen zu wollen ; aber auch er verharrte jetzt wie gefesselt auf seinem Platze , einige Secunden lang herrschte ein beängstigendes Schweigen , das wie mit Bergeswucht auf den Beiden lastete . „ Gehen Sie weit fort ? “ begann Lucie endlich , die dies stumme Gegenüberstehen nicht mehr zu ertragen vermochte und , um es nur zu brechen , nach der ersten besten Frage griff , die ihr gerade beifiel . Benedict hob langsam das Haupt . „ Weit genug für Ihre Wünsche , mein Fräulein ! Sie fürchten wohl , daß der unbequeme Warner wieder in Ihren Weg treten könnte ? Beruhigen Sie sich , ein einziges Mal habe ich das gethan , zum zweiten Male wäre es sicher nicht geschehen . “ Ich – ich meinte das nicht in der Art , “ sagte Lucie , zaghaft zu Boden blickend . „ Nicht ? Und doch athmeten Sie mit einer so unendlichen Erleichterung auf , als Sie von meiner Entfernung hörten ? “ Das junge Mädchen erröthete . Ja freilich , sie hatte aufgeathmet bei der Nachricht , denn mit seiner Entfernung mußte [ 119 ] sich doch der Bann lösen , den dieser Mann die ganze Zeit über auf sie ausgeübt , selbst wenn er nicht an ihrer Seite war . Franziska hatte Recht , sie hatte oft genug zornig und – ohnmächtig dagegen gekämpft ; wie ohnmächtig , das fühlte sie erst wieder in diesem Augenblick , und dennoch war etwas von dem alten Trotz in ihrem Tone , als sie jetzt heftig fragte : „ Wie können Sie das wissen ? Sie haben mich ja nicht ein einziges Mal angesehen während des ganzen Weges ! “ Benedict sah sie auch jetzt nicht an , aber die fliegende Röthe kam und ging in seinem Antlitz , als er gepreßt antwortete : „ Wozu . Ich weiß es ja ohnedies , daß Sie mich fürchten – und hassen ! “ Es war derselbe Vorwurf , den Lucie ihm damals im Walde entgegengeschleudert , und sie ließ ihn ebenso widerstandslos über sich ergehen , wie er es gethan hatte . Aber der junge Priester schien doch eine Abwehr , einen Widerspruch erwartet zu haben , seine Lippen zuckten wie vorhin , als keine Antwort erfolgte . „ Sie sehen , wie gut es ist , daß ich gehe ! Leben Sie wohl ! “ Die tief aufquellende Bitterkeit in diesen Worten traf Lucie doch , sie machte unwillkürlich eine Bewegung , ihn zurückzuhalten . Die blauen Augen blickten ihn wieder bestürzt und fragend an , sie mußten eine eigenthümlich zwingende Gewalt auf den finstern Mönch ausüben , er stand regungslos und langsam schwand die Härte von seiner Stirn und von seinen Lippen . „ Habe ich Sie gekränkt ? Wir wollen doch nicht so scheiden ! Ich kehre lange , kehre vielleicht niemals zurück . – Leben Sie wohl ! “ Das klang freilich anders , als das Lebewohl , welches er vorhin gesprochen . Es war wieder die ganze Weichheit in seinem Tone , der düster milde Blick in seinen Augen , die Lucie schon einmal so räthselhaft getroffen . Mußte ihr denn jede Begegnung mit ihm den dunkeln unerklärlichen Schmerz bringen , der sich jetzt wieder regte und sie mit einer wahrhaft vernichtenden Gewalt überkam , als er sich von ihr wandte ? Das Trennungsweh , das in der Brust des Mannes stürmte , schien ein Echo gefunden zu haben , das junge Mädchen preßte leise die Hand auf ihr Herz , das sie noch so wenig verstand , und von dem sie nur wußte , daß es ihr wehe that . Günther hatte inzwischen seinen Hemmschuh in Ordnung bringen lassen und selbst mit Hand angelegt ; er blickte etwas überrascht auf , als er den jungen Geistlichen allein ankommen sah , es schien ihm doch etwas rücksichtslos , daß dieser seine Schwester so ohne Weiteres allein auf der Straße zurückgelassen hatte . Benedict ging mit einem kurzen hastigen Gruße an ihm vorüber , stieg in seinen Wagen und rollte bereits in der nächsten Minute bergabwärts . Jetzt endlich erschien auch Lucie . „ Nun , das muß man sagen , einer besondern Höflichkeit den Frauen gegenüber macht sich Pater Benedict nicht schuldig ! “ sagte Bernhard , während er ihr heim Einsteigen hehülflich war . „ Er hätte wohl auch noch die wenigen Schritte bis zur Höhe mit Dir gehen können , da er einmal in unserer Gesellschaft war ! “ „ Ich frage gar nichts nach seiner Höflichkeit ! “ erklärte Lucie , sich heftig in die Wagenecke werfend . „ Das glaube ich Dir , Kind ! Sein Wesen ist viel zu abstoßend , um Dir gefallen zu können , übrigens wäre das auch gar nicht von Nutzen , da er nun einmal ein Mönch ist . “ Lucie gab keine Antwort , zum Glück achtete Bernhard nicht weiter auf sie , der nur nothdürftig ausgebesserte Hemmschuh nahm seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch , er mahnte während der Hinunterfahrt den Kutscher unausgesetzt zur Vorsicht . Lucie war gegen die Gefahr vollkommen gleichgültig , ihr wäre es jetzt auch gleichgültig gewesen , wenn der Hemmschuh aufs Neue gerissen und der Wagen hinabgestürzt wäre , sie lag , den Kopf tief in die Polster gegraben , und kümmerte sich um nichts mehr auf der Welt . Inzwischen fuhr Benedict in entgegengesetzter Richtung weiter , immer tiefer hinein in ’ s Hochgebirge . Er hatte sich weit aus dem Wagenfenster gebeugt und die freie frische Bergluft umspielte kühl die bleiche Stirn des jungen Priesters , auf der noch die Spuren des letzten Kampfes zu lesen waren . Noch einmal hatte er am Scheidewege gestanden , noch einmal das berauschende Gift jener Nähe gekostet , jetzt war es überwunden ! Näher und dunkler stiegen die Berge vor ihm auf , die riesigen Schneehäupter legten sich zwischen ihn und die Versuchung , ihre starren Felswände sollten ihn auf ewig davon scheiden . Er wähnte den Kampf geendigt , wähnte sich hinter Schneegipfeln geborgen , während doch ein junges , heißes Herz wild und glühend in seiner Brust pochte , er kannte noch nicht die Gewalt der echten Leidenschaft , vor der Ferne und Schranken machtlos zusammensinken , die sich mit verheerender Kraft Bahn bricht durch Bergesweiten und durch Menschensatzungen , bis hin zu ihrem Ziele – oder ihrem Verderben ! Mehr als drei Monate waren vergangen , der Sommer hatte Abschied genommen und die Herbststürme brausten rauh und wild über das Gebirge hin . Was nicht jahraus jahrein auf seinen Gütern lebte , machte Anstalt wieder in die Stadt zurückzukehren , und auch auf Schloß Rhaneck traf man Vorbereitungen zur Uebersiedlung der gräflichen Familie in die Residenz ; der Graf war ohnehin in der letzten Zeit nicht hier gewesen , schon im vergangenen Monat hatte seine Stellung ihn an die Seite seines Souverains gerufen , von wo er erst jetzt zurückkehrte , nur auf einige Tage , um Gemahlin und Sohn abzuholen . Er war gleich am Morgen nach seiner Ankunft nach dem Stifte geritten und die Brüder befanden sich wieder im Arbeitszimmer des Prälaten . Wie damals saß der Abt im Lehnstuhl und der Graf stand ihm gegenüber , auf seinen Sessel gestützt , es war dasselbe Gemach mit den dunklen , sammetüberzogenen Möbeln und den schweren purpurrothen Seidenvorhängen , aber es fehlte die Sonnengluth , die damals auf dem Thale ruhte und bis in die geschützten Räume der Abtei drang , es fehlte der Sommerglanz und die Sommerfülle auf der Landschaft draußen , jetzt lag sie düster , nebelumschleiert da und das Gebirge , das einst so duftig blau emporstieg , verschwand heute ganz in den Wolken . „ Nun aber genug von der Politik und der Residenz ! “ brach der Graf das eben geführte Gespräch ab . „ Ich komme mir Nachrichten über Bruno zu holen . Er ist doch noch in N. ? Wie geht es ihm ? “ „ Er ist gesund ! “ erwiderte der Prälat lakonisch . „ Und eifrig in seinem neuen Amte ? “ „ Sehr eifrig ! “ Rhaneck stutzte bei dem Tone . „ Was hast Du ? Was ist mit Bruno ? Soll ich etwa Schlimmes hören ? “ „ Auf Gutes mache Dich nicht gefaßt . “ Der Graf richtete sich heftig empor . „ Nun , was ist ’ s mit ihm ? Ich bitte Dich , rede ! “ „ Pater Benedict hat all Deine und meine Erwartungen weit hinter sich zurückgelassen ! “ sagte der Prälat mit unverkennbarem Hohne . „ In den drei Monaten , während welcher er den Pfarrer Clemens vertritt , hat er sich bereits zum Apostel des Gebirges aufgeschwungen und das abgelegene N. zu einem Wallfahrtsorte gemacht , wohin man stunden- und tageweit wandert , und ihn nur zu hören . Er predigt aber auch in der That ganz wundersame Dinge , es bedarf nur noch eines Anstoßes , und unsere Gegenpartei begrüßt ihn als einen der Ihrigen und hebt ihn als solchen auf den Schild . “ „ Um Gotteswillen ! “ fiel der Graf ihm entsetzt in ’ s Wort , „ und das duldest Du ? Warum hast Du ihm nicht Einhalt gethan ? “ „ Weil ich die Größe der Gefahr verkannte ! Für gefährlich hielt ich Benedict immer ; daß er mir so schnell , so riesig entwachsen würde , habe ich doch nicht gedacht . “ „ Und Du bist nicht eingeschritten ? “ „ Das Nothwendige ist geschehen , “ sagte der Prälat finster , „ aber es ist zu spät geschehen , er hatte Zeit den Zündstoff in ’ s Volk zu werfen . Ich schonte ihn zu lange , um Deinetwillen und auch um meiner selbst willen , denn ich wollte dem Orden um jeden Preis diese Kraft erhalten . Es ist das erste Mal in meinem Leben , daß ich einen derartigen Fehler beging , er hat sich bitter gerächt . “ „ Aber was hat denn Bruno eigentlich begangen ? “ fragte der Graf unruhig . „ Als ich abreiste , schienst Du ja ganz einverstanden mit seinem Auftreten . “ „ Ich war es auch anfangs . Er bestand seine ersten Rednerproben glänzend , etwas zu kühn vielleicht , aber ich hatte es so erwartet und gewünscht . Unsere Art zu predigen hat sich längst überlebt , es nützt nichts mehr , dies starre Festhalten an den alten Traditionen . Wir brauchen mehr als je feurige energische Redner , die es verstehen , sich die jetzige Richtung , vor der das Volk nun [ 120 ] einmal nicht mehr zu schützen ist , dienstbar zu machen , um uns in der neuen Zeit die alte Macht zu wahren , und Benedict wäre der Mann dazu gewesen , zumal er die seltene Gabe besitzt , auf die Massen zu wirken und , trotz seiner geistigen Ueberlegenheit , sich in Verständniß mit ihnen zu setzen . Ich sah das mit steigendem Interesse , aber bald ging er zu weit ; ich warnte ihn , einmal , zweimal , er ließ sich immer wieder fortreißen ; ich beschloß endlich ihn zurückzurufen , denn die Sache wurde mir bedenklich , da kommt er mir zuvor und schleudert am letzten Kirchentage , wo das ganze Gebirge zum alljährlichen Wallfahrtsfeste in N. zusammenströmt , eine Predigt in das Volk , eine Predigt – “ der Prälat ballte unwillkürlich die Hand . „ Was hat sich der Tollkopf eigentlich gedacht , als er es wagte , das auf der Kanzel zu sprechen , er mußte doch wissen , daß es ihn in ’ s Verderben bringt ! “ Der Graf entfärbte sich leicht . „ Die Rede war – ketzerisch ? “ „ Schlimmer als das , sie war revolutionär . Die Empörung , die ihm sein Eid verbietet , die predigt er den Anderen , und ich fürchte , es hat bereits gezündet . Die Aelpler da oben sind eine trotzig wilde Race , die wir immer nur mit Noth und Mühe zu zügeln vermochten . Im ewigen Kampf mit ihrer Bergnatur lernen sie den Widerstand gegen Alles , selbst gegen Beichtstuhl und Kirche ; der schwachköpfige Clemens hat ihnen allzu viel Willen gelassen , ebenso wie die übrigen Pfarrer , und nun noch dazu ein Lehrmeister wie Benedict – es sollte mich gar nicht wundern , wenn es einmal unter ihnen losbräche , und wenn , während wir hier alle Kräfte anspannen müssen , um die gährenden Elemente niederzuhalten und der immer mehr herandrängenden Bewegung die Stirn zu bieten , sich dort oben der Abfall in Masse vollzieht ! “ Der Prälat hatte